Jüdischer Arzt zum Thema Beschneidung

Aufgrund der jüngsten Diskussion über die Beschneidung jüdischer Jungen machte sich auch ein jüdischer Arzt, Gil Yaron, seine Gedanken. Ein Artikel der FAZ zeigt eindrücklich das Resultat dieser Gedanken. 

 

Wieso beschneiden Juden ihre männlichen Kinder am 8. Tag nach der Geburt? Das ausschlaggebende Argument ist wohl immer die Tradition und das dadurch vermittelte Zusammengehörigkeitsgefühl. Die religiösen Gründe sind vielen nicht bekannt und wenn, gibt es mehrere, die nicht wirklich kongruent sind. 

Reicht der Grund, das Kind könnte sonst in der jüdischen Gemeinde nicht akzeptiert sein, ausgelacht werden aus, um ein Kind zu beschneiden? Die Prozedur scheint doch für einige traumatisch zu sein, wenn man das nun liest. Zwar lässt die Grausamkeit nach und der Stolz, es gemacht zu haben nimmt überhand, doch gründet dieser auch auf traditionellen Begründungen. 

Selber wurde Yaron das erste Mal mit der Frage konfrontiert, als seine Schwester sich gegen die Stimmen der ganzen Familie entschied, ihren Sohn nicht beschneiden zu lassen. Das zweite Mal, als er selber in der Situation war, Vater eines Jungen zu werden. Trotzdem er kein wirkliches Argument für eine Beschneidung fand, merkte er, wie schwer es fällt, darauf zu verzichten.

Die Angst, dass mit dem Ende der Beschneidung das letzte Stück Judentum von den Menschen abfalle, blieb bestehen. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl, das man als Juden untereinander doch hat, welches nicht zuletzt auf Traditionen gründet, selbst wenn sie noch so unerklärbar sind rational, schien ihm wert, nicht einfach mit diesen Traditionen zu brechen. Und doch – wenn nichts dafür spricht, wieso es hochhalten? Was wären die Alternativen? Für sich fand er die, seinem Sohn einst die Entscheidung selber zu überlassen, ob er beschnitten werden will oder nicht, sich selber aber anstatt der Beschneidung seines Sohnes das versprechen zu geben, den Sohn in einer jüdischen Gesinnung aufzuziehen, ihn so zu einem Mitglied dieser Gemeinschaft zu machen. 

 

Wie mir scheint ein sehr guter Weg, welcher die Traditionen schlussendlich viel besser weiter gibt, weil dieses versprechen die jüdischen Glaubensinhalte hochhält und weitergibt, statt es bei einer Beschneidung als äusserem Zeichen, welchem möglicherweise wenig weitere folgen im Innern, belassen zu lassen. Glaube kann auch ohne diese frühe körperliche Beschneidung (im wahrsten Sinne – körperlich ein Stück Haut, rechtlich die Unversehrtheit) gelebt werden, Traditionen und Feste dienen dem Zusammengehörigkeitsgefühl wohl mehr. 

Yaron ruft die jüdische Gemeinschaft dazu auf, das zu tun, was dem jüdischen Menschen entspricht: nachzudenken und zu diskutieren. Ich denke, diese Zeit sollte gegeben sein. Nach wie vor gefällt mir der Gedanke nicht, dass man von aussen an eine Region herantritt und ihr befielt, wie sie zu leben hat, ihr verbietet, ihre Religion auszuleben. Schön wäre, wenn von innen eine der heutigen zeit angepasstere Lösung gefunden werden könnte.

Das meine ich nicht nur in Bezug auf dieses Thema und schon gar nicht beschränkt auf das Judentum, sondern das sollte bei allen Religionen so sein. Die Zeiten ändern, Glaubensinhalte wie auch Praktiken verlieren ihre Rechtfertigung oder sollten überdacht werden. Nicht, um den Glauben, die Religion zu schwächen, sondern um sie auch in neuen Zeiten lebbar zu machen. ich denke, das würde den einzelnen Religionen mehr bringen – auch an Anhängern. Wenn der Spagat zwischen dem Leben im Heute und der Religion immer grösser wird, können ihn viele Menschen nicht mehr machen und entscheiden sich dann dafür, das eine oder andere aufzugeben – meist die Religion und damit die Gesellschaft. 

