Lesemonat September

Die Zeit rast. Vor knapp drei Wochen bin ich nach Spanien geflogen, zu meinem zweiten Arbeitsplatz. Vor dem Fenster rauscht das Meer, der Wind lässt die Oberfläche kräuseln, die Palmen wiegen sich im Wind – und ich lese und schreibe. Ich habe mir für diesen Aufenthalt viel vorgenommen, bislang läuft es gut. Und wenn es gut läuft, geht es mir gut. Ich geniesse die Ruhe hier, das ungestörte Arbeiten. Und das Lesen, was immer dazugehört. Im September ist viel an Lektüre zusammengekommen.

Ich habe mit bell hooks geschaut, was Heimat ist und wo man hingehört, und das Thema mit Daniel Schreiber weiter vertieft. Das Thema ist auch bei Annie Ernaux (ich liebe sie) und Herta Müller (eine ganz spannende Frau) präsent. Ich habe lesend an verschiedenen Leben teilgenommen (unter anderem bei Deborah Levy, die mir so oft aus dem Herzen schrieb) und mich intensiv mit dem Schreiben und verschiedenen Schreibprozessen auseinandergesetzt.

Es war ein bereichernder Monat, ein Monat, in dem ich mich in meiner Lektüre sehr oft wiederfand, ein Monat, der inspiriert war und mir gut tat. Das absolute Lesehighlight war Edouard Louis mit «Abschied von Eddy» – eine wunderbare Entdeckung für mich. Auf ihn kam ich durch Didier Eribon, der mich auch dazu inspirierte, Annie Ernaux nochmals eine Chance zu geben, nachdem ich beim ersten Versuch wenig angetan war – dieses Mal hat sie mich gepackt (es scheint für Bücher eine richtige Zeit zu geben, sie passen nicht immer ins eigene Leben). Sie gehört also zu den Lesehighlights dazu, ebenso Deborah Levy und Daniel Schreiber.

Ich bin auch heute noch dankbar für Didier Eribons Buch «Rückkehr nach Reims», es hat in mir viel zum Klingen gebracht, es hat viel angestossen. Was für eine Wirkung doch Bücher haben können. Ich liebe es!

Was waren eure Lesehighlights im September?

Die ganze Liste:

bell hooks; dazu gehören. Über eine Kultur der Verortungbell hooks wächst in Kentucky auf, verlässt den ländlichen Staat, um in der Stadt ihr Leben weg von der Arbeiterklasse und im universitären Umfeld zu führen. Sie schreibt vom Wunsch, dazuzugehören, von Rassismus, der auf dem Papier abgeschafft, doch im Leben präsent wie eh und je ist. Sie schreibt vom Trost der Natur, vom Wert der Familie, der Kunst und des sorgsamen Umgangs mit Menschen und der Welt. Sie träumt von einer Welt des Miteinanders, einer Welt der Zugehörigkeit ohne Rassismus und Segregation. Und sie schreibt von ihrer Rückkehr nach Kentucky, den Ort, den sie überall hin mitgenommen hat durch die verinnerlichten Werte und Muster, und wo sie sich nun niederlassen will. 4
Noam Chomsky im Gespräch mit Emran Feroz: Kampf oder Untergang. Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssenDer grosse Denker unserer Zeit über die Gefahren der Klimakrise und eines Atomkrieges, über die manipulative Macht von Massen- und sozialen Medien, über die selbstgemachte Zerstörung unserer Welt. Er behandelt die Notwendigkeiten einer neuen Form von Bildung, die zu mündigen, kritischen Menschen führen ebenso wie die Hoffnung, die im Menschsein und dessen Fähigkeiten begründet ist. Wir tragen gute und schlechte Seiten in uns, wir haben die Wahl, welche wir stärken und wie wir sie einsetzen. 4
Daniel Schreiber: ZuhauseIst Zuhause nur eine romantische Verklärung, eine Illusion, oder können wir es finden? Ist es ein Ort oder einer Gefühl? Ist ein Zuhause eine Einschränkung und damit Feind der Freiheit, oder doch erstrebenswert? Was braucht ein Ort, um zu einem Zuhause zu werden, und was tragen wir dazu bei? Wie wirken sich Orte auf uns aus, und wie bringen wir uns in sie ein? Diese und weitere Fragen über das Leben, das Ankommen, das Wohnen, das Sein behandelt Daniel Schreiber in diesem wunderbaren Essay.5
Annie Ernaux: Erinnerung eines MädchensDie Geschichte eines Mädchens und einer jungen Frau auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben, ihr Heranwachsen mit Wünschen, Träumen, Verletzungen und Scham. Der Blick von Heute auf das Gestern, der Versuch, sich selbst in der eigenen Vergangenheit zu finden und zu durchleuchten, schreibend, und dabei dieses Schreiben selbst immer wieder zu hinterfragen. Ein Herzensbuch!5
Annie Ernaux: Die SchamEin Erlebnis 1952, das die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. Die Erfahrung, dass es zwei Welten gibt, eine unten und eine oben, zu der sie, als eine von unten, nie gehören wird. Die Scham dieser Erkenntnis, die Scham, die sich im Leben festsetzt, die sich in den Zellen des Körpers speichert und immer wieder hervorbricht. All das sind die Themen dieses Buches, das aus Erinnerungen und Reflexionen des schreibenden Erinnerns besteht – Erinnerungen an die Schulzeit, an das Leben zu Hause, an die Eltern, an sich selbst.4
Carolin Emcke: Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und GerechtigkeitWas lässt sich erzählen und wer kann es tun? Für wen erzählen wir und wem wollen wir erzählen? Für wen können wir sprechen und wieso sollen wir es tun? Carolin Emcke fragt nach den Geschichten des Lebens, beleuchtet das Sprechen von Schrecken und Leid. Sie zeigt den Wert der geteilten Geschichten für das Leben und das Überleben, denkt über die Sprache als Verbindung zwischen den Menschen nach. Es sind die Geschichten, die uns als Menschen ausmachen, wir sollten sie teilen. Ein persönliches, ein tiefgründiges, ein zum Nachdenken und Selbst-Erinnern anregendes Buch. 5
Herta Müller: Lebensangst und WorthungerHerta Müller über ihr Schreiben, wie dieses vom Leben und ihrer Herkunft geprägt ist, und über ihre Zusammenarbeit mit Oskar Pastior für das Buch «Atemschaukel».4
Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts1913 – ein Jahr des Aufbruchs und doch zeichnet sich auch ein ein Untergang an. Oswald Spengler prognostiziert ihn. Doch nicht nur das: Karl Kraus verliebt sich, Rilke leidet, Kafkas Heiratsantrag geht in die Hose und vieles mehr passiert in der Welt der Musiker, Literaten, Denker. Florian Illies zeichnet ein wunderbares Panorama des Jahres 1913.5
Gabriele von Arnim: Der Trost der SchönheitEin Buch vom Sehen und vom Fühlen, von der Milde des Alters, von der Gelassenheit, die sich einstellt und doch immer wieder mit Affekten durchbrochen wird. Vom Sich-Einrichten im Leben und seinen Umständen, vom Geniessen der kleinen Dinge, vom Sich-Freuen an den Blumen am Wegesrand, den Wolken am Himmel, dem Buch auf dem Tisch und der Zeit, die bleibt. Und vom Atmen. Und Fühlen. Vom Allem. Und nichts. 3
Uwe Timm: Von Anfang und Ende. Über die Lesbarkeit der WeltWo fängt ein Schriftsteller an, wo hört er auf, wie schuf Gott die Welt und wann war sie wirklich gut? Wann ist ein Buch gut und womit hadert der Schriftsteller bis zum schlussendlichen Gefühl, dass es nun gut sei? Von der Idee zum Schreiben, vom Hadern mit dem Text, vom Neuschreiben und Umschreiben, von all dem erzählt Uwe Timm in diesem Buch und gibt Einblicke in die Schreibprozesse seiner Bücher.4
Robert Menasse: Die Zerstörung der Welt als Wille und VorstellungIm Rahmen der Frankfuter Poetikvorlesungen erzählt Robert Menasse von seinem Schreiben – so dachte ich, wurde aber eines Besseren belehrt. Menasse zeichnet ein Zeitbild, ein Bild der politischen Gesinnung der Gesellschaft, ein Bild von Kapitalismus, Globalisierung und Demokratie, vom falschen Verständnis der Menschen und Polarisierung der Moral. 2
Heinz Bachmann: Ingeborg Bachmann, meine Schwester. Erinnerungen und BilderHeinz Bachmann erzählt aus dem Familienleben, erzählt über das Aufwachsen mit Ingeborg, über seine Beziehung zu ihr, über ihr Leben, ihre Beziehungen. Die Erinnerungen führen nach Wien, Paris, Rom, Zürich und immer wieder auch nach Klagenfurt. Das Buch ist eine Liebeserklärung an die verstorbene Schwester, man spürt die Verbindung der beiden. Wirklich neu ist kaum etwas davon, trotzdem berührt das Buch durch die persönliche Note des Bruders. 5
Alexander Mäder: Journalistisches SchreibenEinführung in die Praxis des journalistischen Schreibens, von der Recherche über die Absicherung der Fakten hin zu Stilfragen ist alles mit Beispielen aus der Praxis anschaulich gemacht und theoretisch erläutert. Alexander stellt die verschiedenen Formen journalistischer Texte vor und gewährt Einblicke in die tägliche Arbeit von Journalisten in Redaktionen wie auch als freie Mitarbeiter. Kompetent, sachlich, auf den Punkt.  5
Edouard Louis: Das Ende von EddyEddy wächst in einem kleinen Dorf im Norden Frankreichs auf, in welchem männliche und weibliche Rollen klar definiert werden. Als schwuler kleiner Junge aus einer armen Familie sieht er sich schon früh Spott, Abwertung und Gewalt ausgesetzt. Er versucht all das wegzulächeln, versucht sich bis zur Selbstverleugnung anzupassen, bis er merkt, dass es eine andere Lösung geben muss. Ein grossartiges Buch!6 von 5
Beate Rössler: Autonomie. Ein Versuch über das gelungene LebenBeate Drössler analysiert, was Autonomie mit einem gelungenen Leben zu tun hat, wieso ein glückliches Leben nicht immer ein gelingendes ist. Sie beleuchtet den Sinn von Tagebüchern für die Selbsterkenntnis sowie deren Beziehung zur Autonomie, ebenso zeigt sie auf, wie Freiheit und Ambivalenzen mit Autonomie zusammenhängen. Welche Voraussetzungen müssen für ein autonomes Leben gegeben sein, und: Gibt es sie wirklich oder ist sie eine Illusion?4
Deborah Levy: Was das Leben kostetDie Ehe ist zerbrochen, das alte Leben ist vorbei. Es gilt, ein neues aufzubauen, in einem neuen Zuhause und im neuen Leben anzukommen und sich da einzurichten. Deborah Levy erzählt aus dieser Zeit des Umbruchs, erzählt von den Gedanken, Gefühlen, Herausforderungen und immer wieder auch vom Schreiben. Ein wunderbares Buch, ein tiefgründiges Buch, ein Buch zum mitfühlen, mitleben, mitdenken. 5
Hans-Ulrich Treichel: Der Entwurf des Autors. Frankfurter PoetikvorlesungHans-Ulrich Treichel erzählt in fünf Vorlesungen im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen von seinem Werden als Schriftsteller. Er nimmt den Zuhörer/Leser mit auf eine Reise aus der Kindheit ins Erwachsensein, von der Lyrik in die Prosa, durch Stationen wie Berlin, Kreta, Rom und immer auch wieder zurück in den Osten, nach Ostwestfalen. Ein persönliches Buch voller Einblicke in das Werden, Schreiben und Leben.  5

