Die neue Form der Unfreiheit

Technologie, Manipulation und die Erosion des Politischen

«Der Imperativ der Transparenz lässt Informationen frei zirkulieren. Wirklich frei sind nicht die Menschen, sondern die Informationen… Die Menschen sind in Informationen gefangen. Sie legen sich selbst Fesseln an, indem sie kommunizieren und Informationen produzieren.» Byung Chul Han

Totalitäre Regime sind historisch durch ein klares Merkmal gekennzeichnet: Sie entziehen dem Menschen systematisch seine Freiheit. Meinungsäußerung, Presse, Wissenschaft und Bildung werden kontrolliert, Abweichung sanktioniert, Konformität erzwungen. Die Macht operiert offen durch Zwang und Gewalt. Wer sich nicht fügt, wird unterdrückt, weil: unsichtbar gemacht.

Das ist nicht neu, es ist vielfach erforscht, leider ohne wirklich sichtbare Umsetzung. Trotzdem stellt uns die gegenwärtige Situation vor eine noch subtilere, schwerer zu fassende Herausforderung. Die klassische Form der Unterdrückung scheint in vielen westlichen Demokratien überwunden. An ihre Stelle tritt jedoch ein Mechanismus, der weniger durch Verbot als durch Lenkung funktioniert. Es ist weniger Gewalt, als viel mehr Gestaltung von Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Entscheidung.

Diese Entwicklung lässt sich als eine Transformation von Macht beschreiben: von der repressiven zur strukturellen, von der sichtbaren zur unsichtbaren. Während totalitäre Systeme den Menschen zwingen, sich systemkonform zu verhalten, erzeugen digitale Technologien zunehmend Bedingungen, unter denen Menschen freiwillig in einer Weise handeln, die fremden Interessen dient, ohne sich dessen bewusst zu sein. Hier liegt die eigentliche Brisanz.

Von der Herrschaft durch Zwang zur Herrschaft durch Steuerung

Die klassischen Analysen totalitärer Systeme, etwa bei Hannah Arendt, betonen die Bedeutung von Ideologie und Terror. Ideologie liefert die scheinbar geschlossene Welterklärung, Terror sorgt für deren Durchsetzung. Beide zusammen erzeugen eine Realität, in der alternatives Denken nahezu unmöglich wird.

Die digitale Gegenwart benötigt keinen Terror mehr, um Wirkung zu entfalten. Ihre Stärke liegt in der Gestaltung von Möglichkeitsräumen. Algorithmen bestimmen, was sichtbar wird und was nicht, welche Themen dominieren und welche verschwinden, welche Emotionen verstärkt und welche gedämpft werden. Dadurch entsteht eine Form von „sanfter Lenkung“, die nicht als solche erkannt wird.

Der entscheidende Unterschied, welcher zugleich zum Verhängnis wird:
Der Mensch glaubt, frei zu entscheiden, nur dass die Bedingungen seiner Entscheidung bereits vorstrukturiert sind.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit als Machtinstrument

Früher war schnell klar: Es geht um den Profit (fast möchte man sagen, zum Glück nur darum).  Es mag noch so scheinen, doch ist der Profit nicht mehr als Ziel, heute geht es um Herrschaft. Die ökonomischen Interessen mögen immer noch bedient werden, doch sind Profitmaximierung, Marktanteile, Wachstum nur noch nette Beigabe. Große Technologieunternehmen verfügen nicht nur über Kapital, sondern über Daten, Infrastruktur und damit über Einfluss auf Wahrnehmung selbst. Diese Macht ist qualitativ neu, weil mit ihr ganz neue Wirkweisen einhergehen:

  • Sie wirkt präventiv, nicht repressiv
  • Sie formt Präferenzen, statt sie nur zu bedienen
  • Sie operiert individualisiert, nicht massenhaft uniform

Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt diese Entwicklung als Übergang von der Disziplinargesellschaft zur „Psychopolitik“. Das Verhalten der Menschen wird nicht mehr durch äußere Zwänge und Verbote, sondern durch innere Steuerung und Optimierung, bestimmt. Dadurch wird er zum „freiwilligen“ Akteur innerhalb eines Systems, das seine Handlungen antizipiert und lenkt.

