Mit Freundlichkeit die Welt verbessern

Ein Blick in die Zeitungen reicht, um zu zeigen: Die Welt ist grausam. Krieg, Betrug, Mord und Todschlag, wohin das Auge reicht, das Klima geht vor die Hunde und wir, wenn wir nicht aufpassen, damit. Und das schlimmste: Schuld ist der Mensch. Der Mensch mit seiner Profitgier, seinem Machtstreben, seinem Verlangen nach mehr, ohne Rücksicht auf Verluste. Schnell ist das Gefühl da, dass es so nicht weitergehen kann und darf, dass man was tun sollte und wollte. Und dann steht die grosse Frage im Raum: Was? Und: Kann es gelingen?

Jedem Vorstoss zum Guten, jeder Idee für eine Veränderung und Verbesserung schallen tausend Stimmen entgegen, wieso es nicht möglich ist. Dem Visionär wird der Wind aus den Segeln genommen, bevor er das Schiff eingewässert hat. So mancher fühlt sich beschämt, sieht sich als naiven Idealisten, als weltfremden Dummen. Und dann gibt es noch die, welche einfach machen. Sie gehen hin und tun Gutes in Situationen, in denen es dringend nötig ist. Und es gelingt. Es wächst etwas Schönes daraus.

Es kann Mut machen, Beispiele von solchen Menschen zu lesen, um dem eigenen Wunsch, etwas Gutes zu tun, Kraft zu geben. Beispiele von Menschen, die den Weg gegangen sind, die sich den Nörglern, Kritikern, Zweiflern entgegengestellt haben und einfach taten, was sie richtig und nötig fanden. Alexandra Stewart hat solche Geschichten zusammengetragen. Sie stellt in ihrem Buch «So kommt das Gute in die Welt» Menschen vor, die in schwierigen Situationen Gutes taten. Sie zeigt, dass Freundlichkeit die Welt zu einem besseren Ort machen kann, auch wenn – oder gerade dann – alles düster erscheint.

«In diesem Buch erfährst du, warum der Mensch von Natur aus freundlich ist. Du lernst ganz normale Menschen kennen – Erwachsene und Kinder -, die dazu beigetragen haben, unsere Welt zum Besseren zu verändern. Sie werden dir zeigen, dass Freundlichkeit nicht immer sanft ist. Manchmal bedeutet sie Mut, oft Entschlossenheit, doch immer ist sie Stärke.»

Das Buch handelt nicht von Helden oder speziell ausgebildeten Menschen. Es sind Menschen wie du und ich, die mit Freundlichkeit auf die Welt blicken und in ihr handeln. Es zeigt, wie viel Freundlichkeit bewirken kann und dass sie sich vermehrt, wenn sie in die Welt kommt, weil sie andere ansteckt, ebenso zu fühlen und zu handeln.

Was für ein schönes Gegengewicht zu all den düsteren Nachrichten. Ein Buch, das Hoffnung und Mut macht, das Zuversicht gibt. Es geht auch anders und wir alle können dazu beitragen. Wie sagte schon Khalil Gibran:

«Freundlichkeit ist wie Schnee, sie verschönert alles, was sie bedeckt.»

Angaben zum Buch
Alexandra Stewart (Autorin), Jake Alexander (Illustrator): So kommt das Gute in die Welt. Wahre Geschichten, die Mut machen, Midas Verlag, Zürich 2023.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Midas Kinderbuch (15. August 2023)
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 120 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3038762584
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 10 Jahren

Autorin und Illustrator
Alexandra Stewart ist eine Sachbuchautorin für Kinder. Sie ist ausgebildete Journalistin und hat als Pressesprecherin für die Metropolitan Police und die britische Regierung gearbeitet. Sie ist die Autorin von Everest: The Remarkable Story of Edmund Hillary and Tenzing Norgay und Jumbo: The Most Famous Elephant Who Ever Lived (Der berühmteste Elefant, der je gelebt hat).

Jake Alexander ist ein preisgekrönter britischer Illustrator. Im Jahr 2019 gewann er sowohl den Macmillan Prize als auch die Creative Conscience Gold Medal. Er ist der Autor und Illustrator von We Want Our Books und illustrierte David Olusogas Black and British: An Illustrated History.

Nele Neuhaus: In ewiger Freundschaft

Inhalt

«Seit zehn Tagen, seit sie seine Karriere, ja, sein ganzes Leben zerstört hatte, antwortete sie nicht mehr auf seine Mails und ging auch nicht ans Telefon… Seine Angst und sein Selbstmitleid hatten sich allmählich in Verärgerung verwandelt, dann war der Zorn gekommen und schliesslich der Hass… Letzte Nacht hatte er beschlossen, sie zur Rede zu stellen.»

Die erfolgreiche Literaturkritikerin Heike Wersch ist tot. Nachdem sie die Literaturwelt zünftig durcheinander gewirbelt hat mit ihren destruktiven Aktivitäten, wird sie erschlagen und ihre Leiche im Wald entsorgt. Im Zentrum der Ermittlungen stehen bald sechs Menschen, die seit Kindertagen befreundet sind und um die sich ein düsteres Geheimnis rankt. Doch der Kreis der Verdächtigen weitet sich schnell aus, als sich zeigt, dass sich das Opfer mit seiner Art im Leben mehr Feinde als Freunde gemacht hat. Dann kommt es zu einem weiteren Mord im Kreis der Verdächtigen. Ist das erst der Anfang einer Reihe? Und: Was steckt dahinter?

Gedanken zum Buch
Es ist lange her, dass ich so gefesselt war von einem Buch wie hier. Wo ich ging und stand, hatte ich das Buch in der Hand, es kam sogar so weit, dass ich damit in der einen, mit der anderen im Kochtopf rührte.

«Mal ganz abgesehen vom Inhalt, ist dieser Text sprachlich absolut überzeugend. Der Spannungsbogen wird kontinuierlich aufgebaut, man ist beim Lesen sofort dich an den Figuren dran und kann sich mit ihnen identifizieren. Die Dialoge sind lebendig und authentisch, der Text entwickelt einen unglaublich starken Sorg, man will unbedingt wissen, wie es weitergeht… Sie ist eine Meisterin der Cliffhanger und bläht Handlungen nicht unnötig mit Nebensächlichkeiten auf.»

Was Nele Neuhaus hier einer ihrer Figuren in den Mund legt, hat sie selbst erfüllt. Man könnte anbringen, dass die Spannung darum so stark zunehmen konnte, weil sie anfangs etwas fehlte, doch dann nahm das Buch wirklich Fahrt auf und liess nicht mehr los. «In ewiger Freundschaft» ist der elfte Fall für das Ermittlerteam Pia Sander und Oliver von Bodenstein, es ist aber trotz diverser Anspielungen auf das Vorleben der Ermittlercrew als erstes lesbar, wenn ich auch am Anfang arg mit den vielen Namen (und es sind wirklich sehr viele) kämpfte. Das mag aber meinem in der Tat miserablen Namensgedächtnis geschuldet sein. Das Personenverzeichnis am Anfang des Buches hat mir da gute Dienste geleistet. So etwas möchte ich gerne bei jedem Buch haben.

Krimis sind landläufig eher der seichten Literatur zugeordnet, sie überhaupt Literatur zu nennen, wird in den gehobenen Literaturkreisen oft mit einem Nasenrümpfen begleitet. Das und einiges mehr aus der Literaturszene greift das Buch selbst auf, neben diversen anderen Eigenheiten und Machenschaften im literarischen Betrieb, insbesondere im Verlagswesen. In meinen Augen sind solche Zuordnungen fragwürdig und unsinnig. Nele Neuhaus ist es gelungen, einen spannenden Plot aus einem wirklich packenden Kriminalfall und verschiedenen Nebensträngen aus dem privaten Leben der Ermittler zu entwerfen. Das Buch verspricht Unterhaltung und Leservergnügen von der ersten bis zur letzten Seite. Was will man mehr?

