Lesezeiten – Joseph Stiglitz: Der Weg zur Freiheit

«Eine zentrale Aufgabe kollektiven Handelns besteht darin, die Freiheit aller Menschen zu erweitern…»

In seinem neusten Buch Der Weg zur Freiheit hat der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sein Denken der letzten Jahrzehnte pointiert und eindringlich neu formuliert. Wer Stiglitz kennt, wird vieles wiedererkennen, wirkliche Neuentdeckungen sind kaum zu erwarten. Trotzdem ist das Buch nicht einfach eine (und schon gar keine überflüssige) Zusammenfassung alter Ideen, sondern es trifft den Nerv der Gegenwart, weil es einen Begriff ins Zentrum rückt, der politisch umkämpfter kaum sein könnte: die Freiheit.

«Wenn die Handlungen einer Person sich auf andere auswirken, müssen wir Mittel und Wege finden, um diese Wechselwirkungen in geordnete Bahnen zu lenken.»

Stiglitz’ zentrale These ist ebenso einfach wie folgenreich: Freiheit ist kein rein individuelles Gut, sondern ein soziales Verhältnis. Die Freiheit des einen steht oft in Spannung zur Freiheit des anderen. Damit wendet er sich entschieden gegen den neoliberalen Freiheitsbegriff, den Denker wie Hayek oder Friedman geprägt haben, eine Freiheit, die vor allem als Abwesenheit staatlicher Eingriffe verstanden wird. Für Stiglitz greift das zu kurz. Freiheit bedeutet für ihn vielmehr reale Möglichkeiten: Zugang zu Bildung, Gesundheit, Sicherheit und politischer Teilhabe. Ohne diese Voraussetzungen bleibt Freiheit eine leere Formel.

Diese Perspektive erlaubt ihm eine breit angelegte Kritik des Neoliberalismus. Märkte, so zeigt er überzeugend, sind weder neutral noch selbstregulierend. Sie produzieren Machtkonzentrationen, verstärken Ungleichheiten und externalisieren Kosten, etwa in Form von Umweltzerstörung oder sozialer Unsicherheit. Besonders stark ist das Buch dort, wo Stiglitz diese Dynamiken konkret durchbuchstabiert: bei der Finanzkrise, bei globalen Handelsregimen oder im Umgang mit der Klimakrise. Seine Argumentation bleibt nicht nur theoretisch, sondern er greift immer wieder zurück auf seine Erfahrung als Berater und Weltbank-Ökonom.

Freiheit ist in der Moderne oft interessengeleitete Forderung verwendet worden. Er steht als Forderung einer politischen Rhetorik im Raum, welche Freiheit auf Deregulierung und Marktlogik reduziert. Dem setzt Stiglitz ein positives Verständnis des Begriffs entgegen und definiert Freiheit als Erweiterung menschlicher Handlungsspielräume. Aus dieser Perspektive ist der Staat und dessen Handeln nicht der Gegner oder gar Verhinderer von Freiheit, sondern er ermöglicht Freiheit erst. Staatliche Regulierungen sind keine Einschränkung, sondern sie sind Bedingung eines fairen Ausgleichs von Freiheiten.

Hier liegt allerdings auch eine Schwäche des Buches. So überzeugend die Diagnose ist, so vage bleiben oft die Lösungsansätze. Stiglitz’ Konzept eines „progressiven Kapitalismus“ oder einer erneuerten Sozialdemokratie bleibt skizzenhaft. Viele Vorschläge wirken wie Spiegelbilder neoliberaler Positionen, ohne in ihrer konkreten politischen Umsetzung ausgearbeitet zu sein. Gerade angesichts der Komplexität globaler Machtverhältnisse und der Dynamik aktueller politischer Entwicklungen hätte man sich hier mehr Präzision gewünscht.

Hinzu kommt, dass Stiglitz’ Kritik bisweilen asymmetrisch bleibt. Autoritäre Tendenzen auf der politischen Rechten analysiert er scharf und überzeugend, problematische Entwicklungen innerhalb progressiver Bewegungen oder die Ambivalenzen moderner Demokratien geraten hingegen weniger in den Blick. Das schwächt den Anspruch, eine umfassende Diagnose der Gegenwart zu liefern.

Dennoch ist Der Weg zur Freiheit ein wichtiges Buch. Nicht, weil es radikal Neues bietet, sondern weil es einen zentralen Begriff unserer politischen Ordnung neu justiert. Stiglitz zeigt, dass Freiheit ohne Gerechtigkeit zur leeren Hülle wird oder schlimmer: zu einem Instrument der Macht. Sein Buch ist damit weniger ein detaillierter Fahrplan als ein normativer Kompass. Es erinnert daran, dass eine freie Gesellschaft nicht dort beginnt, wo der Staat sich zurückzieht, sondern dort, wo Menschen tatsächlich die Möglichkeit haben, ihr Leben zu gestalten.

Denkzeiten- Verantwortung für die Welt

„Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“
Hannah Arendt

Philosophie, verstanden als ernsthafte Praxis des Denkens, ist nicht die Akkumulation von Wissen, sondern ein Vollzug: das fortwährende Bemühen, die Dinge zu verstehen, ihnen auf den Grund zu gehen, ihre Voraussetzungen zu prüfen. In diesem Sinne ist Philosophie weniger ein Substantiv als ein Verb. Sie existiert nur als Praxis des Fragens, Hinterfragens und Begründens. Ihr Telos ist Wahrheit, nicht im Sinne eines endgültigen Besitzes, sondern als regulative Idee, die das Denken orientiert.

Diese Praxis ist wesentlich sprachlich vermittelt. Sprache ist dabei nicht bloß Ausdruck eines bereits fertigen Gedankens, sondern konstitutiv für dessen Entstehung. Philosophieren ist daher notwendig dialogisch strukturiert: Es vollzieht sich im Austausch, im Widerspruch, im Aushalten von Differenz. Erst in der Konfrontation mit anderen Perspektiven gewinnt Denken an Präzision, Reichweite und Tragfähigkeit. Verständigung ist dabei integraler Bestandteil dieses Prozesses. Im Idealfall mündet er in Konsens; mindestens aber ermöglicht er ein Fortschreiten des Verstehens, das isoliert nicht zu erreichen wäre.

Philosophieren ist auf Kommunikation angewiesen. Diese ist eine soziale Praxis, die auf einen Raum angewiesen ist, in dem sie sich entfalten kann. Ein solcher Raum muss Pluralität nicht nur zulassen, sondern er setzt sie voraus als Koexistenz unterschiedlicher Perspektiven, Interessen und Erfahrungen. Er ermöglicht, Positionen zu artikulieren und gehört zu werden, ebenso wie die Bereitschaft, sich den Argumenten anderer auszusetzen. Eine Grundvoraussetzung dazu ist Vertrauen, sowohl Vertrauen in die Gesprächspartner und deren Willen zur Verständigung als auch in die Praxis selbst. Dieser Raum ist nicht einfach gegeben, sondern er wird durch die Praxis der Beteiligten immer wieder neu gestaltet.

Gerade diese Räume sind fragil geworden. Der öffentliche Raum hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert, nicht primär durch formale Einschränkungen, sondern durch Verschiebungen im Umgangston und in impliziten Erwartungen. Kritik wird rasch als Angriff wahrgenommen, Differenz personalisiert, Positionen werden nicht mehr argumentativ geprüft, sondern sozial codiert. Es entsteht ein Klima subtiler, aber wirksamer Sanktionierung, das unter dem Anspruch wachsender Toleranz paradoxerweise die Grenzen des Sagbaren verengt. Man antizipiert Reaktionen, internalisiert Erwartungen und passt sich an.

