Annie Ernaux: Die Jahre

Inhalt

«Sie würde die vielen verschiedenen Bilder ihrer selbst, die getrennt voneinander existieren, asynchron, gern in einer Erzählung vereinen, der Erzählung ihres Lebens, von der Geburt während des Zweiten Weltkriegs bis heute. Eine einzelne Existenz, die in der Bewegung einer ganzen Generation aufgeht.»

Annie Ernaux zeichnet das Bild einer Generation, sie erzählt von den sich verändernden Umständen und den eigenen Gefühlen, Erfahrungen und Lebensentwürfen. Sie will ein Buch über all das schreiben, sammelt Notizen, Fotos, fängt doch nicht an. Sie hat eine Idee, verwirft sie, häuft Material an – es bleibt beim Vorhaben. Und irgendwann hat sie es doch geschrieben und wir lesen es. Wir lesen das Porträt einer Zeit und eines Lebens, eine Mischung aus Erinnerungen an das Zeitgeschehen, soziale wie politische Gegebenheiten, Redewendungen, Gesinnungen, Sitten und Gebräuche. Und mitten drin immer wieder das eigene Leben.

Gedanken zum Buch

«Ich habe Angst, mich in diesem bequemen Leben einzurichten, Angst, irgendwann festzustellen, dass ich nicht bewusst gelebt habe.»

Annie Ernaux hat sich aus der sozialen Unterschicht ins Kleinbürgertum hochgekämpft, sie ist Lehrerin geworden und hat, wie es in diesem Milieu üblich ist, eine Familie gegründet. Die Träume aus der Kindheit und Jugend, der Traum vom Schreiben, von einem freien und unabhängigen Leben, sind verblasst, der Alltag mit Kindern, Mann und Haus ist zum gewählten Leben geworden. Manchmal blitzen die alten Träume auf, doch der Gedanke, das jetzige Leben zu verlieren, ist zu schmerzhaft, sie hat sich eingerichtet.

«Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird.»

Als die Ehe zerbricht, kommt eine neue Dynamik in ihr Leben. Die neugewonnene Freiheit wirkt sich auf allen Ebenen aus, eröffnet neue Möglichkeiten. Fast fühlt sie sich, als wäre das Leben dazwischen nur ein Intermezzo gewesen, nach welchem sie nun nahtlos an die Jugendzeit anknüpft. Nun reift auch der Wunsch, endlich das Buch zu schreiben, das sie schon so lange in sich trägt. Annie Ernaux will erzählen, von all dem, was war, von sich, von der Zeit.

«Es gab keine unsagbar schöne Welt, die wundersamerweise durch eine inspirierte Sprache zum Vorschein kommen würde, sie hatte nur ihre eigene Sprache zur Verfügung, die Sprache aller, sie war da einzige Werkzeug, mit dem sie sich gegen das, was sie empörte, auflehnen konnte. Das zu schreibende Buch würde ihr Beitrag zur Revolte.»

Über viele Jahre hat Annie Ernaux Notizen angehäuft, Tagebucheinträge und Fotos gesammelt. Sie sucht nach der richtigen Form für ihr Buch, sie sucht nach der passenden Sprache, um ihr Leben zu erzählen und wie dieses in die Zeit gebettet war. Sie verbindet persönliche Erfahrungen mit politischem Zeitgeschehen, zeichnet ein Bild der sozialen Schichten und den jeweiligen Gebräuchen in denselben. Sie webt aus den verschiedenen Fäden einen Teppich ihres Lebens und der Zeitspanne, die dieses überdauerte.

Fazit
Ein persönliches Buch über das eigene Leben und wie es in die Zeit gestellt ist. Sehr empfehlenswert!

Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter

Inhalt

„Ich schäme mich, weil ich Mutter angerufen hatte. Es war gegen die Regeln, aber ich hatte es trotzdem getan. Ich hatte gegen ein Verbot, das ich mir selbst auferlegt hatte, und gegen ein Verbot, das mir auferlegt worden war, verstossen.“

Die Künstlerin Johanna verlässt den frischgebackenen, angemessen Ehemann und die gutbürgerliche Familie, um in Amerika mit ihrer grossen Liebe, einem Künstler, ein neues Leben aufzubauen. Nach 30 Jahren ohne Kontakt zu ihrer Familie kehrt sie wegen einer Ausstellung ihrer Bilder in ihre Heimat zurück und möchte die Vergangenheit mit ihrer Mutter aufarbeiten. Sie ruft an, doch Mutter drückt sie weg. Sie verweigert den Kontakt. Ein Versteckspiel beginnt.

Ein Roman aus der Tiefe des Ichs einer verletzten Tochter, die von vielen offenen Fragen geplagt wird und nach Antworten sucht. Eine Erzählung aus der Sicht einer Tochter, die sich in inneren Monologen klarzuwerden versucht, wer diese Mutter wirklich war und heute noch ist. Ein Roman ums Mutter- und Tochtersein, um Schuld und Verpflichtung, um Familie und Eigenständigkeit. Packend, einnehmend, grossartig.

Gedanken zum Buch

«Ich fahre schweissnass aus dem Schlaf hoch und begreife, dass unsere frühere Beziehung in mir überlebt hat, dass die Abhängigkeit, in der ich einmal zu ihr stand und die ich gleichzeitig geliebt und verabscheut habe, in mir lebt.»

Beziehungen, gerade solche, die schwierig waren, würden wir oft gerne hinter uns lassen. Wir möchten das Schwere vergessen, die Vergangenheit abhaken, nach vorne schauen, unbeschwert. Meist ist das nicht so leicht, schon gar nicht, wenn es sich bei der Beziehung um die zur eigenen Mutter handelt. Sie hängt einem nach, meist ein Leben lang, egal, ob man real Kontakt zu ihr hat oder nicht, egal, ob man die Beziehung als störend, verstörend gar, vielleicht auch verletzend empfand. Sie ist und wird es immer bleiben: Die Mutter. Schon in dem Wort stecken Bilder, Hoffnungen, (erfüllte und noch mehr unerfüllte) Sehnsüchte – und mit allem muss man sich irgendwie zurechtfinden.

«Mutter hat sich längst mit dem Tochterverlust abgefunden. Sie will das Beste aus ihrem Leben machen. Warum finde ich mich nicht mit dem Mutterverlust ab? Ich finde mich mit dem Mutterverlust ab, aber ich finde mich nicht damit ab, dass Mutter sich mit dem Tochterverlust abgefunden hat?»

Ist es für eine Mutter möglich, zu sagen, sie habe kein Kind mehr? Kann eine Mutter ihr Kind einfach vergessen, ihr Leben weiterführen, als hätte es dieses Kind nie gegeben? Wie geht man als Kind mit einem solchen Gedanken um? Wie fühlt es sich als Kind an, von der eigenen Mutter vergessen worden zu sein, der Mutter, die man im Gegenzug nicht aus den eigenen Gedanken bringt, egal, wie sehr man es möchte? Wünscht man sich, dass sie sich genauso quält wie man selbst? Weil man denkt, so wenigstens einen Stellenwert bei ihr zu haben, wie sie ihn bei einem selbst hat? Oder ist es eine Form der Rache? Sie soll keine Ruhe haben, weil sie mir keine lässt?

«Sie kann es nicht geschafft haben, mich so in sich zu töten, dass sie nicht mehr wissen will, wie es mir geht. Aber ich weiss, dass sie nicht ans Telefon kommen wird, ich habe es ja probiert, und trotzdem rufe ich an.»

Es ist kaum zu glauben, dass es einer Mutter gelingen sollte, das eigene Kind in sich abzutöten, indem sie es so weit verdrängt hat, dass es de facto nicht mehr existiert. Der Gedanke, von dem Menschen vergessen worden zu sein, dem die bedingungslose Liebe in die Rolle geschrieben ist, schmerzt. Die Verzweiflung, die aus dieser Verleugnung, dieser Verdrängung wächst, hat etwas Monumentales, denn sie ist nicht vorgesehen in unserem Bild vom Leben, vom Muttersein, vom Kindsein.

«…ich bin die verlorene Tochter, die heimgekehrt ist, aber niemand nimmt sie in Empfang, das ist meine Schuld.»

Die biblische Geschichte vom heimgekehrten Sohn hält dieses Bild aufrecht. Der Sohn, der ging, der alles hinter sich liess. Als er wiederkommt, wird er mit einem Fest und mit Freude empfangen. Was, wenn dieses Bild falsch ist? Wenn dieses Bild nicht auf einen selbst und die Mutterbeziehung passt? Was, wenn man die Tochter ist, die nicht mehr heimkehren kann, weil die Tür zubleibt? Wie viel gerät da ins Wanken?

«Mutter, ich erdichte dich mit Wörtern, um ein Bild von dir zu haben.»

Das Buch «Wahrheiten meiner Mutter» stellt die Mutter-Tochter-Beziehung in Frage. Es wirft Fragen auf und zeigt die innere Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrer Mutter, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, ihn aber wieder aufnehmen möchte. Die Vergangenheit hat offene Fragen zurückgelassen, doch die Antworten bleiben aus, weil die einzige Person, die sie geben könnte, sich verweigert. Die Mutter schweigt. Der Tochter bleibt nur, sich ihr eigenes Bild der Mutter zu zeichnen. Ob sie dabei die Wirklichkeit trifft oder nicht, bleibt offen.

Persönliches Fazit

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Es regte mich zum Nachdenken, zum Nachfühlen an, als ich zum Ende kam, wollte ich einerseits wissen, wie alles aufgelöst wird – glaubend, dass es kein wirkliches Ende geben konnte –, aber ich wollte es auch herauszögern, weil ich nicht aus dieser Welt auftauchen wollte, in der ich mich so tief drin fühlte. Grossartig!

