Zu Daniel Schreiber: Liebe! Ein Aufruf

Liebe als Zumutung

Es gibt Wörter, die wirken verbraucht, bevor man sie überhaupt ausspricht. Liebe ist eines davon. Zu oft ist sie zum privaten Gefühl verengt worden, zum romantischen Versprechen, zur therapeutischen Formel, zur weichgezeichneten Gegenwelt einer harten Realität. Wer heute von Liebe spricht, riskiert deshalb schnell den Verdacht der Naivität. Und wer von Liebe im politischen Raum spricht, noch mehr. Daniel Schreiber geht dieses Risiko bewusst ein. Sein neues Buch Liebe! Ein Aufruf ist kein Ratgeber zur Herzensbildung, kein Trostbuch für empfindsame Zeiten, sondern der Versuch, einen Begriff zurückzugewinnen, der aus dem politischen Vokabular fast verschwunden ist: Liebe als Gemeinsinn, als Fürsorge, als solidarische Weltzuwendung.

Schreiber setzt bei einer Erfahrung an, die vielen vertraut sein dürfte: der politischen Lähmung. Die Gegenwart erscheint überfüllt mit Krisen, Überforderungen, Zumutungen. Man liest Nachrichten und spürt nicht zuerst den Impuls zu handeln, sondern den Wunsch, sich abzuwenden. Die Welt wird zu laut, zu hart, zu roh. Genau von dieser Ohnmacht spricht Schreiber. Er verbindet diese Gegenwart mit Erinnerungen an die sogenannten Baseballschlägerjahre im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern, in denen rechtsextreme Gewalt für ihn persönlich eine reale Bedrohung war. In einem Interview beschreibt er diese Erfahrung als ein Wissen, als schwuler Mann bestimmte Orte nicht betreten zu können, ohne gefährdet zu sein.

Damit beginnt das Buch an einer wichtigen Stelle: nicht bei einer abstrakten Theorie, sondern bei einer Wunde. Das ist seine Stärke. Schreiber weiss, wovon er spricht, wenn er von Angst, Rückzug und politischer Erschöpfung schreibt. Er schreibt nicht von oben herab über die Schwäche anderer, sondern aus der eigenen Erschütterung heraus. Gerade dadurch wird seine Frage ernst: Was setzt man einer Kultur der Härte entgegen, wenn man selbst müde geworden ist? Was bleibt, wenn Empörung nicht mehr trägt, wenn Analyse allein nicht genügt, wenn Kritik zwar recht hat, aber keine gemeinsame Welt mehr baut?

Schreibers Antwort lautet: Liebe. Aber er meint damit ausdrücklich nicht romantische Zuneigung, nicht private Sympathie und auch nicht die moralische Verpflichtung, alle Menschen mögen zu müssen. Gemeint ist eine politische Haltung, die Gemeinsinn, Fürsorge, Solidarität und Verantwortung für kommende Generationen umfasst, Werte, die seit der Antike der Liebeskonzeption zugeordnet werden. Bei diesem Liebesbegriff geht es um die Rückbesinnung auf eine politische Kraft, die keine Übereinstimmung der Meinungen verlangt, sondern eine grundlegende Menschlichkeit im Umgang miteinander bedeutet.

Das ist ein kluger Zug, denn das Problem der Gegenwart ist nicht nur, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sind, das war in Demokratien nie anders und ist auch nicht ihr Schaden. Das Problem beginnt dort, wo aus Gegnern Feinde werden, wo das Politische nicht mehr als gemeinsamer Raum des Streitens verstanden wird, sondern als Kampf um Vernichtung, Demütigung, Ausschluss. Schreiber verweist hier auf Hannah Arendt, deren Denken im Hintergrund des Buches eine zentrale Rolle spielt. Arendt war skeptisch gegenüber der Liebe als politischem Prinzip, weil Liebe das Licht der Öffentlichkeit scheut und leicht in Ausschliesslichkeit kippt. Aber sie wusste zugleich, dass Politik ohne Weltliebe, ohne Amor Mundi, nicht bestehen kann. Wer die Welt nicht liebt, wird sie nicht erhalten wollen. Wer sie nicht als gemeinsame Welt erfährt, wird sie entweder beherrschen oder verlassen.

