Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott

Mit Fakten, Zahlen und Parolen gegen den Bildungsnotstand

Ein gerechtes Bildungssystem, das jedem die gleiche Chance gibt, nach seinen Möglichkeiten davon zu profitieren – an diesem Massstab muss sich jede Schule und jedes Bildungssystem in Deutschland messen lassen.

Richard David Prechts Vorgabe an ein Bildungssystem ist hoch und in der heutigen Zeit kaum erfüllt. Obwohl alle von einer Bildungskrise sprechen, scheint keiner wirklich was dagegen tun zu wollen, schon gar nicht, wenn das Tun hiesse, neue Wege zu beschreiten, alte Muster – darunter fallen Noten, Frontalunterricht, Jahrgangsklassen und vieles mehr – zu durchbrechen und ganz neue Lernstrukturen in neuen Lernumgebungen zu schaffen.

Um den Missstand in Deutschland aufzuzeigen, reist Precht durch die Zeiten, zeigt verschiedene falsche Massnahmen und politischen Entscheide auf, verweist oft polemisierend Politiker und deren Fehlurteile. Dem gegenüber fährt er mit diversen Schulmodellen auf, welche andere Wege propagierten, die Khan Universität, Mastery Learning nach Carleton Washburne und Maria Montessoris Ansatz sind nur einige der vielen.

Aus der grossen Fülle von Fakten und Modellen resultiert immer wieder dieselbe Einsicht: Es läuft alles falsch und man sollte daran gehen, dies zu ändern. Kinder sollen als ganze Wesen wahrgenommen und in ihren Stärken gefördert werden. Da die Welt sich schnell verändert, soll der Schwerpunkt bei allem sein, aus Kindern selbständige Wesen zu machen, die selber denken und wissen, wie sie lernen und sich damit den immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen können.

Weil keiner definitiv wissen kann, was die Zukunft bringt, wird es in unseren Schulen allgemein weniger darauf ankommen, was wir unseren Kindern beibringen. Wichtiger ist, sie erfolgreich dazu zu ermächtigen, sich möglichst viel selbständig beizubringen.

Kinder sollen lernen, sich eigene Ziele zu setzen und diese auch zu erreichen. Sie sollen lernen, miteinander Dinge zu erarbeiten, dabei aber auch die eigene Kreativität einzusetzen. Projekten und Fächerübergreifende Zusammenhangsvermittlung ist nachhaltiger in der Wissensvermittlung als blosse Faktenpaukerei nach Fächern aufgeteilt und auf Prüfungen ausgerichtet. Wichtiger als das Alter sind die persönlichen Fähigkeiten, die darüber entscheiden sollen, in welchen Klassenverbänden Kinder sein sollen. Ihre Leistungen sollen nicht durch Zahlen, sondern durch persönliche Einschätzungsberichte bewertet werden und die Weggabelungen sollen nicht zu früh passieren und sich dann nicht auf eine Quersumme durch alle (und oft mit unnützem Wissen überhäuften) Fächer stützen. Ganztagesschulen sollen helfen, allen Kindern dieselbe Ausgangslage und Möglichkeit zu gewähren, da so keine ungleichen Chancen durch unterschiedlich motivierte und ausgestattete Elternhäuser zum Tragen kämen. Schule soll so auf das Leben vorbereiten und helfen, aus Kindern zufriedene Menschen zu machen, die sich in Beruf, Gesellschaft und politischem Miteinander zurechtfinden.

Diese durchaus nachvollziehbaren Forderungen stellt Precht an die Politiker und Verantwortlichen des deutschen Bildungswesens. Er bettet sie ein in eine Vielzahl von Verweisen auf die unterschiedlichsten Theorien, Philosophen, Pädagogen einerseits und Tadel und Polemik gegen Politiker, Lehrer, Elternhäuser, falsche Strukturen und viel Schlechtes mehr andererseits. Es fehlt dem Buch der rote Faden, man sieht sich einem Hin und Her zwischen Forderungen und Fehlläufen ausgesetzt. Ein klares Ziel und dessen konkrete Umsetzung geht unter in dem, was er den Schulen selber vorwirft: Faktenschlacht und Vermittlung unwesentlicher Inhalte, die im Moment des Lesens markig klingen und dem Autoren den Anschein von Belesenheit und breitem Wissen attestieren sollen, der Sache selber aber nicht wirklich zuträglich sind.

