Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Inhalt

G.W.Pabst hat es geschafft. Er konnte Europa mit seiner Frau und seinem Sohn rechtzeitig verlassen und in den USA das tun, was er liebte: Filme machen. Der Erfolg hält nur kurz, zudem ist seine Mutter noch in Österreich und nicht bei bester Gesundheit. Mit seiner Familie reist er zurück, um die Mutter in ein Sanatorium zu bringen und dann – so gibt er vor – zurück in die USA zu gehen. Er bleibt, kommt in die Mühlen der Nazis, dreht fortan unter deren Augen. Der rote Pabst von einst plötzlich ein Nazizudiener?

Gedanken zum Buch
Daniel Kehlmann wollte keine Biografie schreiben, er schrieb einen Roman, den er um die Figur des Georg Wilhelm Pabst herum konstruierte. Interessiert hat ihn dabei, was möglich gewesen wäre, was vielleicht wirklich so stattgefunden hat, vielleicht auch nicht. Er erschafft also keine neue Welt, sondern durchforstet eine reale Welt nach ihren Möglichkeiten, die nicht immer verwirklicht worden sind. Es ist dabei nicht interessant, was wirklich passiert ist, zählen tut nur, ob die Welt, die Kehlmann konstruiert hat, in sich stimmig ist. Das ist ihm gelungen. In einer wortgewandten Sprache, in sprechenden Bildern, mit lebendigen Figuren zeichnet uns Daniel Kehlmann die Zeit von damals nach und lässt uns erfahren, was es heisst, sich in Fallstricken zu verfangen, aus denen man nicht mehr kommt.

«Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, was man will. Wichtig ist, Kunst zu machen unter den Umständen, die man vorfindet.»

Redet Pabst sich die Dinge schön? Sucht er eine Rechtfertigung für all die kleinen Entscheide, die ihn schlussendlich dahin brachten, wo er heute ist? Den Gegner des Naziregimes, den roten Pabst hatte man in eine Rolle gezwängt, die er nie hatte haben wollen, die er nun aber gezwungen war, auszufüllen. Zwar machte er keine Propagandafilme, aber er diente diesem System. Hatte er eine Wahl? Jetzt noch? Wo hätte er noch anders abbiegen können und war stattdessen den Weg hinein ins Verderben gefahren? Ist es an uns, zu urteilen, zu verurteilen? Vom sicheren Sofa aus, so viele Jahre später? Noch vor einigen Jahren wäre die Antwort wohl noch anders gewesen als heute. Wir stehen wieder vor Brüchen und Umbrüchen, vor Bewegungen, Spaltungen und latenten Gefahren, die an vielen Orten schon Realität geworden waren. Was tun wir heute? Wie viel unterscheidet uns von seiner Haltung damals?

Sicher ist: Seine Kunst stand für Pabst zuoberst. Ihr ordnete er alles unter, für sie fällte er Entscheidungen, die im Nachhinein ungünstig waren, bis er an einem Punkt angelangt war, von dem aus es kein Zurück mehr gab. Aus dem sicheren Exil kam er zurück nach Deutschland, setzte seine Frau und seinen Sohn dieser Atmosphäre aus und brachte alle in Gefahr – wenn er nicht spurte.

«Sie verkennen die Lage. Ich diskutiere nicht. Wenn Sie nur die geringste Idee hätten, was ihnen blühen kann, würden Sie es nicht mal versuchen.»

Der Regisseur Pabst, der keine Widerworte duldet, der bestimmt, wann ein Film gut ist und der Szenen immer wieder neu drehen lässt, ist selbst ind er Position, dass ein Nein nicht mehr gilt.

Fazit
Ein grossartiger Roman um den bekannten Regisseur Georg Willhelm Pabst, erzählt in einer wunderbaren Sprache und allen Zutaten, die Literatur gross machen. Für Puristen vielleicht ein paar Längen zu viel, für Epiker ein Hochgenuss.

Zum Autor
Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Candide-Preis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. Sein Roman Die Vermessung der Welt war eines der erfolgreichsten deutschen Bücher der Nachkriegszeit, und auch sein Roman Tyll stand monatelang auf den Bestsellerlisten und gelangte auf die Shortlist des International Booker Prize. Daniel Kehlmann lebt in Berlin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Buchverlag; 3. Edition (10. Oktober 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 480 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3498003879
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3498003876

Hugo Ball (22. Februar 1886 – 14. September 1927)

Einen Hansdampf in allen Gassen könnte man ihn nennen, einer, der seinen Weg ging, Neues ergründen und schaffen wollte. Er versuchte, liess fallen, versuchte neu, stellte auf die Beine und lief wieder davon.

Geboren wurde Hugo Ball am 22. Februar 1886 in ein bürgerliches Umfeld. Dem väterlichen Befehl folgend brach Hugo die Schule vor Abschluss des Gymnasiums ab und besuchte eine Lehre, die er dann aber wieder abbrach, das Gymnasium beendete und mit dem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie begann. Dieses brachte er bis zur geplanten Dissertation, als er befand, der Wissensbestrieb sei ihm erstorben. Er wollte ins Leben, wollte spielen, wollte auf die Bühne. In seinem Tagebuch vermerkte er:

“1910-1914 war alles für mich Theater: das Leben, die Menschen, die Liebe, die Moral. Das Theater bedeutete mir: die unfassbare Freiheit”

Und er schrieb. 1911 erschien sein erstes Buch «Die Nase des Michelangelo». Er beteiligte sich an Zeitschriften, plante weitere schriftstellerische Projekte, doch der Krieg machte diesen ein Ende. Theater wurden geschlossen, Ball wandte sich mehr dem Schreiben zu, veranstaltete literarische Abende und brach dann 1915 die Zelte in Deutschland ab, um in die Schweiz zu reisen. Mit ihm reiste Emmy Hennings, seine spätere Frau und Mitbegründerin des Cabaret Voltaire in Zürich.

«Das Leben ist so reich, wenn man arm ist.»

Die Schweiz war nicht nur Paradies, wie anfänglich gedacht. Denunziation und sogar Gefängnis warteten. Aber es war auch Zeit des Auf- und Umbruchs. Die Zeiten waren schwierig, das Geld knapp, die Engagements trugen kaum, Hennings Prostitution füllte die Haushaltskasse, bis die beiden sich entschlossen, selbst ein literarisches Kabarett zu gründen. Zuerst ohne festes Ensemble bildete sich bald eine Gruppe, die zu den grossen Namen des Dadaismus wurden: Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Tristan Tzara. «Dada» als Begriff ist im Programmheft 1916 das erste Mal dokumentiert.

Das Ganze wuchs Ball schon bald wieder über den Kopf und er zog sich zurück, schrieb vermehrt für die Zeitung und Bücher, darunter 1919 «Zur Kritik der deutschen Intelligenz», in welchem er die Kriegsschuld Deutschlands thematisierte. Die finanzielle Lage wurde drückend, Ball heiratete Hennings und wollte mit deren Tochter zurück nach Deutschland, wo sie sich aber nicht mehr zurechtfanden und wieder in die Schweiz zurückkehrten, wo Ball weiter Bücher schrieb. 1920 kam es zu einer folgenreichen Begegnung mit Hermann Hesse, eine Freundschaft bis ans Lebensende entstand. Hugo Balls Gesundheit bröckelt, eine Krebsdiagnose und Operationen zeigen das nahe Ende auf, das am 14. September 1927 im Tessin, wo die kleine Familie die letzten Jahre lebte, eintritt.

