Bildbetrachtungen: Paul Cézanne, Stillleben mit Äpfeln und Orangen

Wie spontan hingeworfen wirkt der Aufbau in dem Bild. Ein zusammengerafftes Tischtuch, darauf ein Teller, eine Karaffe und eine Etagere, zudem Äpfel und Orangen, alles auf einem schrägstehenden Tisch mit ebenso gerafften Tischtücher im Hintergrund, die noch dazu mit einem Mustermix aufwarten. Aber: Bei Cézanne war das kein Zufall, keine Willkür, sondern eine mit Bedacht gewählte Anordnung, was sich schon daran zeigt, dass es mehrere Versionen dieses Arrangements gibt. Die einzelnen Gegenstände wurden so lange umplatziert, bis sie ein harmonisches und ausgewogenes Ganzes ergaben. Ist das geglückt, stellt sich dieser spontane Eindruck ein.

Durch die teilweisen Umrandungen hat das Bild etwas Zeichnerisches. Einzelne Gegenstände sind durch Linien von ihrer Umgebung abgetrennt, wirken aber doch mit dieser wie eine Einheit, was dem Gleichgewicht zu verdanken ist, das Paul Cézanne in diesem Bild hergestellt hat. Die leuchtenden Farben der Früchte, das helle Weiss des Tischtuches bilden einen Gegensatz zu den eher gedämpften Tönen der anderen Tischtücher und der braunen Wand im Hintergrund. Der Blick wird durch das Helle neben dem Dunkeln gelenkt, Hell und Dunkel stehen in einem ausgewogenen Verhältnis. Ruhige Flächen stehen neben Mustern, klare Formen neben Faltenwürfen.

Man versteht sowohl Picassos wie auch Matisses Hochachtung vor diesem Maler, durch den die Malerei in neue Sphären gelenkt wurde. Sie standen damit nicht allein.

In dem Bild finden sich erste Ansätze der Idee, die später zum Kubismus führte: Die gleichzeitige Betrachtung einzelner Objekte aus unterschiedlichen Perspektiven. Während der Krug eher frontal ausgerichtet ist, blicken wir beim Teller von oben drauf. Die verschiedenen Ansichten der Äpfel und Orangen lassen die beiden Früchte auch von allen Seiten sichtbar werden. Cézanne gilt denn auch als Vorbote des Kubismus, zudem als Erneuerer der Gattung Stillleben, welche ihren Höhepunkt im 17. Jahrhundert in den Niederlanden gehabt hatte.

Zum Künstler
Paul Cézanne wurde am 19. Januar 1839 in Aix-en-Provence geboren. Nach der Schule begann er auf Wunsch des Vaters das Studium der Rechtswissenschaft, das er aber schon bald mehr und mehr vernachlässigte, um sich dem Zeichnen und dem Verfassen von Gedichten zu widmen und besuchte Kurse an der Abendschule. Später zog er auf Anraten seines Freundes Emile Zola nach Paris, wo er sich an der École des Beaux-Arts bewarb, aber abgelehnt wurde und fortan an der freien Académie Suisse Aktkurse besuchte. Daneben kopierte er im Louvre die alten Meister, eine Übung, die übrigens viele Maler der damaligen Zeit machten, so auch Henri Matisse. Cézanne wurde in Paris nicht heimisch, zog bald zurück nach Aix-en-Provence und arbeitete da in der Bank seines Vaters, sehr zu dessen Freude, er hoffte er sich doch den Sohn als Nachfolger. Er hat den Irrtum wohl bald erkannt, immerhin unterstützt er seinen Sohn finanziell mit dem Existenzminimum, als dieser zurück nach Paris zog, nur um erneut von der École des Beaux-Arts abgelehnt zu werden. Wieder ging er an die Académie Suisse, die damals dem Realismus verpflichtet war. Er machte die Bekanntschaft vieler später berühmter Maler wie Pissaro, Monet, Sisley oder Renoir.

„Von niemanden abhängen, der Mann seines Herzens, seiner Grundsätze, seiner Gefühle sein: nichts habe ich seltener gesehen.“

Cézanne wollte die Kunst erneuern, er wollte weg von den eingetretenen Pfaden, die Wirklichkeit sollte realistisch wiedergegeben werden, ungeschönt. Damit hob er sich von der vorherrschenden Kunst Frankreichs ab, was ihm auch beim Publikum keine Pluspunkte einbrachte. Seine Bilder wurden drum nicht in den offiziellen Kunstsalons, sondern im „Salon des Refusées“ ausgestellt. Der Publikumserfolg sollte sich aber schon bald einstellen.