Fazit:
Ein gut lesbares Buch über ein aktuell brennendes Thema, bei dem weniger mehr gewesen wäre, das aber viele bedenkenswerten Ansätze für eine Verbesserung der heutigen Schul- und Bildungssituation vermittelt.

Zum Autor:
Richard David Precht
Richard David Precht wird 1964 in Solingen geboren. Nach dem Abitur studiert er Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und promoviert 1994 in Germanistik mit der Dissertation Die gleitende Logik der Seele. Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Precht arbeitet fünf Jahre als Wissenschaftlicher Assistent in einem kognitionspsychologischen Forschungsprojekt, hält danach Vorträge und Vorlesungsreihen an unterschiedlichen Universitäten und Kongressen und wird 2011 Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg, 2012 Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Daneben schreibt er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Essays, moderiert seit 2012 die Sendung „Precht“ im ZDF. Von ihm erschienen sind unter anderem Wer bin ich – und wenn ja, wieviele? (2007), Liebe . Ein unordentliches Gefühl (2010), Die Kunst, kein Egoist zu sein (2010), Warum gibt es alles und nicht nichts (2011), Anna, die Schule und der liebe Gott (2013).

PrechtSchuleAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (22. April 2013)
ISBN-Nr: 978-3442312610
Preis: EUR 19.99; CHF 23.90

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Offener Brief an die Zürcher Bildungsbehörde

Sehr geehrte Damen und Herren

In Zürich dürfen Kinder nicht von ihren Eltern unterrichtet werden, wenn diese kein pädagogisches Diplom haben. Zumindest nicht länger als ein Jahr und das nur mit Gesuch, welches bewilligt werden muss. Nun geht mein Sohn in eine Zürcher Schule. Als wir her zogen, kriegte die Klasse eine neue Lehrerin, die frisch ab Presse schon bald vom Beruf überfordert war. In der Klasse herrschte Unruhe – Gewalt, Rassismus, Mobbing waren an der Tagesordnung. Ein neuer Lehrer kam, es wurde nicht besser, der Lehrer ging auch bald wieder. Zurück blieb eine aufgewühlte Klasse ohne Lehrer, Vertretungen gaben sich die Klinke in die Hand.

Das Gewaltproblem kriegte man in den Griff, das Lehrerproblem nicht. Es kamen nach etlichen Vertretungen statt einer gar zwei Lehrerinnen. Eine für Französisch, hatte die Klasse doch einen enormen Rückstand zum Lehrplan, die andere für den Rest. Lehrerin eins hat ein Jahr Lehrerausbildung von dreien hinter sich, spricht Deutsch mit stark ausgeprägtem, französischem Einschlag. Lehrerin zwei hat zwei Jahre Ausbildung von dreien hinter sich, spricht zwar breiten Dialekt, schriftlich ist ihr Deutsch auch eher mangelhaft. Das allein wäre zwar bedenklich,  könnte aber noch akzeptiert werden. Die Frage, wieso solche Menschen ohne Abschluss ganze Klassen unterrichten dürfen, Eltern mit abgeschlossenem Studium und Zusatzausbildung ihr eigenes Kind aber nicht, lassen wir mal aussen vor, auch wenn sie brennt.

Es kommt – als wäre alles nicht genug – noch was dazu: Die Hauptlehrerin ist ständig krank. Zurück bleibt eine fünfte Klasse, die nun aufgeteilt und in andere Klassen gesteckt wird. Mein Sohn sitzt mittlerweile Woche für Woche in der ersten Klasse. Lehrerin zwei ist ab und an da, dann hat die Klasse Französisch, denn mehr unterrichtet diese nicht. Dass in der letzten Deutschprüfung nur drei Schüler genügend waren, spricht eine klare Sprache. Wie die nächste besser werden soll, ist mir ein Rätsel.

