Judith Kohlenberger: Das Fluchtparadox

Über unseren widersprüchlichen Umgang mit Vertreibung und Vertriebenen

Inhalt
Hannah Arendt beschrieb die Menschenrechte einst als «das Recht, Rechte zu haben». Dieses Recht müsste jedem Menschen zustehen, würde aber genau da ausser Kraft gesetzt, wo es den grössten Bedarf gäbe: Bei den Flüchtlingen. Judith Kohlenberger hat einen ähnlichen Ansatz, wenn sie schreibt:

„Grundrechte kann man nicht einfach für die einen abstellen, während sie für die anderen weiter gelten. Sie sind, wie Maya Angelou, die amerikanische Schriftstellerin und Ikone der Bürgerrechtsbewegung, so treffend formulierte, wie Luft: Entweder alle haben sie – oder niemand.“

In ihrem Buch «Das Fluchtparadox» widmet sie sich der paradoxen Situation rund um das Thema Flucht. Sie beleuchtet die Widersprüche, die darin verborgen sind, macht die Not und das Leid der Flüchtenden sichtbar sowie die Hürden, mit denen sie zu kämpfen haben. Menschen, die aus ihrer Heimat müssen, setzen ihr Leben aufs Spiel, um an einen sicheren Ort zu kommen, wo sie nicht wirklich gewollt sind. Einerseits sollen sie sich integrieren, andererseits aber bitte unsichtbar bleiben. Dieses und weitere Paradoxe sind zentrale Themen, die an aktuellen Beispielen wie Syrien, der Ukraine und vielen anderen deutlich gemacht werden.

Kohlenberger gelingt eine differenzierte, sachliche, informative Analyse unseres Umgangs mit Flüchtlingen, sie legt den Finger in die Wunden der heutigen Regelungen und beleuchtet, wo wir versagen, weil wir unserer Verantwortung nicht gerecht werden.

Gedanken zum Buch

„Vertrieben zu sein verdeutlicht in seiner passiven Form nämlich, dass man keine Wahl hat, dass man den Umständen, die zum Aufbruch zwingen, unterworfen ist.“

Wie oft hört man, dass Flüchtlinge doch bitte dankbar sein sollen, dass sie aufgenommen werden, Forderungen und Ansprüche seien da fehl am Platz. Aber auch – oder gerade – Flüchtlinge haben Bedürfnisse. Sie sind die Vertriebenen, welche keine Heimat mehr haben, die oft ihre Familien und liebsten Menschen hinter sich lassen mussten. An den Umständen, dass es soweit kam, sind wir westlichen Länder oft nicht unschuldig. Wir haben mit unseren globalen, wirtschaftlichen Machenschaften dazu beigetragen, dass arme (und oft) korrupte Länder ausgebeutet werden. Wir haben ihnen ihre Ressourcen genommen und sie im Elend zurückgelassen. Aus diesem Elend sind nicht selten Unruhen entstanden oder die Lebensbedingungen wurden sonst unzumutbar.

Wenn nun diese Menschen fliehen und bei uns Zuflucht suchen, wäre es in unserer Verantwortung, dafür auch geradezustehen, im Wissen, was wir an Schuld auf uns geladen haben. Doch wir verschliessen die Augen. Wir wollen unseren Wohlstand schützen (der auch auf der Ausbeutung generiert wurde), und ihn nicht von den Flüchtlingen gefährdet sehen, weil wir teilen müssten.

Wir stellen Grenzen auf und Forderungen an die Menschen, die kommen, Forderungen, die in sich paradox und teilweise menschenverachtend sind.

„…worum es in der Asyl- und Migrationsfrage eigentlich gehen sollte: nicht um Almosen, um Akte der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, zu der wir uns durch Bilder von Leid, Elend und absoluter Verzweiflung bemüßigt fühlen, sondern um Rechte.“

Es muss sich etwas ändern, und zwar dringend. Wir müssen die strukturelle Ungerechtigkeit erkennen und unsere Verantwortung anerkennen. Menschen müssen Rechte haben. Alle Menschen. Sie müssen ein Recht auf diese Rechte haben, die ihnen niemand nehmen darf, weil sie Menschen sind.

Fazit
Ein sachliches, informatives, differenziertes Buch zu einem aktuellen und brennenden Thema.

Franz Hohler: Das Jahr, das bis heute andauert

Ein Gespräch mit Klaus Siblewski

Inhalt

«Alles, was man selbst erlebt hat, fliesst mit ein in das, was man erzählen möchte. Ich denke, das gilt für die Literatur, das gilt aber auch für die bildende Kunst, die Musik. Schreiben schliesst alles mit ein, ob man es merkt oder nicht.»

Franz Hohler spricht mit Klaus Siblewski über seine Herkunft, seine Familie und sein Aufwachsen. Er erzählt von seinem Weg hin zum Schriftsteller, von seinen einzelnen Stationen und verschiedenen Projekten. Er lässt den Leser teilhaben an seinem Schreibprozess, an Gedanken hinter und zu seinen Büchern, bietet Einblicke in sein Leben und Schaffen. Ein sehr persönliches Buch, das sich mit den verschiedensten Themen beschäftigt, das von Hunden und Spaziergängen, von Fussball und Herkunft, von Ideen und deren Weiterentwicklung, und immer auch vom Schreiben handelt.

Gedanken zum Buch

«Jetzt mache ich ein Jahr lang Auftritte und schreibe, dann sehe ich weiter. Für dieses Jahr meldete ich mich von der Universität ab, und dieses Jahr dauert bis heute an.»

Franz Hohler studierte Germanistik und Romanistik, schrieb daneben kurze Texte, Lieder, Monologe und kleine Szenen. Ihm kam der Gedanke, diese auf die Bühne zu bringen, was ein grosser Erfolg wurde. Obwohl seine Eltern lieber gesehen hätten, wenn er zuerst das Studium abschliesst und dann ein Leben als Schriftsteller ausprobiert, entschied er sich für den anderen Weg: er wollte ein Jahr lang ausprobieren, ob er mit dem Schreiben weitere Erfolge habe, ansonsten ginge er an die Uni zurück. Mittlerweile schaut er auf einige Jahrzehnte dieses freien Schaffens zurück, entstanden sind mehrere Erzählbände, Romane und Bühnenprogramme.

«Für mich war die Welt der Phantasie von grosser Bedeutung. Dort habe ich meine Sujets gesucht, und in der Phantasie ist auch die Groteske daheim. Die Phantasie half mir vorzustellen, wie etwas sein könnte, und nicht bei dem stehen zu bleiben, wie es war.»

Wir gehen durchs Leben und sehen die Welt, wie sie sich uns darstellt. Wir erleben Situationen und nehmen sie für die Realität. Doch ist das alles? Könnte nicht vieles auch anders sein? Könnten aus der scheinbaren Realität nicht viele Möglichkeiten entstehen, wie es auch sein könnte? Was wäre, wenn sich etwas ändern würde? Was wäre, wenn man sich an einem Punkt des Lebens anders entschieden oder die Geschichte einen anderen Gang genommen hätte? Die Fantasie ist ein Türöffner in all die Welten, die hinter der eigentlichen, der sichtbaren, verborgen schlummern und nur darauf warten, entdeckt zu werden. Durch die Fantasie wird eine Vielzahl von Möglichkeiten zum Leben erweckt – realistische, surreale und groteske.

«Ich blickte jetzt auf die Welt, in der ich mich aufhielt. Ich habe immer stärker daran zu glauben begonnen, dass das, was du siehst und erlebst, wenn du aus dem Haus rausgehst, dein Gartentor öffnest und hinter dir lässt, dass dort die Welt beginnt, gleich hinter dem Gartentor oder schon im Garten. Und dass das, was du im Normalbetrieb siehst, die Welt ist, so wie sie ist, und dass es sich lohnt, diese Welt zu beschreiben.»