„Wir dürfen uns nicht damit zufrieden geben, die schönen Formeln unserer erlauchten Vorgänger beizubehalten. Machen wir uns doch frei davon und studieren wir die schöne Natur, versuchen wir ihren Geist herauszuheben, suchen wir uns doch so auszudrücken, wie es unserem persönlichen Temperament entspricht. Im übrigen, auch die Zeit und das Nachdenken verändern so nach und nach unser Sehen, und am Ende finden wir zum Verständnis.“

Sehr gerne malte Paul Cézanne unter freiem Himmel, die wunderbarsten Landschaftsbilder sind so entstanden. Diese Leidenschaft sollte aber auch sein Verhängnis werden, kam er doch bei einem solchen Mal-Ausflug in ein Unwetter und verlor in dem Treiben das Bewusstsein. Zwar wurde er gerettet, war aber so unterkühlt, dass er eine Lungenentzündung entwickelte und schliesslich am 22. Oktober 1906 starb.

Cézannes Schaffen durchlief mehrere Phasen:
Das frühe Werk war beeinflusst von der französischen Romantik und dem frühen Realismus. Dicker Farbauftrag und kontrastierende dunkle Farben beherrschen diese „dunkle Phase“.

Es folgte eine impressionistische Phase, beeinflusst von Pissaro und Manet. Schon bald verliess er den Impressionismus wieder, um sich einer flächigeren und an der Perspektive ausgerichteten Malweise zuzuwenden.

Er wandte sich den Stillleben zu, ein Höhepunkt in seinem Schaffen. Dabei legte er den Schwerpunkt weniger auf die einzelnen Gegenstände, sondern auf deren Anordnung und die ganze Bildkomposition. Das zeigt sich am vorgestellten Stillleben deutlich.

Auch in die Porträtmalerei begab sich unser Künstler, dies vor allem auch, um sich ein Auskommen zu sichern, verkauften die sich doch gut.

Langsam zog er sich aus der Realität zurück, die vorgefundenen Motive wichen frei erfundenen, Phantasie trat an die Stelle der Realität. In dieser Phase verlegte er sich mehr und mehr auf die Aquarellmalerei.

Grundlage von aller Malerei war für Cézanne das Zeichnen. Das wahre Schauen, das wirkliche Erfassen der Gegenstände, um sie sich auf diese Weise wirklich anzueignen, war zentral für seine Kunst:

„Das ganze Wollen des Malers muss schweigen. Er soll in sich verstummen lassen alle Stimmen der Voreingenommenheit. Vergessen! Vergessen! Stille schaffen! Ein vollkommenes Echo sein. […] Ich sehe! […] Um das zu malen muss dann das Handwerk einsetzen, aber ein demütiges Handwerk, das gehorcht und bereit ist, unbewusst zu übertragen.

Tagesbild: Spassvogel

„Der humorvolle Vogel

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Wie das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.“

Wilhelm Busch

Manchmal muss man die Dinge mit Humor nehmen, sonst werden sie zu schwer. Das merkte ich gestern, als die Batterie des Mietautos abgelegen ist. Nach dem Überbrücken musste ich Fahrt aufnehmen, tat dies den steilen Hügel vor dem Haus rauf, wo das gute Gefährt ein paar Meter weiter oben den Geist aufgab. Ich wollte rückwärts wieder nach Hause rollen, da blockierten die Bremsen, wir küssten stürmisch die Wand. Eine romantische Begegnung, auf die ich hätte verzichten können. Dafür war nachher für den Abendsport gesorgt: Ich musste der Pannenhilfe entgegenrennen, den ganzen Hügel rauf. Dafür durfte ich dann mit dem netten Herrn runterfahren, der einen so rasanten Fahrstil hatte, dass ich dankbar meine Resterinnerungen an das „Vater unser“ hervorkramte. Ein paar Turbulenzen später lief dann alles wieder normal, nur mein Herz raste noch immer im Tempo des gehetzten Waldaffen. 

Neuer Tag, neues Glück. Habt einen schönen Tag!

(Zeichnung im Skizzenbuch)

Tagesbild: Der Falke

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.“

Rainer Maria Rilke (1899)

Mein Bild des Tages – Kleine Studie im Skizzenbuch

Habt einen schönen Tag!

