Edgar Rai – Nachgefragt

©Maximilian Gödecke

Edgar Rai wurde 1967 im hessischen Hinterland geboren. So idyllisch sollte es nicht bleiben, auf diverse Umzüge folgten mehrere Schulverweise, danach führte der Weg nach Amerika. Wieder zurück studierte er verschiedene Fächer und brachte zwei zum Abschluss: Musikwissenschaften und Anglistik. Als ob das nicht genug wäre, kamen noch die unterschiedlichsten Tätigkeiten dazu: vom Chorleiter über den Basketballtrainer bis zum Handwerker ist alles dabei – und noch einiges mehr. 2001 befand er dann, dass dies nun ein Ende haben muss, er wurde Schriftsteller. Daneben unterrichtete er von 2003 bis 2008 als Dozent für kreatives Schreiben an der FU-Berlin und ist zudem seit 2012 Mitinhaber der Buchhandlung Uslar & Rai in Berlin.

Edgar Rai hat drei Kinder und lebt in Berlin.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biografie erzählen?

Was für eine Einstiegsfrage! Wie viele Seiten wollen Sie? Hundert? Tausend? Weiß nicht recht, wie ich das auf kurze Strecke beantworten soll. So vielleicht: Drei Kinder, lebt in Berlin, seit zwanzig Jahren Schriftsteller, demnächst Großvater.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen konkreten Auslöser?

Ich hatte nie die Vorstellung, einen bestimmten Beruf auszuüben. Schreiben und Musik machen waren einfach zwei Dinge, die mich mehr interessiert haben als anderes. Einen konkreten Auslöser allerdings gab es, nämlich als nach meinem ersten und wirklich nicht guten Roman mein Lektor fragte: Wann kommt denn der zweite? Von dem Tag an war ich Schriftsteller.

Sie haben in verschiedenen Genres geschrieben, unter anderem Krimis im Duo Rath & Rai oder auch  den historischen Roman „Der Sixtinische Himmel“ unter Pseudonym. Wäre es nicht einfacher, immer im gleichen Gewässer zu fischen oder brauchen Sie die Abwechslung, um sich nicht selber zu langweilen?

Ich weiß nicht, ob es einfacher wäre. Viele machen das ja, für die scheint es einfacher zu sein. Ich möchte es lieber nicht ausprobieren, sondern mir weiterhin das Privileg erhalten, einfach zu machen, was mich interessiert und worauf ich Lust habe. Roman ist immer Langstrecke, das sollte man wirklich wollen. Außerdem frage ich mich, ob „einfacher“ nicht erst recht ein Grund wäre, den Weg nicht zu gehen. Wer es sich einfach machen will, hat als Künstler den falschen Weg gewählt.

Ich las, Sie seien durch Ihren Roman „Im Licht der Zeit“ auf die Figur Erich Maria Remarques gestoßen und haben nun den Roman „Ascona“ geschrieben. Was hat sie an der Person angezogen und wieso haben Sie diese paar Jahre seines Lebens gewählt?

Stimmt nicht. Auf Erich Maria Remarque bin ich eher zufällig gestoßen – bei der Recherche zu Ascona und dem, was sich in diesem kleinen, abgeschiedenen Ort in den Jahren 1933-39 zugetragen hat. Womit denn auch schon die Frage beantwortet ist, warum die Jahre 33 bis 39. Victoria Wolff hat einmal sinngemäß gesagt: Ascona in den 30er Jahren, das war kein Ort, das war ein seelischer Zustand.

Ihr Roman „Ascona“ besticht durch teilweise sehr poetische Passagen – dürfen wir uns bald auf einen Lyrik-Band von Ihnen freuen?

Das würde ich niemandem zumuten. Und freuen würde sich da auch niemand drauf. Ich hab es immer wieder mal versucht, daher weiß ich: Als Lyriker wäre ich ein Stümper. Liedtexte dagegen könnte ich mir vorstellen.

Woher holen Sie Ihre Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie wird eine Geschichte daraus?

Was die Ideen angeht, so habe ich wirklich eher das Gefühl, die kommen zu mir. Ist ein Klischee, ich weiß, ändert aber nichts. Damit aus einer Idee eine tragfähige Geschichte wird, braucht es dann vor allem Handwerk, Arbeit, Muße, Langmut, Beharrlichkeit und eine hohe Frustrationstoleranz.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern, die selbst Kurse anbieten. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen, oder sitzt es in einem?

