Eigentlich wäre ja alles anders geplant gewesen. Ich hätte studiert, den perfekten Mann gefunden, ein Kind gekriegt, ein Haus gebaut, wäre glückliche Hausfrau gewesen, hätte meine Projekte gemacht und ansonsten den Garten bewässert, den Haushalt geschmissen, das Kind erzogen, den Mann beglückt. Das war mein Traum. Eigentlich.

Nun mag man einwenden, dass dies ein eher veraltetes Ansinnen sei, dass man, wollte man das tun, auch gar nicht studieren müsste, sondern gleich die Schürze umbinden könnte. Trotzdem war es mein Traum und bei aller Unlogik und Antiquiertheit war er genau so! Und da gehörte all das zu diesem Traum dazu. Eigentlich.

Ich habe gut begonnen, das Studium habe ich gemacht, den Mann kennengelernt. Er war nun nicht wirklich perfekt. Ich auch nicht. Das Kind kam. Also wieder auf Kurs. Doch dann war der Mann weg – oder ich – vermutlich beide. Aus dem Haus wurde nix, die Projekte starben an täglichen Notwendigkeiten. Haushalt machte ich nie gerne und das blieb bis heute so. Und der grüne Daumen hat sich auch noch nicht gebildet, was mangels Garten aber kein Problem ist, die Zimmerpflanzen gehen bei uns ein und aus. So gesehen: eigentlich alles falsch. Eigentlich.

Eigentlich könnte man nun sagen, das war’s, gescheitert. An den Träumen, in der Realität. Allerdings ging das Leben weiter und es hatte gute Zeiten. Auch andere, die gehören aber wohl dazu. Die wären auch im Traumleben so gewesen, da ein zur Realität gewordener Traum immer den lebendigen Herausforderungen ausgesetzt ist. Und eigentlich ist es auch gut so. Klar, ich träume noch heute ab und an vom Familien-Haus-Garten-Leben mit Projekten und Kuchenduft in der Küche, blicke auch mal wehmütig zurück und frage mich, wo die Abzweigung falsch war, was gewesen wäre, wenn ich dann oder wann anderes gewesen wäre, anders gehandelt und entschieden hätte. Und schaue dann wieder nach vorne und gehe weiter.

Eigentlich war also alles anders gedacht gewesen. Und nun sitze ich hier und alles ist so, wie es ist und damit anders, als ich es gewollt hatte. Und ich werde wohl nie mehr dahin kommen, wo ich hin wollte. Weil das Leben kein Traum, sondern eben Realität ist. Das muss aber auch gar nicht schlecht sein, denn wären meine Träume in Erfüllung gegangen, wäre mir ganz viel in meinem Leben nicht passiert, auf das ich nicht verzichten wollen würde. Ich wäre Menschen nicht begegnet, die mir viel bedeutet haben, und auch denen nicht, die mir heute was bedeuten, weil ich ganz andere Wege gegangen wäre. Ich hätte viele Erfahrungen nicht gemacht, die mich im Leben weiter gebracht haben, dahin, wo ich heute bin. Nicht alle waren schön, nicht alle waren erträumt, einige waren sogar ziemlich übel, traurig, schrecklich. Und doch haben sie alle etwas in meinen Rucksack gepackt, den ich tagtäglich durchs Leben trage, auf den ich zurückgreifen kann, wenn ich auf Situationen stosse und etwas davon brauche.

Eigentlich ist also alles gut. Eigentlich.

 

 

Wieso? Ich habe keine Ahnung. Alles ist prima, mein Leben gut. So viele Menschen auf dieser Welt haben es viel schwerer als ich. Ich habe eigentlich alles, was ich mir wünschen kann. Eigentlich sogar mehr. Mir geht es gut. Ach so gut. 

Die Krux liegt wohl im „eigentlich“. Denn eigentlich ist nichts, wie es sollte nach eigenem Gutdünken, wenn man eigentlich schreibt. Das ist fast so schlimm wie grundsätzlich, denn sobald man sagt, dass etwas grundsätzlich ist, wie es ist, schreit das schon förmlich nach der Ausnahme und der Erklärung, wieso es gerade nun nicht so ist. Und beim eigentlich, da schreit es auch. Alles, was eigentlich gut ist, ist gerade nun nicht gut, weil eben… und dieser Grund.. der fehlt. Drum ist es ja eigentlich gut. Weil es grundlos nicht gut ist. 

Gut, vielleicht gibt es Gründe, doch die traut man sich kaum zu sagen, da sie eigentlich (schon wieder) harmlos sind, blöd sind, sinnlos sind. Sie widersprechen allem, was man als vertretbare Gründe zum Jammern anfügen könnte. Man hungert nicht, schläft warm und trocken, hat keinen Krieg, keine Krankheiten, keine wirklichen Probleme. Nur eben: Es ist nicht so, wie man es gerade gerne hätte. Und drum ist man gefrustet. Jemand tat, was er in den eigenen Augen nicht hätte tun sollen, jemand tat nicht, was man so gehofft hatte. 

Argumente gegen diesen Zustand gibt es viele. Sie reichen von „hab dich nicht so“ über „entspanne dich, morgen ist die Welt wieder in Ordnung“ bis hin zu „lerne, mit dem zufrieden zu sein, was ist“. Alles toll, alles wahr – hilft alles nichts. Es ist, wie es ist und es fühlt sich nicht gut an. Und wenn man schon in der Stimmung ist, dann regt man sich auch gleich über alles auf, was einem noch so über die Leber kriecht. Die doofe Nuss, die ihre Animositäten pflegt und Unsinn verbreitet, weil sie denkt, man hätte ihr was weggenommen, das sie in Wirklichkeit nie gehabt hat, der sture Kater, der nicht einsieht, dass der Tisch nicht sein Schlafplatz ist, der undichte Hund, der immer dann raus muss, wenn es Katzen hagelt und der Mann, der nie da ist, wenn man ihn mal braucht, dafür immer dann, wenn man seine Ruhe will. Und man selber, die man nie ist, wie man gerne wäre, weil man grade ist, wie man ist. Und das ist momentan: gefrustet.