Gedankensplitter: Durch Vernunft in die Freiheit

«Das menschliche Unvermögen in Mässigung und Beschränkung der Affekte nenne ich Unfreiheit. Denn der den Affekten unterworfene Mensch ist nicht in seiner eigenen Gewalt, sondern in der des Schicksals, unter dessen Herrschaft er sich dermassen befindet, dass er oft, obschon er das Bessere sieht, dennoch dem Schlechteren nachzufolgen gezwungen wird.» Baruch de Spinoza

Aus dem Bauch heraus handeln. Es wird oft als ursprünglich, als authentisch, als intuitiv bewertet und hochgehalten. Mittlerweile ist bekannt, dass das unüberlegte, unreflektierte aus dem Bauch hinaus Handeln in keiner Weise einfach frei ist, sondern nur die eigenen Prägungen reflektiert. Hinzu kommt, dass dieses «aus dem Bauch heraus» oft auch schlicht einem Affekt folgt, dass hochkommende Impulse ungefiltert in Aktion übergehen. Das kann mitunter nicht nur zu unerwünschten Ergebnissen führen, es erweist sich manchmal auch als schlichtweg dumm, wie man mit einer Mässigung der Affekte und einer Hinzunahme des Denkens leicht eingesehen hätte. Nicht umsonst wohl halten viele Philosophie das Denken hoch, nennen gar die Vernunft eine Macht, auf die wir nicht unfreiwillig verzichten sollen.

Baruch de Spinoza sieht in den Affekten einen Weg in die Unfreiheit. Indem wir uns ihnen hingeben, geben wir das Steuer aus der Hand. Wir verzichten auf das wichtige Mittel, das uns selbst zum Herrn unseres Lebens macht: Die Vernunft.

«Ich werde also hier von der Macht der Vernunft handeln, indem ich zeige, was die Vernunft an sich über die Affekte vermag, und sodann was Freiheit des Geistes oder Glückseligkeit ist, woraus wir ersehen können, wieviel mächtiger der Weise ist als der Ungebildete.» Baruch de Spinoza

***

Am 21. Februar vor 347 Jahren ist Baruch de Spinoza (24.11.1632 – 21.2.1677) gestorben. Ich hebe mein Glas auf einen Denker, dessen Bücher uns auch heute noch viel zu sagen haben.

Roger Willemsen (15. August 1955 – 7. Februar 2016)

«Der einsame Mensch ist eine Skulptur, herausmodelliert vom Pathos der Abwesenheit.» Roger Willemsen

Es sind unter anderem Sätze wie dieser, welche ihn ausmachten. Es ist seine Liebe zur Sprache, sein scharfer Blick auf das Leben und die Menschen, die es lebten. Es ist sein klarer Geist, welcher ihn diese Welt in Worte packen liessen, die Bilder lebendig werden liessen. 

«Mit seiner Geburt tritt der Mensch in den Verfall ein. Lässt man diesen gewähren, stirbt man alt und faltig, lässt man sich liften, stirbt man alt und grotesk.» Roger Willemsen

Er nahm das Leben nicht einfach hin, liess die Dinge nicht einfach «gut sein», sondern er hielt den Finger drauf, zeigte auf die Missstände, auf die Schwierigkeiten, auf die Verirrungen, aber auch auf die Schönheiten, das zu Feiernde, das Wunderbare. Immer wieder sprach er deswegen auch über Literatur, über Bücher, über all die Schätze auf und zwischen den Seiten, die neue Welten eröffnen. Einige schuf er selbst. Darin nimmt er den Leser mit auf seine eigenen Reisen, auf welchen er die Welt durchdringen wollte, und lässt neue Horizonte entstehen. 

«Der Rigorismus öffentlicher Moral – der Moral der Klatschkolumnisten, der Boulevard-Magazine und Leitartikel – bezieht sich auf diese exemplarische Übereinkunft, sein zu müssen, wie auch immer.» Roger Willemsen

Roger Willemsen mag vieles gewesen sein, nie so, wie man sein müsste. Er war ein eigenständiger Denker, einer, der sein Leben auf seine Weise lebte. Bis am Schluss. Heute vor acht Jahren ist Roger Willemsen gestorben. Er fehlt.

Margaret Atwood: Brennende Fragen

Eigentlich wollte ich nur mein Regal umräumen, da fiel mir dieses Buch in die Hände. Das Vorhaben war vergessen, weil ich den grossen Fehler gemacht habe, das Buch aufzuschlagen und irgendwo loszulesen. Da hatte mich Margaret Atwood an der Angel und liess mich nicht mehr los.

«Brennende Fragen – Warum dieser Titel? Vielleicht weil die Fragen, mit denen wir im 21. Jahrhundert konfrontiert sind, mehr als dringlich sind.»

«Brennende Fragen», Fragen und Themen, die umtreiben in dieser Zeit, in diesem 21. Jahrhundert. Margaret Atwood hat darüber geschrieben. Sie schrieb über soziale Ungerechtigkeit, über Gleichberechtigung und Revolution. Sie schrieb über Ungleichverteilung von Reichtum, über Probleme der Demokratie und übers Schreiben – das der anderen und das eigene. Sie beleuchtet diese ganze Welt mit ihrem klaren, scharfsinnigen Blick, vergisst dabei nie, eine kleine Prise Humor einzustreuen.

«Man braucht alle drei Teile: Talent, harte Arbeit und Leidenschaft. Hat man nur zwei davon, bringt man es nicht sehr weit.» Margaret Atwood

Sie hat offensichtlich alles davon. Habt ihr schon ein Buch von ihr gelesen? Welches ist euer Liebling?

Neue Regel fürs Bücherregalumräumen: Bücher bleiben geschlossen! Ich befürchte aber, es kommt damit gleicht heraus mit diesem Vorsatz wie mit den meisten, die fürs neue Jahr aufgestellt werden.

Habt einen schönen Tag!

Angaben zum Buch:

Der Klappentext
«Brennende Fragen – Warum dieser Titel? Vielleicht weil die Fragen, mit denen wir im 21. Jahrhundert konfrontiert sind, mehr als dringlich sind. Natürlich denkt man das in jedem Zeitalter über die jeweiligen Krisen, aber diese Ära erscheint definitiv ein anderes Kaliber zu sein. Da ist erstens unser Planet. Verbrennt die Welt sich buchstäblich selbst? Haben wir sie in Brand gesteckt? Können wir die Feuer löschen?

Wie steht es mit der eklatanten Ungleichverteilung von Reichtum? Wann werden die 99 Prozent Arme die Nase voll haben und – bildlich gesprochen – die Bastille in Flammen aufgehen lassen?

Dann die Demokratie. Schwebt sie in Gefahr? Was meinen wir überhaupt mit Demokratie? Hat es sie denn je gegeben, im Sinne von Gleichberechtigung aller Bürger? Meinen wir es ernst mit aller? Wie viel darf frei geäußert werden und von wem und zu welchem Thema? Die Revolution durch die sozialen Medien hat Onlinegruppierungen von Menschen, die je nachdem, ob man sie mag oder nicht, als ›Bewegungen‹ oder ›Mob‹ bezeichnet werden, bisher ungekannte Macht verliehen. Ist das gut, ist es schlecht oder nur eine neue Spielart der Meute, die etwas umtreibt?

