Im Sommer 1840 reist Sanin, ein junger russischer Gutsbesitzer durch Europa, um das Leben noch zu geniessen, bevor er in Russland in den Staatsdienst eintritt. Am letzten Ort seiner Reise, in Frankfurt, kurz vor seiner Rückreise nach Russland, für die er gerade noch so viel Geld hat, wie er eben braucht, trifft er Gemma. Die junge Konditorstochter ist das wohl Schönste, was er je gesehen hat.

Er sass seitwärts, etwas hinter ihr, und dachte bei sich, dass keine Palme, selbst nicht in den Gedichten Benediktows, der damals Mode war – es mit der Schönheit ihres schlanken Wuchses aufnehmen könne; und wenn sie bei gefühlvollen Stellen den Blick erhob, so schien es ihm, als gäbe es keinen Himmel, der sich vor diesem Blick nicht öffnen müsste.

Sanin ist hin und weg, was dem Leser mehr aufzufallen scheint als ihm selber. Dass er erfahren muss, dass die schöne Angebetete bereits einem anderen versprochen ist, betrifft ihn zwar, stürzt ihn jedoch nicht ins Elend.

Auf einem Ausflug, den die jungen Leute, Gemma, deren Bruder, ihr Bräutigam und Sanin, gemeinsam machen, wird Gemma von einem Offizier ungebührlich angesprochen, worauf Sanin ihre Ehre verteidigt – was deren Bräutigam sträflich vernachlässigt (wie so vieles mehr, was sich für einen aufmerksamen und zugewandten Bräutigam gehörte) –, worauf sich Sanin mit einem Duell konfrontiert sieht und der Bräutigam mit der Entlobung. Es kommt, wie es kommen muss, Gemma und Sanin finden zusammen, der Liebesbeschreibungen sind die wohl schönsten zu lesen, die man sich nur vorstellen kann.

…was ich Ihnen jetzt sagen muss – das ist: Ich liebe Sie! Ich liebe Sie mit der ganzen Leidenschaft eines Herzens, das zum ersten Mal liebt! Dieses Feuer hat sich plötzlich in mir entzündet, aber mit einer solchen Macht, dass ich keine Worte dafür finde!

Man ist geneigt zu sagen, dass er sie zum Glück hier doch gefunden hat.

Dass man als mittelloser Russe nicht einfach eine ebenfalls nicht auf Rosen gebettete Konditorstochter heiraten kann, die gerade einen vermögenden Kaufmann in den Wind geschlagen hat, versteht sich von selber. Hilfe naht in Form einer schönen, reichen Frau, die Sanins Gut abkaufen und ihm damit das nötige Geld verschaffen will. Allerdings ist dieses Ansinnen nicht ganz uneigennützig. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, sie ist zum Glück nicht ganz so tragisch, wie sie romantisch war, überleben immerhin alle. Nur wie, das ist die Frage, die hier nicht beantwortet wird.

Turgenjew zieht alle Register des Gefühls, der Beschreibung der Liebe, er legt die Hintergründe der Charaktere, deren Beweggründe ihres Handelns, Fühlens, Denkens offen. Frühlingsfluten ist pure Poesie in Novellenform.

 

Fazit:
Wunderschöne Literatur, poetisch, blumig, wunderbar zu lesen – Genuss pur und absolut empfehlenswert.

 

Zum Autor
Iwan Turgenjew
Iwan S. Turgenjew, geb. 1818 in Orel, gest. 1883 in Bougival bei Paris gestorben, stammt aus altem Adelsgeschlecht. Nach dem Studium der Literatur und der Philosophie in Moskau, St. Petersburg und Berlin war er für zwei Jahre im Staatsdienst tätig. Danach lebte er als freier Schriftsteller und verfasste Erzählungen, Lyrik, Dramen, Komödien und Romane. Turgenjew gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus und zählt zu den großen europäischen Novellendichtern. Seine Novellistik bedeutet einen Höhepunkt der Gattung in der russischen Literatur.

 

Angaben zum Buch:
TurgenjewFrühlingsflutenTaschenbuch: 185 Seiten
Verlag: Insel Taschenbuch Verlag (24. Januar 2000)
ISBN-Nr.: 978-3-458-34304-2
Preis: EUR 9.95 / CHF 4.40

 

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Am 2. April 1725 erblickt Giacomo Casanova in Venedig das Licht der Welt. Als Kind ist er weit vom Lebemann entfernt, als den man ihn später in diversen Romanen beschreibt: Als eher kränkliches Wesen steht er dem Tod oft näher als dem Leben. Das hätte seinen Kampfgeist wachsen lassen, behauptet er später.

