Eine Geschichte: Vom Erinnern (XXVIII)

Lieber Papa

Ich bin müde vom Schreiben, vom Erinnern. Vom Schreiben über das, was war. Ich frage mich, wieso ich es tue. Und dann erinnere ich mich an die Energie, die dieses Erinnern und das darüber Schreiben ausgelöst hat. Immer wieder. Als ich damit anfing, war es, als wäre ein Ventil aufgegangen und alles sprudelte aus mir heraus. Und nun steht da dieses grosse «Wozu»? Die Frage nach dem Sinn und dem Zweck eines solchen Unterfangens breitet sich in meinem Kopf aus und nimmt mir die Energie, lässt das Sprudeln versiegen.

Angefangen hat alles damit, dass ich verstehen wollte. Ich wollte verstehen, wer ich bin, wer ich geworden bin und wieso. Woher kommen all die Stimmen und Gefühle in mir? Worauf gründen all die Abwertungen und Selbstbezichtigungen, die ich mir immer wieder an den Kopf werfe?

Anfangs fühlte es sich wie eine Befreiung an, alles aufzuschreiben. Doch dann kam eine Schwere, eine Trauer. Wo habe ich hineingestochen? Welches Wespennest habe getroffen? Zerstöre ich gerade etwas, weil ich durch die Sprache zu viel ans Licht hole? Wäre es ungesagt nicht an einem sicheren Ort verstaut, unsichtbar, quasi ungeschehen und nicht vorhanden? Nur: Das stimmte offensichtlich nicht. Es war ja da. Und trieb mich um. Da war etwas in mir, das mein Tun, mein Sein prägte. Es tat dies teilweise auf eine Weise, die mir immer wieder selbst das Leben schwer machte. Und ich konnte es nicht benennen. Es wütete aus dem Verborgenen heraus und hatte eine Kraft, der ich mich oft nicht widersetzen konnte. Ohne zu wissen, woher diese kam.

Unsere vermeintlich heile Familie hatte ihre Schattenseiten. In unserem Haus gab es einen dunkeln Keller und viele Teppiche, unter die zu viel geschoben worden war. Dinge, über die man nicht sprach. Alles, was nicht genehm war, kam dahin. Ganze Familienmitglieder fanden ihren Platz dort. Das war nicht nur bei uns dreien so. Das war in der ganzen erweiterten Familie so. Und irgendwann wurde auch ich darunter gekehrt. Weil ich nicht mehr ins Bild passte.

So weit bin ich noch gar nicht in meinem Erinnern. Und doch drängt es immer wieder herein. Ich weiss, dass ich dahin kommen werde, wenn ich weiterschreibe. Ich überlege, ob ich es auslasse. Drum herum schreibe. Weil es nicht schön ist. Weil es schmerzt. Weil ich mich schäme. Auch vor mir. Weil ich es verbergen möchte. Weil ich mich nicht vor allen schämen möchte. Doch dann ist es nicht mehr meine Geschichte.  

Schreiben braucht Mut. Es holt ans Licht, macht sichtbar. Ich werde diesen Mut aufbringen. Später.

(«Alles aus Liebe», XXVIII)

Eine Geschichte: Auf dem Schulhof (XXVII)

Lieber Papa

Ach Papa, du warst und bist so vieles für mich. Und wenn ich hier so schreibe, merke ich, wie sich die Dinge hin und her bewegen. Mal ist es düster und ich denke, das tut dir unrecht. Dann möchte ich es fröhlicher machen, möchte das Dunkel aufklären. Und merke bald darauf, dass es nun nicht mehr stimmt. Es war nicht hell. Zumindest nicht tief drin. Und doch war da immer auch wieder Licht. Und Hoffnung. Und so viel Sehnsucht. Nach Liebe.

Als Kind warst du mein Held. Du warst der Mensch, dem ich gefallen wollte, dessen Liebe und Bestätigung ich so sehr suchte. Und brauchte. Du warst der Mensch, zu dem ich ging, wenn meine Welt ins Wanken geriet. Warst der Mensch, von dem ich glaubte, er könne mir immer helfen. Egal wobei. Auf dich konnte ich bauen. Daran glaubte ich. Das war auch so. Manchmal musste ich zuerst durch eine Standpauke hindurch. Die schmerzte. Sie brachte mich ins Wanken. Mein Bild von mir. Doch dann halfst du. Und ich war froh. War ich doch so klein. Du so gross. Und stark. Und da für mich. Du wolltest mich immer beschützen. Vor allem. Daran glaube ich ganz fest.

Es gab aber Situationen, in denen du nichts machen konntest. Weil du keine Ahnung hattest. Weil ich dir nichts erzählt habe. Wieso eigentlich? Vielleicht, weil ich fürchtete, du würdest mich dann verachten. Du würdest mich für einen Schwächling halten und als solcher wollte ich nicht vor dir stehen. Du solltest stolz sein auf mich. Du solltest keine Tochter haben, die gehänselt und geplagt wird. Keine, die man nicht mag, wo man doch dich überall mochte. Ich wollte sein wie du.

Da war dieses Mädchen in der Schule. Sie war nicht in meiner Klasse. Ich weiss nicht mal, woher ich sie kannte – oder sie mich. Ich weiss auch nicht, wieso sie mich nicht mochte. Gab es vor diesem einen schlimmen Vorfall andere? War die Angst schon lange mein Begleiter? Geschah das alles gar nicht aus dem Nichts? Während ich diese Fragen schreibe, sagt eine leise Stimme in mir:

„Das muss so gewesen sein. Aus dem Nichts wäre das nie passiert. Nicht in dieser Heftigkeit.“

Doch so sehr ich mich auch anstrenge: ich kann mich an nichts Konkretes erinnern. Ich sehe sie nicht mal mehr vor mir. Ich habe keine Ahnung, wie sie ausgesehen hat. Ich weiss nur noch, dass sie Linda hiess. Interessant, wie mir immer wieder Namen von damals in den Sinn kommen. Eigentlich habe ich ein sehr schlechtes Namensgedächtnis.

Wenn ich an diesen einen Tag denke, ist da nichts. Nichts vorher. Nichts nachher. Nur das, welches die Grenze bedeutete zwischen beiden. Ich erinnere mich auch nicht, ob andere Kinder da waren. Hatte sie Hilfe? Kinder, die sie anfeuerten? War ich allein? Wurde ich alleingelassen?

Ich vermute, ich sah sie von weitem. Sie kam auf mich zu. Ich vermute, sie hat mir etwas zugerufen. Etwas Abschätziges. Gemeines. Bin ich weggelaufen? Es muss so sein. Unser Schulplatz war ein grosser grauer Betonplatz mit einem überdachten Gang rundherum. In regelmässigen Abständen wurde dieser Gang durch Wände zu einem kurzen Tunnel gemacht. Keine zwei Meter breit war einer. In einem solchen Durchgang passierte es. Ich war etwa 10. Linda zwei Klassen über mir. Ich weiss nicht, wieso ich das weiss, aber so war es. Sonst weiss ich nichts. Nicht, wo sie wohnte, nicht, wer ihre Eltern waren, ob sie Geschwister hatte, wer ihre Freunde waren. Während ich das tippe, fällt mir ein, dass sie Anführerin einer Gruppe war. Wofür die stand, wer dazu gehörte – keine Ahnung. Das ist aber auch nicht wichtig für das, was ich erzählen möchte.

Alles, was ich noch genau weiss, ist, dass sie mich so grob an die Wand stiess, dass mein Kopf mit Wucht dagegen knallte. Dem Aufprall folgte ein lauter Knall in meinem Kopf. Er drohte zu platzen. Es fühlte sich an, als ob in meinem Hirn etwas geplatzt sei, woraufhin ein heisser Schmerz wie warmes Blut im Kopf herabfloss und ihn bald ganz ausfüllte. Ich ging zu Boden. Ich weiss nicht, wie lange ich da liegen blieb. Ich weiss, dass ich noch einen Tritt in den Rücken kriegte. Danach ist alle Erinnerung weg. Kam da jemand? Stand ich allein wieder auf? Ging ich ins Klassenzimmer zurück, als ob nichts gewesen sei? Und dann später nach Hause, wo ich weiter schwieg?

Ich habe nie jemandem von dieser Geschichte erzählt. Die Scham war zu gross. Ich schämte mich, das Kind zu sein, das man einfach angreifen konnte. Angreifen wollte. Der Trottel vom Pausenplatz. Die Versagerin. Die Unterlegene. Als solcher Schwächling konnte ich niemandem unter die Augen treten.  Ich konnte nur hoffen, dass es niemand mitkriegte. Wobei da tief in mir die Stimme war, die sagte:

„Das wissen es eh alle. Alle sehen dich als Versager. Alle finden dich komisch.“

Wieso dachte ich das? Ich weiss es nicht. Vielleicht habe ich es zu oft gehört. In all den Situationen, in denen ich nicht war, wie man hätte sein sollen. Immer dann, wenn es hiess, ich müsse mich ändern, sonst wolle keiner etwas mit mir zu tun haben. Aber das konnte ich nicht. Und zahlte wohl so den Preis dafür. Dachte ich.