Dies sind einige der brennenden Fragen, die man mir im Verlauf der vergangenen beiden Jahrzehnte gestellt hat und die ich mir selbst stelle. Hier nun ein paar Versuche dazu? Denn das ist ein Essay ja seiner Bedeutung nach: ein Versuch. Ein Bestreben.»

Die Autorin und die Übersetzende
Margaret Atwood, geboren 1939, ist unbestritten eine der wichtigsten Autorinnen Nordamerikas. Ihre national wie international vielfach ausgezeichneten Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. »Der Report der Magd«, das Kultbuch einer ganzen Generation, wurde preisgekrönt als Serie verfilmt. 2017 erhielt sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und für ihren Roman »Die Zeuginnen« wurde sie 2019 bereits zum zweiten Mal mit dem Booker-Preis für den besten englischsprachigen Roman ausgezeichnet. Atwood lebt in Toronto.

Martina Tichy studierte Germanistik und Amerikanistik und ist seit vielen Jahren als Übersetzerin aus dem Englischen tätig, u. a. von Amitav Ghosh, F. Scott Fitzgerald und Paul Murray.

Facts and Figures

  • Herausgeber ‏ : ‎ Berlin Verlag; 1. Edition (12. Oktober 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 704 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3827014733

Nele Neuhaus: In ewiger Freundschaft

Inhalt

«Seit zehn Tagen, seit sie seine Karriere, ja, sein ganzes Leben zerstört hatte, antwortete sie nicht mehr auf seine Mails und ging auch nicht ans Telefon… Seine Angst und sein Selbstmitleid hatten sich allmählich in Verärgerung verwandelt, dann war der Zorn gekommen und schliesslich der Hass… Letzte Nacht hatte er beschlossen, sie zur Rede zu stellen.»

Die erfolgreiche Literaturkritikerin Heike Wersch ist tot. Nachdem sie die Literaturwelt zünftig durcheinander gewirbelt hat mit ihren destruktiven Aktivitäten, wird sie erschlagen und ihre Leiche im Wald entsorgt. Im Zentrum der Ermittlungen stehen bald sechs Menschen, die seit Kindertagen befreundet sind und um die sich ein düsteres Geheimnis rankt. Doch der Kreis der Verdächtigen weitet sich schnell aus, als sich zeigt, dass sich das Opfer mit seiner Art im Leben mehr Feinde als Freunde gemacht hat. Dann kommt es zu einem weiteren Mord im Kreis der Verdächtigen. Ist das erst der Anfang einer Reihe? Und: Was steckt dahinter?

Gedanken zum Buch
Es ist lange her, dass ich so gefesselt war von einem Buch wie hier. Wo ich ging und stand, hatte ich das Buch in der Hand, es kam sogar so weit, dass ich damit in der einen, mit der anderen im Kochtopf rührte.

«Mal ganz abgesehen vom Inhalt, ist dieser Text sprachlich absolut überzeugend. Der Spannungsbogen wird kontinuierlich aufgebaut, man ist beim Lesen sofort dich an den Figuren dran und kann sich mit ihnen identifizieren. Die Dialoge sind lebendig und authentisch, der Text entwickelt einen unglaublich starken Sorg, man will unbedingt wissen, wie es weitergeht… Sie ist eine Meisterin der Cliffhanger und bläht Handlungen nicht unnötig mit Nebensächlichkeiten auf.»

Was Nele Neuhaus hier einer ihrer Figuren in den Mund legt, hat sie selbst erfüllt. Man könnte anbringen, dass die Spannung darum so stark zunehmen konnte, weil sie anfangs etwas fehlte, doch dann nahm das Buch wirklich Fahrt auf und liess nicht mehr los. «In ewiger Freundschaft» ist der elfte Fall für das Ermittlerteam Pia Sander und Oliver von Bodenstein, es ist aber trotz diverser Anspielungen auf das Vorleben der Ermittlercrew als erstes lesbar, wenn ich auch am Anfang arg mit den vielen Namen (und es sind wirklich sehr viele) kämpfte. Das mag aber meinem in der Tat miserablen Namensgedächtnis geschuldet sein. Das Personenverzeichnis am Anfang des Buches hat mir da gute Dienste geleistet. So etwas möchte ich gerne bei jedem Buch haben.

Krimis sind landläufig eher der seichten Literatur zugeordnet, sie überhaupt Literatur zu nennen, wird in den gehobenen Literaturkreisen oft mit einem Nasenrümpfen begleitet. Das und einiges mehr aus der Literaturszene greift das Buch selbst auf, neben diversen anderen Eigenheiten und Machenschaften im literarischen Betrieb, insbesondere im Verlagswesen. In meinen Augen sind solche Zuordnungen fragwürdig und unsinnig. Nele Neuhaus ist es gelungen, einen spannenden Plot aus einem wirklich packenden Kriminalfall und verschiedenen Nebensträngen aus dem privaten Leben der Ermittler zu entwerfen. Das Buch verspricht Unterhaltung und Leservergnügen von der ersten bis zur letzten Seite. Was will man mehr?

Fazit
Ein fesselnder Krimi mit einem undurchschaubaren Fall und authentischen Figuren, ein Buch, das man am liebsten in einem Zug durchlesen möchte.

Zur Autorin
Nele Neuhaus, geboren in Münster / Westfalen, lebt seit ihrer Kindheit im Taunus und schreibt bereits ebenso lange. Ihr 2010 erschienener Kriminalroman Schneewittchen muss sterben brachte ihr den großen Durchbruch, heute ist sie die erfolgreichste Krimiautorin Deutschlands. Außerdem schreibt die passionierte Reiterin Pferde-Jugendbücher und Unterhaltungsliteratur. Ihre Bücher erscheinen in über 30 Ländern. Vom Polizeipräsidenten Westhessens wurde Nele Neuhaus zur Kriminalhauptkommissarin ehrenhalber ernannt.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Taschenbuch; 10. Edition (23. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 528 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3548067100

Nora Roberts: Spur der Finsternis

Inhalt

«Ihre Träume und Ziele waren unkompliziert und überschaubar… Eines Tages würde sie nicht nur ein eigenes Haus, sondern auch eine eigene Bar besitzen.»

Morgan hat einen Plan, wie sie ihr Leben gestalten will, und sie ist auf gutem Weg. Nach zwei Studien sucht sie einen Ort, an dem sie sich niederlassen kann. Dort kauft sie ein kleines Haus, eine Mitbewohnerin ist schnell gefunden, die noch dazu zu ihrer besten Freundin wird. Zwei Jobs sollen dazu dienen, möglichst schnell genug zu sparen, um den Traum einer eigenen Bar zu verwirklichen. Als auch noch Luke in ihr Leben tritt, scheint ihr Leben perfekt, bis ihre Freundin in ihrem Haus ermordet wird. Als das FBI vor der Tür steht und ihr mitteilt, dass Luke ein Identitätsräuber ist, der ihr in der Zwischenzeit alles genommen hat, was sie sich aufgebaut hat, liegt ihr Leben in Trümmern. Noch schlimmer: Eigentlich wollte er sie umbringen, nicht ihre Freundin Nina. Und er hat noch nie eine Mission nicht zum Abschluss gebracht.