Was als Rücksicht oder Selbstschutz beginnt, resultiert oft in Selbstzensur: Argumente werden zurückgehalten, Einwände nicht geäußert, Positionen abgeschwächt. Nicht, weil sie unbegründet wären, sondern weil ihre Artikulation soziale Kosten verursacht: Missverständnis, Zuschreibung, potenzieller Ausschluss. Der Wunsch nach Zugehörigkeit wirkt dabei als regulative Kraft, die den Rahmen des Sagbaren verschiebt. Mit dieser Verschiebung verändert sich nicht nur das Sprechen, sondern auch das Denken.

Denken ist keine rein innerliche Tätigkeit. Denken bedarf der Artikulation, der Responsivität, der Prüfung im Gegenüber. Ohne diese Rückkopplung verliert es an Schärfe und Differenziertheit. Der Rückzug aus der Öffentlichkeit ist daher kein neutraler Akt, sondern ein epistemischer Verlust. Wer nicht mehr spricht, denkt anders: vorsichtiger, weniger präzise, weniger weit.

Die Dynamik sozialer Medien hat diesen Prozess verstärkt. Ursprünglich als Räume des Austauschs konzipiert, folgen sie zunehmend einer Logik der Aufmerksamkeit, die Zuspitzung, Polarisierung und Affekt begünstigt. Differenzierung, Argumentation und Sachlichkeit geraten ins Hintertreffen. Es entstehen kommunikative Milieus, die zur Abschließung neigen, in denen Bestätigung Vorrang vor Prüfung erhält. Für viele wirkt dieser Raum damit dysfunktional: nicht mehr tragfähig für ernsthafte Auseinandersetzung, sondern ermüdend, bis hin zum vollständigen Rückzug.

Dieser Rückzug vollzieht sich selten abrupt. Er geschieht schrittweise durch reduzierte Beteiligung, durch das Zurückhalten von Einwänden, durch den Verzicht auf Artikulation. Mit der Zeit geht nicht nur die Verbindung zu anderen verloren, sondern auch zur Sache selbst. Gedanken, die keinen Ausdruck finden, verlieren an Evidenz; sie erscheinen erst kontingent, schließlich entbehrlich. Der Weltbezug wird schwächer, und mit ihm das Selbstverhältnis.

„Öffentlichkeit lässt sich am ehesten als ein Netzwerk für die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen, also von Meinungen beschreiben.“
Jürgen Habermas

Öffentlichkeit ist damit nicht bloßer Hintergrund, sondern konstitutive Bedingung eines geteilten Wirklichkeitsbezugs. Sie entsteht dort, wo Perspektiven eingebracht, aufeinander bezogen und geprüft werden. Wo diese Praxis erodiert, bleibt Gesellschaft als Struktur bestehen, doch die gemeinsame Welt verliert an Dichte. Pluralität wird nicht mehr gelebt, sondern vermieden.

Vor diesem Hintergrund ist der Rückzug ins Private keine harmlose Option. Das individuelle Verstummen hat politische Implikationen. Demokratie ist nicht allein ein institutionelles Arrangement, sondern eine Praxis: Sie lebt von der aktiven Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger, von ihrer Bereitschaft zu urteilen, zu argumentieren und zu widersprechen. Wo diese Praxis ausbleibt, bleibt die Form bestehen, während der Gehalt erodiert.

Das verbreitete Argument, man könne ohnehin nichts bewirken, verkennt die Struktur politischen Handelns. Dieses ist nicht primär instrumentell zu verstehen. Es zielt nicht ausschließlich auf unmittelbare Wirkung, sondern auf Sichtbarkeit, Orientierung und die Offenhaltung des gemeinsamen Raums. Es eröffnet neue Perspektiven, macht Differenzen sichtbar und schafft die Voraussetzungen von Verständigung. Wer schweigt, entzieht sich nicht nur dieser Praxis, sondern überlässt sie anderen.

Schweigen ist nicht neutral. Es ist Zustimmung durch Unterlassung. Die Konsequenz daraus ist nicht, dass jede Äußerung laut oder konfrontativ sein müsste. Im Gegenteil: Was fehlt, ist weniger Lautstärke als mehr Urteilskraft, nämlich die Fähigkeit zu unterscheiden, zu begründen, abzuwägen und gegebenenfalls zu revidieren. Es bedarf einer Sprache, die klärt, statt zu eskalieren, und einer Haltung, die Kritik ermöglicht, ohne den anderen zu negieren.

Dies setzt Mut voraus. Es braucht die Bereitschaft, die eigene Verletzlichkeit nicht zum Maßstab des Sagbaren werden zu lassen. Der Wunsch nach Zugehörigkeit ist legitim, darf jedoch nicht die Grenzen des Denkens und Sprechens bestimmen. Wer ausschließlich das äußert, was akzeptiert wird, verliert die Fähigkeit zur eigenständigen Urteilsbildung und damit einen wesentlichen Aspekt seiner Freiheit.

„Politik […] ist etwas, was für menschliches Leben eine unabweisbare Notwendigkeit ist, und zwar sowohl für das Leben des Einzelnen wie das der Gesellschaft.“
Hannah Arendt

Die Rückkehr zur Kommunikation als ernsthafte, auf Verständigung gerichtete Praxis ist daher keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Es gilt, den Raum offenzuhalten, in dem gemeinsame Welt überhaupt erst entstehen kann – im Gespräch, im Text, im Widerspruch.

Eine Gesellschaft, in der viele schweigen, ist nicht friedlich. Sie ist leer.

Lesezeiten – Grit Strassenberger: Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert

«Der Mensch ist stehts mehr, als von ihm erkannt wird.» Karl Jaspers

Beim Blick in die Regale voller Publikationen über Hannah Arendts Leben und Werk stellt sich die Frage, ob nicht bald mal alles geschrieben und wirklich Neues noch möglich sei. Grit Straßenberger hat den Versuch gewagt und legt mit Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert eine Biografie vor, deren zentrales Erkenntnisinteresse die ebenso schlichte wie anspruchsvolle Frage ist: Wer war Hannah Arendt? Thema sind dabei nicht nur die Autorin und ihre grossen Werke, sondern auch sie als Person, als Freundin, als Gesprächspartnerin, als Knotenpunkt eines intellektuellen Netzwerks.

«Dichterisch denken – hierin erkennt Arendt eine Möglichkeit, menschliche Geschichte auch in ihren Abgründen zu verstehen. Erzählen ist für sie eine Methode, um das Abgründige, das, was nie hätte geschehen dürfen, zu benennen, zu erinnern und sich mit dem, was geschehen ist, zu versöhnen.»

Straßenberger beantwortet diese Frage, indem sie Leben und Denken konsequent miteinander verschränkt. Der biografische Faden folgt den historischen Zäsuren des 20. Jahrhunderts – Emigration, Totalitarismus, Exil, Neubeginn –, doch er wird immer wieder durch Arendts Werk gespiegelt. Besonders stark ist das Buch dort, wo es zeigt, wie sehr Arendts Denken aus konkreten Erfahrungen hervorgeht: aus Fremdheit, Verlust, politischer Katastrophe und aus dem Bedürfnis, all dies nicht nur zu erleiden, sondern verstehen zu wollen.

«Freundschaft war für die streitlustige Aristotelikerin weit mehr als persönliche Beziehungspflege: nämlich ein genuin politischer Modus des Sich-in-Beziehung-Setzens… Freundschaft bedeutete für sie vielmehr, Konflikte auszutragen und Uneinigkeit zu riskieren.»