Fazit
Ein fesselnder Krimi mit einem undurchschaubaren Fall und authentischen Figuren, ein Buch, das man am liebsten in einem Zug durchlesen möchte.

Zur Autorin
Nele Neuhaus, geboren in Münster / Westfalen, lebt seit ihrer Kindheit im Taunus und schreibt bereits ebenso lange. Ihr 2010 erschienener Kriminalroman Schneewittchen muss sterben brachte ihr den großen Durchbruch, heute ist sie die erfolgreichste Krimiautorin Deutschlands. Außerdem schreibt die passionierte Reiterin Pferde-Jugendbücher und Unterhaltungsliteratur. Ihre Bücher erscheinen in über 30 Ländern. Vom Polizeipräsidenten Westhessens wurde Nele Neuhaus zur Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber ernannt.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Taschenbuch; 10. Edition (23. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 528 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3548067100

Nora Roberts: Spur der Finsternis

Inhalt

«Ihre Träume und Ziele waren unkompliziert und überschaubar… Eines Tages würde sie nicht nur ein eigenes Haus, sondern auch eine eigene Bar besitzen.»

Morgan hat einen Plan, wie sie ihr Leben gestalten will, und sie ist auf gutem Weg. Nach zwei Studien sucht sie einen Ort, an dem sie sich niederlassen kann. Dort kauft sie ein kleines Haus, eine Mitbewohnerin ist schnell gefunden, die noch dazu zu ihrer besten Freundin wird. Zwei Jobs sollen dazu dienen, möglichst schnell genug zu sparen, um den Traum einer eigenen Bar zu verwirklichen. Als auch noch Luke in ihr Leben tritt, scheint ihr Leben perfekt, bis ihre Freundin in ihrem Haus ermordet wird. Als das FBI vor der Tür steht und ihr mitteilt, dass Luke ein Identitätsräuber ist, der ihr in der Zwischenzeit alles genommen hat, was sie sich aufgebaut hat, liegt ihr Leben in Trümmern. Noch schlimmer: Eigentlich wollte er sie umbringen, nicht ihre Freundin Nina. Und er hat noch nie eine Mission nicht zum Abschluss gebracht.

Morgan lässt alles hinter sich. Sie zieht nach Vermont zu ihrer Mutter und ihrer Grossmutter, und fängt erfolgreich ein neues Leben an. Alles scheint wieder auf gutem Weg, bis die Beamten des FBI vor ihrer Tür stehen: Es hat ein neues Opfer gegeben und am Tatort findet sich ein Zeichen dafür, dass Morgan noch nicht in Sicherheit ist. Der Mörder will sein Werk vollenden.

Gedanken zum Buch
Nora Roberts schafft es, den Leser mit den sehr authentischen, sympathischen Figuren in den Roman zu ziehen und festzuhalten. Morgan wirkt von Anfang an wie eine Vertraute, deren Weg man weiter begleiten will. Man nimmt als Leser Teil an ihrer Trauer, an ihrem Selbstmitleid, aber auch an ihrem Neuanfang. Ein Buch, das neben einer spannenden Geschichte auch zeigt, dass man es selbst in der Hand hat, ob man nach einem schweren Schicksalsschlag in der Opferrolle verbleibt oder aber wieder aufsteht und weitermacht.

Neben authentischen und lebendigen Figuren gelingt es Nora Roberts, die Schauplätze des Geschehens plastisch zu beschreiben und den Spannungsbogen immer gespannt zu halten. Die verschiedenen Charaktere, deren Beziehungen untereinander und eine Liebesgeschichte runden den Roman ab, welcher in einer flüssigen Sprache geschrieben ist. Für den ungeduldigen Leser sind die langen Passagen des normalen Lebens zwischen den Szenen, welche die Geschichte wirklich vorwärtsbringen, wohl etwas episch, für den Leser, der gerne in Geschichten mit lebt, zeichnen sie eine bunte und einladende Welt, in die man eintauchen kann.

Fazit
Eine spannende Geschichte mit authentischen Figuren und plastischen Schauplätzen in einer flüssig lesbaren Sprache. Die passende Lektüre für einen kalten Wintertag auf dem Sofa mit einer Tasse Tee und einer warmen Decke.

Autorin und Übersetzerin
Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von 500 Millionen Exemplaren überschritten. Mehr als 200 Titel waren New-York-Times-Bestseller, und ihre Bücher erobern auch in Deutschland immer wieder die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Christiane Burkhardt lebt und arbeitet in München. Sie übersetzt aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen und hat neben den Werken von Paolo Cognetti u. a. Romane von Fabio Geda, Domenico Starnone, Wytske Versteeg und Pieter Webeling ins Deutsche gebracht. Darüber hinaus unterrichtet sie literarisches Übersetzen.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag (15. November 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 528 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453274303
  • Originaltitel ‏ : ‎ Identity

Hilary Mantel: Sprechen lernen

Inhalt

«All diese Erzählungen sind aus Fragen über meine frühen Jahre entstanden, wobei ich nicht sagen kann, dass ich durch das Übertragen meines Lebens ins Fiktionale Rätsel gelöst hätte – aber zumindest habe ich einzelne Teile hin und her geschoben.»

In sieben Kurzgeschichten tauchen wir ein in das Leben der Arbeiterklasse im England in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Es ist die Welt, in der auch Hilary Mantel aufwuchs.

Es ist nicht immer leicht, über die eigene Kindheit zu schreiben, vor allem dann nicht, wenn diese kompliziert und voller Widersprüche ist. Hilary Mantel hat in sieben Kurzgeschichten versucht, die Welt ihrer Kindheit auferstehen zu lassen. In einer Mischung aus Erlebtem, Erinnertem, Gefühltem und Fiktionalem hat sie mit ihrer eindrücklichen Sprache und mit dem ihr eigenen Witz, der dazu dient, die Tragik noch klarer offenzulegen, die Stimmung ihres Aufwachsens einzufangen versucht. Es ist ihr auf eine eindrückliche Weise gelungen.

Gedanken zum Buch

«Ich möchte diese Geschichten nicht autobiografisch, sondern autoskopisch nennen. Aus einer entfernten, erhöhten Perspektive blickt mein schreibendes Ich auf einen auf seine bloße Hülle reduzierten Körper, der darauf wartet, mit Sätzen gefüllt zu werden. Seine Umrisse nähern sich meinen an, aber es gibt einen verhandelbaren Halbschatten.»

Hilary Mantel betont, dass es sich bei den vorliegenden Kurzgeschichten nicht um autobiografische Texte handelt. Die Frage stellt sich, wieso ihr diese Einordnung wichtig ist, scheinen die Texte doch an ihre Autobiografie «Von Geist und Geistern» anzuschliessen, diese zu ergänzen.

„Es war ein kaputter, steriler Ort ohne Bäume, wie ein Durchgangslager, mit der gleichen hoffnungslosen Dauerhaftigkeit, die solche Lager anzunehmen pflegen.“

Sie schildert das Geschehen aus der Perspektive von Kinderaugen auf die Erwachsenen, es ist zugleich der Blick zurück als Erwachsene auf das eigene Kindsein. Es gelingt Hilary Mantel, die Atmosphäre der Welt ihres Aufwachsens plastisch werden zu lassen, fast fühlt man sich beim Lesen mittendrin.

Schonungslos, scharfsichtig und ohne Sentimentalität zeichnet Hilary Mantel das Bild einer Gesellschaft, sie zeigt, wie die Leben der Erwachsenen, die der Kinder prägen und formen. Sie tut das in einer unglaublichen Sprachgewalt, die messerscharf und in passgenauen Bildern arbeitet. Sie zeigt auf, wie ein aufwachsender Mensch sich verändert, um sich vor dem, was um ihn passiert, zu schützen. Sie zeigt auf, wie im Nachhinein Erinnerungen verblassen und erst wieder scharf werden, wenn man sie bewusst hinterfragt.