Liebe meint also nicht Verschmelzung, sondern Beziehung. Nicht Harmonie, sondern die Bereitschaft, die Welt mit anderen zu teilen. Das ist ein anspruchsvoller Gedanke, weil er der gegenwärtigen politischen Affektlage widerspricht. Vieles in unserer Öffentlichkeit ist auf Trennung angelegt: auf Lager, Identitäten, Erregungen, Abgrenzungen. Die digitale Gegenwart belohnt nicht das Verstehen, sondern die Zuspitzung. Härte wirkt entschlossener als Zuwendung. Misstrauen wirkt intelligenter als Vertrauen. Kälte gibt sich als Realismus aus. In einer solchen Lage ist es tatsächlich radikal, von Liebe zu sprechen, nicht, weil Liebe weich wäre, sondern weil sie die Logik der Verachtung unterbricht.

Das Buch gewinnt dort seine Kraft, wo Schreiber diese Unterbrechung konkret denkt. Es reicht nicht, gegen Hass zu sein. Man muss Formen finden, in denen Menschen wieder anders miteinander in Berührung kommen. Schreibers Aufruf mündet am Ende ins Kleine: radikale Freundlichkeit im Alltag, gemeinschaftliche Räume, organisierter Widerstand, der nicht perfekt sein muss. Wer alles richtig machen will, tut am Ende oft gar nichts. Schreiber hält dagegen: Es geht darum, es zu versuchen.

Daniel Schreibers Liebe! Ein Aufruf ist kein makelloses Buch. Manchmal wünscht man sich mehr begriffliche Strenge, mehr Unterscheidung zwischen Moral, Politik und Gefühl, mehr Analyse der materiellen Bedingungen von Lieblosigkeit. Aber vielleicht wäre dann auch etwas verloren: die Dringlichkeit, die Verletzlichkeit, der Ton eines Menschen, der nicht mehr nur recht haben will, sondern wieder handlungsfähig werden möchte. In einer Zeit, in der Härte als Stärke gilt und Menschenverachtung als Meinung getarnt wird, ist das nicht wenig.

Vielleicht liegt genau hier die produktive Spannung des Buches. Schreiber schreibt keinen politischen Theorieentwurf und keine soziologische Studie. Liebe! Ein Aufruf ist als schmaler Essay bewusst appellativ angelegt. Es will nicht abschliessend erklären, sondern bewegen. Es will einen Begriff wieder hörbar machen, der unter Zynismus, Angst und falscher Coolness begraben liegt. Darin erinnert Schreiber an Erich Fromm, der Liebe nicht als Gefühl verstand, das einem zustösst, sondern als Praxis, als Kunst, als Fähigkeit. Auch Martin Luther King klingt im Hintergrund mit: Liebe als Widerstand gegen Entmenschlichung, nicht als Einverständnis mit Unrecht.

Am überzeugendsten ist das Buch deshalb dort, wo Liebe nicht als Lösung erscheint, sondern als Anfang. Als eine Haltung, die der Ohnmacht widerspricht. Als eine Weise, nicht aus der Welt zu fallen. Als Entscheidung, die gemeinsame Welt nicht denen zu überlassen, die sie in Feinde und Besitzer, Zugehörige und Ausgeschlossene, Starke und Schwache aufteilen wollen. Liebe in diesem Sinn ist keine private Wärmezone. Sie ist eine Zumutung. Sie verlangt, dass ich mich berühren lasse, ohne mich überwältigen zu lassen. Dass ich widerspreche, ohne zu verachten. Dass ich Grenzen ziehe, ohne die Menschlichkeit preiszugeben. Dass ich handle, obwohl ich weiss, dass mein Handeln unvollkommen bleibt.