Franz Hohler: Das Jahr, das bis heute andauert

Ein Gespräch mit Klaus Siblewski

Inhalt

«Alles, was man selbst erlebt hat, fliesst mit ein in das, was man erzählen möchte. Ich denke, das gilt für die Literatur, das gilt aber auch für die bildende Kunst, die Musik. Schreiben schliesst alles mit ein, ob man es merkt oder nicht.»

Franz Hohler spricht mit Klaus Siblewski über seine Herkunft, seine Familie und sein Aufwachsen. Er erzählt von seinem Weg hin zum Schriftsteller, von seinen einzelnen Stationen und verschiedenen Projekten. Er lässt den Leser teilhaben an seinem Schreibprozess, an Gedanken hinter und zu seinen Büchern, bietet Einblicke in sein Leben und Schaffen. Ein sehr persönliches Buch, das sich mit den verschiedensten Themen beschäftigt, das von Hunden und Spaziergängen, von Fussball und Herkunft, von Ideen und deren Weiterentwicklung, und immer auch vom Schreiben handelt.

Gedanken zum Buch

«Jetzt mache ich ein Jahr lang Auftritte und schreibe, dann sehe ich weiter. Für dieses Jahr meldete ich mich von der Universität ab, und dieses Jahr dauert bis heute an.»

Franz Hohler studierte Germanistik und Romanistik, schrieb daneben kurze Texte, Lieder, Monologe und kleine Szenen. Ihm kam der Gedanke, diese auf die Bühne zu bringen, was ein grosser Erfolg wurde. Obwohl seine Eltern lieber gesehen hätten, wenn er zuerst das Studium abschliesst und dann ein Leben als Schriftsteller ausprobiert, entschied er sich für den anderen Weg: er wollte ein Jahr lang ausprobieren, ob er mit dem Schreiben weitere Erfolge habe, ansonsten ginge er an die Uni zurück. Mittlerweile schaut er auf einige Jahrzehnte dieses freien Schaffens zurück, entstanden sind mehrere Erzählbände, Romane und Bühnenprogramme.

«Für mich war die Welt der Phantasie von grosser Bedeutung. Dort habe ich meine Sujets gesucht, und in der Phantasie ist auch die Groteske daheim. Die Phantasie half mir vorzustellen, wie etwas sein könnte, und nicht bei dem stehen zu bleiben, wie es war.»

Wir gehen durchs Leben und sehen die Welt, wie sie sich uns darstellt. Wir erleben Situationen und nehmen sie für die Realität. Doch ist das alles? Könnte nicht vieles auch anders sein? Könnten aus der scheinbaren Realität nicht viele Möglichkeiten entstehen, wie es auch sein könnte? Was wäre, wenn sich etwas ändern würde? Was wäre, wenn man sich an einem Punkt des Lebens anders entschieden oder die Geschichte einen anderen Gang genommen hätte? Die Fantasie ist ein Türöffner in all die Welten, die hinter der eigentlichen, der sichtbaren, verborgen schlummern und nur darauf warten, entdeckt zu werden. Durch die Fantasie wird eine Vielzahl von Möglichkeiten zum Leben erweckt – realistische, surreale und groteske.

«Ich blickte jetzt auf die Welt, in der ich mich aufhielt. Ich habe immer stärker daran zu glauben begonnen, dass das, was du siehst und erlebst, wenn du aus dem Haus rausgehst, dein Gartentor öffnest und hinter dir lässt, dass dort die Welt beginnt, gleich hinter dem Gartentor oder schon im Garten. Und dass das, was du im Normalbetrieb siehst, die Welt ist, so wie sie ist, und dass es sich lohnt, diese Welt zu beschreiben.»

Aber auch die Welt selbst bietet viel für den, der die Augen offenhält. Wie oft laufen wir durch sie hindurch, sind in Gedanken vertieft und im Geist an einem anderen Ort? Wie oft verpassen wir so das Leben um uns, die kleinen Besonderheiten, die sich im Alltäglichen verbergen? All dies sieht Franz Hohler und beschreibt es in seinen Büchern. Er erzählt von Spaziergängen und davon, was er am Wegesrand sieht, er erzählt von Begegnungen, Eindrücken, Gegenständen und Menschen. Es sind keine spektakulären Berichte von herausragenden Geschehnissen, sondern die kleinen feinen Alltagsbeobachtungen, denen er seine Aufmerksamkeit widmet und dadurch die des Lesers weckt.

«Wir gehen dauernd durch Geschichten. Jeden Tag streifen wir Geschichten, erleben Geschichten, aber bemerken es nicht.»

Es sagte mal jemand, dass der, welcher seine Kindheit überlebt hätte, genug Material zum Schreiben für ein ganzes Leben hätte. Geschichten machen das Leben aus, durch Geschichten erzählen wir uns, wer wir sind und was wir erlebt haben. Geschichten gehören zum Menschsein dazu, sie dienen dem Bewusstwerden der eigenen Existenz. Von Joan Didion stammt der Ausspruch, dass wir uns Geschichten erzählen, um zu leben. Geschichten machen unser Menschsein aus, sie gehören zu unserer Existenz. O5Max Frisch führte den Gedanken fort und sagte, dass wir uns Geschichten erzählen und sie für unser Leben halten. Die Geschichten, die wir uns erzählen, sind nie die ganze Wahrheit, es sind kleine Auszüge aus einem grossen Ganzen, das wir selten wirklich überblicken. Aus dem Grund sind da immer noch viele andere Geschichten im Verborgenen, die wir ausgraben und erzählen könnten.

«Jede Seite wurde so lange geschrieben und wieder geschrieben, bis keine Korrekturen mehr nötig waren. Das mehrmalige Schreiben jeder Seite hat den Vorteil, dass ich in den Schreibfluss hineinkomme und jedes Wort persönlich kenne.»

Jeder Schriftsteller hat seinen eigenen Schreibprozess, der für ihn stimmt. Die einen machen erst genaue Skizzen, wie alles sich entwickelt, um es dann niederzuschreiben, andere schreiben darauf los, um zu sehen, wo die sich entwickelnde Geschichte sie hinführt. Franz Hohler gehört zur zweiten Sorte. Er geht von einer Idee aus und kennt am Anfang das Ende noch nicht – er lässt sich von der sich entwickelnden Geschichte selbst überraschen. Dieses Überraschende, dieses Suchen nach der in der Idee verborgenen Geschichte, macht das Schreiben spannend, so Hohler. Was auf den ersten Blick nach reinem Zufall aussieht, ist auf den zweiten Blick, wenn es um die Sprache geht, alles andere als zufällig, sondern Arbeit, eine Art Komposition mit Worten. Franz Hohler feilt an einzelnen Ausdrücken und Sätzen, bis der Lesefluss zur Geschichte passt. Er zielt auf eine innere Stimmigkeit von Wort, Satz, Melodie.

Fazit
Ein persönliches Buch über das Leben und Schreiben des Schriftstellers Franz Hohler, ein Blick hinter die Kulissen, der ein lebendiges Bild des Menschen hinter den vielen Erzählungen, Romanen und Bühnenstücken zeigt.

Lesemonat Oktober 23

Der Oktober hat warm und sonnig in Spanien begonnen, wurde dann in der grauen, nasskalten Schweiz fortgeführt und endete da, mit ein paar Sonneninseln zwischendurch, auch eher unwirtlich. Als Mensch, der mit Veränderungen eher Mühe hat, kämpfte ich dieses Mal besonders stark mit dem Ortswechsel. Ich kam lange nicht in meinen gewohnten Arbeitsrhythmus, was immer viel mit sich zieht: Wenn es mit dem Schreiben nicht läuft, steht vieles im Zweifel, ich hadere mit mir und den Umständen. Das Gefühl, zu wenig getan zu haben, nagt an Nerven und Laune. Und doch war es auch ein schöner Monat, einer mit vielen schönen Momenten, einer, der Hoffnungen weckte, einer, der bereicherte. Und: Einer mit viel grossartiger Lektüre.

Ich habe mit Edouard Louis seinen Ausbruch aus dem Milieu der Kindheit und das Leben seiner Mutter erforscht, bin mit Herta Müller nach Rumänien und Annie Ernaux nach Frankreich gereist. Ich habe mit Joan Didion über die Liebe, den Tod und das Leben nachgedacht und bin mit Vigdis Hjorth in eine Mutter-Tochter-(Nicht-)Beziehung eingetaucht – mein absolutes Highlight. Daneben habe ich übers Lesen und Schreiben gelesen und es selbst getan.

«Sie sollten nicht alles glauben, was sie denken.» Heinz Erhard

Im Nachhinein betrachtet war ich um einiges produktiver als ich gedacht hatte. Und so bleibt ein grosses Danke an einen Monat, der es doch gut mit mir gemeint hat.

