Früher hatte ich immer einen Traum, wie mein Leben aussehen sollte: ich wollte Ehefrau, Mutter und Hausfrau sein. Daneben meine vielen kreativen Projekte verfolgen, aber grundsätzlich hätte ich einfach gerne für meine Familie gesorgt und wäre für alle da gewesen. Das Leben kam anders, gewisse Träume muss man im Leben wohl mal loslassen, vor allem, wenn der Zug dafür abgefahren ist. Das ist nicht immer einfach, da gewisse Träume ja doch tief sitzen, vielseitig begründet sind und dem eigenen Wesen entsprechen.
Für viele wurde ich durch die Nichtlebbarkeit des Traumes aber quasi gerettet, denn mit dem Traum war ich ein Auslaufmodell. Wie viele Frauen hätten dafür gekämpft, dass Frauen endlich arbeiten können, gleichberechtigt wären (sind sie es??)? Wie viele Frauen hätten sich eingesetzt für die Rechte der Frau, die ich nun mit meinem Wunsch mit Füssen trete – so hiess es. Tat ich das? Heisst Emanzipation wirklich, Frau muss nun arbeiten, darf gar nicht mehr anders wollen? Ich denke nicht, denn so verstanden wäre Emanzipation die Umkehr das vorherigen Zustands, Frau wäre nun einfach von den Zielen der dafür Kämpfenden bestimmt, noch immer nicht frei in der Wahl. Und darum ging es ja schliesslich und endlich: Die Möglichkeit zu haben, zu tun, was man will, im Arbeitsleben, im Miteinander. Gleiche Rechte (der Wahl, der Möglichkeiten) zu haben und nicht aufgrund des eigenen Frauseins diskriminiert sein. Das deckt sich auch mit dem ersten Gerechtigkeitsprinzip von John Rawls:
1. „Jede Person soll ein gleiches Recht auf das umfassendste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten haben, das mit einem entsprechenden System der Freiheit für alle vereinbar ist.“
Das zweite würde dann nachlegen:
2. „Soziale und ökonomische Ungleichheiten sollen so beschaffen sein, dass sie zum größten Vorteil der am schlechtesten Gestellten sind, und an Ämter und Stellungen geknüpft sind, die allen offen stehen unter Bedingungen fairer Chancengleichheit.“
Da hapert es noch stark, nicht nur bei der Emanzipation, sondern generell in der heutigen Wirtschaft, glaubt man den entsprechenden Kritiken, welche bemängeln, dass es immer den Obersten besser geht bei Änderungen, kaum je den Unteren. Das mag oft stimmen, positive Ausnahmen gibt es zum Glück auch. Und die Hoffnung bleibt, dass irgendwann ein Umdenken hin zu einem wirklich sozialeren Miteinander entsteht, welches weitere und breitere Kreise zieht – Stück für Stück.
Und nachdem nun der Bogen geschlagen ist von persönlichen, zu verabschiedenden Auslaufmodellträumen hin zu politischer Gerechtigkeit, stellt sich die Frage: Ist das Leben immer gerecht? Müsste ich im Leben nicht auch die grösstmögliche Freiheit auf alles haben? Gerade kürzlich las ich, dass wir alle frei wären, wenn wir es nur erkennen würden. Wir könnten alles tun, was wir wollten, hielten uns aber selber wie Käfigvögel. Ist das wirklich so? Kann ich in die Welt hinaus gehen und nur noch machen, wonach mir der Sinn steht, ohne Rücksicht, ohne Gewissen, ohne Einschränkung? Rawls grenzt die absolute Freiheit immerhin ein, indem er sagt, die persönliche Freiheit müsse mit dem System, in dem man lebt, vereinbar sein, so dass auch die anderen dieselbe Freiheit hätten wie ich selber. Das ist dann eine Gleichheit der Freiheiten, die wiederum fair ist. Lebte ich alles frei aus, was ich gerade möchte, wäre ein anderer eingeschränkt durch mein Ausleben – oder ich durch seines. Das Miteinander in Fairness greift dem vor. Zu recht, wie ich finde. Und dabei gilt es dann wohl auch dann und wann, einen Traum zu begraben, weil entweder andere davon betroffen wären.
Es gibt aber sicher auch noch andere Gründe, Träume zu begraben. Wenn der Preis, den Traum zu leben, zu hoch ist. Dann beginnt das Abwägen, was wirklich zählt im Leben, was man bereit ist, zu zahlen für das Erreichen eines Traums und ob ein Kompromiss möglich und vielleicht gar besser wäre. Theoretisch klar, praktisch nicht immer einfach – Träume sitzen tief.
Lebe deinen Traum – das wünsche ich mir und allen.