Aber auch die Welt selbst bietet viel für den, der die Augen offenhält. Wie oft laufen wir durch sie hindurch, sind in Gedanken vertieft und im Geist an einem anderen Ort? Wie oft verpassen wir so das Leben um uns, die kleinen Besonderheiten, die sich im Alltäglichen verbergen? All dies sieht Franz Hohler und beschreibt es in seinen Büchern. Er erzählt von Spaziergängen und davon, was er am Wegesrand sieht, er erzählt von Begegnungen, Eindrücken, Gegenständen und Menschen. Es sind keine spektakulären Berichte von herausragenden Geschehnissen, sondern die kleinen feinen Alltagsbeobachtungen, denen er seine Aufmerksamkeit widmet und dadurch die des Lesers weckt.

«Wir gehen dauernd durch Geschichten. Jeden Tag streifen wir Geschichten, erleben Geschichten, aber bemerken es nicht.»

Es sagte mal jemand, dass der, welcher seine Kindheit überlebt hätte, genug Material zum Schreiben für ein ganzes Leben hätte. Geschichten machen das Leben aus, durch Geschichten erzählen wir uns, wer wir sind und was wir erlebt haben. Geschichten gehören zum Menschsein dazu, sie dienen dem Bewusstwerden der eigenen Existenz. Von Joan Didion stammt der Ausspruch, dass wir uns Geschichten erzählen, um zu leben. Geschichten machen unser Menschsein aus, sie gehören zu unserer Existenz. O5Max Frisch führte den Gedanken fort und sagte, dass wir uns Geschichten erzählen und sie für unser Leben halten. Die Geschichten, die wir uns erzählen, sind nie die ganze Wahrheit, es sind kleine Auszüge aus einem grossen Ganzen, das wir selten wirklich überblicken. Aus dem Grund sind da immer noch viele andere Geschichten im Verborgenen, die wir ausgraben und erzählen könnten.

«Jede Seite wurde so lange geschrieben und wieder geschrieben, bis keine Korrekturen mehr nötig waren. Das mehrmalige Schreiben jeder Seite hat den Vorteil, dass ich in den Schreibfluss hineinkomme und jedes Wort persönlich kenne.»

Jeder Schriftsteller hat seinen eigenen Schreibprozess, der für ihn stimmt. Die einen machen erst genaue Skizzen, wie alles sich entwickelt, um es dann niederzuschreiben, andere schreiben darauf los, um zu sehen, wo die sich entwickelnde Geschichte sie hinführt. Franz Hohler gehört zur zweiten Sorte. Er geht von einer Idee aus und kennt am Anfang das Ende noch nicht – er lässt sich von der sich entwickelnden Geschichte selbst überraschen. Dieses Überraschende, dieses Suchen nach der in der Idee verborgenen Geschichte, macht das Schreiben spannend, so Hohler. Was auf den ersten Blick nach reinem Zufall aussieht, ist auf den zweiten Blick, wenn es um die Sprache geht, alles andere als zufällig, sondern Arbeit, eine Art Komposition mit Worten. Franz Hohler feilt an einzelnen Ausdrücken und Sätzen, bis der Lesefluss zur Geschichte passt. Er zielt auf eine innere Stimmigkeit von Wort, Satz, Melodie.

Fazit
Ein persönliches Buch über das Leben und Schreiben des Schriftstellers Franz Hohler, ein Blick hinter die Kulissen, der ein lebendiges Bild des Menschen hinter den vielen Erzählungen, Romanen und Bühnenstücken zeigt.

Joan Didion: Blaue Stunden

Inhalt

«Wären sie an diesem Tag auf der Amsterdam Avenue vorbeigekommen und hätten einen Blick auf die Hochzeitsgesellschaft geworfen, hätten sie dann gesehen, wie vollkommen unvorbereitet die Brautmutter auf das war, was passieren würde, bevor das Jahr 2003 überhaupt zu Ende ging?»

Innerhalb von zwei Jahren verliert Joan Didion ihren Mann und ihre Tochter. Ihr Mann starb an einem Herzinfarkt, ihre Tochter nach einer Reihe von Krankheiten knapp zwei Jahre später.

Joan Didion erinnert sich. Sie erzählt die Geschichte ihrer Tochter von dem Tag ihrer Adoption bis zu ihrem Tod. Sie erzählt eine Geschichte von Liebe, Tod, Abschied, Freude und Angst. Sie erzählt von ihren Zweifeln an ihrer Mutterrolle, von ihrem Erinnern, sie hinterfragt sich und das Leben. Ein persönliches Buch, ein tiefgründiges und bewegendes Buch. In einzelnen Sätzen und Textfragmenten, fast staccatoartig, entwickelt sich ein Gefühlsbild, stellt sich die Trauer um den Verlust und der Kampf ums eigene Weiterleben dar.

Gedanken zum Buch

«Die Zeit vergeht. Ja, einverstanden, eine Banalität, natürlich vergeht die Zeit. Aber wieso sage ich es dann, warum habe ich es schon mehr als einmal gesagt? …Könnte es sein, dass ich das nie geglaubt habe?»

Die Zeit vergeht, doch was bedeutet das? Steckt in dem Vergehen ein Abschied mit drin? Ist ein Verdrängen der vergehenden Zeit ein Verdrängen eines möglichen Tods und damit die Hoffnung, dass alles immer so bleibt, wie es ist? Ist der Gedanke an eine vergehende Zeit, die einen Abschied in sich trägt, so schwer zu tragen, dass man dem Vergehen der Zeit darum positive Eigenschaften zuschreibt, wie zum Beispiel, dass das Heilen von Wunden? Und: Werden die Wunden geheilt oder trocknen sie nur langsam aus, so dass sie vordergründig nicht mehr so präsent gefühlt werden?

«Tatsache ist, dass ich diese Art Andenken nicht länger schätze. Ich möchte nicht an das erinnert werden, was zerbrach, verlorenging, vergeudet wurde.»

Es heisst, in der Erinnerung leben die Menschen, die von uns gingen, weiter. In Erinnerungen werden Momente wieder präsent und bringen die Freude zurück. Das ist die eine Seite, doch die andere gibt es auch: Erinnerungen zeigen immer auch, was nicht mehr ist. Sie bringen uns Menschen ins Gedächtnis, die wir gehen lassen mussten, machen den Schmerz dieses Abschieds wieder präsent. Und manchmal ist dieser Schmerz so gross, dass es einfacher scheint, die Erinnerung auszublenden, sie dem Vergessen anheim zu geben.

«Theoretisch dienen diese Andenken dazu, den Augenblick zurückzurufen. Tatsächlich dienen sie nur dazu, mir zu verdeutlichen, wie wenig ich den Augenblick genoss, als er da war.»

Erinnerungen können auch bewusst machen, wie blind wir durch die Zeit und durch unser Leben gehen und gegangen sind. Wie oft tun oder erleben wir etwas, sind aber in Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt? Wie oft sehen wir nicht, was um uns ist, weil innerlich schon an einem anderen Ort sind? Vielleicht schmerzen die Erinnerungen am meisten, die von nicht bewusst gelebten Momenten erzählen, weil die Erinnerungen erst sichtbar machen, was wir verpasst haben. Sie zeigen uns unwiederbringliche Chancen und Möglichkeiten und haben dabei die eine Botschaft: Das ist vorbei.

«Ich werde noch nicht einmal darüber diskutieren, ob sie eine ‘gewöhnliche’ Kindheit hatte, obwohl ich mir nicht sicher bin, wer genau eigentlich eine solche hat.»

Zum Elternsein gehören wohl immer auch Zweifel. Die Gesellschaft hält uns Bilder von Familien vor, zeigt, was eine normale Familie ausmacht. Aber: Was ist normal? Was bedeutet eine schöne Kindheit, wie muss sie aussehen? Wann ist man eine gute Mutter, ein guter Vater? Wo hat man als Eltern versagt? All diese Fragen stellt sich Joan Didion und umkreist sie dann. Die Antwort bleibt offen, weil es auf diese Fragen keine Antwort gibt, die allgemeingültig und damit abschliessend ist.