Die ganze Leseliste:

Edouard Louis: Anleitung ein anderer zu werdenNach einer Kindheit, die von Armut, Spott und Gewalt geprägt war, zieht Edouard nach Amiens, um da das Gymnasium zu besuchen. Er kommt in neue Kreise, steigt in die bürgerliche Gesellschaft auf, fühlt sich endlich frei und zugehörig. Er lebt das Leben, das er immer haben wollte und wovon er kaum zu träumen wagte. Doch bald merkt er: Es reicht noch nicht, er will noch weiter aufsteigen, er will die Distanz zu seiner Herkunft noch mehr vergrössern, als Rache an allen, die ihn vorher verspottet haben. Mit voller Kraft und viel Ehrgeiz stürzt er sich in das Projekt, ein anderer zu werden.    Eine berührende und aufwühlende Autobiografie. 6/5
Camille Laurens: Es ist ein Mädchen – abgebrochenEine Geschichte davon, dass Mädchen nichts zählen, dass Jungen die Wunschkinder sind. Ich fand nicht in den Erzählstil rein, die Sprache war mir zu künstlich, zu gesucht, so dass die Geschichte auf mich nicht wirkte, weil sie mich zu sehr auf Distanz hielt.  
Herta Müller: Mein Vaterland war ein ApfelkernIn einem ausführlichen Gespräch mit Angelika Klammer erzählt Herta Müller von ihrem Aufwachsen in Rumänien, von ihren Phantasien und Ängsten als Kind. Sie erzählt von der Bespitzelung, von der Unterdrückung, von der Auswanderung, erzählt von Leid und dem Erbe eines solchen Aufwachsens. Und immer wieder erzählt sie auch von ihrem Schreiben, vor allem an der „Atemschaukel“, sowie vom Kleben ihrer Collagen. 5
Joan Didion: Blaue StundenJoan Didion erinnert sich. Sie erzählt die Geschichte ihrer Tochter. von dem Tag ihrer Adoption bis zu ihrem Tod. Sie erzählt eine Geschichte von Liebe, Tod, Abschied, Freude und Angst. Sie erzählt von ihren Zweifeln, hinterfragt sich und das Leben. Ein persönliches Buch, ein tiefgründiges und bewegendes Buch. In einzelnen Sätzen und Textfragmenten, fast staccatoartig entwickelt sich ein Gefühlsbild, stellt sich die Trauer um den Verlust und der Kampf ums eigene Weiterleben dar. 4
Annie Ernaux: Die JahrePorträt einer Zeit und eines Lebens, eine Mischung aus Erinnerungen an das Zeitgeschehen, soziale wie politische Gegebenheiten, Redewendungen, Gesinnungen, Sitten und Gebräuche, so wie das eigene Leben inmitten von all dem. Annie Ernaux zeichnet das Bild einer Generation, erzählt von den sich verändernden Umständen und den eigenen Gefühlen, Erfahrungen und Lebensentwürfen. Und immer wieder erzählt sie von ihrem Vorhaben, dieses Buch zu schreiben, von den Gedanken dazu und den Absichten, die sie damit hat. 5
Franz Hohler: Das Jahr, das bis heute andauert. Ein Gespräch mit Klaus SiblewskiFranz Hohler spricht mit Klaus Siblewski über seine Kindheit, seine Familie und sein Aufwachsen. Er erzählt von seinem Weg hin zum Schriftsteller, von seinen einzelnen Stationen und verschiedenen Projekten. Er lässt den Leser teilhaben an seinem Schreibprozess, an Gedanken hinter und zu seinen Büchern, bietet Einblicke in sein Leben und Schaffen. Ein sehr persönliches Buch das sich mit den verschiedensten Themen beschäftigt, das von Hunden und Spaziergängen, von Fussball und Herkunft, von Ideen und deren Weiterentwicklung, und immer auch vom Schreiben handelt. 4
Herta Müller: Niederungen – abgebrochenHerta Müller beschreibt das Leben der Banater Schwaben, erzählt von einer Welt voller Kälte, Düsterheit, Gewalt. Sie erzählt in einer sehr eindrücklichen Weise und mit sprachlicher Brillanz von einer Heimat, der all das fehlt, was einen Ort zu einer Heimat macht. Und doch hat mich das Buch nicht erreicht, kam ich nicht in den Erzählfluss rein. 
Annemarie Stoltenberg: Magie des Lesens. Die schönsten Geschichten über die Liebe zum BuchEine literarische Sammlung von beschriebener Bücherliebe. Urs Widmer, Johann Wolfgang von Goethe, Hans Fallada, Marcel Proust und viele mehr schreiben in ihren Büchern und anderen Texten vom Lesen und von Büchern. 3
Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens Joan Didions Mann stirbt bei einem Nachtessen an einem Herzinfarkt, ein Tod aus dem Nichts, den sie lange nicht fassen kann, nicht wahrhaben will. In diesem Buch erzählt sie vom Tod und seinen Hinterlassenschaften, von ihren Gefühlen, von ihrem Erleben, von all den Dingen und Begebenheiten, die sich mit und nach ihm eingestellt haben. Ein wunderbares, tiefgründiges, anregendes Buch, nur für mich zur falschen Zeit. 5
Uwe Timm: Erzählen und kein EndeUwe Timm erzählt vom Erzählen, er zeigt dieses als Verbindung zwischen Menschen und zu sich selbst. Er erzählt vom Aufschreiben dieser Erzählungen, vom Ort des Schreibens, den Mitteln dazu und den Inhalten, die sich im Alltäglichen finden und von da ihren Weg in die Sprache suchen. Er zeigt keine Methoden und Techniken auf, sondern macht Mut, die eigene Stimme zu finden und sie dem passenden Text mit Blick aus der nötigen Distanz zu widmen.4
Martin Suter: Alles im Griff. Eine Business SoapKurzgeschichten aus der Businesswelt, Rangkämpfe, Ellbögeleien, Neidgeschichten. Etwas schwach begonnen, sich gesteigert, amüsant geworden, um am Schluss wieder nachzulassen. Unterhaltsame und kurzweilige Lektüre für zwischendurch. 3
Christa Wolf: Voraussetzungen einer Erzählung: KassandraIch hatte mehr Schreibprozess und wirkliche Arbeitsbeschreibung erhofft, erhalten habe ich Christa Wolfs Erinnerungen an die Zeit der Entstehung, an die politischen Ereignisse, ihre Auseinandersetzung mit der griechischen Mythologie und immer wieder tiefgründige Gedanken zum Leben, zum Menschsein und zum Menschsein in dieser Welt. Vor allem diese Gedanken waren sehr lesenswert und regten zum Nachdenken an. 3
Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner MutterDie Künstlerin Johanna verlässt den frischgebackenen, angemessen Ehemann und die gutbürgerliche Familie, um in Amerika mit einem Künstler ihr neues Leben aufzubauen. Nach 30 Jahren ohne Kontakt kehrt sie wegen einer Ausstellung in ihre Heimat zurück und versucht, die Geschichte mit ihrer Mutter aufzuarbeiten. Sie verweigert den Kontakt. Ein Versteckspiel beginnt. Ein Roman aus der Tiefe des Ichs einer verletzten Tochter, die ihre offenen Fragen beantwortet haben will. Ein Roman ums Mutter- und Tochersein, um Schuld und Verpflichtung, um Familie und Eigenständigkeit. Packend, einnehmend, grossartig. 6/5
Max Frisch: Das schwarze QuadratMax Frischs Poetikvolesungen, die er 1981 in New York gehalten hat. Eine Einschätzung, was Literatur kann und was nicht, wozu Sprache gut ist und wo ihre Grenzen liegen.5
Wilfried Meichtry: Nach oben sinken – abgebrochenVom Aufwachsen eines Jungen in einem kleinen Wallisser-Dorf, vom Schweigen der Erwachsenen, von der fehlenden Zugehörigkeit, vom Sein am falschen Ort. Das Thema wäre gut, der Stil hat mich nicht gepackt, es erinnerte mich zu sehr an einen zu lang geratenen Aufsatz, die kurzen amüsanten Zeilen mochten die Längen nicht abzufedern.
Edouard Louis: Die Freiheit einer FrauEdouard Louis zeichnet das Bild seiner Mutter, er erzählt aus seiner Kindheit, was es hieß für sie (und die Frauen aus dem Dorf), Frau zu sein, mit welcher Gewalt und Unterdrückung Frauen zu leben hatten. Er beschreibt die gegenseitige Fremdheit zwischen Mutter und Sohn zu der Zeit, die Distanz zwischen ihnen, die sich erst auflöst, als er weggeht. Und er zeigt, wie es die Mutter schafft, sich irgendwann aus all dem zu lösen und ebenfalls zu gehen, um sich neu zu erfinden, sich zu befreien und endlich frei zu leben.5

Buchtipp – Edouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden

Inhalt

«…ich habe seit Langem das Gefühl, dass ich schon zu viel erlebt habe; vermutlich habe ich deshalb ein so grosses Bedürfnis zu schreiben, das Schreiben ist für mich eine Möglichkeit, die Vergangenheit zu fixieren und mich so vielleicht von ihr zu befreien.»

Nach einer Kindheit, die von Armut, Spott und Gewalt geprägt war, zieht Edouard nach Amiens, um da das Gymnasium zu besuchen. Er kommt in neue Kreise, steigt in die bürgerliche Gesellschaft auf, fühlt sich endlich frei und zugehörig. Er lebt das Leben, das er immer haben wollte und wovon er kaum zu träumen wagte. Doch bald merkt er: Es reicht noch nicht, er will noch weiter aufsteigen, er will die Distanz zu seiner Herkunft noch mehr vergrössern, als Rache an allen, die ihn vorher verspottet haben. Mit voller Kraft und viel Ehrgeiz stürzt er sich in das Projekt, ein anderer zu werden.

Eine berührende und aufwühlende Autobiografie.

Gedanken zum Buch

«Ich musste eine Daseinsberechtigung für meinen Körper und eine Geschichte wie meine finden, mehr nicht.»

«Anleitung ein anderer zu werden» ist die Fortsetzung von «Abschied von Eddy», Edouard Louis’ erstem Roman. Hier erzählt er die Geschichte von Eddy weiter, erzählt von seinem Umzug nach Amiens, den Herausforderungen eines neuen Lebens und den Veränderungen, die dieses mit sich brachte. Er erzählt davon, wie ein Mensch, der an seinem Sein gelitten hatte, anders werden wollte, wie er sich immer wieder neu erfand, in der Hoffnung, dann endlich am Ziel und glücklich zu sein.

«Alles in mir veränderte sich, aber paradoxerweise wurdest du, je weiter ich mich von dir entfernte, umso präsenter in meinem Leben. Du wurdest zu einer negativen Präsenz.»

Leider ist das nicht so einfach mit dem Glück, man nimmt sich immer mit und damit auch die Vergangenheit, von der man sich distanzieren wollte.

