Geteiltes Leid ist halbes Leid

Stimmt das wirklich? Wird das Leid weniger, wenn wir es teilen? Vielleicht erscheint es einem so, weil man denkt, jemanden zu haben, der einen versteht, einem zuhört, für einen da ist. Dann fühlt man den Druck des Leids nicht mehr so stark, weil er durch die guten Gefühle des Gehörtwerdens gemildert wird. Das Leid bleibt aber – so denke ich – dasselbe. Probleme sind nicht gelöst, nur weil jemand da ist. Vielleicht hat der einen Weg, einen Rat, wie man sie angehen könnte und dann nehmen sie ab. Doch gibt es auch Leid, das nicht gemildert werden kann, wo alle Ratschläge nur ins Leere laufen. Tote auferstehen nicht, Geld regnet es nicht vom Himmel und Gesundheit kann nicht herbeigeredet werden. Relativitätstheorien mag man oft nicht hören und Dinge wie „Zeit heilt alle Wunden“ und „Kopf hoch“ sind kaum hilfreich. Oder bin ich alleine mit dieser Sicht? Mich machen all die gut gemeinten Sprüche eher wütend als dass sie mir helfen. Überhaupt habe ich eine eigene Theorie:

Zu zweit hat man die doppelten Sorgen, aber alleine nur die halbe Freude.

Das klingt pessimistisch? Ich finde nicht, ich finde es realistisch, weil logisch nachvollziehbar. Jeder Mensch hat Sorgen, Probleme. Jeder Mensch hat Leid, das auf ihm lastet, das er durch irgendwelche Erfahrungen, Erlebnisse, ab und an sein blosses Sein im Leben hat. Sind nun zwei Menschen zusammen, wird das eigene Leid kaum weniger. Vielleicht fällt ab und an die Einsamkeit weg (wobei der andere auch nicht ständig verfügbar ist), dafür kommt der mangelnde Freiraum hinzu (weil der andere doch nicht nur dann nicht verfügbar ist, wenn man ihn vermisst). Dazu kommt, dass er auch sein Leid hat und in einem Team teilt man die Sorgen, die dadurch nicht halbiert werden, sondern nur mitgeteilt. Und fortan von beiden getragen, einer leidet aktiv, der andere mit. Und so leiden beide doppelt, am Eigenen und am Anderen. 

Ebenso verhält es sich mit der Freude. Dasselbe Spiel mit umgekehrten Vorzeichen: Der eine freut sich, der andere mit, der andere freut sich, man selber mit, gemeinsam hat man ein paar Freuden. Unterm Strich bleibt am Schluss das Resultat wie oben beschrieben. 

Der Mensch sehnt sich nach Beziehung, er ist nicht gerne alleine. Viele suchen krampfhaft Beziehungen, um bloss nicht alleine zu sein. Lohnen sich Beziehungen nach obiger Rechnung? Sind wir frei, das überhaupt zu entscheiden oder leiten unsere biologischen Vorgaben unser Verhalten? Können wir frei wählen zwischen mehr Leid für mehr Freude oder leiten die Gene und der Verstand trottet willig hinterher? 

Ab und an kommt es mir so vor, als ob der Mensch generell am Leben verzweifelt. Die einen haben nichts und leiden, weil sie nichts haben, die anderen scheinen (vordergründig) alles zu haben und verzweifeln auch. Der Unterschied zwischen den Extremen ist nur, dass die einen obdachlos mit Bierdose unter der Brücke sitzen, die anderen mit Heroin und Champagner abgefüllt im Penthouse. Natürlich gibt es noch die vielen Grauzonen mittendrin, doch alle jammern sie auch vor sich hin. Alle sehen beim anderen mehr Glänzendes und sich selber im Elend. Alle haben von irgendwas zu wenig und von irgendwas zuviel. Und meistens ist das, was zu wenig ist, das, was sie am höchsten ersehnen und das, was zu viel ist das, was sie am wenigsten wollen. 

Und so bestätigt sich der Ausspruch vom Menschen, der ein Mängelwesen sei. Doch wenn man ab und an hinschaut, möchte man fast sagen, dass der grösste Mangel, den er hat, der Mangel an Zufriedenheit ist. Mein Sohn zeigte mir das heute eindrücklich, als er sagte: „Mama, weisst du, wenn es Sommer ist und so heiss, dann wünsche ich mir den Herbst herbei, der kühl und erfrischend ist. Wenn dann der Herbst da ist und der Nebel feucht in die Kleider dringt, die Sonne fehlt, dann wünsche ich mir den Sommer zurück, der mich wärmte.“ Am Schluss bleibt wohl: 

 

Hans im Schneckenloch hat alles was er will. Und was er will, das hat er nicht und was er hat, das will er nicht.