Dieses Jahr reihen sich die Schreckensmeldungen aneinander wie Perlen auf einer Kette. Terror, Angst und Schrecken auf der ganzen Welt – und diese schaut mit offenem Mund zu, weiss sich nicht mehr zu helfen. Unsicherheit macht sich breit.
Der IS bekennt sich zu den Taten, die Welt hat ihren Schuldigen: Die Muslime sind’s. Schnell schiessen sich viele ein, propagieren den Ausschluss dieser Menschen, reden von einer Islamisierung des Abendlandes und von Unterwanderung der hiesigen Kultur. Fronten verhärten sich. Wagt man es, einzuwenden, dass nicht „die Muslime“ diese Taten verübten, sondern ein paar fehlgeleitete Fanatiker, wird man als Naivling und Gutmensch verspottet. Fordert man, dass Muslime sich von den Taten des IS distanzieren sollen, hört man von anderer Seite, dass dies Unsinn sei, weil diese ja die Taten nicht verübt hätten, sondern der IS.
Ich denke durchaus, dass sich Muslime von den Taten distanzieren sollten. So wie sich auch andere Menschen davon distanzieren. Sich zu distanzieren bedeutet nicht, dass man sich selber eine Schuld zumisst, sondern dass man ein Zeichen setzt und dafür einsteht. Wieso sollten das Muslime, die nichts mit den Taten zu tun hatten, nicht tun?
 
Heutige Generationen/Staaten entschuldigen sich auch für historisches Unrecht. Zu recht. Wir leben in Gemeinschaften und haben sowas wie ein kollektives Gewissen, eine kollektive Verantwortung. Wir haben das Unrecht der Vergangenheit nicht verübt, aber wir sind Bürger der Länder, die es taten und wir profitieren davon, was in diesen Ländern in der Vergangenheit passiert ist – auf die eine oder andere Weise. Wenn wir den Profit nehmen, müssen wir auch die Schuld nehmen – nicht im Sinne eines Schuldeingeständnisses eigenen Tuns, sondern als historische und generationenübergreifende Verantwortung. 
 
Wenn alle, die nichts mit den Taten zu tun haben, schweigen und wegschauen, behaupten: Ich war’s nicht, muss mich also nicht distanzieren, dann stehen die Taten im luftleeren Raum und sind das einzig Schreiende der Gegenwart. Würden sich die Menschen zusammentun und laut ein Zeichen setzen, wären sie hörbar. Dann würden Menschen zusammen kämpfen gegen das Unrecht, das passiert. Dann würden Grenzen verschwimmen zwischen den Muslimen, Christen, Juden und Atheisten, weil alle zusammen für das Gute einstehen. Dann wären die Taten nicht mehr die „der Muslime, sondern die von fanatischen Idioten. Und dann wäre vielleicht auch wieder ein Miteinander ohne Ausgrenzung möglich

Er stieg an derselben Haltestelle ins Tram wie ich. Er hatte seinen ganzen Hausrat bei sich, verstaut in einem auseinanderbrechenden Rollkoffer und diversen Tüten, die er mit Spinnenbeinen darauf befestigt hatte. Mit ihm stiegen zwei grosse Hunde ein, wohl Schäferhunde. Sie gehorchten aufs Wort, streiften erst durchs Tram, kamen aber auf einen Ton sofort zurück und legten sich hin. Seine Haare waren etwas struppig, aber nicht sehr, die Kleidung etwas fleckig, aber nicht übermässig. Er roch nach Alkohol, wirkte aber durchaus klar. Die Leute versuchten offensiv wegzuschauen, einige wechselten den Platz, was er laut kommentierte, indem er zu den Hunden sagte, dass es toll sei, Platz im Tram zu bekommen.

Er war es offensichtlich gewohnt, in der offensichtlichen Nichtbeachtung durchaus im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, einer Aufmerksamkeit, die nicht wohlwollend oder zugewandt, sondern feindlich und abgrenzend war. Er witterte hinter jedem Wort einen Angriff, schützte sich durch forsche Reaktionen. Ein Hund legte sich auf meine Füsse. Ich sagte, dass mein Hund nicht so toll gehorche wie seine beiden. Nach einem ersten argwöhnischen Blick , einem etwas angriffigen Kommentar seinerseits, kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von meinem Hund, von den Hunden, die ich schon hatte. Er erzählte von seinen Hunden, davon, dass der eine Militärhund sei, der andere ausgebildet werden soll, er aber leider zu alt fürs Militär sei. Er erzählte von Igeln, die er gerettet hat, von Einsätzen auf dem Bau, von seinen Hunden, die er liebt, mit denen er viel erlebt hat.

Er blühte auf, weggewischt war alle Feindlichkeit, jegliche Abwehrhaltung, er erzählte und die Hunde lagen brav zu seinen und meinen Füssen. Aus den Augenwinkeln sah ich einige hochgezogenen Augenbrauen. Die dahinter steckenden Gedanken konnte man förmlich hören.

Er musste vor mir aussteigen. Mühsam versuchte er, seinen Koffer aus dem Tram zu bringen, ohne dass er ganz bricht. Die Hunde warteten geduldig vor dem Tram, schauten ihm zu und man sah, dass sie ihm zugetan waren. Anders als die Traminsassen, die mehr denn je naserümpfend da sassen, ihn in seinen Bemühungen beobachteten (hinter Handys oder ähnlichem versteckt, aber hervorschielend) und sich insgeheim triumphierend über ihn stellten.

Da kam eine junge, blonde Frau aus der Menge der Wartenden draussen und fragte ihn, ob sie ihm helfen könnte. Er blickte sie an, lächelte, verneinte. Langsam ging er weiter, die Hunde mit ihm. Mein Tram fuhr los, ich schaute ihm noch lange nach.