Daneben zielt der Blick Strassenbergers auf Arendts Beziehungen. Straßenberger entfaltet ein dichtes Geflecht aus Freundschaften, Briefwechseln und intellektuellen Begegnungen, neben Karl Jaspers, Walter Benjamin, Martin Heidegger und Mary McCarthy ein Grossteil des damaligen intellektuellen Who’s whos. Hannah Arendt war alles andere als eine isolierte Denkerin im stillen Kämmerchen (wobei sie diese Momente auch suchte und brauchte), sondern sie entwickelte ihr Denken wesentlich im Dialog mit Freunden. Die «Virtuosin der Freundschaft» war überzeugt, dass Freundschaft auch unterschiedliche Meinungen und harte Kontroversen aushalten muss.

Auch in der Darstellung der Werke überzeugt das Buch. Straßenberger gelingt es, zentrale Texte wie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft oder Eichmann in Jerusalem verständlich einzuordnen, ohne sie zu vereinfachen. Dabei bleibt sie in der Regel erklärend und hält sich mit Interpretationsversuchen zurück. Dadurch wahrt sie die Komplexität. Das ist eine Stärke, weil es die Komplexität wahrt und Polarisierungen vermeidet. Dies wird vor allem bei der Kontroverse um Eichmann in Jerusalem deutlich, welche eher aus Arendts Perspektive erzählt wird, ohne aber direkt Stellung zu beziehen, während gewichtige Gegenargumente nur am Rand erscheinen.

Der Ton des Buches ist von Sympathie geprägt, ohne in unkritische Verehrung zu kippen. Straßenberger zeigt Arendts Ambivalenzen – ihre Eigenwilligkeit, ihre Konfliktfreude, ihre gelegentliche Unnachgiebigkeit. Doch sie bleibt meist im Modus des Verstehens, weniger des Urteilens. Dadurch fehlt ab und zu ein wenig die Spannung im Buch.

Formal ist die Biografie klar strukturiert und gut lesbar, auch wenn sich gelegentlich Wiederholungen und Redundanzen einschleichen. Das schmälert den Gesamteindruck jedoch kaum. Denn gerade stilistisch gelingt Straßenberger etwas Entscheidendes: Sie macht Arendt zugänglich, ohne sie zu trivialisieren.

«Gegen diese gefährliche Melange von Konformismus, Despotismus und Nationalismus machte Arendt sehr deutlich, was sie unter Demokratie oder unter der ‘Herrschaft des Volkes’ verstand: nämlich ‘das Recht aller, an öffentlichen Angelegenheiten teilzunehmen und im öffentlichen Raum zu erscheinen und sich zur Geltung zu bringen.»

Besonders gelungen ist der Epilog, in dem Straßenberger Arendts Verhältnis zur Demokratie zuspitzt. Hier werden nochmals Arendts tiefgründiges Denken und ihre Positionen deutlich: sie war skeptisch gegenüber Massengesellschaft und Parlamentarismus, setzte auf politische Freiheit und bürgerliche Verantwortung. Vieles entwickelte sie aus ihren eigenen Erfahrungen als Verfolgte, Flüchtling, Heimatlose, welche sie durch eigenständiges Denken zu konzisen Analysen formte. Entstanden sind Werke, die zugleich Analysen der Gegenwart als auch Theorien von Politischen Strukturen generell sind. Daraus entsteht eine Aktualität, die auch heute noch anhält, man könnte fast von einem Boom sprechen. Deutlich wird vor allem auch eines: Hannah Arendt lässt sich nicht leicht einer Strömung oder Richtung zuordnen. Sie selbst negierte auch immer die Versuche anderer, dies zu tun.

Die Denkerin ist weniger eine Biografie im klassischen Sinn als ein Versuch, Leben, Werk und Zeit in ein gemeinsames Bild zu bringen. Straßenberger gelingt dies auf eine informative und differenzierte Weise. Wer Hannah Arendt neu entdecken oder vertiefen möchte, findet hier einen fundierten und zugleich lebendigen Zugang.

Lesezeiten: Erich Fromm – Haben oder Sein

„Solange jeder mehr haben will, müssen sich Klassen herausbilden, muss es Klassenkampf und, global gesehen, internationale Kriege geben.“

Erich Fromms Buch Haben oder Sein ist längst ein Klassiker. Fromm unterscheidet hier zwei Weisen des menschlichen Lebens: der Haben-Modus und der Sein-Modus. Fromms zentrale These lautet, dass die moderne westliche Gesellschaft weitgehend vom Haben geprägt ist – und gerade darin ihre Krise liegt.

„(…) wenn Haben mein Ziel ist, bin ich umso mehr, je mehr ich habe (…)“

Der Haben-Modus beschreibt eine Haltung, in der der Mensch sein Leben über Besitz, Kontrolle und Aneignung definiert. Dinge, Wissen, Beziehungen und sogar Erfahrungen werden zu Objekten, die man „hat“. Aus einer solchen Perspektive wird Identität über Eigentum und Konsum aufgebaut: Ich bin, was ich besitze. Fromm zeigt, wie tief diese Logik in Wirtschaft, Sprache und Denken verankert ist. Das fängt schon früh an, nämlich in der Schule, wo Bildung häufig als Ansammlung von Wissen verstanden wird, das man besitzt, statt als lebendiger Prozess des Verstehens.

Dem stellt Fromm den Sein-Modus gegenüber. Sein bedeutet für ihn Lebendigkeit, Aktivität und Teilhabe. Ein Mensch im Sein-Modus strebt nach Produktivität: Er liebt, denkt, schafft und erfährt die Welt nicht als Objekt, sondern als Beziehung. Lernen bedeutet hier nicht, Wissen zu sammeln, sondern sich von etwas berühren und verändern zu lassen. Fromm zeigt auf, dass diese Sicht auf einer langen Tradition gründet, von der mystischen Tradition über den Buddhismus bis zu Meister Eckhart und Marx.

„Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?“

Die Ausrichtung auf das Haben bleibt nicht ohne Folgen, im Gegenteil. Eine Gesellschaft, in welcher Haben zur dominierenden Lebensform wird, macht auch vor den Menschen nicht Halt: sie werden zu Dingen, zu funktionalen Ausführern von Aufgaben zum Erreichen noch mehr Habens. Dadurch werden sie von ihrer Arbeit entfremdet und bald auch von sich selbst, weil sie sich nicht mehr als produktive Subjekte, sondern nur noch als ausführende Objekte erfahren. Der Mensch hat keinen Raum zur Entfaltung mehr, sondern steht vor der Aufgabe der (Selbst-)Optimierung. Die Ausrichtung am Haben, an materiellem Wohlstand allein garantiert kein erfülltes Leben, sondern führt zu einer dauerhaften inneren Leere.

„Der Konsumentenhaltung liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit.“

Erich Fromm bleibt aber nicht bei der kulturkritischen Frage stehen, sondern er verbindet seine Diagnose mit der Frage, wie ein anderes Leben möglich wäre. Der Übergang vom Haben zum Sein verlangt eine Veränderung der Haltung: mehr Achtsamkeit, mehr echte Begegnung, mehr Mut zur inneren Aktivität statt zur passiven Konsumhaltung. Dabei bleibt Fromm realistisch genug, zu sehen, dass diese Veränderung nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich gedacht werden muss.

In der heutigen Zeit, in der wirtschaftliches Wachstum, Konsum und Selbstoptimierung das Lebensgefühl vieler Menschen prägen, wirkt Haben oder Sein erstaunlich aktuell. Seine Unterscheidung zwischen Besitzorientierung und lebendigem Sein bietet einen klaren begrifflichen Schlüssel, um viele Phänomene der Gegenwart zu verstehen – von der Konsumkultur bis zur Suche nach Sinn.