Anfragen an die Schulleitung werden abgeschmettert, es heisst, man hätte alles im Griff, täte das Beste. Einwände und konkrete Beispiele von Fehlern werden beleidigt abgetan, passieren tut nichts. Dass einige Schüler die Klasse schon verliessen, weil die Eltern die Zukunftsaussichten gefährdet sahen, spricht für sich, allerdings kann es nicht angehen, dass man Kinder in Privatschulen stecken muss, nur weil eine staatliche Schule dermassen versagt und sich allen Kritiken, Anfragen, sogar Hilfsangeboten verschliesst. Die sechste Klasse steht vor der Tür, eine Tür, die gleichzeitig den Weg öffnet in die Zukunft. Wo soll das hinführen?  Muss man wirklich wegziehen, wenn man das eigene Kind nicht in seiner Schullaufbahn behindert sehen will?

Man kann nun einwenden, das sei ein Einzelbeispiel, allerdings hörte ich schon von ähnlich gelagerten Fällen. Die Schulpsychologin sprach von „nicht gravierenden Abweichungen von anderen Klassen“. Meine Erfahrung nach einigen Umzügen, wodurch ich auch Einblick in diverse Klassen in den Kantonen Bern und Aargau gewann, sprechen eine andere Sprache: Ich habe noch nie eine dermassen aus dem Ruder laufende Schulsituation erlebt, sah mich noch nie mit so unfähigem Schulpersonal konfrontiert.  Fehler passieren, Schwierigkeiten und Engpässe kann es geben. Lehrermangel ist ein bekanntes Problem und man kann keine Lehrer aus dem Ärmel schütteln, trotzdem muss eine Lösung her und zwar schnell. Es besteht ein Grundrecht auf Bildung und das sehe ich in dem Fall stark beeinträchtigt. Fünftklässler, die in ersten Klassen sitzen, werden nicht gefördert, nicht gefordert, sondern abgestellt. Dafür zahle ich keine Steuern und das ist nicht das, was ich mir für mein Kind wünsche.

Die Frage bleibt: Wohin geht der Weg?

Mit freundlichen Grüssen

Eine besorgte Mutter

Bildung heute

Durch Erziehung wird der Mensch erst wahrhaftig Mensch. (Platon)

Nicht nur durch Erziehung, auch durch Bildung, im Sinne des Wortes verstanden. Bildung sollte dazu beitragen, dem Menschen in seiner Persönlichkeitsbildung zu helfen, ihn sich selber zu finden und damit auch seinen Stand und sein Zurechtkommen im Leben und in seiner Umwelt. Sie soll dem Menschen helfen, seine Fähigkeiten zu leben, seine Chancen wahrzunehmen, Teil einer (politischen) Gemeinschaft zu sein und diese aktiv mitzugestalten.

Bildung soll für alle zugänglich sein und somit die Menschen vereinen, sie soll keine Klassen kennen, sondern allen den Weg in die Gesellschaft gleichermassen öffnen – jedem nach seinem Potential. Stattdessen separiert sie, legt durch Notendruck, Faktenpauken, Siebmechanismen alles darauf, die Schere noch grösser werden zu lassen und wird instrumentalisiert, indem nur Verwertbarkeit und nicht Persönlichkeit und Charakterbildung im Zentrum stehen.
Vielleicht sollte man sich wieder auf die Ursprünge besinnen, die wirklichen Werte hochhalten?

Arme Welt

Kürzlich sah ich eine Sendung, in der gesagt wurde, dass allein mit den weggeworfenen (und noch guten) Esswaren aus Deutschland der Welthunger halbiert werden könnte. Heute las ich in einer Zeitung, dass in der (ach so reichen) Schweiz jeder Siebte gefährdet ist, in die Armutsfalle zu tappen. Weltweit gibt es Hunger, weltweit gibt es Menschen, die kein Dach über dem Kopf , nicht die Möglichkeit, für ihre Gesundheit zu sorgen, nicht die Chance, Bildung zu geniessen und nicht das Glück, ihr Leben frei gestalten zu können, haben.