«Die Erinnerung verblasst, die Erinnerung passt sich an, die Erinnerung fügt sich dem, woran wir uns zu erinnern glauben.»

Joan Didion schreibt in einem eigenwilligen Stil, sie pendelt durch die Zeiten, stellt Gedanken neben Erlebnisse, erzählt von Häusern und Menschen. Sie arbeitet immer wieder mit Wiederholungen, die wie ein Refrain im Text wirken, ein Zurückholen des Ausgangs einer Gedankenkette, die man gerade lesend durchlaufen hat. Der Text an sich gleicht dem spontanen Erinnerungsprozess, er reiht einzelne Erinnerungsfetzen aneinander, die sich zu einem Ganzen fügen.

Fazit
Ein persönliches und bewegendes Buch über das Erinnern, über die Liebe, den Tod und das Leben, geschrieben in einem eigenwilligen Stil, der dem Erinnerungsprozess nachempfunden ist, dem Auftauchen einzelner Fragmente und Erinnerungsfetzen.

Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern

Inhalt

«Mein Vaterland war
ein Apfelkern man
irrte umher zwischen
Sichel und Stern»

In einem ausführlichen Gespräch mit Angelika Klammer erzählt Herta Müller von ihrem Aufwachsen in Rumänien, von ihren Fantasien und Ängsten als Kind. Sie erzählt von der Bespitzelung, von der Unterdrückung, von der Auswanderung, erzählt von Leid und dem Erbe eines solchen Aufwachsens. Und immer wieder spricht sie auch von ihrem Schreiben, vor allem dem an der „Atemschaukel“, sowie vom Kleben ihrer Collagen.

Gedanken zum Buch

„Privat anständig bleiben bedeutet öffentlich versagen.“

Im sozialistischen System Rumäniens hatte man zwei Möglichkeiten: Einerseits Gehorsam und Kooperation, dann konnte man es zu etwas bringen, andererseits aber Verweigerung und Ablehnung, dann hatte man kaum eine Chance, wurde im Gegenteil verfolgt, bespitzelt, diffamiert und ausgeschlossen – auf oft subtile Art. Herta Müller hat die Kooperation mit klaren Worten abgelehnt. Es blieb nicht ohne Konsequenzen für sie. Sie wurde verleugnet, schikaniert und verlor schlussendlich ihre Stelle. Sie nahm das im Kauf, weil alles andere nicht mit dem zusammengepasst hätte, was sie von sich als Mensch erwartete.  

„Es kann einen niemand zwingen, so zu werden, wie man erzogen worden ist, oder so zu bleiben.“

Blinder Gehorsam ist der Weg des geringsten Widerstands. Er entbehrt jeglicher Selbstverantwortung, weil man einfach in vorgespurten Mustern bleibt, ohne diese zu hinterfragen. Für Herta Müller kam das nicht in Frage. Sie sah sich in der Pflicht, ihren Werten gemäss zu handeln, was bedeutete, nicht mit einem ausbeuterischen und faschistischen Regime zusammenzuarbeiten. Dass sie sich damit keine Freunde machte, liegt auf der Hand. Allerdings sieht sie das nicht als Heldenleistung Ihrerseits, sondern als Selbstverständlichkeit und Pflicht als verantwortungsbewusster Mensch.

„Umwege, weil es die richtigen Wege beim Schreiben gar nicht gibt. Nein, ich glaub, die Umwege sind die richtigen Wege. Ich muss doch, um einen Satz zu schreiben, aus den sprachlichen Gewohnheiten der Wörter ausscheren, die Wörter finden sich aufgrund von Takt und Klan, sie werden auf unerwartete Weise genau und sagen, was ich nicht wusste, dass ich es weiss, zum ersten Mal.“

Texte fliessen nicht einfach druckreif aufs Papier, sie finden ihren Weg über die Suche nach dem richtigen Wort, nach den richtigen Zusammenhängen und dem klangvollen Zusammenspiel von Wörtern. Texte werden so förmlich komponiert, bis durch die Kombination von Wort, Takt und Klang ein Ausdruck ihrer Bedeutung entsteht.

„das Schreiben ist eine innere Notwendigkeit gegen einen inneren Widerstand. Ich schreibe immer für und gegen mich selbst.“

Es ist keine Option, nicht zu schreiben, das Schreiben sucht sich seinen Weg. Die Worte wollen zu Papier gebracht werden, und so ergreift das Schreiben Besitz vom Schreibenden und lässt ihn nicht mehr los. Es ist Kampf und Freiheit, es ist eine Notwendigkeit aus sich selbst heraus.

„das Schreiben hat mit dem Schweigen zu tun, nicht mit dem Reden. Die Sätze sagen natürlich etwas, aber das hat man mit sich selber ausgemacht, man war in der Komplizenschaft mit dem Schweigen, nicht mit dem Reden.“

Schreiben ist ein Tun, das darüber Reden bringt wenig. Um Schreiben zu können, braucht es die Ruhe, das Schweigen, denn nur in dieser Stille zeigen sich die Wörter, formen sie sich zu Sätzen, dabei Form, Rhythmus, Klang gehorchend. Wer viele Worte schreibt, steht oft im Verdacht, auch viel zu reden, das Gegenteil ist meist der Fall: Das zu Sagende braut sich im Stillen, im Schweigen zusammen, und bricht  dann als Schrift heraus, fliesst quasi komponiert zu Papier.

Ein wunderbar tiefgründiges, persönliches, informatives, intelligentes Gespräch einer mutigen und spannenden Frau und einer grossartigen, sprachgewaltigen Autorin.

Fazit
Ein persönliches, bewegendes Buch mit tiefen Einblicken in die sozialistische Welt Rumäniens, das Aufwachsen in ihr sowie das Schreiben und Kleben von Literatur. Sehr empfehlenswert.

Buchtipp – Edouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden

Inhalt

«…ich habe seit Langem das Gefühl, dass ich schon zu viel erlebt habe; vermutlich habe ich deshalb ein so grosses Bedürfnis zu schreiben, das Schreiben ist für mich eine Möglichkeit, die Vergangenheit zu fixieren und mich so vielleicht von ihr zu befreien.»

Nach einer Kindheit, die von Armut, Spott und Gewalt geprägt war, zieht Edouard nach Amiens, um da das Gymnasium zu besuchen. Er kommt in neue Kreise, steigt in die bürgerliche Gesellschaft auf, fühlt sich endlich frei und zugehörig. Er lebt das Leben, das er immer haben wollte und wovon er kaum zu träumen wagte. Doch bald merkt er: Es reicht noch nicht, er will noch weiter aufsteigen, er will die Distanz zu seiner Herkunft noch mehr vergrössern, als Rache an allen, die ihn vorher verspottet haben. Mit voller Kraft und viel Ehrgeiz stürzt er sich in das Projekt, ein anderer zu werden.

Eine berührende und aufwühlende Autobiografie.

Gedanken zum Buch

«Ich musste eine Daseinsberechtigung für meinen Körper und eine Geschichte wie meine finden, mehr nicht.»

«Anleitung ein anderer zu werden» ist die Fortsetzung von «Abschied von Eddy», Edouard Louis’ erstem Roman. Hier erzählt er die Geschichte von Eddy weiter, erzählt von seinem Umzug nach Amiens, den Herausforderungen eines neuen Lebens und den Veränderungen, die dieses mit sich brachte. Er erzählt davon, wie ein Mensch, der an seinem Sein gelitten hatte, anders werden wollte, wie er sich immer wieder neu erfand, in der Hoffnung, dann endlich am Ziel und glücklich zu sein.

«Alles in mir veränderte sich, aber paradoxerweise wurdest du, je weiter ich mich von dir entfernte, umso präsenter in meinem Leben. Du wurdest zu einer negativen Präsenz.»

Leider ist das nicht so einfach mit dem Glück, man nimmt sich immer mit und damit auch die Vergangenheit, von der man sich distanzieren wollte.

«Wenn ich meinen Vater oder meine Mutter besuchte, hatten wir uns nichts mehr zu sagen, wir sprachen nicht mehr dieselbe Sprache, alles, was ich in dieser kurzen Zeit erlebt und durchgemacht hatte, trennte uns voneinander.»