Fromms Stil ist dabei essayistisch und zugänglich. Er verbindet psychologische Beobachtung, philosophische Reflexion und gesellschaftliche Kritik zu einem Gedankengang, der auch ohne akademischen Hintergrund verständlich bleibt, was ihm von akademischen Kreisen oft angelastet wurde und wird. Gerade darin liegt aber die Stärke des Buches: Es will nicht nur erklären, sondern zum Nachdenken über die eigene Lebensweise anregen.

„Die Alternative von Haben oder Sein ist keine abstrakte philosophische Frage, sondern betrifft die praktisch wichtigste Entscheidung unseres Lebens.“ (SVS)

Haben oder Sein ist deshalb mehr als eine theoretische Analyse. Es ist ein Plädoyer für eine andere Form des Menschseins, zu einer Lebensweise, die weniger vom Besitz und mehr von Lebendigkeit, Beziehung und innerer Freiheit geprägt ist. Wer sich mit der Frage beschäftigt, was ein erfülltes Leben ausmacht, wird in diesem Buch einen ebenso klaren wie herausfordernden Gesprächspartner finden.

Lesezeiten: Erich Fromm – Die Furcht vor der Freiheit

(Original: Escape from Freedom, 1941)

Am Anfang von Erich Fromms längst zum Klassiker avancierten Buch Die Furcht vor der Freiheit steht eine einfache Frage, formuliert im Schatten des aufkommenden Faschismus: Warum fliehen Menschen vor der Freiheit, statt sie zu nutzen?

«Unser Ziel ist, zu zeigen, dass die Struktur der modernen Gesellschaft den Menschen gleichzeitig auf zweierlei Weise beeinflusst: Er wird unabhängiger, er verlässt sich mehr aus sich selbst und wird kritischer; er wird aber andererseits auch isolierter, einsamer und stärker von Angst erfüllt.»

In seiner Argumentation geht Fromm historisch vor. Er blickt auf den Menschen der Vormoderne, welcher stark in traditionelle Ordnungen (Familie, Kirche, Stand, Gemeinschaft) eingebunden ist. Diese Bindungen gaben Sicherheit und Orientierung, ließen aber wenig individuelle Freiheit. Mit der Moderne, insbesondere seit der Reformation und der Entwicklung des Kapitalismus, wird der Mensch zunehmend von diesen Bindungen gelöst. Er gewinnt Freiheit, erfährt aber zugleich auch Vereinzelung, Unsicherheit und Angst.

Hier setzt Fromms zentrale These an: Freiheit ist nicht nur Befreiung von äußeren Zwängen, sondern stellt den Menschen auch vor die Aufgabe, sein Leben selbst zu gestalten und Verantwortung zu tragen. Viele Menschen empfinden diese Offenheit als Überforderung uns reagieren mit psychologischen Mechanismen, die Fromm als „Fluchtwege aus der Freiheit“ beschreibt. Er nennt deren drei:

  • Autoritarismus – das Bedürfnis, sich einer starken Autorität zu unterwerfen oder selbst Macht über andere auszuüben.
  • Destruktivität – der Versuch, eine bedrohliche Welt zu zerstören, um sich ihrer Unsicherheit zu entziehen.
  • Konformismus – die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen, bis das eigene Selbst verschwindet.

Hier zeigt sich auch die ungebrochene Aktualität des Buches, wird hier doch sichtbar, wieso sich Menschen autoritären Systemen und politischen Bewegungen zuwenden, weil sie darin die verlorene Sicherheit und Orientierung wieder zu finden hoffen. Nach Fromm erfolgt diese Zuwendung also mehr aus anthropologischen Gründen, denn aus politischer Überzeugung.

Nach Fromm ist echte Freiheit nur dort möglich, wo der Mensch durch Liebe, Kreativität, Arbeit und verantwortliches Handeln ein produktives Verhältnis zur Welt entwickelt. Freiheit bedeutet dann nicht Vereinzelung, sondern eine aktive Beziehung zu anderen Menschen und zur Welt. Zeitweise trägt das Buch deutliche Spuren der Zeit seiner Entstehung, auch wirken gewisse soziologische Verallgemeinerungen stellenweise schematisch. Trotzdem überzeugt sein Kerngedanke: Freiheit ist kein Zustand, der einfach erreicht wird, sondern eine Aufgabe des Menschseins.

«Das einzige Kriterium für die Verwirklichung der Freiheit ist, ob der einzelne Mensch aktiv sein Leben und das der Gesellschaft mitbestimmt oder nicht, und das nicht nur durch den formalen Akt der Wahl, sondern bei seiner täglichen Arbeit und in seinen Beziehungen zu den anderen,»

Fromm erinnert daran, dass Freiheit Mut verlangt, den Mut, ein eigenes Selbst zu entwickeln, statt sich in Anpassung oder Autorität zu flüchten. Gerade in der heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Bedrohungen und komplexen Zusammenhängen ist das dringend nötig. Es ist nötig, dass Menschen sich ihrer gemeinsamen Aufgabe der Welt gegenüber erinnern und ihre Freiheit nutzen, in dieser gemeinsam zu handeln.

«Das unveräusserliche Recht des Menschen auf Freiheit und Glück ist in Eigenschaften begründet, die dem Menschen angeboren sind: in seinem Streben zu leben, sich zu entfalten und die in ihm angelegten Möglichkeiten zum Ausdruck zu finden, welche sich im Prozess der historischen Evolution in ihm entwickelt haben.»

Aus dem Bücherschrank – Markus Gabriel: Ethische Intelligenz

«Die Künstliche Intelligenz der Zukunft wird nicht wie die Roboter aus Actionfilmen auftreten, sondern wie eine dialogische Atmosphärenmaschine, eingebettet in unseren Alltag, ununterbrochen uns spiegelnd, korrigierend, erweiternd – ein Resonanzmedium unserer inneren und äusseren Welt, dem man sich nicht entziehen kann.»

Markus Gabriel gehört zu jenen Philosophen, die sich nicht damit begnügen, technologische Entwicklungen zu kommentieren, sondern versuchen, sie begrifflich neu zu rahmen. In seinem Essay „Ethische Intelligenz“ unternimmt er genau das: Er verschiebt die Diskussion über künstliche Intelligenz von der Technik zur Ethik – und damit von der Maschinentheorie zum Menschenanliegen.

Aus dieser Perspektive ist für Gabriel die KI-Revolution nicht primär eine technische, sondern eine emotionale und ethische Revolution. Er betrachtet Künstliche Intelligenz nicht als neutrales Werkzeug, sondern als Spiegel menschlicher Praxis. In ihr verdichten sich unsere Werte, Interessen und Verhaltensweisen. Als richtigen Umgang mit ihr sieht Gabriel deswegen weder die Einschränkung derselben oder sie in ihrer Entwicklung ganz den grossen Tech-Konzernen zu überlassen, sondern er ruft dazu auf, sie aktiv zu gestalten – auf Grundlage klarer ethischer Prinzipien.

Hier setzt sein zentraler Begriff an: Ethische Intelligenz. Darunter versteht Gabriel nicht einfach eine moralische Regulierung von Technologie, sondern eine neue Phase der Ko-Evolution von Mensch und Maschine. KI soll weder als Bedrohung noch als Heilsversprechen verstanden werden, sondern als Partner in einem Prozess, der uns zwingt, unsere eigenen moralischen Massstäbe zu reflektieren. Statt einer „Ethik der KI“ plädiert Gabriel daher für eine „Ethik mit KI“ – ein fortlaufendes Gespräch zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz.

