Kalte Welt

Die Welt ist kalt,
die Welt lässt dich
erfrieren.
Bist du am Boden,
liegst du lang.
Achtlos gehen sie
an dir vorüber.
Kaum ein Blick
– und wenn:
Verächtlich.
Liegst du im Graben,
tritt man dich
– mit Füssen.
Man tritt auch gerne
nochmals nach
und gräbt dir dann
die Grube.
Keiner will Verlierer,
keiner will den Fall.
Augen zu,
Kopf in den Sand,
sonst spürte man
– das will man nicht:
Das könnte auch –
oh Gott bewahre –
ich sein.
Schnell verdrängt.

©Sandra Matteotti

Weinfreuden

10152405_10202465066121293_7551675068753514742_nHeute hatte ich das Glück, eine wunderbare Degustation besuchen zu dürfen. Ich liebe Wein seit langem, verstehe nichts davon, weiss aber, was mir schmeckt und wenn er schmeckt, ist Wein der Himmel auf Erden. Es geht nicht um Alkohol und Besäufnis, es geht um Geschmack, um eine Bandbreite von Süssen und Säuren, von Früchten, Tiefe, Erde, Holz, Charakter. Es ist eine eigene Welt und diese eröffnet wiederum eine Welt in dir. Wein mit Genuss getrunken lädt dich ein, Genuss pur zu erkunden, zu erkennen, zu erleben. Er lässt dich dazu dich selber entdecken, indem er Dinge freilegt, die in dir angelegt sind, schlummern, nicht durch kommen, weil sie von selbst gebauten Mauern umschlossen sind, gehemmt, nicht zugelassen vom inneren Zensor.

Hier sitze ich nun und bin gar kein armer Tor mehr wie Goethes Faust. Ich spüre Glück und Freude, sehe mein Leben und es ist schön. Sehe die Poesie in den Dingen und sehe die Farben der Welt. Und ich weiss, die dunklen gehören dazu wie die momentan vorherrschenden bunten – und das ist gut, denn ich bin sicher, ich werde auch sie bezwingen, denn die bunten, guten, wunderbaren sind so viel stärker. Und das nicht nur des Weines wegen, dieser lässt sie vielleicht noch ein wenig bunter leuchten, kann aber nichts erschaffen, was nicht schon da war.

Und aus dem Nichts kommt mir eines meiner Lieblingsgedichte in den Sinn:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang. (Rilke)

Mein Gedanke dazu ist nur:

 Es liegt Poesie im Wein,
im ganzen Leben.
Man muss sie erkennen,
man muss sie leben.

In diesem Sinne – es wird noch was gehen. Und davon ganz viel. Zu finden sein wird es hier: Philovinum

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)

Heute vor 229 Jahren, am 10. März 1788 kam Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff als zweiter Sohn eines preussischen Offiziers, Adolf Theodor Rudolf von Eichendorff, und dessen Frau Karoline auf Schloss Lubowitz in Oberschlesien zur Welt. Er liebte Abenteuer- und Ritterromane sowie antike Sagen und versuchte sich schon als Kind selber im Schreiben. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Breslau studierte Eichendorff in Halle Jura und Geisteswissenschaften. Er reiste viel, liebte das Theater und war überhaupt Kunst und Kultur sehr angetan.

Nach Abschluss seines Jura-Studiums 1812 nahm Eichendorff von 1813 bis 1815 an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. Kurz nach seiner Rückkehr nach Breslau heiratete er, es folgten 4 Kinder, von denen das letzte kurz nach der Geburt starb. 1818 starb auch Eichendorffs Vater, nach dessen Tod viele der hoch verschuldeten Ländereien und Güter verkauft wurden. Ein Verlust, der an Joseph von Eichendorff zehrte, von dem er sich kaum mehr erholte.

Ab 1816 arbeitete Eichendorff im Staatsdienst und arbeitete sich zum Geheimen Regierungsrat hoch. Nach einer schweren Lungenentzündung 1943 quittierte er seinen Dienst 1944 und trat frühzeitig in Ruhestand. Er schrieb hauptsächlich Romane und Erzählungen, in welche er den grossen Teil seines lyrischen Werkes einbaute. 1857 auf, selber zu schreiben, um publizistisch zu betätigen. Er starb im selben Jahr am 26. November in Neisse.

Zum literarischen Schaffen:
Zahlreiche Gedichte Eichendorffs wurden vertont, allen gemein ist die idyllische Darstellung der Natur, die bildliche Sprache:

Mondnacht

Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Entstanden  um 1835, das erste Mal veröffentlicht 1837 zählt das Gedicht zur Spätromantik und gehört in die Gattung der Naturlyrik. Es wurde 1840 von Robert Schumann vertont und zum Mittelpunkt seines Liederkreises gewählt.