Dieses Buch erinnert daran, dass Demokratie nicht nur Verfahren braucht, sondern Haltungen. Nicht nur Institutionen, sondern Menschen, die bereit sind, eine gemeinsame Welt zu wollen. Liebe rettet die Welt nicht von selbst, aber ohne eine Form von Weltliebe, ohne Fürsorge, Gemeinsinn und tätige Mitmenschlichkeit wird keine demokratische Welt zu retten sein. Genau darin liegt die eigentliche Pointe dieses Aufrufs: Liebe ist nicht das Gegenteil von Politik, sie ist vielleicht eine ihrer vergessenen Voraussetzungen.

Rezension – Maggie Nelson: Freiheit

«Ein Teil des Problems liegt im Wort «Freiheit» selbst, dessen Bedeutung keineswegs selbstverständlich oder allgemeingültig ist… sprechen wir über negative Freiheit? Über positive Freiheit? Anarchistische Freiheit? Marxistische Freiheit? Abolitionistische Freiheit? Libertarische Freiheit? Die Freiheit weisser Siedler? Die dekoloniale Freiheit? Neoliberale Freiheit? Zapatistische Freiheit? Geistige Freiheit? Und so fort.»

Mit dem Untertitel Vier Variationen über Zuwendung und Zwang gibt Maggie Nelson ihrem Essayband eine begriffliche Spannung mit, die weit über eine bloße Ergänzung hinausgeht. Freiheit erscheint hier von Beginn an nicht als Gegenbegriff zu Zwang, sondern als etwas, das sich gerade im Spannungsfeld von Zuwendung und Einschränkung konstituiert. Diese Verschiebung ist zentral: Nelson interessiert sich nicht für Freiheit als Abwesenheit von Zwang, sondern für die Formen, in denen Bindung, Verantwortung und Begrenzung selbst Bedingungen von Freiheit sein können.

Freiheit als relationale Praxis

In Anlehnung an Michel Foucault versteht Nelson Freiheit als Praxis, als etwas, das sich nur im Vollzug, im Umgang mit anderen und mit Welt realisiert. Der Untertitel macht deutlich, dass diese Praxis notwendig relational ist: Zuwendung impliziert Abhängigkeit, Nähe, Verletzbarkeit; Zwang verweist nicht nur auf äußere Restriktionen, sondern auch auf jene inneren und sozialen Dynamiken, die unser Handeln strukturieren.

Die vier „Variationen“ – Kunst, Sex, Drogen und Klimakrise – lassen sich so als unterschiedliche Konstellationen dieser Relation lesen. In allen Fällen geht es darum, wie Freiheit unter Bedingungen gedacht werden kann, die sie zugleich ermöglichen und begrenzen. Am Beispiel der Kunst wird zum Beispiel deutlich, dass das Bemühen um Rücksichtnahme – etwa gegenüber verletzlichen Gruppen – selbst in neue Formen der Einschränkung umschlagen kann. Ähnlich im Bereich der Sexualität: Zuwendung, Fürsorge und Konsens sind unabdingbar, doch sie lösen die grundlegenden Spannungen des Begehrens nicht auf.

Freiheit ist immer konflikthaft und sie ist eine Frage der Aushandlung zwischen verschiedenen Polen. Mit diesem Verständnis von Freiheit richtet sich Nelsen gehen zwei verbreitete, aber verkürzte Positionen: einerseits gegen ein libertäres Freiheitsverständnis, das Bindungen als Einschränkung begreift, andererseits gegen moralische Diskurse, die im Namen von Fürsorge und Schutz neue Regime der Kontrolle etablieren. Damit verweigert sich Nelsen aber auch einer klaren Positionierung. Einfache Antworten finden sich in dem Buch nicht, Maggie Nelsen demonstriert einleuchtet, wie unzureichend diese sind, versäumt es aber, eine Alternative im Sinne einer normativen Theorie anzubieten. Entstanden ist so ein Text, der stark theoretisch grundiert ist und sich bisweilen in Referenzen verdichtet, eine sachlich-distanzierte Analyse ohne empirische, erfahrene oder anwendbare Dimension.