Optimistisch ist Gabriels Blick vor allem deshalb, weil er in der Entwicklung moderner Sprachmodelle und neuronaler Netze eine neue Dimension erkennt: KI bewegt sich zunehmend im Bereich des Emotionalen. Viele Menschen suchen heute bereits Rat bei künstlichen Systemen, teilen Sorgen, Zweifel oder alltägliche Probleme. Die digitale Sphäre wird so zu einem neuen Resonanzraum, in dem sich menschliche Selbstverständigung abspielt. In diesem Sinne sieht Gabriel in der KI weniger das Ende des Menschlichen als vielmehr eine Erweiterung unseres Selbstverständnisses.

«KI kann dabei helfen, regionale Unterschiede zu vermitteln, kulturelle Ausdrucksformen zu bewahren, Bildung zu personalisieren, Pflege und Teilhabe zu verbessern, Kunst und Forschung transkulturell zu vernetzen.»

Aus dieser Perspektive entwickelt er auch eine politische Vision. Europa, so Gabriel, habe die Chance, eine „Neue Aufklärung“ einzuleiten: eine technologische Entwicklung, die wirtschaftliche Innovation mit moralischem Fortschritt verbindet. Philosophie, normative Klarheit und interdisziplinäres Denken seien dabei keine akademischen Luxusgüter, sondern zentrale Voraussetzungen für eine verantwortliche Gestaltung der digitalen Zukunft.

Der grosse Reiz des Buches liegt in dieser Perspektiverschiebung. Während viele Debatten über KI zwischen Alarmismus und Technikbegeisterung schwanken, sucht Gabriel einen dritten Weg. Sein Essay lädt dazu ein, künstliche Intelligenz als kulturelle und ethische Herausforderung zu verstehen und nicht nur als technologisches Problem.
Ganz frei von offenen Fragen bleibt der Ansatz allerdings nicht. Wie sich eine ethisch gestaltete KI tatsächlich gegen die wirtschaftliche Macht globaler Technologiekonzerne oder gegen autoritäre politische Systeme durchsetzen soll, bleibt im Buch eher skizzenhaft. Auch die Frage nach den konkreten ethischen Grundlagen einer solchen „Ethischen Intelligenz“ wird eher angedeutet als systematisch ausgearbeitet. Auch zentrale Themen wie Datensicherheit oder die sozialen Folgen digitaler Geschäftsmodelle erscheinen nur am Rand.

«Wenn Daten wertvoll sind, dann nicht als Rohstoff, sondern weil sich in ihnen Werte verbergen, die wir dank der KI methodisch erfassen können. Ethische Intelligenz bedeutet, diese Werte sichtbar zu machen und sie in kooperative Formen des Lebens und damit auch in Geschäftsmodelle zu übersetzen.»

Des Weiteren ist fraglich, ob bei ausbleibender Kontrolle der Verwertung eingegebener Daten wirklich eine Wendung zum moralisch Guten möglich ist, spiegelt doch – was Gabriel ja sagt – die KI die menschliche Natur, wie sie sich zeigt (quasi wenn keiner hinschaut). Da stellt sich dann die alte Frage nach dem Menschenbild. Geht man davon aus, dass der Mensch von Grund auf gut ist, wird das System eine Potenzierung dieses Guten bringen. Im Gegenteil eher nicht.

Dennoch ist „Ethische Intelligenz“ ein anregender philosophischer Beitrag zur KI-Debatte. Gabriel gelingt es, die Diskussion aus dem engen Horizont technischer Machbarkeit zu lösen und sie in einen grösseren kulturellen Zusammenhang zu stellen. Sein Buch liefert keine fertigen Antworten, sondern einen Denkrahmen, der deutlich macht: Die eigentliche Frage der künstlichen Intelligenz lautet nicht, was Maschinen können, sondern was wir als Menschen aus dieser neuen Beziehung machen wollen.

Rezension – Pema Chödrön: Wie wir leben, so sterben wir

«Jede positive Energie, die wir uns oder aneren zufliessen lassen, schafft eine Atmosphäre der Liebe und des Mitgefühls, die immer Weitere Kreise zieht – wer weiss, wie weit?»

Nur schon wegen Sätzen wie diesem, lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Aber da ist noch mehr: Pema Chödrön behandelt das Thema, dem keiner von uns entfliehen kann, und das doch selten eines ist, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Dieses Ausblenden des Todes im Alltags ist erstaunlich, weil er doch zu den wenigen Gewissheiten unseres Lebens gehört. Die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön stellt sich dieser Verdrängung bewusst entgegen. Ihr Buch Wie wir leben, so sterben wir lädt dazu ein, den Tod nicht als bedrohlichen Endpunkt zu betrachten, sondern als Teil eines fortwährenden Wandels, der das ganze Leben durchzieht.

«Nicht die Vergänglichkeit bewirkt, dass wir leiden. Wir leiden, weil wir wollen, dass die Dinge dauerhaft sind, obwohl sie es nicht sind.»

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist eine zentrale Einsicht buddhistischer Praxis: Alles ist vergänglich. Nichts bleibt, wie es ist – weder Freude noch Schmerz, weder Begegnungen noch Lebensumstände. Statt diese „grundlegende Bodenlosigkeit“ zu fürchten, schlägt Chödrön vor, sie als Einladung zu verstehen, das Leben wacher und offener zu führen. Wer akzeptiert, dass alles im Fluss ist, kann lernen, sich auch den Übergängen des Lebens – bis hin zum Sterben – ohne Abwehr zuzuwenden.

Das Buch ist in 25 kurze Lektionen gegliedert, die praktische und meditative Zugänge zu dieser Haltung eröffnen. Ein zentraler Gedanke dabei ist, dass der Umgang mit schwierigen Emotionen Teil des Weges ist. Trauer, Wut oder Hoffnungslosigkeit werden nicht als Hindernisse verstanden, sondern als Erfahrungen, die bewusst wahrgenommen und mit Mitgefühl gehalten werden können. In Übungen wie dem „mitfühlenden Verweilen“ zeigt Chödrön Wege auf, wie wir lernen können, unsere Gefühle auszuhalten, statt vor ihnen zu fliehen – eine Haltung, die nach ihrer Auffassung nicht nur zu mehr innerer Verbundenheit führt, sondern auch auf das Sterben vorbereitet.

Im zweiten Teil des Buches wendet sich Chödrön den sogenannten Bardo-Lehren des tibetischen Buddhismus zu – jenen Übergangszuständen zwischen Leben, Tod und Wiedergeburt, wie sie etwa im Tibetischen Totenbuch beschrieben werden. Dabei interpretiert sie diese Lehren nicht nur kosmologisch, sondern auch psychologisch: Die verschiedenen Daseinsbereiche können ebenso als innere Zustände verstanden werden, die wir im Leben immer wieder durchlaufen. Auf diese Weise bleiben ihre Überlegungen auch für Leserinnen und Leser zugänglich, die mit der buddhistischen Vorstellung von Wiedergeburt wenig anfangen können.
Besonders hilfreich sind die konkreten Hinweise zum Umgang mit dem eigenen Sterben und zur Begleitung Sterbender. Ergänzt werden sie durch einen umfangreichen Anhang mit Meditationsanleitungen und übersichtlichen Darstellungen zentraler buddhistischer Konzepte.

Pema Chödrön gelingt es, ein existenziell schweres Thema in einer ruhigen und zugleich ermutigenden Sprache zu behandeln. Ihr Buch ist keine theoretische Abhandlung über Tod und Jenseits, sondern vielmehr eine Einladung zu einer veränderten Haltung gegenüber dem Leben selbst. Wer lernt, die vielen kleinen Abschiede des Alltags anzunehmen, so ihre Botschaft, wird dem großen Abschied eines Tages mit weniger Angst begegnen können.