«Wenn ich meinen Vater oder meine Mutter besuchte, hatten wir uns nichts mehr zu sagen, wir sprachen nicht mehr dieselbe Sprache, alles, was ich in dieser kurzen Zeit erlebt und durchgemacht hatte, trennte uns voneinander.»

Edouard einziger Wunsch, sein ganzes Trachten hatte nur den Inhalt, aus dem Dorf, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, wegzukommen, weg von seinen Eltern, von den Menschen da, die ihn verspotteten und zu denen er nicht zu gehören schien. Er wollte ein anderer werden, er wollte aufsteigen. Er fand schnell Anschluss in Amiens, er trat in die bürgerliche Gesellschaft ein und passte sich mehr und mehr an. Es war weniger die örtliche Distanz als die der Klasse mit all ihren Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die ihn von seiner Herkunft trennte. Er tat alles, diese Distanz so gross wie möglich werden zu lassen.

Edouard wollte schreiben wie sein grosses Vorbild Didier Eribon. Er kopierte dessen Arbeitsweise, träumte vom grossen Erfolg, wie ihn dieser hatte.

«Ich schrieb, um zu existieren… Wenn ich es schaffe, einen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen… werde ich vielleicht endgültig, ein für alle Mal vor der Armut gerettet sein, dann kaufe ich eine Wohnung, das wird das Erste sein, was ich tue, mir eine Wohnung kaufen, um bis an mein Lebensende abgesichert zu sein, um niemals auf der Strasse zu landen.»

Es wollte nicht gelingen. Er musste merken, dass er die Herkunft nicht losgeworden war, so sehr er sich auch gemüht hatte. Sie sass noch immer in ihm und trieb ihn an. Vor allem sass da diese Angst, die Armut könnte zurückkommen und damit all das Leid, das er von Kindheit an kannte. All das sass ihm förmlcih im Nacken – und es blieb da. Es sind diese frühkindlichen Prägungen, die sich in uns festgeschrieben haben und sich im Leben immer wieder zeigen, mal bewusst, mal unbewusst.

«Ich hatte noch nicht begriffen, dass die Differenz zwischen meinem und deinem Leben eine Folge von sozialer Ungerechtigkeit und Klassengewalt war, für mich war sie nur der Beweis, dass ich für ein schöneres, bedeutenderes Leben bestimmt war.»

«Anleitung ein anderer zu werden» handelt von Armut und davon, wie sie Menschen benachteiligt. Armut zeigt sich in allem, nicht nur in fehlenden finanziellen Möglichkeiten, sie sitzt im Körper, im Geist, in der Haltung, im Auftreten, in der Sprache. Diese Unterschiede schaffen Distanz zwischen den verschiedenen Klassen, Distanz zwischen den einzelnen Menschen. Wenn nun einer von einer Klasse in eine andere wechselt, entfernt er sich von all denen, die in seiner alten bleiben, den Menschen, die bisher sein Leben teilten. Das kann teilweise gewollt sein, ist aber doch immer auch ein Bruch – und Brüche schmerzen oft irgendwann. Dazu kommt die Frage, ob man in der neuen Klasse wirklich je ankommt, so ganz, oder ob nicht doch die alte so in einem verankert ist und an einem haften bleibt, dass man fortan zwischen den Welten lebt.

«Anleitung ein anderer zu werden» ist aber auch ein autofiktionales Buch von einem jungen Mann, der seinen Platz in der Welt sucht, der sein will, wer er ist mit allem, was ihn ausmacht. Er will sein Begehren leben, wofür er sich bislang immer schämte, und das er verbergen musste, um nicht Spott und Gewalt ausgesetzt zu sein. Er will dazugehören und nicht immer nur am Rand stehen.

«Anleitung ein anderer zu werden» ist zudem ein Buch über Bildung und den Wert, den diese hat, wenn es darum geht, das eigene Leben gestalten zu können. «Wissen ist Macht» schreibt Edouard Louis einmal und er trifft es damit auf den Punkt. Die Ungerechtigkeit, dass dieses Wissen nicht allen zugänglich ist, wiegt deswegen schwer, weil sie das Schicksal der Kinder zementiert, die nicht das Glück hatten, in einem bildungsnahen Haushalt aufzuwachsen. Eddy hat den Ausstieg geschafft, aber er sagt selbst, dass es (neben durchaus viel Aufwand und Einsatz) dank Zufällen, Glück und unterstützenden Menschen möglich war. Dieses Glück haben nicht alle.

Fazit
Ein grossartiges Buch, ein Buch, das schonungslos aufzeigt, wie grausam die Welt für Menschen sein kann, die nicht dazugehören, und wie schwer der Weg ist, das zu ändern. Ein Buch, das berührt, das ergreift, das nicht mehr loslässt – auch dann nicht, wenn es längst ausgelesen ist.

Deborah Levy: Was das Leben kostet

Inhalt

«Seitdem ich nicht mehr mit der Gesellschaft verheiratet war, befand ich mich im Übergang zu etwas oder jemand anderem. Zu was oder wem?»

Die Ehe ist zerbrochen, das alte Leben ist vorbei. Es gilt, ein neues aufzubauen, was immer bedeutet, dass man neue Orte und Abläufe finden muss, dass man in einem neuen Zuhause und im neuen Leben ankommen und sich da einrichten muss. Deborah Levy erzählt aus dieser Zeit des Umbruchs, sie erzählt von den Gedanken, Gefühlen, Herausforderungen und immer wieder auch vom Schreiben. Sie erzählt, wie ein Weg weg von jemandem zu einem Weg zu sich selbst werden kann. Ein wunderbares Buch, ein tiefgründiges Buch, ein Buch zum Mitfühlen, Mitleben, Mitdenken.

Gedanken zum Buch

«In der ungewissen Zeit, in der ich mich befand, war das Schreiben eine der wenigen Tätigkeiten, bei denen ich mit der Angst vor der Ungewissheit, der Angst vor der völlig offenen Zukunft fertigwurde.»

Neues macht Angst, weil man sich vielen Unsicherheiten ausgesetzt fühlt. Was vorher eingespielt, eingeübt, gewohnt war, ist plötzlich alles weg, neue Abläufe und Lebensinhalte stehen vor einem und wollen verstanden und verinnerlicht werden. Neben guten Freunden und anderen Menschen, die in solchen Zeiten immer wieder Rückhalt und Zuspruch geben, hilft bei Deborah Levy auch das Schreiben. Es ist ein Halt in ein einer sonst haltlosen Zeit, es ist das, was weiterträgt.

«Einen Roman zu schreiben erfordert stundenlanges Stillsitzen, wie auf einem Langstreckenflug – mit unbekanntem Ziel, aber halbwegs festgelegtem Streckenverlauf.»

Gerade, weil das Schreiben einen grossen und wichtigen Teil ihres Lebens ausmacht, ist es in diesem Buch, das ein sehr persönliches ist, sehr präsent. Deborah Levy schreibt darüber, was es braucht, um schreiben zu können, sie schreibt von der Wichtigkeit des passenden Ortes, von der benötigten Ruhe und vom Durchhaltevermögen.

«Eine Idee tauchte auf, kam meines Weges, war vielleicht aus einem Kummer gekrochen, aber ob sie meiner vagabundierenden, gar meiner konzentrierenden Aufmerksamkeit standhielte, war unklar. Einer beliebigen Anzahl Ideen quer durch alle Dimensionen der Zeit auf den Grund gehen zu können, ist das grosse Abenteuer des Schreibens.»

Schreiben ist ein Suchen und Gefundenwerden, ist ein Abenteuer und eine Reise. Schreiben führt immer wieder zu neuen Themen, in neue Welten. Es ist das Erfassen dieser Welten in Worten, wodurch es lebendig und begreifbar wird.

«Alles Schreiben dreht sich darum, die Welt zu sehen, zu hören, zu beobachten.»

Um Schreiben zu können, bedarf es der Offenheit, man muss sehen, was um einen ist, man muss die Geschichten, die in der Welt sind, entdecken und aufnehmen, sie entwickeln und aufschreiben. Das kann auch Gefahren mit sich bringen.

«Zu schreiben und offen zu sein und alles Mögliche aufzunehmen ist schwer, wenn das Leben hart zu einem ist; aber sich gegen alles abzuschotten heisst, dass man kein Material hat, mit dem sich arbeiten lässt.»

Schreiben braucht Mut, denn Schreiben ist immer auch ein Risiko. Man weiss selten, was auf einen zukommen, man lässt sich von dem Schreibfluss, der irgendwann von einem Besitz nimmt, anstecken, und folgt ihm zu unbekannten Zielen, solchen, die mitunter auch verletzen können, weil sie auf Themen treffen, die schmerzen. Gerade in unsicheren Zeiten ist diese Gefahr gross. Und doch will man sich ihr stellen, denn das Schreiben ist auch Lebensnotwendigkeit, ohne die Offenheit dem Material gegenüber, würde nicht nur der Schreibfluss versiegen, sondern auch der Lebenssinn.

Fazit
Deborah Levy hat ein persönliches, ein tiefes, ein offenes Buch geschrieben, ein Buch über das Leben und Schreiben, über Umbruch und Neuaufbau, ein Buch über sich und ein Buch für jeden, der sich darin finden mag.

Lesemonat September

Die Zeit rast. Vor knapp drei Wochen bin ich nach Spanien geflogen, zu meinem zweiten Arbeitsplatz. Vor dem Fenster rauscht das Meer, der Wind lässt die Oberfläche kräuseln, die Palmen wiegen sich im Wind – und ich lese und schreibe. Ich habe mir für diesen Aufenthalt viel vorgenommen, bislang läuft es gut. Und wenn es gut läuft, geht es mir gut. Ich geniesse die Ruhe hier, das ungestörte Arbeiten. Und das Lesen, was immer dazugehört. Im September ist viel an Lektüre zusammengekommen.

