Es war einmal ein Fischteich. Neben vielen kleinen Fischen schwamm darin auch ein grosser Hecht. Die kleinen Fische bewunderten ihn, weil er so gross war. Alle buhlten um seine Gunst, jeder dachte, wenn er nur erst im Schlepptau des grossen Hechts sei, wäre er auch etwas Besonderes und nicht bloss ein kleiner Fisch.

Eines Tages schwamm Jakob, ein wunderschöner kleiner blauer Fisch durch den Teich, als der grosse Hecht ihn ansprach. „Jakob, du bist so schön blau, wie bist du so geworden?“ Jakob freut sich über die Aufmerksamkeit und sagt zum grossen Hecht: „Ich habe in einer Teichecke eine blaue Blume gefunden. Immer, wenn ich davon esse, werde ich noch blauer.“ Der grosse Hecht strahlte über alle Backen und fragte Jakob: „Kannst du mir die Blumen zeigen? Ich möchte auch so blau sein. Als Dank dafür nehme ich dich in mein Rudel auf, dann bist du auch einer von den Besonderen.“

Jakob freute sich und nahm den grossen Hecht sogleich mit in die Ecke, wo die blauen Blumen wuchsen. Gierig fing der Hecht zu essen an. Er ass und ass, bis er keinen Bissen mehr runterkriegte. Langsam wechselte seine Farbe ins Blaue. Der Hecht war glücklich und schwamm weg. Jakob rief ihm nach: „Warte auf mich, ich gehöre nun doch zu dir.“ Der Hecht drehte sich um und lachte nur: „Du kleiner Fisch? Wozu würde ich dich jetzt noch brauchen?“

Jakob war traurig. Er war wohl reingelegt worden, weil er zu gutgläubig gewesen war. Wie er so traurig in der Ecke sass, kam sein Freund Klaus angeschwommen. „Was hast du denn, Jakob?“ Jakob erzählte ihm die ganze Geschichte. Klaus schaute ihn an und fing zu lachen an. Jakob wurde böse. „Du willst mein Freund sein? Lachst mich aus, wenn ich leide?“ Klaus hörte sofort auf zu lachen, schaute etwas betreten. Dann sagte er: „Jakob, verstehst du nicht? Du brauchst den grossen Hecht gar nicht, du bist längst etwas Besonderes. Wie wäre er sonst auf dich aufmerksam geworden? Zudem hat der grosse Hecht, seit er so blau ist, keine ruhige Minute mehr, weil alle Fischer hinter ihm her sind.“

Es war ein strahlend schöner Sommertag. Am Himmel zeigte sich kein Wölkchen und die Vögel sangen fröhlich ihre Lieder. An diesem Tag kam irgendwo in den Bergen ein kleiner Murmeltierjunge auf die Welt. Seine Eltern konnten ihr Glück kaum fassen. Mit der Geburt ihres Sohnes ging ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung. Sie nannten ihn Nicki.

Nicki war ein aufgeweckter kleiner Kerl, der sehr neugierig alles erkunden wollte. Anfangs noch etwas tapsig auf den Beinen, wagte er sich immer mutiger weiter vor in der Murmeltierhöhle und bald schon musste die Mutter aufpassen, dass er nicht zu weit ging, denn noch wusste er nichts von den Gefahren ausserhalb der geschützten Höhle. Er wäre ihnen hilflos ausgeliefert.

Nicki vergnügte sich in der Höhle mit seinen Lieblingsspielen. Für sein Leben gerne spielte er verstecken. Es kam vor, dass er eine ganze Weile in seinem Versteck sass und darauf wartete, dass ihn seine Mutter fand. Um Nicki eine Freude zu machen, rief Mama Murmel laut nach ihm und suchte an den unmöglichsten Orten nach ihm, obwohl sie ihn längst gesehen hatte. Wenn er sich schliesslich zeigte, mussten beide lachen. Überhaupt war das Leben für Nicki voller Freude.

An einem sonnigen Morgen war es endlich soweit. Mama Murmel sagte zu Nicki: „Zieh deine Schuhe und deine Mütze an, Nicki, wir gehen Beeren pflücken. Heute siehst du zum ersten Mal die Welt da draussen vor der Höhle.“ Nicki freute sich, dass er endlich all die Dinge sehen konnte, von denen er bisher nur gehört hatte. Endlich sah er die Vögel, die ihn jeden Morgen mit ihrem wunderschönen Gesang weckten, endlich sah er die Sonne, die ab und zu einen Strahl zu ihm in die Höhle schickte.