Wie wir leben, so sterben wir ist damit vor allem ein Buch über das Leben: über die Kunst, Wandel zu akzeptieren, Unsicherheit auszuhalten und dem, was geschieht, mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen. Gerade darin liegt seine stille, aber nachhaltige Kraft.

Aus dem Bücherschrank – Sarah Bakewell: Das Cafe der Existenzialisten


Freiheit, Sein & Aprikosencocktails

«Ich bin meine eigene Freiheit, nicht mehr und nicht weniger.»

Der Mensch erschafft sich erst durch sein Handeln. Er wird nach Sartre in die Welt geworfen und hat es dann in der Hand, sich und sein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

«Das ist für Sartre die Conditio Humana schlechthin, die Grundbedingung unseres Menschseins von dem Augenblik an, da wir uns unserer selbst bewusst werden, bis zu dem Moment, da der Tod dieses Bewusstsein auslöscht.»

Mit Im Café der Existenzialisten legt Sarah Bakewell keine systematische Einführung in eine philosophische Schule vor, sondern eine intellektuelle Bewegungsgeschichte – erzählt entlang ihrer prägenden Figuren. Im Zentrum stehen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, deren Denken und Leben Bakewell eng miteinander verschränkt darstellt. Von hier aus öffnet sie den Blick auf ein erweitertes Netzwerk von Denkern, Freunden, Rivalen und Weggefährten, darunter Maurice Merleau-Ponty und Albert Camus.

Bakewell zeigt, dass der Existenzialismus nie blosse Theorie war. Er entstand nicht im akademischen Elfenbeinturm, sondern im Gespräch, im politischen Engagement, in persönlichen Krisen und historischen Erschütterungen. Paris, Krieg, Besatzung, Nachkriegszeit – all das bildet den Resonanzraum, in dem die berühmte Formel „Existenz geht der Essenz voraus“ ihre Dringlichkeit erhält. Freiheit ist dementsprechend auch keine abstrakte Kategorie, sondern eine Zumutung.

Gleichzeitig arbeitet Bakewell die philosophischen Voraussetzungen sorgfältig heraus. Sie verweist auf Søren Kierkegaard als existenziellen Vorläufer, auf Edmund Husserl und die Phänomenologie als methodischen Ursprung sowie auf Martin Heidegger, dessen Denken prägend wirkte. Dabei spart sie auch dessen politische Verstrickung in den Nationalsozialismus nicht aus. Gerade hier zeigt sich die Stärke des Buches: Es verklärt nicht, sondern kontextualisiert. Denken ist immer auch biografisch und historisch situiert.

Das Buch ist Einführung, Überblick, Zeitzeugnis und Doppelbiografie zugleich. Sartre und de Beauvoir erscheinen nicht als Denkstatuen, sondern als Menschen mit Ambitionen, Eitelkeiten, politischen Irrtümern und intellektueller Radikalität. Bakewell macht nachvollziehbar, wie eng Lebensführung und Philosophie hier miteinander verwoben sind. Existenzialismus wird zur Haltung: eine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln in einer kontingenten Welt.

Stilistisch verbindet Bakewell erzählerische Leichtigkeit mit gedanklicher Präzision. Sie erklärt philosophische Positionen verständlich, ohne sie zu simplifizieren, und führt zugleich durch ein dichtes Geflecht persönlicher Beziehungen und ideengeschichtlicher Verschiebungen. Wer eine streng systematische Darstellung erwartet, wird sie hier nicht finden. Wer jedoch verstehen will, wie Existenzialismus entstand, wovon er lebte, wie sich seine Er-Denker zerstritten und immer wieder neu politisch positionierten, erhält eine lebendige und kluge Einführung.
So bleibt am Ende weniger ein abgeschlossenes Lehrgebäude als ein Eindruck: Philosophie kann eine Form des Lebens sein – und unter bestimmten historischen Bedingungen sogar eine existenzielle Notwendigkeit.

Aus dem Bücherschrank – Anselm Grün: Im Wandel wachsen


Wie wir freier, authentischer, gelassener und hoffnungsvoller werden können

«Verwandlung bedeutet: ich schaue zurück, aber auch nach vorne. Ich würdige mich und mein Leben, wie ich es bisher gelebt habe. Aber ich spüre: Ich bin noch nicht der oder die, die ich von meinem Wesen her sein könnte. Wandel kann nur geschehen, wenn ich das, was ist, annehme.»

Im Wandel wachsen ist kein Ratgeber im engeren Sinn, sondern ein geistlicher Begleiter durch die unterschiedlichen Phasen und Zumutungen des Lebens. Anselm Grün entfaltet sein Thema entlang zweier großer Bewegungen: den biografischen Entwicklungsstufen und den existenziellen Erschütterungen, die uns widerfahren – und die wir nicht gewählt haben.

Am Anfang stehen die ersten Stationen menschlicher Entwicklung: Geburt, Kindheit, Jugend, Ablösung, Elternschaft, Lebensmitte, das Altern der eigenen Eltern. Diese Phasen erscheinen nicht bloß als chronologische Abfolge, sondern als je eigene „Schulen“ der Reifung. Wachstum ist hier nie spannungsfrei. Ablösung bedeutet Verlust von Geborgenheit; Elternschaft ist zugleich Bindung und Loslassen; die Lebensmitte konfrontiert mit Begrenztheit.

Anselm Grün zeigt auf, dass es dabei nie um Optimierungsprojekte geht, nicht darum, sich neu zu erfinden oder sich permanent zu verbessern. Sein zentrales Motiv lautet vielmehr: Annahme als Voraussetzung von Veränderung. Nur wer sich selbst annimmt – mit Geschichte, Brüchen und Grenzen –, kann wirklich wachsen. Wer sich ändern will, weil er sich ablehnt, bleibt innerlich unfrei.

Das Leben schreitet nicht nur chronologisch von der Kindheit zum Alter, immer wieder konfrontiert es uns auch mit Erfahrungen: Ausgrenzung, Krankheit, Trennung, Begegnungen mit dem Tod, spirituelle Dunkelheit oder gesellschaftliche Umbrüche. All das iegt nicht in unserer Hand, betrifft uns aber oft nachhaltig. Es gilt hier – wie es schon Epiktet tat, zu unterscheiden, worauf wir Einfluss haben und worauf nicht. Wir können nur beim ersten etwas bewirken, hier tragen wir die Verantwortung: Wir entscheiden, wie wir uns in Bezug auf das Leben und seine Zumutungen (im Guten wie im Schlechten) vergalten. Wachstum geschieht dort, wo wir nicht im Widerstand verharren, sondern unsere Reaktion bewusst gestalten.

«Es ist heute eine grosse Chance, dass wir uns im Dialog zwischen Kulturen und Religionen gegenseitig bereichern… Unterschiede sind eine Bereicherung, insofern verschiedene Perspektiven und unterschiedliche Erfahrungen zum Tragen kommen und die Wahrnehmung erweitern.»

Wir sind bei all dem nie allein, sondern in eine Welt eingebettet und von anderen Menschen umgeben. Wachstum ist denn auch kein individualistisches Projekt, sondern immer eingebettet in Beziehung.

Grüns geistliche Perspektive ist bei all dem präsent, aber nicht missionarisch. Gott erscheint weniger als dogmatischer Lehrsatz denn als Vertrauensraum. Das Buch lässt sich daher auch säkular lesen: als Einladung, die eigene Biografie anzunehmen und Krisen nicht nur als Störung, sondern als Möglichkeit zur Vertiefung zu verstehen. Es verbindet Lebenshilfe, spirituelle Deutung und anthropologische Reflexion. Wer eine analytische Gesellschaftsdiagnose sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch Orientierung im persönlichen Wandel sucht, findet ruhige, klärende Impulse.