Morgan lässt alles hinter sich. Sie zieht nach Vermont zu ihrer Mutter und ihrer Grossmutter, und fängt erfolgreich ein neues Leben an. Alles scheint wieder auf gutem Weg, bis die Beamten des FBI vor ihrer Tür stehen: Es hat ein neues Opfer gegeben und am Tatort findet sich ein Zeichen dafür, dass Morgan noch nicht in Sicherheit ist. Der Mörder will sein Werk vollenden.

Gedanken zum Buch
Nora Roberts schafft es, den Leser mit den sehr authentischen, sympathischen Figuren in den Roman zu ziehen und festzuhalten. Morgan wirkt von Anfang an wie eine Vertraute, deren Weg man weiter begleiten will. Man nimmt als Leser Teil an ihrer Trauer, an ihrem Selbstmitleid, aber auch an ihrem Neuanfang. Ein Buch, das neben einer spannenden Geschichte auch zeigt, dass man es selbst in der Hand hat, ob man nach einem schweren Schicksalsschlag in der Opferrolle verbleibt oder aber wieder aufsteht und weitermacht.

Neben authentischen und lebendigen Figuren gelingt es Nora Roberts, die Schauplätze des Geschehens plastisch zu beschreiben und den Spannungsbogen immer gespannt zu halten. Die verschiedenen Charaktere, deren Beziehungen untereinander und eine Liebesgeschichte runden den Roman ab, welcher in einer flüssigen Sprache geschrieben ist. Für den ungeduldigen Leser sind die langen Passagen des normalen Lebens zwischen den Szenen, welche die Geschichte wirklich vorwärtsbringen, wohl etwas episch, für den Leser, der gerne in Geschichten mit lebt, zeichnen sie eine bunte und einladende Welt, in die man eintauchen kann.

Fazit
Eine spannende Geschichte mit authentischen Figuren und plastischen Schauplätzen in einer flüssig lesbaren Sprache. Die passende Lektüre für einen kalten Wintertag auf dem Sofa mit einer Tasse Tee und einer warmen Decke.

Autorin und Übersetzerin
Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von 500 Millionen Exemplaren überschritten. Mehr als 200 Titel waren New-York-Times-Bestseller, und ihre Bücher erobern auch in Deutschland immer wieder die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Christiane Burkhardt lebt und arbeitet in München. Sie übersetzt aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen und hat neben den Werken von Paolo Cognetti u. a. Romane von Fabio Geda, Domenico Starnone, Wytske Versteeg und Pieter Webeling ins Deutsche gebracht. Darüber hinaus unterrichtet sie literarisches Übersetzen.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag (15. November 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 528 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453274303
  • Originaltitel ‏ : ‎ Identity

Hilary Mantel: Sprechen lernen

Inhalt

«All diese Erzählungen sind aus Fragen über meine frühen Jahre entstanden, wobei ich nicht sagen kann, dass ich durch das Übertragen meines Lebens ins Fiktionale Rätsel gelöst hätte – aber zumindest habe ich einzelne Teile hin und her geschoben.»

In sieben Kurzgeschichten tauchen wir ein in das Leben der Arbeiterklasse im England in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Es ist die Welt, in der auch Hilary Mantel aufwuchs.

Es ist nicht immer leicht, über die eigene Kindheit zu schreiben, vor allem dann nicht, wenn diese kompliziert und voller Widersprüche ist. Hilary Mantel hat in sieben Kurzgeschichten versucht, die Welt ihrer Kindheit auferstehen zu lassen. In einer Mischung aus Erlebtem, Erinnertem, Gefühltem und Fiktionalem hat sie mit ihrer eindrücklichen Sprache und mit dem ihr eigenen Witz, der dazu dient, die Tragik noch klarer offenzulegen, die Stimmung ihres Aufwachsens einzufangen versucht. Es ist ihr auf eine eindrückliche Weise gelungen.

Gedanken zum Buch

«Ich möchte diese Geschichten nicht autobiografisch, sondern autoskopisch nennen. Aus einer entfernten, erhöhten Perspektive blickt mein schreibendes Ich auf einen auf seine bloße Hülle reduzierten Körper, der darauf wartet, mit Sätzen gefüllt zu werden. Seine Umrisse nähern sich meinen an, aber es gibt einen verhandelbaren Halbschatten.»

Hilary Mantel betont, dass es sich bei den vorliegenden Kurzgeschichten nicht um autobiografische Texte handelt. Die Frage stellt sich, wieso ihr diese Einordnung wichtig ist, scheinen die Texte doch an ihre Autobiografie «Von Geist und Geistern» anzuschliessen, diese zu ergänzen.

„Es war ein kaputter, steriler Ort ohne Bäume, wie ein Durchgangslager, mit der gleichen hoffnungslosen Dauerhaftigkeit, die solche Lager anzunehmen pflegen.“

Sie schildert das Geschehen aus der Perspektive von Kinderaugen auf die Erwachsenen, es ist zugleich der Blick zurück als Erwachsene auf das eigene Kindsein. Es gelingt Hilary Mantel, die Atmosphäre der Welt ihres Aufwachsens plastisch werden zu lassen, fast fühlt man sich beim Lesen mittendrin.

Schonungslos, scharfsichtig und ohne Sentimentalität zeichnet Hilary Mantel das Bild einer Gesellschaft, sie zeigt, wie die Leben der Erwachsenen, die der Kinder prägen und formen. Sie tut das in einer unglaublichen Sprachgewalt, die messerscharf und in passgenauen Bildern arbeitet. Sie zeigt auf, wie ein aufwachsender Mensch sich verändert, um sich vor dem, was um ihn passiert, zu schützen. Sie zeigt auf, wie im Nachhinein Erinnerungen verblassen und erst wieder scharf werden, wenn man sie bewusst hinterfragt.

Leider blieben die einzelnen Protagonisten der Geschichten seltsam blass, quasi auf Distanz. Das könnte dem Umstand geschuldet sein, dass sie doch nur als Stellvertreter für die eigentlich Erlebende dienten und ihnen dadurch zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde beim Schreiben. Dies aber nur eine Spekulation und Anmerkung am Rande.

Fazit
Eine sprachgewaltige Autoskopie, die ein Porträt einer Zeit und einer sozialen Schicht aufzeigt.

Autorin und Übersetzer
HILARY MANTEL, geboren 1952 in Glossop, gestorben 2022 in Exeter, England, war nach dem Jurastudium in London als Sozialarbeiterin tätig. Für ihre Romane ›Wölfe‹ (2010) und ›Falken‹ (2013) wurde sie jeweils mit dem Booker-Preis, dem wichtigsten britischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Bei DuMont erschien außerdem u. a. die Autobiografie ›Von Geist und Geistern‹ (2015) und zuletzt der dritte Band der Tudor-Trilogie ›Spiegel und Licht‹ (2020).

