Eine Geschichte: Klein bleiben (IX)

Lieber Papa

Kürzlich fuhr ich zum Einkaufen. Es war der erste Schultag nach den Sommerferien, meine Strecke führte am Kindergarten vorbei. Da sah ich sie. All die kleinen Kinder mit ihren Müttern, die ihren ersten Tag im Kindertag vor sich hatten. Einige liefen stramm und zielstrebig, zogen ihre Mütter förmlich hinterher. Sie fühlten sich sichtlich gebremst in ihrem Entdeckerdrang. Andere wiederum trotteten mit gesenktem Kopf so weit hinter ihrer Mutter her, wie die Armlängen es zuliessen. Es wirkte, als sollten sie zu ihrer Hinrichtung geführt werden. Sie mussten um die fünf Jahre alt sein. Sie waren so klein. Es lag so viel vor ihnen. Ganz nah ein grosser Schritt. Ich war gerührt. Und dachte zurück.

Manchmal taucht eine Erinnerung auf. Als ob ein Blitz sie in der Dunkelheit des Vergessens erleuchten würde. Ich sehe mich kurz an einem Ort oder wie ich etwas tue. Dann ist alles wieder dunkel. Und mit der Dunkelheit kommt die Unsicherheit: War das wirklich eine Erinnerung oder nur ein Bild, das ich mir aus Erzählungen anderer gemalt habe. Je mehr ich mich erinnere, desto mehr stellt sich mir die Frage: Wie viel von diesem Erinnern ist blosser Glaube an eine Vergangenheit, die aus heutiger Sicht stimmig erscheint, so aber gar nicht existiert hat? Die wenigen Erinnerungen sind wie helle Sterne an einem sonst dunklen Firmament.  

In dem Jahr, in dem ich in den Kindergarten kam, habe ich gesagt, ich wolle immer fünf bleiben. Das erzählte Mama. Ich kann mich nicht daran erinnern. Woher kam dieser Wunsch? Aus dem Moment heraus oder war das ein dauerhaftes Gefühl? Ich weiss es nicht. Oder vielleicht doch?

Steckte die Angst vor dem Neuen dahinter? Hat sie diesen Wunsch ausgelöst? Ihr habt mir erzählt, wie das im Kindergarten sei. Ich müsse dortbleiben, sagtet ihr. Da seien viele Kinder, sagtet ihr. So viel Neues. Bis dahin war ich immer zu Hause, meist allein mit Mama und dir. Wenn wir unter Leuten waren, dann nur mit Erwachsenen. Ihr habt euch unterhalten, habt gelacht. Ich war das Kind, das dabeisass. Benimm dich. Sei still. Iss schön. Spiel nicht mit dem Besteck. Aus heutiger Sicht hätte ich mich auf den Kindergarten freuen müssen. Raus aus der Stille. Raus aus den Regeln. Wobei nein: Du sagtest mir, wie ich mich da benehmen müsse. Dass ich still sein solle. Nicht auffallen. Gehorchen. Hast du das alles gesagt? Oder denke ich es mir nun aus? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du es nicht gesagt hast.

Ich kann mich an keine Freude erinnern.

Mein erster Tag im Kindergarten kam. Mami hat mich begleitet, es gibt ein Foto davon, wie wir in praktisch identischen roten Regenmänteln vor unserer Haustür stehen, ich mit umgehängter Znünitasche. Ich blicke ernst in die Kamera. Da ist nichts von Aufregung oder Vorfreude. Ich hatte Angst. Sie sollte sich erfüllen.

Bald musste ich allein zum Kindergarten laufen. Es war kein langer Weg. Eines Morgens lauerten sie mir auf. Eine Gruppe, angeführt von einem Mädchen aus der Nachbarschaft. Ich erinnere mich nicht, vorher mit ihr oder einem der Gruppe Kontakt gehabt zu haben oder gar zusammengestossen zu sein. Wie auch. Ich war still. Ich war brav. Ich gehorchte. Wie du gesagt hast. Vielleicht war das der Grund.

Sie stürmten auf mich zu. Sie stiessen mich zu Boden. Ich versuchte mich zu wehren. Sie waren zu viele. Sie waren stärker. Und dann? Ich habe es vergessen. Irgendwann war ich wohl wieder frei. Von da an war ich vorsichtig. Sobald ich einen der Gruppe sah hinter einem Busch oder Pfosten, drehte ich um und rannte heim. Und dann? Hat Mami mich begleitet? Ich glaube nicht. Schaute sie vom Balkon, soweit sie den Weg sehen konnte? Das wäre möglich. Hast du davon erfahren? Wohl schon. Warst du enttäuscht von mir? Weil ich schon wieder Probleme machte? Wohl schon.

Irgendwann ging Mami mit mir zu den Eltern der Anführerin. Danach hattet ihr mit diesen Eltern ab und zu Kontakt. Einmal paar Mal gingen wir alle zusammen kegeln. Dann brach der Kontakt ab. An mehr erinnere ich mich nicht mehr. Nur, dass das Mädchen und ich danach Freundinnen wurden. Das zerbrach dann auch. Immerhin blieben die Scherben einfach liegen und entwickelten sich nicht zurück in Gewalt.

Eine enge oder beste Freundin hatte ich danach kaum mehr. Ich hatte wohl gelernt, dass das Alleinsein der sicherste Ort ist. Es war auch der Ort, den ich am besten kannte. Alle anderen können dich jederzeit verlassen – und sie tun es auch. Das hast du mir mal gesagt. Nur ihr wärt immer für mich da, hast du gesagt. Doch auch das hast du irgendwann zurückgenommen. Ich sei nun gross, meintest du. Mami und du seid nun wieder für euch, ich müsse für mich meinen eigenen Weg gehen. War das Freiheit? Es fühlte sich nicht so an. Es gibt dieses eine Lied von Udo Jürgens, das ich liebte. Vor allem ein Satz ging mir immer tief: «Du sagst, du bist frei, und meinst dabei, du bist allein…»

Vielleicht spürte ich, dass Grosswerden Gefahren mit sich bringt. Vielleicht sagte ich drum, ich möchte klein bleiben, möchte immer fünf bleiben. Vielleicht spürte ich, dass der erste Schritt aus dem Zuhause auch der erste Schritt in die Distanz war, die sich von nun an vergrössern sollte. Anzeichen gab es, kleine Andeutungen, Gesten, Blicke. Fürchtete ich den Verstoss? Die Bedrohung des Verlustes? Wollte ich drum klein bleiben? Und tat alles dafür? Hörte sogar auf zu essen irgendwann? Oder wollte ich mich damit zum Verschwinden bringen?  Weil ich mich als nicht wichtig, nicht gesehen fühlte? Ein Versuch, dem Schmerz, der Trauer, der Verzweiflung zu entkommen?

Vielleicht höre ich hier besser auf. Für heute.

(«Alles aus Liebe», IX)

Eine Geschichte: Schweigen (VIII)

Lieber Papa

Wenn ich in Spanien bin, sehe ich sie oft: Die Familien, die am Wochenende oder an Feiertagen an den Strand fahren und dort ein zweites Wohnzimmer aufbauen. Alle helfen mit. Sie haben an alles gedacht: ein Zelt, Sonnenschirme, Tische, Stühle, Liegen, Kühltruhen und Essen. Berge von Essen. Ganze Buffets werden aufgestellt. Alle reden und lachen laut durcheinander, sie feiern das Leben.

Erinnerst du dich? Wir gingen früher auch manchmal zum Picknick. Meist in den Wald. Nur wir drei. Ohne Lachen und ohne Zelt, aber mit Klappstühlen, einer Kühlbox, Getränken, gekochten Eiern, Würsten, Brot, einer Decke, Gläsern, Teller, Besteck. Alles hatte seine Ordnung.

Wir luden alles ins Auto, fuhren zum nahegelegenen Wald, parkten auf dem Parkplatz und schleppten alles zur Feuerstelle im Innern des Waldes. Grössere Scheite lagen schon vor Ort bereit, die kleineren, feineren zum Anfeuern gingst du sammeln. Ein Picknick, wie es im Schulbuch steht.