Fazit

Der Untertitel Vier Variationen über Zuwendung und Zwang ist der eigentliche Schlüssel zum Verständnis dieses Buches. Er macht deutlich, dass Freiheit bei Maggie Nelson nicht als souveräne Unabhängigkeit gedacht wird, sondern als ein prekärer, nie abgeschlossener Prozess innerhalb von Beziehungen, Verpflichtungen und Begrenzungen.

Freiheit ist damit weniger ein Buch über Freiheit im lebenspraktischen Sinne als eines über ihre Bedingungen sowie die Unmöglichkeit, je vollständig eingelöst zu werden. Wer bereit ist, diese Spannung auszuhalten, wird in Nelson eine präzise Diagnostikerin unserer Gegenwart finden. Wer hingegen nach Orientierung sucht, könnte das Buch als ebenso klug wie unbefriedigend erfahren.

Lesezeiten – Grit Strassenberger: Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert

«Der Mensch ist stehts mehr, als von ihm erkannt wird.» Karl Jaspers

Beim Blick in die Regale voller Publikationen über Hannah Arendts Leben und Werk stellt sich die Frage, ob nicht bald mal alles geschrieben und wirklich Neues noch möglich sei. Grit Straßenberger hat den Versuch gewagt und legt mit Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert eine Biografie vor, deren zentrales Erkenntnisinteresse die ebenso schlichte wie anspruchsvolle Frage ist: Wer war Hannah Arendt? Thema sind dabei nicht nur die Autorin und ihre grossen Werke, sondern auch sie als Person, als Freundin, als Gesprächspartnerin, als Knotenpunkt eines intellektuellen Netzwerks.

«Dichterisch denken – hierin erkennt Arendt eine Möglichkeit, menschliche Geschichte auch in ihren Abgründen zu verstehen. Erzählen ist für sie eine Methode, um das Abgründige, das, was nie hätte geschehen dürfen, zu benennen, zu erinnern und sich mit dem, was geschehen ist, zu versöhnen.»

Straßenberger beantwortet diese Frage, indem sie Leben und Denken konsequent miteinander verschränkt. Der biografische Faden folgt den historischen Zäsuren des 20. Jahrhunderts – Emigration, Totalitarismus, Exil, Neubeginn –, doch er wird immer wieder durch Arendts Werk gespiegelt. Besonders stark ist das Buch dort, wo es zeigt, wie sehr Arendts Denken aus konkreten Erfahrungen hervorgeht: aus Fremdheit, Verlust, politischer Katastrophe und aus dem Bedürfnis, all dies nicht nur zu erleiden, sondern verstehen zu wollen.

«Freundschaft war für die streitlustige Aristotelikerin weit mehr als persönliche Beziehungspflege: nämlich ein genuin politischer Modus des Sich-in-Beziehung-Setzens… Freundschaft bedeutete für sie vielmehr, Konflikte auszutragen und Uneinigkeit zu riskieren.»

Daneben zielt der Blick Strassenbergers auf Arendts Beziehungen. Straßenberger entfaltet ein dichtes Geflecht aus Freundschaften, Briefwechseln und intellektuellen Begegnungen, neben Karl Jaspers, Walter Benjamin, Martin Heidegger und Mary McCarthy ein Grossteil des damaligen intellektuellen Who’s whos. Hannah Arendt war alles andere als eine isolierte Denkerin im stillen Kämmerchen (wobei sie diese Momente auch suchte und brauchte), sondern sie entwickelte ihr Denken wesentlich im Dialog mit Freunden. Die «Virtuosin der Freundschaft» war überzeugt, dass Freundschaft auch unterschiedliche Meinungen und harte Kontroversen aushalten muss.

Auch in der Darstellung der Werke überzeugt das Buch. Straßenberger gelingt es, zentrale Texte wie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft oder Eichmann in Jerusalem verständlich einzuordnen, ohne sie zu vereinfachen. Dabei bleibt sie in der Regel erklärend und hält sich mit Interpretationsversuchen zurück. Dadurch wahrt sie die Komplexität. Das ist eine Stärke, weil es die Komplexität wahrt und Polarisierungen vermeidet. Dies wird vor allem bei der Kontroverse um Eichmann in Jerusalem deutlich, welche eher aus Arendts Perspektive erzählt wird, ohne aber direkt Stellung zu beziehen, während gewichtige Gegenargumente nur am Rand erscheinen.