Edouard einziger Wunsch, sein ganzes Trachten hatte nur den Inhalt, aus dem Dorf, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, wegzukommen, weg von seinen Eltern, von den Menschen da, die ihn verspotteten und zu denen er nicht zu gehören schien. Er wollte ein anderer werden, er wollte aufsteigen. Er fand schnell Anschluss in Amiens, er trat in die bürgerliche Gesellschaft ein und passte sich mehr und mehr an. Es war weniger die örtliche Distanz als die der Klasse mit all ihren Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die ihn von seiner Herkunft trennte. Er tat alles, diese Distanz so gross wie möglich werden zu lassen.

Edouard wollte schreiben wie sein grosses Vorbild Didier Eribon. Er kopierte dessen Arbeitsweise, träumte vom grossen Erfolg, wie ihn dieser hatte.

«Ich schrieb, um zu existieren… Wenn ich es schaffe, einen Roman zu schreiben und zu veröffentlichen… werde ich vielleicht endgültig, ein für alle Mal vor der Armut gerettet sein, dann kaufe ich eine Wohnung, das wird das Erste sein, was ich tue, mir eine Wohnung kaufen, um bis an mein Lebensende abgesichert zu sein, um niemals auf der Strasse zu landen.»

Es wollte nicht gelingen. Er musste merken, dass er die Herkunft nicht losgeworden war, so sehr er sich auch gemüht hatte. Sie sass noch immer in ihm und trieb ihn an. Vor allem sass da diese Angst, die Armut könnte zurückkommen und damit all das Leid, das er von Kindheit an kannte. All das sass ihm förmlcih im Nacken – und es blieb da. Es sind diese frühkindlichen Prägungen, die sich in uns festgeschrieben haben und sich im Leben immer wieder zeigen, mal bewusst, mal unbewusst.

«Ich hatte noch nicht begriffen, dass die Differenz zwischen meinem und deinem Leben eine Folge von sozialer Ungerechtigkeit und Klassengewalt war, für mich war sie nur der Beweis, dass ich für ein schöneres, bedeutenderes Leben bestimmt war.»

«Anleitung ein anderer zu werden» handelt von Armut und davon, wie sie Menschen benachteiligt. Armut zeigt sich in allem, nicht nur in fehlenden finanziellen Möglichkeiten, sie sitzt im Körper, im Geist, in der Haltung, im Auftreten, in der Sprache. Diese Unterschiede schaffen Distanz zwischen den verschiedenen Klassen, Distanz zwischen den einzelnen Menschen. Wenn nun einer von einer Klasse in eine andere wechselt, entfernt er sich von all denen, die in seiner alten bleiben, den Menschen, die bisher sein Leben teilten. Das kann teilweise gewollt sein, ist aber doch immer auch ein Bruch – und Brüche schmerzen oft irgendwann. Dazu kommt die Frage, ob man in der neuen Klasse wirklich je ankommt, so ganz, oder ob nicht doch die alte so in einem verankert ist und an einem haften bleibt, dass man fortan zwischen den Welten lebt.

«Anleitung ein anderer zu werden» ist aber auch ein autofiktionales Buch von einem jungen Mann, der seinen Platz in der Welt sucht, der sein will, wer er ist mit allem, was ihn ausmacht. Er will sein Begehren leben, wofür er sich bislang immer schämte, und das er verbergen musste, um nicht Spott und Gewalt ausgesetzt zu sein. Er will dazugehören und nicht immer nur am Rand stehen.

«Anleitung ein anderer zu werden» ist zudem ein Buch über Bildung und den Wert, den diese hat, wenn es darum geht, das eigene Leben gestalten zu können. «Wissen ist Macht» schreibt Edouard Louis einmal und er trifft es damit auf den Punkt. Die Ungerechtigkeit, dass dieses Wissen nicht allen zugänglich ist, wiegt deswegen schwer, weil sie das Schicksal der Kinder zementiert, die nicht das Glück hatten, in einem bildungsnahen Haushalt aufzuwachsen. Eddy hat den Ausstieg geschafft, aber er sagt selbst, dass es (neben durchaus viel Aufwand und Einsatz) dank Zufällen, Glück und unterstützenden Menschen möglich war. Dieses Glück haben nicht alle.

Fazit
Ein grossartiges Buch, ein Buch, das schonungslos aufzeigt, wie grausam die Welt für Menschen sein kann, die nicht dazugehören, und wie schwer der Weg ist, das zu ändern. Ein Buch, das berührt, das ergreift, das nicht mehr loslässt – auch dann nicht, wenn es längst ausgelesen ist.

Deborah Levy: Was das Leben kostet

Inhalt

«Seitdem ich nicht mehr mit der Gesellschaft verheiratet war, befand ich mich im Übergang zu etwas oder jemand anderem. Zu was oder wem?»

Die Ehe ist zerbrochen, das alte Leben ist vorbei. Es gilt, ein neues aufzubauen, was immer bedeutet, dass man neue Orte und Abläufe finden muss, dass man in einem neuen Zuhause und im neuen Leben ankommen und sich da einrichten muss. Deborah Levy erzählt aus dieser Zeit des Umbruchs, sie erzählt von den Gedanken, Gefühlen, Herausforderungen und immer wieder auch vom Schreiben. Sie erzählt, wie ein Weg weg von jemandem zu einem Weg zu sich selbst werden kann. Ein wunderbares Buch, ein tiefgründiges Buch, ein Buch zum Mitfühlen, Mitleben, Mitdenken.

Gedanken zum Buch

«In der ungewissen Zeit, in der ich mich befand, war das Schreiben eine der wenigen Tätigkeiten, bei denen ich mit der Angst vor der Ungewissheit, der Angst vor der völlig offenen Zukunft fertigwurde.»

Neues macht Angst, weil man sich vielen Unsicherheiten ausgesetzt fühlt. Was vorher eingespielt, eingeübt, gewohnt war, ist plötzlich alles weg, neue Abläufe und Lebensinhalte stehen vor einem und wollen verstanden und verinnerlicht werden. Neben guten Freunden und anderen Menschen, die in solchen Zeiten immer wieder Rückhalt und Zuspruch geben, hilft bei Deborah Levy auch das Schreiben. Es ist ein Halt in ein einer sonst haltlosen Zeit, es ist das, was weiterträgt.

«Einen Roman zu schreiben erfordert stundenlanges Stillsitzen, wie auf einem Langstreckenflug – mit unbekanntem Ziel, aber halbwegs festgelegtem Streckenverlauf.»

Gerade, weil das Schreiben einen grossen und wichtigen Teil ihres Lebens ausmacht, ist es in diesem Buch, das ein sehr persönliches ist, sehr präsent. Deborah Levy schreibt darüber, was es braucht, um schreiben zu können, sie schreibt von der Wichtigkeit des passenden Ortes, von der benötigten Ruhe und vom Durchhaltevermögen.

«Eine Idee tauchte auf, kam meines Weges, war vielleicht aus einem Kummer gekrochen, aber ob sie meiner vagabundierenden, gar meiner konzentrierenden Aufmerksamkeit standhielte, war unklar. Einer beliebigen Anzahl Ideen quer durch alle Dimensionen der Zeit auf den Grund gehen zu können, ist das grosse Abenteuer des Schreibens.»

Schreiben ist ein Suchen und Gefundenwerden, ist ein Abenteuer und eine Reise. Schreiben führt immer wieder zu neuen Themen, in neue Welten. Es ist das Erfassen dieser Welten in Worten, wodurch es lebendig und begreifbar wird.

«Alles Schreiben dreht sich darum, die Welt zu sehen, zu hören, zu beobachten.»

Um Schreiben zu können, bedarf es der Offenheit, man muss sehen, was um einen ist, man muss die Geschichten, die in der Welt sind, entdecken und aufnehmen, sie entwickeln und aufschreiben. Das kann auch Gefahren mit sich bringen.