Bereits mit 17 Jahren ist er Doktor der Rechte, tritt danach – wieder entgegen des späteren Bildes – in die Kirche ein, um die Priesterlaufbahn einzuschlagen (der Wunsch der Grossmutter ist hier massgebend). Ein betrunkener Fall von der Kanzel beendet diese Laufbahn. Danach sucht er erneut Kontakt mit dem Recht, allerdings nicht in Anwaltsrobe, sondern als Inhaftierter wegen Erbstreitigkeiten.

Casanovas nächste Etappe ist Rom. Nach netten Plaudereien mit dem Papst, kommt er seinem später überlieferten Bild näher: Ein Liebesabenteuer wird vermeldet. Dieses bringt neuen Wind in sein Leben und zwingt ihn in die Flucht: weg aus Rom ist die Devise. Es folgen neue Abenteuer, von diversen Kindern ist die Rede, ihm selber fehlt der Überblick.

Trotz seinem eher unehrenhaften Abgang aus dem Klerikerkreis versteht er sich mit dem Papst ausnehmend gut, erwirkt sich einige Privilegien und Sonderrechte, wird sogar zum „Ritter des Goldenen Sporns“ ernannt. Das lässt er sich nicht zweimal sagen und nennt sich fortan Cavaliere. Damit die Herkunft zum Titel passt, erfindet er statt des sowieso nicht sicher feststehenden Schauspielers den passenden Vater dazu, was allerdings auffliegt und ihn erneut zur Flucht zwingt – es soll nicht das letzte Mal gewesen sein.

Reisen, Engagements an Theatern, erneute Fluchten, Inhaftierungen – langweilig wird Casanovas Leben auch in der Folge nicht, die Schreiberlinge kommen nicht mehr nach, alles festzuhalten, weswegen nichts wirklich belegt und mit Sicherheit zu bestimmen ist.   Belegt ist erst wieder seine Inhaftierung in Venedig, er ist zwischenzeitlich den Freimaurern beigetreten. Nun darbt er in den Bleikammern Venedigs und versucht, mithilfe des Buches von Ludovico Ariosto, L’Orlando Furioso, die Flucht, was ihm auch gelingt. Er schreibt dies seinem als krankes Kind erprobten Kämpfergeist zu. Solches Material kann er nicht einfach versanden lassen, er schreibt darüber ein Buch.

Es folgten Reisen kreuz und quer durch Europa. In England treibt ihn eine unerwiderte Liebe zu einer 18-Jährigen fast in den Selbstmord, er überlebt auch das – ganz Kämpfer. Weitere Reisen werden unternommen, eine Stelle gesucht, was sich als schwer erweist. Was er kriegt – eine Stelle als Landjunker – will er nicht und was er will – eine Stelle bei der russischen Zarin, kriegt er nicht. Das alles lässt ihm aber genügend Zeit für weitere Abenteuer, es wird von Duellen berichtet, von Flucht und von Geliebten. In der Hoffnung, in Venedig etwas Gnade zu finden, verfasste er sein Werk „Confutazione della Storia del Governo veneto d’Amelot de la Hussaie“ (eine Antwort auf ein Venedig kritisches Werk ), was gelingt, so dass er nach Venedig zurückkehren kann.

Erneute Vatererfindungen lassen auch diesen Aufenthalt wieder enden, weitere Reisen folgen. Erst in Wien kommt er zur Ruhe, arbeitet da auf Schluss Dux als Bibliothekar. Damit es nicht zu ruhig wird, legt er sich ab und an mit den Schlossherren an, beschwert sich über Kaffee und Kuchen und andere wichtigen Dinge.

Sein wohl wichtigstes Werk sind seine Memoiren, die zur Weltliteratur gezählt werden und in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden. Ansonsten glänzt er wohl mehr als Romanvorlage denn als Literat, was bei seinem Lebenswandel und bewegten Leben nicht zu verwundern vermag.

Werke von Giacomo Casanovas

Memoiren – Geschichte meines Leben

Dieses Buch ist eigentlich das einzige von Giacomo Casanovas Werken, das Bekanntheitsgrad erreichte und auch übersetzt wurde. Viele seiner Bücher sind nur auf Italienisch erschienen und von eher nicht erwähnenswertem literarischem Wert.