Ich habe mit bell hooks geschaut, was Heimat ist und wo man hingehört, und das Thema mit Daniel Schreiber weiter vertieft. Das Thema ist auch bei Annie Ernaux (ich liebe sie) und Herta Müller (eine ganz spannende Frau) präsent. Ich habe lesend an verschiedenen Leben teilgenommen (unter anderem bei Deborah Levy, die mir so oft aus dem Herzen schrieb) und mich intensiv mit dem Schreiben und verschiedenen Schreibprozessen auseinandergesetzt.

Es war ein bereichernder Monat, ein Monat, in dem ich mich in meiner Lektüre sehr oft wiederfand, ein Monat, der inspiriert war und mir gut tat. Das absolute Lesehighlight war Edouard Louis mit «Abschied von Eddy» – eine wunderbare Entdeckung für mich. Auf ihn kam ich durch Didier Eribon, der mich auch dazu inspirierte, Annie Ernaux nochmals eine Chance zu geben, nachdem ich beim ersten Versuch wenig angetan war – dieses Mal hat sie mich gepackt (es scheint für Bücher eine richtige Zeit zu geben, sie passen nicht immer ins eigene Leben). Sie gehört also zu den Lesehighlights dazu, ebenso Deborah Levy und Daniel Schreiber.

Ich bin auch heute noch dankbar für Didier Eribons Buch «Rückkehr nach Reims», es hat in mir viel zum Klingen gebracht, es hat viel angestossen. Was für eine Wirkung doch Bücher haben können. Ich liebe es!

Was waren eure Lesehighlights im September?

Die ganze Liste:

bell hooks; dazu gehören. Über eine Kultur der Verortungbell hooks wächst in Kentucky auf, verlässt den ländlichen Staat, um in der Stadt ihr Leben weg von der Arbeiterklasse und im universitären Umfeld zu führen. Sie schreibt vom Wunsch, dazuzugehören, von Rassismus, der auf dem Papier abgeschafft, doch im Leben präsent wie eh und je ist. Sie schreibt vom Trost der Natur, vom Wert der Familie, der Kunst und des sorgsamen Umgangs mit Menschen und der Welt. Sie träumt von einer Welt des Miteinanders, einer Welt der Zugehörigkeit ohne Rassismus und Segregation. Und sie schreibt von ihrer Rückkehr nach Kentucky, den Ort, den sie überall hin mitgenommen hat durch die verinnerlichten Werte und Muster, und wo sie sich nun niederlassen will. 4
Noam Chomsky im Gespräch mit Emran Feroz: Kampf oder Untergang. Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssenDer grosse Denker unserer Zeit über die Gefahren der Klimakrise und eines Atomkrieges, über die manipulative Macht von Massen- und sozialen Medien, über die selbstgemachte Zerstörung unserer Welt. Er behandelt die Notwendigkeiten einer neuen Form von Bildung, die zu mündigen, kritischen Menschen führen ebenso wie die Hoffnung, die im Menschsein und dessen Fähigkeiten begründet ist. Wir tragen gute und schlechte Seiten in uns, wir haben die Wahl, welche wir stärken und wie wir sie einsetzen. 4
Daniel Schreiber: ZuhauseIst Zuhause nur eine romantische Verklärung, eine Illusion, oder können wir es finden? Ist es ein Ort oder einer Gefühl? Ist ein Zuhause eine Einschränkung und damit Feind der Freiheit, oder doch erstrebenswert? Was braucht ein Ort, um zu einem Zuhause zu werden, und was tragen wir dazu bei? Wie wirken sich Orte auf uns aus, und wie bringen wir uns in sie ein? Diese und weitere Fragen über das Leben, das Ankommen, das Wohnen, das Sein behandelt Daniel Schreiber in diesem wunderbaren Essay.5
Annie Ernaux: Erinnerung eines MädchensDie Geschichte eines Mädchens und einer jungen Frau auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben, ihr Heranwachsen mit Wünschen, Träumen, Verletzungen und Scham. Der Blick von Heute auf das Gestern, der Versuch, sich selbst in der eigenen Vergangenheit zu finden und zu durchleuchten, schreibend, und dabei dieses Schreiben selbst immer wieder zu hinterfragen. Ein Herzensbuch!5
Annie Ernaux: Die SchamEin Erlebnis 1952, das die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. Die Erfahrung, dass es zwei Welten gibt, eine unten und eine oben, zu der sie, als eine von unten, nie gehören wird. Die Scham dieser Erkenntnis, die Scham, die sich im Leben festsetzt, die sich in den Zellen des Körpers speichert und immer wieder hervorbricht. All das sind die Themen dieses Buches, das aus Erinnerungen und Reflexionen des schreibenden Erinnerns besteht – Erinnerungen an die Schulzeit, an das Leben zu Hause, an die Eltern, an sich selbst.4
Carolin Emcke: Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und GerechtigkeitWas lässt sich erzählen und wer kann es tun? Für wen erzählen wir und wem wollen wir erzählen? Für wen können wir sprechen und wieso sollen wir es tun? Carolin Emcke fragt nach den Geschichten des Lebens, beleuchtet das Sprechen von Schrecken und Leid. Sie zeigt den Wert der geteilten Geschichten für das Leben und das Überleben, denkt über die Sprache als Verbindung zwischen den Menschen nach. Es sind die Geschichten, die uns als Menschen ausmachen, wir sollten sie teilen. Ein persönliches, ein tiefgründiges, ein zum Nachdenken und Selbst-Erinnern anregendes Buch. 5
Herta Müller: Lebensangst und WorthungerHerta Müller über ihr Schreiben, wie dieses vom Leben und ihrer Herkunft geprägt ist, und über ihre Zusammenarbeit mit Oskar Pastior für das Buch «Atemschaukel».4
Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts1913 – ein Jahr des Aufbruchs und doch zeichnet sich auch ein ein Untergang an. Oswald Spengler prognostiziert ihn. Doch nicht nur das: Karl Kraus verliebt sich, Rilke leidet, Kafkas Heiratsantrag geht in die Hose und vieles mehr passiert in der Welt der Musiker, Literaten, Denker. Florian Illies zeichnet ein wunderbares Panorama des Jahres 1913.5
Gabriele von Arnim: Der Trost der SchönheitEin Buch vom Sehen und vom Fühlen, von der Milde des Alters, von der Gelassenheit, die sich einstellt und doch immer wieder mit Affekten durchbrochen wird. Vom Sich-Einrichten im Leben und seinen Umständen, vom Geniessen der kleinen Dinge, vom Sich-Freuen an den Blumen am Wegesrand, den Wolken am Himmel, dem Buch auf dem Tisch und der Zeit, die bleibt. Und vom Atmen. Und Fühlen. Vom Allem. Und nichts. 3
Uwe Timm: Von Anfang und Ende. Über die Lesbarkeit der WeltWo fängt ein Schriftsteller an, wo hört er auf, wie schuf Gott die Welt und wann war sie wirklich gut? Wann ist ein Buch gut und womit hadert der Schriftsteller bis zum schlussendlichen Gefühl, dass es nun gut sei? Von der Idee zum Schreiben, vom Hadern mit dem Text, vom Neuschreiben und Umschreiben, von all dem erzählt Uwe Timm in diesem Buch und gibt Einblicke in die Schreibprozesse seiner Bücher.4
Robert Menasse: Die Zerstörung der Welt als Wille und VorstellungIm Rahmen der Frankfuter Poetikvorlesungen erzählt Robert Menasse von seinem Schreiben – so dachte ich, wurde aber eines Besseren belehrt. Menasse zeichnet ein Zeitbild, ein Bild der politischen Gesinnung der Gesellschaft, ein Bild von Kapitalismus, Globalisierung und Demokratie, vom falschen Verständnis der Menschen und Polarisierung der Moral. 2
Heinz Bachmann: Ingeborg Bachmann, meine Schwester. Erinnerungen und BilderHeinz Bachmann erzählt aus dem Familienleben, erzählt über das Aufwachsen mit Ingeborg, über seine Beziehung zu ihr, über ihr Leben, ihre Beziehungen. Die Erinnerungen führen nach Wien, Paris, Rom, Zürich und immer wieder auch nach Klagenfurt. Das Buch ist eine Liebeserklärung an die verstorbene Schwester, man spürt die Verbindung der beiden. Wirklich neu ist kaum etwas davon, trotzdem berührt das Buch durch die persönliche Note des Bruders. 5
Alexander Mäder: Journalistisches SchreibenEinführung in die Praxis des journalistischen Schreibens, von der Recherche über die Absicherung der Fakten hin zu Stilfragen ist alles mit Beispielen aus der Praxis anschaulich gemacht und theoretisch erläutert. Alexander stellt die verschiedenen Formen journalistischer Texte vor und gewährt Einblicke in die tägliche Arbeit von Journalisten in Redaktionen wie auch als freie Mitarbeiter. Kompetent, sachlich, auf den Punkt.  5
Edouard Louis: Das Ende von EddyEddy wächst in einem kleinen Dorf im Norden Frankreichs auf, in welchem männliche und weibliche Rollen klar definiert werden. Als schwuler kleiner Junge aus einer armen Familie sieht er sich schon früh Spott, Abwertung und Gewalt ausgesetzt. Er versucht all das wegzulächeln, versucht sich bis zur Selbstverleugnung anzupassen, bis er merkt, dass es eine andere Lösung geben muss. Ein grossartiges Buch!6 von 5
Beate Rössler: Autonomie. Ein Versuch über das gelungene LebenBeate Drössler analysiert, was Autonomie mit einem gelungenen Leben zu tun hat, wieso ein glückliches Leben nicht immer ein gelingendes ist. Sie beleuchtet den Sinn von Tagebüchern für die Selbsterkenntnis sowie deren Beziehung zur Autonomie, ebenso zeigt sie auf, wie Freiheit und Ambivalenzen mit Autonomie zusammenhängen. Welche Voraussetzungen müssen für ein autonomes Leben gegeben sein, und: Gibt es sie wirklich oder ist sie eine Illusion?4
Deborah Levy: Was das Leben kostetDie Ehe ist zerbrochen, das alte Leben ist vorbei. Es gilt, ein neues aufzubauen, in einem neuen Zuhause und im neuen Leben anzukommen und sich da einzurichten. Deborah Levy erzählt aus dieser Zeit des Umbruchs, erzählt von den Gedanken, Gefühlen, Herausforderungen und immer wieder auch vom Schreiben. Ein wunderbares Buch, ein tiefgründiges Buch, ein Buch zum mitfühlen, mitleben, mitdenken. 5
Hans-Ulrich Treichel: Der Entwurf des Autors. Frankfurter PoetikvorlesungHans-Ulrich Treichel erzählt in fünf Vorlesungen im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen von seinem Werden als Schriftsteller. Er nimmt den Zuhörer/Leser mit auf eine Reise aus der Kindheit ins Erwachsensein, von der Lyrik in die Prosa, durch Stationen wie Berlin, Kreta, Rom und immer auch wieder zurück in den Osten, nach Ostwestfalen. Ein persönliches Buch voller Einblicke in das Werden, Schreiben und Leben.  5