Während ich das so schreibe, merke ich, wie in mir Unmut hochkommt. Es wirkt alles so leblos, so freudlos, so einstudiert und durchorganisiert. Wo ist das Freudige, das Bunte, Improvisierte? Und gleichzeitig schelte ich mich für diese Gefühle und Gedanken. Ist es nicht gut, wenn man Dinge so plant, dass sie klappen? Ich frage mich zudem, ob ich nicht zu viel hineinlege in diese Erinnerung. Will ich es düster sehen? Habe ich ein Bild, in das ich die Geschichte einpassen will? Und ich gehe weiter, frage mich, ob das überhaupt Erinnerungen sind. Ich erinnere mich an einen Ausspruch von Max Frisch, wonach wir uns Geschichten erzählen und sie dann für unser Leben halten. In Ivrin D. Yaloms Memoiren las ich etwas ähnliches. Er schrieb, dass er die Realität für eine wandelbare Sache halte, dass Erinnerungen dadurch oft fiktiver seien als man glaube. So fühlt sich das an. Woher also kommt diese Geschichte in mir? Ich weiss es nicht, aber ich möchte sie weitererzählen:

Das Anfeuern dauerte oft lang, eine Geduldprobe. Wenn das Feuer so richtig schön brannte, hatte das Warten noch kein Ende, dann mussten die Flammen sich erst wieder legen. Erst dann konnten wir die Würste braten. Ich sage heute oft, das G in meinem Namen stehe für Geduld – sie fehlte mir schon damals. Dieses stille Warten war nichts für mich.

Aus der Langeweile heraus entstehen die schönsten Ideen, so packte ich meinen Klappstuhl und lief damit zum Waldrand. Ich setzte mich hin und wartete auf Spaziergänger, die vorbeikamen. Sie schienen sich zu freuen, auf alle Fälle erwiderten sie alle meinen Gruss und plauderten mit mir. Ich genoss es – leider nicht lange. Plötzlich standst du hinter mir, offensichtlich wütend. Was mir eigentlich einfalle, die Leute zu belästigen, fragtest du. Ich sagte, die hätten sich gefreut. Irrtum, meintest du, die seien nur höflich gewesen. Wie hatte ich mich nur so täuschen können. So dachte ich. Es tat ein wenig weh.

Ich musste auf der Stelle zurück an die Feuerstelle, und eines war klar: Ich hatte die strenge Ordnung des Picknicks gestört. Ich war mal wieder nicht in Ordnung gewesen. Der Rest des Picknicks verlief schweigend.

Erinnerst du dich? Das war immer deine Taktik. Durch Schweigen zeigtest du mir, dass ich vom richtigen Weg abgekommen bin. Dein Schweigen nahm den ganzen Raum ein, liess mich deine Enttäuschung über mich spüren. Manchmal dauerte es lange. Zwei Wochen ohne ein Wort von dir. Dein Blick glitt an mir vorüber, du nahmst mich nicht mehr wahr.

Interessant, dass dieses Schweigen für mich die Höchststrafe bedeutete, waren wir doch auch sonst keine sehr beredte Familie. Aber so war das. Wenn die wenigen Worte zur Totenstille anwuchsen, dann fühlte es sich an, als sei damit alles gestorben: deine Liebe zu mir, ich für dich – und damit auch ich für mich.

Ich weiss nicht mehr, wie es nach dem Schweigen jeweils zum ersten Wort kam. Was löste es aus? Wie fühlte es sich an? Ich stelle mir vor, es war wie der erste Schluck Wasser für einen, der fast verdurstete. Aber das ist reine Fantasie, ich erinnere mich nicht.

(„Alles aus Liebe“, VIII)

Eine Geschichte: Verloren (VII)

Lieber Papa

Kürzlich hatte ich einen Traum. Ich fand nicht mehr nach Hause. Ich lief durch die Strassen, kam zu der Stelle, wo unser Haus immer gestanden hatte, aber es sah völlig anders aus. Ich ging hinein. Auch drinnen war alles verändert. Und doch schien ich überzeugt, hier zu wohnen. Ich klingelte. Keiner öffnete. Alles war stumm. Ich zweifelte, ob ich nicht doch am falschen Ort sei. Nur: Wo wäre der richtige? Ich hatte keine Ahnung. Ich fühlte mich verloren.

Ich habe diesen Traum schon oft geträumt. Es ist immer alles gleich. Während ich dir von diesem Traum schreibe, erinnere ich mich an etwas, das passiert ist, als ich etwa drei oder vier war. Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich verschwunden bin?

Ich ging mit Mama zum Einkaufen. Vor dem Eingang des Einkaufszentrums gab es einen kleinen Bildschirm mit einer Sitzbank davor. Wenn man Geld einwarf, konnte man ein Märchen anschauen. Jedes Mal, wenn wir da waren, fragte ich, ob ich den Film schauen darf. Einkaufen fand ich langweilig. Mama sagte immer nein. Doch dieses eine Mal stimmte sie zu. Freudig setzte ich mich hin und war schon bald völlig in den Film vertieft. Ich bin nicht sicher, aber manchmal bilde ich mir ein, ich sähe noch die Bilder vor mir und hörte die Zwerge singen, wenn sie von der Arbeit heimkehrten zu Schneewittchen.

Plötzlich sah ich aus den Augenwinkeln Mama, wie sie aus dem Gebäude ging. Hatte sie mich vergessen? Schnell sprang ich auf und lief zum Ausgang. Ich sah sie nirgends mehr. Vielleicht hatte ich mich getäuscht. Ich setzte mich wieder hin und schaute weiter, konnte mich aber nicht mehr auf den Film konzentrieren. Immer wieder schaute ich zum Ausgang, befürchtete, ich könnte Mama verpassen. Doch sie kam nicht. Vielleicht hatte ich mich vorher gar nicht getäuscht, vielleicht war sie tatsächlich nach Hause gegangen und hatte mich hier vergessen.

Ich konnte es kaum glauben, dass sie mich einfach vergessen konnte. Sie musste noch irgendwo sein. Ich wollte sie suchen. Ich lief durch das ganze Einkaufszentrum, lief in alle Läden, die ich kannte: Die Tierhandlung mit den Fischen, Vögeln und den Meerschweinchen, die ich immer streicheln wollte, die Drogerie, in welcher wir dieses grässliche Biomalt kauften, das ich jeden Morgen schlucken musste, die chemische Reinigung, den Kiosk, wo sie manchmal den Lottoschein ausfüllte, das Café ganz hinten im Einkaufszentrum, auch wenn wir da noch nie drin gewesen waren. Nichts. Ich lief zum hinteren Ausgang hinaus, lief um das Einkaufszentrum herum und landete wieder beim vorderen Eingang. Nirgends sah ich sie.

Zum Glück bin ich schon oft mit Mama zum Einkaufszentrum gelaufen, so dass ich den Weg gut kannte. Ich beschloss, allein nach Hause zu gehen, vielleicht konnte ich sie noch einholen.

Zuerst musste ich eine grosse Strasse überqueren, danach führte mein Weg eine Wiese entlang, in deren Mitte ein Bauernhof stand. Ab und zu grasten Ziegen und Schafe auf der Wiese, die ich zu streicheln versuchte. Dafür hatte ich nun keine Zeit. Auf der anderen Seite des Weges war ein kleines Mäuerchen, auf dem ich gerne balancierte, auch wenn Mama das nicht mochte. Heute fehlte mir der Sinn dafür. Ich fühlte mich allein und traurig, und ja, ich hatte Angst. Ich fürchtete, dass ich etwas falsch gemacht hatte, dass Mama mit mir schimpfen würde. Ich hatte Angst, dass sie es dir erzählt und du mich mit dem Blick anschauen würdest, der sagte: «Wieso kannst du nicht mal normal sein, wieso musst du dich immer danebenbenehmen?»