Dies allein ist schon traurig genug, aber noch viel trauriger ist es, dass das alles nicht nötig wäre. Nicht die Bevölkerungsdichte ist schuld, dass es Mangel gibt. Wir haben nicht zu viele Menschen auf einer zu kleinen Welt. Wir haben zu selbstverliebte Besitzende, die nicht bereit sind, einen Teil von ihrem Zuviel abzugeben, damit die, welche zu wenig haben, ein menschenwürdiges Leben führen können. Klar liest man immer wieder von grosszügigen Spenden von Reichen an Bedürftige oder Organisationen. Schaut man dahinter, ging es vielfach nicht um Nächstenliebe, sondern um einen Steuertrick. Das alleine wäre nicht verwerflich, das gespendete Geld hilft ja trotzdem und ist nicht schlechter, nur weil es aus Eigennutz gespendet wurde. Meist ist es aber ein Bruchteil dessen, was abgegeben werden könnte und noch viel öfter nur ein Tropfen auf den heissen Stein, der nur hilft, dass die von Armut geplagten nicht gleich verhungern, sondern Aufschub erhalten.

Die Thematik ist lange bekannt. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Es ist klar, dass niemand hungern müsste, würde man es wirklich ändern wollen. Es ist offensichtlich, dass es von allem genug hätte, würde man es gut verteilen. Ich sage damit nicht, dass man den Reichen jeden Luxus nehmen müsste, Gott bewahre, sie sollen in Saus und Braus weiter leben, viele von ihnen haben sich diesen Saus auch erarbeitet. Verdient im wortwörtlichen Sinne vielleicht nicht, aber immerhin etwas dafür getan.

Stellen wir uns mal vor: Morgen käme jemand und würde uns eine Million bieten, damit wir etwas tun für ihn. Wir könnten arbeiten und hätten dieses Jahressalär, das von vielen angeprangert wird als nicht mehr leistungsorientiert, als unverhältnismässig. Würden wir ablehnen? Würden wir sagen, dass wir das gar nicht verdienen und darauf verzichten, stattdessen für 100’000 arbeiten wollen? Oder gar für 72’000? Oder für wieviel eigentlich? Ich denke nicht. Wie können wir es von denen verlangen, die soviel verdienen? Freiwilligkeit scheint bei diesem Fall schwer zu sein, es müsste also von aussen kommen. Staatsgewalt? Ein Gesetz, das eine Höchstlohnstufe einführte? Oder sollte es ab einem gewissen Betrag eine Spendensollquote einführen? Das käme einer Steuererhöhung gleich. Und wem soll die zugute kommen? Armen im eigenen Land? Was passiert dann mit all den Hungernden in fremden Ländern, die keine so reichen Menschen haben, die ihren Anteil abgeben können? Zählen die nichts? Oder müssen wir in unserem Land dafür sorgen, dass andere Länder genug haben?

Kommt man dabei nicht in einen Konflikt mit der Souveränität? Wenn ich von aussen etwas über ein Land stülpe, übergehe ich dessen Souveränität. Sicher in einem Fall, den dieses Land nicht will. Nun kann man sagen, dass kein Land Hunger haben will. Allerdings hungern nie alle und meist die nicht, die das Geld in die Hände bekommen… Und schon sitzen wir wieder mittendrin.

Ein auswegloses Problem? Ist der Mensch einfach so, dass er hortet, hortet wie ein Eichhörnchen, ohne je den Hals voll genug zu kriegen? Wo könnte man den Hebel ansetzen, um diese selbstgerechte Welt aus den Angeln zu heben?

Mein Sohn meinte kürzlich, dass die Welt ungerecht wäre. Das allein ist keine neue Erkenntnis, wenn auch für einen bald 11 Jährigen nicht ganz selbstverständlich. Er machte diese Einsicht daran fest, dass er fand, dass ein Bauer viel mehr für die Menschen täte, indem er ihr Überleben durch Nahrungsmittel sichere als ein Anwalt. Trotzdem verdiene ein Anwalt viel mehr als ein Bauer. Er fand das ungerecht. Und bei Lichte betrachtet hat er damit einen wichtigen Punkt angeschnitten. Wir achten heute so viele Berufe mehr, die in abstrakten und abgehobenen Bereichen tätig sind, dass wir die, welche mit ehrlichem Handwerk für ihr Auskommen und auch für das Überleben (Bauer), das Hausen (Maurer), das Wohnen (Schreiner) sorgen, herabsetzen. Ihr Bildungsweg war ein geringerer, das macht sie in unserer Werte- (und Lohn-) Bemessung minderwertig. Wir messen Wert an abstrakten Grössen und vergessen dabei oft die Lebensnotwendigkeiten. Diese sehen wir erst, wenn sie fehlen. In der Armut. Und dagegen tun wir nichts, weil wir sie nicht sehen wollen. Ein Perpetuum Mobile, das in den Abgrund führt?

