Manchmal schaue ich zurück und frage mich, ob ich auf meinem Lebensweg die richtigen Abzweigungen genommen habe. Ich schaue meine einzelnen Wege an und sehe zu, wo ich zögerte, gar anhielt, wo ich durcheilte oder abbrach, umdrehte und neu suchte. Ich frage mich, was passiert wäre, hätte ich nicht gezaudert, sondern wäre forsch drauf losgeschritten. Was, wenn ich nicht abgebrochen, sondern durchgebissen hätte. Wäre ich glücklich geworden, wäre ich nicht geeilt, sondern hätte mir Zeit gelassen, vielleicht auch mal innegehalten?

Bei all den Fragen schelte ich mich, dass es nichts bringt, sie zu denken, da ich nichts ändern kann. Ich könnte nichts rückgängig machen, selbst wenn ich etwas als Fehler registrierte. Vielleicht könnte ich umdrehen und versuchen, einen anderen – damals ausgeschlagenen – Weg heute zu gehen. Mit der Weisheit von heute könnte ich ihn meistern, wenn ich damals dachte, er sei nicht gangbar. Nur: Es würde mir nicht zeigen, was passiert wäre, wenn ich ihn damals gegangen wäre, da ich heute nicht mehr bin, wie ich damals war, und heute die Situation eine andere ist.

Vielleicht könnte ich, wenn schon nichts ändern, aus den Gedanken etwas lernen. Ich könnte lernen, wie ich mit einer Situation umgehen sollte, würde sie mir nochmals begegnen. Ich könnte Handlungsmuster bilden und die dann anwenden, wenn ein passender Fall einträte. Nur sind neue Fälle selten ganz identisch mit alten und wir neigen dazu, genau die Differenzen hochzuhalten, um uns nicht an Lehren aus der Vergangenheit zu halten.

So gesehen bringt es wohl wirklich nichts, sich zu fragen, ob, was man mal tat, richtig war, ob das, was man mal dachte, zutraf, ob der Weg, den man gegangen ist, wirklich der beste war oder ob es einen besseren gegeben hätte. Trotzdem zieht man ab und an Bilanz. Denkt zurück. Denkt an schöne Zeiten, an weniger schöne. Weint vielleicht, lacht zwischen Tränen, ist ab und an dankbar für Begegnungen und genutzte Chancen, flucht über verpasste und schimpft auf Enttäuschungen und böse Begegnungen. Mit all diesen Gefühlen bilden wir uns selber, machen uns zu dem, der wir sind. Wir erzählen uns unsere eigene Geschichte und glauben, der zu sein, der daraus resultiert.

So mancher Weg, den wir von heute an gehen, wird irgendwann Teil dieser Gedanken sein. Er wird Teil unserer eigenen Geschichte sein, die wir anderen erzählen, wenn wir nach unserem Leben gefragt werden, die wir uns erzählen, wenn wir selber hinterfragen, wer wir sind und wie wir dahin kamen, wo wir heute stehen. Und vielleicht sind wir nicht jeden Tag glücklich und denken ab und an: Was wäre bloss geworden…. Allein: Wir wissen es nicht und das ist vielleicht auch gut so.

Tröstlich ist, dass es auch bei einer anderen Wahl sicher einen Tag gegeben hätte, an dem wir uns gefragt hätten, ob nicht der Weg, den wir nun effektiv gewählt haben, der bessere gewesen wäre. Und da wir damals gute Gründe hatten, den zu wählen, den wir unter die Füsse nahmen, sollten wir vielleicht darauf vertrauen (und damit uns selber vertrauen), dass es damals der richtige war. Hinterher sind wir alle klüger. Das meinen wir zumindest bis zum nächsten Hinterfragen.

Als ich Kind war, gab es im Fernsehen die Sendung „Geld oder Liebe“, in der auf spielerische Weise Wettbewerbe zu bestehen waren und am Schluss eine Entscheidung darüber gefällt werden musste, ob man sich für die Liebe – den Mann/die Frau vor Ort – oder aber für Geld – den erspielten Betrag – aussprechen möchte. Der Romanitker hätte gerne die Liebe gewählt gesehen, da ich noch jung war, überwog der immens. Der kleine Rationalist in mir sagte zwar schon, dass es a) nur ein Spiel, b) der anwesende Mensch ein unbekanntes Zufallsprodukt und c) wirkliche Liebe anders aussehen müsste. Trotzdem wäre es schön, den Himmel voller Geigen (oder Herzen) zu sehen und sich im Geiste ein „und sie lebten fortan in Glück und Frieden“ vorzustellen.

Wie ist es im wirklichen Leben? Was zählt, was ist wichtig, wofür entscheidet man sich, wenn es hart auf hart kommt? Was sind die Kriterien der Partnerwahl? Entscheidet nur das Herz, wo der Pfeil des Amor einschlägt, bleibt er stecken, ungeachtet dessen, was diese Einschussstelle mit sich bringt, oder zählen auch andere Werte, andere Kriterien? Welchen Stellenwert hat Geld? Welchen gleiche Interessen, gleiche Vorstellungen, gleiche Lebensmuster? Oder sind es gerade die gegensätzlichen Einstellungen, die anziehen?