Die Unsichtbarkeit der Manipulation

«Überwachung schleicht sich in Form von Convenience in den Alltag ein.» Byung Chul Han

Die eigentliche Gefahr liegt nicht allein in der Existenz dieser Mechanismen, sondern in ihrer Unsichtbarkeit. Ein totalitäres Regime kann erkannt werden (auch wenn es oft durch Ignoranz und Gedankenlosigkeit ausgeblendet wird), denn Zensur ist sichtbar, Gewalt erfahrbar und Unterdrückung benennbar. Digitale Manipulation hingegen entzieht sich der Wahrnehmung: Informationen erscheinen als „neutral“, sind aber selektiert, Meinungen wirken individuell, sind aber verstärkt oder abgeschwächt. Unsere Urteile und Entscheidungen, die wir auf deren Grundlage machen, fühlen sich autonom an, sind aber beeinflusst

Dadurch entsteht eine paradoxe Situation: Wir wähnen uns frei, obwohl die Steuerung immer stärker in unsere Gedanken und Entscheidungsfindungen eingreift.

Politische Konsequenzen: Die Gefährdung von Demokratie und Rechtsstaat

Demokratie beruht auf der Annahme mündiger Bürgerinnen und Bürger, die sich eine eigene Meinung bilden, unterschiedliche Perspektiven abwägen und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen. Der Rechtsstaat setzt voraus, dass diese Entscheidungen nicht manipulativ verzerrt sind. Wird jedoch die Grundlage der Meinungsbildung selbst beeinflusst, gerät dieses Fundament ins Wanken. Konkrete Folgen sind bereits sichtbar: Durch die algorithmische Verstärkung extremer Positionen kommt es immer mehr zu Polarisierungen. Zudem führen die isolierten Informationsräume zu einer immer grösseren Fragmentierung der Öffentlichkeit. Wie die jüngere Vergangenheit zeigt, geht der Einfluss aber noch weiter, indem sogar Wahlen und andere politische Prozesse gezielt manipuliert werden.

Die Gefahr besteht nicht nur in einzelnen Eingriffen, sondern in einer strukturellen Verschiebung: Politik wird nicht mehr primär im öffentlichen Raum ausgehandelt, sondern in unsichtbaren digitalen Architekturen vorgeprägt.

Die Rückgewinnung des Politischen

Die zentrale Frage lautet daher:

Wie kann unter diesen Bedingungen Freiheit erhalten werden?

Hier greifen technische Regulierungen, so nötig und wichtig sie sind, weniger als eine kulturelle und geistige Haltung. Es braucht eine Wiedergewinnung dessen, was man mit Immanuel Kant als „Selbstdenken“ bezeichnen könnte: die Fähigkeit, sich nicht bloß leiten zu lassen, sondern sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das setzt aber voraus, dass wir zuerst ein Bewusstsein für die Mechanismen digitaler Steuerung entwickeln und scheinbar neutralen Informationsquellen mit einer kritischen begegnen. Zudem ist die aktive Teilnahme am öffentlichen Diskurs jenseits algorithmischer Filter zentral für unabhängige politische Meinungsbildung. Diese fordert einiges, vor allem aber die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, denn eigenes Denken bedeutet immer auch, ohne Garantie zu urteilen.

Fazit: Die leise Verschiebung der Freiheit

Wir stehen nicht am Beginn eines neuen Totalitarismus im klassischen Sinne. Die Formen der Macht haben sich verändert. Gerade darin liegt ihre Gefährlichkeit. Zwar ist es wichtig und lehrreich, die Ursachen und Mechanismen anhand früherer Beispiele zu studieren, aber wir müssen neue Bewältigungsstrategien für die heutigen Gefahren und Angriffe auf die Demokratie und damit unsere Freiheit finden. Diese ist nicht mehr durch offenen Zwang bedroht, sondern durch eine schleichende Aushöhlung. Wir stehen nicht mehr an Verboten an, sondern werden gelenkt. Wir unterstehen keiner sichtbaren Herrschaft mehr, sondern bewegen uns in unsichtbaren Strukturen. Die Herausforderung unserer Zeit besteht darin, diese Verschiebung zu erkennen, bevor sie unumkehrbar wird.

Freiheit geht selten plötzlich verloren. Sie verschwindet, Schritt für Schritt. Immer dann, wo Menschen aufhören, selbst zu denken.