Als nächstes musste ich wieder eine grosse Strasse überqueren. Zum Glück kamen nicht viele Autos, aber so allein wirkte sie doch bedrohlicher, als wenn ich mit Mama unterwegs war. Zum Glück wurde es nun einfacher. Ich musste nur noch einer Strasse folgen, die zwar ein paar Kurven machte, dann aber zu unserem Haus führte. Wenn ich mich richtig erinnere, traf ich auf dem ganzen Weg keinen einzigen Menschen. Nicht nur ich war allein, die ganze Welt schien verlassen zu sein. Wenn mir jemand begegnet wäre, hätte er sich gewundert, dass ein so kleines Mädchen allein unterwegs war? Hätte er mir meine Angst angesehen? Habe ich geweint? Ich erinnere mich nicht. Ich glaube, ich weinte nicht. Während ich das schreibe, merke ich, dass ich auch schon kleine Kinder allein auf dem Trottoir sah und mich fragte, ob ich etwas tun müsste. Ich habe nie etwas gemacht. Ich hatte immer Angst, mich irgendwo einzumischen und dann Ärger zu kriegen. Eigentlich feige. Ich will das ändern.  

Endlich kam ich bei unserem Haus an. Ich wollte klingeln. Ich konnte zwar nicht lesen, aber ich wusste genau, welches unser Schild war. Ich frage mich, wieso ich es wusste. Habt ihr es mir gezeigt? Wieso hättet ihr das tun sollen? Zu dem Zeitpunkt war ich noch nie allein draussen gewesen. Auch war ich nie mit anderen unterwegs, die hätten klingeln müssen. Ich weiss es nicht, aber es ist unwichtig. Das Schild hing zu hoch. Ich kam nicht ran. Da stand ich nun und wusste nicht, was tun. Meine Angst wurde grösser. Ich war hier allein und ihr schient unerreichbar.

In dem Moment kam unsere Nachbarin, Frau Vogelmeier, aus dem Haus. Sie bückte sich zu mir runter. «Was machst du hier? Wo ist deine Mama?» Ich glaube, da begann ich zu weinen. Ich erzählte ihr von Schneewittchen und von Mama, die mich vergessen hatte. Ich erzählte ihr von meiner Suche und dem Heimweg, erzählte von der Klingel, die zu hoch hing. Frau Vogelmeier tröstete mich: «Deine Mama hat dich bestimmt nicht vergessen, sie sucht dich bestimmt schon.» Sie nahm mich an der Hand und gemeinsam liefen wir zum Einkaufszentrum zurück. Ich weiss nicht mehr genau, was dann passiert ist. Alles, was ich noch weiss, habt ihr mir später erzählt. Oder weiss ich auch das bis hierhin nur aus euren Erzählungen und erzähle es mir nun selbst als meine Erinnerung? Ich bin mir nicht sicher.

Mama erzählte, dass sie aus dem Laden kam und ich verschwunden war. Du erzähltest, dass Mama dich angerufen habe. Du hättest alles stehen und liegen lassen, ein Taxi gerufen und seist zum Einkaufszentrum gefahren. Bis du kamst, lief Mama immer wieder durch das Einkaufszentrum, fragte überall nach mir. Keiner hatte mich gesehen. Nirgends war eine Spur von mir. Das alles passierte in einer Zeit, in welcher mehrere Kinder in meinem Alter verschwunden sind. Entsprechend gross war eure Sorge.

Endlich kamen Frau Vogelmeier und ich beim Einkaufszentrum an. Ich glaube, du bist zu mir runtergekniet und hast mich in den Arm genommen. War das so? Sicher bin ich nicht. Ich stelle es mir so vor. Und Mama? Was machte sie? Was fühlte ich? Das ist alles ausgelöscht.

Ich weiss nicht, wieso ich bei meinem Traum an diese Geschichte denke. Haben sie etwas miteinander zu tun? Gemeinsam ist ihnen sicher die tiefe Verlorenheit, das Gefühl, kein Zuhause zu haben, nirgends hinzugehören. Noch heute frage ich mich manchmal, was das ist: Zuhause. Oder Heimat. Ich habe nur leise Ahnungen, ich kann beides nicht ganz fassen.

(«Alles aus Liebe», VII)

Eine Geschichte: Zeichnen (VI)

Lieber Papa

Als ich vor einigen Jahren wieder begann zu zeichnen, hast du dich gefreut. Ich zeigte dir ein paar Skizzen aus meinem Skizzenbuch und du hast gelächelt und gemeint, ich hätte schon immer gut zeichnen können. Das Zeichnen half mir in dieser Zeit, als mir so vieles im Leben weggebrochen war. Damit kriegte ich meinen Kopf frei. Ich konnte mich in etwas hineingeben, das mich vom Nachdenken wegbrachte.

Erinnerst du dich, Papa, wie das war, als ich ein Kind war? Du musstest mir nur Papier und Stifte geben, dann war ich glücklich. Dann sass ich da und zeichnete. Ich liebte es und für euch war das ein sicherer Wert in Restaurants oder anderen Situationen, in denen ich mich gelangweilt hätte. So fiel ich wenigstens nicht auf.

Ich war etwa drei Jahre alt, als ich ein Bild mit einer Sonne über einer Blumenwiese gezeichnet habe. Du warst begeistert. Manchmal glaube ich mich daran zu erinnern, wie ich das Bild gemalt habe. Vermutlich ist das eine Illusion. Ich erinnere mich wohl nur an mich, wie ich an einem Tisch sass und zeichnete, weil ich das oft tat, damals. Das Bild kenne ich nur vom Sehen und von deinen Erzählungen. Ich erinnere mich auch nicht daran, wie ich es dir gezeigt habe oder wie du darauf reagiert hast. Auch das weiss ich alles nur aus deinen Erzählungen. All diese Erzählungen wurden zu etwas, das sich anfühlt wie eine eigene Erinnerung. Interessant, wie man Menschen Erinnerungen einpflanzen kann, indem man ihnen etwas oft genug erzählt. Irgendwie auch gruselig.

Das Bild hing all die Jahre in unserem Wohnzimmer. Du hast allen, die kamen, sichtlich stolz erzählt, dass ich das mit drei gezeichnet habe. Das sei grossartig für eine Dreijährige, hast du hinzugefügt. Darum hättest du es aufgehängt. Daraufhin sei ich schludrig geworden, hätte immer mehr und schneller Bilder gezeichnet, nicht mehr so gut. Das hättest du natürlich nicht mehr belohnt. Ich müsse merken, dass ich mir Mühe geben muss. Das alles hast du erzählt, wenn Leute das Bild ansahen.

Es war mir damals nicht bewusst gewesen, dass ich pfuschte. Ich dachte, ich hätte gezeichnet, was ich konnte, und es mit Freude schenken wollen. „Das ist nicht gut genug, um es aufzuhängen“, sagtest du oft. Das hat das Lob über die gute Zeichnung aufgehoben. Ich konnte mich nicht mehr freuen. Der Rest wog ungleich schwerer. Zu deinen Worten kamen die Blicke der anderen. Sie richteten sich weg vom Bild und hin zu mir. Ich kam mir klein vor. Ich war die, die pfuschte und sie wüssten es nun alle. War es mir am Anfang nur um die Freude am Zeichnen, um das Ausprobieren und Spielen mit Farben gegangen, merkte ich nun, dass meine Bilder Kriterien erfüllen mussten, was sie mehrheitlich nicht taten. Sie waren nicht gut genug. So wollte ich nicht weitermachen. Ich hörte auf zu zeichnen. Bei den wenigen Versuchen, die ich später unternahm, sagte gleich eine innere Stimme: „Das taugt nicht. Das ist Pfusch. Das hängt keiner auf.“

Und doch: Irgendwann, nach vielen Jahren, Jahrzehnten gar, probierte ich es wieder aus. Du freutest dich. „Du hattest immer Talent“, sagtest du. Doch meine innere Stimme war noch da. Und sie befand, mein Talent reiche nicht. Ich habe wieder aufgehört.