Gedankensplitter: Das Wichtige im Blick behalten

«Manchmal ist man nicht in der Lage, zu erkennen, dass so etwas wie Zufriedenheit möglich ist, weil diese Zufriedenheit so klein wirkt neben dem Glück, das man sich wünscht.» Daniel Schreiber, Zuhause

Es gibt die Diskussion, ob ein Glas halb voll oder halb leer ist. Aus der Antwort werden dann die möglichsten und unmöglichsten Schlüsse gezogen, ganze pseudopsychologische Profile lassen sich mal ernst, mal spasseshalber erstellen. Ich denke, es ist weniger relevant, welche Antwort wir geben, als dass wir uns überhaupt mit dieser Frage befassen. Sie setzt voraus, dass wir einerseits überhaupt ein Glas haben und auch die Möglichkeit, es zu füllen. Wir nehmen das selbstverständlich. Den Mangel sehen wir erst im Umstand, dass das Glas nicht ganz voll sein könnte.

Wir leben in unseren Welten und nehmen oft das als selbstverständlich, was wir haben. Wir sind daran gewöhnt und hinterfragen es nicht mehr. Wir sehen nicht die Vorteile, die wir anderen gegenüber haben, wir schätzen nicht all das, was gut ist, da es nicht in Frage gestellt ist. Stattdessen streben wir nach mehr. Ein grösseres Auto, noch eine Handtasche, das 40. Paar Schuhe und vieles mehr stehen auf der Liste der Dinge, die uns zu unserem vermeintlichen Glück noch fehlen.

Und oft sind wir so sehr mit diesen Wünschen beschäftigt, dass wir das verpassen, was wir schon haben. Dann stürzen wir das Glas runter, egal ob halb voll oder halb leer, und geniessen nicht mal wirklich den Inhalt desselben.

Gedankenströme: Verstehen wollen

«Sprache ist nicht Wahrheit, sondern reflektiert unser Dasein in der Welt.» Paul Auster

Wieso schreibe ich? Was treibt mich an, Tag für Tag Buchstaben zu Worten und Worte zu Sätzen zu formen? Es ist nicht mal so sehr ein Schreiben-Wollen, sondern eher ein Müssen, ein Wissen darum, dass ich nur im Schreiben das finde, was für mich lebensnotwendig ist, weil es mir im Leben immer wieder darum geht: Verstehen wollen. Ich will verstehen, wie die Dinge laufen. Ich will verstehen, wieso die Dinge sind, wie sie sind. Ich will verstehen, wieso ich bin, wie ich bin. Und ich will verstehen, wie ich durch die Welt gehe, und wieso ich es auf die Art und Weise tue, in der ich es tue. Ich möchte verstehen, wieso die Welt mir erscheint, wie sie es tut, und ich möchte verstehen, wieso Menschen auf mich reagieren, wie sie es tun. Und ich auf sie.

Ich schreibe, weil durch das Schreiben mir die Dinge verständlich werden. Wenn ich nicht schreibe, schwirren sie in wilden Formationen durch mein Hirn, drehen und wenden sich, werden kaum fassbar, sind oft ein Durcheinander von losen Fetzen, die mich umtreiben. Indem ich sie einfange, zu Papier bringen, nehmen sie langsam eine Ordnung an, werden sie zu etwas, das sich immer deutlicher zeigt, bis ich es fassen, erfassen kann. Dann komme ich dem Verstehen näher. Und mit dem Verstehen kommt die Ruhe.

Ich mag es nicht, wenn Dinge unklar sind. Ich mag es nicht, wenn ich Dinge nicht einordnen kann. Zwar mag ich Fragen, doch möchte ich sie dann klären. Das Ungeklärt lassen liegt mir nicht. Ich kann sie nicht einfach mal beiseiteschieben oder offenlassen. Sie lassen mir dann keine Ruhe, sondern drehen sich, löchern mich, bewegen mich, treiben mich um. Ich gehe den Dingen gerne nach, erforsche sie, will sie erkennen und erklären können. Zumindest für mich. Und oft, wenn in mir ein Wieso oder Warum auftaucht, greife ich zum Stift, weil ich gemerkt habe, dass sich die Lösungen meist im Prozess des Schreibens wie von selbst aufs Papier ergiessen.

Und manchmal denke ich, dass mein eigenes Leben ein grosses Geheimnis ist, eines, das ich noch nicht ergründet habe. Es liegt hinter mir, ist mit mir und erstreckt sich weiter in die Zukunft. Und im Heute denke ich manchmal, woher die Dinge kommen, die ich wahrnehme, wo sie ihren Ursprung nahmen. Wo sind all die Fragen, Sätze, Gefühle, Affekte entstanden, die ins Heute wirken, manchmal auch auf eine Weise, die ich mir selbst nicht erklären kann? Und so fange ich an, mich meinem Leben entlangzuschreiben, grabe in die Tiefen und hole, einem Archäologen gleich, die Fundstücke ans Licht. Vielleicht ist es genauso, wie es auch Daniel Schreiber in seinem Buch «Zuhause» schreibt, dass etwas in mir mich dazu trieb

«die Geschichten, die mich umtrieben, so oft zu erzählen, bis sie einen Platz in mir fanden, mit dem ich leben konnte.»