WERNER LÖCHER-LAWRENCE geboren 1956, ist als literarischer Agent und Übersetzer tätig. Zu den von ihm übersetzten Autor*innen zählen u. a. John Boyne, Meg Wolitzer, Patricia Duncker, Hisham Matar, Nathan Englander, Nathan Hill und Hilary Mantel.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (15. August 2023)
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3832168162

Jürgen Banscherus: Ein Fall für Kwiatkowski. Die Kaugummiverschwörung

Als Kind las ich gerne Krimis. Ich verschlang fast sämtliche Reihen, die es damals gab: TKKG, Die drei ???, Geheimnis um… und Fünf Freunde. Vor allem die letzten beiden hatten es mir angetan. Da ich Krimis immer noch sehr mag, suchte ich nach einem neuen Lesevergnügen aus diesem Bereich und stiess auf einen sympathischen jungen Detektiv: Kwiatkowski

«Ich bin Kwiatkowski, der Privatdetektiv. Gerade habe ich beschlossen, aufzustehen. Ich werde eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank holen und mir das erste Kaugummi des Tages genehmigen.»

Ohne Milch und seine Lieblingskaugummis (eine andere Marke kommt nicht in die Tüte) geht gar nichts bei Kwiatkowski. Als diese plötzlich regelmässig aus dem nahegelegenen Kiosk gestohlen werden, kann er das nicht auf sich beruhen lassen: Er hat einen neuen Fall.
Dass dabei auch ein nettes Mädchen eine Rolle spielt, erhöht Kwiatkowskis Aufregung noch, als dann auch noch ein alter Feind ins Spiel kommt, ist die Spannung am Höhepunkt. Wie sich das bloss alles auflösen lässt? Aber keine Bange: Ein erprobter Detektiv wie Kwiatkowski wird den Fall knacken!

So manches Kind wird sich wohl nach dieser Lektüre wünschen, es hätte auch eine so entspannte Beziehung zu seiner Mutter, seinen Eltern. Nur schon die Vorstellung, dass das Aufräumen des Zimmers eine Ermessenssache ist und keine ernstgemeinte Aufforderung, welche Befolgung verlangt, wirkt verlockend. 

Eine kurzweilige und unterhaltsame Detektivgeschichte mit einem liebenswerten Helden. Jürgen Banscherus entwirft mit wenigen Worten eine gewiefte Spürnase, mit der sich der Leser auf der Suche nach den Dieben verbündet. Die wunderbaren Illustrationen von Ralf Butschkow runden das Lesevergnügen ab.

Autor und Illustrator
Jürgen Banscherus lebt im Ruhrgebiet und ist seit 1989 freier Schriftsteller. Inzwischen ist er einer der renommiertesten Autoren für Kinder- und Jugendliteratur. Seine Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen und wurden bisher in 21 Sprachen übersetzt.www.juergen-banscherus.de

Ralf Butschkow studierte an der Hochschule der Künste in Berlin Visuelle Kommunikation. Dann arbeitete er ein paar Jahre in Werbeagenturen und ist heute als Kinderbuchillustrator für verschiedene Verlage tätig. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Arena (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 96 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3401607238
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 7 Jahren

Michael Wrede, Annabelle von Sperber: …und dann? Wie Kinderbücher Gestalt annehmen

Inhalt

«Kinderbücher sind oft grosse Sehnsuchtsobjekte. Sie leuchten positiv aus der Kindheit bis in die Gegenwart.»

Wer denkt nicht gern zurück an die ersten Bücher seines Lebens? Wie oft ist es doch eine Freude, diese wieder in den Händen zu haben, weil man sie dem eigenen Kind oder Enkel. Vorlesen kann? Eigentlich viel zu schade, so lange zu warten, sind diese Bücher doch kleine Lichtpunkte am Bücherhimmel, bestechend durch die kreativen Geschichten, die bunten Bilder, die Anregungen zum selbst Fantasieren.

«Was es bedeutet, ein Kinderbuch tatsächlich umzusetzen, wird aber oft unterschätzt. Was kinderleicht daherkommt, entspringt einem fundierten Wissen.»

Michael Wrede und Annabelle von Sperber geben in dem vorliegenden Buch Einblicke die Gestaltung von Kinderbüchern. Sie zeigen die verschiedenen Arten von Kinderbüchern und was diese ausmacht, gehen auf Zielgruppen und Vermarktung ein und widmen sich dem kreativen Prozess der Entstehung. Wie entsteht eine Idee und was macht sie zur Geschichte? Wie entwickle ich einen Charakter und wie seine Umwelt. Was brauche ich, um das Ganze umzusetzen und wie wird am Schluss ein Buch daraus. Von den ersten Kritzeleien im Notizbuch bis hin zum fertigen Buch, welches veröffentlicht werden kann, wird der Leser in die Entstehung von Kinderbüchern eingeführt. Im Vordergrund steht in diesem Buch die Illustration, der Text spielt nur am Rand eine Rolle.

Ein Buch nicht nur für Menschen, die selbst ein Kinderbuch realisieren wollen, sondern auch für all die, welche sich für die Prozesse hinter dem Buch interessieren. Zudem machen die aufwendige und liebevolle Gestaltung des Buchs sowie die wunderbaren Illustrationen dieses selbst zu einer Augenweide.

Autoren
Michael Wrede ist selbstständiger Illustrator für Kinder und Jugendbuch, meistens auch Autor seiner eigenen Werke, war nach vielen Jahren der Lehrtätigkeit, u.a. an der BKA-Hamburg, Design Akademie Berlin, 2011 Mitbegründer der Akademie für Illustration und Design in Berlin (AID-Berlin). Zusammen mit Annabelle von Sperber unterrichtet er Kinder- und Jugendbuch. Er ist Initiator des 2017 erstmalig ausgetragenen Kinderbuchwettbewerbs „Buntspecht“.

Annabelle von Sperber ist selbstständige Illustratorin. Ihre Bilder zeichnen sich durch warme Farben, einen feinen Humor und der Liebe zum Detail aus. Bekannt durch zahlreiche Spitzentitel und Serien im Kinder- und Jugendbuch, die in viele Länder verkauft wurden, machte sie sich mit ihren Kunst- und Architektur-Wimmelbüchern international einen Namen. Diese wurden im Prestel Verlag in München, London und New York publiziert. Sie lehrt Illustration zusammen mit Michael Wrede an der Akademie für Illustration und Design in Berlin (AID-Berlin) und ist für den Fachbereich Illustration an der Faber Castell Akademie zuständig.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Hermann Schmidt; 1. Edition (6. Mai 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3874399418

Marc Veerkamp & Jeska Verstegen: Bär ist nicht allein

Inhalt

Der Wald ist still, alle lauschen dem Klavierspiel des Bärs. Immer, wenn er aufhören will, rufen sie nach einer Zugabe, so schön ist sein Spiel. Der Bär ist müde. Er würde gerne irgendwo ausruhen, einfach still für sich sein. Doch wohin er auch geht, hört er hinter sich die lauten Forderungen: Mehr, mehr, Pianobär!» Irgendwann wird dem Bären alles zu viel. Er reisst sein Maul auf und brüllt, dass alle erschrecken. Dann sagt der Bär nichts mehr, er schliesst die Augen und wartet, bis er sich allein glaubt. Als er aufschaut, steht da ein Zebra. Ob man auch zu zweit allein sein kann?

Eine herzerwärmende Geschichte, die wunderschön illustriert ist. Mit Schwarz und Weiss und wenigen roten Akzenten erschafft Jeska Verstegen, eine zauberhafte Waldwelt voller Tiere und mittendrin unseren armen Helden, den Bären.  

Gedanken zum Buch: Vom Alleinsein
Erich Kästner schrieb einst in seinem Gedicht «Kleines Solo»

«Einsam bist du sehr alleine – und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.»

