Denkzeiten: Vom Anfangen

«Da Menschen… in eine immer schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, sodass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern, wie sie ihrerseits alle Lebensfäden, mit denen sie innerhalb des Gewebes in Berührung kommen, auf einmalige Weise affiziert.»

Heute denke ich mit Hannah Arendt übers Anfangen nach. Im Buddhismus ist der Anfängergeist die Haltung, mit der wir durch die Welt gehen sollen. Nicht schon alles wissen, sondern die Dinge in ihrem wirklichen Sein neu sehen. Hesse schrieb dem Angfang einen Zauber zu und Aristoteles befand, dass mit dem Anfang schon die Hälfte gemacht sei.

Für Hannah Arendt steht jeder Mensch für einen Anfang. Sein In-die-Welt-Kommen fügt dieser einen neuen Faden im Beziehungsgewebe hinzu, ohne den dieses nie wäre, was es sein kann durch ihn. Es ist nun an uns, diesen Anfang ernst zu nehmen und uns ins Gewebe einzubringen. Ein Gewebe ist nur so stark, wenn die einzelnen Fäden halten und zusammenhalten. Dieses Bewusstsein scheint aktuell zu fehlen. Doch – und das ist das Schöne am Anfangen: Es ist jederzeit möglich. Nicht nur im Grossen, auch im Kleinen. Nicht jeder kann gleich die ganze Welt retten, aber er kann mit seinen Möglichkeiten in seinem Leben und seiner Welt einen Anfang setzen hin zu dem Leben und der Welt, die er sich wünscht.

Tagesgedanken: Die Verantwortung der Freiheit

„Die wirtschaftliche und politische Szene ist komplizierter und umfangreicher geworden, als sie früher war, der einzelne ist daher weniger in der Lage, die Dinge zu durchschauen. Auch die Bedrohung, der er sich ausgesetzt sieht, hat zugenommen… Das Gefühl der Ohnmacht wird beim einzelnen auch noch durch das Gespenst eines drohenden Krieges verstärkt.“

Das schrieb Erich Fromm 1941 in seiner Schrift „Die Furcht vor der Freiheit“. Es ist erschreckend, wie aktuell diese Gedanken sind. Seine Analysen des modernen Menschen gelten heute noch wie damals. Viele flüchten sich in Ideologien und unterwerfen sich Autoritäten, um die Verantwortung der Freiheit nicht tragen zu müssen.

Tagesgedanken: Wo bleibt das Mitgefühl?

Ich lese aktuell das grossartige Buch von Markus Gabriel, Ethische Intelligenz… Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Er schreibt realistisch, gar nicht pessimistisch, eher hoffnungsvoll und zu richtigem Verhalten motivierend. Und doch ist in mir immer die Frage: Will ich das alles? Kann das klappen? Ich meine: Der Mensch müsste hier was tun.

Ich las über die Rückholungsflüge von Reisenden in Dubai, Katar und anderen. Ich sehe Intervies mit Menschen, die das Bombardement erlebt haben, von Ort zu Ort fuhren, um irgendwie aus der Gefahrenzone zu kommen. Zu teils horrenden Preisen, die die Fluggesellschaften fordern konnten – sie sitzen am längeren Hebel.

Und dann lese ich die Kommentare. Und zweifle. An den Menschen und vor allem an der Mitmenschlichkeit. Ja, ich wäre auch nie in diese Länder gereist, da es absehbar war, dass was passiert. Was wurde ich belächelt. Wie vor dem Krieg in der Ukraine, als ich sagte, es sei eine Frage der Zeit, dass Putin angreift. Spott und Häme kamen über mich. Ich sei überängstlich, sehe zu schwarz. Nein, ich studiere die politische Lage, tue das mit dem Hintergrund eines Studiums in politischer Philosophie, dessen Schwerpunkt immer totalitäre Systeme war. Aber nicht mal darum geht es mir.

Ich lese kommentare, dass es den Menschen eh zu gut gegangen sei, könnten sie sich solche Ferien leisten, lese, dass sich die Schnäppchenjäger nun nicht aufregen sollen, kämen sie an die Kasse. Als ob es einem Menschen recht geschehe, so etwas erleben zu müssen. Als ob es ein Verbrechen sei, sich einen Urlaub zu gönnen. Wer weiss, was dahinter steckt? Ein Traum, ein Wunsch, eine Auszeit von einem schwierigen Leben, was auch immer. Es ist egal. Schlicht egal. Da erlebten Menschen den Albtraum, den man eigentlich niemandem wünschen dürfte und es gibt Menschen, die finden: Sälber schuld.