Stillleben mit Früchten

„Kommt, von allerreifsten Früchten / mit Geschmack und Lust zu speisen! / Über Rosen läßt sich dichten, / in die Äpfel muß man beißen.“ Johann Wolfgang von Goethe

Man kann sie auch malen, doch irgendwann werden sie gegessen. Im Bild zwar eine Khaki, die später dann zu einer Vorspeise wurde als Carpaccio auf Ruccola mit einem Limettendressing, Parmesanspänen und Balsamico-Creme wurde. Sehr lecker. 

Neben dem Malen mag ich auch das kreative Erkunden in der Küche. Ich halte mich selten an Rezepten, liebe es aber, in solchen zu stöbern und Inspirationen zu holen. Wo lebt ihr eure Kreativität gerne aus?

Habt einen schönen Tag!

Pieter Breughel der Ältere, ‚Der Blindensturz‘

Цифровая репродукция находится в интернет-музее Gallerix.ru

Bildbetrachtungen

„Es beginnt in der Schule, und man geht durchs Leben, indem man wiederholt, was andere gesagt haben. Ihr seid also Menschen aus zweiter Hand.“ Krishnamurti (Der Flug des Adlers)

Das klingt natürlich sehr ketzerisch, und doch ist in meinen Augen ein Funken Wahrheit dabei. In der Schule erzählt ein Lehrer seiner Klasse etwas und die Schüler müssen das glauben und lernen. So sagte Michel Bréal einst:

„Ein Professor ist ein Mann, der lehrt, was er nicht weiss.“

Gerade in der heutigen Welt, die sich in einem immer schnellen Tempo verändert, so dass keiner wissen kann, wo sie morgen stehen wird, ist es schwierig, wirklich sinnvolles und nützliches Wissen zu vermitteln. Einerseits ist es fraglich, ob das Wissen von heute morgen noch Gültigkeit hat, andererseits ist es noch unsicherer, ob das Wissen morgen noch von Bewandtnis ist. Zudem ist reines Wissen besser im Computer gespeichert und abrufbar, als in menschlichen Köpfen mit ihren Vergesslichkeiten.

Doch es soll hier nicht um Schulkritik gehen, sondern um ein Bild, nämlich Pieter Breughels ‚Der Blindensturz‘, ein Tempera-Gemälde von einer Grösse von 154 x 86 cm, gemalt 1568.

Eine Gruppe von sechs Blinden will in der Kirche um Almosen betteln. Sie machen sich auf den Weg, verfehlen aber den richtigen und irren in der Folge umher. Die sechs tragen diverse Utensilien bei sich, die darauf deuten, welche Funktion sie beim Betteln gehabt hätten. Einer hätte musiziert (ein Instrument unter dem Gewand), ein anderer gesammelt (der Teller am Gürtel). In einer Diagonale von links oben nach rechts unten stolpern die sechs dem Fall entgegen, der erste, der Anführer, liegt schon am Boden, der zweite ist schon im freien Fall, streckt noch die Hand aus, um zu versuchen, sich aufzufangen.

Das Bild ist in gedämpften Tönen und einer reduzierten Palette aus mehrheitlich Naturtönen gehalten, einzig ein roter Pullover und rote Socken bringen etwas Farbe hinein, wobei auch das Rot gedämpft ist.

Das Bild geht auf ein Gleichnis in der Bibel zurück, so heisst es im Matthäus-Evangelium:

„Lasst sie, sie sind blinde Blindenführer. Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube.“

Jesus meint damit die Pharisäer, die er als blinde Blindenführer sieht, welche das Volk in die Irre führen würden. Ein ähnliches Gleichnis findet sich nicht nur in der Bibel, sondern auch in indischen religiösen Schriften:

„So laufen ziellos hin und her die Toren, wie Blinde, die ein selbst auch Blinder anführt.“ (Katha Upanishaden)

Oder in den frühen buddhistischen Sutren des Pali-Kanon:

„Angenommen es gäbe eine Reihe blinder Männer, jeder in Berührung mit dem nächsten: der erste sieht nichts, der mittlere sieht nichts, und der letzte sieht nichts. Ebenso, Bhārdvāja, gleichen die Brahmanen, was ihre Behauptung angeht, einer Reihe blinder Männer: der erste sieht nichts, der mittlere sieht nichts, und der letzte sieht nichts“


Die Welt wird immer unübersichtlicher und manchmal findet man den richtigen Weg nicht. Wie froh ist man dann über jemanden, der einem zeigt, wo dieser entlangführt und wie man ihn gehen kann. Man vergisst dabei zwei Dinge: Wir wissen nicht, wie der andere seinen Weg gefunden hat und ob er wirklich richtig ist. Und: Es ist sein Weg, der für ihn funktionierte und ihn zu seinen Zielen führt. Jeder Mensch ist anders und jeder Mensch hat eigene Ziele, die sich aus diesem So-Sein ergeben. Auch der Weg dahin kann nur ein eigener sein, einer, der einem entspricht.