Der Ton des Buches ist von Sympathie geprägt, ohne in unkritische Verehrung zu kippen. Straßenberger zeigt Arendts Ambivalenzen – ihre Eigenwilligkeit, ihre Konfliktfreude, ihre gelegentliche Unnachgiebigkeit. Doch sie bleibt meist im Modus des Verstehens, weniger des Urteilens. Dadurch fehlt ab und zu ein wenig die Spannung im Buch.

Formal ist die Biografie klar strukturiert und gut lesbar, auch wenn sich gelegentlich Wiederholungen und Redundanzen einschleichen. Das schmälert den Gesamteindruck jedoch kaum. Denn gerade stilistisch gelingt Straßenberger etwas Entscheidendes: Sie macht Arendt zugänglich, ohne sie zu trivialisieren.

«Gegen diese gefährliche Melange von Konformismus, Despotismus und Nationalismus machte Arendt sehr deutlich, was sie unter Demokratie oder unter der ‘Herrschaft des Volkes’ verstand: nämlich ‘das Recht aller, an öffentlichen Angelegenheiten teilzunehmen und im öffentlichen Raum zu erscheinen und sich zur Geltung zu bringen.»

Besonders gelungen ist der Epilog, in dem Straßenberger Arendts Verhältnis zur Demokratie zuspitzt. Hier werden nochmals Arendts tiefgründiges Denken und ihre Positionen deutlich: sie war skeptisch gegenüber Massengesellschaft und Parlamentarismus, setzte auf politische Freiheit und bürgerliche Verantwortung. Vieles entwickelte sie aus ihren eigenen Erfahrungen als Verfolgte, Flüchtling, Heimatlose, welche sie durch eigenständiges Denken zu konzisen Analysen formte. Entstanden sind Werke, die zugleich Analysen der Gegenwart als auch Theorien von Politischen Strukturen generell sind. Daraus entsteht eine Aktualität, die auch heute noch anhält, man könnte fast von einem Boom sprechen. Deutlich wird vor allem auch eines: Hannah Arendt lässt sich nicht leicht einer Strömung oder Richtung zuordnen. Sie selbst negierte auch immer die Versuche anderer, dies zu tun.

Die Denkerin ist weniger eine Biografie im klassischen Sinn als ein Versuch, Leben, Werk und Zeit in ein gemeinsames Bild zu bringen. Straßenberger gelingt dies auf eine informative und differenzierte Weise. Wer Hannah Arendt neu entdecken oder vertiefen möchte, findet hier einen fundierten und zugleich lebendigen Zugang.

Lesezeiten: Erich Fromm – Haben oder Sein

„Solange jeder mehr haben will, müssen sich Klassen herausbilden, muss es Klassenkampf und, global gesehen, internationale Kriege geben.“

Erich Fromms Buch Haben oder Sein ist längst ein Klassiker. Fromm unterscheidet hier zwei Weisen des menschlichen Lebens: der Haben-Modus und der Sein-Modus. Fromms zentrale These lautet, dass die moderne westliche Gesellschaft weitgehend vom Haben geprägt ist – und gerade darin ihre Krise liegt.

„(…) wenn Haben mein Ziel ist, bin ich umso mehr, je mehr ich habe (…)“

Der Haben-Modus beschreibt eine Haltung, in der der Mensch sein Leben über Besitz, Kontrolle und Aneignung definiert. Dinge, Wissen, Beziehungen und sogar Erfahrungen werden zu Objekten, die man „hat“. Aus einer solchen Perspektive wird Identität über Eigentum und Konsum aufgebaut: Ich bin, was ich besitze. Fromm zeigt, wie tief diese Logik in Wirtschaft, Sprache und Denken verankert ist. Das fängt schon früh an, nämlich in der Schule, wo Bildung häufig als Ansammlung von Wissen verstanden wird, das man besitzt, statt als lebendiger Prozess des Verstehens.

