Maria Palatini – ein Blick hinter die Kulissen

Waren Sie das Kind, das immer und überall mit Zeichenstiften bewaffnet auftrat?
Ja, genau, ich war ein solches Kind.

Wie sah Ihr Weg in die Kunst aus?
Es waren eher Irrwege. Ich wählte einen Beruf, der mit Phantasie und Farben nichts zu tun hatte: Medizinische Laborantin am KSSG. Nach der Lehre begann ich wieder zaghaft zu malen, meistens am Sonntag.

Wie stehen Sie zum Thema Ausbildung? Unabdinglich, hilfreich, überflüssig? Oder anders gefragt: Alles Talent oder kann man es überhaupt lernen?
Ich war ja nie an einer Kunstschule. Ich habe mir das alleine angeeignet. Ich habe meinen Weg auch so gefunden. Heute bin ich froh darüber. Ich wurde von niemandem geformt. Talent ist aber sicher wichtig.

Ihre Bilder beinhalten immer auch Geschichten. Würden Sie diese eher als Kunst oder als Illustration bezeichnen?
Das geht ineinander über.

Was zeichnet Ihren Stil aus?
Genauigkeit, Feinheiten.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Am Morgen wird gemalt. Am Nachmittag muss ich an die frische Luft. Ich bewege mich gerne und liebe es, unterwegs zu sein.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Künstlers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?
Ich arbeite gerne alleine. Es ist ein einsamer Beruf. Ich hatte aber 37 Jahre meine eigene Galerie, die auch als Atelier diente. Dadurch bin ich mich gewohnt, „Besuch“ zu haben und unterbrochen zu werden. Kein Problem für mich. Das gab auch immer wieder neue Impulse.

Woher holen Sie Ihre Inspirationen/Ideen?
Indem ich die Augen und Ohren offen halte. Das sind meine Empfangsantennen.

Die Protagonisten Ihrer Bilder sind meistens Menschen aus einer anderen Zeit – ich würde sie dem Fin de Siecle zuordnen. Wie kamen Sie auf diese Zeit (die auch ich als sehr reizvolle sehe) und diesen Stil?
Fin de Siècle ist für mich wunderbar. Verziert, verschnörkelt, dekoriert. Kleider, Hüte, Hausfassaden, Auto, Flugzeuge, etc.Der Stil hat sich einfach so entwickelt. Gut, man sagt „einfach so“. Es kommt ja nie von alleine. Das Unterbewusstsein spielt vielleicht durchaus mit. Man könnte auch fragen, wieso man die Handschrift hat, mit der man schreibt. Es passiert irgendwie einfach – aber eben: Irgendwie hat es wohl seinen Grund.

Können Sie Ihren Weg von der ersten Idee bis hin zum fertigen Bild beschreiben?
Der erste Moment ist der Blitz aus heiterem Himmel. Ich arbeite zuerst mit dem Titel. Ich schnappe etwas auf, z. B. „Blue Chips“ oder „Taubenfütterer“ oder „Tafelsilber“. Die Titel gefallen mir. Dann kommt das Suchen: Was mache ich daraus? Ich suche nach einer Lösung oder Idee. Die kann nach 5 Minuten da sein oder auch in einem halben Jahr noch nicht. Wenn sie kommt, dann muss sie zünden. Die Ausführung ist eine andere Sache. Die Hand. muss versuchen, das auszuführen, was sich der Kopf ausgedacht hat. Es muss konkret werden und das ist immer mit Komplikationen verbunden. Man sieht es einem fertigen Bild nicht an, was für Kämpfe und Krämpfe da stattgefunden haben. Ich habe eine Ampel in mir. Grün ist „Das Bild ist gut“, ich bin zufrieden. Orange bedeutet „na ja“ und rot „das Bild sollte vernichtet werden“. Ich höre dabei also auf meine eigene Stimme und verlasse mich auf mich.

Wenn sie an Ihre vergangenen Arbeiten denken: Gibt es ein Projekt/ein Bild, das Sie als Ihr Lieblingsprojekt bezeichnen würden? Wenn ja: Welches, und wieso?
Ein Lieblingsbild habe ich nicht, aber durchaus Lieblingsbilder. Ich kann mich nicht für eines entscheiden. Es ist auch wieder die innere Stimme, die das bestimmt, wieso oder warm dieses oder jenes meine Favoriten sind. Ich weiss es nicht und es ist mir auch egal. Es ist mehr ein Gefühl und Gefühle kann ich nicht in Worte fassen, da mir das schlicht zu mühsam ist.

Wie erleben Sie das Klima unter Künstlern? Ist jeder ein potentieller Konkurrent, den man meidet, oder ein Kollege im selben Arbeitsumfeld, mit dem man sich gerne austauscht?
Ich bin ein totaler Einzelgänger. Ich bewege mich nie in der „Szene“.

Was raten Sie jemandem, der Künstler werden will?
Wenn jemand Künstler werden will, soll er unbedingt durchziehen. Ich fände es gut, wenn da aber jemand ist, der den abgehenden Künstler erstmals Steine in den Weg legt. Wenn er diese aus dem Weg räumt, dann ist er auf dem richtigen Weg. Wenn er aber darüber stolpert und nicht mehr aufsteht, dann sollte kein Künstler daraus werden. Man braucht starke Nerven und ein gutes Selbstvertrauen. Auch Selbstzweifel sollten vorhanden sein, aber nicht zu viel und nicht zu wenig. Beides ist nicht förderlich.