„Du kannst von niemandem abhängig sein. Es gibt keinen Führer, keinen Lehrer, keine Autorität. Es gibt nur dich – deine Beziehung zu anderen und zur Welt.“ Krishnamurti (Einbruch in die Freiheit)

Zudem geben wir mit der Befolgung anderer Lehren die eigene Freiheit auf. Wir begeben uns in eine Abhängigkeit und verlernen nach und nach das eigene Denken und die die Fähigkeit, eigene Lösungen zu finden.

Manchmal stehen wir am Scheideweg, wissen nicht, welchen Weg wir nun nehmen sollen. Schlussendlich ist es wichtig, sich für einen zu entscheiden. Wie der andere gewesen wäre, werden wir nie herausfinden. Keinen zu wählen wäre aber die schlechteste Option. Wie schrieb Robert Frost in seinem wunderbaren Gedicht „The road not taken“:

„Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both

I shall be telling this with a sigh

I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.“

(Das ganze Gedicht findet ihr HIER

An apple a day

Guten Morgen

„An apple a day keeps the doctor away.“

Eine kleine Spielerei im Skizzenbuch.

Das neue Jahr nimmt schon ganz schön Fahrt auf, wenn es so weitergeht, wie es begonnen hat, darf es gerne so bleiben. Mich hat die Schaffenswut gepackt, ich sitze von morgens (früh) bis nachts im Atelier und arbeite vor mich hin. Und nie gehen die Ideen aus, im Gegenteil, es kommen ständig tausend neue dazu. Beim Stand heute müsste ich 145 Jahre alt werden, um alle bislang vorhandenen zu realisieren. 

Kennt ihr das auch? Dass ihr förmlich überquellt vor lauter Ideen. Zum Glück ist heute ein neuer Tag mit viel Zeit! Und zwischendurch werde ich ein wenig die spanische Sonne geniessen mit einem Glas Wein, schliesslich lebt der Mensch nicht von der Arbeit allein. 

Habt einen schönen Tag!

Einfach spielen

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Friedrich Schiller

Das Spiel wird in unserer Zeit immer mehr in den Hintergrund geschoben, Leistung zählt, schon bei den Kindern. Immer früher setzt der Unterricht ein, immer weniger Zeit zum freien Spiel bleibt neben Schule und durchorganisierter Freizeit. Folgt man Schiller, so nimmt man dem Kind dadurch eigentlich die Basis seines Menschseins, ist das Spiel doch der Ort, in dem es sich und sein Sein in der Welt ausprobieren kann. Im Spiel lernen Kinder, zu kooperieren, zu interagieren, auch mal Frustration auszuhalten und Neues auszuprobieren. Der Spielplatz als Lernort fürs Leben.

Das Spiel geht immer da verloren, wo der Schwerpunkt auf dem Ergebnis liegt statt auf dem Weg dahin. Es gibt den Spruch von Konfuzius, der Weg sei das Ziel. Ich mochte ihn nie, versuchte ihn zu zerpflücken und durch Begriffsklauberei zu zerstören. Und muss gestehen: Er hatte recht. So lange es nur ums Ergebnis geht, sind wir selten an unserem Ort. Erst, wenn wir den Prozess, den Weg dahin, lieben, in ihm aufgehen, spüren wir unser Menschsein – eben im Spiel.

„Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt daran, als Erwachsener einer zu bleiben.“ Pablo Picasso

Vielleicht auch ein Grund, wieso ich die Liebe zum Spiel wieder entdeckt habe. Wieder ein wenig Kind sein. Nicht am Ergebnis haften, sondern das Tun feiern. Und manchmal bringt genau das die schönsten Ergebnisse.

Habt einen verspielten Tag!

Am Anfang steht das Zeichnen

Ich erinnere mich, dass ich als Kind mit meinen Eltern nach Bern an die grösste Picasso-Ausstellung ging, die bis dahin (zumindest in der Schweiz) je gezeigt worden war. Das Erlebnis blieb mir wohl im Gedächtnis (wenn sicher auch nicht nur), weil es nicht oft vorkam, dass wir ins Museum gingen – also eigentlich nie ausser dieser Ausnahme. Im Nachhinein ist das umso erstaunlicher, als mein Vater doch eigentlich sehr kunstaffin war.