Dem stellt Fromm den Sein-Modus gegenüber. Sein bedeutet für ihn Lebendigkeit, Aktivität und Teilhabe. Ein Mensch im Sein-Modus strebt nach Produktivität: Er liebt, denkt, schafft und erfährt die Welt nicht als Objekt, sondern als Beziehung. Lernen bedeutet hier nicht, Wissen zu sammeln, sondern sich von etwas berühren und verändern zu lassen. Fromm zeigt auf, dass diese Sicht auf einer langen Tradition gründet, von der mystischen Tradition über den Buddhismus bis zu Meister Eckhart und Marx.

„Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?“

Die Ausrichtung auf das Haben bleibt nicht ohne Folgen, im Gegenteil. Eine Gesellschaft, in welcher Haben zur dominierenden Lebensform wird, macht auch vor den Menschen nicht Halt: sie werden zu Dingen, zu funktionalen Ausführern von Aufgaben zum Erreichen noch mehr Habens. Dadurch werden sie von ihrer Arbeit entfremdet und bald auch von sich selbst, weil sie sich nicht mehr als produktive Subjekte, sondern nur noch als ausführende Objekte erfahren. Der Mensch hat keinen Raum zur Entfaltung mehr, sondern steht vor der Aufgabe der (Selbst-)Optimierung. Die Ausrichtung am Haben, an materiellem Wohlstand allein garantiert kein erfülltes Leben, sondern führt zu einer dauerhaften inneren Leere.

„Der Konsumentenhaltung liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit.“

Erich Fromm bleibt aber nicht bei der kulturkritischen Frage stehen, sondern er verbindet seine Diagnose mit der Frage, wie ein anderes Leben möglich wäre. Der Übergang vom Haben zum Sein verlangt eine Veränderung der Haltung: mehr Achtsamkeit, mehr echte Begegnung, mehr Mut zur inneren Aktivität statt zur passiven Konsumhaltung. Dabei bleibt Fromm realistisch genug, zu sehen, dass diese Veränderung nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich gedacht werden muss.

In der heutigen Zeit, in der wirtschaftliches Wachstum, Konsum und Selbstoptimierung das Lebensgefühl vieler Menschen prägen, wirkt Haben oder Sein erstaunlich aktuell. Seine Unterscheidung zwischen Besitzorientierung und lebendigem Sein bietet einen klaren begrifflichen Schlüssel, um viele Phänomene der Gegenwart zu verstehen – von der Konsumkultur bis zur Suche nach Sinn.

Fromms Stil ist dabei essayistisch und zugänglich. Er verbindet psychologische Beobachtung, philosophische Reflexion und gesellschaftliche Kritik zu einem Gedankengang, der auch ohne akademischen Hintergrund verständlich bleibt, was ihm von akademischen Kreisen oft angelastet wurde und wird. Gerade darin liegt aber die Stärke des Buches: Es will nicht nur erklären, sondern zum Nachdenken über die eigene Lebensweise anregen.

„Die Alternative von Haben oder Sein ist keine abstrakte philosophische Frage, sondern betrifft die praktisch wichtigste Entscheidung unseres Lebens.“ (SVS)

Haben oder Sein ist deshalb mehr als eine theoretische Analyse. Es ist ein Plädoyer für eine andere Form des Menschseins, zu einer Lebensweise, die weniger vom Besitz und mehr von Lebendigkeit, Beziehung und innerer Freiheit geprägt ist. Wer sich mit der Frage beschäftigt, was ein erfülltes Leben ausmacht, wird in diesem Buch einen ebenso klaren wie herausfordernden Gesprächspartner finden.

Lesezeiten: Erich Fromm – Die Furcht vor der Freiheit

(Original: Escape from Freedom, 1941)

Am Anfang von Erich Fromms längst zum Klassiker avancierten Buch Die Furcht vor der Freiheit steht eine einfache Frage, formuliert im Schatten des aufkommenden Faschismus: Warum fliehen Menschen vor der Freiheit, statt sie zu nutzen?