Die erste spontane Antwort auf diese Frage ist sicher: Nur die Liebe zählt. Wo sie hinfällt, wächst nicht kein Gras mehr, sondern da wächst ganz viel. Wie aber fällt die Liebe? Einfach so? Aus dem Nichts auf einen Menschen? Was macht den anderen zu dem Menschen, den man liebt? Wie verliebt man sich? Haben die Biologen recht, wenn sie von den 3 Sekunden der Entscheidung aufgrund irgendwelcher Lockstoffe und passenden Gerüche sprechen? (Herr Biologe, zu Hilf!) Haben die Psychologen recht, die auf einer ähnlichen Schiene fahren und auch eine kurze Zeit als Matchentscheidend sehen? Wo aber bleiben da die Eigenheiten des anderen? Die Übereinstimmungen? Die Gemeinsamkeiten oder Gegensätzlichkeiten, die so anziehend sein sollen? Alles Schall und Rauch, da wir nur Trieb und animalisch gesteuert sind?

Wo blieben dann all die inneren Werte? Die kennt man doch gar noch nicht. Oder drücken die sich im Geruch aus? Riecht man, ob der andere hilfsbereit, intelligent, verlässlich, treu, ehrlich, verantwortungsbewusst und humorvoll ist? Wenn es nicht der geruch sondern doch ein Anflug von romantischer Liebe per Pfeilschuss ist: sind es dann die inneren Werte oder irgendwelche Phantasien, die der andere weckt? Und woher stammen die Phantasien? Sind sie nicht auch im weitesten Sinne verstandesprodukte? Wie weit entfernt sind wir dann noch vom Geld? Die Phantasie von der goldenen Kreditkarte, man selber in Highheels, gut aussehend neben dem machtvollen erfolgreichen Mann stolzierend, jeden Wunsch von den Lippen abgelesen bekommend da alles möglich ist? Ist sie verwerflicher als die Romantik des mittellosen Jünglings, der so gut aussieht, ein grosses Herz hat, einen auf Händen in den Sonnenuntergang trägt und dabei Gitarre spielt (bitte mich nicht auf die Unmöglichkeit dieses Zusammenspiels hinweisen, das Bild ist grad so schön – nicht plastisch sichtbar allerdings)? Zerplatzt diese Romantik nicht bei der ersten nicht bezahlten Telefonrechnung und spätestens im dritten Winter ohne Heizung, wenn die durch Nähe entstehende Wärme nicht mehr jeglichen weiter führenden Wünsche tilgt?

Liebe ist ein schwieriges Gebiet. Zum einen weiss jeder genau, was es ist, kann es aber nicht so deutlich beschreiben. Zum anderen stecken so viele Hoffnungen, Wünsche, Ziele drin, dass das arme Gefühl kaum noch atmen kann und sichtlich überfordert ist, was sich im häufigen Verflüchtigen derselben (so genannten) zeigt. Was ist die Lösung? Es gibt Kulturen, in denen Ehen geschlossen werden von den Eltern. Die zu Vermählenden kennen sich kaum bis gar nicht, wenn sie vor den Traualtar treten. Oft halten diese Ehen ein Leben lang, die involvierten Menschen scheinen nicht unglücklich. Ich kenne keine Statistiken, habe selber keine dazu gefälscht, glaube das einfach mal so. Woran liegt es? Nur weil sie keine Wahl haben, es zu ändern? Oder vielleicht doch daran, dass gemeinsame Werte und Wertvorstellungen zusammen halten, einen Weg finden helfen? Ist Liebe schlussendlich doch keine Leidenschaft, sondern ein Zusammenraufen und gemeinsam Gehen?

Was also nun? Geld oder Liebe? Das geld steht dabei wohl sinnbildlich für die Verstandesdinge, die Werte im Leben. Dabei gibt es wichtigere und unwichtigere, relevantere und solche, die man aussshliessen kann. Schlussendlich zählt wohl doch über kurz oder lang eine gemeinsame Basis, die Amorpfeil hin oder her, da sein sollte. Geld allein macht nie glücklich, das zeigen all die ach so reichen Promis mit ihren ach so grossen Problemen. Gar kein Geld macht auch nicht glücklich, das sieht man leider viel zu oft auf dieser Welt. Frei entfalten kann sich der Mensch dann, wenn seine Grundbedürfnisse gedeckt sind. Luxus ist schön, aber nicht glückselig machend. Wenn dann das Herz fehlt, nützt alles Geld, alle Vernunft, alle Rationalität nichts – man wird nicht glücklich werden. Das Herz entscheidet, wen man will, der Verstand prüft, ob es gut ist – und schweigt. Entscheidet der Verstand nach Pflichtenheftmanier, was man zu wollen hat, wird das Herz eingehen und die Seele krank.

Geld

Was sind Gefühle
in einer kalten Welt,
in der man bloss
den Schein noch sucht.
Sich zu offenbaren,
als Schwäche gilt,
sich zu öffnen,
zum Angriff ruft.

Was sind Gefühle
in einer harten Welt,
in der man stark sein
und bestehen muss,
um nicht unterzugehen.
Wo als Schwäche gilt,
wenn man offen
fühlt.

Was sind Gefühle
in einer schnellen Welt,
die antreibt nur
zu Höchstleistung.
Wo Romantik als Geplänkel scheint,
Geld nur herrscht
und Macht
gesucht.

Was sind Gefühle
in einer toten Welt,
wo jedes Fühlen
abgewürgt
und der der fühlt
in Ketten darbt,
als Idealist beschimpft
und ruhig gestellt,
auf dass er schweige.

Was sind Gefühle
in dieser heut’gen Welt?
Gibt man auf
Und ist nur Schein?
Gewinnt Verstand,
das Herz soll Schweigen?
Oder wagt man doch
Und ist.

Sein braucht manchmal Mut, ab und an bedeutet es Verzicht. Schein ist Verzicht auf der ganzen Ebene – nicht gleich, aber langsam bohrend, mitten ins Herz, es verletzend. Und mit dem Herz leidet die Seele und das gekaufte Glück ist plötzlich nichts mehr wert.