«Das wäre das Ziel der Verwandlung, mein wahres Selbst zu erkennen und es zu leben.»

Fazit
Im Wandel wachsen plädiert nicht für Selbstoptimierung, sondern für Selbstannahme. Wachstum ist kein Akt der Selbstüberwindung, sondern der Versöhnung mit sich selbst. Gerade darin liegt die befreiende Kraft des Buches: Veränderung wird nicht erzwungen, sondern ermöglicht – durch Annahme, Vertrauen und bewusste Gestaltung der eigenen Haltung.

Aus dem Bücherregal – Niklaus Brantschen: Du bist die Welt

«Religionen sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind menschengemacht. Und da sie in der Zeit des sogenannten Patriarchats entstanden sind, also männerzentriert und hierarchisch strukturiert sind, fallen sie aus der Zeit – buchstäblich.»

Niklaus Brantschens Buch Du bist die Welt beginnt unspektakulär – mit einem Besuch bei seiner Nichte. Sie pflegt einen Kräutergarten, arbeitet naturverbunden und bezeichnet sich unter anderem als Schamanin. Für Brantschen, Jesuit und Zen-Meister, ist das zunächst ein Feld von Projektionen. Schamanismus verbindet er mit gängigen Klischees: Exotik, Trommeln, Ekstase, vielleicht etwas esoterischer Unschärfe.
Gerade von dieser Skepsis aus setzt das Buch an.

«…offen zu sein bedeutet für mich vor allem dies: Ich muss nicht verteidigen, muss nicht rechtfertigen.»

Brantschen unternimmt keine analytische Klärung des Begriffs „Schamanismus“. Er liefert weder eine systematische Definition noch eine historische Einordnung. Sein Zugang ist ein existenzieller: Er will verstehen, was seine Nichte tut. Dafür hinterfragt er immer wieder sich und sein Leben, untersucht Begegnungen, in denen schon angelegt ist, was er nun zu ergründen sucht, nämlich das Leben in und mit der Natur und anderen Menschen in ihrer Vielfalt.

«Wie lebe ich so auf diesem schönen Planeten, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen? Wer bin ich, wenn ich ein Teil der Welt bin und die Welt ein Teil von mir? Wenn ich die Welt bin?
Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt.“

Im Zentrum seines Forschens steht nicht die Frage „Was ist Schamanismus?“, sondern: Was haben wir verlernt? Dabei stellt er eine Entfremdung von der Natur – und damit von uns selbst – fest. Vor diesem Hintergrund erscheint ihm der Schamanismus als eine Praxis, die den Menschen wieder in ein Beziehungsgeflecht stellt: mit Pflanzen, Tieren, Elementen, mit anderen Menschen. „Du bist die Welt“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Du stehst ihr nicht gegenüber, du bist Teil ihres lebendigen Zusammenhangs.

Es ist ein gewisses »Etwas«, das man bodenständige, weltoffene Spiritualität nennen kann. Oder interreligiöse Spiritualität. Oder schamanische Lebensweise. Oder man kann es einfach »Leben« nennen. Leben, das alles ein- und nichts ausschließt, das mir als Individuum Sinn gibt, das mich trägt und zu dessen Gelingen ich beitragen darf
Dieses Buch ist eher eine Spurensuche als eine Lehre. Schamanismus wird zu einer Chiffre für eine Lebensweise, die die Natur achtet, ihre Eigenwürde anerkennt und sie gerade deshalb schützen will. In Zeiten ökologischer Krisen gewinnt diese Haltung für Niklaus Brantschen normative Kraft.

Das Buch ist getragen von einer ruhigen, menschlichen Stimme. Nachdem ich Niklaus Brantschen aus vielen Interviews und Gesprächen kenne, sah ich ihn beim Lesen förmlich vor mir. So kam mir das Buch manchmal wie eine Erzählung vor, der ich nur zu gerne folgte.

Fazit
Wer eine Einführung in schamanische Praktiken oder eine ethnologische Abhandlung erwartet, wird enttäuscht sein. Brantschen schreibt als Suchender. Er tastet sich vor, reflektiert eigene Vorurteile, lässt Erfahrungen wirken. Der Text lebt vom Perspektivenwechsel: vom anfänglichen Befremden zur Anerkennung einer spirituellen Intelligenz, die im Umgang mit Natur gründet.

Gerade diese persönliche Anlage macht die Stärke – und zugleich die Begrenzung – des Buches aus. Es argumentiert nicht streng, sondern erzählend. Es überzeugt weniger durch Belege als durch Nachdenklichkeit.
Getragen wird das Ganze durch eine ruhige, schlichte Sprache, welche erzählendes und reflektierendes Beobachten mit spiritueller Einsicht verbindet. Ein wahrlich menschliches Buch, das berührt und zum Nachdenken anregt.

Rezension – Christiane Tietz: Nietzsche

Leben und Denken im Bann des Christentums

„Gott ist tot, und wir haben ihn getötet.“ Friedrich Nietzsche

Nietzsche hatte ein durchaus zwiespältiges Verhältnis zum Christentum. Ihn einfach als Gegner zu verurteilen, griffe zu kurz. Christiane Tietz wollte diesem Verhältnis auf die Spur kommen, sie stellte ihm quasi die Gretchenfrage. Sie geht dabei von der These aus, dass man Nietzsche nicht angemessen verstehen kann, wenn man ihn ausschließlich als Gegner des Christentums liest. Vielmehr bleibt sein Denken — biografisch wie systematisch — tief in christlichen Denkfiguren, Fragestellungen und Erfahrungshorizonten verankert.

Tietz verbindet philosophische Analyse mit biografischer Kontextualisierung. Sie zeigt, wie Nietzsches frühe religiöse Prägung, seine intensive Auseinandersetzung mit theologischen Themen und sein lebenslanges Ringen mit christlichen Moralvorstellungen nicht bloß Hintergrundrauschen, sondern konstitutive Elemente seines Denkens sind. Besonders überzeugend ist dabei, dass die Autorin Nietzsche weder apologetisch vereinnahmt noch polemisch entschärft. Seine radikale Kritik an Moral, Mitleid und Erlösung wird ernst genommen — zugleich wird sichtbar, dass diese Kritik aus einer inneren Nähe zum Christentum erwächst. Nietzsche erscheint nicht als bloßer „Gott-ist-tot“-Provokateur, sondern als Denker, dessen Philosophie in einem fortgesetzten Dialog — oder Konflikt — mit christlichen Deutungsmustern steht.

Entstanden ist ein gut lesbares Buch, das neues Licht auf Nietzsches Werk und dessen Verankerung im Leben bringt. Es ist nicht nur ein streng analytisches Buch, das sich in philosophischer Akrobatik übt, sondern auch ein persönliches Buch, welches die eigene Auseinandersetzung mit dem eigenwilligen Denker offenbart.

Aus dem Bücherregal – Frank Berzbach: Die Kunst zu glauben

Eine Mystik des Alltags

„Glaube ist nicht ein Wissen von etwas, das ich habe. Sondern die Gewissheit, die mich führt (…) Glaube ist der Grund vor aller Erkenntnis. Er wird im Erkennen heller, aber nie bewiesen.“ (Karl Jaspers, Der philosophische Glaube)

Frank Berzbach geht in diesem Buch eigene Wege. Statt einfach ein Buch über Gott und den Glauben daran zu schreiben, beruft er sich auf Zen, Kunst und Musik, um unterschiedliche Glaubenserfahrungen in einer poetischen mit Bildern versetzten Sprache darzulegen. Entstanden ist so kein Buch, das einfach schnell durchgelesen werden will, sondern eines, auf das man sich einlassen muss, um wirklich die tiefe Botschaft dahinter zu verstehen. Die Botschaft ist auch nicht als Monolog oder gar eine Lehre zu verstehen, die sagen will, wie es ist, sondern sie beinhaltet den Aufruf, selber in sich zu gehen und die eigenen Glaubensinhalte zu suchen und ans Licht zu holen.