Salman Ansari: Rettet die Neugier!

Kindern die Möglichkeit der eigenen Erfahrung lassen

Kinder werden immer noch früher in Schubladen gepresst, welche einzig dazu dienen, die von Erwachsenen als relevant erachteten Wissensinhalte zu lernen, möglichst nach vorgegebenen Zeitplänen. Dabei wird die Kreativität, die Neugier von Kindern, die Fähigkeit, selber zu denken und Dinge zu entdecken nach und nach unterdrückt und kaputt gemacht. Die heutigen Bildungsinhalte und Vermittlungsstrategien sind alles andere als kindgerecht, im Gegenteil, sie ignorieren das kindliche Wesen.

Die Möglichkeiten für Kinder, eigene Erfahrungen zu machen, werden immer weiter eingeschränkt. […] Auf der anderen Seite wächst der Druck auf sie, Kompetenzen zu erwerben, die aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht altersgemäss sind.

Schaut man auf Hirn- und Lernforschung, zeigt sich deutlich, dass die Inhalte, die man selber erfahren kann, die mit der eigenen Neugier erforscht werden und zu denen man eine Beziehung aufbaut, Früchte tragen. Bietet man dem Kind eine kindgerechte Lernumgebung, unterstützt es in seinem kindeigenen Weg, Erfahrungen zu machen und die Welt zu entdecken, wird ihm das nicht nur in Hinsicht auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung helfen, sondern es auch zu einem selbstbewussten, lebensfähigen Menschen ausbilden, der sich durch Kreativität und Neugier im Leben zurechtfindet.

Das Entlang-Gejagtwerden längs den Gleisen des Systems bildet nicht. Wir wollen Gleisleger erwecken, nicht Gleisfahrer machen.
(Martin Wagenschein)

Salman Ansari weist in diesem Buch auf die Schwächen der heutigen Bildungs- und Erziehungsstrategien hin und zeigt neue Wege auf, die dem Kind und dessen Entwicklung angepasst sind und mithelfen, dem Kind den Freiraum und die Möglichkeiten zu bieten, seine Fähigkeiten zu erkennen und auszubauen. Bildung soll, so Ansari, nicht blosses Faktenpauken sein, das von Erwachsenen auf die Kinderseele gedrückt wird und diese so unterdrückt, sondern eine Erfahrung auf einer Ebene, die das Kind seine eigenen Wege finden lässt. Kinder lernen besser und freudiger, wenn man sie bei ihrer Neugier packt und ihnen nicht alles vorgefertigt und abstrakt überstülpt.

Anhand von anschaulichen Beispielen zeigt Ansari Mittel und Wege, wie man Kinder nicht zu abgestumpften Lernmaschinen, sondern zu lernfreudigen und selber denkenden Wesen erziehen kann. Das trägt dem Artikel 29 der UN-Kinderrechtskonvention Rechnung, welcher fordert, dass Bildung darauf ausgerichtet sein soll,

die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen […und] das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geiste der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten [sowie] dem Kind die Achtung vor der natürlichen Umwelt zu vermitteln.

Es gilt, so Ansari, Kindern nicht vorgefertigte Antworten zu liefern, sondern sie sollen selber Antworten auf das Leben und die Umwelt finden, die sie umgeben. Auf diese Weise benutzen sie ihre Kreativität und entwickeln eigenständige Ideen. Dazu bedarf es keines herausragenden IQs, sondern stimulierender Herausforderungen.

Fazit:
Ein Buch, das Pflichtlektüre für Eltern und Erzieher an Institutionen sein sollte. Ein Buch, welches Kinder in ihrer Persönlichkeit respektiert, schützen will und Möglichkeiten aufzeigt, aus ihnen selbstbewusste, kreative und lebenstüchtige Erwachsene zu machen, sie aber auf diesem Weg Kinder sein lässt .

