Und wieder eine Nachricht, die mich erschüttert hat, als ich sie sah. Und wieder ein Verlust für die Welt, eine Stimme, die fehlen wird. Nomen est omen – ein Spruch wie für ihn gemacht.
Mit Alexander Kluge ist eine der eigensinnigsten und produktivsten Stimmen der deutschen Nachkriegsintellektualität verstummt. Kluge war nie nur Filmemacher, nie nur Schriftsteller, nie nur Theoretiker, er war ein Grenzgänger zwischen den Formen, ein unermüdlicher Arbeiter an der Verbindung von Erfahrung, Geschichte und Erzählung.
Als Mitbegründer des Neuen Deutschen Films stellte er sich früh gegen die Konventionen eines erstarrten Kinos und suchte nach einer anderen, offeneren Form des Erzählens. Seine Filme wie seine Texte verweigerten sich der glatten Dramaturgie. Sie montierten Fragmente, Stimmen, Perspektiven, immer im Versuch, Wirklichkeit nicht zu vereinfachen, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar zu machen.
Zugleich war Kluge ein Denker der Öffentlichkeit. In Zusammenarbeit mit Oskar Negt und als Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas entwickelte er die Idee einer „Gegenöffentlichkeit“, welche Raum schafft für Erfahrungen, die im dominanten Diskurs keinen Platz finden. Sein Werk war getragen von der Überzeugung, dass Erzählen eine Form des Widerstands ist gegen das Vergessen, gegen die Verflachung und gegen die sprachlose Anpassung.
Alexander Kluge hinterlässt kein geschlossenes System, sondern ein offenes Werk: ein Archiv von Geschichten, Gedanken und Möglichkeiten. Sein Schreiben und Filmen war immer ein Beginnen – im besten arendtschen Sinne. Mit seinem Tod endet dieses Beginnen nicht, es bleibt als Aufforderung bestehen.