Der Bezug auf die verschiedenen Bereiche der Kunst, der Literatur, der Musik und der Zen-Meditation tragen in sich den Gedanken: Gott ist überall. Wer ihn finden möchte, kann das tun, er braucht nirgends hinzugehen, keine besonderen Voraussetzungen zu erfüllen. Damit wird Glaube aus den Institutionen geholt und in eine mystische Tradition gesetzt. Glaube als Erfahrung im Alltag, im alltäglichen Tun.

Karl Rahner sagte mal, dass der Fromme der Zukunft ein Mystiker sein müsse, sonst gäbe es keinen Christen mehr. Dieses Buch hat mich an diesen Spruch erinnert und ihn für das Heute bestätigt.

Roger Willemsen (1955 – 2016)

Heute vor 10 Jahre starb Roger Willemsen. Ich hebe mein Glas auf einen Menschen, der wie kein anderer über Bücher und Musik, über die Welt und das Leben sprach und schrieb. Er hat getan was Goethe einst sagte: 

«Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll.»

Er legte seine Leidenschaft für die Musik in die Zeilen und dazwischen, so dass sie auf mich übersprang, mich förmlich überflutete und ausfüllte. Ebenso mit der Literatur. Wie oft wollte ich, hörte ich ihm zu, aufspringen und das Buch suchen, das er mit so viel Begeisterung beschrieb, nein mehr: lebendig werden liess. Er redete schnell und dabei immer klar und intelligent. Es schien, er hätte so viel Begeisterung in sich, dass er fürchtete, die Zeit werde nicht reichen, sie vollumfänglich mitzuteilen. Und ja, die Zeit war zu knapp. Viel zu knapp. Er war eine Bereicherung in so vielem. Seine Stimme, seine Klarheit, seine Begeisterung, seine Leidenschaft, sein Denken, seine Differenziertheit – er fehlt.

Rezension – Byung-Chul Han: Vita Contemplativa

Oder von der Untätigkeit

Zum Inhalt

“Im Gegensatz zum Handeln, das vorwärts drängt, bringt die Besinnung uns dorthin zurück, wo wir immer schon sind. Sie erschliesst uns ein Da-Sein, das jedem Tun, jedem Handeln vorausgeht, ja vorausweilt.»

Wir leben in einer Zeit des Handelns, der Produktivität, des Leistungsstrebens. Selbst die Freizeit ist nicht mehr frei von Handeln, sie wird einerseits der Produktivität entgegengestellt und definiert sich so aus dieser heraus. Andererseits wird sie «sinnvoll genutzt», um sie nicht zu verschwenden, nicht untätig zu verbringen. Dabei wäre gerade die Untätigkeit, so Byung-Chul Han so wichtig, da wir nur in ihr erfahren, wer wir wirklich sind, nur in ihr das grosse Ganze und uns darin erkennen können.

«Das Individuum ist ein «Organ des Ganzen». Das Ganze ist ein «Organ des Individuums». Das Individuum und das Ganze durchdringen einander.

Der Verlust des Kontemplativen hat zu einem blinden Aktionismus geführt, in welchem wir systemgegebenen Abläufen gehorchen ohne hinzuhören, was wichtig und richtig wäre, was Leben und Sein eigentlich ausmacht. Gerade dieses Sein haben wir verloren durch das ständige Tun. Der Philosoph ruft auf, wieder mehr Untätigkeit ins Leben zu holen, da nur dieses wirkliches Sein verspricht, weil wir nur so zu dem werden, was wir sind und wovon wir uns durch ständiges Tun immer wieder leidbringend entfernen.

Gedanken zum Buch
In Auseinandersetzung mit Hannah Arendt entwickelt Byung-Chul Han seine Theorie des untätigen Lebens, welches erst das wirkliche Leben im Sinne eines Seins – oder mit Heidegger zu sprechen eines Da-Seins ausmacht. Er beruft sich auf Hölderlin, welcher als Ziel allen Strebens eine Vereinigung mit der Natur sieht, wodurch wir wieder Teil eines Ganzen werden, nicht als Vereinzelte in einer immer fremder erscheinenden Welt leben.

«Allein Anschauung und Gefühl haben Zugang zum Universum, nämlich zum Seienden im Ganzen.»

Erst wenn wir zur Ruhe kommen, einfach sind, öffnet sich die Sicht auf das, was da ist, auf das, was unser tätiges Sein übersteigt, das uns über unser gedachtes, beschränktes Ich hinauswachsen lässt zurück zum All-Einsein, zum Wahren Sein unserer Natur in ihrem umfassenden Umfang. Dieses Sein verbindet er mit Lauschen – im Gegensatz zum Handeln -, weil das Lauschen offen sein lässt für das, was ist, es nicht vorwegnimmt durch Gedanken, die immer nur begrenzt sind durch die Begrenzung unseres selbstbestimmten und -definierten Ich.

«Der wachsende Zwang zur Produktion und Kommunikation erschwert das kontemplative Verweilen.»

Wir sollten wieder zurückkommen ins Verweilen, sollten uns vom ständigen Tun lossagen, um die Schönheit des Augenblicks zu sehen, was wirkliches Glück bedeutet. Mit Goethes Faust sagen zu können «Augenblick, verweile doch, du bist so schön» und in diesem Gefühl mit zu verweilen, das ist, was wirkliches menschliches Leben ausmacht und es in seiner ganzen Grösse und Schönheit und auch Freiheit erfahren lässt.

Byung-Chul Han ist ein kleines, feines, tiefes und zum Nachdenken anregendes Buch gelungen, das zum Beim-Buch-Verweilen einlädt, da es in seiner Kürze sehr komplex und mitunter schwer verständlich ist. Es lohnt sich, sich diese Zeit zu nehmen, sich mit dem Buch immer wieder in die Ruhe zu begeben und es auf sich wirken zu lassen.

Fazit
Ein komplexes, tiefgründiges und weises kleines Buch zum Untätigsein und zum glücklichen Leben, das sich durch dieses erfahrbar macht.

Zum Autor
Byung-Chul Han, geboren 1959, studierte zunächst Metallurgie in Korea, dann Philosophie, Germanistik und katholische Theologie in Freiburg und München. Nach seiner Habilitation lehrte er Philosophie an der Universität Basel, ab 2010 Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, und seit 2012 Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin. Im S. Fischer Verlag sind zuletzt erschienen »Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken« (2014), »Die Errettung des Schönen« (2015) sowie »Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute« (2016).

Angaben zum Buch
Herausgeber: ‎ Ullstein Hardcover; 2. Edition (30. Juni 2022)
Sprache: ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe: ‎ 128 Seiten
ISBN-13: ‎ 978-3550202131

Tagesbild: Grumblebird

Es gibt so Tage… aber wie sagte Fontane so schön:

Trost
Tröste dich, die Stunden eilen, 

Und was all dich drücken mag. 

Auch das Schlimmste kann nicht weilen, 

Und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew’gen Kommen, Schwinden, 

Wie der Schmerz liegt auch das Glück, 

Und auch heitre Bilder finden

Ihren Weg zu dir zurück.

Harre, hoffe! Nicht vergebens

Zählest du der Stunden Schlag: 

Wechsel ist das Los des Lebens,

Und – es kommt ein andrer Tag.

Theodor Fontane

(1819 – 1898)

Habt einen schönen Tag!