Was sonst an diesem Tag noch passiert ist, weiss ich nicht mehr. Das Einzige, was mir geblieben ist, ist dieser Knall und dieses Platzen im Kopf. Ich glaube, in dem Moment ist in mir auch sonst so einiges geplatzt. Vielleicht auch die Hoffnung, irgendwann irgendwo wirklich dazugehören zu können.

(„Alles aus Liebe“, XXVII)

Eine Geschichte: Gib mir deine Angst (XXVI)

Lieber Papa

Erinnerst du dich? Als du 66 wurdest, schenkte ich dir zum Geburtstag eine CD von Udo Jürgens, die «Mit 66 Jahren» hiess. Seine grössten Hits waren drauf, Lieder, die ich natürlich von viel früher kannte und doch nicht mehr präsent hatte. Bevor ich sie dir gab, hörte ich selbst rein. Und war gefesselt. Von da an ging ich an jedes seiner Konzerte in Zürich. Und ich hörte seine Lieder. Immer wieder hatte ich andere Lieblingslieder, aber eines war speziell für mich:

«Gib mir deine Angst»

So viele Zeilen sprachen mir aus dem Herzen. Täglich hörte ich es am Morgen, immer wieder fühlte ich mich gehalten. Irgendwie verstanden. Da sang mir einer aus dem Herzen. Der musste kennen, was in mir vorging.

Ich habe mich gefragt, wovor ich mich als Kind gefürchtet habe. Was machte mir Angst? Zum Beispiel mussten meine Füsse im Bett immer in die Decke eingeschlagen sein. Nie durften sie irgendwo hervorschauen. Was dachte ich, könnte passieren? Glaubte ich an Monster? Unterm Bett? Die hervorkämen und meine Füsse abbissen? Ich kann es kaum glauben, ich erinnere mich auch nicht daran. Manchmal rief ich nach dir in diesen Momenten. Du kamst, gingst auf die Knie und schautest unters Bett. Dann hatte ich Angst um dich. Das weiss ich noch. Wenn du wieder hochkamst, war ich doppelt erleichtert.

„Da ist nichts. Schlaf jetzt!“

Ich erinnere mich, dass ich mich ab und zu selbst über den Bettrand nach unten beugte und kopfüber unters Bett schaute, um zu sehen, ob da wirklich nichts und niemand ist. Mutig oder dumm? Ich meine, was wäre gewesen, wenn sich da wirklich jemand versteckt hätte. Wenn das Monster mit Gebrüll auf mich gestürzt wäre. Was hätte ich getan? Wohl das, was ich immer tue, wenn ich erschrecke: Ich wäre mit schrillem Schrei aufgesprungen – oder aber vom Bett geplumpst. Beides nicht sehr heldenhaft und mutig.

Ich war schon immer schreckhaft. Und dann schreie ich. Laut. Schrill. Durchdringend. Manchmal musstest du nur zur Tür reinkommen, wenn ich mit dem Rücken zu dieser am Pult sass. Ich hatte deine Schritte im Flur nicht gehört, da klang es hinter mir:

„Sandra?“

Meine Sirene ging los.

„Das bin doch nur ich! Stell dich nicht so an!“

Es half nichts. Ich habe das noch heute. Heute ärgere ich mich selbst darüber. Und schäme mich. Finde mich peinlich. So gesehen war ich doch mutig, als ich mich meinen Monstern unter dem Bett stellen wollte. Vielleicht hätte ich sie in die Flucht geschrien.

Eine weitere Angst, die ich hatte, war die, abgelehnt zu werden. Wie oft hatte ich von dir gehört, dass man mit mir nichts zu tun haben wolle, weil ich sei, wie ich war. Wie oft hörte ich, ich sei anders. Eben nicht genehm. Nicht normal. Mit solchen wolle keiner zusammen sein. Und die Verachtung in deiner Stimme, wenn du von denen sprachst, die anders sind, die fürchtete ich, im Blick anderer zu erkennen. Oder in ihren Worten zu hören.

Ich hatte Angst, ausgelacht zu werden. Ich erinnere mich an eine Singstunde in der Schule. Das Mädchen neben mir, Barbara hiess sie, sagte, mit meiner Stimme könne man nicht singen. Die sei schrecklich. Von da an sang ich nie mehr freiwillig. Zumindest nicht, wenn mich wer hörte. In der Umkleidekabine wurde ich ausgelacht, weil mein Bauch rausstand. Ich sei dick, sagten sie, und lachten. Ich sei wohl ein Fresssack. Sagten sie. Der Bauch blieb mein wunder Punkt. Obwohl ich heute schlank bin, beäuge ich ihn immer argwöhnisch. Und ich vertrage keine Kommentare zu meinem Essen. Weil ich mich gleich getroffen fühle. Das Thema ist ein Minenfeld geworden. Du weisst es. Wir hatten schwere Zeiten. Aber das ist nun nicht das Thema.

Ich wurde auch ausgelacht, weil ich die falschen Kleider trug. Auf meinen standen keine Marken. Sie waren brav. Langweilig. DU sagtest, sie seien toll. Die anderen seien nur neidisch. Niemand war neidisch. Ich schämte mich. Vor den anderen. Und dann vor dir, weil du enttäuscht warst über meine fehlende Dankbarkeit dir gegenüber.

Ich wurde ausgelacht, weil ich vieles nicht durfte. Zum Beispiel abends lange draussen bleiben. Oder über Mittag rausgehen. Oder auf der Strasse spielen. Oder bei der Garageneinfahrt spielen. Oder auf andere Spielplätze gehen. Oder… Die anderen waren so frei und sie lebten mir diese Freiheit vor. Sie gingen überall hin und ich blieb zurück. Allein. Und wenn sie zurückkamen, gehörte ich nicht mehr dazu. Ich war nicht dabei gewesen. Ich fühlte mich allein.

Manchmal fühlte es sich an, als sässe ich in einem Gefängnis mit zwei Wärtern. Beide bedacht, Regeln zu setzen und auf deren Einhaltung zu achten. Weil alles seine Ordnung haben musste. Egal, was andere durften oder taten. „Die haben keine Ordnung“, sagtest du mit Verachtung in der Stimme. Deine zu überdenken kam nicht in Frage. Sie stand ausser Diskussion.

Weisst du, ich bin sicher, du wolltest das Beste für mich. So wie du es sahst. Und doch habe ich darunter gelitten. Ich fühlte mich allein in einer Ordnung, die nur für mich zu gelten schien. Das Gefühl, allein zu sein, kenne ich auch heute noch. Es hat sich in mir eingenistet.

„Du sagst du bist frei und meinst dabei, du bist alleine.“

So singt Udo Jürgens weiter. Wenn ich ihn höre, fühle ich mich für einen Moment weniger allein. Und oft denke ich dann auch an dich.

(«Alles aus Liebe», XXVI)

Eine Geschichte: Vom Wandern (XXV)

Lieber Papa

Mir fällt auf, dass ich mehr Erinnerungen ans Berner Oberland habe als an Winterthur, wo wir zuhause waren. Fast scheint es, als ob wir in den Ferien mehr gelebt hätten, sicher mehr erlebt. Obwohl wir auch in Winterthur viel unternahmen. Und ich ja mein Leben mit Schule und mehr hatte da.

Auf alle Fälle erinnere ich mich an eine Wanderung. Aufs Stockhorn sollte es gehen. Es war Sommer und es war heiss. Darum starteten wir früh am Morgen beim Bergli, unserem Hotel, und liefen den Hügel hinunter ins Tal. Unten angekommen tagte es schon, die ersten Leute standen bei der Talstation der Luftseilbahn an. Ich wusste, dass wir uns nicht in die Kolonne einreihen würden. Wir würden laufen. Wir liessen die Talstation links liegen und folgten erst einer Strasse, die den Berg hinaufführte, bis wir auf einen Waldweg abzweigten.

Langsam stiegen wir höher, verliessen den Wald, kamen über Kuhweiden, vorbei an Ställen. Über uns der blaue Himmel und zwei Drähte, von denen einer immer stärker schwankte, weil von unten die rote Kabine hinauf schwebte. Als sie direkt über uns war, legte ich den Kopf in den Nacken und schaute hoch. Die Fenster der Kabine waren runtergelassen und Kinder winkten fröhlich zu uns nach unten. Ich winkte zurück. Etwas weniger fröhlich. Die Kinder lachten und riefen etwas, was ich nicht verstanden habe. Ich beneidete sie. Erinnerst du dich noch? Die Szene ist mir nie mehr aus dem Sinn gegangen. Ich drehte mich zu dir um und sagte:

«Wenn ich einmal Kinder habe, frage ich sie, ob sie laufen oder fahren wollen.»

Ein wenig später kamen wir zur Mittelstation. Du schautest mich an und fragtest:

«Und? Willst du den Rest mit der Seilbahn fahren oder wollen wir weiterlaufen wir geplant.» Ich wusste natürlich, was deine Präferenz war. Ich wusste aber auch, dass du mir zuliebe gefahren wärst. War es ein Gefallen an dich, dass ich mich fürs Laufen entschieden habe? Oder war es der eigene Ehrgeiz, der mich nun doch gepackt hatte? Auf alle Fälle sagte ich:

«Jetzt bin ich so weit gelaufen, nun laufe ich auch den Rest.»