Viele Menschen scheuen sich davor, allein zu sein. Sie suchen die Gesellschaft, fast als wären sie auf der Flucht vor sich selbst. Wer allein ist, dem haftet etwas an: Die Frage «wieso». Landläufig geht man davon aus, dass es Gründe dafür geben muss, dass einer allein ist- Entweder will keiner mit ihm zusammen sein, oder aber er ist zu anspruchsvoll. Vielleicht auch beides. Das führt oft dazu, in unglücklichen Beziehungen zu verbleiben, da die Alternative als noch schlimmer angesehen wird. Und da sind sie dann: Zwei Menschen, die keine gemeinsame Ebene, keine gemeinsamen Träume und keine gemeinsame Sprache mehr haben. Sie fühlen sich unverstanden und einsam.

Das macht den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit deutlich: Während Alleinsein ein (von aussen) fassbarer Zustand ist, haben wir es bei der Einsamkeit mit einem Gefühl zu tun. Sie ist das, was tief drin aufkommt und sich über alles ausbreitet, wenn man sich in seinem Sein unverstanden und ungehört fühlt. Sie tritt auf, wenn man sich mit dem, was man ist und braucht, emotional allein fühlt.

In solchen Momenten zieht es einen förmlich weg von all denen, die einen miss- oder gering achten oder gar völlig übersehen. Die vielen Menschen, zu denen man nicht zu passen scheint, die einen mit den eigenen Bedürfnissen nicht wahrnehmen, helfen nicht gegen das Gefühl der Einsamkeit, im Gegenteil, sie verstärken es noch. Wie viel besser, so denkt man dann, wäre es, ganz allein zu sein. Zumindest wäre dann keiner da, welcher einen übersehen könnte. Aber: Wäre es nicht schöner, (einen) Menschen an seiner Seite zu haben, von dem man sich verstanden fühlt?

Text, Illustration und Übersetzung
Marc Veerkamp, 1971 in Alkmaar geboren, wusste schon als kleiner Junge, dass er Schriftsteller werden wollte. Er begann als Journalist und spezialisierte sich auf pädagogische Themen. Im Lauf seiner Karriere verlagerte er seinen Schwerpunkt auf die Belletristik. Heute arbeitet Marc Veerkamp hauptsächlich für Film, Fernsehen und Theater – und schreibt nebenher Bücher. Bär ist nicht allein ist das erste gemeinsame Bilderbuch mit der Illustratorin Jeska Verstegen. Während er die richtigen Worte fand, hat sie kongeniale Bilder dafür geschaffen.

Jeska Verstegen wurde 1972 in Delft geboren. Als sie klein war, liebte sie nichts mehr, als zu zeichnen, zu fantasieren und sich in ihrer eigenen Traumwelt zu verlieren. Verstegen machte eine Ausbildung zur Webzeichnerin und illustriert seit 1990 Kinderbücher. Neben ihrer zeichnerischen Arbeit schreibt sie auch.jeskaverstegen.nl | @jeska_verstegen

Rolf Erdorf, geboren 1956, studierte Romanistik, Germanistik und Niederländische Philologie und arbeitete im Anschluss einige Jahre als freier Journalist für den niederländischen Rundfunk. Seit 1989 ist er hauptberuflich niederländisch-deutscher Übersetzer mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur sowie Kunst- und Kulturgeschichte. Für seine Übersetzungen aus der niederländischen Kinder- und Jugendliteratur erhielt er mehrere Preise, darunter den renommierten niederländischen Martinus Nijhoff Prijs sowie den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Gustav-Heinemann-Friedenspreis.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber‏: ‎ Freies Geistesleben; 1. Edition (23. August 2023)
  • Sprache‏: ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe‏: ‎ 32 Seiten
  • ISBN-13‏: ‎ 978-3772528019
  • Lesealter‏: ‎ Ab 5 Jahren

Ole & Paul: Unfair

«Uuun-fair!!!!» schallt es durchs Kinderzimmer. «Mama darf ins Kino! Papa darf fernsehen! Ella schläft! Nur ich soll aufräumen – das ist sowas von unfair!!!!»

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, das sagt: «Alle anderen haben es viel besser als ich, nur ich muss…» oder «…nur ich darf nicht.»

So geht es Milo, der sein Zimmer aufräumen muss und denkt, dass die anderen seiner Familie es besser haben. Er steigert sich förmlich in dieses Gefühl hinein: die Wut steigt, das Leben erscheint ihm unfair. Ein Spielzeugritter will ihn mit Tadel und guten Argumenten belehren und zur Vernunft bringen. Damit kommt er bei Milo nicht weit. Da mischt sich das Schlaf-Schaf ein. Es zeigt Milo, dass jeder einen anderen Blick auf die Welt hat und jeder seine eigenen Schwierigkeiten mit sich trägt. Es ist manchmal gar nicht einfach, zu sagen, was fair und was unfair ist. Und gibt es schlussendlich nicht etwas, das über allem steht und viel wichtiger ist?

Ein wunderbares Buch darüber, dass es wichtig ist, verschiedene Standpunkte einzunehmen. Die Geschichte von Milo erinnert uns, dass wir immer nur einen Teil sehen und das oft nicht reicht, um wirklich ein Urteil zu bilden. Wenn Milo sein Zimmer aufräumen muss, bedeutet das auch, dass er eines hat und dass in diesem Zimmer viele Spielsachen liegen. Wäre das nicht eher ein Grund, dankbar zu sein als wütend?

Dieses wunderbare Buch entführt den Betrachter – egal, ob gross oder klein – mit einer warmherzigen Geschichte und fröhlichen, bunten Illustrationen an einen Ort, an dem wir alle schon mal waren: Den des Vorurteils. Es zeigt, ohne belehrend zu wirken, dass die Dinge ganz anders sein können, als wir vorschnell denken. Es zeigt, wie wichtig es ist, unseren Standpunkt zu verlassen und das Leben auch von einer anderen Seite zu betrachten. Nicht zuletzt ist es ein Hinweis darauf, dass über allem immer etwas stehen sollte, das grösser ist: die Liebe. Mit ihrer Hilfe lassen sich viele Situationen besser bewältigen.

Fazit
Eine liebenswürdige, kindgerechte, zum Nachdenken anregende Geschichte mit wunderbar bunten Illustrationen für kleine und grosse Menschen. Das Buch eignet sich sowohl zum Vorlesen als auch als Erst-Lesebuch.

Wer hat’s gemacht?
Ole Puls, Executive Creative Director der Düsseldorfer Agentur komm.passion, schreibt täglich Storylines für große Marken. Manchmal kleine Geschichten für seinen sechsjährigen Sohn. Und beides mit der gleichen Freude an besonderen Erzählperspektiven.

Paul Trakies ist als freiberuflicher Illustrator für die Werbe- und Architekturbranche tätig, hat sich aber irgendwann eingebildet auch Kinderbücher zu illustrieren. Er lebt mit seiner Familie in Freising bei München.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Herder; 1. Edition (30. Januar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 32 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3451716782
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 4 Jahren

Alex Schulman: Endstation Malma

Inhalt

«Diese legendäre Zugfahrt! Erzähl noch mal, wie das war! Sie haben die Geschichte so oft wiederholt, voreinander wie auch vor anderen. Einmal hat sie gesagt, sie wisse allmählich selbst nicht mehr, was daran stimme und was nicht, Oskar dagegen erinnert sich an alles.»