So oder so: Die Ausstellung war gut besucht, nur ein Saal war seltsam leer. Diesen steuerten wir an. In ihm waren Skizzen, Skizzenbücher und Zeichnungen Picassos ausgestellt. Teilweise zeigten sie dasselbe Motiv in immer neuer grösserer Reduktion. Mein Vater erklärte mir, dass vor dem fertigen Bild oft Vorzeichnungen stünden, er erklärte mir den Weg Picassos vom realistischen Abbild hin zur Abstraktion und noch so vieles mehr. Diese Erklärungen liessen mich nachher die Bilder in einem ganz neuem Licht sehen.

Am Anfang steht das Zeichnen. Das sagt auch Henri Matisse, weswegen er seine Schüler zuerst zeichnen liess:

„Ja, ich habe eine Klasse von sechzig Schülern, und ich lasse sie mit peinlicher Genauigkeit zeichnen, wie Studenten es am Anfang immer tun sollten.“ Henri Matisse

Dass auch Cezanne ein begnadeter Zeichner war, blieb lange verborgen, stellte er doch zu Lebzeiten nie eine seiner Zeichnungen aus. Erst nach seinem Tod kamen sie ans Licht, viele davon sind heute im Kunstmuseum, da leider auch mehrheitlich unter Verschluss. Trotzdem lohnt es sich, sie zu studieren, zum Glück gibt es Bücher (wenn sie auch nie das direkte Anschauen ersetzen können), mit denen das gelingt, zum Beispiel das Buch „Der verborgene Cezanne. Vom Skizzenbuch zur Leinwand“.

In diesem Buch lassen sich teilweise Cezannes Wege von der Idee, hingeworfen in einer Skizze, über eine ausgearbeitete Zeichnung, die selbst schon ein Kunstwerk ist, hin zum Bild auf der Leinwand nachvollziehen. Es zeigt aber auch viele wunderbare Zeichnungen dieses Ausnahmetalents (nicht umsonst schwärmten viele heute selbst grosse Namen wir Matisse oder Picasso von ihm).

Hier findet ihr die Rezension zum Buch: Der verborgene Cezanne

Alles neu macht das neue Jahr?

Guten Morgen
Nun ist es da, das neue Jahr. Lange steuerten wir drauf zu, um nun angekommen zu sein und doch noch am Anfang zu stehen. So viele Möglichkeiten, so viele Chancen, Risiken stehen vor uns und wir nehmen den Weg durch all das auf.

Ich verzichte dieses Jahr auf einen Jahresrückblick. Es war ein gutes Jahr, ein Jahr voller Umbrüche, weil es auch ein Jahr voller Erkenntnisse war. Das ist wertvoll, von da aus gehe ich ins neue Jahr und mache es zu meinem Jahr der Kunst. Es ist ein Jahr eines (Wieder-)Neuanfangs und ich freue mich drauf. Es ist genau das: Ein Gefühl des Angekommenseins im Wissen, nun liegt ein Weg vor mir, den ich gehen will.

Was dabei sicher nie fehlen wird, sind meine Spielereien in den Skizzenbüchern. Sie sind meine Spielwiese, mein Tummelplatz, sie sind ein sicherer Ort für Erkundungen. Ich freue mich aber auch, wieder gross zu werden, die Farbe auf die Leinwände zu bringen, neue Welten entstehen zu lassen. Dabei wird die Natur meine Inspiration sein.

„Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will.“ Henri Matisse

Ich freue mich zudem darauf, in die Bildwelten grosser Maler einzutauchen, mich in diese einzufühlen und einzulesen. Wie viel doch in einem einzelnen Bild stecken kann – es begeistert mich immer wieder.

Habt ihr Vorhaben/Pläne/Wünsche fürs neue Jahr?

Habt einen schönen Tag, er ist der Beginn vom Rest eures Lebens. 💕

Eine Geschichte: Nachwort (XXXXX)

Nachwort

Mondnacht
„Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis‘ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande
als flöge sie nach Haus.“

(Joseph von Eichendorff)

Dieses Buch wurde nicht aus dem Nichts geboren. Als ich Didier Eribons Buch «Rückkehr nach Reims» gelesen habe, regte sich etwas in mir. Das wollte raus. So begann ich, ohne ein Ziel, ausser dem, schreibend meinen Erinnerungen auf die Spur zu kommen, von Hand Notizen zu machen. An gewissen Tagen füllte ich mehrere Seiten, an anderen knapp eine. Irgendwann war das Buch voll. Ich begann ein neues und füllte auch das.