An all das musste ich kürzlich denken, als ich in meinen alten Skizzenbüchern blätterte. Im Nachhinein fand ich vieles gar nicht so schlecht. Aber vielleicht hat auch alles seine Zeit und jeder seine Stimme. Meine zeigt sich in Worten, weswegen ich dir nun diesen Brief schreibe und kein Bild male.

(„Alles aus Liebe“, VI)

Eine Geschichte: Salzstangen (V)

Lieber Papa

Wenn ich ein Glas Wein trinke, esse ich gerne Salzbrezeln dazu. Andere bevorzugen Chips oder Nüsse, bei mir sind es die Salzbrezen. Nicht alle, nur die, welche knacken und wirklich salzig sind. Wenn ich sie esse, denke ich oft an früher. Damals gab es in Restaurants diese Körbe mit Chips, Nüssen, Salzstangen und abgepacktem Süssgebäck. Ich durfte mir was aussuchen und wählte sie Salzstangen.

Am liebsten ass ich sie wie ein Kaninchen, mümmelte mich von einem Ende zum anderen. Das gefiel dir gar nicht. „Iss anständig!“, sagtest du. „Kannst du nicht einmal etwas normal machen?“, sagtest du – es war keine Frage, eher ein entnervtes Aufstöhnen mit einem Fragezeichen zur Tarnung. Natürlich konnte ich und tat es sogleich. Die Salzstangen schmeckten dann nur noch halb so gut. Das sagte ich natürlich nicht, denn du hättest es nicht verstanden. Du hättest es für eine weitere meiner Absonderlichkeiten gehalten.

Der positive Nebeneffekt dieser Salzstangen war, dass ich dadurch ruhig war. Oft waren wir nicht allein, sondern es sassen noch andere Leute am Tisch. Ihr habt euch mit ihnen unterhalten. Über Erwachsenenthemen, Dinge, von denen ich nichts verstand, die mich nicht betrafen. Kein Problem, ich war ja beschäftigt. Mit Salzstangen, die ich nun normal ass.

Ich war ein braves Kind. Manchmal frage ich mich, wieso ich nicht aufbegehrte. Aber es war nicht möglich. Wenn ich das schreibe, klingt es merkwürdig. Wenn ich es nochmals lese, klingt es immer noch so. Ich möchte mir zurufen: „Wehr dich, es ist möglich!“ Aber nein. Das war keine Option. Merkwürdig.

Wenn wir unter Leuten waren, bist du immer aufgeblüht. Du warst witzig, redetest mit allen und über alles, amüsiertest dich und die anderen. Du hattest ein gewinnendes Wesen und hast auch mich immer wieder gewonnen damit. Mama sass eher schweigsam daneben. Ich blickte zu dir auf für deine Art, schätzte Mama wohl geringer wegen ihrer. Nahm ich sie überhaupt wahr? Wenn ich heute zurückdenke, kommt es mir manchmal so vor, als wären wir nur dein Publikum gewesen. Wir waren die Zuhörer, die du auf sicher hattest, die anderen gewannst du hinzu.

Ich erinnere mich, wie du gelacht hast in solchen Runden. Manchmal lachtest du so sehr, dass dein Mund weitaufging und du den Kopf in den Nacken warfst. Heraus kam ein gepresstes und doch laut schallendes Lachen. War das echt, frage ich mich heute. Damals stellte ich mir diese Frage nicht. Ich hinterfragte generell wenig, da ich sowieso keine Antworten fand. Ich kannte sie nicht, du gabst sie mir nicht. Zudem wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass man ein Lachen erzwingen kann. Wozu auch? Gut, manchmal dachte ich, es wäre schön, auch so zu lachen wie du. Aber ich war nicht wie du. Manchmal hast du mir gesagt, ich solle mehr lachen. Man möge nur fröhliche Menschen und ich sei zu ernst. Ich konnte nicht ohne Grund lachen.

Ich mag heute lieber Salzbrezeln als Salzstangen. Am liebsten nage ich sie Rundung für Rundung ab. So schmecken sie am besten. Manchmal denke ich, dass es ein Glück sei, dass du das nicht siehst. Was du sagen würdest, habe ich tief in mir und höre es immer, wenn ich meine Brezeln so esse.

(„Alles aus Liebe“, V)

Eine Geschichte: Erinnerungen (IV)

Lieber Papa

Immer wieder höre ich Menschen von ihren Erinnerungen sprechen. Sie erzählen Episoden aus der Kindheit, können in epischer Länge und Breite ihr vergangenes Leben Revue passieren lassen, bis weit zurück zum Kindergarten und davor. In der Vergangenheit dachte ich oft, das sei Schnee von gestern. Das interessiere nicht. Wieso soll man zurückblicken, wenn die Gegenwart so viel Neues bietet. Hast du das nicht auch gesagt?

Irgendwann merkte ich, dass mir etwas fehlte. Dass ich mich, selbst wenn ich wollte, nicht erinnern konnte. Wieso war das so? Wo steckten all die Erfahrungen, Erlebnisse meiner frühen Jahre? Irgendwie war da nur eine grosse, stille, schweigende Leere. Wenn ich dann Fotos anschaute, in der Hoffnung, dass sich doch eine Erinnerung regt, blieb alles still. Zwar sah ich mit Bildbeweis, dass etwas da gewesen sein muss, doch das schien nun verloren.

Wenn ich dich manchmal nach früher gefragt habe, half mir das meist wenig. Du schienst die Fragen nicht hören zu wollen, vor allem dann nicht, wenn sie kritisch waren. Du tatest die Fragen ab, erachtetest sie als unnötig, abwegig, unsinnig. «Wieso willst du das wissen? Was willst du damit bezwecken? Willst du etwas kaputt machen, das gut war?», hörte ich dann höchstens. Und die Frage klang nicht nach einer wirklichen Frage, mehr nach einem Vorwurf. Für dich schien festzustehen, dass die Fragen dazu dienten, etwas zu zerstören. Wie kamst du darauf? Ich traute mich nicht, nachzufragen. Du hattest schon alles mit einer Handbewegung weggewischt. In der Handbewegung lag etwas Drohendes. Dein Blick sprach Bände, sie versprachen nichts Gutes. Unfrieden lag in der Luft, ich wollte ihn nicht realisieren. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich selbst wieder auf die Suche zu machen. Leichter gesagt als getan.

Erinnern ist nichts, was mir in die Wiege gelegt wurde. Bei uns erinnerte man sich kaum. Wir waren eine Familie, die quasi aus dem Nichts entstanden schien, denn da gab es kaum Vorgeschichten, die zirkulierten. Kein „weisst du noch“, keine Erzählungen von Onkeln, Tanten, Grosseltern, Urgrosseltern. Keine Ahnenkette und keine Erinnerungsgegenstände. Es gab nichts Ererbtes und es wurde nichts vererbt. Vermutlich war auch nichts wert genug, es weiterzugeben. Nicht mal die Erinnerungen.

Manchmal wirkte das auf mich, als seien Erinnerungen verpönt als etwas, das man nicht hat. „Wir leben im Jetzt. Was war, ist vorbei“, sagtest du manchmal. Das klang anders als die spirituellen Lehren heutiger Gurus vom Leben im Hier und Jetzt. Es klang weniger nach einem Leben in der Fülle der Präsenz, sondern mehr nach düsteren Abgründen, die man für immer zuschütten wollte, nach abgeschnittenen Bändern, die keiner mehr zusammenfügen sollte.

Manchmal denke ich, dass all diese verdrängten Erlebnisse und verschwiegenen Ereignissen nicht nur das Band zur Vergangenheit kappten. Sie bewirkten auch eine fehlende Bindung zwischen uns. Wo keine Geschichten erzählt werden, wo es nichts gibt, das auf eine gemeinsame Herkunft deutet, spinnen sich keine Fäden, weben sich keine Netze. Hannah Arendt brauchte dieses Bild einmal, als sie sagte, dass jedes Kind, das auf die Welt kommt, ein Faden im Gewebe der Welt sei. Jeder Mensch hilft, das Weltengewebe zu weben. Ich liebe dieses Bild. Nur: Wenn man das Gewebe entfernt, bleibt ein loser Fade, der haltlos im Wind flattert. Er hat keinen Platz, keine Funktion. Das Leben bleibt auf diese Weise zusammenhanglos und schlecht fassbar. Ich konnte es nicht fassen. Und ich konnte mich in ihm nicht fassen.