Ein wenig Trotz war sicher mit dabei. Und Stolz. Ich wollte nicht schwach erscheinen vor dir. Ich wollte zeigen, dass ich das schaffe. Dass ich die Dinge zu Ende bringe und nicht mittendrin abbreche. Das war dir immer wichtig.

Und ich habe es geschafft. Bis zum Gipfel. Und wieder runter und den anderen Berg wieder hoch zum Hotel. Wir kamen erst am späten Nachmittag wieder oben an. Es war ein langer und anstrengender Tag gewesen, und doch fühlte es sich auch gut an. Ich hatte nicht aufgegeben. Als wir beim Hotel ankamen, sagtest du:

«Das war doch nun schön, nicht wahr?»

Ja. Nein. Irgendwie doch.

(«Alles aus Liebe», XXV)

Eine Geschichte: Ein Stück Glück (XXIV)

Lieber Papa

Ich blättere mich weiter durch die Seiten des Albums. Ich arbeite mich von Bild zu Bild, stöbere in meiner Vergangenheit. Was mir auffällt: Ich lache kaum je auf den Bildern. Das deckt sich mit meinen Erinnerungen. Doch dann stosse ich auf ein Bild, auf dem ich glücklich aussehe. Ich stehe inmitten einer Schar von Kindern. Alle strecken die Arme zum Himmel, auf den Händen tragen wir einen grossen Drachen. Wir haben ihn, so erinnere ich mich, aus vielen Papieren zusammengesetzt und wollten ihn später fliegen lassen.

Das Bild ist in einem Sommerlager entstanden. Das Spielerlebnis fand jedes Jahr ganz in unserer Nähe statt und ich durfte hin. Zwei Wochen. Es war grossartig.

In der ersten Woche bauten wir in kleinen Gruppen Holzhütten. Das Material dazu, Holzlatten und -stangen gab es vor Ort. Die geübteren Baumeister schafften sogar doppelstöckige Häuser mit Leitern, die in den zweiten Stock führten. In einem Haus, ich erinnere mich genau, bauten wir sogar einen Balkon. Wie stolz wir waren. Unser Haus. Selbst gebaut.

In der zweiten Woche durften wir in diesen Hütten übernachten. Ich auch. Das gab es sonst nie. Ich war glücklich. Das Glück spricht aus dem Bild. Aus meinen Augen. Wie kaum sonst auf anderen Bildern.

Ich weiss noch, wie frei ich mich in diesen zwei Wochen fühlte. Da gehörte ich dazu. Da konnte ich sein, wie ich war. Da konnte ich ausleben, was in mir steckte. Ich konnte wild sein, konnte rennen, lachen, schreien, bauen, spielen. Wenn ich zurückdenke, jetzt beim Schreiben, merke ich, wie sich ein Lächeln auf meinem Gesicht gebildet hat. Die Erinnerung bringt das Glück zurück. Wie schön.

Wir hatten grossartige Lagerleiter. Sie waren auch in der Pfadi aktiv. Da kam mir die Idee: Was, wenn ich dieses Sommerglück ins Jahr hineinziehen könnte? Ich wollte in die Pfadi. Jeden Samstag ein Stück Freiheit. Jeden Samstag wieder ein Stück vom Glück erleben. Das stellte ich mir schön vor.

Du hast es verboten. Du wolltest mich am Wochenende zu Hause haben. Das Wochenende gehört der Familie. Hast du gesagt. Mama schwieg. Wie immer. Was immer du geboten, verboten, kritisiert, bestraft hast. Sie schwieg. Und stimmte so zu. Das habe ich ihr übelgenommen. Wieso setzte sie sich nicht mal ein für mich. Wieso kämpfte sie nicht für mich? Gegen dich? Heute denke ich, sie fühlte sich wohl genauso hilflos wie ich. Weil auch sie deine Reaktion fürchtete.

Das zu schreiben fällt mir schwer. Weil du kein böser Mensch warst. Weil du mein Papa bist, den ich liebe.  

(„Alles aus Liebe“, XXIV)

Eine Geschichte: Elternbesuchstag (XXIII)

Lieber Papa

Ich mochte vieles an der Schule nicht, ganz schlimm fand ich die Elternbesuchstage. Erinnerst du dich auch? Es muss einer der ersten gewesen sein. Meine Tischnachbarin sagte etwas zu mir, ich musste lachen. Die Lehrerin schaute uns an, machte weiter. Sie schimpfte nicht. Das machtest du dann zu Hause. Ich hatte mir solche Mühe gegeben den ganzen Tag. So vieles habe ich gut gemacht. Ich wurde sogar gelobt von der Lehrerin. Das war alles kein Thema mehr. Nur das eine Lachen. Das warfst du mir vor die Füsse. Alle anderen hätten sich benommen. Nur ich nicht. Alle anderen seien brav gewesen. Nur ich sei negativ aufgefallen. Wieder einmal. Ich. Nicht gut genug. Alle anderen. Nur ich nicht.

Als der nächste Elternbesuchstag anstand, war ich aufgeregt. Ich wollte mir noch mehr Mühe geben. Ich sass da. Machte mit. War brav. Alles lief super. Am Schluss mussten wir aufstehen und nach vorne gehen, wo wir noch ein Lied sangen. Zum Abschluss. Ich war froh. Es war gut gelaufen. Du wärst stolz auf mich. Endlich. Unser Klassenclown stellte sich neben mich. Er schnitt Grimassen. Ich liess mich davon nicht ablenken. Lachte nicht, auch wenn es mich innerlich fast zerriss. Er war zu komisch. Ich habe es geschafft. Und lief dir freudig entgegen. Wir sind schweigend nach Hause gelaufen. Ich wusste, etwas ist nicht gut. Nur was war es? Ich war doch das Mädchen gewesen, das du dir wünschst. Brav, aufmerksam, still. Wie falsch ich lag. Ausgerechnet ich hätte neben diesem Jungen stehen müssen, der auffiel. Das hast du mir vorgeworfen.

Ich glaube, du hattest dieses klare Bild im Sinn, wie ein Mädchen sein sollte. Wie «man» zu sein hatte, wenn man ein Mädchen war. Ich musste nur noch passend gemacht werden. Ich musste zu diesem «man» werden. Ich habe gnadenlos versagt. Gnadenlos war auch deine Reaktion immer wieder. Enttäuschung. Verachtung. Schweigen. Ich wurde inexistent, weil ich nicht war, wie ich hätte sein sollen. Weil ich nicht war, wie man war.

Wenn ich das schreibe, fühle ich noch tief in mir die Einsamkeit. Und die Hilflosigkeit. Und eine grosse Trauer. Allem voran aber auch eine Unsicherheit. Ich bin wohl noch heute nicht so, wie man sein sollte. Ich höre es immer wieder:

«Wieso tut sie das? Wieso ist sie so?»

Du hattest wohl recht mit allem. So ist man nicht. So anders. Und es tut auch oft weh. Und doch kann ich nicht anders sein. Ich bin so. Und will es auch sein. Weil ich mich so wohlfühle mit mir. Nur mit den anderen nicht. Mit denen, die mich auch gerne anders hätten, mehr als jemanden, weniger als mich. Vielleicht wolltest du mich nur davor schützen? Vielleicht hofftest du, mir diesen Schmerz ersparen zu können, wenn du mich frühzeitig «normal» machst. Ich versuchte lange, mich anzupassen, indem ich mich verbog. Passend machte. Was selten gelang. Vermutlich, weil es für mich auch nicht mehr stimmte. Heute weiss ich, dass vieles einfacher gewesen wäre, wenn ich schon früh gelernt hätte, dass jeder sein darf, wie er ist. Weil ich in mir hätte vertrauen können, dass ich liebenswert bin als ich. Dass ich geliebt werde. Das Vertrauen fehlte mir. Ich musste es lernen. Für mich.

«Was man tut» und «was sich gehört» sind wohl Kategorien, mit denen viele aufgewachsen sind. Das «man» war die Richtgrösse, an der wir gemessen wurden. Gefolgt wurden sie vom Spruch

«Was sollen bloss die Leute denken?»

Er geistert noch heute in meinen Hirnwindungen herum. Bei vielem, was ich tun will, kommt er mir in den Sinn: Was werden die Leute denken, wenn… Der Satz ist zu einer Prägung geworden, zu einem Prüfstein, an dem ich mich messe und meist für zu leicht befinde.

Das Schreiben hilft mir, diese Prägungen zu erkennen. Es hilft mir, die Enge, das Korsett, den Druck in der Brust zuzuordnen, wenn ich in meine Muster verfalle. Es hilft, den Atem wieder frei fliessen zu lassen. Sogar beim Schreiben fiel mir auf, dass ich ihn angehalten habe. Vermutlich schreibe ich auch darum: Um wieder frei atmen zu können.