«Unser Ziel ist, zu zeigen, dass die Struktur der modernen Gesellschaft den Menschen gleichzeitig auf zweierlei Weise beeinflusst: Er wird unabhängiger, er verlässt sich mehr aus sich selbst und wird kritischer; er wird aber andererseits auch isolierter, einsamer und stärker von Angst erfüllt.»

In seiner Argumentation geht Fromm historisch vor. Er blickt auf den Menschen der Vormoderne, welcher stark in traditionelle Ordnungen (Familie, Kirche, Stand, Gemeinschaft) eingebunden ist. Diese Bindungen gaben Sicherheit und Orientierung, ließen aber wenig individuelle Freiheit. Mit der Moderne, insbesondere seit der Reformation und der Entwicklung des Kapitalismus, wird der Mensch zunehmend von diesen Bindungen gelöst. Er gewinnt Freiheit, erfährt aber zugleich auch Vereinzelung, Unsicherheit und Angst.

Hier setzt Fromms zentrale These an: Freiheit ist nicht nur Befreiung von äußeren Zwängen, sondern stellt den Menschen auch vor die Aufgabe, sein Leben selbst zu gestalten und Verantwortung zu tragen. Viele Menschen empfinden diese Offenheit als Überforderung uns reagieren mit psychologischen Mechanismen, die Fromm als „Fluchtwege aus der Freiheit“ beschreibt. Er nennt deren drei:

  • Autoritarismus – das Bedürfnis, sich einer starken Autorität zu unterwerfen oder selbst Macht über andere auszuüben.
  • Destruktivität – der Versuch, eine bedrohliche Welt zu zerstören, um sich ihrer Unsicherheit zu entziehen.
  • Konformismus – die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen, bis das eigene Selbst verschwindet.

Hier zeigt sich auch die ungebrochene Aktualität des Buches, wird hier doch sichtbar, wieso sich Menschen autoritären Systemen und politischen Bewegungen zuwenden, weil sie darin die verlorene Sicherheit und Orientierung wieder zu finden hoffen. Nach Fromm erfolgt diese Zuwendung also mehr aus anthropologischen Gründen, denn aus politischer Überzeugung.

Nach Fromm ist echte Freiheit nur dort möglich, wo der Mensch durch Liebe, Kreativität, Arbeit und verantwortliches Handeln ein produktives Verhältnis zur Welt entwickelt. Freiheit bedeutet dann nicht Vereinzelung, sondern eine aktive Beziehung zu anderen Menschen und zur Welt. Zeitweise trägt das Buch deutliche Spuren der Zeit seiner Entstehung, auch wirken gewisse soziologische Verallgemeinerungen stellenweise schematisch. Trotzdem überzeugt sein Kerngedanke: Freiheit ist kein Zustand, der einfach erreicht wird, sondern eine Aufgabe des Menschseins.

«Das einzige Kriterium für die Verwirklichung der Freiheit ist, ob der einzelne Mensch aktiv sein Leben und das der Gesellschaft mitbestimmt oder nicht, und das nicht nur durch den formalen Akt der Wahl, sondern bei seiner täglichen Arbeit und in seinen Beziehungen zu den anderen,»

Fromm erinnert daran, dass Freiheit Mut verlangt, den Mut, ein eigenes Selbst zu entwickeln, statt sich in Anpassung oder Autorität zu flüchten. Gerade in der heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Bedrohungen und komplexen Zusammenhängen ist das dringend nötig. Es ist nötig, dass Menschen sich ihrer gemeinsamen Aufgabe der Welt gegenüber erinnern und ihre Freiheit nutzen, in dieser gemeinsam zu handeln.

«Das unveräusserliche Recht des Menschen auf Freiheit und Glück ist in Eigenschaften begründet, die dem Menschen angeboren sind: in seinem Streben zu leben, sich zu entfalten und die in ihm angelegten Möglichkeiten zum Ausdruck zu finden, welche sich im Prozess der historischen Evolution in ihm entwickelt haben.»