Natürlich kannte ich meine Grosseltern, wobei: „kennen“ ist eigentlich das falsche Wort. Ich besuchte sie zusammen mit meinen Eltern, wusste ihre Namen, ein paar Eckdaten aus der Vergangenheit (eine Hand reichte, sie aufzuzählen). Bei den Besuchen redeten immer ihr Erwachsenen. Ich verstand wenig. Mich platziertet ihr auf einem Sofa, gabt mir Farbstifte und Papier. Dadurch hattet ihr für eine Weile Ruhe, denn ich war beschäftigt. Danach gingen wir wieder.

Ich war immer das einzige Kind bei Familienbesuchen. Manchmal kam es mir so vor, als wärt auch ihr nie Kinder gewesen, zumindest habt ihr nie von einer Kindheit erzählt. Von mir habt ihr erwartet, dass ich mich benehme. Das hiess immer, so wie es ein Erwachsener tun würde. Ich fühlte mich nicht wahrgenommen, durfte auf eine Weise auch nicht als ich da sein. Ich war vor Ort, aber auf eine merkwürdige Weise nicht dabei. Vielleicht sollte ich da schon die Erwachsene sein, als die du mich in der Zukunft sehen wolltest? Vielleicht kanntest du es selbst nicht anders? Krieg und Armut waren präsent, auch wenn die Schweiz nicht direkt betroffen war, so hatte all das doch Auswirkungen. Ich weiss es nicht genau. Einzelne Erinnerungsfetzen von wenigen Augenblicken, in denen du davon erzähltest, sind da. Ansonsten war all das kein Thema.

Ich frage ich gerade, wie man in einem Umfeld, in dem es keine Kinder gibt, lernt, was Kindheit ist. Wie lernt man es in einer Welt, die darauf ausgerichtet ist, Kinder möglichst schnell den Vorstellungen der Erwachsenen anzugleichen? Wie ist man Kind, wenn man nur als kleiner Erwachsener in Ordnung ist, wenn das eigene Kindsein die Erwachsenen stört? Immer, wenn ich auf eine Weise Kind war, fandst du, ich falle auf. Das war das Schlimmste: Auffallen. Das galt es, um jeden Preis zu vermeiden.

(„Alles aus Liebe“, IV)

Eine Geschichte: Beim Fotografen (III)

Lieber Papa

Kürzlich habe ich mir Fotos von früher angeschaut. Ich habe nicht viele Bilder von mir als Kind, die sind mehrheitlich in den Alben bei Mama. Was ich merkte: Ich lache kaum auf Fotos. Nur auf einem lache ich aus vollem Herzen. Das war immer mein Lieblingsfoto von mir. Mein Mund steht weit offen, die alle Zähnchen sind zu sehen. Du hast mir oft erzählt, wie es dazu gekommen ist. Du wolltest ein Foto von mir bei einem Fotografen machen lassen. Es sollte eine Erinnerung sein. Dieses Bild hing immer in unserem Wohnzimmer, neben dem Fernseher.

Wir seien zu diesem Fotografen gegangen, erzähltest du. Ich hätte schon da ein mürrisches Gesicht gemacht. Der Fotograf sei nett gewesen, hätte mir eine Kiste mit Plüschtieren gebracht, doch ich wollte nichts davon wissen. Dann musste ich mich auf einen Stuhl setzen, der Fotograf verschwand mir gegenüber hinter der Kamera. Ich schaute ihn an. Mit grossen Augen. Ernst. Sehr ernst.

„Lach mal!“, sagte der Fotograf.

Ich lachte nicht. Im Gegenteil. Ich schaute noch grimmiger. Ich weiss nicht, was der Fotograf sonst noch gesagt hat, ich erinnere mich nicht, ich kenne die Geschichte nur aus deinen Erzählungen. Der Fotograf hätte sich noch lange bemüht, hätte alle Tricks versucht. Keine Chance. Irgendwann hätte er so langsam die Geduld verloren. Du wolltest ihm helfen, hast hinter seinem Rücken Grimassen gemacht und seist wild rumgetanzt. Ich schaute ernst. Immer wilder seien deine Grimmassen geworden, immer ungelenker deine Tanzeinlagen. Ich hätte ernst geschaut. Und irgendwann hätte ich plötzlich laut gelacht. Wie eine Explosion sei dieses Lachen aus mir gekommen und ich hätte mich kaum mehr beruhigen können vor Lachen. Das Foto war im Kasten. Ich mag es. Auch wegen der Geschichte. Immer, wenn ich daran denke, merke ich, dass ein Lächeln auf meinem Gesicht liegt. Auch jetzt bei Aufschreiben.

(„Alles aus Liebe“, III)

Eine Geschichte: Alles aus Liebe (II)

Lieber Papa

Erinnerst du dich? Ich kam zu spät. Der Geburtstermin war auf den Silvester 1972 berechnet worden, ich liess mir bis zum 7. Januar Zeit. Niemand wusste, was ich werden sollte, also hattet ihr zwei mögliche Namen, Daniel oder Sandra. Wenn wir auf dieses Thema kamen, erzähltest du oft, wie es zu diesen Namen kam. Man sollte den Namen nicht verniedlichen können durch ein -li. Dies hatte Gründe: Du hattest eine Tante, die dich bis ins erwachsene Alter hinein immer Maxli nannte. Egal, wo ihr euch getroffen habt, sie rief schon von weitem in schrillem Ton «Maxli», über ganze Strassen hinweg, gut hörbar für alle Anwesenden. Ich kann mir vorstellen, wie peinlich dir das gewesen sein muss. Da entstand dein Entschluss: Deinem Kind soll das nie passieren. Die Rechnung ist aufgegangen, dafür kamen andere kreative Variationen zustande: Sandwich und Sandhaufen sind nur zwei davon.

Tief drin warst du überzeugt, dass ich ein Mädchen werde. So hast du es erzählt. Deswegen hast du meine Geburtskarten schon im Voraus gesetzt, damit sie druckbereit sind bei meiner Geburt. Du solltest recht behalten.

Wie alles vonstatten ging, weiss ich nur aus deiner Erzählung. Ich habe sie oft gehört, weil du sie so lustig fandst und die Lacher auf deiner Seite wusstest:

Mama hatte Wehen, also seid ihr ins Spital gerast. Dort wurdet ihr in ein Zimmer verfrachtet. «Ist das ihr erstes Kind?», habe man euch gefragt. Ihr sagtet «ja». Danach habe euch keiner mehr ernst genommen. «Das geht noch lange», sagten sie. Mama protestierte, da die Wehen sehr kurz hintereinander und sehr stark waren. «Das sagen alle Erstgebärenden, das ist normal», lautete die Antwort. Sie brachten Mama Frühstück aufs Zimmer, doch sie mochte wegen der starken Wehen nichts essen. Also hast du es gegessen. Aufregung macht hungrig. Sie haben das leere Tablett gesehen und noch bevor ihr etwas sagen konntet, waren sie damit draussen, liessen nur den Kommentar zurück: «Wer einen solchen Appetit hat, bei dem dauert es noch lang.» Sie täuschte sich, denn nun ging es plötzlich schnell. Ich wurde in die Welt gepresst. Sartre sagte, wir werden in die Welt geworfen, eine Welt, die wir uns nicht ausgesucht haben. So sehe ich das heute auch. Damals hatte ich noch keine solchen Gedanken. Der Segen der frühen Jahre.  