Zum Autor
Salman Ansari
Salman Ansari wurde 1941 in Indien geboren. Er ist promovierter Chemiker und Lernpädagoge. Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Odenwald-Schule arbeitet er am Kieler Leibnitz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Entwicklung von Unterrichtsmodellen und professionalisiertem Lehrerhandeln mit. Seit mehreren Jahren arbeitet er auch im Elementarbereich. Er ist Dozent und Buchautor. Von ihm erschienen sind unter anderem Schule des Staunens (2009) und Rettet die Neugier (2013).

AnsariNeugierAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Fischer Verlag (25. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3810501929
Preis: EUR  18.99 / CHF 31.90

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Bildung und andere Übel

Die Stadt Zürich hat ein Musikprojekt. Es gibt Bläser- und Streicherklassen. Das heisst, einige 4.- und 5.-Klässler kommen in den Genuss, ein Instrument zu spielen im Musikunterricht der Schule, das passende Instrument kriegen sie geliehen. Für die dem Projekt angeschlossenen Kinder ist das Ganze gratis. Den Steuerzahler kostet das pro Klasse und Jahr 20’000 Franken. Ausgeschrieben: Zwanzigtausend. Und es sind einige Klassen in Zürich, die Zahl habe ich leider vergessen, ich war wohl zu geschockt über die 20’000 pro Klasse und Jahr und spann meine Gedanken über die Sinnhaftigkeit des Unterfangens.

Ich höre schon die entsetzten Aufschreie, wieso ich ein so toll kulturelles, musisches Angebot in Frage stelle. Das hat Gründe. Am Elternabend, an welchem diese Zahl genannt wurde, kriegten die anwesenden Eltern nach einer ausführlichen Laufbahninformation der extra engagierten Musiklehrerinnen auch zu hören, dass dies vor allem für finanzschwache Familien toll wäre, da ihre Kinder so in den Genuss des Instrumentalunterrichts kämen. Das fand ich toll. Weniger toll fand ich aber, dass das Projekt nur 2 Jahre dauert, danach ist kein gratis Unterricht mehr da für die finanzschwachen Familien, und dass die Lehrerinnen sagten, nach diesen zwei Jahren könne kein Kind das gespielte Instrument spielen, der Schulunterricht ersetze sowieso den Einzelunterricht nicht. Also was nun? Da setzt also die Stadt Bildungsgelder für  Instrumentalunterricht ein, der a) nichts bringt und b) auf Scheinargumenten gründet?

Ich habe noch im Ohr, dass es immer hiess, wir sparen bei der Bildung. Und immer regte ich mich darüber auf. Und dann sowas? Wäre es nicht sinnvoller, wirklich interessierten Kindern Musikunterricht mitzufinanzieren, statt einer Horde ein paar Geigen in die Hand zu drücken, auf welchen sie dann mehr schlecht als recht rumzupfen (nicht alle dürfen streichen, was wohl zum Schutz der hörenden Gesellschaft gedacht ist).

Heute las ich, dass die Stadt Zürich viele Sportvereine unterstützt und so begeisterten Jugendlichen die Möglichkeit gibt, gratis oder gegen kleines Entgelt einer Sportart nachzukommen. Eine tolle Sache, denn hier werden die unterstützt, die wirklich etwas tun wollen. Wenn man sieht, was das Leben mit Kind heute kostet, da jedes ein Hobby mindestens, besser zwei oder drei braucht und alles kostet, dann ist das eine sehr tolle Sache.

Nun möchte ich mir nicht den Vorwurf gefallen lassen, ich bevorzuge Sport gegenüber musischen und künstlerischen Dingen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich denke aber, dass man Kinder da unterstützen sollte, wo ihre Stärken und Interessen liegen und sie nicht alle über einen Kamm scheren kann, der schlussendlich niemandem wirklich gerecht wird. Nicht wirklich spielen könnende Geiger nützen der holden Kunst gar nichts, im Gegenteil. Das verleidet eher noch die Freude an der Musik. Zudem will nicht jedes Kind Geiger werden (oder Bläser).

Ändern kann ich daran nichts, ich nehme es zur Kenntnis, rege mich ein wenig auf, höre entzückt bald dem Weihnachtskonzert auf kindlich gezupften Geigen zu und denke mir das Meine.

Das tut man nicht!