Lesemonat August

Der Monat glich eher einem April als einem August. Nach einer unsäglichen Hitze in strahlendem Sonnenschein, tobten bald schon Unwetter und das Grau in Grau der verregneten Umwelt verschleierte den Blick aus dem Fenster. Immerhin war es das passende Wetter, mich in die Bücher zu versenken, so dass ich teilweise wenig davon mitkriegte. Der Monat war – im Gegensatz zu den meisten anderen – thematisch konzentriert, die gelesenen Bücher behandelten Themen der Politik und der Gesellschaft, sie handelten von Herkunft und deren prägendem Charakter für den Menschen und die Gesellschaft, von Macht und Herrschaft und damit einhergehender Diskriminierung derer, welche nicht den Normen des dominanten Herrschaftsmehrs entsprechen.

Das erste Buch war ein Abgesang an die romantische Liebe, im zweiten sollten wütend Wände eingerissen werden. Danach ging es sachlicher zu und her, Mittel und Wege gegen Klassismus wurden aufgezeigt, die Fremde und ihre Grenzen wurden beleuchtet, das Gefühl der Entfremdung in der Gesellschaft erforscht. Ich befasste mich mit dem Liberalismus, um dann wieder zum Klassismus zurückzukehren. Ich beschäftigte mich mit Bildung und Ungerechtigkeit und der Frage, was das Gute ist. Und dann….

Dann kam das Highlight wohl nicht nur des Augusts, sondern einer langen Lesegeschichte – und es wird nachhallen: Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» und dessen Fortsetzung «Gesellschaft als Urteil». Selten, dass mich ein Buch so gepackt hat. Selten, dass ich aus einem Buch so viel mitgenommen, so viel für mich erkannt habe. Selten, dass mich ein Buch so begeistert hat und ich daraus so viel Inspiration für eigene Projekte gewann.

Was waren eure Highlights im August?

Die ganze Liste:

Andrea Newerla: Das Ende des Romantikdiktats. Warum wir Nähe, Beziehungen und Liebe neu denken solltenUnsere Liebesbeziehungen sind nicht Privatsache, sondern soziale Konstrukte, die wir verinnerlicht haben. Die Herausstellung der romantischen Liebesbeziehung ist eine neue, konventionelle Errungenschaft und sie unterliegt patriarchalischen und gesellschaftsrelevanten Normen. Dieses Bewusstsein sollte dazu führen, unsere Beziehungen neu zu denken, Freundschaft einen anderen Stellenwert einzuräumen, Sexualität aus der romantischen Beziehung zu nehmen und Intimität vielfältiger lebbar zu machen, um zu neuen Formen des Miteinanders zu kommen, die Individualität, Autonomie und Gemeinsamkeit besser vereinbaren lassen. Viele Wiederholungen, viele Gemeinplätze und Altbekanntes, wobei ein Aufruf zur Anerkennung vielfältiger Lebensformen und -gestaltungen durchaus wichtig ist. 3
Pia Klemp: Wutschrift. Wände einreissen, anstatt sie hochzugehenEin wichtiges, ein dringendes Thema (soziale, strukturelle und systematische politische Entscheidungen, die Flucht und Migration zu einem menschenunwürdigen und oft tödlichen Unterfangen machen), doch ich musste das Buch abbrechen. Die Sprache ist dermassen mündlich, fast vulgär, dass ich das so nicht lesen möchte. Es ist vielleicht des wirklich brennenden Themas wegen in Wut und Rage geschrieben, was zum Titel passen würde, doch hier verleidet mir die Form den Inhalt und wende mich lieber anderen Büchern zu dem Thema zu. 
Francis Seek, Brigitte Theißl: Solidarisch gegen Klassismus. organisieren, intervenieren, umverteilenKlassismus ist überall, und doch kaum ein Thema. Klassismus grenzt Menschen aus, führt in die Isolation, macht krank. Klassismus muss diskutiert werden, muss sichtbar werden, muss als Problem mit all seinen vielen Ausprägungen bewusst werden. Und wir brauchen Lösungen. 26 Texte, teils sachlich, teils Interviews, teils persönlich aus der Betroffenheit heraus zeigen die verschiedenen Aspekte von Klassismus. Das Ziel ist, das Problem sichtbar zu machen, Projekte vorzustellen, die Lösungen anstreben, Strategien zu erläutern, die wir ergreifen können, um etwas zu verändern.

Ein wichtiges Buch, ein Buch, das Pflichtlektüre werden sollte. 
5
Elisabeth Wellershaus: Wo die Fremde beginntGedankenräume über erfahrenen Rassismus, Nachdenken über blinde Flecken bei sich und in der Gesellschaft, eine persönliche Lebensreise durch verschiedene Stationen der eigenen Biografie, pendelnd zwischen Spanien und Deutschland, zwischen verschiedenen Identitäten und Zuschreibungen. Ein persönliches, ein augenöffnendes Buch, ein Buch über systemische, strukturelle und individuelle Diskriminierung. 5
Peter v. Zima: Entfremdung. Pathologien der postmodernen GesellschaftEine Untersuchung der verschiedenen Bereiche der Entfremdung wie Arbeit, Familie, Konsum, Psyche, Medien, etc. sowie das Aufzeigen der Verbindung derselben untereinander. Der Mensch in seinem Fremdsein im Umfeld wird beleuchtet, die Rolle von Geld, Tauschwirtschaft und immer grösser Partikularisierung aufgezeigt, welche den Menschen unter einen Leistungsdruck in zunehmender Anonymisierung der Umwelt treiben, so dass er versucht, ein Image aufrechtzuerhalten, um wenigstens auf Bewunderung zu stossen, so dass er (vermeintlich) seinen Selbstwert bewahren kann. Das Kranken der Gesellschaft an immer grösserer Indifferenz, in welcher sich der Einzelne, auf sich selbst zurückgeworfen und als dieser nicht wirklich anerkannt, von sich und der Welt entfremdet.  5
Elif Özem: Was ist Liberalismus?Was macht den Liberalismus aus, auf welchen Grundsätzen beruht er und wie lassen sich die in der Praxis durchsetzen, so dass eine Gesellschaftsform aus freien, gleichen und individuell pluralistischen Bürgern entsteht? Elif Özem diskutiert fundiert und tiefgründig vor dem Hintergrund von Rawls Gerechtigkeitstheorie, Hannah Arendts Ansätzen zum Pluralismus und anderen philosophischen Wegbereitern bis zurück in die Antike die Idee des Liberalismus und zeigt, wieso die liberale Demokratie «die schlechteste Regierungs- und Lebensform – abgesehen von allen anderen» ist. 5
Andreas Kemper, Heike Weinbach: Klassismus. Eine EinführungKlassismus als Begriff für individuelle, institutionelle und kulturelle Diskriminierung und Unterdrückung ist kaum bekannt als Form der Diskriminierung, dabei wirkt sie auf dieselbe Weise auf Menschen und Menschengruppen wie die besser erforschten Formen des Sexismus, Rassismus und anderer. Das Buch will die verschiedenen Formen des Klassismus aufzeigen, will die Stereotypen offenlegen, mit denen Menschen konfrontiert wird und den Blick auf das Unrecht lenken, das zu oft ignoriert wird sowohl von der Politik wie auch von der Gesellschaft. 5
Maria do Mar Castro Vaerla & Bahar Oghalai: Freund*innenschaft. Dreiklang einer politischen PraxisEs soll eine Vermittlung zwischen rechten Strömungen und linker Identitätspolitik sein, doch ich fand sie nicht. Das Thema der Fraundschaft in seiner Abhandlung bei anderen Philosophen, Begriffe wie Allyship und Solidarität oder Sisterhood wurden behandelt und es fehlte schlicht der rote Faden oder das Ziel, wohin das alles führen soll. 2
Meike Sophia Baader, Tatjana Freytag (Hrsg.): Bildung und Ungleichheit in DeutschlandArtikel zum Thema, welche eine Vielzahl an Studien kommentieren und zusammenfassen, Soziologen zitieren, Artikel nennen. Oft bleibt ein wirkliches Fazit aus, die Aussage, dass gewisse Bereiche noch zu wenig erforscht seien, findet sich nicht selten, und wirkliche Umsetzungsvorschläge sucht man vergeblich. So bleibt man mit vielen Fragezeichen zurück und hat keine Ahnung, wozu das Buch nun wirklich gut war. Vielleicht für angehende Bildungssoziologen, die den Stand der aktuellen Forschung kennenlernen wollen, wobei das Buch dazu wohl einen Anhaltspunkt, aber sicher keine abschliessende Antwort liefern kann. 3
Didier Eribon: Rückkehr nach ReimsDie autobiografische Erzählung von Didier Eribon, welcher zu seinen Wurzeln im Arbeitermilieu zurückkehrt, aus dem er für lange Zeit geflohen war – körperlich und geistig. Eribon verwebt autobiografische Erlebnisse mit politischen, soziologischen und psychologischen Erklärungen, er zeichnet das Bild einer Zeit und einer Gesellschaft, erläutert politische Gesinnungen und Gesinnungswechsel, legt eigene Gedanken und Verhaltensmuster offen. Ein kluges, ein tiefes, ein bewegendes, ein wichtiges Buch. Ein Herzensbuch.6 von 5
Iris Murdoch: Die Souveränität des GutenIris Murdoch geht der Frage nach, was das Gute wirklich ist. Sie beruft sich auf Kant, Platon, Kierkegaard, setzt sich von den Existenzialisten ab, indem sie deren Ansatz als zu wenig weit reichend darlegt. Das Gute ist in sich nicht fassbar, doch liegt es allem sonst zugrunde, ist es das, wonach alles strebt, allen voran die Liebe. Das Buch lässt einen roten Faden vermissen, es hat keine abschliessende Antwort, es ist ein Suchen und sich Annähern, dessen letzter Schritt offen bleiben muss. 4
Didier Eribon: Gesellschaft als UrteilDie Fortsetzung zu «Rückkehr nach Reims», eine weitere Innenschau und Analyse der äusseren Verhältnisse, der Klassenkämpfe und anderer Herrschaftskämpfe in der Gesellschaft. Die Aufschlüsselung verschiedener Macht- und Unterdrückungsstrukturen, die Beschreibung der eigenen verinnerlichten Muster und Zwiespältigkeiten, vor allem auch nach Klassenwechseln. Ein weiteres grossartiges Buch, das neben den Bezügen auf das eigene Leben auch vielfältige Verweise zu soziologischen, philosophischen und literarischen Werken macht. 5

