Edgar Rai: Ascona

Inhalt
Anfang der 1930er-Jahre flieht Erich Maria Remarque aus Berlin in sein Haus in Ascona. Der Autor, der mit seinem Buch «Im Westen nichts Neues» grosse Erfolge feierte, fühlt sich in Deutschland nicht mehr sicher und hatte ein gutes Timing: Am Tag nach seiner Flucht wird Hitler zum Reichskanzler ernannt und wenig später landen Remarques Bücher im Feuer.

«Hier saßen sie, am Lago Maggiore, während ihr Land in einem Strudel aus Willkür und Gewalt versank. Ohnmacht war ein quälender Zustand.»

Erich Maria Remarque ist nicht der einzige in Ascona, mit ihm finden sich 1933 eine ganze Reihe in Deutschland nicht mehr gewünschter Künstler ein, unter anderem Else Lasker-Schüler, Marianne von Werefkin, Ernst Toller oder Emil Ludwig.

Er selbst würde immer ein Hineingeworfener bleiben, trotz seines Erfolgs, seiner Villa, des Autos und der Kaschmirschals. So teuer konnten die Zigarren und der Wein nicht sein, dass die Thomas Manns und Bertold Brechts dieser Welt ihn nicht dahinter erkannt hätten. Alles Staffage.

Remarque leidet an der Zeit, an Selbstzweifeln und unter seinem blockierten Schreiben, er ertränkt sein Leiden im Alkohol, treibt Raubbau mit seinem Körper, flüchtet sich in Liebschaften, die ihm dann doch wieder zu eng werden. Als auch noch seine Exfrau in Ascona auftaucht, wird alles noch komplizierter. Dann trifft er die eine Frau, in die er seine Hoffnungen setzt, obwohl sie teilweise innerlich wie äußerlich viel zu weit weg scheint. Als die Lage sich in ganz Europa zuspitzt, ist sie es, die ihn aus seinem Schweizer Exil holt.

Zum Buch
Anhand von Erich Maria Remarques Biografie wird in «Ascona» das Bild einer Zeit wieder lebendig, die wohl als die schwärzeste unserer hiesigen Welt bezeichnet werden darf. Wir treffen zusammen mit Remarque auf eine ganze Reihe namhafter Persönlichkeiten, die alle ihre Heimat verloren haben und im Exil zwischen Verzweiflung, Ohnmacht und Hoffnung schwanken, wobei jeder für sich anders damit umgeht.

Edgar Rai ist es gelungen, sowohl Remarque als auch das Leben im Exil auf anschauliche, authentische, eindrückliche Weise zu schildern, die sowohl kompetent recherchiert und doch flüssig zu lesen ist. Es ist ihm gelungen, das Zeitzeugnis als unterhaltsame, mitreißende, betroffen machende und einnehmende Weise zu erzählen. Zudem weckt das Buch den großen Wunsch, mehr über die Zeit und die in der Geschichte spielenden Figuren zu erfahren.

«Er liebte seine Künstlereinsamkeit, doch sobald er sich in sie hineingab, krochen die Dämonen aus den Ecken. Aber nur dann war er gut. Er musste in Gefahr schweben, wenn er verstehen wollte, worum es ihm bei Schreiben wirklich ging.»

«Ascona» ist aber nicht nur die Geschichte einer Zeit, es ist auch die Geschichte von Remarques Schreiben, mit allen Kämpfen, die damit zusammenhingen. Es ist die Geschichte der Entstehung seines Romans «Drei Kameraden», die Geschichte um das Ringen mit der Geschichte und mit sich selbst.

„Arbeiten, das sollte er! Das Schaffen im Exil war ja auch immer ein Akt der Selbstbehauptung.“

Persönliche Einschätzung
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Wollte ich es erst noch neben anderen Büchern und in kleinen Etappen lesen, musste ich alles andere bald zur Seite legen und mich nur noch diesem Buch widmen. Einerseits liegt das sicher daran, dass mich diese Zeit und alles damit Zusammenhängende interessiert und ich generell Künstlerbiographien, vor allem solche von Schriftstellern, liebe. Andererseits liegt es aber auch an der wirklich großartigen Erzählleistung von Edgar Rai.

Es finden sich in diesem Buch immer wieder wunderbare Sätze, die fast poetisch anmuten. Dabei wirken diese aber nie deplatziert, gekünstelt oder irgendwie unpassend, sondern sie machen das Buch zu einer noch größeren Freude für den Leser. Hier nur ein Beispiel:

„…der See flirrte als blaue Ahnung durch das Grün.“

Fazit
Eine sehr intensive Geschichte um einen in Depressionen und Alkohol versunkenen Schriftsteller, die das Leiden an der Zeit sowie das Kämpfen ums eigene Überleben in derselben auf plastische, sprachlich hochstehende und trotzdem lesbare Weise erzählt. Ganz große Leseempfehlung.

