Lesemonat Mai

«Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist.» Paul Auster

Ich war sehr suchend und immer wieder findend, um wieder zu verwerfen und neu zu suchen. Und manchmal suchte ich nicht mal, merkte nur, dass ich noch nicht gefunden habe. Und ich ermahnte mich zu mehr Geduld und fand sie nicht. Das war die Grundstimmung im Mai. Zu schreiben, was diesen Monat sonst geprägt hat, fällt mir schwer, er ist mir bei all dem sprichwörtlich zwischen den Fingern zerronnen. Ich habe viel geschrieben, viel gelesen, wobei ich selbst die Fülle des Lesens nicht wirklich realisiert habe, sondern immer dachte, ich käme zu wenig dazu – die Liste belehrte mich eines Besseren. Was ich aber weiss: Es waren grossartige Lektüren.

Nachdem ich mit André Gorz die Liebe gefeiert habe und berührt wurde, tauchte ich in die Welt Simone de Beauvoirs zurück, las von ihren Reisen, Lektüren, ihrem Schreiben und der politischen Lage ihrer Zeit. Mit Lena Gorelik erforschte ich, was Herkunft bedeutet und wie sie uns prägt. Bei Sartre erfuhr ich mehr über dessen Kindheit und bewunderte seine grossartige Sprache, seinen Humor. Ich tauchte in das Leben von Paul Auster ein, nachdem er selbst gestorben war, und habe mich verliebt in seine Sprache und seine Art des Erzählens. Ich litt mit Tove Ditlevsen und war erschüttert über Salman Rushdies Bericht darüber, wozu Menschen in der Lage sind und was sie damit bewirken. Zum Glück fand Salman Rushdie einen guten Umgang damit: Er schrieb darüber. Und ich las übers Schreiben und Stehlen und Sterben und Erzählen – ach, es war so viel und es war grossartig.

Im Juni stehen noch einige Memoirs an, zudem möchte ich mal wieder historische oder Gesellschaftsromane lesen. Ein paar liegen schon bereit, sie werden mit mir nach Spanien reisen, denn es ist wieder so weit. Leider nicht für lange dieses Mal.

Was habt ihr im Mai gelesen? Habt ihr schon (Lese-)Pläne für den Juni?

Die ganze Mai-Liste findet sich hier:

André Gorz: Brief an G. Geschichte einer LiebeNach achtundfünfzig gemeinsamen Jahren schreibt André Gorz seiner Frau Dorine diese wundervolle Liebeserklärung, die voller Tiefe, Wärme, Poesie ist. Die Liebe dieser beiden Menschen ist förmlich spürbar und sie rührt zeitweise zu Tränen. Bei aller Liebe geht André Gorz aber auch hart mit sich ins Gericht und schilt sich einiger Fehler, denen er mit dieser Schrift entgegenwirken möchte. Berührend!6 von 5
Simone de Beauvoir: Alles in allemSimone de Beauvoir geht weiter in ihrer Lebensgeschichte, dieses Mal nicht mehr ganz chronologisch, sondern oft auch thematisch. Im Grossen und Ganzen behandelt sie die 60er-Jahre, erzählt von gemeinsamen Reisen mit Sartre, von ihrer Beschäftigung mit Musik, Kunst und Kultur, von ihrem Schreiben und sehr intensiv auch von den globalen politischen Ereignissen. 5
Lena Gorelik: Wer wir sindWas nehmen wir mit, wenn wir fliehen müssen, was lassen wir zurück? Wie prägt uns unsere Herkunft, unsere Familie, wie sind wir mit ihr verbunden? Die Geschichte eines Aufwachsens als Tochter und Enkelin, als Mitglied einer Familie mit all ihren Brüchen, Umbrüchen, Erlebnissen und Prägungen. Ein persönliches Buch, das sich Erinnerungen entlang tastet, diese durch das Schreiben verständlich und erfahrbar macht. Der Sog der Sprache, die so eigen ist, zieht am Anfang in die Geschichte herein, lässt dann aber nach und nach und ein Gefühl der Länge auftauchen. 4
Yasushi Inoue: Meine Mutter – abgebrochenIm Alter zieht die Mutter des Autors zu ihm und seiner Familie. Das Buch handelt von diesem Zusammenleben mit der älter werdenden Mutter mit all ihren Vergesslichkeiten und Eigenheiten, sowie von Gedanken darüber und über die Vergangenheit und die Erinnerungen daran. Mich hat es nicht überzeugt, das Buch blieb seltsam blass und distanziert, so dass ich keinen wirklichen Zugang fand. 
Jean-Paul Sartre: Die WörterSartres Erinnerungen an seine Herkunft, auf seine Familie, auf seine Schreibanfänge und darauf, was ihm das Schreiben bedeutet, wofür es steht. Ein sehr analytischer, selbstkritischer, teilweise ironischer, schonungslos offener Blick auf sich selbst und die eigenen Eigenheiten und auch Selbstüberschätzungen.5
Gisèle Halimi: Alles, was ich bin. Tagebuch einer ungeliebten TochterGisèle Halimi schreibt über ihr Aufwachsen mit einer Mutter, die sie nicht liebt. Sie analysiert, wie es zu dieser fehlenden Liebe kommen konnte, wie das ihre Kindheit, ihr Aufwachsen und ihr Sein prägte. Was bewirkte dieses Ungeliebtsein in ihrem Leben, wie beeinflusste es ihre Ziele und ihre Haltung im Leben. Sie breitet ihr Leben von der Kindheit bis zum Tod der Mutter aus und lässt den Leser durch das Erzählen der Geschichten, wie alles war, teilhaben.3
Rebecca F. Kuang: YellowfaceAthena Liu und June Hayward sind seit ihrem gemeinsamen Literaturstudium Freundinnen, beide streben sie eine Karriere als Schriftstellerin an. Während Athena der Erfolg nur so zufliegt, will June der Durchbruch nicht gelingen. Beim Feiern eines weiteren Erfolges erstickt Athena vor Junes Augen und diese wittert ihre Chance: Sie stiehlt deren fertiges Manuskript und gibt es nach intensiver Umarbeitung als eigene Geschichte heraus. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, doch dann droht der Diebstahl aufzufliegen. Ein Buch Themen wie das Schreiben, den Buchmarkt, Rassismus, Aneignung und die Frage, wer Autor eines Werkes ist. Und vieles mehr. 4
Paul Auster: Bericht aus dem InnernPaul Auster erinnert sich an seine Kindheit, an sein Aufwachsen und seinen Weg hin zum Schreiben. Er spricht sein kleines Ich an, geht in den Dialog mit ihm, erzählt ihm, was war und wie er es aus der heutigen Sicht sieht. Und er nimmt den Leser mit auf diese Reise, die eine persönliche ist, eine Reise in sein Inneres, das er herausholt und sichtbar werden lässt.6 von 5
Veronika Reichl: Das Gefühl zu denkenGeschichten vom Lesen, davon, wie das Lesen und die Lektüre das eigene Leben prägen, wie sie ins Leben eingreifen, weil man sich dem Lesen hingibt und nach Antworten sucht, die man schlussendlich nicht in den Büchern, sondern in den eigenen Gedanken zu diesen finden. Veronika Reichl hat diverse Interviews und Gespräche zum Thema Lesen geführt und diese in die in diesem Buch enthaltenen Erzählungen fliessen lassen. 3
Paul Auster: WinterjournalPaul Auster erzählt aus seinem Erwachsenenleben, er zählt auf: Seine Behausungen, seine Lieben, seine Verletzungen, seine Reisen, Begegnungen mit dem Tod und vieles mehr. Es sind dieses Mal mehr die äusseren Dinge im Blick, und doch prägen auch die ganz tief. Davon handelt dieses Buch.5