Politisches: Ideologie als neues Opium 

«Was alle angeht, können nur alle lösen. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich das zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.» (Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker)

Von allen Seiten hört man die Rufe: Wir leben in einer gespaltenen Gesellschaft, unsere Demokratie geht kaputt, wir richten sie zugrunde. Und ja, sie haben recht. Menschen driften mehr und mehr auseinander, die haltgebenden Strukturen von früher (Religion, Vereine, Gemeinde, etc.) verlieren an Wert und Achtung und die Menschen damit an Orientierung. Freischwebend in einem Meer von „alles ist möglich, bloß sich auf nichts festlegen“ driften wir umher und suchen unseren Platz. Wir schließen uns Gruppen an, inhalieren deren Meinungsprogramm und richten uns damit in Blasen ein, die aus Gleich-Meinenden bestehen. Von denen draußen, von den anderen wollen wir nichts hören und nichts sehen – geschweige denn, mit ihnen in Kontakt kommen.

Ideologien schießen wie Pilze aus den Böden, nisten sich in Menschen ein und veranlassen diese, sie zu verteidigen. Mit allen Mitteln, denn alle erheben für sich den universalen Anspruch, die einzig richtige zu sein. Gut und böse, richtig und falsch sind fein säuberlich getrennt in weiß und schwarz, die Graustufen sind eliminiert, ein Sowohl-Als-Auch ist ausgeschlossen. Ideologien sind die Religion unserer Zeit, wir schlagen uns dafür die Köpfe ein.

Und dann stehen wir da und sehen betroffen die Welt, die all das nicht mehr trägt und in welcher wir uns nicht wohl fühlen. Weil sie unmenschlich geworden ist, weil sie dem Einzelnen keinen eigenen Platz mehr zugesteht, wenn dieser sich nicht den Werten und Normen einer Deutungshoheit unterwirft. Und jeder versucht, für sich die richtige Gruppe zu finden, mit der er gegen die anderen wenigstens siegt. Wenigstens Sieger sein, wenn man sich schon nicht zuhause fühlt.  

Wann werden wir endlich einsehen, dass es nur zusammen geht? Wann merken wir, dass nicht jede Gruppe gegen die andere kämpfen, sondern alle miteinander für eine gemeinsame Welt einstehen müssten? Vermutlich nie.

Das klingt alles zu pessimistisch? Übertrieben? Mag sein, doch ich bin überzeugt: Wenn es übertrieben scheint heute, so ist es das nicht mehr lange. Wenn wir nicht einlenken. Und umdenken.

Gedankensplitter: Unverzeihlich?

Ich habe in der letzten Zeit zweimal einen Beitrag über einen Menschen geschrieben, den ich durch einen Vortrag zum Gedenken an den Holocaust für mich neu entdeckt hatte. Wie immer, wenn das passiert, fange ich an nachzuforschen, wer das ist, wie sein Lebensweg war, was er geschrieben hat – und mehrheitlich endet es mit Buchbestellungen und dem Eintauchen in jegliche Form von Beiträgen. Natürlich blieb mir in dem Zusammenhang nicht verborgen, dass dieser Mensch in der Vergangenheit in einen Skandal verwickelt war, der menschlich-moralisch bedenklich war und im Zuge dessen er sich selbst aus der Öffentlichkeit nahm – um nun, doch viele Jahre später, wieder in ebendieser zu erscheinen und zu tun, was er eben kann: Moderieren, diskutieren, schreiben.

Die Reaktionen auf meine zwei Beiträge hätten unterschiedlicher nicht sein können. Von Freude über die Bücher und Gedanken über Neugier, sich selbst damit zu beschäftigen bis hin zur kategorischen Ablehnung war alles dabei. Und: Bei der Ablehnung ging es nicht nur um den betreffenden, dessen Vergehen man als dermassen unvertretbar ansah, dass er besser nie mehr in der Öffentlichkeit hätte erscheinen dürfen. Auf Ewigkeit verdammt in die Schamesecke quasi, wo er sein Sündenbrot (am besten zu spärlich, um satt zu werden) hätte essen dürfen. Man warf mich gleich mit in den Topf, fand «bedenklich» (sic!), dass ich mich einem solchen Menschen (also um ehrlich zu sein mehr seinem Tun) zuwandte.

Und da sitze ich dann und frage mich: Hat nicht jeder Mensch eine zweite Chance verdient? Spricht man nicht sogar bei Schwerverbrechern von Rehabilitation und einer zweiten Chance, sollen sie doch wieder Teil der Gesellschaft werden, aus der man niemanden ausstossen darf? Haben wir nicht im Grundgesetz das Menschenrecht von der unantastbaren Würde? Oder hört die da auf, wo uns ein Mensch in Ungnade gefallen ist?

Ich finde es legitim, wenn man für sich entscheidet, dass man bestimmten Menschen im eigenen Leben keinen Platz einräumt, denn man hat nur das und sollte es sich möglichst passend einrichten. Ich merke aber, dass ich Mühe habe, wenn man andere Menschen abwertet, ausgrenzt, verurteilt, marginalisiert, diskriminiert, nur weil sie den eigenen Massstäben nicht entsprechen. Konsequenterweise müsste man dann aufhören über Ethik und Moral nachzudenken, da man den Wert des Menschen nicht mehr universal betrachtet, sondern nur noch an Bedingungen geknüpft, die eigenen Massstäben entsprechen.

Eine Frage, die sich in dem Zusammenhang aber auch stellt, ist die alte Frage nach Werk und Urheber: Wenn der Urheber sich eines Unrechts schuldig gemacht hat, fällt damit sein Werk auch in Ungnade und ist in der Folge zu ignorieren? Würde uns da nicht sehr viel entgehen? All die Bilder von Caravaggio (ein Mörder), Picasso (Frauenheld), die Gedanken von Kant (Rassist und Frauenverachter), Voltaire (ebenso), Heidegger (Nazisympathisant), etc.?

Wie seht ihr das?

Gedankenströme: Grüne Bücher

Im Wohnzimmer stand ein Bücherregal, das die ganze Wand einnahm. Bücher standen aber wenige drin. Ein paar Fotoalben, einige Bände Readers Digest, ein paar ausgewählte Romane und Kurzgeschichten von meinem Vater aus jungen Jahren, ein vielbändiges Lexikon, das mein Vater konsultierte beim Lösen seiner Kreuzworträtsel, und: die grünen Bücher. Sie hiessen bei uns nie anders, auch wenn sie einen Namen gehabt hätten: Kulturgeschichte der Menschheit. 32 Bände geballte Geschichte. Gelesen hat sie nie jemand. Mein Vater sagte immer, er lese sie, wenn er pensioniert sei. Aber er war nur ein passionierter Zeitungsleser. Er las alle Zeitungen, die er in die Finger kriegte, von vorne nach hinten durch.