Was nun? In die Schublade damit und gut ist? Ich beschloss, es abzuschreiben und digital zu erfassen. Danach ordnete ich es neu. Überarbeitete nochmals. Wollte es wieder dabei belassen. Da kam mir die Idee mit den Briefen. Und alles führte zu dem, was ihr die letzten Wochen und Monate lesen konntet.

Ich möchte all jenen von Herzen danken, die mich auf meiner Reise begleitet haben. Ich möchte mich bedanken für die lieben Reaktionen, die mich erreicht haben. Sie bedeuten mir viel. Diese Reise ist nun zu Ende. Und das ist gut so. Wie sagte schon Hermann Hesse:

«Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!»

Eine Geschichte: Epilog (XXXXIX)

Lieber Papa

Kürzlich bin ich beim Aufräumen auf ein Foto von dir gestossen. Auf dem Bild lachst du. Richtig gelöst und fröhlich. Entspannt. Hatte ich dich oft so erlebt? Vor allem in den späteren Jahren wirktest du oft angespannt. Eine Falte auf der Stirn, die Augen leicht zusammengekniffen. Was hat dich so angestrengt? Das Leben, wie es war? Ich frage mich oft, ob du wirklich glücklich warst mit all dem. Glücklich sein konntest. Habe ich es mich schon früher gefragt? Oder einfach befürchtet, dass du es nicht bist?

Ich schaue dich an. Nein, ich bin nicht traurig, weil du nicht mehr bist. Ich bin traurig, dass so viele Fragen offenblieben. Dass ich die Antworten selbst suchen muss. Und nie mit Sicherheit finden kann.

Ich durchforstete meine Erinnerungen und fühlte mich immer wieder an Scheidewegen. Nichts schien eindeutig. Immer waren da zwei Seiten, zwei Sichtweisen. Und ich schwankte hin und her. Fragte mich, ob ich dir mit manchen meiner Antworten Unrecht tue. Was ich weiss: Ich habe dich geliebt. Sehr. Du warst für mich immer wieder der Halt und die Sicherheit, auf die ich bauen konnte. Was ich auch weiss: Du wolltest mir nie etwas Böses. Alles, was du machtest, war gut gemeint. Für mich. Es sollte mich schützen. Weil das Leben hart sein kann. Es sollte dafür sorgen, dass es mir gut geht. Und führte so oft zum Gegenteil.

Nur: Ist das nicht normal? Laufen wir nicht alle mit unseren vorgefertigten Bildern durch die Welt und wollen nur das Beste für die, die wir lieben? Wer ist schuld, wenn es nicht gelingt?

Um Schuld geht es nicht. Ging es nie.

Meine Finger rasen über die Buchstaben. Und während ich hier schreibe, regnet es draussen. Die Tropfen prasseln auf den Boden, meine Finger hämmern auf die Tasten. Ein Miteinander des Klopfens, Tropfens, von fliessender Energie. Mein Fluss bewegt sich auf das Ende hin. Die Geschichte ist erzählt. Schwarz auf weiss, und doch nicht in Stein gemeisselt. Denn: Sie könnte auch ganz anders gewesen sein.

Ich schaue nochmals auf das Bild. Und weiss: Ich liebe dich. Das geht nie vorbei. Ich liebe dich, weil du warst, wie du warst. Und manchmal auch trotzdem.

So ist das. Und nun ist es gut.

(„Alles aus Liebe“, XXXXIX)

Eine Geschichte: Am Ende wird alles gut (XXXXVIII)

Lieber Papa

«Papa ist diese Nacht gestorben.»

Ich packte meine Sachen zusammen, raste zur Bushaltestelle. Alles an mir zitterte. Ich sass hinter Sonnenbrillengläsern verborgen am Fenster, lehnte das Gesicht an die Scheibe. Die Tränen liefen die Wangen hinunter. Alles war wie immer, der gleiche Weg, der gleiche Bus, der gleiche Zug. Und doch war alles anders. Es würde nie mehr sein wie immer.

Ich setzte mich auf die Treppe zwischen den Zugwaggons. Fühlte mich zwischen den Welten oder aus diesen gefallen. Ich ertrug keine Menschen. Ich ertrug gar nichts. Wollte allein sein. Mich verkriechen. Am liebsten im Bett, die Decke über den Kopf gezogen und nie mehr aufstehen. Was für ein verbrauchtes Bild. Gerade jetzt.