Leid als Mittel zum Zweck

Gestern schaute ich „Deutschland sucht das Supertalent“. Gleich vorneweg: Alles da Gebotene übertraf bei Weitem, was ich auf diesen Gebieten hätte liefern können. Weder singe ich wirklich gut, noch baumle ich gerne und gut an Stangen. Auch Seifenblasen sind nie über rudimentäre, gleich platzende Objekte hinausgegangen. Die Jury war relativ nett und wenig bissig, was man bedauern oder willkommen heissen kann, je nach Verfassung und ethisch-moralischen Grundsätzen.

Trotzdem stiess mir etwas ziemlich sauer auf: Praktisch jeder Teilnehmer hatte eine ach so schlimme Lebenssituation zum Besten zu geben. Die eine floh vom prügelnden Expartner, die anderen vor diktatorischen Regimes. Einer hatte sein Leben noch nicht auf die Reihe gekriegt und der andere litt unter einem tyrannischen Vater und seiner (selbstgewählten?) Lebensweise in der Vergangenheit.

Die Schicksale sind traurig, niemandem wünscht man eine schwere Kindheit, prügelnde Partner oder diktatorische Regimes. Nur: Was hat das mit Talent zu tun? Ginge es bei einer Talentsuche nicht darum, den zu finden, der das grösste hat? Kann das Talent proportional zum Leiden abnehmen, um unterm Strich zu obsiegen? Irgendwie kommt mir das vor wie das Spiel, bei welchem der den letzten Keks erhält, der die traurigste Geschichte erzählt.

Wieso setzt jemand solche Geschichten ein? Vermutlich, weil er seinem Talent und sich selber nicht zutraut, gut genug zu sein. Man sieht die Konkurrenz und traut dieser mehr zu als sich selber. Und selbst wenn man denkt, man wäre besser, könnte es noch sein, dass andere das anders sehen. Um dem vorzubeugen, nimmt man neue Pfeile aus dem Köcher: Mitleid zieht immer. Wer leidet, dem wird geholfen. Kann man Urteil mildernde Umstände geltend machen, fällt das Urteil besser (zu den eigenen Gunsten) aus.

Und vermutlich ist auch etwas dran. Man ist schneller gewillt, Goodwill walten zu lassen, wenn man von schweren Umständen hört. Man hat die Nachsicht, diese mit ins Urteil einzubeziehen und mildert unter Umständen dasselbe ab. Diese Haltung hat auch Einzug in die Justiz gefunden. Die mildernden Umstände aufgrund schwerer Kindheit und ähnlicher Lebenserschwernisse ist bekannt und sorgt regelmässig für Diskussionen.

Das Wissen um die mildere Sicht der Anderen lehrt uns, das eigene Leid zu instrumentalisieren. Wir nutzen Krankheit, Leid und schwierige Umstände, um unsere Leistung zu portieren, um zu kriegen, was wir uns ersehnen. Wir instrumentalisieren das, worunter wir eigentlich leiden und machen es uns zum Diener. Wir zählen dabei auf das Mitgefühl der Anderen und agieren ganz bewusst, dieses auszunutzen. Das ist rational gesehen geschickt für den Einzelfall, auf lange Sicht führt es dazu, dass das Mitgefühl schwindet, weil die Anderen merken, wie oft es ausgenutzt wird. Dann fehlt es da, wo es wirklich angebracht und auch nötig wäre, weil vorher jemand es für die eigenen, egoistischen Ziele missbraucht hatte.

Zurück bleibt eine Welt, in der jeder für sich schaut, weil er fürchtet, sonst über den Tisch gezogen zu werden. Zurück bleibt eine Welt, in der jeder für sich schaut und dabei ein schlechtes Gewissen hat, weil er denkt, er hätte Mitgefühl, Empathie walten lassen müssen. Zurück bleibt eine Welt voller Konfusion darüber, was gut und was schlecht ist, was richtig und falsch. Und wüsste man es für sich selber, schwankte man darüber, ob es das Gegenüber auch weiss und sich daran hält, und passt dementsprechend sein eigenes Verhalten den Zweifeln an, um am Schluss nicht der zu sein, der in die Röhre schaut.

Zum Glück geht am 21. Dezember die Welt unter, sonst müssten wir ganz schnell ganz arg über die Bücher…