Auf alle Fälle hast du sofort mit dem Kennerblick geprüft, ob alles ist, wie es soll und es war klar: Du hattest recht gehabt mit deiner Prophezeiung. «Schatz, du bist eine Bombe, es ist ein Mädchen», riefst du Mama zu und stürmtest aus Zimmer. Winterthur musste davon erfahren. So kenne ich die Geschichte aus deinem Mund. Mit allen, die du kanntest, hast du dein Vatersein gefeiert. Zwischendrin bist du immer wieder ins Krankenhaus gerast, hast geschaut, ob alles gut ist, es allen gut geht, um dann wieder um die Häuser zu ziehen. Alle waren eingeladen, es war ein Fest. Dein Fest. Für mich. Wenn du das erzählt hast, schwankte ich immer ein wenig zwischen Peinlichkeit und Romantik. Da schien diese unbändige Freude über meine Ankunft zu sein. Du hast aber auch immer betont, dass du allen alles bezahlt hast. Das habe ich nicht ganz verstanden. Heute bin ich mir nicht sicher, ob die Geschichte wirklich ganz so war oder ob du da einiges an Seemannsgarn eingewoben hast. Vielleicht ist das Fest auch in deiner Erinnerung immer rauschender geworden. So oder so scheint es das zu sein, wie du dir die Vergangenheit bewahrtest und was dir in den Sinn kommt, wenn du an mich und Geburt denkst.

Manchmal frage ich mich heute, wie das für Mama gewesen sein muss. Da liegt man als neugeborene Mutter im Spital und der Mann geht feiern. Sicher feiert er das, was man selbst vollbracht hat, und doch geht es nicht um die Mutter, sondern nur um das Kind, das sie auf die Welt brachte. Vielleicht war das ein Grundstein für vieles, was noch kommen sollte? War ich von ihr auch gewünscht? Oder wünschte sie mich zwar, merkte dann aber, was sie sich eingebrockt hat? Ich habe mich nie getraut, diese Frage zu stellen, vielleicht auch, weil ich die Antwort fürchtete. Und selbst wenn ich es getan hätte: Was würde es ändern? Es war, wie es war und ich fühlte, was ich fühlte. Das würde keine Antwort je verändern können. Vielleicht hole ich das doch irgendwann nach.

Offensichtlich war ich für dich ein gewünschtes Kind. Dass ich dazu noch ein Mädchen war, machte es perfekt. Für diesen Moment.

Es blieb nicht lange so. Ich war nämlich nicht gerne ein Mädchen. Ich wäre lieber ein Junge gewesen. Die waren cooler. Alles, was sie machten und machen durften, reizte mich mehr als der Mädchenkram. Das gefiel dir gar nicht. Davon wolltest du nichts wissen. Das machte dich wütend. Das hast du nicht mehr gefeiert. Manchmal kommt es mir so vor, als ob alles gut war, als ich noch hilflos und abhängig war, doch sobald ich die Dinge mehr und mehr selbst in die Hand nehmen konnte und auch wollte, driftete unsere Geschichte ab. Ich fiel aus dem Rahmen, den du mir gesteckt hattest. Von all dem merkte ich damals nichts, das ist, was ich heute hineininterpretiere. Und ich bin nicht sicher, ob ich damit richtig liege.

(„Alles aus Liebe“, II)

Eine Geschichte: Prolog (I)

Meine Geschichte will ans Licht. Sie sitzt in mir und tobt. Ich will sie zähmen, will sie in philosophische Gedanken packen, in sachliche Formen. Aber was ich erzählen will, ist nicht sachlich. Es ist nicht formal. Es ist eine Geschichte. Meine Geschichte.

Ich will sie analysieren, will passende Gefässe finden, sie einordnen, sie absichern. Ich will mich an Gewissheiten festhalten, suche nach Fakten, aber finde keine. Und dann gebe ich auf. Suche nicht mehr weiter. Es passt alles nicht. Es ist meine Geschichte. Ich muss sie erzählen, und zwar auf meine Weise. Ob das reichen wird? Ich lese andere Geschichten. Suche Beispiele. Will mir eins nehmen. Es gibt keins. Ich will mich anpassen, will es so machen, wie man es richtig macht. Nur: Wie soll das sein?

Ich will aus meiner Geschichte heraustreten. Will sie jemand anders in die Schuhe schieben. Möchte in Distanz gehen, aus sicherer Warte schreiben, dass all das ein anderer erlebt hat. Oder gar man. So allgemein. So nicht persönlich. Es geht nicht. Ich merke, dass ich Ich sagen muss. Und ich merke, dass ich das erst lernen muss: Ich zu sagen. Es fällt mir schwer. Man hat es mir nicht beigebracht. Oder hat man es gar ausgetrieben? Man. Schon wieder ist es da. Da war kein „man“. Geschichten bestehen aus Menschen, die etwas tun. Ich werde es also lernen. Ich.

Vielleicht möchte ich die Geschichte auch von mir weisen, damit keiner kommen und mich angreifen kann dafür. Damit keiner mich verletzten kann. Weil das alles dann nichts mit mir zu tun hat. Aber es hat mit mir zu tun. Und ich merke, dass ich Angst habe. Dass meine Geschichte für nichtig erklärt wird. Dass sie nicht der Rede wert sei. Dass ich mich nicht so wichtig machen soll. Wer ich denn denke, wer ich sei, dass ich meine Geschichte für erzählenswert halte. Ich habe Angst, dass jemand kommt und findet, das sei keine Geschichte. Keine, die man hören wolle. Keine, die man erzählen solle. Eine, die man verschweigen sollte, wäre es denn eine. Aber es sei keine. Dabei ist es meine. Ich habe nur die eine. Und ich bin nicht mal sicher, ob ich die wirklich habe. Oder ob meine richtige doch eine ganz andere wäre. Das muss ich erst herausfinden. Und das geht nur, indem ich sie erzähle.

Meine Geschichte muss ans Licht. Ich muss sie erzählen. Für mich. Egal, was andere denken. Egal, was andere finden. Egal, was andere sagen. Sollen sie mich angreifen. Sollen sie mich verletzen. Wenn ich sie nicht erzähle, verletze ich mich selber. Ich bin mein grösster Feind, wenn ich nicht zu mir stehe und nicht mutig bin, zu tun, was ich tun muss. Und wer weiss. Vielleicht trifft meine Geschichte auf ein Du. Nicht auf ein man. Sicher nicht auf alle. Aber auf ein Du, einen Menschen, der sie als Mensch mit seiner Geschichte im Hintergrund liest. Auf dieses Du kann sie nur treffen, wenn ich sie als Ich erzähle, wenn ich mich als Ich zeige. Und wenn ich auf ein Du treffen würde, wüsste ich, dass es gut ist. Dass ich Ich sagen darf. Dass ich meine Geschichte erzählen darf. Dass ich als Ich gesehen werde. Und angenommen. Und vielleicht erzählt mir dieses Du auch seine Geschichte. Und vielleicht werden wir viele, die unsere Geschichten erzählen und die der anderen hören. Und wir werden mutig. Und stehen hin. Das wäre das Ende des Man, hinter dem sich so mancher versteckt. Und unsichtbar wird. Im Guten und im Schlechten.

(„Alles aus Liebe“, I)

Eine Geschichte: Alles aus Liebe (0)

Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse!
Friedrich Nietzsche

Einleitung

Hertha Müller schrieb mal, Schreiben sei ein innerer Halt. Ich gebe ihr recht und weiss nicht genau, wieso. Woran halte ich mich, während ich all das hier schreibe? Wo finde ich etwas, woran ich mich halten kann? Würde ich sonst fallen. Wohin? Ist es so schlimm, zu fallen? Was macht mir Angst? Oder bin ich schon unten und will hoch? Suche ich einen Halt, an dem ich mich hochziehen kann? Vielleicht ist der Halt auch von einer anderen Art: Durch das Schreiben werden Dinge fassbarer, die vorher lose und vage umherschwirrten. Vorher verwirrten sie mein Hirn, weil sie nicht zu greifen, nicht zu begreifen waren.  