Leider blieben die einzelnen Protagonisten der Geschichten seltsam blass, quasi auf Distanz. Das könnte dem Umstand geschuldet sein, dass sie doch nur als Stellvertreter für die eigentlich Erlebende dienten und ihnen dadurch zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde beim Schreiben. Dies aber nur eine Spekulation und Anmerkung am Rande.

Fazit
Eine sprachgewaltige Autoskopie, die ein Porträt einer Zeit und einer sozialen Schicht aufzeigt.

Autorin und Übersetzer
HILARY MANTEL, geboren 1952 in Glossop, gestorben 2022 in Exeter, England, war nach dem Jurastudium in London als Sozialarbeiterin tätig. Für ihre Romane ›Wölfe‹ (2010) und ›Falken‹ (2013) wurde sie jeweils mit dem Booker-Preis, dem wichtigsten britischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Bei DuMont erschien außerdem u. a. die Autobiografie ›Von Geist und Geistern‹ (2015) und zuletzt der dritte Band der Tudor-Trilogie ›Spiegel und Licht‹ (2020).

WERNER LÖCHER-LAWRENCE geboren 1956, ist als literarischer Agent und Übersetzer tätig. Zu den von ihm übersetzten Autor*innen zählen u. a. John Boyne, Meg Wolitzer, Patricia Duncker, Hisham Matar, Nathan Englander, Nathan Hill und Hilary Mantel.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (15. August 2023)
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3832168162

Jürgen Banscherus: Ein Fall für Kwiatkowski. Die Kaugummiverschwörung

Als Kind las ich gerne Krimis. Ich verschlang fast sämtliche Reihen, die es damals gab: TKKG, Die drei ???, Geheimnis um… und Fünf Freunde. Vor allem die letzten beiden hatten es mir angetan. Da ich Krimis immer noch sehr mag, suchte ich nach einem neuen Lesevergnügen aus diesem Bereich und stiess auf einen sympathischen jungen Detektiv: Kwiatkowski

«Ich bin Kwiatkowski, der Privatdetektiv. Gerade habe ich beschlossen, aufzustehen. Ich werde eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank holen und mir das erste Kaugummi des Tages genehmigen.»

Ohne Milch und seine Lieblingskaugummis (eine andere Marke kommt nicht in die Tüte) geht gar nichts bei Kwiatkowski. Als diese plötzlich regelmässig aus dem nahegelegenen Kiosk gestohlen werden, kann er das nicht auf sich beruhen lassen: Er hat einen neuen Fall.
Dass dabei auch ein nettes Mädchen eine Rolle spielt, erhöht Kwiatkowskis Aufregung noch, als dann auch noch ein alter Feind ins Spiel kommt, ist die Spannung am Höhepunkt. Wie sich das bloss alles auflösen lässt? Aber keine Bange: Ein erprobter Detektiv wie Kwiatkowski wird den Fall knacken!

So manches Kind wird sich wohl nach dieser Lektüre wünschen, es hätte auch eine so entspannte Beziehung zu seiner Mutter, seinen Eltern. Nur schon die Vorstellung, dass das Aufräumen des Zimmers eine Ermessenssache ist und keine ernstgemeinte Aufforderung, welche Befolgung verlangt, wirkt verlockend. 

Eine kurzweilige und unterhaltsame Detektivgeschichte mit einem liebenswerten Helden. Jürgen Banscherus entwirft mit wenigen Worten eine gewiefte Spürnase, mit der sich der Leser auf der Suche nach den Dieben verbündet. Die wunderbaren Illustrationen von Ralf Butschkow runden das Lesevergnügen ab.

Autor und Illustrator
Jürgen Banscherus lebt im Ruhrgebiet und ist seit 1989 freier Schriftsteller. Inzwischen ist er einer der renommiertesten Autoren für Kinder- und Jugendliteratur. Seine Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen und wurden bisher in 21 Sprachen übersetzt.www.juergen-banscherus.de

Ralf Butschkow studierte an der Hochschule der Künste in Berlin Visuelle Kommunikation. Dann arbeitete er ein paar Jahre in Werbeagenturen und ist heute als Kinderbuchillustrator für verschiedene Verlage tätig. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Arena (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 96 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3401607238
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 7 Jahren

Marc Veerkamp & Jeska Verstegen: Bär ist nicht allein

Inhalt

Der Wald ist still, alle lauschen dem Klavierspiel des Bärs. Immer, wenn er aufhören will, rufen sie nach einer Zugabe, so schön ist sein Spiel. Der Bär ist müde. Er würde gerne irgendwo ausruhen, einfach still für sich sein. Doch wohin er auch geht, hört er hinter sich die lauten Forderungen: Mehr, mehr, Pianobär!» Irgendwann wird dem Bären alles zu viel. Er reisst sein Maul auf und brüllt, dass alle erschrecken. Dann sagt der Bär nichts mehr, er schliesst die Augen und wartet, bis er sich allein glaubt. Als er aufschaut, steht da ein Zebra. Ob man auch zu zweit allein sein kann?

Eine herzerwärmende Geschichte, die wunderschön illustriert ist. Mit Schwarz und Weiss und wenigen roten Akzenten erschafft Jeska Verstegen, eine zauberhafte Waldwelt voller Tiere und mittendrin unseren armen Helden, den Bären.  

Gedanken zum Buch: Vom Alleinsein
Erich Kästner schrieb einst in seinem Gedicht «Kleines Solo»

«Einsam bist du sehr alleine – und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.»

Viele Menschen scheuen sich davor, allein zu sein. Sie suchen die Gesellschaft, fast als wären sie auf der Flucht vor sich selbst. Wer allein ist, dem haftet etwas an: Die Frage «wieso». Landläufig geht man davon aus, dass es Gründe dafür geben muss, dass einer allein ist- Entweder will keiner mit ihm zusammen sein, oder aber er ist zu anspruchsvoll. Vielleicht auch beides. Das führt oft dazu, in unglücklichen Beziehungen zu verbleiben, da die Alternative als noch schlimmer angesehen wird. Und da sind sie dann: Zwei Menschen, die keine gemeinsame Ebene, keine gemeinsamen Träume und keine gemeinsame Sprache mehr haben. Sie fühlen sich unverstanden und einsam.

Das macht den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit deutlich: Während Alleinsein ein (von aussen) fassbarer Zustand ist, haben wir es bei der Einsamkeit mit einem Gefühl zu tun. Sie ist das, was tief drin aufkommt und sich über alles ausbreitet, wenn man sich in seinem Sein unverstanden und ungehört fühlt. Sie tritt auf, wenn man sich mit dem, was man ist und braucht, emotional allein fühlt.

In solchen Momenten zieht es einen förmlich weg von all denen, die einen miss- oder gering achten oder gar völlig übersehen. Die vielen Menschen, zu denen man nicht zu passen scheint, die einen mit den eigenen Bedürfnissen nicht wahrnehmen, helfen nicht gegen das Gefühl der Einsamkeit, im Gegenteil, sie verstärken es noch. Wie viel besser, so denkt man dann, wäre es, ganz allein zu sein. Zumindest wäre dann keiner da, welcher einen übersehen könnte. Aber: Wäre es nicht schöner, (einen) Menschen an seiner Seite zu haben, von dem man sich verstanden fühlt?