Blick? Den liest man nicht, das ist unterste Schublade, Boulevard-Journalismus. Wer etwas auf sich hält, der liest die NZZ. RTL? Das guckt man nicht, Arte oder vielleicht 3 Sat, alles drunter ist eine Sünde. Man geht auch nicht in Hollywood-Romanzen, man schaut B-Movies oder Kulturfilme, die niemand sonst schaut, weswegen sie in kleinen Randkinos laufen, die  morgen bankrott gehen. Rosamunde Pilcher liest man nicht, es muss Goethe sein. Wer etwas auf sich hält, wer ein wenig Intelligenz und Bildung besitzt, der muss achten, was er liest, schaut oder tut, sonst ist er ein Banause.

Im Aldi kauft man nicht, das wird alles mit Kinderarbeit in China oder sonst unethisch produziert. Im Lidl kauft man auch nicht, die beuten ihre Arbeitskräfte aus. Nach Deutschland einkaufen geht gar nicht, man muss die Schweizer Wirtschaft unterstützen. Überhaupt geht nur Biogemüse und Jutekleidung, artgerecht produziert und arbeiterfreundlich gewonnen.

Man muss den Nachbarn grüssen, selbst wenn man ihn nicht kennt, man muss sich um den Gatten sorgen, wenn er krank ist, selbst wenn der nervt mit dem Gejammere, man muss die Tante anrufen, wenn sie Geburtstag hat, selbst wenn man das ganze Jahr nichts von ihr gehört hat und man muss sich über des Kindes Windelfüllung freuen, da die Kleinen ja so schnell gross werden. Man muss als Frau arbeiten, sonst betreibt man Verrat an der Frauenrechtsbewegung und man muss das alles gut nach aussen tragen, sonst geht man unter.

Oft hört man, der Staat auferlege zu viele Gesetze, lege den Menschen in Ketten, reglementiere alles und habe eine überbordende Bürokratie. Die Zwänge, die der Mensch sich selber auferlegt sind um Welten grösser. Die ungeschriebenen Gesetze übertreffen alle Gesetzbücher dieser Welt und wer sie nicht kennt und vor allem, wer sie nicht befolgt, der ist ganz schnell aussen vor. Der sitzt in den Nesseln, in die er sich selber gesetzt hat. Wer ein „du musst“ übersieht, der hat ganz schnell das Nachsehen und stottert bei der nächste Frage „Und was machst du den ganzen Tag?“, „Was schaust du im TV?“, „Wo hast du deinen Skianzug gekauft?“.

Ich lese täglich meinen Blick, kenne die Serien von RTL, mag die eingelegten Schalotten vom Aldi und die Salami von Lidl. Ich schaue nie Arte und pfeife auf die sich nie meldenden Tanten. Was ich verdiene, erzähle ich trotzdem nicht, da es höchstens aussagt, was auf mein Konto einbezahlt wird und nie, was ich wert bin. So wie der ganze Rest auch. Bin ich wirklich so schräg? Ich vergass, dass ich Pilcherfilme mag – muss aber gestehen, dass ich Goethe trotzdem kenne – sogar das Gesamtwerk – wer noch?

Wenn Profitgier die Schere zwischen arm und reich weiter macht

Die NZZ und auch „Le Temps“ wollen ihre Onlineportale kostenpflichtig machen. Das ist sicher ihr gutes Recht, jeder kann für das Produkt, das er anbietet die Verteilungsstrategie wählen, die ihm beliebt. Dass kaum mehr was umsonst ist, ist in dieser Welt nichts Neues. Ein Experte meinte denn auch, dass die Strategie wohl aufgehen werde, die NZZ damit eine Vorreiterrolle übernähme, der andere folgen könnten. Dazu käme, so der Experte, dass die NZZ eher ein Blatt für die höhere Schicht sei, die dadurch auch zahlungskräftiger sei und damit wohl bereit, die Gebühr zur Nutzung aufzubringen. 