(«Alles aus Liebe», XXIII)

Eine Geschichte: Skifahren (XXII)

Lieber Papa

Auf der Suche nach Erinnerungen blätterte durch ein Album und stiess auf ein Foto. Mama und ich auf Skiern. Ich bin etwa sieben Jahre alt. Das Foto irritiert mich, denn ich merke, dass ich mich beim Skifahren nur an dich und mich denke. Ich weiss, dass Mama immer dabei gewesen ist. Ich erinnere mich nur nicht an sie. Und nun war das Foto vor mir. Es führte mir vor Augen, was mir nicht mehr im Sinn war. Da warst immer nur du. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe früh mit dem Skifahren begonnen. Erinnerst du dich? Natürlich tust du das. Du hast so oft davon erzählt, dass aus all den Geschichten etwas entstand, das sich wie meine eigene Erinnerung anfühlt. Ich sehe die Bilder förmlich vor mir. Oder erinnere ich mich doch?

Ich war knapp vier Jahre alt und wir waren wie jedes Jahr im Berner Oberland, im Hotel Bergli. Während ich das schreibe, setzt sich in mir das Lied fest.

„Det äne am Bergli, det staat e wiissi Geiss.
Ich ha sie welle mälche, da haut sie mir eis.“

Das läuft mir nun wohl den ganzen Tag nach. Kennst du das auch? Dass sich Lieder in deinem Kopf einnisten und dich dann durch den Tag begleiten? In Endlosschlaufe? Ich liebe Musik in Endlosschleife sonst, darüber hast du dich immer gewundert. Diese Ohrwürmer beginnen mit der Zeit zu nerven. Aber ich schweife ab.

Das Hotel lag hoch oben auf dem Berg mit Blick über das Simmenthal. Hinter dem Haus fiel der Hang steil zum Tal hinab. Einmal schneite es den ganzen Tag. Dicke Flocken fielen vom Himmel und deckten die Erde zu. Am nächsten Morgen hörte ich schon früh den Schneepflug, der die Strassen räumte. Es war so weit. Wir gingen hinter das Haus, du schnalltest deine Ski an und fuhrst damit hinunter. Du sahst auch aus wie ein Schneepflug mit diesen zum Spitz zusammenlaufenden Skiern. Danach stapftest du seitwärts den Hang hoch. Ich schaute dir neugierig zu. Die nächste Fahrt machten wir gemeinsam. Du nahmst mich zwischen die Beine und fuhrst mit mir runter. Nun musste auch ich mit meinen kleinen Skiern den Schnee plattdrücken beim Hochgehen. Das gehörte zum Fahren dazu. Sagtest du. Es war anstrengend. Ich stelle mir vor, dass du noch sowas sagtest wie

„Ohne Fleiss kein Preis.“

Das weiss ich aber nicht mehr. Es würde nur zu dir passen. Auf alle Fälle entstand so unsere Piste. Und wieder frage ich mich, ob ich mich erinnere oder alles nur noch aus deinen Erzählungen weiss. Noch immer sehe ich Bilder aufblitzen. Nur kurz. Sind es Vorstellungen oder Erinnerungsfetzen?

Auf alle Fälle nahm unsere Piste Gestalt an, wurde breiter. Die ersten Fahrten machte ich zwischen deinen Beinen, danach fuhrst du vor mir, ich hinter dir. Du hieltst deine Stöcke nach hinten, dass ich mich daran halten konnte. Mit der Zeit wurde ich müde. Das Runterfahren war einfach und leider immer schnell vorbei. Das Raufstapfen war anstrengend. Manchmal erbarmtest du dich und zogst mich an einem Skistock wieder hoch. Du warst so stark. Du warst mein Held.

Nach diesen ersten Erfahrungen gingen wir ins nahegelegene Skigebiet. Da hatte es einen Kinderlift, aber wir stapften immer noch ein wenig abseits immer wieder hoch nach der Abfahrt. Ich sah andere Kinder auf Skiern. In Gruppen waren sie unterwegs und hatten offensichtlich Spass zusammen. Ich wäre auch gerne in die Skischule gegangen. Du meintest, auf deine Weise lerne ich besser Skifahren. Weil ich lerne, die Skier und die ganze Ausrüstung zu beherrschen. Es hatte wohl was für sich, denn ich lernte schnell und gut Skifahren. Und doch. Diese fröhlichen Gesichter, das Geplauder und Lachen – da wäre ich gerne dabei gewesen. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich das dachte, denn du gabst dir solche Mühe. Und ich hatte Angst, dich zu verletzen, weil du denken könntest, ich wolle nicht bei dir sein. Sei dir nicht dankbar genug. Ich sagte nichts mehr.

Viel später hast du gesagt, ich hätte nie in die Skischule wollen. Ich hätte jederzeit gehen dürfen. Das stimmt nicht, Papa. Das wusstest du. Du musstest es wissen. Nur: Wieso sagtest du das? Und spannend war: Irgendwann glaubte ich dir. Zumindest eine Zeit lang.

In all diesen Erinnerungen kommt Mama nicht vor. Als wäre sie nur die Zuschauerin des Lebens gewesen, das du für mich und dich vorgesehen hast. Das habe ich damals nicht so wahrgenommen. Mein Blick war auf dich gerichtet. Nun fällt mir das auf. Und ich fühle mich schuldig. Was habe ich ihr damit angetan?

(«Alles aus Liebe», XXII)

Eine Geschichte: Heile Familie (XIX)

Lieber Papa

„Du hattest es schön! Du hattest eine heile Familie.“

Das hörte ich mal. Es war nicht positiv gemeint, sondern als Vorwurf. Von jemandem, der fand, er selbst hätte das nicht gehabt. Diese heile Familie. Und schön wäre es drum bei ihm nicht gewesen. Ich sei privilegiert. Das wollte er mir sagen. Und ja, ich habe das lange auch so gesehen. Als ich die Augen verschloss vor all dem, was nicht in dieses Bild passte. Das Bild, das von aussen sichtbar war.

„Eigentlich hatte ich eine Scheisskindheit.“

Das sagte ich kürzlich zu Mama. Sie schaute mich an. Nickte.

„Du hast recht.“

Das sagte sie. Kannst du dir das vorstellen, Papa? Von dir hörte ich immer nur eines:

„Wir hatten es schön. Es war alles gut.“

Ich habe dir geglaubt. Selbst wenn es sich nicht so anfühlte. Ich stellte nicht dich und deine Aussage in Frage. Ich stellte mich und mein Gefühl in Frage. Schalt mich all das, was du immer sagtest, wenn ich nicht war, wie ich sein sollte.

Die Abgründe hielten wir gut verborgen. Es war wie beim Film: Vorne die schöne Kulisse, hinten der Kabelsalat und das Chaos. Manchmal sah einer hinter die Kulissen. Sagte etwas. Keiner wollte es hören. Auch ich nicht. Ich schützte dich und gefühlt auch mich. Ich wollte nicht die sein, welche aus einer schrägen Familie kommt. Ich wollte das Bild bewahren. Damit keiner die Nase rümpft. Über uns. Über mich.  Ich wollte glücklich wirken.

„Sonst mag dich keiner!“

Sagtest du mir immer wieder. Weil man nur die glücklichen möge.

Ich bin zerrissen. Was war und was nicht? Was war real und was nur Kulisse? Es heisst, die Zukunft sei ungewiss, die Vergangenheit könne einem keiner nehmen. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Ich merke, dass ich vieles nicht fassen kann. Auch dich nicht. Wer bist du? Was wolltest du von mir? Was für mich?

Jedes Nach- und Überdenken unserer Beziehung führt zu einem anderen Bild. Mal ist es düster. Voller Schmerz, Wut und Trauer. Dann wieder ist eine Stimme mir, die sagt, ich übertreibe. Es sei doch alles gut gewesen. Ich schreibe darüber. Und schreibe um. Und glaube dem Geschriebenen. Bis ich es wieder umschreibe. Weil es sich nicht richtig anfühlt. Und dann sind da diese Löcher. Die ich nicht füllen kann. Und die, in die ich zu fallen drohe.

Kürzlich sagte mir jemand, ich solle das lassen mit dem Schreiben. Das bringe nichts ausser Licht auf Dinge, die besser im Dunkeln bleiben, damit sie keiner sieht. Und manchmal denke ich, er hat recht.

(„Alles aus Liebe“, XXI)

Eine Geschichte: Das Trottinett (XX)

Lieber Papa

Bei Lichte betrachtet waren es ja nicht nur wir drei. Da waren noch mehr. Andere. Zum Beispiel meine Grosseltern. Ich kannte sie kaum. Deine Eltern etwas besser, die von Mama praktisch nicht. Und zum ganzen Rest der Familie bestand keine Verbindung. Zumindest nicht für mich.

Erinnerst du dich? Als ich noch klein war, besuchten wir Grosi und Grossvati jeden Sonntag. Deine Schwester, meine Gotte, wohnte auch bei ihnen. Immer um 16 Uhr zogen wir los. Es waren nur zwei Strassen. Wir gingen zu Fuss. Während ich das schreibe, fällt mir auf, dass wir nie spontan gingen. Wir trafen sie auch nie zufällig. So nah waren sie. Und doch so fern.