Wenn der Himmel die Erde küsst, kann das als Segnung Gottes verstanden werden. Diese träumt von der Erhebung hin zu ihm. Es breitet sich eine Idylle auf der Erde auf, die sich in wogenden Ähren und rauschenden Wäldern ausdrückt. In der sternenklaren Nacht kann sich die Seele des Menschen erheben, durchs stille Land gleiten, in Frieden,  und frei aller Sorgen. Es ist ein Gefühl von Heimkommen in die Geborgenheit.

Heimweh, Erinnerung und Sehnsucht sind zentrale Elemente i Eichendorffs Lyrik. Sicherlich drückt da der nachwirkende Verlust der elterlichen Güter durch.

Eichendorffs bekanntestes Werk war sicher Aus dem Leben eines Taugenichts. Die 1826 erschienene Novelle wiederspiegelt ganz deutlich das Lebensgefühl der Spätromantik. Es handelt von jungen Sohn eines Müllers, welcher (nicht ganz freiwillig, sagt doch der Vater:

Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich nicht länger füttern.)

in die weite Welt hinaus geht, um sein Glück zu finden. Zufälle und Abenteuer säumen seinen Weg, er wird Gärtner auf einem Schloss, verliebt sich in Aurelie, welche unerreichbar scheint, und wandert weiter. In Italien sieht er sich inmitten farbenprächtigen Lebens und einiger Liebschaften, bis ihn die Sehnsucht nach der Heimat und nach Aurelia die Zelte abbrechen lässt und er zum Schloss zurückfährt. Es folgt die Aufklärung eines Missverständnisses, Heirat und das märchenhafte Happy End. Die Novelle gleicht einem naiven Märchen, in eben dem Ton ist sie auch geschrieben.

Werke

  • Ahnung und Gegenwart, Roman (1810-12 geschrieben, erschienen 1815)
  • Das Marmorbild,  Novelle (1818)
  • Die Freier, Lustspiel in drei Aufzügen (Vorstufen entstanden 1816-1820, fertiggestellt und erschienen 1833)
  • Krieg den Philistern, dramatisches Märchen in fünf Abenteuern (1824)
  • Aus dem Leben eines Taugenichts, Erzählung (1817 begonnen, abgeschlossen 1822/23, erschienen 1826)
  • Auch ich war in Arkadien, Politische Satire in Form eines Reiseberichts (1832 entstanden, 1866 posthum erschienen)
  • Dichter und ihre Gesellen, Novelle (erschienen 1834)
  • Das Schloss Dürande, Novelle (1837)
  • Die Glücksritter, Novelle (1841)
  • u.a.

Alt und neu

Ich lebe mein Leben

so still vor mich hin.

Lasse es laufen,

gebe mich hin.

 

Liebe die Ruhe,

schätze den Fluss.

Kommt etwas Neues,

bringt es Verdruss.

 

Lässt mich erschauern,

die Ängste schrein stumm,

weiss nicht wo halten,

es wirft mich fast um.

 

Muss es ertragen,

hab keine Wahl,

möchte nur rennen,

raus aus der Qual.

 

Fühl mich gefesselt,

im Jetzt und im Hier,

was wird passieren,

was wird nun aus mir?

 

Suche nen Ausweg,

suche nach Halt,

suche nach Wärme,

ist alles so kalt.

 

Schlage wild um mich,

spüre mich nicht,

möchte die Kür,

seh nur die Pflicht.

 

Und es rückt näher,

bedrohlich und gross,

will mich erschlagen,

was mach ich jetzt bloss.

 

Fühle mich klein,

so unendlich klein,

möchte doch nur

im alten Trott sein.

 

Fühlte mich sicher,

wusste was war,

alles war einfach,

alles war klar.

 

Nun droht mir das Neue,

noch kenn ich es nicht,

und schon diese Schwebe,

raubt mir das Licht.

 

Klar zu sehen,

wie es wird sein.

Zurück bleibt die Trauer,

um das, was war mein.

 

Zurück bleibt die Wut,

dass nun es ist aus,

dass nun kommt das Neue

mit all seinem Graus.

 

Doch ist es dann da,

ist’s meistens ganz gut,

man schickt sich hinein,

und tut, was man tut.

 

Gewohnheit entsteht,

man ist wieder froh,

und bis es neu dreht,

bleibt das auch so.