Lebenslügen

Mein Telefon klingelte zehnmal. Ich liess es läuten, bis sich die Mailbox einschaltete. Beim letzten Anruf hast du eine abgeschnittene, aber verständliche Nachricht hinterlassen. Deine Stimme zitterte, während ich ein paar Kilometer entfernt in den Schlaf sank.

Viola war immer schon anders als die anderen. Dass sich Carlo, der Schwarm aller in der Schule, ausgerechnet für sie interessierte, verstand keiner, am wenigsten Carlos Mutter. Trotzdem sind die beiden unzertrennlich, werden eine kleine Familie mit Luce, leben über Jahre glücklich zusammen, bis eines Tages alles aufbricht, die ganze grosse Lebenslüge mitten im Raum steht: Luce liegt im Spital, kämpft um ihr Leben, helfen kann nur noch eine Lebertransplantation. Aber: Carlo ist nicht ihr Vater, seine Leber passt nicht.

Sich an die Vergangenheit zu erinnern war, wir das Fenster eines Wolkenkratzers in achthundert Meter Höhe aufzureissen und ohne Geländer in die Tiefe zu blicken. Das Gefühl, in den Abgrund zu fallen.

Mehr als mein Leben ist die Geschichte von Menschen mit Fehlern, eine Geschichte, die Lebenslügen offenbart und aufzeigt, was diese mit den einzelnen Mitgliedern einer Familie anstellen. Es ist ein Buch voller Emotionen, sowohl in der Geschichte selber wie auch beim Leser. Das Buch lässt einen eintauchen in die Welt von Viola, lässt einen mitfühlen bei Schmerz, Wut und Verzweiflung.

Sara Rattaro schreibt in einer klaren, knappen Sprache, sie pendelt zwischen dem aktuellen Geschehen und Violas Erinnerungen an ihr Leben, das zu dieser Aktualität führte, hin und her. Durch die emotionale Präsenz der Gegenwart, durch die Angst um die Tochter und den Drang, wissen zu wollen, wie es weiter geht, werden die Rückblenden mit der Zeit zu einer Bremse, indem sie einen von dem zurückhalten, in das man weiter hinein möchte. Des Weiteren ist ziemlich bald klar, was Viola plant, um das Leben ihrer Tochter zu retten, was Spannung wegnimmt. Trotzdem ist das Buch gut gelungen, es berührt, es wühlt auf, es stellt Fragen in den Raum, die man lieber nicht beantworten möchte in der Realität: Was würde ich tun? Wie kann das Leben weiter gehen, wenn Lebenslügen, die eine Basis bildeten, aufbrechen? Welchen Preis zahlt man für sein Leben?

Ich wusste sehr gut, dass der Preis der Sache nicht nur mit Geld zu tun hatte.

 

Fazit:
Ein tiefes, emotional aufwühlendes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sara Rattaro
Sara Rattaro, 1975 in Genua geboren und aufgewachsen, studierte Biologie und Kommunikationswissenschaften und arbeitet heute als Pharmavertreterin. Ihre Passion fürs Schreiben begleitet sie schon ein Leben lang. Mehr als mein Leben, ihr zweites Buch, wurde in Italien zum Überraschungsbestseller. Auch ihr jüngster Roman, Die Zerbrechlichkeit der Liebe, feierte in Italien große Erfolge und bedeutete ihren internationalen Durchbruch.

 

Angaben zum Buch:
RattaroLebenGebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Pendo Verlag (1. Oktober 2013)
Übersetzung: Gaby Wurster
ISBN-Nr.: 978-3866123496
Preis: EUR 16.99 / CHF 26.90

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Lebenswege und Kreuzungen

Carol will sich befreien. Endlich will sie Bob sagen, dass sie ihn nicht mehr liebt, ihn nie geliebt hat, dass sie sich trennen will. Dass sie auch ihre Tochter nicht liebt, macht diesen Schritt noch einfacher, sie weiss nur eines, sie muss endlich weg. Just an dem Tag, an dem sie diese Botschaft überbringen will, entdeckt Bob einen Knoten in seiner Hode, welcher sich als Krebs entpuppt. Die ersehnte Freiheit muss warten.

Bobs Diagnose platzt wie eine Bombe in Carols Leben, reisst ihr den keimfreien Boden der schicken Praxis mit einem Ruck unter den Füssen weg.

In ihrem Frust schreibt sie Briefe ans Universum, die sie aber per Post verschickt. Albert, kurz vor der Pension stehend und mit der Aufgabe betraut, unzustellbare Briefe zu sortieren, fängt die Briefe auf, liest sie und nimmt so an ihrem Leben teil.

Obwohl ich ihn nicht LIEBE […], hat mich der Krebs daran erinnert, was ich an ihm liebe. Und damit meine ich nicht etwa seine sympathischen Marotten oder seine lustigen Witze, weil er nämlich keine sympathischen Marotten hat und seine Witze eher lahm sind. Ich glaube, ich will eher darauf hinaus, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben.

Da er selber einsam ist seit seine Frau vor 40 Jahren starb, hat er nun einen neuen Lebensinhalt gefunden. Die Briefe verändern sowohl Carols wie auch Alberts Leben. Beide erkennen sie etwas über sich selber und ihre Geschichte und fassen Vorsätze für den weiteren Lebensweg.

Tom Winter erzählt mit viel Humor, teilweise feinem, teilweise herben, nie aber bösartigem Humor die Geschichte von zwei Menschen, die sich in ihr Leben ergeben und damit eigentlich zu leben aufgehört haben. Die Geschichte selber lebt hauptsächlich von den Figuren, welche sehr liebevoll gezeichnet sind und einem damit ans Herz wachsen. Ihr Vermeiden von Entschlüssen, welche lebensverändernd sein könnten, haben etwas zutiefst menschliches, das wohl jeder schon mal selber erlebt hat.

Fazit
Die Geschichte zweier Menschen, deren Wege sich durch Briefe kreuzen, ohne dass sie sich kennen, erzählt mit viel Humor und Liebe. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Tom Winter
Martin Walker wurde 1974 in der Nähe von London geboren. Nach 15 Jahren in Hongkong und Shanghai lebt er nun in Berlin, wo er als Werbetexter für internationale Firmen arbeitet. Unbekannt verzogen ist sein erstes Buch, der zweite ist gerade in Arbeit.

winterunbekanntAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 281 Seiten
Verlag: Insel Verlag (13. März 2013)
Übersetzung von: Regina Rawlinson und Sabine Lohmann
ISBN-Nr.: 978-3458359166
Preis: EUR  12.99 / CHF 21.90

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