Mamas Mutter und deren Mann besuchten wir sehr unregelmässig. Selten. Ich fühlte mich da nie wohl. Alles war so fremd. Das Haus. Die Menschen. Ihr trankt Kaffee. Ich sass in einem Ohrensessel. Klein. Still. Unbeteiligt. Da und doch nicht dabei. Irgendwie fand ich alles merkwürdig. Da war nichts Lebendiges. Kein Lachen. Nichts Liebes. Die Grossmutter und ihr Mann waren wie hölzerne Masken. Erinnerst du dich an die Holzmasken mit den schwarzen Haaren und den zerfurchten Gesichtern, die ich euch aus einem Schullager im Lötschental mitbrachte? So wirkten die Grosseltern auf mich, als ich noch klein war. Das konnte ich damals noch nicht so deuten, da ich die Masken erst viel später kennenlernen sollte. Habe ich sie euch drum gebracht? Wohl nicht. Sie waren im Wallis einfach sehr präsent. Und eindrücklich. Die habt ihr nicht mehr, oder? Ich frage mich gerade, wieso mir diese Masken plötzlich so wichtig sind. Vielleicht, weil ich mich für den Vergleich schäme.

Der Mann meiner Grossmutter, mein Grossvater, war nicht Mutters richtiger Vater, sondern ihr Stiefvater. Ihr Vater war gestorben, als sie noch ein Kind war. Das erfuhr ich erst viel später. Vielleicht habe ich etwas gefühlt. Ich glaube es. Später erfuhr ich, dass Mama als Kind unter diesem Mann gelitten hat. Aber über solche Dinge spracht ihr nie. Die fielen unter den Tisch.

Einmal waren wir bei diesen Grosseltern zum Essen eingeladen. Ich glaube, es war Grossmutters Geburtstag. Ich erinnere mich an keine andere Einladung da, obwohl die Grossmutter lange lebte. Merkwürdig. Auf alle Fälle waren alle da, auch meine Onkel und Cousinen. Ich kannte keinen. Wir waren alle in Festkleidung, ich trug eines der „schönen Kleider“, die ich nur bei speziellen Anlässen tragen durfte. So war sicher, dass sie nicht zerrissen waren von meinen Ausflügen über Zäune und auf Bäume.

Das kleine Haus meiner Grossmutter lag ganz oben am Hügel. Unter dem Haus kamen viele weitere Einfamilienhäuser. In unserer Familie war sie die Einzige, die ein Haus hatte, alle anderen wohnten in Wohnungen. Sie war auch die Einzige, die immer jammerte, dass sie kein Geld hätte. Das betonte sie vor allem dann, wenn mein Geburtstag oder Weihnachten anstanden. Sie drückte mir dann verstohlen eine kleine Note in die Hand und sagte, dass es für Geburtstag und Weihnachten zusammen sei. Ich musste mich artig bedanken. Das gehörte sich so. Dem Grossvater durfte ich nicht danken, da er nichts wissen durfte.

„Psst, sag deinem Grossvater nichts davon.“

Sagte sie. Das war mir nicht recht. Ich glaube, ich hätte lieber nichts bekommen.

Bei dem Geburtstagsfest war mir langweilig. Mein Grossvater merkte das und nahm mich mit in seine Werkstatt. Da hatte es ein Trottinett. Noch nie war ich mit sowas gefahren. Er reichte es mir und ich wollte es probieren. Ich stand oben am Hang. Die Strasse ging steil runter und dann wieder steil rauf. Die ersten Male fuhr ich zögerlich bergab. Es war mehr ein ständiges Bremsen als ein Fahren. Danach lief ich auf der anderen Seite wieder hoch, das Trottinett stossend. Da kam mir die Idee: Ich wollte könnte, das Trottinett stossend, hinunterrennen, unten aufs Trottinett springen, den Schwung mitnehmen und so hochsausen. Das klang nach einem guten Plan. Ich rannte los, schob das Trottinett mit, sprang unten auf – leider nur fast, denn ich verfehlte das Trottinett. Ich schlug der Länge nach hin, das Trottinett knallte auf den Boden.

Was für ein Schock. Hoffentlich hatte ich es nicht kaputt gemacht. Ich stellte mir vor, wie du schimpfen würdest, wenn ich das Trottinett nicht mehr heil zurückbrachte. Du würdest sagen, dass die Cousinen brav waren, nur ich mache Mist. Nur ich sei mal wieder dumm, nur ich hätte mal wieder Unsinn im Kopf, nur ich blamiere dich. Danach wäre Schweigen. Wohl für lange.

Ich hatte Glück. Das Trottinett war heil. Der nächste Schreck: Das Kleid. Ich blickte an mir herunter. Ausser ein paar Dreckflecken war auch das in Ordnung. Dann fiel mein Blick aufs Knie. Es war komplett blutig geschlagen, viele kleine Kieselsteine steckten drin. Ein Schreck durchfuhr mich. Was würdest du sagen? Dass es schmerzte, realisierte ich nur am Rande, zu sehr war ich mit meinen Sorgen beschäftigt.

Langsam lief ich zum Haus zurück, stellte das Trottinett vor die Garage, ging in die Pergola und setzte mich an den Tisch. Keiner nahm Notiz von mir. Ich war froh. Plötzlich fragte mich meine Grossmutter, wie es gewesen sei. „Hast du Spass gehabt?“, fragte sie. Ich nickte stumm. Sie liess nicht nach. Sie fragte nach: „Ist alles in Ordnung?“ Ich nickte. Wohl mit ein paar Tränen in den Augen. Das Knie brannte. Es tat weh. Ich sagte nichts. Alle blickten her (stelle ich mir heute vor, ich weiss es nicht mehr). Du hast eine Augenbraue hochgezogen. Wohl, weil ich schon wieder auffiel. Das weiss ich noch. Was ich nicht weiss, ist, wie es rauskam. Das mit meinem Knie. Irgendwann wussten sie es. Meine Grossmutter nahm mich mit in die Küche. Ich sollte auf den Küchenschemel sitzen und sie wollte das Knie verarzten. Ich hatte Angst davor. Die Wunde war gross. Das könne man nicht so lassen. Sagte sie. Sie lief zum Medizinschrank und kam mit einer braunen Flasche wieder zurück. Ich wollte weg, doch sie meinte, sie müsse die Steine aus der Wunde ziehen. Das entzünde sich sonst. Sie war mir so fremd und sie war so nah vor mir. Und mein Knie war wund. Und schmerzte. Und ich fühlte mich so allein.

Als sie alle Steine entfernt hatte, nahm sie die braune Flasche. Jod sei das. Das kannte ich nicht. Es brannte. Und da kamen die Tränen. Sie hat mich getröstet. Sie machte mir ein Pflaster auf das Knie. Eigentlich war sie sehr lieb da. Ich ging zum Tisch zurück.

Du hast mich nicht angeschaut. Du hast kein Wort zu mir gesagt. Du redetest mit den anderen weiter. Ich konnte das nicht einordnen. Es verunsicherte mich. Ich weiss nicht mehr, ob danach noch was kam. Erinnerst du dich noch an diesen Tag?

(«Alles aus Liebe», XX)

Eine Geschichte: Mädchenkram (XIX)

Fotografiert im Autobau in Romanshorn

Lieber Papa

Kürzlich las ich, dass immer mehr Kinder und Jugendliche ihr Geschlecht ändern wollen, weil sie sich im falschen geboren fühlen. Ich weiss nicht, ob es das gleiche Gefühl ist, das ich auch hatte. Ich wäre lieber ein Junge gewesen. Erinnerst du dich? Du warst alles andere als erfreut darüber. Ich kann meinen Wunsch noch heute verstehen. Damals erschien mir das Leben der Jings spannender. Lebendiger. Die durften mehr. Wild sein. Laut sein. Mit Rennautos spielen. Auf Bäume klettern. Alles, wovon es hiess:

«Du bist doch kein Junge, benimm dich mal, wie es sich für ein Mädchen gehört.»

Aber ich wollte auch laut sein, toben, raufen, klettern. Und ich tat es. Keine Hose war mehr ganz, weil sie alle bei einer Partie über Stacheldraht oder auf die Bäume ihre Blessuren abbekommen haben. Mama musste überall diese Flickflecken draufbügeln.

Am liebsten spielte ich auf dem Spielplatz vor unserem Haus mit einem Jungen. Er hiess Beat. Leider war er nur mein Freund, wenn wir allein waren. Sobald andere Jungs auftauchten, verlor ich diesen Stellenwert. Dann war ich nur noch geduldet. Das tat weh. Ich wäre gerne einer von ihnen gewesen. So ganz. Immerhin durfte ich mitspielen.  Ich strengte mich an, verausgabte mich wohl mehr als die anderen, um nicht «das Mädchen» zu sein. Ich zeigte nie, wenn mir etwas zu wild war oder ich mich verletzt hatte und es schmerzte. Bloss nicht zimperlich tun, sonst würden sie mich verachten.

Du liessest mich gewähren. Es gab keine Strafen, nur Ermahnungen, die aber eher halbherzig. Darüber war ich froh, denn ich weiss nicht, was ich sonst gemacht hätte. Grenzen gab es aber: Einmal wünschte ich mir zu Weihnachten eine Autorennbahn. Das sei was für Jungs. Sagtest du. Ich kriegte sie nicht. Was ich stattdessen bekam, weiss ich nicht mehr. Wäre es die Rennbahn gewesen, wüsste ich es. Noch heute schaue ich diese Rennbahnen sehnsüchtig an. Zu gerne hätte ich mal die Autos um die Kurven rasen lassen.