Ein Mädchen fährt mit seinem Papa im Zug nach Malma. Ebenso tut es ein Ehepaar, welches Glück nur noch im Präteritum kennt, und eine junge Frau, die Antworten auf ihre Fragen sucht. *Endstation Malma», das sind drei Geschichten, die sich wie drei Stränge zu einem Zopf verbinden. Dreimal fahren wir als Leser mit den Protagonisten nach Malma, dreimal werden Zeugen von Beziehungen, ihren Tiefen und Abgründen und ihren Dynamiken. Wir nehmen Teil am Leben einzelner Menschen und machen uns mit ihnen auf die Suche nach den Antworten auf ihre brennenden Lebens-Fragen.

Gedanken zum Buch

«Harriet sucht nach Anzeichen von Verärgerung in seinem Blick oder in seinen Bewegungen. Heute achtet sie besonders darauf, denn dass sie diese Reise unternehmen, liegt an ihr, sie fühlt sich deshalb in ihrer Schuld. Nur ihretwegen steht Papa jetzt dort, sie trägt die Verantwortung dafür…»

Nach der Trennung der Eltern bleibt Harriet bei ihrem Vater, ihre Schwester geht mit ihrer Mutter fort. Harriet weiss, dass ihr Vater auch lieber ihre Schwester bei sich gehabt hätte, sie hörte es bei einem Streit der Eltern. Harriet hat Mitleid mit ihrem Vater, weil er sich mit ihr abfinden musste, und sie versucht fortan, ihm alles recht zu machen. Sie fühlt sich verantwortlich für seinen Schmerz, seine Probleme, und auch dafür, wenn die Welt für ihn nicht rund läuft.

«Da haben wir sie, in all ihrer Pracht, die grossartige Geschichte, wie sie sich kennenlernten. Immer haben sie sie als etwas durch und durch Romantisches erzählt. Doch jetzt, angesichts der Ereignisse am Abend zuvor, fällt Oskar plötzlich auf, dass ihre Geschichte genauso begonnen, wie sie geendet hat: mit einer Lüge.»

Max Frisch sagte einst, wir erzählen uns Geschichten, die wir dann für unser Leben halten. So geht es auch unserem Paar in dieser Erzählung. Sie lebten ein (gemeinsames) Leben und haben verschiedene Versionen von Geschichten. In glücklichen Zeiten waren es romantische, jetzt, im Angesicht der Krise, sind es ernüchternde. Die Frage ist schlussendlich: Welches ist  die richtige Geschichte? Gibt es überhaupt diese eine richtige Geschichte oder erzählen wir Geschichten je nach Stimmungslage und Situation anders? Sind vielleicht alle Versionen richtig, weil sich ein Leben nur durch einen Kontext erfahren lässt, welcher der Geschichte und dem Leben eine Form und einen Sinn gibt? Was passiert, wenn wir uns unsere Geschichten bewusst anders erzählen, als sie sich aktuell richtig anfühlen?

«Sie dachte wieder an ihre Mutter. Seit Jahren hatte sie keinen Gedanken an sie verschwindet. An dem Tag, an dem sie vor zwanzig Jahren aus ihrem Leben getreten war, hatte sie beschlossen, sie auszuradieren… Doch jetzt erschien sie ihr plötzlich in neuen Erinnerungsbildern, die ihr keine Ruhe liessen.»

Wir neigen oft dazu, unliebsame Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu streichen. Wir verdrängen das Schmerzhafte, lassen nur dem Schönen Platz, um das Schwere aus der Vergangenheit nicht in die Gegenwart tragen zu müssen. Meist gelingt das nur vordergründig. Tief drin wirkt die Vergangenheit weiter, sie setzt sich fest, treibt ihr Unwesen im Unbewussten und bricht irgendwann wieder hervor. Nicht selten dann mit einer Gewalt, die vieles durcheinander wirbelt.

«Nur ein einziges Mal im Leben geschieht es, dass man einen Blick auf sich selbst erhascht. Und dies, und nur dies, wird entweder zum glücklichsten oder zum schrecklichsten Moment des eigenen Lebens.»

Drei Lebensgeschichten, eine Zugfahrt. Dass die drei Erzählstränge zusammenhängen, ist von Anfang an offensichtlich. Das tut der Spannung keinen Abbruch, da jede Geschichte viele offene Fragen mit sich bringt: Was haben die Protagonisten erlebt, wie wurden sie, wer sie sind, und wie hat die eine Geschichte die andere geprägt. Im Zentrum steht immer die Grundfrage, wie Verhaltensweisen, Muster und Eigenschaften in Familien weitervererbt werden. Für die Antworten dieser Fragen gilt: Einsteigen, Platz nehmen, lesen.

Das Buch scheint in seinem Erzählfluss das Thema aufzugreifen. Wie eine Dampflokomotive fährt die Geschichte schnaubend, etwas zäh an, nimmt dann mehr und mehr Fahrt auf, um schlussendlich mit Volldampf aufs Ende zuzusteuern.

Fazit

Ein tiefgründiger, vielschichtiger Roman darüber, wie Familien und Beziehungen prägen. Bewegend, warmherzig, zum Nachdenken anregend.

David Levithan, Jennifer Niven: Nimm mich mit dir, wenn du gehst

Inhalt

«Vielleicht hatte ich einfach genug davon, immer alle zu enttäuschen. Hatte die Nase voll davon, dass jeder von mir zu erwarten schien, ich würde eines Tages genau das tun, was ich jetzt getan habe – einfach verschwinden. »

Bea und Ezra wachsen bei ihrer Mutter und dem gewalttätigen Stiefvater Darren auf. Gewalt und Abwertungen sind an der Tagesordnung. Eines Tages ist Bea verschwunden. Keiner weiss wohin. Bis sie via Mail mit Ezra Kontakt aufnimmt. Im Mailaustausch kommen mehr und mehr die Schrecken des Aufwachsens zur Sprache, das Schreiben dient dem Erinnern, der Erkenntnis, dem Herausfinden, wer Bea und Ezra sind und was sie vom Leben erwarten (können und wollen). Und über allem steht immer die Frage: Wie geht es nun weiter? Wohin führt der Weg in Freiheit?

Gedanken zum Buch

««Ist bei euch zu Hause irgendetwas vorgefallen? Gibt es Probleme?»

Da verliess mich meine Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit. Ich konnte ja schlecht antworten: Bei uns zu Hause gibt es immer Probleme. Das wäre ja wie eine Einladung gewesen, bei mir noch weiter nachzuhaken. Und dann hätte ich noch mehr Probleme bekommen.»

Kinder, die zu Hause Gewalt erleben oder in prekären Verhältnissen aufwachsen, schämen sich oft dafür. Die Täter müssen ihnen oft nicht mal einbläuen, nach aussen den Schein zu wahren, die Scham und oft auch Schuldgefühle, selbst der Grund für diese Zustände zu sein, hindern sie am Reden. Und dann ist da noch die Angst: Angst, es könnte noch schlimmer werden, wenn jemand von all dem erfährt. Angst, dass die Gewalt sich potenziert und sich noch mehr auf ihnen entlädt. Diese Angst kann nur weniger werden, wenn sie lernen, zu vertrauen. Wenn sie merken, dass es Menschen gibt, die nichts Böses wollen, die da sind, die gut sind. Dabei ist Gewalt nie nie nur äusserlich, sie dringt tief in die Kinderseele ein und richtet da viel Unheil an. 

