Delphine de Vigan: Das Lächeln meiner Mutter

Inhalt

„Was ist passiert, als Folge welcher Störung, welchen schleichenden Gifts? Ist der Tod eines Jungen eine hinreichende Erklärung für die Bruchlinie, die Bruchlinien? Denn die Jahre danach sind nicht zu beschreiben ohne die Begriffe Tragödie, Alkohol, Irrsinn, Suizid, die genauso zu unserem Familienwörterbuch gehören wie die Wörter Fest, Spagat und Wasserski.“

Als Lucile aus dem Leben scheidet, stellt sich ihre Tochter Delphine die Frage, wie es dazu kommen konnte. Diese Frau, die sie schon immer durch ihre Schönheit, durch ihr Talent, durch ihr Auftreten fasziniert hat, der sie aber doch nie wirklich nahe kam, weckt in Delphine eine Menge an Fragen, welchen sie in der Folge nachgehen will. Sie sammelt alles Material, das sie über ihre Familie findet, spricht mit den noch lebenden Mitgliedern und versucht so, die Geschichte der eigenen Familie aufzuarbeiten, offene Fragen zu klären, sich ein Bild zu machen davon, was wirklich passiert ist. Vor allem aber möchte sie ihre Mutter endlich kennenlernen, möchte verstehen, wieso diese so war, wie sie war.

Bedeutung

„Ich bin das Produkt dieses Mythos und habe in gewisser Weise die Aufgabe, ihn aufrechtzuerhalten und fortzusetzen, damit meine Familie weiterlebt und auch die etwas absurde, verzweifelte Phantasie, die uns eigen ist.

Delphine de Vigan erzählt die Geschichte einer Familie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Frankreich, sie erzählt vom Leben damals in Gesellschaft und auch von privaten Erlebnissen. Sie geht mit ihrer Geschichte weit zurück, bis zur Ursprungsfamilie ihrer Mutter, versucht, aus dem Lauf der Geschichte Antworten zu finden für das, was passiert ist, dafür, wieso ihre Mutter war, wie sie war, wieso sie sich nicht wirklich einliess, sondern sich immer wieder allem entzog, nicht zuletzt auch ihrer eigenen Tochter. Der Weg hin zur Mutter ist auch ein Weg hin zu sich selber für Delphine, sie lernt sich und ihr eigenes Verhalten und Leben besser zu verstehen dadurch, dass sie merkt, wie sich Dinge in der Familie weitervererben.

Delphine de Vigan erzählt nicht nur die Geschichte ihrer Familie, immer wieder reflektiert sie auch die eigenen Schwierigkeiten, diese schriftlich festzuhalten. Sie schreibt von den Selbstzweifeln, davon, die richtige Art des Erzählens zu finden. Da Schreiben immer auch eine Form ist, sich selber bewusst zu werden über die Dinge, deuten diese Schreibschwierigkeiten auch auf die  Schwierigkeit hin, mit der eigenen Geschichte umzugehen, wirklich hinzuschauen. Dies fiel sicher umso schwerer, als es keine heitere Geschichte ist, sondern eine Familiengeschichte voller Tragödien und Schicksalsschläge. Krankheit und (auch selbstgewählter) Tod sind immer präsent, das Leben als Kind in so einer Familie oft verstörend. Zu gerne würde man das wohl vergessen, wegschauen – doch die Fragen sind zu drängend.

Es ist Delphine de Vigan gelungen, diese sehr düstere Geschichte voller Schicksalsschläge und Tragödien authentisch und mit Mitgefühl zu erzählen, Vorwürfe, Selbstmitleid oder Klagen über eine schwierige Kindheit sucht man vergebens. Entstanden ist ein Buch, das trotz der schweren Kost gut lesbar ist.

Persönliche Einschätzung
Ich habe anfangs gekämpft mit dem Buch, fand den Zugang erst, als Delphine de Vigan von ihren eigenen Problemen schrieb, die Geschichte zu Papier zu bringen. Vorher war es schlicht eine Familiengeschichte, von der man zwar wusste, dass es die von Delphine de Vigane selber ist, die aber doch sonderbar absorbiert im Raum stand. Erst mit dieser Passage wurde der Zusammenhang wirklich spürbar, wurde auch das Involviert-Sein der Autorin fassbar.