Marjan Slobo: Der leere Himmel. Lob der Einsamkeit – abgebrochenMarjan Slobo erkundet das Gefühl der Einsamkeit, sieht es in einer mangelnden Verbundenheit mit der Welt begründet und vor allem auch in der menschlichen Fähigkeit des Selbst-Bewusstseins, durch welches wir diese mangelnde Verbundenheit und die Gefühle, die diese hervorruft mittels Sprache wahrnehmen. Sie beruft sich dabei auf Daniel Dennett, verweist auf Philosophen und Literaten, Filme und Musik. Sie mäandert in ihrem Text durch die verschiedensten Bereiche, ohne die konzis auf das Thema zu beziehen, so dass es an Stringenz fehlt. Viele Wiederholungen, falsche Schlüsse (die Logik stimmt nicht) und eine gewisse Ziellosigkeit führten zum Abbruch meinerseits. Schade, das Thema hätte mich interessiert. 
Tove Ditlevsen: AbhängigkeitTove Ditlevsens Erinnerung an ihre Ehen, ihr Abdriften in die Abhängigkeit nach Schmerzmitteln und anderen Medikamenten. Die Geschichte einer Flucht in eine Scheinwelt, weil die wirkliche nicht ertragbar war, die Geschichte des Kampfes, sich mit der Wirklichkeit wieder zurechtzufinden und den Weg aus der Sucht zu schaffen. Ein eindringlicher Roman, der einen durch die Sprache, durch die Unmittelbarkeit, mit der das beschriebene Leben aus den Zeilen spricht, fesselt und nicht mehr loslässt.5
Salman Rushdie: KnifeIn «Knife» schildert er seine Geschichte rund um den Anschlag auf sein Leben. Er schreibt von der Erschütterung durch die wieder aufgebrochene Gefahr, über den Schmerz beim Angriff und den weiteren beim Bewusstsein, womit er die Zukunft seines Lebens umgehen lernen muss. Er schreibt aber auch von der Kraft der Liebe und wie diese ihn durch all das Leid hindurchtrug. Er schreibt offen, zeigt sich verwundet und verwundbar. Er berührt, bewegt, erschüttert, hallt nach. Ein Buch, das mich mit jeder Faser meines Körpers und Fühlens ergriffen hat. Bis in die Träume hinein.5
Oskar Negt: Überlebensglück – abgebrochenOskar Negt ist es gelungen, aus einer durch Flucht geprägten Kindheit auf dem Bauernhof den sozialen Aufstieg ins Bildungsbürgertum mit Universitätsabschluss zu schaffen. Davon handelt diese Autobiografie. Sie beleuchtet die Hintergründe, weswegen die einen als Gebrochene und Opfer, die anderen als Kämpfer und Gesunde aus schwierigen Lebensumständen hervorgehen. Er schaut auf Theorien und behandelt Philosophien und schafft damit eine Distanz zum Gegenstand einer Autobiografie – zu sich selbst. Ich habe ihn verloren in all den Zeilen und irgendwann abgehängt. 
Sigrid Nunez: Sempre SusanEin sehr persönliches Porträt von Susan Sontag. Sigrid Nunez ist 25, als sie beginnt, für Susan Sontag zu arbeiten. Bald zieht sie bei ihr ein, ist die Freundin von deren Sohn, mit dem sie zusammen ist.  Ein Zusammenleben, das aufreibend ist, das sie in eine Mutter-Sohn-Dynamik hineinzieht, in welcher eine dritte Person einen schweren Stand hat. Es ist ein schonungsloser Blick, aber kein verletzender, ein ehrlicher, unverstellter, der sowohl Hochachtung wie auch Unverständnis ausdrückt, die Sigrid Nunez Susan Sontag in verschiedenen Situationen entgegenbringt. 4
Joan Didion: Wir erzählen uns Geschichten, um zu lebenEssays über sich, ihr Leben und die Welt – vor allem auch die der Kunst und des Films, der Künstler und Bohemiens – um sich. Einblicke und Analysen, persönlich und klar, ein unverstellter Blick auf die Wirklichkeit Amerikas in den Sechzigerjahren.4
Nelio Biedermann: Anton will bleibenNach seiner Krebsdiagnose überlegt Anton, wie er das verbleiende Jahr verbringen könnte, um in die Geschichte einzugehen, schliesslich sollte nach seinem Tod etwas von ihm zurückbleiben. Er versucht sich im Schreiben, mit Fotografieren, Malen, Philosophieren. Er schliesst neue Freundschaften, macht eine Reise, überzeugt einen Jungen mit Selbstmordabsicht von der Schönheit des Lebens. Nur der ewige Ruhm, der scheint ihm nicht gegönnt. Oder doch?4
Andreas Kilcher: Kafkas WerkstattEin Blick hinter die Kulissen von Kafkas Schreiben. Wie haben sein Leben und Lesen sein Schreiben inspiriert? Wie durchzogen sie seine Texte? Eine Analyse seiner Lektüren, Interessen und der historischen und lebensnahen Kontexte und daraus abgeleitet ein Bezug zu einzelnen Texten. Der Schreibprozess selbst bleibt leider eher aussen vor, einige Redundanzen lassen das Ganze etwas langatmig wirken, aber es ist eine informative und kompetente Annäherung an Kafkas Schreiben und ein Hinweis auf eine andere Lesart von dessen Werk. 4
Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens anPapa Kiyak hat Krebs. Die Tochter kümmert sich. Sie spricht mit den Ärzten, kocht Essen, will für ihn da sein, redet gut zu und hat selbst keine Kraft. Sie weint plötzlich in den unmöglichsten Situationen, kämpft immer wieder an allen Fronten, wütet über die Bedingungen von Migranten. Und zwischendurch lässt sie sich von ihrem Papa Geschichten erzählen. Von früher. Von der Familie. Berührend. Bewegend. Tief. 5