Ich lehnte an die Wand und starrte vor mich hin, ohne etwas zu sehen. Tränen hatte ich keine mehr. Dachte ich. Dann sah ich ihn: den Kontrolleur. In der Eile hatte ich mein ganzes Portemonnaie zuhause gelassen. Samt Fahrkarte. Als er vor mir stand, blickte ich hoch. Und weinte los. Und stammelte etwas von vergessener Fahrkarte und totem Vater. Und konnte nicht mehr aufhören. Er schaute mich an.

«Machen Sie sich keine Sorge. Alles ist gut. Bleiben Sie hier ruhig sitzen. Es wird keine weitere Kontrolle geben auf dieser Fahrt. Ich wünsche Ihnen alles Gute.»

Wie gut das tat. Die ruhige Stimme. Das Verständnis. Das Mitgefühl. Ich war so dankbar.

Mama war schon bei dir im Zimmer, als ich kam. Ich liess sie mit dir allein, setzte mich in die Kaffeestube. Und wartete. Sie kam. Wir begrüssten uns. Mit Umarmung. Sie fühlte sich ungewohnt echt an.

«Er sieht friedlich aus.»

«Ich werde nicht reingehen.»

«Du solltest.»

«Nein, ich will ihn lebend in Erinnerung haben.»

Die Pflegefachfrau schaltete sich ein.

«Es wird Ihnen guttun. Dann können Sie Abschied nehmen.»

«Ich habe mich am Dienstag verabschiedet, als ich wusste, dass ich ihn nicht mehr wiedersehen würde.»

Irgendwann gab ich nach. Lief den Gang hinunter. Fast hätte ich geklopft. Ich öffnete langsam die Tür. Streckte den Kopf durch den Spalt. Wie immer.

Da lagst du. Schmal. Still. Alles war still. So still. Ich ging an dein Bett. Setzte mich dieses Mal nicht drauf, wie immer, sondern kniete daneben. Schaute dich an. Streckte langsam meine Hand aus. Zögerte. Streckte weiter. Zögerte erneut. Berührte deinen Arm. Er war kühl. Ich nahm die andere Hand dazu. Umfasste deinen Arm mit beiden Händen. Und weinte. Ich weinte, als könnte ich nie mehr aufhören.

Eine Welt ohne dich, Papa? Das war nicht mehr meine Welt. In dieser Welt könnte ich nicht leben. Das war immer meine Überzeugung gewesen. Nun war es so weit. Und ich würde weiterleben. Die Welt drehte weiter. Mit mir, ohne dich.

«Am Ende wird alles gut.»

Das sagtest du immer. Es fühlte sich nicht so an. Doch mehr Ende ging nicht. Oder doch?

(«Alles aus Liebe», XXXXVIII)

Eine Geschichte: Quo Vadis? (XXXXVII)

Lieber Papa

Die Reise ging weiter und weiter. Während du im Bett lagst, verschwand immer mehr von dir. Das Leben zog mehr und mehr aus. Und in mir wuchs die Leere. Irgendwann kam der Moment, als sie nochmals reden wollten. Alle miteinander sollten wir darüber reden, wie es weitergehen solle. Weitergehen?

«Papa kann heim.»

Sagte Mama am Telefon.

«Das ist unmöglich. Papa kann nicht heim.»

Und wenig später sagte ich:

«Ich komme!»

Du hattest immer gesagt, du wolltest nicht in einem Spital sterben. Das sollte ermöglicht werden. Auch wenn du eigentlich zu schwach für eine Reise warst. Wir standen alle um das Bett versammelt. Die Ärzte erklärten die Situation und die verbleibenden Möglichkeiten: Keine. Die Pflegefachkräfte erzählten, was für ein lieber Mann du seist, wie dankbar und höflich. Es klingt blöd, aber ich war stolz auf dich. Fast fühlte es sich an wie Mutterstolz. Verkehrte Welt. Ich schien plötzlich ich in der Rolle, aufpassen zu müssen. Auf dich.

Du lagst da und schwiegst. Während alle anderen redeten. Und argumentierten. Und irgendwie auch nichts sagten. Nichts von Belang.

Sie erzählten, was es zu Hause brauche, Mama wollte es besorgen. Du schwiegst.

«Sie wollen doch nach Hause?»