Zum Autor
Edgar Rai, geboren 1967 in Hessen, studierte Musikwissenschaften und Anglistik. Von 2003 bis 2008 war er Dozent für Kreatives Schreiben an der FU-Berlin. Seit 2012 ist er Mitinhaber der literarischen Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin. Mit seinem Bestseller »Nächsten Sommer« (2010) gelang ihm der Durchbruch als Autor. Außerdem erschienen »Die fetten Jahre sind vorbei« (Roman zum Film von Hans Weingartner 2004) ), »Vaterliebe« (Roman, 2008), »Salto Rückwärts« (Roman, 2010), »88 Dinge, die Sie mit Ihrem Kind gemacht haben sollten, bevor es auszieht« (Sachbuch zus. mit Hans Rath, 2011), »Sonnenwende« (Roman, 2011), »Wenn nicht, dann jetzt« (Roman, 2012) sowie zuletzt »Die Gottespartitur« (2014) und »Halbschwergewicht« (2018). Als Autorenduo zusammen mit Hans Rath entwickelte er die Kriminalromanreihe »Bullenbrüder«, zu denen die beiden auch die Drehbücher verfasst haben. Außerdem legte Edgar Rai unter dem Pseudonym Leon Morell den Bestseller »Der sixtinische Himmel« vor. Er lebt mit seiner Frau, der Übersetzerin Amelie Thoma, und den gemeinsamen Kindern in Berlin.

Ein Interview mit dem Autor findet sich HIER

Angaben zum Buch
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Herausgeber: ‎ Piper; 2. Edition (29. Juli 2021)
Übersetzung: Sabine Leopold
ISBN: 978-3492070683

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Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm. Dort drüben innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung, jenseits unserer auf Sachlichkeit und Zielstrebigkeit ausgelegten Gesellschaft, ist er noch immer ein beachtlicher Mensch, und wenn auch nach allgemeinen Massstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brillant.

Der Anfang der Krankheit war unauffällig, drum wurde sie nicht erkannt und das Verhalten des Vaters nur als Eigenheit abgetan. Der Versuch, mit ihm „normal“ umzugehen, wurde zum Kraftakt, der alle an die Grenzen brachte. Die Diagnose Demenz war fast eine Erleichterung für die ganze Familie. Nun wusste man, womit man es zu tun hatte, man konnte aufhören, Dinge zu erwarten, die nicht mehr möglich waren. Man konnte lernen, mit dem Neuen umzugehen.

Arno Geiger beschreibt auf einfühlsame Weise den Weg seines Vaters durch die Demenz und was das für die ganze Familie bedeutete. Er zeichnet ein liebevolles Bild eines Vaters, der in einer anderen Welt lebt, von der bekannten vieles vergisst.

Der Umgang mit Kindern schärft den Blick für Fortschritte, der Umgang mit Demenzkranken den Blick für Verlust.

Lange Zeit ist die Pflege des Vaters zu Hause möglich, die ganze Familie und Pflegerinnen bemühen sich und organisieren sich. Der fortschreitende Abbau macht das immer schwerer, bis der Umzug in ein Heim unumgänglich ist. Oft wird ein solcher Weg mit dem Gefühl des Versagens verbunden. Man erachtet es als seine Pflicht, den geliebten Menschen zu Hause zu behalten. Der Schritt er weist sich für alle als Erleichterung. Die Familie kann aufatmen, sieht eine Last von den Schultern und kann sich nun befreiter dem kranken Menschen widmen, dieser fühlt sich durch die konstanten Abläufe im Heim aufgefangen und kommt zur Ruhe.

Mir gefällt es, dass die Menschen, die hier wohnen, aus der Leistungsgesellschaft befreit sind.

Das Buch springt zwischen den Zeiten hin und her, vermischt Erinnerungen aus der Kindheit Arno Geigers mit dem aktuellen Geschehen. Es ist nicht immer einfach, gleich zu wissen, in welcher Zeit man steckt, von wem die Rede ist. Vor allem am Anfang kommt es zu Wiederholungen, die für die Geschichte überflüssig scheinen, dann kommt die Geschichte in einen Fluss, der einen mitreisst.

Arno Geiger schafft es, sachlich und doch einfühlsam den Umgang mit Demenz zu beschreiben. Er zeigt Möglichkeiten auf, mit dieser Krankheit umzugehen, so dass alle ihre Würde behalten. Er zeigt auch die schönen Momente, die inmitten der Krankheit entstehen und zeichnet so ein umfassendes und liebevolles Bild.

Fazit:

Ein stilles und einfühlsames Buch. Ein Buch, das einen auf die Reise mitnimmt und die Liebe Arno Geigers zu seinem Vater zeigt. Ein Buch auch, das den Zugang zu einem Demenzkranken aufzeigt und für Verständnis wirbt. Absolut lesenswert.
Bild

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 189 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. November 2012)

Preis: EUR: 9.90 ; CHF 15.90

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012.

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