Gabriele von Arnim: Der Trost der Schönheit

«Die besonnene Erkenntnis des Alters liegt ja im Genuss und im Trost des kleinen oder bitte auch schrägen Erlebens. Es geht weniger um Ekstase als um die vielstimmige Tiefe der Ruhe, um das Erkennen, das Wahrnehmen von Schönem.»

Wovon handelt dieses Buch? Vom Sehen und vom Fühlen, von der Milde des Alters, von der Gelassenheit, die sich einstellt und doch immer wieder mit Affekten durchbrochen wird. Vom Sich-Einrichten im Leben und seinen Umständen, vom Geniessen der kleinen Dinge, vom Sich-Freuen an den Blumen am Wegesrand, den Wolken am Himmel, dem Buch auf dem Tisch und der Zeit, die bleibt. Und vom Atmen. Und Fühlen. Vom Allem. Und nichts.

Es ist ein Buch der kleinen Sätze, die ab und zu eine Wirkung hinterlassen, ein Buch der kleinen Gefühle, die ganz gross sein können. Es ist ein Buch mit Rückblicken und Einblicken, ein Buch des Sich-Einlassens und dazu Aufrufens. Es ist ein Buch der kurzen Momente, die nachhallen, ein Buch aus dem Leben.

Es ist ein leises Buch, eines ohne grosse Erkenntnisse oder Botschaften. Es ist das leise Plätschern eines kleinen Bachs, das doch mitunter eine schöne Wirkung hat.

Es ist ein Buch, das mich zurücklässt und ich weiss nicht wie. Ein Buch, aus dem man viel für sich ziehen kann aber auch nichts. Vielleicht trägt man auch etwas rein und kommt so damit in einen Dialog? Wer es liest oder gelesen hat: Wie ist es euch damit ergangen?

Habt einen schönen Tag!

Buchtipp – Annie Ernaux: Die Scham

Die zwei Welten der Welt

Und plötzlich erinnert man sich an etwas, und man hat ihn, den

«Beweis für die Existenz zweier Welten und unsere Zugehörigkeit zur unteren.» Annie Ernaux

Oft heisst es, wir haben diese eine Welt, in der wir leben, wir teilen sie. Das mag rein physikalisch materiell so sein, doch im Leben, ideell, in den sozialen Strukturen sind es mehrere Welten, schon zwei reichen nicht aus. Früher sprach man von der Dritten Welt, um Länder zu bezeichnen, welche nach westlichen Massstäben weniger entwickelt und finanziell arm waren. Diese klare Hierarchie hat man sprachlich abgemildert, doch hat sich sonst etwas geändert?

Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist doch, welche Massstäbe auf das Leben und die Welt angelegt werden, um eine Hierarchie zu schaffen. Alle sind sie an einer Norm ausgerichtet, die nach den Werten der entsprechenden Gesellschaft, teilweise auch nur von Teilen davon, bestimmt sind.

Es sind Grundsätze, die in der Luft hängen, für jeden spürbar, als Geländer im Leben, das zeigt, dass nur diesem entlang ein richtiges, weil passendes möglich ist. Über einem Misstritt, einem Fehlverhalten schwebt das vernichtende Urteil:

«Was sollen die anderen von dir denken?»

Sitzt man drin im eigenen Leben, erscheint es als einzig mögliches, als einzig lebbares, als normal. Erst wenn der Blick auf andere Leben fällt, man sieht, was es auch noch gibt in dieser Welt an anderen Welten, kommt aus dem Vergleich das Werten. Man setzt den Bezug und je nachdem ist die Fallhöhe hoch. Was vorher die Welt war, ist nun ein kleiner Teil davon, schwierig wird es, wenn es nicht der wünschenswerte im Ganzen ist. Plötzlich fühlt man sich klein, sieht in den Augen der anderen die Abwertung, spürt sie in deren Verhalten, fühlt den eigenen Platz unten. Und damit kommt die Scham. Sie wird von nun an das Leben begleiten, sich über alles legen, bei allem mitschwingen. Sie wird das Nebengefühl beim eigenen Tun und Sein.

«Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die so empfindet.» Annie Ernaux

Ein Merkmal der Scham ist, dass sie im Stillen herrscht, im Privaten. Dort schwingen Angst und Mangel mit. Die Scham behält man für sich, sie zu benennen fühlte sich noch beschämender an. Und mit diesem Schweigen verstärkt sie sich noch, sie füllt das eigene Denken und sie bewirkt, dass man sich damit allein fühlt, weil man sich nicht vorstellen kann, dass es noch jemanden gibt, der so denkt.

Und vielleicht liegt genau da das Heilmittel: Im Teilen und Mitteilen. Denn dadurch würde man merken, dass es noch mehr Menschen in der gleichen Welt gibt, welche die gleiche Scham teilen. Und wenn man merkt, dass man mit Dingen, derentwegen man sich schämt, nicht allein ist, stellt man fest, dass diese in der Welt normal sind, so dass sie keinen Grund zur Scham darstellen. Annie Ernaux hat das für sich erkannt und über ihre Scham geschrieben. Weil Schreiben Öffentlichkeit ist, es ist ein Heraustreten aus der eigenen Scham, aus dem eigenen privaten Empfinden des eigenen Unwerts hinaus in die Welt der Gleichgesinnten.

Zum Inhalt:
Ein Erlebnis 1952, das die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. Die Erfahrung, dass es zwei Welten gibt, eine unten und eine oben, zu der sie, als eine von unten, nie gehören wird. Die Scham dieser Erkenntnis, die Scham, die sich im Leben festsetzt, die sich in den Zellen des Körpers speichert und immer wieder hervorbricht. All das sind die Themen dieses Buches, das aus Erinnerungen und Reflexionen des schreibenden Erinnerns besteht – Erinnerungen an die Schulzeit, an das Leben zu Hause, an die Eltern, an sich selbst.

Zur Autorin
Annie Ernaux, 1940 in Lillebonne (Frankreich) geboren, Schriftstellerin mit mehrheitlich autobiografisch geprägten Werken, die 2022 den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat.

Gedankensplitter: Wertschätzung

Viele kennen sie, die Erzählungen der verschrobenen Schriftsteller, die sich zum Schreiben in ihr Zimmer einschliessen und nicht gestört werden wollen. Ruhe brauchen sie, Alleinsein. Hinter mehr oder weniger vorgehaltenen Händen zerreisst man sich das Maul: Ein komischer Kauz sei das, ein asozialer Mensch, ein Eigenbrötler. Aber man ist ja tolerant. Wenn er es so will, lässt man ihn, denkt sich seinen Teil.

Dem Schreibenden bleibt das kaum verborgen, ist er doch generell ein eher aufnahmefähiges Gemüt, weswegen er auch überall neue Ideen sieht und Inspirationen findet. Das ist übrigens mit ein Grund für den Wunsch der Ruhe und Abgeschiedenheit, denn ansonsten wären die Einflüsse so dominant, dass die Aufmerksamkeit nicht bei der zu beschreibenden Seite bleiben könnte. Einerseits schmerzt das Unverständnis, doch immerhin wird die Ruhe gewährt. Man kann wohl nicht alles haben im Leben, denkt sich der Schreibende, und wendet sich seinem leeren Blatt zu.

Wie schön, wenn es auch anders geht. Davon schreibt Deborah Levy in ihrem Buch «Was das Leben kostet». Ihr Leben ist gerade in seiner alten Form auseinandergebrochen, ein neues ist im Aufbau und wird nach und nach eingerichtet. Nur eines fehlt: Ein Ort zum Schreiben. Eine Freundin sieht das und hilft. Nicht nur stellt sie ihr den Raum zur Verfügung, sie sorgt auch für die nötige Ruhe:

«Solange sie Wache hielt, durfte niemand mich stören, niemand an meine Tür klopfen, um mich zum Plaudern anzustiften… Derart geschätzt und respektiert zu werden, als sei es das Normalste der Welt, war eine ganz neue Erfahrung.» Deborah Levy

In diesem Moment, es könnte die dunkelste Zeit ihres Lebens sein, wendet sich vieles zum Guten. Deborah Levy wird in diesem Raum drei Bücher schreiben und sie wird es aus der Sicht der ersten Person tun – als ob sie diese erst jetzt gefunden hätte. Was für ein Glück, einen Menschen zu finden, der einen nicht nur vordergründig toleriert, sondern im ganzen Sein und Tun wertschätzt.