Legitim ist das sicher alles. Trotzdem stossen mir gewisse Dinge auf:

In der heutigen Zeit hat nicht jeder mit einer hohen Ausbildung auch eine gut bezahlte Stelle hat. Der Arbeitslosenmarkt macht auch vor Uniabgängern nicht halt. Des Weiteren ist zu bemerken, dass nicht jeder nicht Studierte gleich ungebildet und vor allem desinteressiert ist. Die Gleichung: Interessiert = zahlungskräftig ist eine, die nicht aufgeht. Wenn man nun den Interessierten jeglichen Zugang verunmöglicht, ist das zwar wirtschaftlich legitim, doch auch irgendwo traurig. Die volle Version war schon bisher zahlungspflichtig, wenn die abgespeckte Variante nun folgt, sind die Türen dicht. Klar gibt es andere Zeitungen, keine Frage, wenn die aber wirklich nachziehen?

Es gibt noch ein weiteres Problem: In einer Demokratie gilt der Mehrheitsentscheid. Entscheide sind dann vernünftig und durch Argumente und Wissen abgedeckt, wenn man sich informieren konnte, wenn man die Möglichkeit hat, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich eine Meinung zu bilden. Woher soll die Meinung kommen, wenn die Informationen nicht mehr zugänglich sind? Wie soll man sich weiter bilden, wenn am Schluss nur noch 20 Minuten Und Blick gratis sind? Die Demokratie ist in der Krise. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Krise ist ein Wort, das heute in aller Munde ist, damit nicht sympathischer wird. Man kann aber sagen, dass die Beteiligung an demokratischen Mitteln abnimmt und die Entscheide oft eine Richtung annehmen, die mehr als ungeheuer ist. Die Einschränkung des Zugangs zu Informationen, die über Boulevardniveau hinausgehen, wird das nicht verbessern. 

Schon die Vorreiter der Demokratie, zu nennen sind neben anderen  Rousseau und Tocqueville, haben alle dasselbe gesagt: Eine Todesursache für eine funktionierende Demokratie (wie sie damals gesehen wurde) ist ein zu grosser Wohlstandsunterschied. Die Stütze dieses Staatsmodells wäre ein gesunder Mittelstand. Dass dieser heute schon lange krankt, ist eine traurige Tatsache, doch die Schere tut sich immer mehr auf. Ob dem entgegenzuwirken ist, sei dahingestellt, wie das geschehen könnte oder sollte braucht mehr Platz und Zeit und bräuchte vor allem den Willen derer, die in Positionen sind, welche es erlauben, an den Zuständen zu schrauben. Wenn die Wohlstandsschere aber immer mehr auch Bildung und Informationszugang betrifft, dann nimmt das Ganze Züge an, die mehr als bedenklich sind. Und das wäre spätestens der Zeitpunkt, an dem man sich fragen müsste, ob man damit wirklich etwas Gutes tut oder ob diese Profitgier, die sich bei der Erhebung von Gebühren für die Onlineplattform zeigt, nicht schlussendlich – wenn diese Tendenz um sich greift und sich mehr und mehr vertieft, weil einer dem anderen nachfolgt – das Fundament zerstört, auf dem die ganze Wirtschaft überhaupt steht. 

Wenn diese Tendenzen um sich greifen, wird irgendwann die Basis einer gerechten Demokratie völlig unterlaufen sein. Dann werden sich arme Information nicht mehr leisten können, sie werden dadurch entweder der Chance beraubt, wirklich am Entscheiden teilzuhaben oder aber man läuft Gefahr, dass sie sich auf die Informationen stützen müssen, die ihnen noch gratis geboten werden. Das wäre ein gefundenes Fressen für all die, welche durch manipulative Informationsstreuung ihre eigenen Interessen stärken wollen. Am Schluss wundert sich dann jeder, wieso Volksentscheide ausfallen, wie sie es tun, wieso gewisse Parteien Zulauf haben, andere Treten an Ort praktizieren. 

Es ist mir klar, dass die Gebühren für eine oder zwei Onlinezeitungen noch nicht den Untergang der Welt bedeuten und es durchaus andere Missstände gibt. Trotzdem denke ich, dass sie Auswüchse dessen sind, was an den Grundfesten heutiger Gesellschaftsordnungen rüttelt: Die Kurzfristigkeit des Denkens und die Ausrichtung auf den eigenen Profit ohne Rücksicht auf mittel- und langfristige Folgen, ohne Rücksicht auf ein gewisses Mass an Fairness.