Hannah Arendt schrieb, sie denke ohne Geländer. Sie verzichtet also auf den Halt. Sie meinte damit, dass sie ihre eigenen Gedanken dachte, ohne sich auf andere zu stützen oder an sich an diese zu halten. Kant beschwor den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Greife nicht auf schon Gedachtes zurück, sondern schau frei und frisch nach vorne. Es scheint, die eigenen Pfade sind nicht die einfachen. Sie sind nicht vorgespurt. Sie bergen Risiken.

Schreiben heisst für mich, verstehen. Durch das Aufschreiben stehen die Dinge vor Augen, ich kann sie betrachten und sie sagen mir etwas. Schreiben in dem Sinne soll mir etwas sagen. Und es ist ein Ausdruck dessen, was in mir ist. Bei dem hier Geschriebenen geht es nicht um Schuld, Klage oder Anklage, auch wenn das ab und zu so klingen mag. Es geht darum, zu verstehen, was gewesen sein könnte. Und vielleicht lässt sich daraus ableiten, was ist.

Schreiben muss wahrhaftig sein. Dem verpflichte ich mich. Das hier ist keine Autobiografie. Es ist nicht die Wahrheit, aber auch keine Lüge. Es ist ein Versuch, eine Geschichte zu erzählen. Stück für Stück, wie sie sich zeigen will.

(„Alles aus Liebe“, Einleitung)

Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt

Der Schriftsteller bei der Arbeit

«Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.» Franz Kafka

Andreas Kilcher wirft einen Blick hinter die Kulissen von franz Kafkas Schreiben. Wie haben sein Leben und sein Lesen sein Schreiben inspiriert? Wie durchzogen sie seine Texte? Andreas Kilcher analysiert Kafkas Lektüren, Interessen und die historischen und lebensnahen Kontexte und leitet daraus einen Bezug zu einzelnen Texten ab. Der Schreibprozess selbst bleibt leider eher aussen vor.

«Ein gutes Buch ist der beste Freund.»

Wir lernen Kafka in diesem Buch als begeisterten und intensiven Leser kennen. Zwar blieb seine eigene Bibliothek immer überschaubar, in Briefen und auf Listen zeigt sich aber der Umfang seines Lesens.

«Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.» Franz Kafka

Der Philosophieprofessor und Schriftsteller Peter Bieri sagte über Literatur, dass sie im Leser etwas bewegen, etwas verändern müsse. Aus guter Literatur gehe man als anderer hervor. Das scheint auch Kafkas Meinung gewesen sein. Literatur bietet einen Blick in sich selbst, sie lässt einen die Möglichkeiten erkennen, was im Leben möglich ist, wie der Mensch sein kann. Sie lässt den Leser nachdenken, was davon in ihm selbst angelegt ist und bringt ihn so zu neuen Erkenntnissen.

«Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich.» Franz Kafka

Als Kafka schon im Sterben lag, die Tage waren gezählt, fragte er den behandelten Arzt nicht nach der Anzahl verbleibender Tage, sondern, wie viele Erzählungen er wohl noch schreiben können würde. Da waren noch so viele in seinem Kopf. Der Arzt meinte nur: «Fangen sie gleich mit dem Schreiben an.»

Zwar habe ich dieses Gespräch aus einem Film, doch es könnte sich genauso abgespielt haben. Kafka lebte für sein Schreiben. Alles, was diesem im Weg war, plagte ihn. Lesen und Schreiben, eine untrennbare Liaison – sie gehörten für Kafka zusammen, das Schreiben wuchs aus dem Lesen heraus. Das zeugen die vielen intertextuellen Bezüge in Kafkas Werk, die Anspielungen, das leise Aufklingen von Themen und literarischen Bildern.

So schreibt denn auch Andreas Kilcher, dass Literatur nie aus dem Nichts entstehe, sondern immer aus anderen Büchern. Diese setzen sich im Unterbewusstsein fest und wirken daraus. Sie bilden eine (neben anderen) Grundlage des Denkens und dann des Schreibens. Damit deutet er darauf hin, was in vielen Schreibratgebern und von vielen Schriftstellern vertreten wird: Wer schreiben will, muss ein Leser sein. Kafka hat es vorgemacht.

Fazit zum Buch:
Einige Redundanzen lassen das Ganze etwas langatmig wirken, aber es ist eine informative und kompetente Annäherung an Kafkas Schreiben und ein Hinweis auf eine andere Lesart von dessen Werk.

(Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit, C.H. Beck Verlag, München 2024.)

Gedankensplitter: Alles gut!

«Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.» Oscar Wilde

Manchmal treffe ich mich mit anderen Menschen, wir tauchen in den Abend hinein bei einem Essen und Gesprächen. Es kommt vor, dass ich ins Erzählen komme, dass ich ausbreite, was in mir vorgeht, meine Gefühle, Ängste, auch Unzulänglichkeiten ausbreite, weil es sich aus dem Gespräch heraus so ergibt. Es sind Abende, in denen ich eine Nähe und eine Verbundenheit spüre, weil eine grosse Offenheit im Raum ist und der Austausch ein wirklicher ist, ein sich Einlassen auf den anderen. Gegenseitig. Es sind Abende, die ein Gefühl des Getragenseins in einem Miteinander in sich tragen und die dieses über den Abend hinaustragen ins Leben hinein. Ich fühle mich genährt.

Und doch kann es vorkommen, dass ich mich am nächsten Morgen frage: Habe ich zu viel erzählt? Habe ich zu Tiefes preisgegeben? Mich zu sehr offenbart? Die Mauern zu sehr eingerissen. Mir kommt der Gedanke: Was könnte nun der andere über mich denken? Zu welchen Gedanken, Bewertungen wird ihn mein Erzähltes bringen? Muss ich mich in Zukunft bedeckter halten?

Ich merke, wie mich diese Gedanken im Gegensatz zu früher nur noch schnell streifen und ich zum Schluss komme: Nein, es ist gut, wie es ist. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste. Es war, wie es war, ist, wie es ist – und es darf so sein. Alles gehört zu mir. Und selbst wenn jemand meine Offenheit in einer Form gegen mich. Verwendet, so ist das seine Sache, nicht mein Problem. Und dann ist da nur noch dieses schöne Gefühl, einen wertvollen Abend erlebt zu haben.

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Mutter

Mutter:  ein Mysterium im Universum, eine Rolle mit vielen Zuschreibungen, ein Ideal, ein Wunsch, eine Sehnsucht, die Ursache allen Übels und der hochgelobte Quell von Honig und Milch. Und alles davon ist oft geglaubt und ebenso oft reine Fantasie.

Kaum etwas ist so behaftet und so beladen wie das Muttersein. Von der Natur so eingerichtet, dass gewisse körperliche Gegebenheiten dazu führen, dass etwas in einem Menschen wächst und später mal in die Welt entlassen wird, sieht man sich als austragendes Wesen vom Zeitpunkt der Empfängnis mit den diversesten Ansprüchen und Erwartungen konfrontiert. Die bedingungslose Liebe wird schon gefordert, bevor man die paar formierten Zellklumpen von blossem Auge sehen kann, das nun adäquate Verhalten von allen Seiten an einen herangetragen. Ist der neue Erdenbürger erstmal auf der Welt, nimmt das alles noch zu. Ein eigenes Leben? Vergiss es. Du hast nun für ein anderes Wesen da zu sein und zu sorgen. Daneben musst du selbstverständlich auch noch alles andere, was gesellschaftlich, privat und politisch gefordert ist, erfüllen. Das widerspricht sich oft? Egal. Dazu kommt: Kinder werden immer Kinder bleiben, also hört auch die Sorge nie auf – und die Zuschreibung. Alles, was dieses Kind irgendwann mal falsch macht, kann man auf die Mutter zurückführen. Weil sie war und tat, wie sie war und tat, ist das nun alles so.

Und so sitzen wir hier alle als Kinder von Müttern. Und ja. Sagen danke. In allen erdenklichen Tonlagen und Bedeutungsnuancen.  