Das fragte plötzlich ein Arzt. Du stelltest dich schlafend. Um Schweigen zu können. Sie besprachen weiter das Organisatorische. Ich sah, dass du es hörst. Ich am zu dir ans Bett, setzte mich. Schaute dir in die Augen. In deine kleinen, lieben, müden Augen.

«Papa, was willst du? Hier bleiben oder nach Hause?»

Du schautest mich an. Öffnetest den Mund. Es kam kein Ton. Du schautest mich nur an. Mit einem traurigen Blick. Es zerriss mir das Herz. Aber nein, das war unnmöglich. Das lag schon lange in Fetzen.

«Wollen wir bis Ende Woche schauen, wie alles geht, und dann entscheiden?»

Du nicktest. So würden wir es machen. Ich verabschiedete mich von dir. Ich umarmte dich, küsste dich. Du drücktest mich leicht. Es muss dich deine ganze verbleibende Kraft gekostet haben.

«Ciao, Papa!»

«Ciao!»

(«Alles aus Liebe», XXXXVII)

Eine Geschichte: Offene Fragen (XXXXVI)

Lieber Papa

Wie du dalagst, wenn ich kam. So lieb. So schmal. Immer ging mir das Herz auf. Um sich dann vor Schmerz wieder zu verkrampfen. Weil mir bewusst war, dass ich dich nicht mehr lange so daliegen sehen würde. Wobei du gar nicht daliegen solltest. Du solltest durch die Berge wandern, deine geliebten Kreuzworträtsel lösen. Du solltest lachen, singen, tanzen. Du solltest Witze machen, von früher erzählen. Du solltest zu Hause sein. Ans Telefon gehen. Du solltest… Aber das Sollen war vorbei. Das Wollen auch. Es war, wie es war. Und würde auch so nicht bleiben.

Wir waren in diesen Zug eingestiegen, der nur noch eine Haltestelle kannte. Ich hasste Reisen schon immer.

Rainer Maria Rilke schrieb einst:

„Die Blätter fallen. Fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
Sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“

Ich fragte mich, wieso das Gedicht so schön klingt, so friedlich. In mir weinte und schrie und tobte und wütete es. Und doch berührten mich die Zeilen. Darum wollte ich sie mit dir teilen, Papa. Ich habe dich gar nie gefragt, ob du Gedichte magst. Ich habe so vieles nicht gefragt.

(„Alles aus Liebe“, XXXXVI)

Eine Geschichte: Anders als die anderen (XXXXV)

Lieber Papa

«Wir haben Ableger in der Leber gefunden.»

Mehr hörte ich nicht mehr. Hatte im Hinterkopf, dass es bei der Leber aufhöre. Das Ende nah sei. Der Mensch müder werde, bis er einschlafe. Ganz. Was hätte ich noch mehr hören sollen? Was war noch von Belang?

Der erste Schritt war wohl die Verlegung auf die Palliativabteilung. Das Warten aufs Sterben hatte begonnen. Ganz formell. Die Besuche waren nun gezählt.

«Es kommt schon gut.»

Du warst deinem Satz treu geblieben.

«Ein schönes Zimmer. Grossartige Aussicht.»

Ich meinen banalen Floskeln ebenso. Als ob es darauf ankäme. Aber ja, vielleicht kam es genau darauf an. Wenn nichts mehr zu erwarten war. Keine Hoffnung mehr blieb. So blieb doch der Moment. Das war wenig genug. Ein schönes Zimmer und eine Tochter, die keine Ahnung hatte, was sie sagen sollte. Die sich mal wieder unglaublich dumm anstellte.

«Wie fühlst du dich?»

«Etwas müde.»

«Soll ich lieber gehen?»

«Nein, es ist schön, dass du da bist.»

Ich setzte mich. Wir plauderten über Belangloses. Ich erzählte von meinen Problemen zu Hause. Die waren ja auch noch da. Nur meist überschattet von diesem gnadenlosen Geschwür. Und nicht der Rede wert. Irgendwann sagte ich:

«Ich bin einfach kein Familienmensch.»

Und du sagtest:

«Du warst schon immer anders als die anderen.»

Es klang nicht wie ein Vorwurf. Zum ersten Mal? Später sagte mir meine Erinnerung, du hättest noch angefügt:

« Und das ist gut so. Ich bin stolz auf dich.»

Ich weiss nun nicht mehr, ob du das wirklich gesagt hast, Papa. Ich möchte es gerne glauben. Auch wenn ich mich dann frage, wieso du das nie gezeigt hast. Wobei: Vielleicht hast du ja. Auf deine Weise.

(«Alles aus Liebe», XXXXV)