Lesezeiten: Erich Fromm – Haben oder Sein

„Solange jeder mehr haben will, müssen sich Klassen herausbilden, muss es Klassenkampf und, global gesehen, internationale Kriege geben.“

Erich Fromms Buch Haben oder Sein ist längst ein Klassiker. Fromm unterscheidet hier zwei Weisen des menschlichen Lebens: der Haben-Modus und der Sein-Modus. Fromms zentrale These lautet, dass die moderne westliche Gesellschaft weitgehend vom Haben geprägt ist – und gerade darin ihre Krise liegt.

„(…) wenn Haben mein Ziel ist, bin ich umso mehr, je mehr ich habe (…)“

Der Haben-Modus beschreibt eine Haltung, in der der Mensch sein Leben über Besitz, Kontrolle und Aneignung definiert. Dinge, Wissen, Beziehungen und sogar Erfahrungen werden zu Objekten, die man „hat“. Aus einer solchen Perspektive wird Identität über Eigentum und Konsum aufgebaut: Ich bin, was ich besitze. Fromm zeigt, wie tief diese Logik in Wirtschaft, Sprache und Denken verankert ist. Das fängt schon früh an, nämlich in der Schule, wo Bildung häufig als Ansammlung von Wissen verstanden wird, das man besitzt, statt als lebendiger Prozess des Verstehens.

Dem stellt Fromm den Sein-Modus gegenüber. Sein bedeutet für ihn Lebendigkeit, Aktivität und Teilhabe. Ein Mensch im Sein-Modus strebt nach Produktivität: Er liebt, denkt, schafft und erfährt die Welt nicht als Objekt, sondern als Beziehung. Lernen bedeutet hier nicht, Wissen zu sammeln, sondern sich von etwas berühren und verändern zu lassen. Fromm zeigt auf, dass diese Sicht auf einer langen Tradition gründet, von der mystischen Tradition über den Buddhismus bis zu Meister Eckhart und Marx.

„Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?“

Die Ausrichtung auf das Haben bleibt nicht ohne Folgen, im Gegenteil. Eine Gesellschaft, in welcher Haben zur dominierenden Lebensform wird, macht auch vor den Menschen nicht Halt: sie werden zu Dingen, zu funktionalen Ausführern von Aufgaben zum Erreichen noch mehr Habens. Dadurch werden sie von ihrer Arbeit entfremdet und bald auch von sich selbst, weil sie sich nicht mehr als produktive Subjekte, sondern nur noch als ausführende Objekte erfahren. Der Mensch hat keinen Raum zur Entfaltung mehr, sondern steht vor der Aufgabe der (Selbst-)Optimierung. Die Ausrichtung am Haben, an materiellem Wohlstand allein garantiert kein erfülltes Leben, sondern führt zu einer dauerhaften inneren Leere.

„Der Konsumentenhaltung liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit.“

Erich Fromm bleibt aber nicht bei der kulturkritischen Frage stehen, sondern er verbindet seine Diagnose mit der Frage, wie ein anderes Leben möglich wäre. Der Übergang vom Haben zum Sein verlangt eine Veränderung der Haltung: mehr Achtsamkeit, mehr echte Begegnung, mehr Mut zur inneren Aktivität statt zur passiven Konsumhaltung. Dabei bleibt Fromm realistisch genug, zu sehen, dass diese Veränderung nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich gedacht werden muss.

In der heutigen Zeit, in der wirtschaftliches Wachstum, Konsum und Selbstoptimierung das Lebensgefühl vieler Menschen prägen, wirkt Haben oder Sein erstaunlich aktuell. Seine Unterscheidung zwischen Besitzorientierung und lebendigem Sein bietet einen klaren begrifflichen Schlüssel, um viele Phänomene der Gegenwart zu verstehen – von der Konsumkultur bis zur Suche nach Sinn.