 

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/beschneidungsdebatte-unsere-seltsame-tradition-11827726.html

Neue Runde bei der Beschneidungsdebatte

Die Beschneidungsdebatte, welche ursprünglich durch das Urteil des Landesgerichts in Köln losgetreten wurde, hat sich über die grenzen Deutschlands nach Österreich ausgeweitet. Heise berichtet über den österreichischen Religionskritiker Niko Alm, welcher mit einer Initiative gegen Kirchenprivilegien die Diskussion in die Alpenrepublik gebracht hat. In einer Pressekonferenz liess er fünf Beschneidungsgegner zu Wort kommen, darunter auch den Grafiker Kahid Kaya, Mitglied des Zentralrats der Ex-Muslime, welcher seine eigene Beschneidung als traumatisch empfand und deswegen eine Klage gegen den Staat Österreich prüft.

Die Frage nach der Rechtmässigkeit der rituellen Beschneidung spaltet die Geister. Die Religionsfreiheit, welche vor dem Hintergrund verschiedener Unruhen und Kriege aufgrund von Unterdrückung von anderen Religionen hoch gehalten wird tritt in Konflikt mit dem Menschenrecht auf Unversehrtheit. Und bei diesem Menschenrecht endet auch die elterliche Handlungsgewalt. Eltern haben zwar die Befugnis, für ihre Kinder zu entscheiden, nicht aber über deren Unversehrtheit hinaus. Was passiert also, wenn zwei Grundrechte in Konflikt geraten? Welchem gibt man Vorrang?

Bislang war die Beschneidung von Jungen kein Massen bewegendes Thema. Anders als bei der Beschneidung von Mädchen und Frauen sah man sie offenbar nicht so problematisch. Selbst wenn sie ab und an mal thematisiert wurde, warf sie doch keine so hohen Wellen wie die Prozedur beim weiblichen Geschlecht oder wie sie das nun tut.  Das und wohl auch der Umstand, dass es ab und an die medizinische Notwendigkeit der Beschneidung gibt,  liess wohl allgemein annehmen, dass es sich dabei um etwas nicht wirklich Schlimmes handle. Es war einem vielleicht fremd, aber mehr nicht, wie es scheint. Und plötzlich erscheint dieses Ritual im Zusammenhang mit dem Wort Träume, Körperverletzung. Eine ganz neue Dimension.

Das eröffnet verschiedene Fragen:

Wieso wird sich der klagewillige Österreicher just jetzt bewusst, dass er traumatisiert ist und klagen könnte? Der Zeitpunkt der Klage gibt der Geschichte einen komischen Nachgeschmack. Es hat ein wenig den Anschein, als ob jemand auf einen fahrenden Zug aufspringen möchte. Aber vielleicht wurde ihm auch erst jetzt bewusst, was ihm wirklich widerfuhr? Dass er vielleicht eine Chance hätte auf Klage? Wie soll die Wiedergutmachung aussehen? Was erhofft er sich?

Die nächste Frage, die sich mir stellt ist, wieso man medizinisch eine Operation durchführt, die traumatisierend ist. Klar liegen medizinische Probleme vor bei einer Vorhautverengung, aber die könnten dann sicher anders gelöst werden, wenn die Beschneidung dermassen traumatisch ist. Es ist ja wohl kaum anzunehmen, dass man nur traumatisiert ist, wenn es rituell motiviert war, nicht aber, wenn es medizinisch motiviert war.

Zu guter letzt stellt sich die Frage: Hängt der Glaube und die Religionsfreiheit wirklich an diesem einen Ritual, das die körperliche Integrität beeinträchtigt, wie die Kritiker anbringen? Ist ein Muslim und ein Jude wirklich weniger gläubig und weniger in seiner Religion verwurzelt, wenn er nicht als kleiner Junge beschnitten würde? Es sagt ja niemand, dass die Beschneidung verboten werden soll, nur könnte man sie auf einen Zeitpunkt legen, an welchem der zu Beschneidende selber urteilsfähig ist. Und damit über seine eigene Integrität entscheiden kann. Damit würde man die Diskussion auflösen, die Religion wäre frei gelebt und kein Körper gegen seinen eventuellen Willen verletzt.

Prallen bei dieser Diskussion nur zwei sture Meinungen aufeinander oder geht es tiefer? Wo liegt die Wahrheit? Was ist legitim? Und wenn zwei sich streiten, wer freut sich dann hier?

Quelle: http://www.heise.de/tp/blogs/8/152409?utm_medium=twitter&utm_source=twitterfeed