«Zu schreiben und offen zu sein und alles Mögliche aufzunehmen ist schwer, wenn das Leben hart zu einem ist; aber sich gegen alles abzuschotten heisst, dass man kein Material hat, mit dem sich arbeiten lässt.»

Schreiben braucht Mut, denn Schreiben ist immer auch ein Risiko. Man weiss selten, was auf einen zukommen, man lässt sich von dem Schreibfluss, der irgendwann von einem Besitz nimmt, anstecken, und folgt ihm zu unbekannten Zielen, solchen, die mitunter auch verletzen können, weil sie auf Themen treffen, die schmerzen. Gerade in unsicheren Zeiten ist diese Gefahr gross. Und doch will man sich ihr stellen, denn das Schreiben ist auch Lebensnotwendigkeit, ohne die Offenheit dem Material gegenüber, würde nicht nur der Schreibfluss versiegen, sondern auch der Lebenssinn.

Fazit
Deborah Levy hat ein persönliches, ein tiefes, ein offenes Buch geschrieben, ein Buch über das Leben und Schreiben, über Umbruch und Neuaufbau, ein Buch über sich und ein Buch für jeden, der sich darin finden mag.

Edouard Louis: Das Ende von Eddy

Inhalt

«An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heissen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt.»

Eddy wächst in einem kleinen Dorf im Norden Frankreichs auf. Hier ist das Leben noch in Ordnung, hier weiss man, wie der Hase läuft, hier ist bestimmt, wie ein Mann und wie eine Frau zu sein hat. Eddy passt nicht hinein, seine Stimme ist zu hoch, seine Gestik zu weiblich, seine Lebenswünsche zu abgehoben. Er wird gemobbt und beleidigt. Krampfhaft versucht Eddy, sich zu ändern. Jeden Morgen betete er sich mantraartig vor, er sei ein Kerl, er übt mit tiefer Stimme zu sprechen, lässt sich mit Mädchen ein. Er tut alles, was er kann, um sein Anders-Sein zu überwinden. Und wenn es nicht gelingt, lächelt er den Schmerz weg, schluckt die Scham herunter. Er versucht weiter, sich bis zur Selbstverleugnung anzupassen, bis er merkt, dass dies nie gelingen wird – es muss eine andere Lösung geben.

Gedanken zum Buch

«Aber das Verbrechen besteht nicht darin, etwa szu tun, sondern etwas zu sein Und vor allem auch so auszusehen.»

«Das Ende von Eddy» ist ein Buch darüber, wie es ist, anders zu sein und wegen diesem Anderssein nicht dazuzugehören. Es ist ein Buch über die Scham, nicht ins Bild zu passen, über die Abwertung durch Sprache, durch Gewalt, wenn man ist, wie man nicht zu sein hat. Ein Buch darüber, mit welchem Schmerz manche Kinder aufwachsen und Erwachsene durchs Leben gehen müssen, nur weil Menschen einen Massstab aufgestellt haben, wie einer zu sein habe, um richtig zu sein.

«…wegen der Besessenheit, mit der ich alles nachahmte, ja nachäffte, was als männlich galt – ‘Wer sich nicht als Mann fühlt, bemüht sich, als einer zu erscheinen, und wer seine innere Schwäche kennt, stellt nach aussen gern Stärke zur Schau.’»

Kinder wollen gefallen, vor allem wollen sie nicht anecken, anstossen, ausgestossen werden. So auch Eddy. Krampfhaft will er in die Rollenklischees passen, die man im Dorf aufgestellt hat. Er übt einen männlichen Gang, behält die Hände in den Hosentaschen beim Reden, um nicht herumzufuchteln, spricht mit immer tieferer Stimme. Er vergisst dabei, dass sich der Körper nicht verleugnen lässt, dass man sich nicht selbst belügen kann, doch diesem zeigt es ihm immer deutlicher. Immer mehr leidet Eddy an seinen Anpassungen und Selbstverleugnungen, bis er es selbst nicht mehr aushält.

«Dieser Willen, diese stets neue, verzweifelte Anstrengung, immer noch auf jemanden hinabzusehen, der unter einem steht, um sich nicht selbst ganz am Ende der sozialen Leiter zu fühlen.»

«Das Ende von Eddy» ist auch ein Buch über Klasse. Es zeigt das Aufwachsen in Armut, zeigt das Stigma des Lebens in Armut und die Herabsetzung durch die Gesellschaft. Nicht nur reicht das Geld für die meisten Dinge nicht, da sind auch die Blicke und die Bemerkungen der anderen. Da sind Zugänge zu Bildung, Kunst, Sprachgebräuchen, die dem Armen verschlossen sind. Die Scham, arm zu sein, lässt sich oft nur dadurch mindern, dass man einen findet, der noch ärmer ist, auf den man hinabsehen kann. So gehört man wenigstens auch einmal zu denen, die spotten und ist nicht nur selbst der Verspottete. Bloss hält man damit das System, unter dem man selbst leidet, eigentlich auch am Laufen.

Edouard Louis gelingt es, seine Geschichte, die von Herabsetzung, Gewalt und Armut geprägt ist, zu erzählen, ohne wehleidig oder sentimental zu sein. Er verurteilt nicht, er beschreibt nur, wie es war. Er zeigt diesen Jungen, der er war, wie er versucht, in einem ihm feindlichen System möglichst heil zu bleiben. Er hält damit der Gesellschaft einen Spiegel vor, den diese dringend benötigt.

Fazit
«Das Ende von Eddy» ist ein grossartiges Buch, ein Buch voller Tiefe und Klarsicht, das die Strukturen unserer Systeme unbarmherzig entblösst und die Grausamkeit des Menschen im Umgang mit Andersartigkeit ans Licht bringt. Es ist ein Buch direkt aus dem Leben, das mitten ins Herz sticht.

Gabriele von Arnim: Der Trost der Schönheit

«Die besonnene Erkenntnis des Alters liegt ja im Genuss und im Trost des kleinen oder bitte auch schrägen Erlebens. Es geht weniger um Ekstase als um die vielstimmige Tiefe der Ruhe, um das Erkennen, das Wahrnehmen von Schönem.»

Wovon handelt dieses Buch? Vom Sehen und vom Fühlen, von der Milde des Alters, von der Gelassenheit, die sich einstellt und doch immer wieder mit Affekten durchbrochen wird. Vom Sich-Einrichten im Leben und seinen Umständen, vom Geniessen der kleinen Dinge, vom Sich-Freuen an den Blumen am Wegesrand, den Wolken am Himmel, dem Buch auf dem Tisch und der Zeit, die bleibt. Und vom Atmen. Und Fühlen. Vom Allem. Und nichts.

Es ist ein Buch der kleinen Sätze, die ab und zu eine Wirkung hinterlassen, ein Buch der kleinen Gefühle, die ganz gross sein können. Es ist ein Buch mit Rückblicken und Einblicken, ein Buch des Sich-Einlassens und dazu Aufrufens. Es ist ein Buch der kurzen Momente, die nachhallen, ein Buch aus dem Leben.

Es ist ein leises Buch, eines ohne grosse Erkenntnisse oder Botschaften. Es ist das leise Plätschern eines kleinen Bachs, das doch mitunter eine schöne Wirkung hat.

Es ist ein Buch, das mich zurücklässt und ich weiss nicht wie. Ein Buch, aus dem man viel für sich ziehen kann aber auch nichts. Vielleicht trägt man auch etwas rein und kommt so damit in einen Dialog? Wer es liest oder gelesen hat: Wie ist es euch damit ergangen?

Habt einen schönen Tag!

Buchtipp – Annie Ernaux: Die Scham

Die zwei Welten der Welt

Und plötzlich erinnert man sich an etwas, und man hat ihn, den

«Beweis für die Existenz zweier Welten und unsere Zugehörigkeit zur unteren.» Annie Ernaux

Oft heisst es, wir haben diese eine Welt, in der wir leben, wir teilen sie. Das mag rein physikalisch materiell so sein, doch im Leben, ideell, in den sozialen Strukturen sind es mehrere Welten, schon zwei reichen nicht aus. Früher sprach man von der Dritten Welt, um Länder zu bezeichnen, welche nach westlichen Massstäben weniger entwickelt und finanziell arm waren. Diese klare Hierarchie hat man sprachlich abgemildert, doch hat sich sonst etwas geändert?

Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist doch, welche Massstäbe auf das Leben und die Welt angelegt werden, um eine Hierarchie zu schaffen. Alle sind sie an einer Norm ausgerichtet, die nach den Werten der entsprechenden Gesellschaft, teilweise auch nur von Teilen davon, bestimmt sind.

Es sind Grundsätze, die in der Luft hängen, für jeden spürbar, als Geländer im Leben, das zeigt, dass nur diesem entlang ein richtiges, weil passendes möglich ist. Über einem Misstritt, einem Fehlverhalten schwebt das vernichtende Urteil:

«Was sollen die anderen von dir denken?»

Sitzt man drin im eigenen Leben, erscheint es als einzig mögliches, als einzig lebbares, als normal. Erst wenn der Blick auf andere Leben fällt, man sieht, was es auch noch gibt in dieser Welt an anderen Welten, kommt aus dem Vergleich das Werten. Man setzt den Bezug und je nachdem ist die Fallhöhe hoch. Was vorher die Welt war, ist nun ein kleiner Teil davon, schwierig wird es, wenn es nicht der wünschenswerte im Ganzen ist. Plötzlich fühlt man sich klein, sieht in den Augen der anderen die Abwertung, spürt sie in deren Verhalten, fühlt den eigenen Platz unten. Und damit kommt die Scham. Sie wird von nun an das Leben begleiten, sich über alles legen, bei allem mitschwingen. Sie wird das Nebengefühl beim eigenen Tun und Sein.

«Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die so empfindet.» Annie Ernaux

Ein Merkmal der Scham ist, dass sie im Stillen herrscht, im Privaten. Dort schwingen Angst und Mangel mit. Die Scham behält man für sich, sie zu benennen fühlte sich noch beschämender an. Und mit diesem Schweigen verstärkt sie sich noch, sie füllt das eigene Denken und sie bewirkt, dass man sich damit allein fühlt, weil man sich nicht vorstellen kann, dass es noch jemanden gibt, der so denkt.

Und vielleicht liegt genau da das Heilmittel: Im Teilen und Mitteilen. Denn dadurch würde man merken, dass es noch mehr Menschen in der gleichen Welt gibt, welche die gleiche Scham teilen. Und wenn man merkt, dass man mit Dingen, derentwegen man sich schämt, nicht allein ist, stellt man fest, dass diese in der Welt normal sind, so dass sie keinen Grund zur Scham darstellen. Annie Ernaux hat das für sich erkannt und über ihre Scham geschrieben. Weil Schreiben Öffentlichkeit ist, es ist ein Heraustreten aus der eigenen Scham, aus dem eigenen privaten Empfinden des eigenen Unwerts hinaus in die Welt der Gleichgesinnten.

Zum Inhalt:
Ein Erlebnis 1952, das die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. Die Erfahrung, dass es zwei Welten gibt, eine unten und eine oben, zu der sie, als eine von unten, nie gehören wird. Die Scham dieser Erkenntnis, die Scham, die sich im Leben festsetzt, die sich in den Zellen des Körpers speichert und immer wieder hervorbricht. All das sind die Themen dieses Buches, das aus Erinnerungen und Reflexionen des schreibenden Erinnerns besteht – Erinnerungen an die Schulzeit, an das Leben zu Hause, an die Eltern, an sich selbst.

Zur Autorin
Annie Ernaux, 1940 in Lillebonne (Frankreich) geboren, Schriftstellerin mit mehrheitlich autobiografisch geprägten Werken, die 2022 den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat.

Gedankensplitter: Wertschätzung

Viele kennen sie, die Erzählungen der verschrobenen Schriftsteller, die sich zum Schreiben in ihr Zimmer einschliessen und nicht gestört werden wollen. Ruhe brauchen sie, Alleinsein. Hinter mehr oder weniger vorgehaltenen Händen zerreisst man sich das Maul: Ein komischer Kauz sei das, ein asozialer Mensch, ein Eigenbrötler. Aber man ist ja tolerant. Wenn er es so will, lässt man ihn, denkt sich seinen Teil.

Dem Schreibenden bleibt das kaum verborgen, ist er doch generell ein eher aufnahmefähiges Gemüt, weswegen er auch überall neue Ideen sieht und Inspirationen findet. Das ist übrigens mit ein Grund für den Wunsch der Ruhe und Abgeschiedenheit, denn ansonsten wären die Einflüsse so dominant, dass die Aufmerksamkeit nicht bei der zu beschreibenden Seite bleiben könnte. Einerseits schmerzt das Unverständnis, doch immerhin wird die Ruhe gewährt. Man kann wohl nicht alles haben im Leben, denkt sich der Schreibende, und wendet sich seinem leeren Blatt zu.

Wie schön, wenn es auch anders geht. Davon schreibt Deborah Levy in ihrem Buch «Was das Leben kostet». Ihr Leben ist gerade in seiner alten Form auseinandergebrochen, ein neues ist im Aufbau und wird nach und nach eingerichtet. Nur eines fehlt: Ein Ort zum Schreiben. Eine Freundin sieht das und hilft. Nicht nur stellt sie ihr den Raum zur Verfügung, sie sorgt auch für die nötige Ruhe:

«Solange sie Wache hielt, durfte niemand mich stören, niemand an meine Tür klopfen, um mich zum Plaudern anzustiften… Derart geschätzt und respektiert zu werden, als sei es das Normalste der Welt, war eine ganz neue Erfahrung.» Deborah Levy

In diesem Moment, es könnte die dunkelste Zeit ihres Lebens sein, wendet sich vieles zum Guten. Deborah Levy wird in diesem Raum drei Bücher schreiben und sie wird es aus der Sicht der ersten Person tun – als ob sie diese erst jetzt gefunden hätte. Was für ein Glück, einen Menschen zu finden, der einen nicht nur vordergründig toleriert, sondern im ganzen Sein und Tun wertschätzt.

«Einen Schutzengel wie Celia hat jeder Mensch verdient.» Deborah Levy

Vom Suchen und Denken – Iris Murdochs Suche nach dem Guten

Iris Murdoch: Die Souveränität des Guten

Inhalt

«Was macht einen guten Menschen aus? Wie können wir uns moralische verbessern? Können wir uns moralisch verbessern? Das sind Fragen, die Philosoph:innen versuchen sollten, zu beantworten.»

Iris Murdoch geht der Frage nach, was das Gute wirklich ist. Sie beruft sich auf Kant, Platon, Kierkegaard, setzt sich von den Existenzialisten ab, indem sie deren Ansatz als zu wenig weit reichend darlegt. Das Gute ist in sich nicht fassbar, doch liegt es allem sonst zugrunde, ist es das, wonach alles strebt, allen voran die Liebe. Das Buch lässt einen roten Faden vermissen, es hat keine abschließende Antwort, es ist ein Suchen und sich Annähern, dessen letzter Schritt offenbleiben muss.

Gedanken zum Buch

«Das Gute ist ein leerer Raum, in den menschliche Entscheidungen einziehen können.» Iris Murdoch

Das Gute ist kein Wert an sich, es muss erst verwirklicht werden durch das, was man tut. Indem man sich auf eine Weise verhält, die frei von (negativen) Absichten ist, wenn wir mit einem Blick auf die Welt schauen, der von Liebe durchdrungen ist, kommen wir dem Guten auf die Spur.

«Nach dem Guten zu fragen, ist nicht das Gleiche, wie danach zu fragen, was Wahrheit oder was Mut ist, da die Idee des Guten in eine Erklärung der Letzteren einfliessen muss.»

Das Gute lässt sich nicht fassen, nicht definieren, es ist das, was allem zugrunde liegt, sofern dieses nach dem Guten, was immer auch das Schöne und Richtige ist, weil es von Liebe durchdrungen ist, strebt.