Gottfried Benn (*2. Mai 1886)

[…] geboren in einem Pfarrhaus aus Lehm und Balken, erbaut im siebzehnten Jahrhundert, von einem Schafstall nicht zu unter-scheiden.[1]

So beschreibt Gottfried Benn sein Geburtshaus, in dem er am 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg das Licht der Welt erblickt. Ein halbes Jahr später zieht die Familie nach Sellin in die Neumark, wo sie neben dem Pfarramt des Vaters einen kleinen Hof bewirtschaften, um finanziell über die Runden zu kommen. Das Verhältnis Gottfried Benns zu seinem Vater ist angespannt, er nennt ihn einen „grossen Zelot und Fanatiker“, der alles mit Gott verknüpfe, dem Irdischen aber fremd bleibe. Zu seiner Mutter hat Benn ein besseres Verhältnis.

1887 bis 1903 besucht Benn das Friedrichs-Gymnasium in Frankfurt an der Oder, danach will er Medizin studieren, was dem Vater nicht genehm ist, welcher ihn als Nachfolger in seinem Pfarramt sieht und zudem vor den Kosten für ein Medizinstudium zurückschreckt. Gottfried Benn beginnt mit dem Theologie- und Philosophiestudium in Marburg, wechselt später nach Berlin zum Philosophiestudium und wird 1905 wegen „Unfleiss“ exmatrikuliert. An der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen beginnt er ein Medizinstudium, verpflichtet sich da für ein fast kostenfreies Studium, später als Militärarzt zu dienen. 1911 folgt das Staatsexamen, 1912 die Promotion. Schon während der Ausbildung erscheinen erste literarische Werke Benns.

Ab 1912 dient Benn als Arzt in einem Pionierbataillon in Berlin Spandau, muss aber 1913 aus gesundheitlichen Gründen den Militärdienst quittieren und wechselt in die Pathologie eines Berliner Krankenhauses. Es folgen eine Stelle als Schiffsarzt und eine Chefarztstelle im Fichtelgebirge sowie die Ehe mit Edith Brosin, aus welcher die Tochter Nele stammt. 1914 wird Benn in den Kriegsdienst eingezogen, 1917 demobilisiert (die Gründe dafür sind nicht bekannt) und er eröffnet eine eigene Praxis. Er bezieht eine Wohnung im gleichen Haus wie die Praxis, Frau und Kind wohnen in einer Familienwohnung, in welcher er nur sporadisch zu Besuch ist. Benn schreibt neben seinem Arztsein immer noch und braucht dafür Unabhängigkeit und Freiheit. Zudem beflügeln erotische Abenteuer sein Schreiben, welche um Frau und Kind wohl schwer zu haben wären. Trotz allem ist Benn nicht nur der draufgängerische Lebemann, er neigt zu Depressionen, die sowohl auf die eher unerfreuliche Ehe wie auch auf die schlecht gehende Praxis zurückzuführen sind:

Es ist kein Leben dies tägliche Schmieren u. Spritzen u. Quacksalbern u. abends so müde sein, dass man heulen könnte. […] Sinnlosigkeit des Daseins in Reinkultur und Aussichtslosigkeit der privaten Existenz in Konzentration.[2]

1922 erscheinen Benns Gesammelte Schriften. Im selben Jahr stirbt seine Frau, die Tochter wächst in der Folge bei der Opernsängerin Ellen Overgaard auf. In den folgenden Jahren erscheinen viele Gedichte, der Ton derselben wird im Vergleich zum früher sehr radikalen sanfter.