Als Nicki fertig angezogen war, ging’s los. Nun packte Nicki doch etwas die Angst. Je näher sie zum Eingang der Höhle kamen, desto näher rückte er an seine Mutter. Er wusste nicht genau, was ihn da draussen erwartet und fühlte sich plötzlich sehr klein und hilflos. Kurz vor dem Eingang der Höhle stellte er sich auf die Zehenspitzen, streckte seinen Hals so weit er konnte nach vorne und blinzelte um die Ecke nach draussen. Was er da sah, verschlug ihm fast die Sprache. Satte grüne Wiesen lagen da, Schmetterlinge tanzten in der Luft, am Himmel flogen singend Vögel und die Sonne strahlte ihn an. Es war, als wolle ihn die Welt begrüssen. Als er das sah, wurde er mutiger, liess seine Mutter los und lief hinaus. Erst noch etwas zaghaft, dann immer ungestümer sprang er umher, tanzte zwischen den Blumen, lachte und sang. Er war glücklich. Nachdem er sich so ausgetobt hatte, lief er zu seiner Mutter, die schon mit dem Beerenpflücken begonnen hatte. Eifrig begann auch er, die schönen blauen Beeren vom Strauch zu pflücken. Seine Hilfe war aber nicht ganz so gross, der mitgebrachte Korb füllte sich kaum. Stattdessen wurde sein Bauch immer runder und die Haare um seinen Mund immer blauer.

Als die Sonne sich langsam senkte, wollte Mama Murmel nach Hause gehen. Nicki war traurig, dass er seine neue Freiheit schon wieder aufgeben sollte.

„Mama, können wir nicht noch etwas bleiben? Es ist so schön hier“, sagte Nicki. Seine Mutter antwortete: „Nein Nicki, wir müssen heim und uns ums Nachtessen kümmern. Wir kommen aber bestimmt morgen wieder her!“

Das tröstete Nicki und eigentlich war er auch recht müde von den vielen Eindrücken. Zu Hauswe kroch er sofort ins Bett und war auch gleich eingeschlafen. Er hoffte, die Welt in seine Träume mitnehmen zu können. Aber es kam anders.

Mitten in der Nacht erwachte Nicki, weil ihn etwas an den Füssen kitzelte. Als er nachschaute, was es war, sah er ein kleines rotes Tierchen auf seinem Fuss rumspazieren. Erschocken rief er nach seiner Mutter: „Mama, da krabbelt etwas über meinen Fuss!“ Schnell kam die Mama herbeigeeilt. Als die Mutter sah, was los war, meinte sie: „Hab keine Angst, das ist eine Ameise, die tut dir nichts. Ich werde mal nachschauen, woher sie kommt.“ Auf dem Weg nach draussen begegnete sie einer ganze Reihe der kleinen Tierchen. Beim Eingang angekommen sah sie die Bescherung: Eine Ameisenfamilie hatte begonnen, genau über ihrem Eingang einen Ameisenhaufen zu bauen. Schnell eilte Mama Murmel in die Höhle zurück und erzählte Papa Murmel, was sie gesehen hatte. „Was sollen wir nur machen?“ fragte sie. „Wenn wir nichts unternehmen, sind bald alle Ameisen in unserer Wohnung.“ Papa, noch ganz schlaftrunken, meinte darauf: „Lass uns unsere Freunde holen und sie fragen. Einer weiss sicher Rat!“ Glücklicherweise besass die Höhle einen Notausgang, den sie nun benutzen konnten. Sie eilten zu den Höhlen ihrer Freunde und trommelten alle zusammen. Papa Murmel erzählte ihnen vom Ameisenhaufen und den vielen Ameisen in ihrer Höhle. „Könnt ihr uns helfen, eine Lösung zu finden, dass die Ameisen nicht mehr in unsere Höhle kommen?“

Fridolin, ihr Nachbar meinte: “Wir könnten den Haufen kaputt machen, dann bauen sie ihn an einer andern Stelle wieder auf und ihr habt eure Wohnung wieder für euch.“ Das gefiel Papa Murmel nicht: „Ich möchte nicht, dass die Ameisen ihr Zuhause verlieren, denn sie haben den Haufen sicher nicht aus Absicht auf unseren Eingang gebaut. Es muss eine Lösung geben, bei der wir beide zufrieden leben können.“ Bert, Nickis Onkel, hatte eine bessere Idee: „Lasst uns Äste sammeln, soviel wir nur tragen können. Damit wollen wir den Eingang verschliessen. Die Löcher stopfen wir mit Erde. Dann kommen die Ameisen nicht mehr in eure Wohnung, können aber trotzdem ihr Zuhause behalten.“ Das fanden alle gut und so begannen sie eifrig, Äste zu sammeln. Zu Hause angekommen, packten die Frauen ihre Besen und jagten damit alle Ameisen aus der Höhle. Danach bauten die Männer aus den Ästen ein Gerüst und stopften wie geplant die Löcher mit Erde zu. Bald schon sah man nicht mehr, dass an dieser Stelle mal ein Eingang gewesen war. Als sie fertig waren, sagte Bert: „Wenn wir schon alle hier sind, können wir gleich einen neuen Eingang bauen, damit ihr nicht immer durch den Notausstieg rausklettern müsst. Wenn wir alle mit anpacken, geht das ganz flink und macht erst noch Spass!“