«Der gute Mensch ist demütig.» Iris Murdoch

Nach Iris Murdoch ist der Mensch von Natur selbstsüchtig, indem er immer sich im Blick hat und alles, was er sieht, durch dieses Ich passiert. Nun ist der Blick dieses Ichs nie ungetrübt, er kommt aus einem Geist, der ständig in Bewegung ist, oft mit Sorgen beschäftigt, die sich wie ein Schleier über die Welt legen.

Hier setzt nach Iris Murdoch die Demut an, indem sie den Menschen erkennen lässt, dass das eigene Selbst nichtig ist, so dass er die Dinge sehen kann, wie sie sind – und nicht, wie Anais Nin es ausdrückte, so wie er ist. Er liest keinen Zweck oder Sinn in die Welt hinein, sondern sieht sie als Wert an sich. Als solcher Mensch ist es ihm möglich, ein guter zu werden.

«Als moralische Akteure müssen wir versuchen, gerecht zu sehen, Vorurteile anzulegen, Versuchungen aus dem Weg zu gehen, Einbildungen zu kontrollieren und zu zügeln, unsere Gedankengänge zu lenken… Güte und Schönheit sollten einander nicht gegenübergestellt werden, sondern gehören weitgehend zur selben Struktur.»

Fazit
Ein Buch, das sich mit eigenständigen Gedanken auf die Suche nach dem Guten macht, das den Leser mitnimmt auf diese Suche und ihn zum Mitdenken anregt.

Gedankensplitter: Neugier auf den anderen

«Der Sinn für Ungerechtigkeit, die Schwierigkeiten, die Opfer der Ungerechtigkeit zu identifizieren, und die vielen Weisen, in denen jeder lernt, mit den eigenen Ungerechtigkeiten und denen anderer zu leben, werden ebenso leicht übergangen wie die Beziehung privater Ungerechtigkeit zu öffentlicher Ordnung.» Judith Shklar

Wir sehen einen Menschen und schon ist es da: Das Bild in uns, wie er ist. Ein spontaner Impuls, eine quasi natürliche Eingebung, die durchaus ihre Berechtigung hat, hilft sie doch, Dinge schneller einzuordnen und damit eine gefühlt gesicherte Basis herzustellen. Das Problem ist, dass diese Eingebungen nicht aus dem Nichts kommt, sondern sozial, historisch und kulturell gewachsen ist. Vorurteile vererben sich förmlich weiter, so dass sie auch dann noch in den Köpfen im Versteckten ihr Unwesen treiben, wenn man rational neue Erkenntnisse gewonnen hätte. Auch wenn wir heute wissen, dass Frauen nicht dümmer sind, dass sie durchaus ohne gesundheitliche Gefährdung höhere Schulen besuchen können (ein Argument, mit dem es ihnen früher verwehrt war), dass sie gleich viel leisten können in bestimmten Berufen, und gleich viel wissen können wie die Männer, zeigt sich im sozialen, wirtschaftlichen und auch politischen Bereich oft ein anderes Bild.

Zum Beispiel: Argumente von Frauen (hier könnte auch Behinderte, POC, LGBTQIA, etc. stehen) werden weniger gehört, werden weniger ernst genommen. Das führt zu einer epistemischen Ungerechtigkeit, wie Miranda Fricker sich ausdrückt. Man verwehrt ihnen das Vertrauen in ihre Aussagen einzig aufgrund eines Vorurteils. Dadurch können sie sich nicht im gleichen Masse einbringen wie Männer das können, sie werden an ihrer aktiven Teilhabe gehindert.

Das Bild in den Köpfen ist gemacht, die Reaktion folgt. Das hat aber noch weitere (negative) Konsequenzen: Die so gering Geschätzten werden nicht gehört. Sie werden in ihrem Sein als Wissende, Fähige nicht tatsächlich wahrgenommen, sondern abgewertet. Das führt oft dazu, dass sich dieses mangelnde Vertrauen auch verinnerlicht, sich diese Menschen selbst weniger zutrauen – und noch schlimmer: Sie bilden Fähigkeiten erst gar nicht aus oder verlieren sie sogar.

Menschen haben eine tiefe Sehnsucht danach, gehört, gesehen, wahrgenommen zu werden. Tut man das nicht, nimmt man ihnen einen Teil ihrer Würde, man marginalisiert sie. Dem können wir nur beikommen, wenn wir (individuell und in Systemen) ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass in uns Vorurteile am Wirken sind, und aktiv versuchen, gegenzusteuern. Wir müssen lernen, mit Neugier auf andere Menschen zuzugehen, mit der Absicht, wirklich hören zu wollen, was sie sagen. Wir müssen unsere Vorurteile ablegen und offen zuhören, hinsehen. Das heisst nicht, dass wir allen blind vertrauen müssen, aber die Prüfung der Aussagen darf nicht aufgrund von vorgefassten Vorurteilen, sondern aufgrund sachlicher Kriterien geschehen.

***

Ein Buch zu diesem Thema:
Miranda Fricker: Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens, C. H. Beck Verlag, 2023.

Miranda Fricker ist der Überzeugung, dass wir uns zu sehr auf die Gerechtigkeit ausrichten und damit vergessen, die tatsächlichen Ungerechtigkeiten genau zu beleuchten, die es zu beheben gilt. Oft denkt man bei Gerechtigkeit (und Ungerechtigkeit) an die Verteilung von Gütern, aber es gibt auch andere Formen. Bei Ungerechtigkeit, so Fricker, dürfe man nicht nur materielle Kriterien gelten lassen, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Menschen sei ungerecht verteilt, weil soziale Vorurteile zu einer Marginalisierung bestimmter Gruppen und der Zugehörigen (Frauen, Arme, POC, etc.) führen. Nur indem wir uns dessen bewusst werden, und je einzeln und auch in Institutionen und Systemen die eigenen Vorurteile erkennen und diese für die Beurteilung von Zeugnissen ausschalten, können wir identitätsstiftende Machtsysteme ausschalten. Alles in allem nichts Neues, doch es wird in eine hochkomplexe Sprache verpackt und (zu) ausführlich mit Argumenten und Verweisen abgestützt. Das macht das Lesen mitunter etwas beschwerlich.

Michel Friedman: Fremd

Ein Buch, das für sich selbst spricht.

«Ich bin so viele.
Nicht nur ein Ich.
Ich bin auch nicht Wir.
Das Wir kostet zu viel.
Kostet zu viel Ich.
Das Wir saugt das Ich auf.»

Ein stilles Buch. Ein tiefes Buch. Ein Buch, das uns alle was angeht. Ein Buch, das betrifft – emotional und als Anstoss, nachzudenken, zu hinterfragen, auch sich. Ein Buch, das auffordert, hinzuschauen, mitzufühlen, Mensch zu sein – zu werden oft auch.

«Ihr seid
nichts
Niemand.»

Ein Buch, das auf Vorurteile, Abwertungen, Unmenschlichkeit hinweist.

«Ankommen,
irgendwo,
irgendwann,
zu Hause sein.
Heimat haben.»

Ein Buch, das gelesen werden sollte. Langsam, nie schnell. Mit Pausen. Zum Atmen. Zum Denken. Zum Fühlen.

«Lebenslang
ein Fremder.
In diese Welt geworfen,
als Fremder.»

Danke für dieses Buch!

«Jeder Mensch ist ein einzigartiges Ich.
Wer ist dieser Andere?»

Politisches: Wir müssen reden!

Kürzlich sprach ich mit einem Freund über das Thema «Klassismus», weil ich gerade ein Buch darüber lese. Als ich von den Erkenntnissen erzählte, die ich bislang hatte, kam sofort: «Das ist ja alles bekannt, was nun?» Und ich merkte, wie mich das verletzte. Ich merkte, wie mit einer solchen Aussage eine Thematik schon fast abgehakt ist, die zwar in den offensichtlichen Teilen wirklich bekannt ist, in den subtilen strukturellen Prägungen aber als normal läuft und tagtäglich praktiziert wird, ohne Thema zu sein. Und wenn etwas nicht Thema ist, immer wieder, fehlt die Sprache der Benennung, vor allem bei den Betroffenen. 