Gottfried Benn fühlt sich zuerst vom Faschismus angezogen, wendet sich dann aber entschlossen dagegen, was zum Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer und zum Schreibverbot führt. Trotzdem tritt er zurück in den Militärdienst (bis heute ist nicht ergründbar, wieso er mit dem Regime zusammenarbeitete), was ihn nach Landsberg an der Warthe führt, wo er in der Kaserne kritische Essays zur Lage der Nation verfasst. 1938 heiratet Benn seine Sekretärin Herta von Wedemeyer, welche sich am 2. Juli 1945 das Leben nimmt. Im selben Jahr kehrt Benn nach Berlin zurück und nimmt seine Tätigkeit als Arzt in der eigenen Praxis wieder auf.

1946 heiratet Gottfried Benn die Zahnärztin Ilse Kaul. Noch immer ist er mit einem Schreibverbot belegt, er darf erst ab Herbst 1948 wieder in Deutschland publizieren. Er verschweigt oder verdrängt dabei seine Kooperation mit dem Regime des Dritten Reichs nicht, sondern thematisiert sie offen. Seine literarische Karriere erlebt einen Aufschwung, 1949 erscheinen vier Bücher, 1951 erhält er den Georg-Büchner-Preis, 1953 das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Am 7. Juli 1956 stirbt Gottfried Benn an den Folgen eines zu spät diagnostizierten Knochenkrebs in Berlin.

Gottfried Benn über sich

Geboren und aufgewachsen in Dörfern der Provinz Brandenburg. Belangloser Entwicklungsgang, belangloses Dasein als Arzt in Berlin.[3]

So lauten die lakonischen Zeilen Benns, als er gebeten wird, für die expressionistische Lyrikanthologie Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung einen kurzen Lebenslauf beizusteuern. Auch die Zeilen aus seiner Autobiographie Doppelleben lassen seinen Unmut der eigenen Biographie und bürgerlichen Herkunft gegenüber deutlich werden:

Herkunft, Lebenslauf – Unsinn! Aus Jüterburg oder Königsberg stammen die meisten, und in irgendeinem Schwarzwald endet man seit je.[4]

Der Titel Doppelleben spricht denn auch seine Zerrissenheit zwischen Bürgertum und Künstlerdasein an. Die Seele sei nie eine Einheit, oft spreche man anders, als man denke, konstatiert Gottfried Benn. Er sieht sich gar aufgefressen von den Bürgerlichen Zwängen, nennt das Leben ein Speibecken, sieht sich von ihm aufgefressen mit Haut und Haar.

Verhülle dich (1950/51)
Verhülle dich mit Masken und mit Schminken,
auch blinzle wie gestörten Augenlichts,
lass nie erblicken, wie dein Sein, dein Sinken
sich abhebt von dem Rund des Angesichts.

Im letzten Licht, vorbei an trüben Gärten,
der Himmel ein Geröll aus Brand und Nacht –
verhülle dich, die Tränen und die Härten,
das Fleisch darf man nicht sehn, das dies vollbracht.

Die Spaltung, den Riss, die Übergänge,
den Kern, wo die Zerstörung dir geschieht,
verhülle, tu, als ob die Ferngesänge
aus einer Gondel gehn, die jeder sieht.[5]

Werke Gottfried Benns u.a.:

  • Söhne. Neue Gedichte (1913)
  • Gehirne. Novellen (1916)
  • Schutt (1924)
  • Der neue Staat und die Intellektuellen (1933)
  • Kunst und Macht (1934)
  • Satirische Gedichte (1948)
  • Doppelleben (1950)
  • Probleme der Lyrik (1951)
  • Destillationen. Neue Gedichte (1953)
  • Altern als Problem für Künstler (1954)

[1] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band I, S. 231
[2] Gottfried Benn: Ausgewählte Briefe, Wiesbaden 1957, S. 15, 19
[3] Sämtliche Werke (Stuttgarter Ausgabe), Band III, S. 448
[4] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band IV, S. 164
[5] Gesammelte Werke (Dieter Wellershoff), Band III, S. 248