Es gab noch einen anderen Bereich, in denen es doof war, ein Mädchen zu sein: In der Schule musste ich mich mit Nadeln und Fäden rumschlagen, während die Jungs mit Hammer und Säge werkelten. Was habe ich mich gelangweilt. Die Folge war, dass ich die ganzen Stunden nonstop schwatzte im Unterricht. Die Lehrerin war wenig erfreut. Sie ermahnte mich immer wieder, ich solle still sein. Das habe ich nie verstanden. Beim Stricken spricht es sich prima. Zudem: Wenn ich am Werkraum vorbeikam, hörte ich da immer ein wildes Durcheinander von Reden, Lachen und Schaffen, während bei uns nur klappernde Nadeln erwünscht waren. Nun, ich redete trotz Ermahnungen weiter. Ich flog deswegen so manches Mal vor die Tür (wie auch in anderen Schulstunden). Die Handarbeitslehrerin mochte mich eigentlich. Da hatte ich Glück. Gegen Ende des Semesters forderte sie mich immer auf, doch wenigstens nur zu flüstern. Dann könnte sie mir zumindest ein «Gut» im Betragen ins Zeugnis schreiben. Einmal wurde es dann doch «Ungenügend». Ich erinnere mich, wie du dich aufgeregt hast. Für dich war das schlimmer als eine schlechte Note es hätte sein können. Da habe ich mich geschämt. Ich hatte dich enttäuscht.

Fast noch schlimmer als das Häkeln und Stricken selbst waren die Ergebnisse – vor allem im Vergleich mit denen des Werkunterrichts. Während wir Topflappen, Tierchen und ähnliches hatten, fuhren die Jungs mit Drachen und Schiffen auf.  Du warst toll. Ich durfte beim Lehrer die Pläne holen und dann sassen wir zusammen hin und bauten alles nach. Ich habe es geliebt. Klar hätte ich gerne selbst gebaut, aber du sägtest und hämmertest mehrheitlich, ich lieferte das Material. Es sollte schliesslich exakt werden. Das war dir wichtig. Dass die Dinge richtig waren. Kein Pfusch. Nicht windschief. Immerhin lernte ich da, wie man mit Werkzeug umgeht. Und was wofür ist. Ich schaute dir zu und sog es auf.

Als ich viel später auszog, hast du mir einen Werkzeugkoffer mit auf den Weg ins Erwachsenenleben gegeben. Da war alles drin, was ich deiner Meinung nach für ein Leben allein in der grossen weiten Welt brauchte. Ich habe sie all die Jahre in Ehren gehalten, es gibt sie noch heute. Und immer, wenn ich sie anschaue, denke ich an dich und bin dankbar, dass ich immer selbst Hand anlegen konnte, wenn Not am Mann war.

Das ist mir wichtig. Dinge selbst machen zu können. Selbstständig zu sein, nicht angewiesen oder abhängig von der Hilfe anderer. Du hast immer gesagt:

«Mach die Dinge selbst, dann weisst du, dass sie richtig gemacht sind.»

Oder auch:

«Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner.»

Diese beiden Sätze haben mich mein Leben lang begleitet. Und sie haben sich oft bewahrheitet. Vielleicht habe ich mir auch ab und zu das Leben schwer gemacht, weil ich immer dachte, alles allein schaffen zu müssen. Aber immerhin habe ich es geschafft. Meistens. Und manchmal kam plötzlich von irgendwo Hilfe, wenn gar nichts mehr ging. Vielleicht hätte ich doch mehr darauf vertrauen können oder sollen.

(«Alles aus Liebe», XIX)

Eine Geschichte: Mittagessen (XVIII)

Lieber Papa

Wenn du zu Hause warst, hiess das: Familienzeit. Ich hatte zu Hause zu sein, wir machen Dinge gemeinsam. Einerseits waren da die Ausflüge am Wochenende. Die, für die ich dankbar sein musste, da ihr sie ja nur für mich machtet. Damit ich am Montag etwas zu erzählen hätte in der Schule. Dass sich niemand für diese ständigen Wanderungen interessierte, wolltest du nicht hören. Dass ich sie nicht machen wollte, auch nicht. Die anderen wären neidisch. Sagtest du. Und von mir warst du enttäuscht.

Auch eine wichtige gemeinsame Sache war das Essen. Bei anderen Familien ist das ungesittet. Sagtest du manchmal. Die kochen nicht mal richtig. Sagtest du. Keine Ordnung haben die. Wir hatten eine. Ich höre heute oft, das gemeinsame Essen sei wichtig. Da könne man sich austauschen. Ich kann mich nicht erinnern, dass bei uns geredet oder gar gelacht wurde. Wenn wir assen, liefen im Radio die Nachrichten. Die wolltest du hören.

«Pscht!»

Sagtest du, wenn ich etwas erzählen wollte. Du wolltest wissen, was in der Welt vor sich ging. Dazu last du auch täglich die Zeitung. Von vorne bis hinten. Schautest die Tagesschau, auf allen möglichen Sendern. Meine Rolle dabei? Nicht auffallen. Nicht hör- oder sichtbar werden. Das war am besten. Dann passte ich am besten ins Bild.   

Ich weiss gar nicht mehr, was ich dabei fühlte. Allein? Nicht wahrgenommen? Nicht interessant genug? Vermutlich schon. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Sicher lernte ich so, dass das, was ich erzähle, keiner hören will. Dass das, was ich zu sagen habe, nicht interessant ist. Schweigen wurde meine Welt. Ich liebte es, allein in meinem Zimmer zu sein. Da war keiner, der mich nicht hören wollte. Da waren meine Welten, in die ich eintauchen konnte: Bücher. Und Musik. Viel Musik.

Während ich das alles schreibe, merke ich die tiefe Trauer in mir. War sie damals schon da? Wohl schon. Und doch weinte ich nicht. Und vergass alles. Nach und nach. Bis heute. Und nun schreibe ich es auf. Und frage mich immer wieder: Wozu eigentlich? Ist doch nicht mehr wichtig. Wieso interessiert es mich plötzlich? Wieso will ich dir all das schreiben? Ich weiss es nicht. Was erwarte ich? Deine Antwort war immer

«Wir hatten es doch immer schön.»

Das wird nun nicht mehr ändern.

Ich erinnere mich noch an etwas bei diesen gemeinsamen Essen.

«Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.»

Ich weiss, das kennen viele. Und doch. Es war schrecklich. Ihr habt mir aufgetragen und eingeschenkt. Egal, ob ich das Essen oder Trinken mochte, egal ob ich Hunger hatte oder nicht. Alles musste weg. Reste waren keine Option. Wenn ich nicht zu Zeiten fertig wurde, standet ihr auf und gingt. Ich sass da. Allein. Mit dem vollen Teller. Das Essen wurde kalt. Und noch schlimmer. Am schlimmsten waren Lebern und Polenta. Da war immer dieser Brechreiz, wenn ich es essen musste. Und wenn die Lebern kalt wurden, bildete sich diese Haut auf der Sauce. Und die Polenta wurde oben krustig. Ich hasste diesen Schuhkarton mit dem fiesen, bitteren Geschmack. Und dieses Kitzeln am Gaumen von diesem körnig-breiigen Maispudding. Aber es half nichts. Der Teller musste leer sein.

Es wurde 13 Uhr, 14 Uhr, 15 Uhr. Ich sass da, den noch praktisch vollen Teller vor mir. Du warst wortlos im Wohnzimmer verschwunden. Mama zeigte sich auch nicht mehr. Und da kam mir die Idee: die Blumentöpfe. Sie standen rund um den Esstisch. Sie hingen von den Wänden. Standen auf Simsen und auf dem Boden. Ich begann, Lebern und Mais in den Töpfen zu vergraben. Irgendwann war der Teller leer. Ich trug ihn in die Küche. Mama nahm ihn wortlos entgegen und ich ging in mein Zimmer. Ich schämte mich so. Ich habe es nie erzählt.

(«Alles aus Liebe», XVIII)

Eine Geschichte: Vom Träumen (XVII)

Lieber Papa

Lieber Papa

Kürzlich war ich an einem Fest. So viele Menschen. So viel Lachen, Reden, Feiern. So waren unsere Feste nie. Es gab kaum welche ausser dem alljährlichen Geburtstag von Grossmutter. Da kamen alle zusammen. Sonst waren da nur wir drei. Sonst keiner. Niemand gehörte zur Familie. Zu unserer. Manchmal dachte ich sogar, nicht mal ich gehöre dazu. Weil ich anders war. Nicht wie ihr. Nicht wie ihr mich wolltet. Das sagtest du mir oft.

«Du bist anders.»

Und

«So will dich keiner. Wir sind deine Eltern, wir müssen bleiben. Die anderen können gehen.»

