WeihnachtenGiselher Nesselgrün beschliesst eines Tages, dass es lächerlich sei, Feste zu feiern, wie sie fallen. Man müsse die Natur korrigieren, ist er sich sicher, und beschliesst, dieses Jahr Weihnachten im August zu feiern. Sein Umfeld reagiert, wer will es diesem verübeln, verwirrt, belächeln den sonderbaren Kauz. Herr Nesselgrün beharrt auf seiner Regie, sieht sich im Recht und das übrige Volk als schlechte Schauspieler, welche sich seinen Anweisungen widersetzen und so das Schauspiel stören. Unbeirrt fährt er weiter, bis sich auch die Menschen auf der Strasse von seiner Weihnachtsfröhlichkeit anstecken lassen.

Da leben sie nun, ganz in meine Illusion gehüllt. Ach! Aber wer andere hineinversetzen will, darf selber nicht darin sein.

Damit zieht Giselher Nesselgrün seinen Schlafanzug an. Kurt Tucholsky beruft sich in seiner Weihnachtsgeschichte auf Giselher Nesselgrün und wundert sich ebenfalls über die Gefühle nach Kalender. Bloss das Herz wisse, wann man fühlt, nicht ein Jahrestag. Das mag wohl sein, aber egal, wann Weihnachten ist, was es dazu braucht, ist ein Weihnachtsbaum. Deren gibt es ganz verschiedene und auch ebensolche Weihnachtsbaumkäufer. Es gibt Muffel, Minimalisten, Schwärmer und Beäuger, Ingenieure und Seelsorger sowie Retter und Abenteurer. Je nachdem, zu welcher Gattung Baumbeschaffer man gehört, kümmert man sich auf sehr eigene, unterschiedliche Weise um seinen persönlichen Weihnachtsbaum.

Und wenn nicht bald ein passender, massgeschneiderter Christbaum gefunden ist, dann wird zu Weihnachten eben erstmals die Stehlampe aufgeputzt. Das spart Nerven. Und Kerzen.

Weihnachten bietet eine Menge Anlass für Geschichten, ist es doch das Fest, das mit Gefühlen und viel Gutem für sich wirbt, das Fest der Liebe und der Familie. So viel Gutes schreit förmlich nach dem Gegenteil und so herrschen denn in den Weihnachtsgeschichten von „Früher war Weihnachten viel später“ bissige, skurile, rabenschwarze Töne vor. Sie nehmen einen mit auf eine Weihnachtsreise der anderen Art und helfen vielleicht, neben all den hohen Ansprüchen von Friede, Freude, Eierkuchen ein wenig bitterböses Leben in die Tage zu bringen.

Fazit:

Kurzweilige und unterhaltsame Lektüre für zwischendurch.

 

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 250 Seiten

Verlag: Diogenes Verlag (Dezember 2012)

Sprache: Deutsch

Preis: EUR: 9.90 ; 15.90 CHF

 

Früher war Weihnachten viel später. Hinterhältige Weihnachtsgeschichten, Diogenes Verlag, Zürich 2012.

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Heute ist der erste Advent. Passend zum Feiertag erhielt ich eines von diesen üblichen Massen-SMS mit einem Standardspruch, ausser dem Namen des Absenders drunter war daran nichts persönlich, weder die Anrede noch der Text. Man merkte genau, man war einer unter vielen im Verteiler, die SMS ging wohl an die ganze Kontaktliste.

Was sagt diese Art der Mitteilung? Sie zeigt einem:

  • Du bist nichts Besonders.
  • Du warst weder persönlich gemeint, noch wurdest du persönlich angeschrieben.
  • Du bist eine unter vielen, eine Nummer in einer Adresskartei.

Diese Botschaft ist umso deutlicher, wenn man sonst von der absendenden Person nie etwas hört.

Woher kommt diese Art der Kommunikation? Der wirkliche Ursprung sind wohl Kettenbriefe. Meist wurde darin ein Gewinn versprochen, wenn man ihn nur oft genug verbreitete. Der virtuelle Anfang war dann wohl in Firmen, in welchen man Witzmails durch die Belegschaft schickte. Mit der Ausbreitung der Emails ins Private, kamen die Mails auch bis nach Hause. Beim Aufkommen der SMS zogen sie auch auf dem Handy ein. Ab und an auch da verbunden mit Heilsversprechen oder Unglücksdrohungen, wenn man sie nicht entsprechend weiter verbreitet. Oft einfach nur wild und bunt und eigentlich nichtssagend pseudowitzig.