Als ich auszog, wollte ich die Bücher mitnehmen. Das ging natürlich nicht bei den Leseabsichten meines Vaters. Wenn ich später, meine Eltern besuchte, machte ich immer meine Witze, nun nähme ich sie gleich mit, zumal sie noch immer ungelesen dastanden. Das Spiel spielten wir 20 Jahre lang, bis zum Tod meines Vaters. Die Bücher blieben dann bei meiner Mutter – sie passten so gut ins Regal.

Gestern sind sie bei mir eingezogen, weil meine Mutter umzieht. Und nun stehen sie da und mit ihnen die ganzen Erinnerungen. Sie sind noch immer ungelesen und werden es wohl bleiben. Die Buchumschläge haben ein wenig gelitten durch die Zeit, die Seiten kleben teilweise noch aneinander. Ich sagte mal:

„Bücherregale sind wie Fotoalben, sie beinhalten Reiseerinnerungen in andere Welten.“

Daran erinnern mich diese Bücher. Nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen der Geschichten, an die ich mich durch sie erinnere.

Michel Friedman: Fremd

Ein Buch, das für sich selbst spricht.

«Ich bin so viele.
Nicht nur ein Ich.
Ich bin auch nicht Wir.
Das Wir kostet zu viel.
Kostet zu viel Ich.
Das Wir saugt das Ich auf.»

Ein stilles Buch. Ein tiefes Buch. Ein Buch, das uns alle was angeht. Ein Buch, das betrifft – emotional und als Anstoss, nachzudenken, zu hinterfragen, auch sich. Ein Buch, das auffordert, hinzuschauen, mitzufühlen, Mensch zu sein – zu werden oft auch.

«Ihr seid
nichts
Niemand.»

Ein Buch, das auf Vorurteile, Abwertungen, Unmenschlichkeit hinweist.

«Ankommen,
irgendwo,
irgendwann,
zu Hause sein.
Heimat haben.»

Ein Buch, das gelesen werden sollte. Langsam, nie schnell. Mit Pausen. Zum Atmen. Zum Denken. Zum Fühlen.

«Lebenslang
ein Fremder.
In diese Welt geworfen,
als Fremder.»

Danke für dieses Buch!

«Jeder Mensch ist ein einzigartiges Ich.
Wer ist dieser Andere?»

Lesemonat Juli 2023

Der Juli begann im warmen, sonnigen Spanien, ging dann bald in der zuerst warmen, sonnigen, dann kühleren und verregneten Schweiz weiter. Es war ein Monat voller Emotionen, tiefer Gedanken, grosser Lebensfragen und neuer Erkenntnisse. Ich habe mich vier Wochen ziemlich zurückgezogen, habe innerlich und äusserlich aufgeräumt, mich in die Lese- und Schreibarbeit gestürzt, und es wirklich genossen, die Zeit mit mir für mich zu gestalten. Ich bin mir aber bewusst, dass ich dies in der wunderbar privilegierten Position mache, Menschen im Leben zu haben, die da sind, die einen Rahmen und ein Beziehungsgefüge geben, in dem ich aufgehoben bin. Der August steht vor der Tür und damit zieht auch der Alltag wieder ein – und auch das wird wieder schön sein.

Mein Lesemonat war sehr philosophisch-politisch, also ganz so, wie es mir gefällt. Es war teilweise sehr schwere Kost drunter, die so manche Rauchwolke aus dem Hirn aufsteigen liess, aber insgesamt war es ein bereichernder Monat. Ich habe mit Charles Taylor die Quellen des Selbst erforscht, bin dem Ursprung dieses Konstrukts nachgegangen, um nachher mit Franz Wuketits zu fragen, wie viel Moral überhaupt menschlich ist und wie diese zustande kommt. Ich habe mich mit dem Bösen beschäftigt und mit der Freiheit, habe mich des Wertes der Menschenrechte nochmals versichert, die in den Geschlechter- und epistemischen Ungerechtigkeiten sicher oft tangiert werden, habe mich mit Demokratie und der notwendigen Pluralität in dieser befasst, damit, wo und wie wir fremd sein können und andere zu Fremden machen. Und ich bin mit Julian Nida-Rümelin einig gewesen, dass all das in der Schule gelernt und gelebt werden sollte, so dass das letzte Buch eigentlich komplett hätte markiert werden können.

So kann es weitergehen.

Was waren eure Lesehighlights im Juli?

Hier die komplette Leseliste:

Charles Taylor: Die Quellen des SelbstEin Blick auf die Entwicklung der menschlichen Moral und ihren Bezug zum Selbst (-bild) des Menschen. Wie hat sich die Identität des Menschen entwickelt, worauf gründet seine Auffassung dessen, was es heisst, ein handelndes Wesen zu sein. Sehr ausführlich, sehr tief in der Philosophiegeschichte verankert, ab und zu geht der rote Faden gefühlt verloren und es bleibt am Schluss das Gefühl, was nun damit anzufangen sei. Aber: ein Grundlagenwerk, das die verschiedenen philosophischen Standpunkte kompetent zusammenführt. 4
Franz Wuketits: Wie viel Moral verträgt der MenschEine Studie zur Moral, welche nie universal und absolut ist, sondern immer konstruiert von Menschen in bestimmten Gruppen, getrieben von egoistischen Wünschen. Verabsolutierung von Moral zusammen mit Macht wird gefährlich. Viel Geplauder, viel Populismus, einige gute Gedanken, aber mehrheitlich nichts Neues. 3
Bettina Stagneth: Böses DenkenMit Kant und Hannah Arendt auf der Suche nach der Moral, sie zwischen dem radikalen Bösen und der Banalität desselben einpendeln, für eigenes Denken plädieren und Moral als Gefühl der inneren Stimmigkeit sehen, als Hoffnung auf eine bessere Welt, indem wir als aufgeklärte Menschen unseren eigenen Verstand gebrauchen und nicht blinden Gehorsam an den Tag legen. Gute Gedanken in einem Buch über ein spannendes Thema, und doch wurde ich nicht warm damit. Der Sprachstil war zu plauderhaft. 3
Gerhart Baum: FreiheitEin kluges, kleines Buch darüber, was Freiheit bedeutet und was sie von uns fordert. Freiheit ist dem Menschen als Sehnsucht eingeschrieben, wir müssen an einer Welt arbeiten, welche diese möglich macht, eine Welt, in der unsere Werte unser Handeln leiten zugunsten von mehr Gleichheit und Teilhabe, von freiem Leben für alle. Freiheit ist auch eine Verantwortung, nämlich die Missstände zu sehen und dazu beizutragen, sie zu beheben. 5
Gerhart Baum: MenschenrechteEin Blick auf die Menschenrechte, auf ihre Geschichte, auf ihre Notwendigkeit, auf ihre Probleme, und darauf, wie wir für eine bessere Zukunft für die Menschenrechte einstehen müssen. Menschenrechte sind immer Einmischung, aber diese ist notwendig, im die Menschenwürde zu bewahren – für alle. Viele Berichte aus Baums eigener Erfahrung aus seiner Arbeit für die Menschenrechte, aktuelle Analysen. Ab und zu dringt die Parteipolitik durch, aber nie dominant. 4
Scherger, Abramowski, etc.: Geschlechterungleichheiten in Arbeit, Wohlfahrtsstaat und FamilieEine Festschrift für Karin Gottschall mit diversen Aufsätzen zum Thema der Geschlechterungleichheiten. Beleuchtet werden institutionelle, arbeitsmarktstechnische und familiäre Umstände und die jeweiligen Geschlechterverhältnisse. Die Aufsätze sind qualitativ sehr unterschiedlich, von in Wissenschaftssprache verpackten Alltagsweisheiten hin zu analytisch interessanten Erkenntnissen ist alles dabei3
Wendy Brown: Wir sind jetzt alle Demokraten… (in: Demokratie? Eine Debatte)Ist Demokratie zu einer symbolbeladenen leeren Hülse verkommen, in die jeder seine Hoffnungen  stecken kann? Ein Blick auf das Kranken unserer Demokratien, dessen Gründe und die offene Frage: Ist Demokratie wirklich (noch) die richtige Staatsform? Es gilt, genau hinzusehen, was wir wollen, können und was für eine wirkliche Demokratie nötig wäre. 5
Michel Friedman: FremdEine Vergangenheitsbewältigung in Bruchstücken, formal fast lyrisch anmutend, doch es sind mehr Worte. Es sind Fetzen, die sich Zeile für Zeile zu Gefühlen und Bildern formen. Man darf es nicht einfach schnell lesen, sonst lenkt die Form zu sehr vom Inhalt ab. Man muss es langsam, am besten laut (noch besser vorlesen lassen), lesen – und fühlen. Dann berührt es. Tief in der Seele, es bewegt und macht nachdenklich. Und sprachlos.  5
Hadija Haruna-Oelker: Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denkenEin Buch darüber, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die keine Anderen mehr kennt, sondern durch mehr Offenheit, durch die Anerkennung von Menschen in ihrer Diversität, durch gegenseitige Solidarität und Unterstützung ein Verbündetsein von Menschen mit all ihren Verschiedenheiten anstrebt. Dazu bedarf es der Bereitschaft, zuzuhören, Vorurteile, auch eigene, zu entdecken und zu verlernen, um ein neues Miteinander zu lernen. 5
Eva Lohmann: Das leise Platzen unserer TräumeEin Paar, das sich auseinander gelebt hat, er geht schon lange fremd. Doch trennen können sie sich nicht. Eine alleinerziehende Mutter, die Geliebte, denkt an die Frau, deren Mann in ihrem Bett liegt, spricht mit ihr in Gedanken. Lesend gerät man immer tiefer in die Geschichte hinein, denkt mit, fühlt mit, ist gefangen, kann nicht loslassen. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag.5
Miranda Fricker: Epistemische UngerechtigkeitBei Ungerechtigkeit dürfe man nicht nur materielle Kriterien gelten lassen, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Menschen sei ungerecht verteilt, weil soziale Vorurteile zu einer Marginalisierung bestimmter Gruppen und der Zugehörigen (Frauen, Arme, POC, etc.) führen. Nur indem wir uns dessen bewusst werden, und je einzeln und auch in Institutionen und Systemen die eigenen Vorurteile erkennen und für die Beurteilung von Zeugnissen ausschalten, können wir identitätsstiftende Machtsysteme ausschalten. Alles in allem nichts Neues in eine hochkomplexe Sprache verpackt und (zu) ausführlich mit Argumenten und Verweisen abgestützt. 3
Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidetWie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.     5+