Anfangs dachte ich, ich sei nur das falsche Kind für euch.. Vielleicht war ich vertauscht worden. Das war unwahrscheinlich. Vielleicht habt ihr mich adoptiert. Einige Male durchwühlte ich in heimlichen Momenten alle Ordner. Suchte nach Beweisen. Las mich durch Unterlagen und Dokumente. Aber ich nichts. Vielleicht war ich nicht das falsche Kind für euch, vielleicht war ich grundsätzlich falsch. Nicht in Ordnung.

Als ich an diesem Fest mit zwei wunderbaren Menschen ins Gespräch kam, stellte ich mir plötzlich vor, sie könnten mich adoptieren. Der Gedanke löste ein kleines Glücksgefühl aus. Ich dachte kurz, ich könnte mir meine eigene Familie suchen. Ganz naiv. Und voller Freude. Schon kurz danach hörte ich eine innere Stimme. Sie sprach von Flausen. Davon, dass ich nicht solche Hirngespinste haben solle. Ich sei nun gross. Müsse alleine klarkommen. Und doch war da diese leise Sehnsucht. Nach einer Familie. Meiner Familie. Eine, die lacht. Die mich aufnimmt. In der ich mich wohl fühle. Dazugehörend.

Uns drei gibt es schon so lange nicht mehr. Schon als ich 16 war, drohtest du, ich könne gehen, wenn ich mich nicht an deine Regeln halte. Du und Mama, das sei der wichtige Kern. Wenn ich den störe, sei ich nicht mehr erwünscht. Das sagtest du und ich spürte eine Klinge, die tief stach. Mit 22 endete das Kapitel Familie endgültig. Ich zog aus. Noch heute höre ich deine Worte, sachlich, rational, klar:

„Nun trennen sich unsere Wege. Wir gehen unseren. du deinen.“

Das Messer von früher drehte sich. Das tat verdammt weh. Diese explizite Trennung.
Wenn ich heute zurückblicke, hätte es eine Befreiung sein können. Dazu kam es nicht. Ich habe dich innerlich mitgenommen. Als Stimme. Doch da war auch dieses Loch. Der tiefe Wunsch nach einer Familie für mich, nach Menschen, die mich verstehen, Menschen, bei denen ich zuhause und gewollt bin. Menschen, bei denen ich nicht falsch, nicht ungenügend, nicht abnormal und eine Enttäuschung wäre. Das war ein Traum. Meiner. Und wird es wohl bleiben.

Und ich schimpfe mit mir. Ich bin zu gross für solche Träume. Für solche Sehnsüchte. „Werd’ endlich erwachsen!“, höre ich deine Stimme in mir. „Werd’ endlich normal.“ Und dann sagst du noch:

«Du bist eigentlich intelligent, aber menschlich, in Lebensdingen, so dumm.»

Und immer ist es deine Stimme. Und sie spricht in mir. Und ich glaube ihr. Und fühle mich klein. Und falsch. Und doch: Die Träume bleiben. Und ich bin froh, sie zu haben. Sie sind wie leuchtende Sterne am dunklen Himmel. Und manchmal denke ich, irgendwann kann ich vielleicht den einen oder anderen ergreifen.

Vielleicht ist es besser, wenn du diesen Brief nie liest. Aber schreiben musste ich ihn, bevor ich mit unserer Geschichte weitermachen kann.

(«Alles aus Liebe», XVII)

Eine Geschichte: Regeln XVI

Lieber Papa

Erinnerungen sind geschmeidig. Sie lassen sich formen. Manchmal ist auch nicht klar, ob ich etwas wirklich selbst erlebt oder nur gehört habe. Wenn etwas immer wieder erzählt wird, fühlt es sich plötzlich so an, als wäre es erlebt. Dann glaube ich, ins eigene Erinnern zu greifen, wenn ich daran denke, während ich in Tat und Wahrheit nur die Erinnerung von jemand anderem nacherzähle. Auch das ist ein Erinnern, quasi eines der zweiten Ordnung. Ein Erinnern an eine Erinnerung, die selbst auch wieder ein un-fassbares Produkt ist.

An eines erinnere ich mich aber gut: Bei uns gab es immer klare Regeln. Du stelltest sie auf, ich hatte sie zu befolgen. So hattest du alles unter Kontrolle. Vor allem mich.

Wir hatten diesen Spielplatz vor dem Haus. Das Haus lag inmitten anderer Häuser mit eigenen Spielplätzen. Sie alle waren verbunden durch ein Netz von Gehwegen. Keine Autos, keine Gefahren. Wir Kinder zirkulierten zwischen den Spielplätzen, weil auf allen wieder andere Geräte waren und andere Kinder spielten.

So wäre es schön gewesen, aber: Das Wir stimmt nicht. Nur die anderen Kinder zirkulierten, ich durfte nicht weg von dem Spielplatz vor unserem Haus, weil du die anderen nicht sehen konntest von unserem Balkon aus. Wenn also alle anderen weiterzogen, musste ich allein zurückbleiben. Anfangs fragten sie noch, ob ich mitkomme. Sie hörten bald auf damit. Ich gehörte nicht mehr dazu, stand am Rand. «Die kommt eh nie mit.» Sagten sie. Während die anderen immer mehr zusammenwuchsen durch ihre Touren von Platz zu Platz, fiel ich hinaus durch mein Dableiben.

Ich war auch immer die Erste, die heimmusste. «Kinder gehören zu gewissen Zeiten nach Hause.» Sagtest du. «Die anderen haben keine Ordnung.» Dein Ton dabei war eindeutig. Abschätzig. So geht das nicht. Das klang laut mit. Begehrte ich auf, hörte ich, wie undankbar ich sei.

«Ich meine es nur gut.»

Sagtest du.

«Es ist zu deinem Besten.»

Sagtest du. Regeln und Ordnung seien wichtig. Ich glaubte immer, wir seien die einzigen, die diese Regeln und die Ordnung kannten. Ich hätte sie lieber nicht gekannt. Aber das durfte ich nicht sagen. Wie ich nur so sein könne. Fragtest du dann und blicktest mich mit diesen traurigen und enttäuschten Augen an. Und schwiegst. Drehtest dich um und liefst weg. Von mir. Ich war allein.

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.»

Der Spruch wird Lenin zugeschrieben. Ich frage mich manchmal, woher dein Kontrollbedürfnis kam. War es ausschliesslich die Sorge um mich? Oder vielleicht mehr eine Angst von dir? Kürzlich las ich sinngemäss:

«So lange ich die Kontrolle über mein Leben habe, habe ich keine Angst, den Halt zu verlieren.»

Ich weiss nicht mehr, wer es sagte, aber ich kann den Gedanken verstehen. Die Angst, dass alles aus den Fugen gerät, kein Stein auf dem anderen bleibt. Die Angst, etwas zu verlieren, das wichtig ist. Die Angst vor dem Unvorhergesehenen, dem Drohenden, das passieren könnte. War dir die Kontrolle darum so wichtig? War sie dein Versuch, mit den Gefahren des Lebens umzugehen? Konntest du so deine Angst vor einem Unglück im Zaum halten? Weil du schon einmal alles verloren hattest – deinen Lebensmut inklusive? Das erfuhr ich allerdings erst viel später, als Kind wusste ich nichts davon. Ich konnte das alles nicht einordnen. Ich machte mir auch keine solchen Gedanken. Ich kannte nur die Regeln und wusste, dass es nicht gut kommt, wenn ich sie nicht befolge. Ich stellte sie ab und zu noch in Frage, aber es gab kein Entkommen. Du warst unnachgiebig.

Ich fand all das oft unfair. Sah all die Freiheiten der anderen und meine engen Grenzen. Spürte all die Gebote und Verbote und dass sie mich von den anderen trennten. Ich habe dir nie eine böse Absicht unterstellt. Glaube ich. Ich tue es vor allem heute nicht. Aber es machte mich traurig. Macht es noch heute, merke ich, während ich das schreibe. Denn ich war ausgeschlossen dadurch. Und allein. Nur dich, dich hatte ich noch, wenn ich die Regeln befolgte. So warst du alles.  

(«Alles aus Liebe», XVI)

Eine Geschichte: Vom Erinnern (XV)

Lieber Papa

Es gab immer wieder Phasen, in denen ich versuchte, Erinnerungen aufzuspüren. Und immer stiess ich auf diese Leere. Vielleicht ab und zu ein Häppchen, aber da war nie eine ganze Geschichte. Habe ich nichts erlebt? Oder ist mein Gedächtnis so schlecht? Habe ich alles verdrängt? Wieso hätte ich das tun sollen?

Das scheint nun anders zu sein. Es ist, als ob ein Ventil aufgegangen ist und die Erinnerungen plötzlich fliessen. Ich fange jede ein und schreibe sie nieder. Für dich. Weil ich merke, dass da in mir etwas ist, das raus muss. Ich merke, dass unsere Geschichte nicht abgeschlossen ist und zu viel Schweigen die Vergangenheit prägte.

Ich merke, wie ich in eine Euphorie gerate bei diesem Schreiben. Ein rasender Fluss von Episoden, die ans Licht drängen. Und plötzlich. Fertig. Er hört er auf. Ich warte. Ich suche. Ich strenge mich an. Nichts. Und mit dem versandeten Fluss ist auch die Lebendigkeit, die durch die Erinnerungen in mein Heute getragen wurde, weg. Als wäre das Erinnern eine Energiequelle gewesen, die nun versiegt ist.

