Yoko Ogawa: Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Die Ordnung der Zahlen, wenn alles sonst unordentlich wird

Bei einem Autounfall zieht sich ein Mathematikprofessor Verletzungen des Hirns zu, die sein Gedächtnis auf 80 Minuten schrumpfen lassen. Alle 80 Minuten vergisst er fortan, was war und seine Welt beginnt von vorne. Er flüchtet sich in die Welt der Zahlen, da diese der einzige Halt sind, den er noch hat im Leben.  Mit Hingabe löst er mathematische Rätsel in mathematischen Zeitschriften und holt so einen Preis nach dem anderen ab.

Er war erfüllt von der geleisteten Arbeit, aber das, was er bei der gelösten Aufgabe empfand, war nicht so sehr Freude oder Erleichterung, sondern vor allem ein Gefühl von tiefem Frieden. Es war ein Zustand der Gewissheit, dass sich alles dort befand, wo es hingehörte. […] Diesen Zustand liebte der Professor. Friedliche Ruhe war für ihn das höchste Glück.

Dadurch, dass er alles um sich ständig vergisst, fällt es ihm auch schwer, Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Erst als eine neue Haushälterin in sein Leben kommt, die noch dazu ihren Sohn zur Arbeit mitbringt, ändert sich dies. Langsam zieht Leben ins Haus des Professors ein, der kleine Junge, den der Professor aufgrund seiner Kopfform Root nennt, was auf das mathematische Wurzelzeichen verweist, bildet dabei den Mittelpunkt. Zwischen den dreien entwickelt sich eine zarte Freundschaft.

 

Das Geheimnis der Eulerschen Formel ist ein stilles, sensibles, tiefgründiges Buch. Yoko Ogawa gelingt es, die Gefühle zwischen Menschen einzufangen, ihre Leben offenzulegen, ohne die Dinge selber in Worte zu fassen. Vielmehr malt sie ein Bild, in das man eintaucht und alles intuitiv selber aufsaugt. Man lebt mit und möchte nie mehr aus diesem Haus austreten, schliesst die Personen, deren Namen man nicht kennt, ins Herz und fühlt sich ihnen nah. Und immer wieder ertappt man sich dabei, nachzurechnen, ob die Zahlenreihen auch stimmen. Dadurch wird man noch mehr Teil des Buches.

Es gilt, Lehrsätze zu Tage zu fördern, die schon seit ewigen Zeiten existieren, ohne bisher von jemandem beachtet worden zu sein. So als würde man Zeile für Zeile die Wahrheit entziffern, die in Gottes Notizbuch steht. Aber niemand vermag zu sagen, wo dieses Notizbuch liegt und wann es aufgeschlagen wird.

Das Geheimnis der Eulerschen Formel vereint alles, was grosse Literatur ausmacht. Es ist ein Buch über die Liebe, das Vergessen, Ordnung und Unordnung, ein Buch über das Leben.

Fazit:
Ein stilles, tiefes, malerisches, wundervolles Buch, das einen in eine Welt mitnimmt, aus der man nie mehr auftauchen möchte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Yoko Ogawa
YOKO OGAWA, geb. 1962, gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit zahlreichen namhaften Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in der Präfektur Hyogo. Von ihr erschienen sind unter anderem Das Museum der Stille, Schwimmen mit Elefanten, Das Ende des Bengalischen Tigers und Das Geheimnis der Eulerschen Formel.

 

OgawaGeheimnisAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 250 Seiten
Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag (20. Juni 2013)
Übersetzung: Sabine Mangold
ISBN-Nr.: 978-3746629445
Preis: EUR  8.99 / CHF 14.90

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Der Hirnforscher Eric Kandel: Auf der Suche nach dem Gedächtnis

BildEric Sandel, kam als Kind des jüdischen Spielwarenhändlers Hermann Kandel und dessen Frau Charlotte 1929 in Wien auf die Welt. Schon bald bekam er die antisemitische Gesinnung Österreichs zu spüren, indem zuerst in der Schule keiner mehr mit ihm sprach und er eines Tages aus heiterem Himmel mit seiner Familie umgesiedelt wurde. 1939 emigrierte die ganze Familie nach Amerika, genauer nach Brooklyn. Hermann Kandel eröffnet wieder ein Spielwarengeschäft und Eric besucht die Schule, bewirbt sich bei Harvard und startet so seine Karriere, die ihn bis zum Nobelpreis bringen soll. Dieser ist zwar der Höhepunkt seines Schaffens, nicht aber dessen Ende. Mit ungeminderter Leidenschaft, mit Ehrgeiz und Einsatz forscht Eric Kandel Zeit seines Lebens über das Gedächtnis und dessen Grundlagen und Funktionieren.

Der Film begleitet Eric Kandel zurück nach Wien, lässt ihn seine eigenen Wurzeln suchen und finden. Kandel spürt seinen Erinnerungen nach, welche immer wieder Emotionen in ihm wachrufen. Kandel sieht seine Geschichte mitverantwortlich für seinen Einsatz für das Gedächtnis. Was ist das Gedächtnis, wie entstehen Erinnerungen, welche für die menschliche Identität so fundamental sind? Dieser Frage widmet er sein Leben.

Wer nun glaubt, einen trockenen Film über einen verbohrten Wissenschaftler anschauen zu müssen, der irrt sich gewaltig. Eric Kandel besticht durch ein herzliches Lachen, das er oft erklingen lässt. Mit viel Humor und Witz erzählt er über sich, sein Leben, seine Forschung, lässt es aber trotz all dem Witz nie an Tiefe und Substanz mangeln.

Der Film gibt Einblicke in den Laboralltag des Forschers, der 1000e mühseliger und erfolgloser Stunden mit Versuchen, Enttäuschungen und neuen Versuchen verbringt, bis – teilweise nicht mehr erwartet – der Durchbruch gelingt, passiert, was erhofft und zu beweisen versucht wurde.

Fazit:
Kurzweiliger, anregender und informativer Film. Kandel erreicht Herz und Hirn der Zuschauer. Absolut sehenswert.

Angaben zum Film:
Dauer: 95 Min.
Extras 25 Min.
Land/Jahr: D 2008 (arte edition)
Sprache: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Preis: EUR: 22.99 ; CHF 36.90
Auf der Suche nach dem…Gedächtnis. Der Hirnforscher Eric Kandel, Film von Petra Seeger, arte Edition.

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