«Einen Schutzengel wie Celia hat jeder Mensch verdient.» Deborah Levy

Doris Knecht: Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe

Inhalt

„Wir befinden uns in einer Art Limbus, einer verwaschenen Zwischenwelt ohne erkennbaren Horizont: die Zwillinge zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, ich zwischen erwachsen und alt, alle zwischen dieser Familienwohnung und unseren neuen Lebenssituationen.“

Eine alleinerziehende Schriftstellerin mit Zwillingen, die bald ausziehen, erinnert sich an ihr Leben. Sie erinnert sich in kleinen Episoden an Begebenheiten aus ihrer Kindheit, aus der Jugend, aus dem Leben danach. Sie denkt an verflossene Beziehungen, an ihre Geschwister und an ihre Eltern, denkt an die Rolle, die sie in all diesen Beziehungen spielte. Sie ist sich nie ganz sicher, was davon wirklich erinnert und was vergessen und neu erfunden ist. Und manches ist wirklich vergessen. Doch irgendwie ist das nicht wichtig.

Es ist eine Zeit des Umbruchs: Die Kinder ziehen aus, ein neuer Abschnitt, ihr Leben allein beginnt – nur wo soll dieses stattfinden?

Gedanken zum Buch

„Wenn wir erst mal Kinder haben, sind wir Frauen in den Augen der anderen nichts mehr ohne sie.“

In unserem Leben übernehmen wir viele Rollen. Wir sind Kinder, Freunde, Partner, Arbeitende, Sportler, Mütter. All diese Rollen sind prägend, sie prägen unser Bild von uns selbst und unser Verhalten, aber sie prägen auch das Bild nach aussen, das die anderen von uns haben. Fälle eine dieser Rollen weg, gerät unser Selbstbild ins Wanken. Die Frage, was von uns bleibt, nach innen und nach aussen, steht im Raum. An diesem Punkt steht die Protagonistin, die sich fragt, was es für sie bedeutet, wenn ihre Kinder ausziehen.

Es bleibt nicht aus, an dem Punkt auch das eigene Muttersein zu überdenken, hinzuschauen, wie sie diese Rolle ausgefüllt hat. Sie tut dies auf eine offene, selbstkritische Weise, sieht, wo ihr die Rolle auch schwer fiel, wo sie (eigenen oder fremden) Idealvorstellungen nicht genügt hat. Es gilt aber auch, sich neu zu besinnen, zu sehen, was nun kommt, was das Wegfallen der Rolle für das eigene Leben nun bedeutet, was es nach sich zieht. Vordergründig präsent ist die Wohnung. Wo sie ist, kann sie nicht bleiben, die Frage, wo sie hin soll, stellt sich schwierig dar (zumindest für die Protagonistin, die Leserin hat wohl schon lange eine Idee).

„Mein Problem ist lächerlich. Es ist nur eine behagliche Wohnung, die ich gegen eine andere, vermutlich ebenso behagliche Wohnung eintauschen muss. Aber an keinem anderen Ort habe ich länger gewohnt als hier. “

In dieser Suche nach dem richtigen Raum für sich zeigt sich die Wichtigkeit, die Raum auf das Leben von Menschen hat. Im eigenen Raum spielt es sich ab, er prägt das Leben, er beinhaltet es, er schützt es auch. Der Raum trägt die Erinnerungen in sich, er zeugt von dem, was war und bietet auch Möglichkeiten, was sein könnte. Das macht die Entscheidung für einen neuen Raum oft schwer – es hängt ein Leben dran.

„Ich wollte darüber schreiben, dass ich ein schwieriges Kind war, das Probleme hatte, aber es gelang mir nicht. Was ich schrieb, sagte nicht die Wahrheit über mich, es malte ein völlig falsches Bild von meiner Familie.“

Doris Knecht hat die Geschichte einer Frau an einem Umbruch ihres Lebens geschrieben. Oft sind es diese Situationen, die dazu anregen, uns zu erinnern, zurückzublicken, um zu sehen, wie wir an diesen Ort kamen, an dem wir nun stehen. Erinnerungen tauchen auf, die wir uns erzählen und merken, dass zwar alles stimmt, und doch das entstehende Bild sich falsch anfühlt.

„Die Frau, über die ich schreibe, gibt es nicht. Sie ist ein Konstrukt, zusammengesetzt aus Erinnerungen, viele davon fehlerhaft, aus Selbstüberhöhung und Selbsthass, aus Erzählungen von anderen, aus Bildern in Fotoalben.“

Die Vergangenheit ist mehr als die Summe einzelner Teile, durch das Erinnern kommen Dinge dazu, es schleichen sich Stimmen von anderen, Bilder und das Heute mit ein und damit auch ein neuer Blick.

Von der ersten Seite an gleitet man lesend in eine Welt ein, nimmt Anteil am Leben ihrer Bewohner, erinnert sich mit, denkt und fühlt mit. Man gehört förmlich dazu, nistet sich bei diesen Menschen ein und ist zu Hause. Es ist ein warmes, ein menschliches Zuhause mit Menschen, die einem ans Herz wachsen. Es ist schwer, irgendwann wieder auftauchen zu müssen, wenn die letzte Seite gelesen und die geschriebene Geschichte zu Ende ist.

Fazit
Eine warmherzige, menschliche Geschichte über das Erinnern, das Vergessen, das Leben und die Räume, in denen es stattfindet.

Zur Autorin
Doris Knecht, geboren in Vorarlberg, ist Kolumnistin (u. a. beim Falter und den Vorarlberger Nachrichten) und Schriftstellerin. Ihr erster Roman, Gruber geht (2011), war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde fürs Kino verfilmt. Zuletzt erschienen Besser (2013), Wald (2015), Alles über Beziehungen (2017), weg (2019) und Die Nachricht (2021). Die Verfilmung von Wald kommt im Herbst 2023 in die Kinos. Sie erhielt den Literaturpreis der Stiftung Ravensburger und den Buchpreis der Wiener Wirtschaft. Doris Knecht lebt in Wien und im Waldviertel.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Hanser Berlin; 1. Edition (24. Juli 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 240 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3446278035

Anekdoten: Franz Kafka und Else Lasker-Schüler



Man spricht oft von der Sensibilität des Künstlers. Er bedürfe dieser für sein Schaffen, heisst es dann. Beim genaueren Hinschauen entpuppen sich viele Künstler als zwar durchaus sensibel, aber mehrheitlich in Bezug auf sich selbst, nicht auf andere. Im Gegenteil: Da schöpfen sie aus dem Vollen, schauen kritisch, wählen die Worte hart. So auch Franz Kafka. In seinen Briefen an Felice äussert er sich über Else Lasker-Schüler, über die er wenig Rühmliches zu berichten weiss. Er, der selbst an so vielem leidet (am meisten wohl an sich selbst) und ausführlich drüber schreibt, kann kein Mitleid für diese leidende Frau finden, im Gegenteil:

«Ja, es geht ihr schlecht, ihr zweiter Mann hat sie verlassen, soviel ich weiss, auch bei uns sammelt man für sie; ich habe 5 K. hergeben müssen, ohne das geringste Mitgefühl für sie zu haben; ich weiss den eigentlichen Grund nicht, aber ich stelle sie mir immer nur als Säuferin vor, die sich in der Nacht durch die Kaffeehäuser schleppt.»

Er belässt es nicht dabei. Da er schon dabei ist, haut er nach der Dichterin selbst auch noch deren Werk in die Pfanne:

«Ich kann ihre Gedichte nicht leiden, ich fühle bei ihnen nichts als Langeweile über ihre Leere und Widerwillen wegen des künstlichen Aufwandes. Auch ihre Prosa ist mir lästig aus den gleichen Gründen, es arbeitet darin das wahllos zuckende Gehirn einer sich überspannenden Grossstädterin.»

Sie sind halt auch nur Menschen, die Künstler. Und mitunter doch sehr schwierige Zeitgenossen.

Helga Schubert: Der heutige Tag

Ein Stundenbuch der Liebe

Inhalt

«Ich liebe ihn sehr.»

Das Kennenlernen dauerte lange, die Annäherung war nicht leicht, waren sie doch beide vergeben. Für ihn hätte es zweigleisig weitergehen können, doch sie wollte irgendwann klare Fronten – und kriegte sie. Er zog bei ihr ein. Seit damals sind über fünfzig Jahre vergangen. Als er krank wurde, entwickelte sich das mehr und mehr zu einer Vollzeitaufgabe, die sie mit Hingabe und Liebe übernahm.

Helga Schubert schreibt die Geschichte einer Frau, die ihren kranken Mann pflegt. Sie schreibt von den körperlichen und psychischen Herausforderungen, von den guten und schlechten Zeiten. Sie schreibt von viel Liebe und Zugewandtheit, aber auch von Verzweiflung. Sie schreibt eine Geschichte, die sie gut kennt, denn es ist ihre Geschichte.

Gedanken zum Buch

«Bald wird er sie nicht mehr erkennen.
Das ist das Schlimmste, dachte ich damals.
Dann werde ich nur eine austauschbare Hilfe für ihn sein.
Nicht mehr die Einzige, die unverwechselbare Geliebte.»

Die Betreuung von Angehörigen bringt je nach Krankheit verschiedene Anforderungen mit sich. Während es bei körperlichen Beschwerden vor allem physische Kraft braucht, damit umzugehen, nehmen bei den geistigen Beeinträchtigungen die psychischen Belastungsmomente zu. Helga Schuberts Mann ist zunehmend dement, was es mit sich bringt, dass er immer mehr vergisst – irgendwann wohl auch sie. Der Gedanke, dass ein Mensch, mit dem man so lange das Leben teilte, dem man so verbunden ist und für den man als der Mensch, der man ist, wichtig war, einen plötzlich nicht mehr erkennen könnte, ist nicht leicht zu bewältigen. Es ist quasi ein Weg in die Beliebigkeit, das Kappen eines Bandes, an dem man sich bislang halten konnte.

«Ich muss ein Mittel gegen die Verzweiflung finden, in die ich manchmal falle.»