Manchmal weiss ich gar nicht mehr, wieso ich zu schreiben begann. Es war ein Impuls. Aus dem Nichts. Ich habe keine Ahnung, woher die Lebendigkeit kam. Die Themen waren nicht sehr aufbauend. Vielleicht lag das weniger an den Erinnerungen, sondern daran, dass ich endlich schrieb. Endlich tat ich das, was ich immer hatte tun wollen. Ich tat es auf eine Weise, die ich selbst ernst nehmen konnte.

Und nun ist wieder alles still. Wo ist dieser Fluss hin? Ist er abgezweigt und ich habe das verpasst? Bin ich in die falsche Richtung geschwommen? In eine Sackgasse? Wo kann ich wieder anknüpfen? Wie weiterschwimmen?

Vielleicht habe ich meinen Schreibfluss selbst zum Stehen gebracht. Mit all meinen wiederkehrenden Zweifeln. Du willst das alles doch gar nicht hören, sagte ich mir. Wolltest du nie. Wen interessiert, was ich sage, denke, schreibe? Wer soll es lesen? Soll es überhaupt jemand lesen? Was bringt das? Wer bin ich, meine Geschichte so wichtig zu finden, dass sie erzählt werden muss?

„Nimm dich nicht so wichtig!“

Sagtest du mir oft.

„Du bist nichts. Niemand. Keiner interessiert sich für dich.“

Sagtest du.  

„Am Ende taugt doch alles nichts.“

Das sage ich mir. Immer wieder.

„Es ist nicht gut genug. Weil ich nicht gut genug bin.“

Sage ich mir.

Und genau das ist die Ursache. Für so viel. Das treibt mich immer wieder um. Vermutlich ist das der Grund. Dieser eine Glaubenssatz. Ich bin nicht genug. Darum fing ich an zu schreiben.

Und nun kommt die Angst: Sie werden mich auslachen. Sie werden mich in der Luft zerreissen. Sie werden hinter vorgehaltener Hand über mich herziehen. Mich lächerlich finden. Sie werden denken, ich sei nicht normal. Ich solle mich anpassen. Sein wie die anderen. So wie du es tatst. Sie werden nicht verstehen, was ich tue. Sie werden fragen, wieso ich schreibe. Das sei kein Beruf. Sie werden denken, wieso ich nicht einfach Schreiner, Coiffeuse, Ärztin, Juristin, Verkäuferin bin – normal halt.

Solche Jobs hatte ich. Ich erinnere mich gut. Ich war zum Beispiel in einer Bank. Ich entwarf Datenbanken und betreute sie. Das hatte ich mir selbst beigebracht. Ich war gut. Ich verdiente gut. Es war nicht meine Welt. Du hast mich nicht verstanden. Bleib da, hast du gesagt. Sei nicht so zimperlich, hast du gesagt. Ich konnte nicht dableiben. Und enttäuschte dich schon wieder. Ein Teil von mir hätte sich gewünscht, es wäre anders. Nur um dir zu gefallen. Ich musste dir doch gefallen, denn: Wen hatte ich ausser dir? Niemanden. Das sagtest du mir oft:

„Ausser mir hast du keinen.“

Ich habe dir geglaubt. Ich glaube es teilweise heute noch.

Ich muss weiterschreiben. Vorerst. Auch wenn ich nicht weiss, ob das alles stimmt, woran ich mich zu erinnern glaube. Ich las kürzlich bei Irvin D. Yalom, dass er überzeugt sei, dass die Qualität der Realität sich immer wieder ändere, dass sie fragil sei. Er schrieb in seinen Memoiren:

«Erinnerungen, zweifellos auch die hier vorgelegten, sind viel fiktiver, als wir meinen möchten.»

Vermutlich ist da viel Wahres dran.

Eine Geschichte: Prägung (XIV)

Lieber Papa

Vor kurzem war ich mit Freunden an einer Degustation. Es gab ein kleines Apéro-Plättchen mit einem Glas Rotwein und einem Glas Weisswein für jeden. Plötzlich kam die Idee auf, wir könnten die Gläser kreisen lassen, damit alle von allen Weinen probieren können.

«Das geht nicht.»

Sagte in mir eine Stimme. Laut. Ermahnend. Zur Tat drängend. Sag es. Sag «nein». Schnell. Bevor es zu spät ist.

«Ich kann das nicht.»

 Eigentlich wäre es eine leichte Sache: Trinken, weitergeben, trinken, weitergeben. Ein Mehrgenuss quasi. Aber in mir stand alles auf Abwehr.

«Macht ihr nur, mir reicht meine Wahl», hörte ich mich sagen. Ich blickte in erstaunte Augen. «Nein, mach auch mit, das ist lustig», kam es zurück. «Das ist eklig. Ich kann nicht aus dem gleichen Glas wie du – wie ihr – trinken!» Ich dachte es nur. Ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Ich fühlte mich dumm. Anders. Und mein Hirn fuhr Karussell.

Wie oft hast du mir das eingebläut. Jeder hat sein Glas. Jeder hat sein Besteck. Teilen geht nicht. Das ist eklig. Und du erzähltest dazu immer die Geschichte aus deinen Kindertagen. Gottesdienst. Abendmahl. Der Zinnbecher mit dem Wein ging durch die Reihen. Und der Wein sei immer dünner, die Menge Flüssigkeit immer mehr geworden. Es klang gruselig. Du erzähltest von dem Speichel, der als Rücklauf ins Glas floss, wie er es immer tue. Den trinke man mit, wenn man das Glas teile. Das waren deine Worte. Sie schüttelten mich noch heute. In mir wurden Fluchtgedanken laut, bloss: Es gab wohl kein Entkommen.

Du hattest sehr strenge Hygiene-Ansprüche. Alles musste denen folgen, denn sonst kriegtest du diese Bläschen auf der Lippe. Man konnte ihnen beim Wachsen zusehen. Du musstest nicht mal betroffen sein, es reichte schon, wenn du etwas sahst, das du eklig fandest. Es wucherte. Ich erinnere mich noch gut, als in einem Restaurant ein Messer zu Boden fiel, das Servierpersonal dieses aufhob und wieder in die Besteckschublade räumte. Zack. Eine Blase.

Ich habe mich als Kind oft gefragt, ob du die Blase auch kriegen würdest, wenn du vom Verstoss nichts mitgekriegt hättest. Wenn ich zum Beispiel aus deinem Glas trinken würde, bevor ich es dir gäbe, oder deine Gabel auf den Boden und dann wieder auf den Tisch legte. Ich habe nie gewagt, es auszuprobieren. Respekt? Angst? Vor dem Entdecken oder davor, dass du meinetwegen leiden müsstest, wenn du trotzdem reagieren würdest? Ich weiss es nicht. Ich nahm deine Regeln an und folgte ihnen.

Wieso hast du dich nicht gewehrt. Das fragte mich jemand, als ich ihm etwas aus der Kindheit erzählte. «Du hast alles nur erduldet, hast still gelitten. Dich aber so auch der Verantwortung entzogen, indem du das alles mit dir machen liessest», sagte er noch dazu. Es fühlte sich wie ein Angriff an. Ich hörte raus, dass ich mich hätte wehren müssen, dass ich etwas hätte tun sollen. Und können. Ja, ich habe mir die Frage oft gestellt: Wieso habe ich mich nicht gewehrt? Wieso nahm ich deine Regeln, deine Aussagen für bare Münze und habe sie nicht hinterfragt oder gar dagegen aufbegehrt? Oder habe ich?

Ich meine mich zu erinnern, dass ich anfangs noch versuchte, zu argumentieren, dich umzustimmen. Du sagtest, nur ich sei so, alle andern seien normal. Ich versuchte, dir zu sagen, dass ich nur sein wolle, wie das heute normal sei, dein Normal sei aus einer anderen Zeit. Ich kam damit nie durch. Du hast alles, was ich sagte, mit einer wütenden Handbewegung weggewischt und warst danach noch überzeugter, dass ich ein störrisches Kind, eine Enttäuschung sei. Und dann schwiegst du. Mich an. Ich existierte nicht mehr. Das tat weh. Wusstest du das? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das nicht merktest. So kalt warst du nicht. Auch wenn du in dem Moment so wirktest. Ich möchte es nicht glauben.

Mich erstaunt immer wieder, wie lange solche Dinge nachwirken. Ich war 45 Jahre alt, war bei einer Degustation, und studierte, wie ich deine Regeln einhalten kann. Nein, es war eher der Ekel über den Rücklauf, den ich vermeiden wollte. Um Regeln ging es nicht mehr. Ich sah den Wein, den Spuckeschaum, spürte das Kribbeln auf der Haut und hörte das laute Nein in meinem Kopf. Und dann trank ich.

Und: ich überlebte. Es war gar nicht so schlimm. Irgendwie war es eine Befreiung. Seit da geht es. Nicht mit allen, nicht mit grosser Freude, aber immerhin. Es geht. Eine kleine Rückeroberung eines freieren Lebens. Das fängt oft mit kleinen Dingen an. Das merke ich immer wieder.

(«Alles aus Liebe», XIV)