Fromms Stil ist dabei essayistisch und zugänglich. Er verbindet psychologische Beobachtung, philosophische Reflexion und gesellschaftliche Kritik zu einem Gedankengang, der auch ohne akademischen Hintergrund verständlich bleibt, was ihm von akademischen Kreisen oft angelastet wurde und wird. Gerade darin liegt aber die Stärke des Buches: Es will nicht nur erklären, sondern zum Nachdenken über die eigene Lebensweise anregen.

„Die Alternative von Haben oder Sein ist keine abstrakte philosophische Frage, sondern betrifft die praktisch wichtigste Entscheidung unseres Lebens.“ (SVS)

Haben oder Sein ist deshalb mehr als eine theoretische Analyse. Es ist ein Plädoyer für eine andere Form des Menschseins, zu einer Lebensweise, die weniger vom Besitz und mehr von Lebendigkeit, Beziehung und innerer Freiheit geprägt ist. Wer sich mit der Frage beschäftigt, was ein erfülltes Leben ausmacht, wird in diesem Buch einen ebenso klaren wie herausfordernden Gesprächspartner finden.

Philosophisches: Haben oder Sein

«Die Aufgabe ist, dass der Mensch so lebt, dass der Zweck, das Ziel seines Lebens die volle Entfaltung aller seiner Kräfte ist als ein Selbstzweck und nicht als Mittel zur Erreichung anderer Zwecke.» (Erich Fromm, Marx zitierend)

Das sagte Erich Fromm in einem Interview und meinte es als Kritik an einer Welt, die Menschen immer mehr als Ressourcen sieht, und immer weniger als Personen, als Individuen. Was zählt, ist das Haben, der Profit, dabei geht das Sein, das Leben als ganzer Mensch, unter. Sinnbildlich wird das in Firmen, in denen die Personalbüros «Human Ressources» heissen: Menschliches Kapital quasi, ein Gut, auf das man für den Profit strategisch zurückgreift. Kein schönes Bild, wie ich finde. Kein Wunder, fühlen sich Menschen immer unwohler in der Arbeitswelt, brennen sie aus, werden sie krank. Für die ressourcenorientierte Gesellschaft ist das kein Problem, jeder ist ersetzbar, fällt einer aus, kommt der nächste.

Das fängt aber schon früher an: Auch in der Schule zeigt sich diese Haltung. Es geht nicht um Bildung, sondern um Wissensanhäufung unter Zwang und Leistungsdruck. «Und bist du nicht willig, dann kriegst du ne eins (in der Schweiz die schlechteste Note).» Wer es nicht aufs Gymnasium schafft, hat je länger je mehr ein Problem, die Berufsauswahl schrumpft. Es zählt nur noch, was einer (an Papieren) hat, nicht was er an wirklichen Fähigkeiten mitbringt. Eine Kindergartenlehrerin muss in Mathe gut sein, die Sozialkompetenz, der liebevolle Umgang mit Kindern sind keine ausschlaggebenden Kriterien.

Was so mehr und mehr wegfällt, ist eine wirkliche Beziehung zwischen Menschen, eine wirkliche Beziehung zur Welt. Der Mensch sieht sich als Rad im Getriebe und fühlt sich nicht gesehen. Das Interesse liegt mehrheitlich darauf, was einer hat, nicht wer er ist. Dadurch entstehen keine wirklichen Beziehungen, doch die wären wichtig für den Menschen, denn ohne sie kann er nicht als Mensch wirklich existieren, sicher kann er kein Leben führen, das ihn befriedigt, das er als gutes Leben bezeichnen würde. Es kommt zu einer immer grösseren Entfremdung – von der Welt, von anderen Menschen, oft auch von sich selbst.

Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, umzudenken, Leben neu zu denken – weg von

«Sag mir, was du hast, und ich sage dir, wer du bist.»

Hin zu

«Sag mir, was du fühlst, denkst, tust und willst, und ich sehe, wer du bist.»

Das könnte ein Weg sein weg von profitorientierter Existenz hin zu einem sinnerfüllten Leben.