Hier ein paar Mutterbücher passend zum Tag:

  • Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter – wenn am Gewicht der Mutter das ganze Familienleben aufgehängt wird – vordergründig.
  • Delphine de Vigan: Das Lächeln meiner Mutter – wie sich an eine Mutter erinnern, die schöner und toller war als alle, wenn auch kühl und distanziert? Wie mit ihrem Freitod umgehen? Eine Suche nach Antworten über das eigene Aufwachsen.
  • Vigdis Hjorth: Die Wahrheiten meiner Mutter – Eine Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die keine ist und doch präsent.
  • Edouard Louis: Die Freiheit einer Frau – ein schonungsloser und liebevoller Blick auf die eigene Mutter, die den Weg in die Freiheit sucht
  • Simone de Beauvoir: Ein sanfter Tod – ein persönlicher und tiefgründiger Blick auf das Sterben der Mutter und die Erinnerungen, die dadurch ausgelöst werden
  • Gisèle Halimi: Alles, was ich bin – vom Aufwachsen als ungeliebte Tochter
  • Albert Cohen: Das Buch meiner Mutter – wehmütige Erinnerungen an eine Mutter, im Bewusstsein, sie zu Lebzeiten zu wenig gesehen und geschätzt zu haben.

Damit wünsche ich euch einen schönen Tag.

Gedankensplitter: Liebe zur Literatur

«Wer Bücher liest, schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zaune.» Johann Wolfgang von Goethe

Wenn ich mir die aktuellen Neuerscheinungen im Bereich Philosophie und Soziologie anschaue, frage ich mich manchmal: Welchen Lebensbezug hat all das noch? Wie oft betreffen die gestellten Fragen wirklich den Menschen in seinem Sein, in seinem Alltag, den jeder zu bestreiten hat? Sogar lebensrelevante Fragen der Politik und des Zusammenlebens werden auf eine Weise thematisiert, dass ihnen jeglicher konkrete Lebensbezug genommen ist. Verfasser der Bücher sind mehrheitlich sehr intelligente, oft namhafte Grössen des Universitätsbetriebs oder aber der frei forschenden Intelligenzia. Manchmal scheint es, als ob sie sich gegenseitig die Bälle zuspielten, wie ich dereinst auf dem Pausenplatz am Pingpongtisch.

Ich habe mich lange in diesem hochgeistigen Umfeld bewegt. Und ja ich tat es gerne, ich ging darin auf, weil es etwas war, das ich konnte. Es lag mir, mich in Gebiete zu vertiefen, sie zu erfassen und sie auf konzise Weise wieder von mir zu geben. Das gab mir eine Rechtfertigung für mein Tun, das ich mir hart erkämpft hatte als Klassenaufsteigerin, die ich war, geschlagen noch mit diversen Eigenheiten, die nicht mehrheitskompatibel waren. Es war ein Feld, in dem ich mich behaupten konnte. Ich hatte das dringend nötig, da ich ausser meinem Geist nicht viel hatte, auf das ich vertraute im Leben, vor allem nicht in Bezug auf mich und meinen Stand in diesem.

Nietzsche sagte einst, dass alle Philosophie obsolet sei, wenn sie nicht zum Leben tauge. Ob seine eigene diesem Anspruch genügte, mag ich bezweifeln, doch abgesehen davon stimme ich ihm zu. Schaut man in die Welt, sieht man da Probleme, die in neuen philosophischen Büchern und den meisten geführten Diskussionen kein Thema mehr zu sein scheinen. Die behandelten Themen in der Politik und in den Universitäten haben mit denen des wirklichen Lebens wenig gemein. Die ehemals linken Kreise, die sich um Armut sowie Ausnutzung und Diskriminierung von Unterprivilegierten bemühten, haben sich auf Nischen verlegt, mit denen sich die Mehrheit der Not leidenden Menschen nicht mehr identifizieren können, die rechten Parteien sahnen ab, weil sie vordergründig lebenspraktische Anliegen behandeln. Wir mögen am Schluss vielleicht eine Sprache definiert haben, die keiner mehr sprechen kann, und für alle Befindlichkeiten entsprechende Toiletten gebaut haben. Daneben darben alte Menschen in Armut, alleinerziehende Mütter wissen nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollen, und einst hart erkämpfte Rechte (straffreier Schwangerschaftsabbruch z. B.), werden nach und nach wieder eliminiert. Ich bin mir der Plakativität dieser Aussagen bewusst, doch sie ist ebenso gewählt.

Die Philosophie hätte so viel zu sagen. Es ist eine Disziplin, die den Überblick hat, und das in einer Zeit, in der man alles in immer noch kleinere Einheiten fasst und die Interdisziplinarität ignoriert, obwohl die wirklich grossen Denker, die wir noch heute kennen, immer das grosse Ganze betrachtet haben und sich ihr Erfolg gerade daraus speiste. Es scheint fast, als hätte Hannah Arendt recht gehabt, als sie sinngemäss sagte, dass da, wo die Philosophie endet, die Literatur einsetzt, weil vieles nicht in abstrakten Begriffen zu erfassen sei, sondern in Geschichten erfahrbar werde.

Die gelehrten Philosophen, die in ihrem Elfenbeinturm sitzen und sich an ihren geistigen Höhenflügen ergötzen, rümpfen oft die Nase über die, welche Geschichten erzählen. Das erscheint ihnen als eine minderwertige Form des Ausdrucks und die Geschichten werden oft als Befindlichkeiten abgetan. Diese Geringschätzung von Autor und Form war auch der Grund, wieso einst Peter Bieri unter Pseudonym zum Romancier wurde. Er hatte recht daran getan, denn als es aufflog, sank er in der Achtung seiner Fachkollegen merklich. Er hat es zum Glück gut verkraftet und seinen Lesern (und seinen Studenten) viel geschenkt).

Wenn man bedenkt, dass der Mensch seit Urgedenken Geschichten erzählt, dass das Erzählen von Geschichten gar oft als den Menschen ausmachende Seinsweise definiert wird, verwundert diese Geringschätzung auf den ersten Blick. Auf den zweiten könnte man sie so deuten, dass man sich durch den abstrakt elaborierten Code über das Allgemeinmenschliche erheben und zum Übermenschen werden möchte. Und ja, wer träumt nicht vom kleinen bisschen Ruhm, vom erhabenen Moment als Pfau im Hühnerstall. Aber vielleicht ist es auch ganz anders:

Beim Schreiben über all das, fällt mir auf, wie sehr sich meine Sprache der Materie anpasst. Die vielen wissenschaftlichen Artikel und Beiträge haben sich in mein Schreiben eingebrannt. Während meine literarische Sprache einen eigenen Stil hat, der komplett anders ist, verfalle ich ohne es zu wollen oder bewusst zu wählen beim Schreiben eines sachlichen Themas in den Duktus der Fachsprache. Eine spannende Selbst-Beobachtung, die eine weitere Möglichkeit der Erklärung mit sich bringt.

Ich trug immer beide Lieben in mir: die zur Literatur und die zur Philosophie. Angefangen hat alles mit Literatur, danach schwang mal die eine, mal die andere oben auf. Missen würde ich keine wollen, doch merke ich, dass das Pendel mit zunehmendem Alter wieder dahin zurückschlägt, wo ich herkam: zur Literatur. Ich bin sehr dankbar für die Philosophie im Rücken, als Unterbau, als Denkschule, als Zettelkasten, auf welchen ich immer wieder zurückgreifen kann beim Lesen und Schreiben. Aber: Die Philosophie, wie ich sie heute erlebe, in all ihrer Abgehobenheit, ihrem Anspruch, ihrer Geziertheit, sie holt mich nicht mehr ab, sie spricht nicht mehr zu mir. Es ist und bleibt immer das gleiche, was mich umtreibt: Der Mensch in seinem Lebensumfeld, sein Sein und Mit-Sein. Ich suche es in den Büchern, ich finde es in der Literatur. Und ja, in ihr steckt alles drin: Philosophie, Kultur, Zeitgeschichte, Lebensrealität. Man muss sie nur finden. Und das kann jeder für sich selbst tun. Für mich ist das ein Stück Freiheit.