Doris Dörrie: Diebe und Vampire

Ich hatte tatsächlich die nebulöse Vorstellung, ich müsse nur genug vor mich hin träumen, dann würden irgendwann die Gedankenfetzen, Bilder, Töne und Geschichten schon ihren Weg aufs Papier finden.

Alice weiss genau, was sie will: Schreiben, Schriftstellerin sein. Dieser Wunsch wird noch mehr bestärkt, als sie in einem Urlaub in Mexiko auf eine bekannte Schriftstellerin trifft, die genau das tut, was sie eben nicht tut: Schreiben. Jeden Tag zieht sich die Meisterin, so nennt Alice sie insgeheim, zurück und schreibt, während Alice keinen Buchstaben zu Papier bringt. Um Eindruck zu machen und Aufmerksamkeit zu erregen, setzt sie sich fortan mit einem Heft hin und schreibt vor sich hin.

Das Vorhaben gelingt, die Meisterin bemerkt sie. Als sie abreist, lässt sie Alice zurück mit der Aufforderung, weiter zu schreiben, nicht aufzugeben und sie bald zu besuchen in San Francisco. Das einzige, was Alice schreibt, ist der Meisterin einen Brief, ab und an telefoniert sie ihrem grossen Vorbild und fliegt eines Tages unangekündigt nach San Francisco, um vor Ort von der Meisterin zu lernen.

Diebe und Vampire ist ein Roman über das Schreiben, ein Roman über das Leben einer jungen Frau, die vom Traum, Schriftstellerin besessen ist, aber mehr Gründe dafür findet, nicht zu schreiben, als zu schreiben.

„Ich habe Angst zu scheitern, platzte ich heraus. Ich habe Angst, dass ich nie gut sein werde, nie eine richtig, richtig gute Schriftstellerin sein werde. Ich habe Angst, dass man mich fertigmachen und über mich lachen wird, dass ich einen Traum habe, der so lächerlich ist, als wolle eine Taube eine Nachtigall sein.“

Es ist ein Buch, das von den Ängsten und Nöten des Schreibens handelt, ein Buch, das auch autobiographische Züge trägt zumindest, was den Schreibprozess, den Akt des Schreibens betrifft. Es ist aber auch ein Buch über das Scheitern, das Älterwerden – schonungslos, offen, teilweise etwas abstrus, teilweise verwirrend, weil nicht klar ist, was real und was Phantasie der Protagonistin ist, dabei aber unterhaltsam und flüssig zu lesen.

Fazit:
Die Geschichte einer jungen Frau, von ihrem Traum vom Schreiben und den Schwierigkeit, es wirklich zu tun. Ein Buch, das trotz einiger Schwächen Spass macht beim Lesen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Diogenes; 2. Edition (23. November 2016)
ISBN-Nr.: 978-3257243659
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Doris Dörrie: Alles inklusive


„Ich war einsam, meine Mutter war einsam, und wir wussten es voneinander, das war das Schlimmste.“

Ingrid versucht an einem Hippiestrand in Spanien für sich und ihre Tochter Apple den Lebensunterhalt durch den Verkauf von selbstgemachtem Schmuck zu verdienen. Ingrid ist unglücklich, Apple ist unglücklich, und beide fühlen sich allein. Als Ingrid auf Karl trifft, geht sie mit ihm eine Affäre ein, wobei sie insgeheim hofft, dass er ihre Zukunft sein könnte. Karl, selber verheiratet und Vater von Tim, sieht in Ingrid auch eine Rettung und eine Flucht. Am Ende stehen alle vor den Scherben eines Unglücks, das ihr aller Leben für immer verändern wird: Karls Frau ertränkt sich im Pool. Wie sollen Sie mit diesem Schicksal weiter leben?

30 Jahre später ist Ingrid wieder in Spanien und trifft zufällig auf Karl.

„Ich möchte mir vorstellen, dass einfach nichts weiter geschehen ist zwischen damals und jetzt, als sässen wir an den gegenüberliegenden Enden eines langen Tisches, mit einem unbefleckten weissen Tischtuch zwischen uns, das wir nun langsam von beiden Seiten her zusammen rollen.“

„Alles inklusive“ ist die Geschichte verschiedener Menschen, die alle mit ihrem Leben hadern, daran verzweifeln, falsche Entscheidungen treffen, sich selber ins Unglück reiten. Alle wirken sie auf ihre Weise verrückt und doch auch wie Menschen mit ihren Abgründen und Hoffnungen. Es ist die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung, die nie eine wirklich gelebte und gefühlte war und doch Boden für viele Anschuldigungen mit sich bringt. So sagt Ingrid einmal über ihre Tochter:

„Hauptberuflich nimmt sie mir mein Leben von damals übel.“

Doris Dörrie gelingt es, ohne Moralkeule und hochgehobenen Zeigefinger menschliche Schwächen zu erzählen, trotz vieler Tiefschläge und auch verkorkster Lebensentwürfe driftet das Buch nie ins Schwere ab. Es ist wohl gerade die Leichtigkeit des Erzählens, die einen immer weiter lesen lässt, auch wenn die Geschichte ab und an etwas langatmig und gar abstrus wird. Kleine Heiterkeiten wie ein Hund namens Dr. Freud oder launige Beschreibungen und Assoziationen entlocken beim Lesen immer wieder ein Schmunzeln, durch das man gerne über kleine Schwächen hinwegliest.

Fazit:
Nicht die beste Leistung der Autorin, aber durch die Leichtigkeit des Erzählflusses und den klaren Blick auf die menschlichen Kuriositäten durchaus ein Lesevergnügen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: Diogenes; 5. Edition (26. Februar 2013)
ISBN-Nr.: 978-3257241938
Preis: EUR 12 / CHF 27.90

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Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen

Eine Einladung zum Schreiben
„Dieses Buch ist eine Einladung zum Schreiben über sich selbst. Wenn man schreibt, schreibt man immer über sich selbst. Es ist abwechselnd wunderbar, schmerzhaft, narzisstisch, therapeutisch, herrlich, befreiend, tieftraurig, beflügelnd, deprimierend, langweilig, belebend.“

Doris Dörrie schreibt mit diesem Buch wohl eines der persönlichsten, das sie bislang geschrieben hat. Es ist ein Buch über ihr Leben, über ihre Erinnerungen an einzelne Momente dieses Lebens. Es ist ein Buch über das Erinnern generell. Ich erinnere mich.

„Schreibend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder. Ich schreibe, um diese unglaubliche Gelegenheit, am Leben zu sein, ganz genau wahrzunehmen und zu feiern. Ich schreibe, um einen Sinn zu finden, obwohl es am Ende wahrscheinlich keinen gibt.“

Dieser Satz führt wie ein roter Faden durch das Buch, das einen mitnimmt auf eine Reise sowohl durch Doris Dörries Leben wie auch auch durch das eigene. Denn an jede Anekdote dieses erinnerten und erzählten Lebens ist eine Aufforderung geknüpft. Nun ist der Leser dran. An welche Kleider der Kindheit erinnert er sich? An welche Ausflüge? Freunde? Erste Momente? Verluste? Gerüche? Gefühle?

„Schreibend erforsche ich die Welt. Meine Welt. Was beeindruckt mich? Was merke ich mir? Was erschüttert mich? Was erheitert mich? Was begeistert mich? Woran erinnere ich mich?“

Leben, schreiben, atmen“ ist nicht nur eine Aufforderung zu schreiben, es ist auch eine Aufforderung, das eigene Leben bewusst zu beleuchten. Wo komme ich her? Wer bin ich? Wie bin ich der geworden, der ich heute bin? Es ist ein Buch, das zu Fragen anregt, das einen auffordert, die eigene Geschichte neu aufzurollen und genau hinzusehen. Habe ich bislang die richtige Geschichte über mich erzählt? Gefällt mir diese Geschichte? Könnte ich meine Geschichte auch anders erzählen? Wäre ich dann ein anderer Mensch?

Doris Dörrie hat nicht einfach einen neuen Schreibratgeber geschrieben. Es geht weder um das Schreiben von Verkaufsschlagern noch um das von geschliffenen und korrekten Sätzen. Es geht um das Tiefer tauchen in den eigenen Erinnerungen, um das bewusste in die Zukunft gehen durch das Wissen um die Vergangenheit. Herausgekommen ist ein inspirierendes, bewegendes, mitreissendes, tiefgründiges und wunderbares Buch. Man möchte als Leser laut danke sagen dafür!

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das zum nachdenken, weiterdenken, sich erinnern und schreiben animiert. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Doris Dörrie, geboren in Hannover, studierte Theater und Schauspiel in Kalifornien und in New York, entschloss sich dann aber, lieber Regie zu führen. Parallel zu ihrer Filmarbeit (zuletzt der Spielfilm ›Kirschblüten und Dämonen‹) veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Romane, ein Buch über das Schreiben und Kinderbücher. Sie leitet den Lehrstuhl ›Creative Writing‹ an der Filmhochschule München und gibt immer wieder Schreibworkshops. Sie lebt in München.

Hier eine Leseprobe: Leben, schreiben, atmen – Leseprobe

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (2019)
ISBN-Nr.: 978-3-257-07069-9
Preis: EUR 18 / CHF 27.90

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