Text, Illustration und Übersetzung
Marc Veerkamp, 1971 in Alkmaar geboren, wusste schon als kleiner Junge, dass er Schriftsteller werden wollte. Er begann als Journalist und spezialisierte sich auf pädagogische Themen. Im Lauf seiner Karriere verlagerte er seinen Schwerpunkt auf die Belletristik. Heute arbeitet Marc Veerkamp hauptsächlich für Film, Fernsehen und Theater – und schreibt nebenher Bücher. Bär ist nicht allein ist das erste gemeinsame Bilderbuch mit der Illustratorin Jeska Verstegen. Während er die richtigen Worte fand, hat sie kongeniale Bilder dafür geschaffen.

Jeska Verstegen wurde 1972 in Delft geboren. Als sie klein war, liebte sie nichts mehr, als zu zeichnen, zu fantasieren und sich in ihrer eigenen Traumwelt zu verlieren. Verstegen machte eine Ausbildung zur Webzeichnerin und illustriert seit 1990 Kinderbücher. Neben ihrer zeichnerischen Arbeit schreibt sie auch.jeskaverstegen.nl | @jeska_verstegen

Rolf Erdorf, geboren 1956, studierte Romanistik, Germanistik und Niederländische Philologie und arbeitete im Anschluss einige Jahre als freier Journalist für den niederländischen Rundfunk. Seit 1989 ist er hauptberuflich niederländisch-deutscher Übersetzer mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur sowie Kunst- und Kulturgeschichte. Für seine Übersetzungen aus der niederländischen Kinder- und Jugendliteratur erhielt er mehrere Preise, darunter den renommierten niederländischen Martinus Nijhoff Prijs sowie den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Gustav-Heinemann-Friedenspreis.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber‏: ‎ Freies Geistesleben; 1. Edition (23. August 2023)
  • Sprache‏: ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe‏: ‎ 32 Seiten
  • ISBN-13‏: ‎ 978-3772528019
  • Lesealter‏: ‎ Ab 5 Jahren

Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter

Inhalt
Ronja, die Tochter des grossen Räuberhäuptlings Mattis, kann sich nichts Schöneres vorstellen, als im Wald herumzutoben. Sie kennt die Gefahren und stellt sich ihnen mutig entgegen. Eines Tages trifft sie auf Birk, den Sohn der gegnerischen Räuberbande. Das Verbot, einander sehen zu dürfen, wollen die beiden Räuberkinder nicht hinnehmen. Gemeinsam brechen sie in ein eigenes Leben auf. Damit stellen sie nicht nur ihr eigenes Leben auf den Kopf, sondern auch das der beiden Räuberbanden. Und: So ein Leben allein in der Wildnis ist gar nicht so einfach.

Gedanken zum Buch

„Ronja Räubertochter“ ist die wundervolle Geschichte über ein kleines Mädchen, das sich den Gefahren und dem Ernst des Lebens mit Mut und Zuversicht stellt. Es ist eine Geschichte über die Kraft der Liebe:

«Und obwohl keiner von beiden auch nur ein Wort verstehen konnte, sprachen sie miteinander. Über Dinge, die gesagt werden mussten, ehe es zu spät war. Darüber, wie gut es war, jemanden so zu lieben, dass man selbst das Schwerste nicht zu fürchten brauchte.»

Wie oft lebt man mit seinen Liebsten und verpasst, ihnen zu sagen, dass sie genau das sind? Selbst wenn man es voneinander weiss, stossen die Worte immer auf ein offenes Ohr und ein offenes Herz. Ronja und Birk realisieren ihr Versäumnis, als sie um ihr Leben kämpfen. Im letzten Moment können sie sich noch mitteilen, was sie einander bedeuten. Und wer weiss: Vielleicht hat genau das nochmals mehr Kraft gegeben, die Gefahr zu meistern.

Es ist aber auch eine Geschichte über Grossmut und Verzeihen:

«Weisst du, woran ich denke? Ich denke daran, wie leicht man alles ganz unnötig zerstören kann.»… «Und weisst du, woran ich denke? Ich denke daran, dass du mehr wert bist als tausend Messer.»

Wie bei allen Menschen kommt es auch bei Ronja und Birk zu Streit. Als zwei wilde und stolze Räuberkinder lassen sie sich ungern die Butter vom Brot nehmen und bestehen trotzig auf ihrem je eigenen Standpunkt. Zum Glück sehen sie bald ein, dass das blöd ist und nichts mehr zählt als der Mensch, der einem eigentlich das Wichtigste ist.

Und nicht zuletzt ist es eine Geschichte, die zeigt, dass Leid nur halb so schwer wiegt, wenn man es mit einem lieben Menschen teilen:

«Lange sassen sie dort und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.»

«Ronja Räubertochter» zeigt, was Familie, Zusammenhalt und Freundschaft bedeuten. Astrid Lindgren hat hier ein Buch geschrieben, das zu Herzen geht und einen mit einem warmen Gefühl zurücklässt. Ronja selbst lässt einen nicht so schnell los, der Gedanke an dieses wunderbare Mädchen zaubert immer wieder neu ein Lächeln aufs Gesicht.

Fazit
Ein wunderbares, warmherziges und zum Nachdenken und Mitfühlen anregendes Buch für kleine und grosse Leser.

Text, Illustration und Übersetzung
Astrid Lindgren (1907 – 2002) hat so unvergessliche Figuren wie Pippi Langstrumpf oder Michel aus Lönneberga geschaffen. Sie wurde u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Anna-Liese Kornitzky (*1909; †2000) war eine deutsche Übersetzerin schwedisch- und englischsprachiger Literatur. Sie wurde vor allem durch ihre Übersetzungen von 20 Astrid-Lindgren-Büchern bekannt.

Peter Bergting, geboren 1970, ist Autor und Illustrator. Er ist Mitglied der Schwedischen Kinderbuchakademie und lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in der Nähe von Stockholm.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber‏: ‎ Oetinger; 1. Edition (11. September 2023)
  • Sprache‏: ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe‏: ‎ 240 Seiten
  • ISBN-13‏: ‎ 978-3751204460
  • Lesealter‏: ‎ 9–11 Jahre

Alex Schulman: Endstation Malma

Inhalt

«Diese legendäre Zugfahrt! Erzähl noch mal, wie das war! Sie haben die Geschichte so oft wiederholt, voreinander wie auch vor anderen. Einmal hat sie gesagt, sie wisse allmählich selbst nicht mehr, was daran stimme und was nicht, Oskar dagegen erinnert sich an alles.»

Ein Mädchen fährt mit seinem Papa im Zug nach Malma. Ebenso tut es ein Ehepaar, welches Glück nur noch im Präteritum kennt, und eine junge Frau, die Antworten auf ihre Fragen sucht. *Endstation Malma», das sind drei Geschichten, die sich wie drei Stränge zu einem Zopf verbinden. Dreimal fahren wir als Leser mit den Protagonisten nach Malma, dreimal werden Zeugen von Beziehungen, ihren Tiefen und Abgründen und ihren Dynamiken. Wir nehmen Teil am Leben einzelner Menschen und machen uns mit ihnen auf die Suche nach den Antworten auf ihre brennenden Lebens-Fragen.

Gedanken zum Buch

«Harriet sucht nach Anzeichen von Verärgerung in seinem Blick oder in seinen Bewegungen. Heute achtet sie besonders darauf, denn dass sie diese Reise unternehmen, liegt an ihr, sie fühlt sich deshalb in ihrer Schuld. Nur ihretwegen steht Papa jetzt dort, sie trägt die Verantwortung dafür…»

Nach der Trennung der Eltern bleibt Harriet bei ihrem Vater, ihre Schwester geht mit ihrer Mutter fort. Harriet weiss, dass ihr Vater auch lieber ihre Schwester bei sich gehabt hätte, sie hörte es bei einem Streit der Eltern. Harriet hat Mitleid mit ihrem Vater, weil er sich mit ihr abfinden musste, und sie versucht fortan, ihm alles recht zu machen. Sie fühlt sich verantwortlich für seinen Schmerz, seine Probleme, und auch dafür, wenn die Welt für ihn nicht rund läuft.