Helga Schubert redet nichts schön in diesem Buch, sie verklärt nicht, sie klagt auch nicht, sie beschreibt das Leben, wie es ist, mit allem, was es an Schönem und Beschwerlichem mit sich bringt. Entstanden ist so ein sehr liebevolles, warmes, berührendes Buch.

«Eigentlich ist es egal, wo ich lebe, dachte ich, Hauptsache, er ist da, und wenn er nicht mehr in diesem Pflegebett liegen würde, zufrieden und gesättigt und ohne Schmerzen, sondern sein Körper tot wäre und ich in einer Einzimmerwohnung…wäre er ja auch immer da, denn er ist ja in mir.»

Wir lesen von einer Liebe, die tief geht, die dauert, andauern wird, egal, was passiert. Diese Liebe tropft aus den Worten, steht zwischen den Zeilen, fliesst aus dem Buch. Sie macht Hoffnung, hilft, dass aus Mitgefühl kein Mitleid wird, dass die Schwere des Themas nicht erdrückt.

«Auch jetzt als alte Frau, dachte ich plötzlich, habe ich ja noch richtige Lebensaufgaben zu lösen: Es geht nämlich um das Loslassen, um das Annehmen…»

«Der heutige Tag» ist ein Buch, das auch Mut macht. Es lässt an die Liebe glauben, es zeigt, wie viel man als Mensch schaffen kann. Es zeigt auch, dass es wichtig ist, für sich selbst immer wieder Nischen zu suchen, Dinge, die einen freuen. Bei Helga Schubert ist es ihr Schreiben, wenn alles getan ist. Es ist ein Buch, das zeigt, dass das Leben immer wieder neue Herausforderungen an uns heranträgt, und dass wir lernen können, damit umzugehen. Weil der Mensch nie aufhört zu lernen.

Fazit
Ein warmherziges, persönliches, offenes, unsentimentales, aber sehr berührendes Buch über eine grosse Liebe.

Zur Autorin
Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Nach zahlreichen Buchveröffentlichungen zog sie sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte ›Vom Aufstehen‹ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 1. Edition (16. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423283199

Stine Volkmann: Das Schweigen meiner Schwestern

Inhalt

„Es ist, als hätte es diesen Sommer nie gegeben, obwohl nach drei Wochen Inselurlaub ihr ganzer Familienalltag auf dem Festland ein anderer geworden war, und niemand bereute es laut.“

Vier Schwestern treffen sich für die Beisetzung der Urne ihrer Mutter auf Langeoog, der Insel, welche in der Kindheit die schönsten Erlebnisse beheimatete, bis zu einem Sommer, in dem ein Erlebnis alles mit einem Schlag verändert. Waren die vier vorher ein eingeschworenes Team, gingen sie danach innerlich und mehr und mehr auch äusserlich getrennte Wege.

„Sie hat es sich geschworen, nie wieder einen Fuß auf Langeoog zu setzen. Nie wieder. Und jetzt, da sie so nah dran ist, beginnen wieder die Lügen.“

Bei diesem Zusammentreffen brechen alte Wunden auf, Vorwürfe, die im Raum stehen, werden ausgesprochen, die Erinnerung wird wieder lebendig. Doch: Hat sie sich in den einzelnen Köpfen wirklich richtig eingenistet?

Stine Volkmann erzählt die Geschichte der vier Schwestern auf zwei Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven. Immer wieder pendeln wir beim Lesen so zwischen der Gegenwart der erneuten Zusammenkunft und der Vergangenheit der Kindheit hin und her, erfahren mehr über die einzelnen Charaktere, ihre Beziehung untereinander und den Sommer, welcher das Leben der ganzen Familie nachhaltig geprägt hat. Langsam fügt sich Stein für Stein das Mosaik zusammen, bis am Schluss die ganze Wahrheit auf dem Tisch liegt.

Gedanken zum Buch

„Wie immer, wenn es um ihre Familie geht, steigt die altbekannte Wut in ihr auf, sie spürt Machtlosigkeit, fühlt sich wie so oft ungehört und ungesehen“

Familien sind Systeme mit eigenen Dynamiken, in welchen jeder eine bestimmte Rolle innehat. Diese Rollen zu durchbrechen, fällt schwer, sie brennen sich über viele Jahre ein und werden auch sorgfältig aufrechterhalten, da sie das System von innenheraus stützen. Nicht immer ist jeder mit seiner Rolle zufrieden, oft kommt es zu Streit, zu Eifersucht, zu negativen Gefühlen, mit denen jeder einzelne anders umgeht.

„Vielleicht sollte sie davonlaufen. Niemals wieder Eltern oder Schwestern haben. Niemals wieder so zerbrechen.“

Die einen können sich anpassen und kommen so gut zurecht, andere rebellieren und gehen auf Konfrontation, die dritten fliehen.

«Wer nichts ersehnt, wird nicht enttäuscht.»

Und dann gibt es die, welche schweigen, die sich immer weiter in sich zurückziehen und resignieren, weil sie die Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Besserung aufgegeben haben. Auch das ist wohl eine Flucht, die Flucht in die Verweigerung, für die der betroffene aber einen hohen Preis zahlt.

«Ich falle aus der Welt.»

Das Resultat dieser Verweigerung ist die Entfremdung – die von der Welt um einen und auch die von sich selbst, kann man doch ohne die Welt nicht existieren, nicht auf eine zufriedenstellende und lebenswerte weil sinnvolle Weise.

„Wer ist sie in der ganzen Geschichte?“

Wir erzählen uns Geschichten, die wir für unser Leben halten, sagte einst Max Frisch. Wir konstruieren aus der Vergangenheit eine Geschichte, die wir als unsere Lebensgeschichte in uns und nach aussen tragen. Was wir oft nicht bedenken, ist, dass Erinnerungen einerseits selektiv sind, andererseits wandelbar durch die Zeit. Was wissen wir wirklich? Was haben wir nur gedacht und durch die Wiederholung des Erzählens plötzlich zu einer Tatsache erhoben? Wovon wissen wir nur aus dritter Hand, dies aber so tief, dass wir glauben, es erfahren zu haben? Und was, wenn die Geschichte sich ändert, weil wir auf einen Irrtum aufmerksam werden? Was bedeutet das für die eigene Identität? Was verändert das für das Sein und das Selbstbild? Für die Verortung in der Welt, im eigenen Leben?

Stine Volkmann erzählt die Geschichte von vier Schwestern, doch stecken in dieser Geschichte ganz viele Fragen aus dem Leben: Was bedeutet Familie? Darf man lügen? Wie geht man mit einer Lüge um, und wie mit Schuld? Wer bin ich und wer bin ich in dieser Welt? Was, wenn die Welt sich ändert und ich keinen Platz mehr in ihr finde? Wie gehen wir mit Erinnerungen um?

Entstanden ist ein mitreissender Roman mit authentischen Charakteren, einem guten Spannungsbogen in einer flüssig lesbaren Sprache, der gegen Ende etwas an Tempo verliert. Das Ende selbst ist an Pathos und Kitsch leider kaum zu übertreffen, doch die Geschichte bis dahin mag das tragen, so dass es doch eine klare Leseempfehlung ist.

Fazit
Die grossen Fragen des Lebens in Romanform, die Geschichte von vier Schwestern, die in einem Sommer ihr Familiengefühl und irgendwie sich selbst verlieren, bis sie das Leben wieder zusammenbringt und sie einen Umgang mit der Vergangenheit finden müssen. Eine klare Leseempfehlung.

Zur Autorin
Stine Volkmann wurde 1991 in Detmold geboren – wie die vier Schwestern in ihrem Buch. Genau wie sie verbrachte Stine Volkmann die Sommer ihrer Kindheit auf Langeoog, wohin sie es auch heute als Wahlbremerin nicht weit hat. Stine Volkmann studierte Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim, sie arbeitet als Journalistin und Drehbuchautorin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ FISCHER Krüger; 1. Edition (24. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 432 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3810503633

Bücherwelten: Mutter

Man soll sie lieben, achten, Respekt haben. Eine zu sein, bedeutet Liebe, Fürsorge, (Selbst-?)Aufgabe. Kaum ein Begriff, eine Rolle ist so befrachtet mit Ansprüchen, Zuschreibungen und Erwartungen wie die Mutter. Sie wird verklärt und verflucht, sie ist an allem schuld und für vieles verantwortlich. Man könnte meinen, wenn man so viel drüber weiss oder zumindest «geregelt» hat, sei alles klar und einfach, doch wie so oft in diesen Fällen fangen genau da die Probleme an: Was, wenn man diese Punkte nicht erfüllt? Was, wenn man einfach nicht fühlt, was man fühlen soll? Was, wenn diese engste aller Beziehungen einfach nicht entsteht? Oder aber irgendwann verloren geht?

Fragen über Fragen und ein Thema, über das es sicher viel nachzudenken gäbe. Die folgenden vier Bücher haben alle in einer Form mit dem Thema „Mutter“ zu tun:

Bonnie Garmus schreibt über eine Frau, der nichts ferner lag, als Mutter zu werden, die diese Rolle dann aber alleinerziehend mit Tatkraft und selbstbestimmt auf ihre persönliche Weise ausfüllt. 

Anneleen Van Offel schreibt von einem Band der Liebe, das durch Distanz zerrissen wurde, und dessen sich die Mutter nach dem Tod des Sohnes wieder versichern will.

Thommie Bayer erzählt von einem Sohn, der sich seiner Rolle im Leben der Mutter gewahr wird und in diesem Bewusstwerden auch die Mutter für sich besser kennenlernt. 

David Rieff wollte über das Sterben seiner Mutter schreiben und zeichnete stattdessen ein starkes Bild einer grossartigen Frau mit all ihren Herausforderungen, ihrer Tatkraft, ihrer Widerspenstigkeit und ihrem Mut.

Habt einen schönen Tag!