Gesagt getan. Schnell packten die Murmelfreunde Schaufeln und Besen. Die einen lösten Erde von der Wand, die andern fegten sie weg. Schon bald fiel ein erster Strahl der gerade aufgehenden Sonne in die Höhle. Der neue Eingang war fertig. Nun konnten sich die Murmels wieder wohlfühlen in ihrer Höhle. Es waren keine Ameisen mehr da und der neue Eingang war sogar noch schöner als der alte gewesen war. Zum Dank für ihre Hilfe lud Familie Murmel alle Freunde zum Frühstück ein. Mama Murmel holte alle Leckerbissen, die sie in der Vorratskammer finden konnte. Bald sassen alle fröhlich vereint um den Tisch und liessen sich die vielen Köstlichkeiten schmecken – unter anderem auch die Beeren, die Mama Murmel gestern mit Nicki gepflückt hatte. Nicki hatte ein ganz schlechtes Gewissen, weil er gestern so viele Beeren gegessen hatte, anstatt sie in den Korb zu tun. Dies nahm ihm aber niemand übel, denn sie konnten sich alle noch gut daran erinnern, wie sie das erste Mal Beeren pflücken waren.

Es war einmal ein kleiner Schmetterling. Fröhlich schwirrte er durch die Luft, von einer Blume zur nächsten. Er liebte seine Freiheit, liebte sein Leben. Eines Tages traf er einen Maulwurf. Die beiden kamen ins Gespräch und der Maulwurf nahm ihn mit zu seiner Familie, seinen Freunden – alles Maulwürfe. Sie lebten in Höhlen und konnten sich nicht vorstellen, dass es ein gutes Leben sei, einfach so durch die Lüfte zu schwirren. Sie rieten dem Schmetterling dringend, sein Leben zu ändern, sich ihnen anzupassen. Er solle sich doch eine Höhle suchen, sie würden ihm auch helfen. Nur so könne er ein normales Leben führen.

Der kleine Schmetterling fühlte sich plötzlich alleine. Er sah all die Maulwürfe, sah, wie sie zusammen lebten. Das Schwirren von Blume zu Blume kam ihm plötzlich falsch vor. Das schien man in dieser Welt nicht zu machen, das schien nicht normal zu sein. Normal war, wie die Maulwürfe lebten. Der Schmetterling wurde ganz betrübt. Was sollte er nur machen? Dann fasste er einen Entschluss: „Das kann ich auch! Ich will nun auch ein normales Leben führen.“

Das Glück war auf seiner Seite. Schon bald fand der Schmetterling eine Höhle, krabbelte rein, denn fliegen war nicht mehr möglich, der Eingang war zu eng. Eigentlich war es ganz angenehm, ein wenig kühl vielleicht, was aber in der Sommerhitze sogar willkommen war.

So lebte der Schmetterling in seiner Höhle, wie es die Maulwürfe auch taten. Tag für Tag krabbelte er raus und rein, beachtete die Blumen nicht mehr, verbot sich selber das Fliegen. Endlich gehörte er dazu, endlich führte er ein normales Leben. Trotzdem war er nicht glücklich. Er begriff es nicht: Er müsste doch glücklich sein, was war bloss los mit ihm? Traurig setzte er sich vor seine Höhle und schaute in die Luft. Da kam ein alter Schmetterling geflogen, sah ihn da sitzen. Er kam näher und fragte den kleinen Schmetterling, was er denn hätte. Dieser erzählte ihm die ganze Geschichte.

Der alte Schmetterling schaute ihn an und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Dann sagte er: „Du bist ein Schmetterling, mein Lieber. Es ist deine Natur, durch die Lüfte und von Blume zu Blume zu fliegen. Es gibt auf dieser Welt ganz viele Maulwürfe und für die ist es normal, in Höhlen zu leben. Das wird nie dein Leben sein. Du bist anders.“

Der kleine Schmetterling schaute den weisen Alten an und wusste plötzlich, dass dieser Recht hatte. Er schüttelte seine Flügel aus, die von der langen Zeit ohne einen Flug etwas eingerostet schienen, und fing erst zögerlich, dann immer wilder zu flattern an. Schon bald erhob er sich in die Luft und flog die erste Blume an. Und plötzlich war wieder alles da: Das ganze Glück, die ganze Freude seines Lebens.