«Da haben wir sie, in all ihrer Pracht, die grossartige Geschichte, wie sie sich kennenlernten. Immer haben sie sie als etwas durch und durch Romantisches erzählt. Doch jetzt, angesichts der Ereignisse am Abend zuvor, fällt Oskar plötzlich auf, dass ihre Geschichte genauso begonnen, wie sie geendet hat: mit einer Lüge.»

Max Frisch sagte einst, wir erzählen uns Geschichten, die wir dann für unser Leben halten. So geht es auch unserem Paar in dieser Erzählung. Sie lebten ein (gemeinsames) Leben und haben verschiedene Versionen von Geschichten. In glücklichen Zeiten waren es romantische, jetzt, im Angesicht der Krise, sind es ernüchternde. Die Frage ist schlussendlich: Welches ist  die richtige Geschichte? Gibt es überhaupt diese eine richtige Geschichte oder erzählen wir Geschichten je nach Stimmungslage und Situation anders? Sind vielleicht alle Versionen richtig, weil sich ein Leben nur durch einen Kontext erfahren lässt, welcher der Geschichte und dem Leben eine Form und einen Sinn gibt? Was passiert, wenn wir uns unsere Geschichten bewusst anders erzählen, als sie sich aktuell richtig anfühlen?

«Sie dachte wieder an ihre Mutter. Seit Jahren hatte sie keinen Gedanken an sie verschwindet. An dem Tag, an dem sie vor zwanzig Jahren aus ihrem Leben getreten war, hatte sie beschlossen, sie auszuradieren… Doch jetzt erschien sie ihr plötzlich in neuen Erinnerungsbildern, die ihr keine Ruhe liessen.»

Wir neigen oft dazu, unliebsame Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu streichen. Wir verdrängen das Schmerzhafte, lassen nur dem Schönen Platz, um das Schwere aus der Vergangenheit nicht in die Gegenwart tragen zu müssen. Meist gelingt das nur vordergründig. Tief drin wirkt die Vergangenheit weiter, sie setzt sich fest, treibt ihr Unwesen im Unbewussten und bricht irgendwann wieder hervor. Nicht selten dann mit einer Gewalt, die vieles durcheinander wirbelt.

«Nur ein einziges Mal im Leben geschieht es, dass man einen Blick auf sich selbst erhascht. Und dies, und nur dies, wird entweder zum glücklichsten oder zum schrecklichsten Moment des eigenen Lebens.»

Drei Lebensgeschichten, eine Zugfahrt. Dass die drei Erzählstränge zusammenhängen, ist von Anfang an offensichtlich. Das tut der Spannung keinen Abbruch, da jede Geschichte viele offene Fragen mit sich bringt: Was haben die Protagonisten erlebt, wie wurden sie, wer sie sind, und wie hat die eine Geschichte die andere geprägt. Im Zentrum steht immer die Grundfrage, wie Verhaltensweisen, Muster und Eigenschaften in Familien weitervererbt werden. Für die Antworten dieser Fragen gilt: Einsteigen, Platz nehmen, lesen.

Das Buch scheint in seinem Erzählfluss das Thema aufzugreifen. Wie eine Dampflokomotive fährt die Geschichte schnaubend, etwas zäh an, nimmt dann mehr und mehr Fahrt auf, um schlussendlich mit Volldampf aufs Ende zuzusteuern.

Fazit

Ein tiefgründiger, vielschichtiger Roman darüber, wie Familien und Beziehungen prägen. Bewegend, warmherzig, zum Nachdenken anregend.

Paul Auster: Baumgartner

Inhalt

«Sie fehlt mir, das ist alles. Sie war die Einzige auf der Welt, die ich jemals geliebt habe, und jetzt muss ich herausfinden, wie ich ohne sie weiterleben kann.»

Fast zehn Jahre ist es her, dass Baumgartners Frau Anna gestorben ist. Zehn Jahre, in denen er scheinbar wie früher weiterlebte, und doch nichts wie früher war. Baumgartner hält nur den Schein aufrecht, er stürzt sich in die Arbeit, in immer neue Buchprojekte. Anna war Dichterin und Übersetzerin. Eines Tages geht er in ihr Arbeitszimmer, das bis heute aussieht, wie sie es verliess. Er findet ihre Manuskripte, liest sie. Er erinnert sich an Anna, an ihre gemeinsame Geschichte, an das Leben, als es noch seines war. Das Leben gibt es nicht mehr, ein neues stellt sich nicht ein. Bis er eines Tages von Anna träumt. Nach diesem Traum ist alles anders. Nun fühlt er sich frei, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. Wohin es ihn wohl führen wird?

Gedanken zum Buch

«…Zeit ist jetzt das Wesentliche, und wie soll er wissen, wie viel ihm noch bleibt. Nicht nur, wie viele Jahre, bis er ins Gras beisst, sondern wichtiger, wie viele Jahre tätigen, produktiven Lebens, bevor sein Geist oder sein Körper oder beide ihn im Stich lassen und er zu einem schmerzgepeinigten, verblödeten Trottel wird, der nicht mehr lesen und schreiben kann, der vergisst, was vor vier Sekunden jemand zu ihm gesagt hat, und schlicht keinen mehr hochkriegt, ein Horror, an den er gar nicht denken will.»

Professor Seymor T. Baumgartner, so heisst unser Held, ist Pragmatiker. Er geht durchs Leben und sucht nach Lösungen für alles, was ansteht. Wir begleiten den Phänomenologen durch seinen Alltag, folgen ihm bei seinen Erinnerungen durch seine Kindheit, sein Aufwachsen, seine Beziehung mit Anna, und sind schliesslich Zeugen seines Umgangs mit deren Tod. Er ist älter geworden. Er vergisst Dinge, Missgeschicke passieren. All dem begegnet er mit Selbstironie. Er nimmt sich selbst nicht zu ernst. Damit kommt er mit allem gut zurande, nur mit einem nicht: Dem Verlust von Anna.

«Er denkt an Mütter und Väter, die um ihre toten Kinder trauern…, und wie sehr ihr Leid den Folgeerscheinungen einer Amputation gleicht, gehörte doch das fehlende Bein oder der fehlende Arm einmal zu einem lebenden Körper, wie der fehlende Mensch einmal zu einem anderen lebenden Menschen gehörte…»

Nachdem er schon viele philosophische Bücher geschrieben hat, befasst er sich aktuell mit Kierkegaard. Das ist wohl kein Zufall, handelt doch eines von dessen berühmtesten Werken von Krankheit und Tod. Baumgartner versucht, den Verlust seiner geliebten Frau wissenschaftlich zu erfassen, er zieht den Vergleich mit einer Amputation und dem Phantomschmerz, den der Betroffene sein Leben lang fühlt. Das Gefühl, dass ihm eine Hälfte (und wohl im wahrsten Sinne des Wortes die bessere) wegfiel und ihn unvollständig zurückliess, lässt nicht nach.

Knapp zehn Jahre nach Annas Tod träumt er einen Traum, in dem Anna lebt und zu ihm spricht. Obwohl er weiss, dass dies alles nicht Realität ist, hat es auf ihn eine Wirkung: Er ist frei für ein Weiterleben. Musste er sich zuerst all den Erinnerungen stellen, um an den Punkt zu kommen? Brauchen gewisse Dinge einfach ihre Zeit, die für jeden Menschen anders sind?

Fazit
Grossartige Literatur von einem wahren Meister seines Fachs. Das Buch ist still und leise, nie pathetisch, ohne Kitsch und Sentimentalität. Obwohl das Thema traurig ist, Baumgartner eigentlich ein Leidender, besticht das Buch durch eine Leichtigkeit, eine Hoffnung, die zwischen den Zeilen mitschwingt, dass das Leben doch gelebt werden will und soll und es auch wird. Wie nur soll so ein Buch enden? Auch das ist Paul Auster wunderbar gelungen. Ich ziehe meinen Hut!

Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter

Inhalt

„Ich schäme mich, weil ich Mutter angerufen hatte. Es war gegen die Regeln, aber ich hatte es trotzdem getan. Ich hatte gegen ein Verbot, das ich mir selbst auferlegt hatte, und gegen ein Verbot, das mir auferlegt worden war, verstossen.“

Die Künstlerin Johanna verlässt den frischgebackenen, angemessen Ehemann und die gutbürgerliche Familie, um in Amerika mit ihrer grossen Liebe, einem Künstler, ein neues Leben aufzubauen. Nach 30 Jahren ohne Kontakt zu ihrer Familie kehrt sie wegen einer Ausstellung ihrer Bilder in ihre Heimat zurück und möchte die Vergangenheit mit ihrer Mutter aufarbeiten. Sie ruft an, doch Mutter drückt sie weg. Sie verweigert den Kontakt. Ein Versteckspiel beginnt.

Ein Roman aus der Tiefe des Ichs einer verletzten Tochter, die von vielen offenen Fragen geplagt wird und nach Antworten sucht. Eine Erzählung aus der Sicht einer Tochter, die sich in inneren Monologen klarzuwerden versucht, wer diese Mutter wirklich war und heute noch ist. Ein Roman ums Mutter- und Tochtersein, um Schuld und Verpflichtung, um Familie und Eigenständigkeit. Packend, einnehmend, grossartig.

Gedanken zum Buch

«Ich fahre schweissnass aus dem Schlaf hoch und begreife, dass unsere frühere Beziehung in mir überlebt hat, dass die Abhängigkeit, in der ich einmal zu ihr stand und die ich gleichzeitig geliebt und verabscheut habe, in mir lebt.»

Beziehungen, gerade solche, die schwierig waren, würden wir oft gerne hinter uns lassen. Wir möchten das Schwere vergessen, die Vergangenheit abhaken, nach vorne schauen, unbeschwert. Meist ist das nicht so leicht, schon gar nicht, wenn es sich bei der Beziehung um die zur eigenen Mutter handelt. Sie hängt einem nach, meist ein Leben lang, egal, ob man real Kontakt zu ihr hat oder nicht, egal, ob man die Beziehung als störend, verstörend gar, vielleicht auch verletzend empfand. Sie ist und wird es immer bleiben: Die Mutter. Schon in dem Wort stecken Bilder, Hoffnungen, (erfüllte und noch mehr unerfüllte) Sehnsüchte – und mit allem muss man sich irgendwie zurechtfinden.

«Mutter hat sich längst mit dem Tochterverlust abgefunden. Sie will das Beste aus ihrem Leben machen. Warum finde ich mich nicht mit dem Mutterverlust ab? Ich finde mich mit dem Mutterverlust ab, aber ich finde mich nicht damit ab, dass Mutter sich mit dem Tochterverlust abgefunden hat?»

Ist es für eine Mutter möglich, zu sagen, sie habe kein Kind mehr? Kann eine Mutter ihr Kind einfach vergessen, ihr Leben weiterführen, als hätte es dieses Kind nie gegeben? Wie geht man als Kind mit einem solchen Gedanken um? Wie fühlt es sich als Kind an, von der eigenen Mutter vergessen worden zu sein, der Mutter, die man im Gegenzug nicht aus den eigenen Gedanken bringt, egal, wie sehr man es möchte? Wünscht man sich, dass sie sich genauso quält wie man selbst? Weil man denkt, so wenigstens einen Stellenwert bei ihr zu haben, wie sie ihn bei einem selbst hat? Oder ist es eine Form der Rache? Sie soll keine Ruhe haben, weil sie mir keine lässt?

«Sie kann es nicht geschafft haben, mich so in sich zu töten, dass sie nicht mehr wissen will, wie es mir geht. Aber ich weiss, dass sie nicht ans Telefon kommen wird, ich habe es ja probiert, und trotzdem rufe ich an.»

Es ist kaum zu glauben, dass es einer Mutter gelingen sollte, das eigene Kind in sich abzutöten, indem sie es so weit verdrängt hat, dass es de facto nicht mehr existiert. Der Gedanke, von dem Menschen vergessen worden zu sein, dem die bedingungslose Liebe in die Rolle geschrieben ist, schmerzt. Die Verzweiflung, die aus dieser Verleugnung, dieser Verdrängung wächst, hat etwas Monumentales, denn sie ist nicht vorgesehen in unserem Bild vom Leben, vom Muttersein, vom Kindsein.

«…ich bin die verlorene Tochter, die heimgekehrt ist, aber niemand nimmt sie in Empfang, das ist meine Schuld.»

Die biblische Geschichte vom heimgekehrten Sohn hält dieses Bild aufrecht. Der Sohn, der ging, der alles hinter sich liess. Als er wiederkommt, wird er mit einem Fest und mit Freude empfangen. Was, wenn dieses Bild falsch ist? Wenn dieses Bild nicht auf einen selbst und die Mutterbeziehung passt? Was, wenn man die Tochter ist, die nicht mehr heimkehren kann, weil die Tür zubleibt? Wie viel gerät da ins Wanken?

«Mutter, ich erdichte dich mit Wörtern, um ein Bild von dir zu haben.»

Das Buch «Wahrheiten meiner Mutter» stellt die Mutter-Tochter-Beziehung in Frage. Es wirft Fragen auf und zeigt die innere Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrer Mutter, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, ihn aber wieder aufnehmen möchte. Die Vergangenheit hat offene Fragen zurückgelassen, doch die Antworten bleiben aus, weil die einzige Person, die sie geben könnte, sich verweigert. Die Mutter schweigt. Der Tochter bleibt nur, sich ihr eigenes Bild der Mutter zu zeichnen. Ob sie dabei die Wirklichkeit trifft oder nicht, bleibt offen.

Persönliches Fazit

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr losgelassen. Es regte mich zum Nachdenken, zum Nachfühlen an, als ich zum Ende kam, wollte ich einerseits wissen, wie alles aufgelöst wird – glaubend, dass es kein wirkliches Ende geben konnte –, aber ich wollte es auch herauszögern, weil ich nicht aus dieser Welt auftauchen wollte, in der ich mich so tief drin fühlte. Grossartig!

Buchtipp – Edouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden

Inhalt

«…ich habe seit Langem das Gefühl, dass ich schon zu viel erlebt habe; vermutlich habe ich deshalb ein so grosses Bedürfnis zu schreiben, das Schreiben ist für mich eine Möglichkeit, die Vergangenheit zu fixieren und mich so vielleicht von ihr zu befreien.»

Nach einer Kindheit, die von Armut, Spott und Gewalt geprägt war, zieht Edouard nach Amiens, um da das Gymnasium zu besuchen. Er kommt in neue Kreise, steigt in die bürgerliche Gesellschaft auf, fühlt sich endlich frei und zugehörig. Er lebt das Leben, das er immer haben wollte und wovon er kaum zu träumen wagte. Doch bald merkt er: Es reicht noch nicht, er will noch weiter aufsteigen, er will die Distanz zu seiner Herkunft noch mehr vergrössern, als Rache an allen, die ihn vorher verspottet haben. Mit voller Kraft und viel Ehrgeiz stürzt er sich in das Projekt, ein anderer zu werden.

Eine berührende und aufwühlende Autobiografie.

Gedanken zum Buch

«Ich musste eine Daseinsberechtigung für meinen Körper und eine Geschichte wie meine finden, mehr nicht.»