Welchen Künstler soll ich hier noch vorstellen?
Ich bin ein Fan von Otto Forster. Auch Margrith Örtli-Edelmann fidne ich gut. Beide leben in St. Gallen.

Wer mehr von Maria Palatini sehen will: Maria Palatinis HOMEPAGE

Ulla Egbrinhoff: Franziska von Reventlow

Fanny Liane Wilhelmine Sophie Adrienne Auguste Comtesse zu Reventlow wurde am 18. Mai 1871 in Husum geboren. Ihr Lebensweg führte über Lübeck, München bis hinab nach Ascona, wo sie am 26. Juni 1918 starb. Es war ein bewegter Weg, ein Weg voller Brüche, voller Kampf um die eigenen Ideale und eine ständige Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit.

Ich will überhaupt lauter Unmögliches, aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtzulegen.

Aufgewachsen in einem sehr konservativen Elternhaus, unterdrückt von einer Mutter, die aus ihr eine der Zeit und dem Stand angepasste junge Frau machen wollte, brach sie alsbald aus diesem Leben aus und brach damit mit ihrem Elternhaus. Sie wollte sich nicht abfinden mit den mangelnden Möglichkeiten als Frau, sah sich zur Künstlerin, zur Malerin geboren.

Franziska zu Reventlow widersetzte sich den Konventionen ihrer Zeit. Sie setzte sich für sexuelle Freizügigkeit ein, war allein erziehende Mutter eines Sohnes, den sie über alles liebte, dessen Vater sie aber zeitlebens nicht bekannt gab. Sie unterhielt wechselnde und teilweise überschneidende Männerbekanntschaften und verkehrte in Münchens Künstlerkreisen, ständig mit Geldsorgen kämpfend. Ihr Job als Übersetzerin reichte kaum je für den Lebensunterhalt, die gelegentlichen Geldbeschaffungsmassnahmen machten auch vor Körpereinsatz nicht Halt. Zwar hätte sie einige Male die Möglichkeit gehabt, in den Ehehafen einzulaufen und damit auch eine sicherere Lebensgrundlage zu haben, doch konnte sie sich nicht dazu entschliessen, ihre Freiheit aufzugeben.

[…] es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses masslose Streben, Sehnen nach Freiheit. Die kleinste Fessel, die andere gar nicht als solche ansehen, drückt mich unerträglich, unaushaltbar und ich muss gegen alle Fesseln, alle Schranken ankämpfen, anrennen.

Gab sich Franziska von Reventlow nach aussen lebenslustig und kämpferisch, kämpfte sie im Innern oft mit Depressionen und auch Einsamkeit. Die angeschlagene Gesundheit machte ihr auch oft zu schaffen. Trotz allem liess sie sich nicht von ihrem eigenen Weg abbringen, begann, als sie merkte, dass es mit der Malerei nicht klappte, zu schreiben und veröffentlichte Erzählungen in Zeitschriften wie der Neuen Rundschau oder Zürcher Diskussionen.

1900 beginnt sie mit ihrem autobiographischen Roman Ellen Olestjerne, welchen sie 1903 publiziert. Es folgen noch weitere Romane, doch aus ihren finanziellen Nöten kommt sie nicht heraus. 1910 zieht sie mit ihrem Sohn nach Ascona, wo sie 1918 bei einer Operation stirbt.

 Ich finde, dass das Leben [der Reventlow] eins von denen ist, die erzählt werden müssen, dass man es vor allem jungen Mädchen und jungen Männern erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie. (Rainer Maria Rilke in „Die Zukunft“, 1904)

Ulla Egbringhoff hat dieses Leben dargestellt und dies auf eine sanfte, menschliche und fundierte Weise. Sie hat ein klares Bild der Lebensumstände und der damaligen Gesellschaft gezeichnet und die eigenwillige und kämpferische Künstlerin hinein gebettet. Die konventionellen Geschlechterrollen sind dabei ebenso Thema wie künstlerische Strömungen und gesellschaftliche Erwartungen.

Franziska von Reventlow wird in diesem Buch lebendig, man fühlt sich ihr verbunden, erkennt in ihr eine Frau, die ihren Weg gehen will und dafür einen hohen Preis zahlt. Das Buch handelt vom Leben einer Künstlerin, die in sich einen enormen Lebenswillen und Freiheitsdrang spürt, dem sie nicht entkommen kann. Sie muss diese ausleben, verzweifelt dabei aber innerlich ab und an, fühlt sich unzulänglich und allein.

Fazit:
Das Portrait einer unkonventionellen, freiheitsliebenden, kreativen Frau, welche sich ihre eigene Welt schaffte und doch nie zu Hause schien. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Ulla Egbringhoff
1965 in Metelen/Westfalen geboren, studierte Ulla Egbringhoff in München und Köln Literatur, Theaterwissenschaften und Philosophie. Es folgten verschiedene Tätigkeiten als Regieassistentin, Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung, Rundfunkbeitrräge für den WDR sowie Aufsätze zu Autorinnen der Jahrhundertwende.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 158 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (August 2000)
Preis: EUR 7.90 / CHF 12.50

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