Ich bin grundsätzlich kein Freund von Erinnerungsbüchern, habe dieses nur gelesen, weil ich von Delphine de Vigans Buch „Dankbarkeiten“ so begeistert war. In meinen Augen kann dieses nicht mit dem anderen mithalten, „Dankbarkeiten“ hat mich mehr berührt und ergriffen – vielleicht, weil hier die Sprache viel sachlicher war als dort, was vielleicht der Nähe der Autorin zum Stoff geschuldet ist. Oft brauchen wir ja die Distanz zu den ganz nahen Dingen, um ihnen überhaupt begegnen zu können. So wirkt dieses Buch auf mich.

Fazit:
Ein authentisches, sensibles Buch über die Geschichte einer Familie, über die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung und über das Erbe, das wir aus unserer Familiengeschichte mitnehmen. Empfehlenswert.

Über die Autorin
Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien außerdem 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹ und 2018 der Roman ›Loyalitäten‹.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (16. Juli 2021)
Übersetzung: Doris Heinemann
ISBN-Nr.: 978-3832165468

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Delphine de Vigan: Dankbarkeiten


„Alt werden heisst verlieren lernen. […] Und auf der Einnahmenseite steht gar nichts mehr.

Früher unabhängig und stolz auf ihre Fähigkeit, mit Sprache umzugehen, verliert Michka nach und ach, was ihr mal wichtig war: Wörter. Eins ums andere lässt sich nicht mehr finden, sie taucht vergeblich danach oder ersetzt es durch ein anderes, ähnlich klingendes. Als das Leben im eigenen Zuhause nicht mehr möglich ist, muss Michka in ein Heim. Die Tage sind lang und einsam, nur zwei junge Menschen besuchen sie regelmässig: Marie, die durch die gemeinsame Vergangenheit fast zu einer Art Tochter geworden war für Michka, und Jérôme, der Logopäde des Heims.


„Manchmal muss man sich der Leere stellen, die der Verlust hinterlassen hat.“


Während im Hier und Jetzt immer mehr verloren geht, erinnert sich Michka in ihren Träumen an die Vergangenheit. In ihr wächst der Wunsch, den Menschen noch danke sagen zu können, die sie als kleines Mädchen vor dem sicheren Tod gerettet hatten. Marie und Jérôme versuchen, ihr dabei zu helfen.


„Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie oft Sie in Ihrem Leben wirklich Danke gesagt haben? Ein echtes Danke. Als Ausdruck Ihrer Dankbarkeit, Ihrer Anerkennung, der Schuld, in der Sie stehen.“


Delphine de Vegan erzählt auf stille und fast zärtliche Weise die Geschichte einer Frau, die damit konfrontiert ist, immer mehr zu verlieren. Sie braucht dazu keine dramatischen Wendungen, keine Verzweiflungstaten, keine emotionalen Ausbrüche, und doch (oder gerade darum?) drängt die Tragweite dieses Verlusts, der Schmerz, die Verzweiflung aus den Zeilen entgegen, lässt einen mitfühlen. Dabei gelingt es de Vegan trotzdem, eine Leichtigkeit zu bewahren, nicht in die Traurigkeit abzutauchen.

Als Leser gleitet man oft gerührt, ab und an schmunzelnd durch die Seiten, taucht ein in ein Leben und lebt mit. Dies vor allem auch darum, weil die Charaktere authentisch und lebensecht gezeichnet sind, was durch die gewählte Erzählform noch verstärkt wird. Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt, immer in der ersten Person des jeweils Erzählenden. So blickt man als Leser durch die Augen von Marie, Jérôme und Michka auf das Geschehen und ist nicht nur aussen vor, sondern quasi mittendrin.

Dankbarkeit ist ein Buch über das Altern, über den Verlust, aber auch ein Buch über das Leben, die Dankbarkeit und die Kraft des Mitgefühls, des Mit- und Füreinanders.

Fazit:
Ein leises und zärtliches Buch über eine Frau, die immer mehr verliert und sich dabei der Dankbarkeit besinnt, die sie noch ausdrücken will. Ein Buch, das einen sanft an der Hand nimmt und mitleben lässt. Sehr empfehlenswert.

Über die Autorin
Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien außerdem 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹ und 2018 der Roman ›Loyalitäten‹.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 2. Edition (17. April 2020)
Übersetzung: Doris Heinemann
ISBN-Nr.: 978-3832181123
Preis: EUR 20 / CHF 31.90

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