«Anleitung ein anderer zu werden» ist die Fortsetzung von «Abschied von Eddy», Edouard Louis’ erstem Roman. Hier erzählt er die Geschichte von Eddy weiter, erzählt von seinem Umzug nach Amiens, den Herausforderungen eines neuen Lebens und den Veränderungen, die dieses mit sich brachte. Er erzählt davon, wie ein Mensch, der an seinem Sein gelitten hatte, anders werden wollte, wie er sich immer wieder neu erfand, in der Hoffnung, dann endlich am Ziel und glücklich zu sein.

«Alles in mir veränderte sich, aber paradoxerweise wurdest du, je weiter ich mich von dir entfernte, umso präsenter in meinem Leben. Du wurdest zu einer negativen Präsenz.»

Leider ist das nicht so einfach mit dem Glück, man nimmt sich immer mit und damit auch die Vergangenheit, von der man sich distanzieren wollte.

«Wenn ich meinen Vater oder meine Mutter besuchte, hatten wir uns nichts mehr zu sagen, wir sprachen nicht mehr dieselbe Sprache, alles, was ich in dieser kurzen Zeit erlebt und durchgemacht hatte, trennte uns voneinander.»

Edouard einziger Wunsch, sein ganzes Trachten hatte nur den Inhalt, aus dem Dorf, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, wegzukommen, weg von seinen Eltern, von den Menschen da, die ihn verspotteten und zu denen er nicht zu gehören schien. Er wollte ein anderer werden, er wollte aufsteigen. Er fand schnell Anschluss in Amiens, er trat in die bürgerliche Gesellschaft ein und passte sich mehr und mehr an. Es war weniger die örtliche Distanz als die der Klasse mit all ihren Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die ihn von seiner Herkunft trennte. Er tat alles, diese Distanz so gross wie möglich werden zu lassen.

Edouard wollte schreiben wie sein grosses Vorbild Didier Eribon. Er kopierte dessen Arbeitsweise, träumte vom grossen Erfolg, wie ihn dieser hatte.

«Ich schrieb, um zu existieren… Wenn ich es schaffe, einen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen… werde ich vielleicht endgültig, ein für alle Mal vor der Armut gerettet sein, dann kaufe ich eine Wohnung, das wird das Erste sein, was ich tue, mir eine Wohnung kaufen, um bis an mein Lebensende abgesichert zu sein, um niemals auf der Strasse zu landen.»

Es wollte nicht gelingen. Er musste merken, dass er die Herkunft nicht losgeworden war, so sehr er sich auch gemüht hatte. Sie sass noch immer in ihm und trieb ihn an. Vor allem sass da diese Angst, die Armut könnte zurückkommen und damit all das Leid, das er von Kindheit an kannte. All das sass ihm förmlcih im Nacken – und es blieb da. Es sind diese frühkindlichen Prägungen, die sich in uns festgeschrieben haben und sich im Leben immer wieder zeigen, mal bewusst, mal unbewusst.

«Ich hatte noch nicht begriffen, dass die Differenz zwischen meinem und deinem Leben eine Folge von sozialer Ungerechtigkeit und Klassengewalt war, für mich war sie nur der Beweis, dass ich für ein schöneres, bedeutenderes Leben bestimmt war.»

«Anleitung ein anderer zu werden» handelt von Armut und davon, wie sie Menschen benachteiligt. Armut zeigt sich in allem, nicht nur in fehlenden finanziellen Möglichkeiten, sie sitzt im Körper, im Geist, in der Haltung, im Auftreten, in der Sprache. Diese Unterschiede schaffen Distanz zwischen den verschiedenen Klassen, Distanz zwischen den einzelnen Menschen. Wenn nun einer von einer Klasse in eine andere wechselt, entfernt er sich von all denen, die in seiner alten bleiben, den Menschen, die bisher sein Leben teilten. Das kann teilweise gewollt sein, ist aber doch immer auch ein Bruch – und Brüche schmerzen oft irgendwann. Dazu kommt die Frage, ob man in der neuen Klasse wirklich je ankommt, so ganz, oder ob nicht doch die alte so in einem verankert ist und an einem haften bleibt, dass man fortan zwischen den Welten lebt.

«Anleitung ein anderer zu werden» ist aber auch ein autofiktionales Buch von einem jungen Mann, der seinen Platz in der Welt sucht, der sein will, wer er ist mit allem, was ihn ausmacht. Er will sein Begehren leben, wofür er sich bislang immer schämte, und das er verbergen musste, um nicht Spott und Gewalt ausgesetzt zu sein. Er will dazugehören und nicht immer nur am Rand stehen.

«Anleitung ein anderer zu werden» ist zudem ein Buch über Bildung und den Wert, den diese hat, wenn es darum geht, das eigene Leben gestalten zu können. «Wissen ist Macht» schreibt Edouard Louis einmal und er trifft es damit auf den Punkt. Die Ungerechtigkeit, dass dieses Wissen nicht allen zugänglich ist, wiegt deswegen schwer, weil sie das Schicksal der Kinder zementiert, die nicht das Glück hatten, in einem bildungsnahen Haushalt aufzuwachsen. Eddy hat den Ausstieg geschafft, aber er sagt selbst, dass es (neben durchaus viel Aufwand und Einsatz) dank Zufällen, Glück und unterstützenden Menschen möglich war. Dieses Glück haben nicht alle.

Fazit
Ein grossartiges Buch, ein Buch, das schonungslos aufzeigt, wie grausam die Welt für Menschen sein kann, die nicht dazugehören, und wie schwer der Weg ist, das zu ändern. Ein Buch, das berührt, das ergreift, das nicht mehr loslässt – auch dann nicht, wenn es längst ausgelesen ist.

Uwe Timm: Von Anfang und Ende

Über die Lesbarkeit der Welt

«Am Anfang ist die Lust der Tat, das Beginnen ins Offene – das Ende hat, gerade in seiner gelungenen Geschlossenheit, etwas von jener ‘traurigen Klarheit, in der wir die Welt aus der Distanz sehen, ‘wie mattblaue, starr gewordene Wolken’.»

Wo fängt ein Schriftsteller an, wo hört er auf, wie schuf Gott die Welt und wann war sie wirklich gut? Wann ist ein Buch gut und womit hadert der Schriftsteller bis zum schlussendlichen Gefühl, dass es nun gut sei?

„Welches ist das rechte, das wahre Wort? Und wie und wann kann er von dem Geschriebenen, seinem Werk sagen: „Es ist gut?“

Von der Idee zum Schreiben, vom Hadern mit dem Text, vom Neuschreiben und Umschreiben, von all dem erzählt Uwe Timm in diesem Buch und gibt Einblicke in die Schreibprozesse seiner Bücher.

Ich weiss nicht, ob es allen schreibenden Menschen so geht, dass sie sich für die Schreibprozesse anderer interessieren. Ist es die Selbstvergewisserung des eigenen Tuns und dass man damit nicht allein ist? Ist es die Suche nach den Möglichkeiten des Tuns, die es neben dem eigenen auch gäbe? Ist es die professionelle Neugier, die hofft, für sich selbst etwas zu finden, das eigene Tun zu verbessern – in welcher Form auch immer? Oder ist es schlicht blosse Neugier, der Blick durch die Gardinen in fremde Welten?

Das Thema „Schreibprozesse“ begleitet mich schon eine Weile, in meiner Masterarbeit untersuchte ich den Thomas Manns (und in dem Zusammenhang auch vieler anderer), seine Faszination dafür brach nie ab. Die Reihe der Frankfurter Poetikvorlesungen, in deren Rahmen dieses Buch entstanden ist, ist für mich deswegen eine wahre Fundgrube zum Stillen meiner Neugier.

Gabriele von Arnim: Der Trost der Schönheit

«Die besonnene Erkenntnis des Alters liegt ja im Genuss und im Trost des kleinen oder bitte auch schrägen Erlebens. Es geht weniger um Ekstase als um die vielstimmige Tiefe der Ruhe, um das Erkennen, das Wahrnehmen von Schönem.»