«Im Hinterkopf habe ich immer diesen fetten, nagenden Zweifel, der mir zuruft: Das schaffst du nicht. Du wirst scheitern. Du wirst immer bei allem scheitern, egal, was du tust, denn so ist es mit dir, das bist du, du bist eine Versagerin, eine Loserin, ein Nichts.»

Wenn ein Kind oft und lange hört, was es alles falsch macht, dass es zu nichts taugt, dass es nichts wert ist, brennt sich das ein. Die realen Stimmen mögen aus dem Leben verschwunden sein, doch sie wirken tief drin weiter. Sie setzen sich in Glaubenssätzen fest, die immer wieder auftauchen, die sagen: «Du bist nicht genug, du schaffst das nicht.“

«Wenn du daran gewohnt bist, dass alle Menschen mies mit dir umgehen, fällt es dir schwer, damit klarzukommen, wenn jemand einfach nur nett zu dir ist. Deine instinktive Reaktion ist dann, alles kaputtzumachen. Davonzurennen.»

Vertrauen bildet sich in der Kindheit. Das Aufwachsen in einem liebevollen Umfeld hilft dabei, einerseits Selbstvertrauen aufzubauen, andererseits auch auf andere Menschen zu vertrauen. Fehlt beides, steht man oft auf unsicherem Boden. Man zweifelt an sich und der Welt, kann kaum glauben, dass jemand einen liebt, dass jemand bei einem bleibt. Der möglichen Enttäuschung kommt man gerne zuvor, indem man selbst aus Beziehungen und Situationen flieht, bevor man gehen muss, weil der andere einen wegstösst.

Mit all dem hat vor allem Bea zu kämpfen, aber auch Ezra ist betroffen. Wir begleiten die beiden Jugendlichen auf ihrem Weg in ein eigenes Leben, das frei ist von all der Gewalt und seelischen Grausamkeit ihres Aufwachsens. Wir begleiten zwei junge Menschen dabei, herauszufinden, dass es möglich ist, auszubrechen und das eigene Leben in die Hand zu nehmen.  

Fazit
Ein packendes Buch zu einem wichtigen (und schwerwiegenden) Thema, das gerade bei Betroffenen viel auslösen kann. Darum: Eine Triggerwarnung ans Ende des Buchs zu stellen, ist etwa gleich sinnvoll wie ein Regenschirm, der einen zu Hause erwartet nach einem Spaziergang im strömenden Regen. Aber auch ein Buch, das Mut macht, das Hoffnung gibt, weil es Wege aufzeigt, weil es zeigt, dass viel möglich ist. Trotzdem.

(Jugendbuch, ab 14 Jahren)

Paul Auster: Baumgartner

Inhalt

«Sie fehlt mir, das ist alles. Sie war die Einzige auf der Welt, die ich jemals geliebt habe, und jetzt muss ich herausfinden, wie ich ohne sie weiterleben kann.»

Fast zehn Jahre ist es her, dass Baumgartners Frau Anna gestorben ist. Zehn Jahre, in denen er scheinbar wie früher weiterlebte, und doch nichts wie früher war. Baumgartner hält nur den Schein aufrecht, er stürzt sich in die Arbeit, in immer neue Buchprojekte. Anna war Dichterin und Übersetzerin. Eines Tages geht er in ihr Arbeitszimmer, das bis heute aussieht, wie sie es verliess. Er findet ihre Manuskripte, liest sie. Er erinnert sich an Anna, an ihre gemeinsame Geschichte, an das Leben, als es noch seines war. Das Leben gibt es nicht mehr, ein neues stellt sich nicht ein. Bis er eines Tages von Anna träumt. Nach diesem Traum ist alles anders. Nun fühlt er sich frei, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. Wohin es ihn wohl führen wird?

Gedanken zum Buch

«…Zeit ist jetzt das Wesentliche, und wie soll er wissen, wie viel ihm noch bleibt. Nicht nur, wie viele Jahre, bis er ins Gras beisst, sondern wichtiger, wie viele Jahre tätigen, produktiven Lebens, bevor sein Geist oder sein Körper oder beide ihn im Stich lassen und er zu einem schmerzgepeinigten, verblödeten Trottel wird, der nicht mehr lesen und schreiben kann, der vergisst, was vor vier Sekunden jemand zu ihm gesagt hat, und schlicht keinen mehr hochkriegt, ein Horror, an den er gar nicht denken will.»

Professor Seymor T. Baumgartner, so heisst unser Held, ist Pragmatiker. Er geht durchs Leben und sucht nach Lösungen für alles, was ansteht. Wir begleiten den Phänomenologen durch seinen Alltag, folgen ihm bei seinen Erinnerungen durch seine Kindheit, sein Aufwachsen, seine Beziehung mit Anna, und sind schliesslich Zeugen seines Umgangs mit deren Tod. Er ist älter geworden. Er vergisst Dinge, Missgeschicke passieren. All dem begegnet er mit Selbstironie. Er nimmt sich selbst nicht zu ernst. Damit kommt er mit allem gut zurande, nur mit einem nicht: Dem Verlust von Anna.

«Er denkt an Mütter und Väter, die um ihre toten Kinder trauern…, und wie sehr ihr Leid den Folgeerscheinungen einer Amputation gleicht, gehörte doch das fehlende Bein oder der fehlende Arm einmal zu einem lebenden Körper, wie der fehlende Mensch einmal zu einem anderen lebenden Menschen gehörte…»

Nachdem er schon viele philosophische Bücher geschrieben hat, befasst er sich aktuell mit Kierkegaard. Das ist wohl kein Zufall, handelt doch eines von dessen berühmtesten Werken von Krankheit und Tod. Baumgartner versucht, den Verlust seiner geliebten Frau wissenschaftlich zu erfassen, er zieht den Vergleich mit einer Amputation und dem Phantomschmerz, den der Betroffene sein Leben lang fühlt. Das Gefühl, dass ihm eine Hälfte (und wohl im wahrsten Sinne des Wortes die bessere) wegfiel und ihn unvollständig zurückliess, lässt nicht nach.

Knapp zehn Jahre nach Annas Tod träumt er einen Traum, in dem Anna lebt und zu ihm spricht. Obwohl er weiss, dass dies alles nicht Realität ist, hat es auf ihn eine Wirkung: Er ist frei für ein Weiterleben. Musste er sich zuerst all den Erinnerungen stellen, um an den Punkt zu kommen? Brauchen gewisse Dinge einfach ihre Zeit, die für jeden Menschen anders sind?

Fazit
Grossartige Literatur von einem wahren Meister seines Fachs. Das Buch ist still und leise, nie pathetisch, ohne Kitsch und Sentimentalität. Obwohl das Thema traurig ist, Baumgartner eigentlich ein Leidender, besticht das Buch durch eine Leichtigkeit, eine Hoffnung, die zwischen den Zeilen mitschwingt, dass das Leben doch gelebt werden will und soll und es auch wird. Wie nur soll so ein Buch enden? Auch das ist Paul Auster wunderbar gelungen. Ich ziehe meinen Hut!