Ein Rückblick in Büchern: Juni

Der Juni war ein … Monat. Ich habe mit dem Satz begonnen und merke, ich kann kein Adjektiv finden. Ich weiss nicht, wie er war, weil irgendwie so viel durcheinander lief in mir und ausserhalb von mir. Es war ein Monat voller Ambivalenzen in meiner Gefühlswelt, Vorfreude paarte sich mit Wehmut, vieles war zu viel oder zu wenig, zu voll oder zu leer. Es war ein Monat mit schönen Begegnungen aber auch mit dem Gefühl der Verlassenheit dann und wann. Und lesetechnisch war es ein suchender Monat – ein Suchen nach Themen, nach passenden Inhalten, nach Büchern, die weder zu populärwissenschaftlich noch zu akademisch, weder zu oberflächlich noch zu akribisch analysierend sind. Was habe ich gefunden?

Ich habe mich der menschlichen Würde, der Wertschätzung und der Moral auseinandergesetzt, habe den Menschen als Gemeinwesen erforscht, begleitete eine Liebe und beschäftigte mich mit dem Thema der Flucht. Es interessierte mich, was das Gute ist und wieso es so oft verloren geht, wenn Ungleichheiten herrschen, liess mich vom Streiten faszinieren und vieles mehr.

Die Lesehighlights für mich waren sicher Michel Friedmans «Streiten» und Hanno Sauers «Moral». Nun sind wir schon im Juli angelangt, ich bin gespannt, was er bringen wird, einiges ist schon gesetzt, anderes noch in der Schwebe.

Was waren eure Lesehighlights im Juni?

Hier die ganze Leseliste:

Klaus Feldmann: Soziologie kompakt. Eine EinführungEinzelne Theorien und Systeme werden vorgestellt, unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft beleuchtet und Ansätze der Betrachtung derselben diskutiert. Sehr informativ, kompetent und gut lesbar. 5
Hanno Sauer: Moral. Die Erfindung von Gut und BöseEine Geschichte unserer Moral über die Jahrtausende hinweg. Wie haben sich Gesellschaften entwickelt, wie ihre Werte, ihre moralischen Haltungen? Erst wenn wir erkennen, woher unsere Moral kommt und die damit verbundenen Probleme in der heutigen Zeit, können wir dahin gehen, diese Probleme zu lösen und gangbare Wege hin zu einer Gesellschaft gehen, die unseren Werten wirklich entspricht. Ein grossartiges Buch, das eigentlich 7 Punkte verdient hätte. 5
Martin Hartmann: Vertrauen – abgebrochenWas sind Lügen, was ist Wahrheit, wie beeinflussen sie das Vertrauen und worauf baut dieses überhaupt? Martin Hartmann plaudert so vor sich hin und hat mich dabei verloren…
Habbo Knoch: Im Namen der Würde. Eine deutsche GeschichteHabbo Knoch erzählt die Geschichte der Würde, ihrer Einbettung in die historischen Gegebenheiten der einzelnen Jahrhunderte, die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Veränderungen, welche einen Wandel des Würde-Begriffs mit sich brachten. Was ist Würde, wem steht sie weswegen zu und wie können wir sie schützen? Das Buch ist fundiert, mir aber – was nahelag durch den Untertitel – zu historisch und zu wenig ideengeschichtlich.3
Helga Schubert: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe – abgebrochenDie Geschichte einer Liebe zwischen damals und heute. Erinnerungen inmitten des täglichen Pflegens. Der Alltag inmitten von Ängsten, Ohnmacht, Müdigkeit, und immer wieder Liebe. Ein persönliches, warmherziges, ehrliches Buch – einfach für mich zur falschen Zeit. 4
Heinz Bude: Die Gesellschaft der Angst – abgebrochenWir sind eine Gesellschaft, die von Angst getrieben ist. Die Haltlosigkeit im System, das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, und die Sehnsucht nach Anerkennung kumulieren im Gefühl der Angst, das uns anfällig macht für Abhängigkeiten und Obrigkeiten. Mir fehlte allerdings die stringente Argumentation, es war eher ein Herummäandern, bei dem ich verloren ging. 
Corine Pelluchon: Ethik der Wertschätzung: Tugenden für eine ungewisse WeltAnschliessend an die antike Tugendlehre entwickelt Pelluchon eine Ethik, die den Mensch mit seiner Verwundbarkeit und Körperlichkeit im Blick hat mit all seinen Mängeln und Prägungen, und darauf aufbauend Tugenden entwickelt, die in der Welt von heute dazu führen, die Wertschätzung seiner selbst, aller lebenden Wesen und der Umwelt zu leben und damit ein Zusammenleben zu ermöglichen.4
Philosophie der Moral. Texte von der Antike bis zur Gegenwart, herausgegeben von Robin Celikates und Stefan GosepathEinzelne zentrale Texte zur Philosophie der Moral, jeder mit einer kleinen Einleitung, die den Philosophen und dessen Verständnis von Moral vorstellt. Ein guter Überblick über die historische Entwicklung eines schwer zu fassenden Begriffs. 5
Michael J. Sandel: Das Unbehagen in der DemokratieWie kam es dazu, dass die demokratische Gesellschaft gespalten ist, die Bürger sich nicht mehr einbringen, sich nicht mal mehr identifizieren? Ein Blick auf die amerikanische Wirtschafts- und Politikgeschichte, um einzelne Strömungen zu. verfolgen und die heutige Problematik in ihrem Gewachsein sein zu präsentieren. Für mich zu geschichtslastig und zu wenig philosophisch. 4
Hannah Arendt: Wir FlüchtlingeHannah Arendt beleuchtet in diesem Essay, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Sie zeigt auf, wie Menschen alles verlieren und aus der Welt fallen, wie sie nur noch auf Wohlwollen angewiesen sind und keine eigenen Rechte oder Möglichkeit der Teilnahme am Gemeinwesen haben. Abgerundet durch einen fundierten Essay von Thomas Meyer, der sowohl die zentralen Punkte Arendts nochmals aufgreift und sie auf die heutige Situation bezieht. 5
Michael Lüders: Moral über alles? Warum sich Werte und nationale Interessen selten vertragenEine Analyse der gegenwärtigen (hauptsächlich Anti-Russland-)Politik und der herrschenden Ideologien (Identitätspolitik und Moralismus). Das Buch zeigt eine andere Sichtweise gegenüber dem Mainstream, ist dabei durchaus ab und zu interessant und durchaus überzeugend, es überwiegen aber Populismus und plakative Aussagen, was das Lesen sehr bemühend macht.2
Philipppa Foot: Die Natur des GutenDreiteilige Abhandlung darüber, was den Menschen zu guten Taten motiviert: Kritik am der humeanischen praktischen Vernunft zugunsten einer werthaften, Verbindung derselben mit dem Speziesgedanken und Tugendgewinnung aus dieser meschlich-werthaften Vernunft heraus. Wenig Neues, etwas zu verworren und wenig stringent – und wenig überzeugend, da mehr Ablehnung als wirklich eigene Ideen. 2
Maria Barankow, Christian Baron: Kampf und Klasse14 Autoren erzählen ihre Geschichte, sie erzählen davon, wie es ist, in einem Land aufzuwachsen, in dem die Schere zwischen arm und reich immer weiter wird, sie erzählen von der Scham, von der Diskriminierung, vom Gefühl, nicht dazuzugehören als Armer. Ein persönliches Buch, das Einblicke gibt in die gravierenden strukturellen Ungleichheiten, teils sachlich, teils sehr erzählerisch. 3
Norbert Bolz: Keine Macht der MoralEin historischer Abriss des STaatsvertrags mit Blick auf Machiavelli, Hobbes, Weber, Schmitt und Rousseau, sehr viel Redundanz, keine klare Argumentationskette. Das Fazit ist schwammig, wenn es denn eines gibt, ein paar wenige klärende Sätze, vielleicht der Schluss: Zu viel moralische Empörung verhindert eine argumentativ gestützte Sachpolitik.2
Michel Friedmann: Streiten? UnbedingtEin kurzes, gut zu lesendes Buch über die Qualität des Streits und den Wert einer Streitkultur. Die Frage ist, wo die Grenze zwischen Diskurs und Streit ist, aber das ist reine Begrifflichkeit. Streiten bedingt Respekt und Zuhören, es ist ein Miteinander auf der Suche nach der Wahrheit. 4
Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der GleichheitWie hat sich unser System in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhundert verändert im Hinblick auf mehr Gleichheit und wie müssen wir uns weiter bewegen, um diese zu verbessern? Das der Weg hin zu mehr Gleichheit immer ein Prozess mit offenem Ausgang ist, liegt auf der Hand, es gibt aber Möglichkeiten, wie wir das Ziel erreichen können: Souveräne staatliche Entscheidungen im Hinblick auf universale Ziele, ein demokratischer, föderalistischer, partizipativer, ökologischer und multikultureller Sozialismus. 5