Wovon handelt dieses Buch? Vom Sehen und vom Fühlen, von der Milde des Alters, von der Gelassenheit, die sich einstellt und doch immer wieder mit Affekten durchbrochen wird. Vom Sich-Einrichten im Leben und seinen Umständen, vom Geniessen der kleinen Dinge, vom Sich-Freuen an den Blumen am Wegesrand, den Wolken am Himmel, dem Buch auf dem Tisch und der Zeit, die bleibt. Und vom Atmen. Und Fühlen. Vom Allem. Und nichts.

Es ist ein Buch der kleinen Sätze, die ab und zu eine Wirkung hinterlassen, ein Buch der kleinen Gefühle, die ganz gross sein können. Es ist ein Buch mit Rückblicken und Einblicken, ein Buch des Sich-Einlassens und dazu Aufrufens. Es ist ein Buch der kurzen Momente, die nachhallen, ein Buch aus dem Leben.

Es ist ein leises Buch, eines ohne grosse Erkenntnisse oder Botschaften. Es ist das leise Plätschern eines kleinen Bachs, das doch mitunter eine schöne Wirkung hat.

Es ist ein Buch, das mich zurücklässt und ich weiss nicht wie. Ein Buch, aus dem man viel für sich ziehen kann aber auch nichts. Vielleicht trägt man auch etwas rein und kommt so damit in einen Dialog? Wer es liest oder gelesen hat: Wie ist es euch damit ergangen?

Habt einen schönen Tag!

Politisches: Demokratie muss gelernt und gelebt werden

«Je mehr wir miteinander streiten, desto weniger müssen wir uns empören.» Jörg Sommer

Wir sitzen zuhause vor unseren Bildschirmen, klicken uns durch die sozialen Medien, applaudieren bei denen, deren Meinung wir vertreten, blockieren die, welche uns nicht genehm sind. Idioten sind das, mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Wir klagen auf den Staat, der uns Freiheiten streicht, uns ausnimmt, nichts tut für uns, vor allem nicht das, was wir wollen. Wir fühlen uns nicht gesehen und gehört und denken, dass «die da oben» sowieso machen, was sie wollen. Am Sonntag schlafen wir gerne aus, zu Wahlen oder Abstimmungen gehen wir bevorzugt nicht, was zählt schon unsere Stimme. Und wenn dann das Ergebnis nicht in unserem Sinne ist, fühlen wir uns bestätigt.

«Nur die Demokratie kann uns frei machen, weil wir nur in der Demokratie Urheber der Mächte sind, die uns regieren.» Wendy Brown

Wir sind vom Bürger zum Konsumenten geworden, streben nach mehr Geld, Freiheit und Wunscherfüllung, wir sehen den Staat in der Pflicht, zu liefern, ohne dass wir etwas dafür tun. Dass dies nicht der Sinn von Demokratie ist, liegt auf der Hand, dass diese so nicht funktioniert, ist nicht fraglich. Solange wir nicht wissen, dass wir nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben, solange wir unsere Aufgabe der Selbstbestimmung und der Teilhabe an politischen Entscheiden nicht ernst nehmen, so lange sind wir Mittäter bei der Zerstörung unserer Demokratie und damit des Staatssystems, das von allen zur Verfügung stehenden doch das sinnvollste wäre.

«Demokratie […] ist eine Form kollektiver Selbstbestimmung, die alle Bürgerinnen und Bürger als gleiche und freie anerkennt. Mit anderen Worten: Demokratie basiert und realisiert Freiheit, Gleichheit und kollektive Selbstbestimmung. Sie ist also Prozess und Ergebnis.» Julian Nida-Rümelin


Was also tun? Wir müssen nicht mal schnell die Welt retten, aber wir sollten damit anfangen, die Demokratie zu retten, indem wir uns wieder als Bürger im Sinne von Citoyen verstehen. Das heisst, wir müssen wieder lernen, aktiv das Gemeinwesen mitzugestalten als Gleiche unter Gleichen und in Anerkennung der Verschiedenheit eines jeden. Oder wie Jean-Jacques Rousseau sich ausdrückte:

„Der Citoyen ist ein höchst politisches Wesen, das nicht sein individuelles Interesse, sondern das gemeinsame Interesse ausdrückt. Dieses gemeinsame Interesse beschränkt sich nicht auf die Summe der einzelnen Willensäußerungen, sondern geht über sie hinaus.“

Nun kommt man nicht einfach als Demokrat zur Welt, Demokratie will gelernt werden und das von klein an. Nur wenn erfährt, was es heisst, als Einzelner Teil eines Ganzen zu sein, mitzubestimmen und mitzugestalten, wird diese Fähigkeiten genügend einüben, um sie dann auch im Hinblick auf das politische Geschehen einzusetzen, so dass wir als pluralistische Gesellschaft unseren Staat und das Zusammenleben darin aktiv gestalten.

Wir müssen demokratische Schulen schaffen, Schulen, die Kindern gerecht werden, in denen sie aktiv beteiligt werden und bei der Umsetzung erfahren, was es heisst, Entscheidungen zu treffen, und die Konsequenzen zu tragen. Sie müssen lernen, Teil eines Ganzen zu sein und als je einzelner in seiner Einzigartigkeit anerkannt sein. Wir müssen Schulen schaffen, die wirklich bilden, nämlich Menschen bilden, die in der Welt, in die sie hineinwachsen, bestehen können, und die sich in dieser als Selbstwirksam erfahren.

Buchtipp:

Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet
Wie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.

Zum Autor und Mitwirkenden
Julian Nida-Rümelin lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München im berufsbegleitenden Masterstudiengang Philosophie – Politik – Wirtschaft, als Honorarprofessor an der Humboldt Universität Berlin und als Gastprofessor an ausländischen Hochschulen. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Europäischen Akademie der Wissenschaften, und Direktor am Bayerischen Institut für digitale Transformation. Er ist Vorstand der Parmenides Foundation. Julian Nida-Rümelin publiziert regelmäßig Zeitungsartikel, Bücher und wissenschaftliche Aufsätze und hält Vorträge in Unternehmen und Verbänden.

Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Sein Buch „Ein Jahr zum Vergessen – Wie wir die drohende Bildungskatastrophe nach Corona verhindern können“ versteht sich als pädagogischer Weckruf, der nicht nur die Folgen der Corona-Pandemie in den Blick nimmt, sondern grundsätzlich für eine Weiterentwicklung des Schulsystems entlang humanistischer Grundsätze und empirischer Forschungsergebnisse plädiert.

Angaben zum Buch:
Nida-Rümelin, Julian/ Zierer, Klaus: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet, Hirzel Verlag, Stuttgart 2023.

Michel Friedman: Fremd

Ein Buch, das für sich selbst spricht.

«Ich bin so viele.
Nicht nur ein Ich.
Ich bin auch nicht Wir.
Das Wir kostet zu viel.
Kostet zu viel Ich.
Das Wir saugt das Ich auf.»

Ein stilles Buch. Ein tiefes Buch. Ein Buch, das uns alle was angeht. Ein Buch, das betrifft – emotional und als Anstoss, nachzudenken, zu hinterfragen, auch sich. Ein Buch, das auffordert, hinzuschauen, mitzufühlen, Mensch zu sein – zu werden oft auch.

«Ihr seid
nichts
Niemand.»

Ein Buch, das auf Vorurteile, Abwertungen, Unmenschlichkeit hinweist.

«Ankommen,
irgendwo,
irgendwann,
zu Hause sein.
Heimat haben.»

Ein Buch, das gelesen werden sollte. Langsam, nie schnell. Mit Pausen. Zum Atmen. Zum Denken. Zum Fühlen.

«Lebenslang
ein Fremder.
In diese Welt geworfen,
als Fremder.»

Danke für dieses Buch!

«Jeder Mensch ist ein einzigartiges Ich.
Wer ist dieser Andere?»