Betroffene erleben dann, wie Zeitungen über die «faulen Arbeitslosen» berichten, wie in den Medien Stereotypen direkt «vom Brennpunkt» plakatiert werden, wie in Schulen die einen schon früh aussortiert werden, weil in ihnen kein Potential gesehen wird und man keine unnötige Liebesmüh verschwenden will. Dass die Eltern der anderen in einem solchen System sich vehement gegen Gesamtschulen aussprechen (alle Volksentscheide in D sprechen die Sprache), liegt auf der Hand, sehen sie doch in den so gesehen Schwachen eine Bremse für ihre ach so aussichtsreichen Kinder. Erhebungen in den verschiedenen Bereichen (Politik, Schule, Journalismus, etc.) zeichnen ein deutliches Bild: Herkunft entscheidet. Die Betroffenen aus sozial schwachen Familien, Migranten – sie alle sind untervertreten und von vielem (auch Wissen um Aufstiegschancen, Möglichkeiten, nützlichen Verbindungen…) ausgeschlossen. 

Nein, es ist nicht alles bekannt. Und vor allem nicht allen. Klassismus ist ein Thema, das wir dringend auf der Agenda haben müssen. Menschen werden diskriminiert und ihrer Chancen und Möglichkeiten beraubt, ihre wirklichen Fähigkeiten zu entdecken und zu verwirklichen. Also reden wir darüber! Immer wieder. Und ja: Suchen wir nach Lösungen und setzen sie um. Utopien brauchen wir, ein Schwanken zwischen Realität und Wunsch, dem die Machbarkeit doch eingeschrieben ist.

Buchempfehlung:

Francis Seek, Brigitte Theißl (Hg.) Solidarisch gegen Klassismus. Organisieren, intervenieren, umverteilen, Unrast Verlag, Münster 2023.

Doris Knecht: Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe

Inhalt

„Wir befinden uns in einer Art Limbus, einer verwaschenen Zwischenwelt ohne erkennbaren Horizont: die Zwillinge zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, ich zwischen erwachsen und alt, alle zwischen dieser Familienwohnung und unseren neuen Lebenssituationen.“

Eine alleinerziehende Schriftstellerin mit Zwillingen, die bald ausziehen, erinnert sich an ihr Leben. Sie erinnert sich in kleinen Episoden an Begebenheiten aus ihrer Kindheit, aus der Jugend, aus dem Leben danach. Sie denkt an verflossene Beziehungen, an ihre Geschwister und an ihre Eltern, denkt an die Rolle, die sie in all diesen Beziehungen spielte. Sie ist sich nie ganz sicher, was davon wirklich erinnert und was vergessen und neu erfunden ist. Und manches ist wirklich vergessen. Doch irgendwie ist das nicht wichtig.

Es ist eine Zeit des Umbruchs: Die Kinder ziehen aus, ein neuer Abschnitt, ihr Leben allein beginnt – nur wo soll dieses stattfinden?

Gedanken zum Buch

„Wenn wir erst mal Kinder haben, sind wir Frauen in den Augen der anderen nichts mehr ohne sie.“

In unserem Leben übernehmen wir viele Rollen. Wir sind Kinder, Freunde, Partner, Arbeitende, Sportler, Mütter. All diese Rollen sind prägend, sie prägen unser Bild von uns selbst und unser Verhalten, aber sie prägen auch das Bild nach aussen, das die anderen von uns haben. Fälle eine dieser Rollen weg, gerät unser Selbstbild ins Wanken. Die Frage, was von uns bleibt, nach innen und nach aussen, steht im Raum. An diesem Punkt steht die Protagonistin, die sich fragt, was es für sie bedeutet, wenn ihre Kinder ausziehen.

Es bleibt nicht aus, an dem Punkt auch das eigene Muttersein zu überdenken, hinzuschauen, wie sie diese Rolle ausgefüllt hat. Sie tut dies auf eine offene, selbstkritische Weise, sieht, wo ihr die Rolle auch schwer fiel, wo sie (eigenen oder fremden) Idealvorstellungen nicht genügt hat. Es gilt aber auch, sich neu zu besinnen, zu sehen, was nun kommt, was das Wegfallen der Rolle für das eigene Leben nun bedeutet, was es nach sich zieht. Vordergründig präsent ist die Wohnung. Wo sie ist, kann sie nicht bleiben, die Frage, wo sie hin soll, stellt sich schwierig dar (zumindest für die Protagonistin, die Leserin hat wohl schon lange eine Idee).

„Mein Problem ist lächerlich. Es ist nur eine behagliche Wohnung, die ich gegen eine andere, vermutlich ebenso behagliche Wohnung eintauschen muss. Aber an keinem anderen Ort habe ich länger gewohnt als hier. “

In dieser Suche nach dem richtigen Raum für sich zeigt sich die Wichtigkeit, die Raum auf das Leben von Menschen hat. Im eigenen Raum spielt es sich ab, er prägt das Leben, er beinhaltet es, er schützt es auch. Der Raum trägt die Erinnerungen in sich, er zeugt von dem, was war und bietet auch Möglichkeiten, was sein könnte. Das macht die Entscheidung für einen neuen Raum oft schwer – es hängt ein Leben dran.

„Ich wollte darüber schreiben, dass ich ein schwieriges Kind war, das Probleme hatte, aber es gelang mir nicht. Was ich schrieb, sagte nicht die Wahrheit über mich, es malte ein völlig falsches Bild von meiner Familie.“

Doris Knecht hat die Geschichte einer Frau an einem Umbruch ihres Lebens geschrieben. Oft sind es diese Situationen, die dazu anregen, uns zu erinnern, zurückzublicken, um zu sehen, wie wir an diesen Ort kamen, an dem wir nun stehen. Erinnerungen tauchen auf, die wir uns erzählen und merken, dass zwar alles stimmt, und doch das entstehende Bild sich falsch anfühlt.

„Die Frau, über die ich schreibe, gibt es nicht. Sie ist ein Konstrukt, zusammengesetzt aus Erinnerungen, viele davon fehlerhaft, aus Selbstüberhöhung und Selbsthass, aus Erzählungen von anderen, aus Bildern in Fotoalben.“

Die Vergangenheit ist mehr als die Summe einzelner Teile, durch das Erinnern kommen Dinge dazu, es schleichen sich Stimmen von anderen, Bilder und das Heute mit ein und damit auch ein neuer Blick.

Von der ersten Seite an gleitet man lesend in eine Welt ein, nimmt Anteil am Leben ihrer Bewohner, erinnert sich mit, denkt und fühlt mit. Man gehört förmlich dazu, nistet sich bei diesen Menschen ein und ist zu Hause. Es ist ein warmes, ein menschliches Zuhause mit Menschen, die einem ans Herz wachsen. Es ist schwer, irgendwann wieder auftauchen zu müssen, wenn die letzte Seite gelesen und die geschriebene Geschichte zu Ende ist.

Fazit
Eine warmherzige, menschliche Geschichte über das Erinnern, das Vergessen, das Leben und die Räume, in denen es stattfindet.

Zur Autorin
Doris Knecht, geboren in Vorarlberg, ist Kolumnistin (u. a. beim Falter und den Vorarlberger Nachrichten) und Schriftstellerin. Ihr erster Roman, Gruber geht (2011), war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde fürs Kino verfilmt. Zuletzt erschienen Besser (2013), Wald (2015), Alles über Beziehungen (2017), weg (2019) und Die Nachricht (2021). Die Verfilmung von Wald kommt im Herbst 2023 in die Kinos. Sie erhielt den Literaturpreis der Stiftung Ravensburger und den Buchpreis der Wiener Wirtschaft. Doris Knecht lebt in Wien und im Waldviertel.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Hanser Berlin; 1. Edition (24. Juli 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 240 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3446278035