Ich glaube, man kann vieles lernen. Gutes Handwerk macht eine Idee nicht schlechter. Es gibt allerdings auch Aspekte, die nicht erlernbar sind und ohne die einem immer der Schlüssel fehlen wird.

Wenn Sie auf Ihren eigenen Schreibprozess schauen, wie gehen Sie vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreiben Sie drauf los und schauen, wo das Schreiben hinführt? Variiert das in den verschiedenen Genres?

Meine Erfahrung mit mir selbst ist, dass die gut durchdachten Texte die besseren sind. Das mag bei anderen Autor*innen anders sein, aber meinen Romanen tut es gut, wenn ich zu Beginn jedes neuen Kapitels weiß, was ich damit greifen will und wohin es führen soll. Überrauschungen warten auf dem Weg auch so noch genug.

Wie schreiben Sie? Sind Sie der Haptiker mit Papier und Stift oder passiert alles am Computer? Und: Hat das Schreibmittel Ihrer Meinung nach einen Einfluss auf den Schreibprozess?

Das glaube ich sicher. Jedes Werkzeug, ganz gleich, ob es ein Hammer oder ein Mixer ist, gibt uns seine Geschwindigkeit vor. Deshalb schreibe ich die meisten Texte von Hand, mit Füller, und gebe sie erst anschließend in den Computer ein.

Gab es Zeiten in Ihrem Leben, wo der Schreibfluss versiegte? Und wenn ja, wie gingen Sie damit um?

Ist noch nicht vorgekommen. Eher andersherum: Da sind so viele Ideen, und nie komme ich hinterher. Auf jeden Roman, den ich schreibe, kommen zwei, die ich nie schreiben werde. Meine Freundin hat mich neulich als „schreibsüchtig“ bezeichnet.

Ich hörte mal, der größte Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchen Sie zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Ich sitze am liebsten im Café und lasse die Welt an mir vorbeiziehen, während ich schreibe. Einsamkeit tut mir nur in kleinen Dosen gut. Und mangelndes Talent ist definitiv ein Feind.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend oder sind Sie ständig „auf Sendung“? Wie schalten Sie ab?

Inzwischen bekomme ich das mit dem Abschalten ganz gut hin. Allerdings nie besonders lange. Ich kann mit meiner Familie drei Wochen in Urlaub fahren und in der Zeit nichts schreiben. Aber ich kann nicht drei Wochen nichts denken.

Was sind für Sie die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet Ihnen Mühe?

Die Euphorie, die einen erfüllt, wenn man merkt, dass man gerade seine Fangzähne in den Hintern einer großen Geschichte geschlagen hat, kann einen sehr weit tragen, manchmal bis über die dritte Überarbeitung des fertigen Romans hinweg.

Goethe sagte einst, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel von Rai Edgar steckt in Ihren Büchern? Klar, „Ascona“ war ein biographischer Roman, in anderen Genres ist das vielleicht anders?

Natürlich steckt in jedem meiner Romane auch viel von Edgar Rai. Allerdings versuche ich, der Story nach Möglichkeit nicht zu sehr im Weg zu stehen.

Wenn Sie auf Ihre Bücher zurückschauen, gibt es ein Lieblingsbuch, eines, das Ihnen am nächsten ging, am wichtigsten oder persönlichsten war oder noch ist?

Es gibt Aspekte an bestimmten Romanen, die mir auch nach Jahren noch sehr nah sind: Die Atmosphäre in „nächsten sommer“, wie traumwandlerisch auf den letzten 50 Seiten von „Der sixtinische Himmel“ die Fäden zusammengeführt werden, die Stimmigkeit von „Im Licht der Zeit“.

Die meisten Schriftsteller lesen selbst viel – gibt es Bücher, die Sie geprägt haben, die Ihnen wichtig sind, Bücher, die Sie empfehlen würden?

Da ich nicht nur Schriftsteller bin, sondern außerdem gemeinsam mit Katharina von Uslar und meiner Tochter Leoni Kapell eine Buchhandlung betreibe: Ja, viele.

Welche fünf Tipps würden Sie einem angehenden Schriftsteller geben?

  1. Willst du es wirklich?
  2. Warum?
  3. Wenn du anfangen musst, darüber nachzudenken, was du schreiben könntest – warte lieber noch.
  4. Intuition ist ein Werkzeug. Den Umgang damit muss man üben.
  5. Wenn du dich nur im flachen Wasser aufhältst, bist du ziemlich sicher am falschen Ort. Spannend wird es da, wo deine Füße den Bodenkontakt verlieren.

Herzlichen Dank für diese Antworten!

Die Rezension zum Buch „Ascona“ findet sich HIER