Was soll diese Art der SMS-Kommunikation? Vermutlich entsteht sie aus einem Impuls heraus. Man findet etwas witzig, überlegt nicht, schickt weiter. Vielleicht denkt man auch, man müsse nun was tun, der Anlass sei grad da (Feiertag, etc.) und schickt mit wenig Aufwand und Phantasie ein Standardsprüchlein, wie es grad von irgendwo geschneit wurde, weiter. Meist trifft man auf Empfänger, die sich nichts dabei denken und einfach selber weiter schicken. Ist ja nichts dabei. Vor allem ist es nicht verwerflich, so scheint die heutige Gesellschaft kommunikativ zu funktionieren.

Vielleicht ist das Ganze aber auch ein Abbild der Gesellschaft allgemein. Vieles wird schnell dahin gesagt, der Aufwand für Persönliches wird gemieden. Jeder steckt in seinen Dingen, will sich nicht um den andern scheren. Man schickt belanglose Sprüche hin und her und denkt, seine Pflicht damit getan zu haben. Zurück bleibt ein schales Gefühl, wenn man das System hinterfragt.

Man kriegt dann ab und an zu hören, man denke zu viel, wenn man die Dinge so analysiert. Man messe den Dingen zu viel Wert zu und interpretiere Dinge hinein, die nicht da sind. Ich sehe das anderes. Die gedankenlose Aktionsgesellschaft in ihrer phantasie- und empathielosen Art führt zu nichts Gutem. Ich sage nicht, dass die Deutung, die ich hier unterlege, so gewollt ist, dazu hat man zu wenig nachgedacht beim Tun. Ich werfe höchstens vor, dass man nicht denkt, bevor man etwas sagt oder tut. Und damit (wenn auch unbewusst) Sendungen streut, die dem anderen eine Botschaft vermitteln. Die Botschaft kommt an, ob gewollt oder ungewollt. Darum wäre es vielleicht sinnvoller, nachzudenken, bevor man handelt und mal das eigene (Kommunikations-)Verhalten zu überdenken.

Weniger ist oft mehr. Wirklich gefühlte persönliche Botschaften, auch wenn sie holprig, unbeholfen und nicht bunt daher kommen, senden mehr Gefühl als jede noch so perfekte Standard- und Massensendung. Lieber nichts schicken als einfach eine hohle Nuss. Das Nichts ist neutral, die hohle Nuss im Grunde genommen ein Minus.

Ich denke, ein wenig mehr Bewusstsein für das eigene Tun würde oft helfen, Verletzungen zu vermeiden. Nicht dass ein SMS schon verletzt. Das wird grundsätzlich gelöscht und vergessen. Aber es ist die Spitze eines Eisberges von oberflächlichem Verhalten im Miteinander, das heute mehr und mehr Einzug hält. Es verletzt des Gegenüber, oft unbewusst, nicht gewollt, deswegen nicht ungeschehen. Bewusstsein hilft auf beiden Seiten: Das Bewusstsein über das eigene Tun „was tue ich eigentlich und was will ich damit erreichen, für mich, für andere?“ und das Bewusstsein „der andere handelt nicht immer bewusst, es ist nicht MEIN Problem, sondern SEINS“.

Vielleicht denke ich zu viel. Hinterfrage ich zu viel. In den Augen der anderen bestimmt. Nur ist das mein Wesen und ich mag es so. Ich habe bestimmt auch schon unbewusst gehandelt, zu spät gemerkt oder hinterfragt, was ich eigentlich tat. Ich arbeite an mir. Auf der anderen Seite halte ich mich fern von Floskeln. Sie bringen mir selber und meinem Leben nichts. Und Menschen, die nur solche streuen, werden nie die sein, die wirklich einen Platz in meinem Leben wollen. Wieso also soll ich ihnen einen Raum darin lassen?

Raum ist nicht unendlich. Man sollte sich bewusst dafür entscheiden, wem man diesen zugesteht und wem nicht. Oft neigen wir dazu, möglichst viel in den Raum hinein quetschen zu wollen, weil Quantität oft verlockender scheint als Qualität. Wenn es hart auf hart kommt, zählt die Quantität nichts mehr. Zurück bleiben eh nur die, welche wirklich da sein wollen. Wieso also nicht ihnen schon in guten Zeiten mehr Raum geben und den Rest aussen vor lassen?