Anekdoten: Franz Kafka und Else Lasker-Schüler



Man spricht oft von der Sensibilität des Künstlers. Er bedürfe dieser für sein Schaffen, heisst es dann. Beim genaueren Hinschauen entpuppen sich viele Künstler als zwar durchaus sensibel, aber mehrheitlich in Bezug auf sich selbst, nicht auf andere. Im Gegenteil: Da schöpfen sie aus dem Vollen, schauen kritisch, wählen die Worte hart. So auch Franz Kafka. In seinen Briefen an Felice äussert er sich über Else Lasker-Schüler, über die er wenig Rühmliches zu berichten weiss. Er, der selbst an so vielem leidet (am meisten wohl an sich selbst) und ausführlich drüber schreibt, kann kein Mitleid für diese leidende Frau finden, im Gegenteil:

«Ja, es geht ihr schlecht, ihr zweiter Mann hat sie verlassen, soviel ich weiss, auch bei uns sammelt man für sie; ich habe 5 K. hergeben müssen, ohne das geringste Mitgefühl für sie zu haben; ich weiss den eigentlichen Grund nicht, aber ich stelle sie mir immer nur als Säuferin vor, die sich in der Nacht durch die Kaffeehäuser schleppt.»

Er belässt es nicht dabei. Da er schon dabei ist, haut er nach der Dichterin selbst auch noch deren Werk in die Pfanne:

«Ich kann ihre Gedichte nicht leiden, ich fühle bei ihnen nichts als Langeweile über ihre Leere und Widerwillen wegen des künstlichen Aufwandes. Auch ihre Prosa ist mir lästig aus den gleichen Gründen, es arbeitet darin das wahllos zuckende Gehirn einer sich überspannenden Grossstädterin.»

Sie sind halt auch nur Menschen, die Künstler. Und mitunter doch sehr schwierige Zeitgenossen.

Ewig lockt der Buchtitel

Manchmal gibt es Buchtitel, die sind so witzig, dass die Phantasie gleich auf Reisen geht und sich etwas vorstellt. Ob das dann schlussendlich viel mit dem wirklichen Inhalt des Buches zu tun hat, ist zweitrangig (ausser wenn die Phantasie Grund für den Kauf ist und das folgende Lesen zur Ernüchterung führt). 

Ich sehe die trunkenen Philosophen vor mir, wie sie um den Stammtisch im Wirtshaus sitzen, Kant ruft «no a Mass» und Paracelsus findet, das richtige Mass müsse eingehalten werden, um das Bier nicht zum Gift zu machen. Epikur wird einwenden, dass Lust das grösste Glück sei und Kant mit verschwörerischem Augenzwinkern zuprosten.

Während die Herren es sich gut gehen lassen, macht die Daniel Klein auf die Suche nach dem Sinn des Lebens, doch er wird nicht fündig. Der gute Sinn scheint ein windiges Ding, das sich einem Fisch gleich immer wieder entwindet. 

Wenn schon der Sinn nicht zu finden ist, dann doch bitte das Ich. Kommissar Northoff sitzt in der Hotellobby und linst hinter der Zeitung hervor, in der Hoffnung, dass das zur Fahndung ausgeschriebene Ich vorbei kommt. Da er da nicht fündig wird, geht er in sich. 

Kant hat mittlerweile seinen Rausch ausgeschlafen und steht schon wieder Red und Antwort auf die Frage, wie man denn mit einem disziplinlosen Gehirn umgehen solle. Nun, ob der Trunkenbold von oben darauf eine Antwort hat? Aber: Wir wollen den Kant nicht mit dem Bier ausschütten, ist er doch ein kluger Kopf und wird durch Vernunft und Urteilskraft sicher eine Lösung finden. 

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Bücher sind nicht ganz so wie oben beschrieben, teilweise aber doch. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sehr lesenswert sind. Deswegen hier mehr zu den einzelnen Büchern:

Daniel Klein: Immer wenn ich den Sinn des Lebens gefunden habe, ist er schon wieder woanders
Wie lebt man ein gutes Leben, was ist ein gutes Leben überhaupt? Das hoffte Daniel Klein zu erfahren, als er sein kleines Notizbüchlein mit Zitaten grosser Philosophen anlegte. Er ergänzte die Sammlung über viele Jahre, bis das Buch irgendwann auf dem Dachstock verschwand, wo er es mit fast achtzig Jahren wieder fand, drin blätterte und beschloss, ein Buch daraus zu machen.

Die Buchbesprechung: HIER

Georg Northoff: Das disziplinlose Gehirn
Kant kam doch aus Königsberg heraus und nimmt im Berlin unserer Tage an einer Tagung von Neurowissenschaftlern teil. Begleitet wird er von einem jungen Studenten, welcher zwar angetan von Kant ist, diesen aber im Namen der Neurowissenschaft widerlegen will. Dies ist die Rahmenhandlung von Georg Northoffs Buch über die Suche nach dem Bewusstsein. Auf amüsante und gut lesbare Art stellt Northoff die heutigen Erkenntnisse der Hirnforschung dar, zeigt auf, was durch Experimente beobachtet werden kann und wo diese Experimente ihre Grenzen haben. Diese  Erkenntnisse werden quasi durch Kants Augen kritisch beäugt, indem die Begrifflichkeiten genau geprüft werden und darauf geachtet wird, dass es zu keinen falschen Zuordnungen kommt. Es soll ja alles seine Ordnung haben.

Die Buchbesprechung: HIER

George Northoff: Die Fahndung nach dem Ich
Zwei Ermittler machen sich auf die Suche nach dem Ich. Ein Hirnforscher und ein Philosoph wollen herausfinden, was es mit dem Ich, dem Selbst auf sich hat. Eine witzige Idee, gut lesbar, ein guter Einstieg in das Thema.

Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen
Das Buch behandelt die Leben und das Denken einiger führenden Denker damaliger Zeit, die sich zum Diskutieren ihrer Ideen oft im Café Laumer in Frankfurt trafen. Adorno, Horkheimer, Mannheim, Elias, Hannah Arendt, Hans Jonas und einige mehr werden zueinander in Beziehung gesetzt und durch die Zeit bis 1943 begleitet. Entstanden ist ein Bild der damaligen Denkgebilde, welche vor allem auch durch die Frankfurter Schule bis heute nachhallen, sowie ein Zeugnis der Zeit.

Die Buchbesprechung: HIER

Haben Buchcover und -titel Einfluss auf euer Kaufverhalten?

Erich Maria Remarque (22. Juni 1898 – 25. September 1970)

Ich hebe mein Glas auf Ernst Maria Remarque, der heute 125 Jahre alt würde.

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Philosophie eines kreativen Lebens

Erich Maria Remarque (eigentlich Erich Paul Remark, den Mittelnamen «Maria» legte er sich aus Verehrung für Rainer Maria Rilke zu) wird am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren. Ebenda besucht er das Lehrerseminar. Der Krieg kommt ihm dazwischen, 1916 wird er in die Armee eingezogen, wo er nach sechs Monaten Ausbildung an die Front berufen wird. Wegen einer Verletzung verbringt er die Zeit ab dem Juli 1917 bis 1918 im Lazarett. Die Armeezeit wird ihn das ganze Leben prägen, sie wird auch seine pazifistische Sicht begründen.

Nach dem Krieg arbeitet Remarque in den verschiedensten Berufen, er versucht sich als Händler, Agent für Grabsteine oder Organist, um nur einige zu nennen. 1919 legt er schliesslich die Lehramtsprüfung ab und arbeitet dann als Volksschullehrer. Daneben veröffentlicht er Gedichte und Kurzprosa, 1920 folgt der erste Roman «Traumbude». Im selben Jahr endet auch seine Lehrerkarriere mit einer Beurlaubung.

Die Jahre drauf reist er als…

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Klimakrise: Heiligt der Zweck die Mittel oder schaden diese eher der Sache?

Es ist fünf vor Zwölf. Heisst es. Klimakrise. Heisst es. Wir machen unsere Welt kaputt. Wir, das sind die Alten, die, welche schon da waren und den Schlamassel angerichtet haben. Angeklagt werden wir von der jungen Generation. Zu Recht. Sie gehen dafür nicht auf die Strasse, sie kleben sich drauf. Sie zerstechen Pneus, zünden Autos an, bewerfen Bilder mit Kartoffelstock. Und sie kriegen Aufmerksamkeit. Die Medien werden nicht müde, davon zu reden. Die problembewussten Bürger loben das politische Engagement, die Gegner fluchen und verstehen nicht, wie man diese Aktionen gutheissen kann.

«Immerhin kriegen sie Aufmerksamkeit.»

Das ist das Argument, dass dann oft ins Feld geführt wird. Das Engagement mit medienwirksamen Aktionen fällt auf. Und auffallen will man, schliesslich will man die Welt retten.

Die Welt ist in der Tat in einem desolaten Zustand. Wir haben sie benutzt, wir haben sie ausgebeutet, wir lebten, als gäbe es kein Morgen. Weil wir so weit nicht dachten. Und wenn wir daran dachten, hiess es, es sei fünf vor zwölf, wir waren alle entsetzt und machten weiter wie bisher – oder noch schlimmer: Seit über dreissig Jahren ist es nun fünf vor zwölf. Man solle weniger verbrauchen, weniger fliegen, weniger auf Wasser und Strassen verkehren. Die Flieger wurden grösser und mehr, die Schiffe ebenso, die Autoproduktion machte Kosmetik – teilweise mit energiesparenderen Modellen, teilweise nur auf dem Papier.

Haben sie also recht, unsere jungen Klimakleber, wie man sie gerne etwas abschätzig nennt? Ich würde mit einem bestimmten «Jein» antworten. Wir haben es zu weit getrieben, unser Leben in der westlichen Welt kostet zu viele zu viel: Menschen in anderen Ländern, Tiere, die Natur. Aber: Sind das wirklich die Massnahmen, die helfen? Einerseits ist es gut und wertvoll, wenn Demokratie gelebt wird, was immer auch Widerspruch bedeutet. Nur stellt sich die Frage der Mittel. Wären Mittel, die auf positive Weise auf die Missstände hinweisen, nicht sachdienlicher, weil sie weniger Opposition wegen plakativer Aktionen, die man mit wirklich sachlichen Mitteln verurteilen könnte, hervorrufen würden? Zum Beispiel ein Aufruf zum «Tag des Müllsammelns» – diese Massen anschaulich demonstriert wären auch eindrücklich. Dies nur ein Beispiel. Man hätte mit so einer Aktion gleichzeitig auch etwas Gutes getan.

Solche Vorschläge treffen meist auf das Argument, dass damit wenig Aufmerksamkeit generiert würde, sicher weniger als die aktuellen Aktionen. Das mag stimmen. Nur: Was genau bewirken die aktuellen Aktionen? Sie halten Medien, Polizei, Justiz und eventuell Politik in Trab, welche darüber berichten, für Ordnung sorgen, Sanktionen überlegen und Massnahmen gegen die Akteure diskutieren. Die Welt pfeift derweil weiter aus dem letzten Loch. Berechnet man, was all die Aufräumarbeiten und Reparaturen der beschädigten Dinge kosten (an Geld und Ressourcen jeglicher Art), sieht die Bilanz düster aus.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit als hohes Gut gewertet wird. Likes, Sternchen, Herzchen – je mehr du hast, desto besser bist du. Und dann giltst du was und machst es quasi richtig. Was in den sozialen Medien stimmen mag, verliert leider in einem gelebten, demokratischen Leben, in welchem es darum geht, miteinander in Frieden in einer Welt, die dieses Leben trägt, auszukommen. Da geht es um die Sache. Um Handlung.

Ein kleines Beispiel, wie Klimarettung konkret im Kleinen aussehen könnte:

Sebastião Salgado, ein berühmter Fotograf, wuchs auf einem fruchtbaren Bauernhof auf. Er zog in die Welt, die Eltern wurden alt, der Hof war verlassen, die Erde trocknete aus. Es hörte auf, zu regnen, es war eine unfruchtbare Öde. Salgado zog wieder hin, fing an, Bäume zu pflanzen. Von Hand. Mit seiner Frau, dann mit Helfern. Immer mehr Bäume. Es fing wieder an zu regnen. Das Klima änderte sich. Nachzuschauen ist das im wunderbaren Film «Das Salz dieser Erde».

Wir können nicht alle Bäume pflanzen. Aber wir können etwas bewirken. Auch mit guten und legitimen Mitteln. Diese würden auf mehr Zustimmung auch für die Sache stossen und sicher den einen oder anderen mitbewegen, selbst etwas zu tun. Wir können allein nie die Welt retten. Aber wir können einen Anfang machen. Im Guten. Für die Sache und nicht für blosse Aufmerksamkeit.

Mascha Kaléko (1907 – 1975)

Ich hebe mein Glas auf die wunderbare Dichterin Mascha Kaléko – sie würde heute 116 Jahre alt

Avatar von Sandra von SiebenthalDenkzeiten - Philosophie eines kreativen Lebens

RosenkranzKalekoMascha Kaléko wird am 7. Juni 1907 im galizischen Chrzanów (damals Österreich-Ungarn, heute Polen) als nichteheliches Kind des jüdisch-russischen Kaufmanns Fischel Engel und der österreichisch-jüdischen Rozalia Chaja Reisel Aufen geboren (Die Eltern heiraten 1922 und der Vater adoptiert Mascha).

1914 reist die Mutter mit Mascha und deren Schwester Lea nach Frankfurt, um den Pogromen in ihrer Heimat zu entgehen, Mascha besucht hier die Volksschule. Weil Maschas Vater die russische Staatsbürgerschaft hat, wird er als feindlicher Ausländer verhaftet, kommt aber bald darauf wieder frei. Die Familie zieht 1916 nach Marburg um, 1918 folgt der Umzug nach Berlin. Mascha leidet unter den vielen Umzügen, das Gefühl von Heimat geht ihr verloren. Dieser Verlust wird sie zeitlebens prägen und auch Gegenstand ihrer Gedichte sein.

IMG_2417Mascha hätte gerne studiert, doch ihr Vater fand das für ein Mädchen unnötig, so dass sie 1925 im Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands eine Bürolehre beginnt und nebenbei an…

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