Heute blätterte ich in meinem Gedichtebuch und schlug spontan die Seite mit folgendem Gedicht auf:

Der Mensch

Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret;
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar,
und alles dieses währet,
wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder.

Matthias Claudius hat dieses Gedicht 1783 verfasst. Er war zu diesem Zeitpunkt 43, hangelte sich von Stelle zu Stelle, jede sah anfangs vielversprechend aus, endete aber im Nichts. Der finanzielle Erfolg blieb aus. Das Leben als Hamsterrad, ständiger Neuanfang, Aufbau und jäher Absturz. Kein Wunder kam er zu einer solch pessimistischen Sicht. Oder ist sie realistisch?

Das Bild vom Aufbau, Erhalt und von der Zerstörung, dieser Kreislauf des Lebens taucht auch in der östlichen Philosophie auf. Der Hinduismus ordnet den drei Prinzipien die Götter Brahman, Vishnu und Shakti zu. Es scheint sich dabei um eine universale Erfahrung zu handeln. Damit könnte man sich abfinden, sich denken: So ist es halt, das ist das Leben.

Der Mensch strebt aber nach mehr. Er möchte Glück, möchte Erfolg. Er kann mit Zerstörung nicht umgehen, sie bedeutet für ihn Verlust, Versagen und das will er nicht annehmen, das möchte er weit aus seinem Leben streichen. Der Wunsch kann noch so gross sein, schlussendlich nehmen die Dinge immer ihren Lauf. So wie das Leben selber ein Kommen und Gehen ist, so passiert das auch im Kleinen. Alles, was ist, kam irgendwann und geht folgerichtig irgendwann wieder. Das hat man nicht in der Hand. Man kann hadern, Theorien erfinden, Strategien ausdenken, den Lauf der Dinge wird man nicht ändern. 

Was man in der Hand hat, ist die eigene Haltung dazu und auch, wie man diesen Lauf für sich prägt, gestaltet. Mann kann entscheiden, was man aufbauen will, kann seine Kraft in den Erhalt der positiven Werte geben und am Schluss schauen, dass die Zerstörung kein Untergang, sondern Platz für etwas Neues ist. Das Leben steht nie still und so wenig tun wir Menschen es. Zu denken, was mal erbaut ist, steht ewig, wäre gleichzusetzen mit einem Todeswunsch. So lange die Dinge leben, bewegen sie sich. Das erfahren wir oft als Bedrohung, weil wir den Verlust fürchten. Sähen wir es als Chance, könnten wir mit Freude darauf zu gehen. Oder ist die Welt wirklich perfekt, wie sie ist?