Ist das so? Nochmals: Ich wäre nie dahin geflogen. Andere taten es. Und es ging bislang gut, worüber ich (aus Gründen) sehr froh bin. Für viele Menschen ging es nun nicht mehr gut. Ich würde mir ein wenig Mitgefühl wünschen. Das wäre die Welt, in der ich gerne leben würde. Eine Welt, in welcher man nicht nach Gelegenheiten sucht, die eigene moralische Überlegenheit wie eine Pradatasche durch die Welt zu tragen, sondern das eigene Herz mitfühlen lässt am Leid anderer.

Und hier schliesst sich der Kreis zu Markus Gabriel. Seine Hoffnung ist, dass wir die KI, welche unser Verhalten spiegelt und daraus eigene Reaktionen ableitet, die sie dann mittlerweile auch schon selbständig wieder einspeisen kann, durch unser ethisches Verhalten selbst „ausbilden“, sprich, sie durch unsere gezeigten und gelebten Werte zu einem ethischen Multiplikator werden lassen. Wenn ich in die Welt schaue, scheitert diese Hoffnung am Menschen. Und das macht mir etwas Sorge.

Tagesgedanken: Dialoge statt Fronten

„Es gibt vielleicht jetzt kein besser geglaubtes Vorurteil als dies: dass man wisse, was eigentlich das Moralische ausmache.“  Friedrich Nietzsche*

Ich lese immer wieder über die steigenden Benzinpreise wegen des Krieges im Nahen Osten. Und dann sitze ich so hier und frage mich, ob das wirklich das grösste Problem an all dem ist? Und ich frage mich weiter, was in Köpfen vorgeht, die das als Argument gegen den Krieg einbringen.

Aber fragen tue ich mich ja sowieso. Wie oft lese ich einen Satz, der einen Krieg klar analysieren und in gut und böse einteilen will. Wie schön wäre es, wenn das Leben so einfach wäre? Hier die Guten, da die Bösen. Aber das scheint die Weltsicht vieler Menschen zu sein. Und sie schreien sie laut in die Welt hinaus und merken nicht, dass sie damit neue Fronten schaffen. Dann haben wir nicht nur Krieg vor Ort, sondern auch in den Köpfen. Die schlagen wir uns gegenseitig ein bei anderer Einordnung.

Wie schön wäre es, wenn wir wieder lernen würden, hinzuschauen, hinzufühlen, zuzuhören, abzuwägen. Wenn wir wieder lernen würden, Dialoge zu führen statt Kriege mit Argumenten, nur dazu gedacht, den anderen zu schlagen, ihn mundtot zu machen, sich zu überhöhen. Weil man ja weiss. Und das absolut und unumstösslich.

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*Friedrich Nietzsche, Morgenröte 132

Tagesgedanken: Über mich

„Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet.“ Pablo Picasso

Was Picasso sagt, ist vielleicht nicht nur das Geheimnis der Kunst, sondern das des Lebens überhaupt. Sind wir nicht alle Suchende und Fragende? Auf mich trifft das sicher zu.

Kant formulierte mal die Grundfragen der Philosophie:

Was kann ich wissen? (Metaphysik/Erkenntnistheorie), Was soll ich tun? (Moral/Ethik), Was darf ich hoffen? (Religion) und Was ist der Mensch? (Anthropologie)

Sie trieben mich seit ich denken kann, an. Und ja, da ist noch die fünfte Frage, die mich seit Kindesbeinen beschäftigt und der ich mal mit Ablehnung, mal mit Sehnsucht, mal mit Hoffnung, und immer wieder mit neuen Gefühlen begegne:

Was kann ich glauben? (Spiritualität)

All diese Fragen stecken in meinem Leitspruch

Ich bin die Summe meiner Teile – und ein bisschen mehr.

Und um all das soll es hier gehen. Immer im Wissen, dass alles nur Versuche und Annäherungen sind. Ich empfände es als vermessen, zu denken, ich würde die abschliessende Anwort finden. Da halte ich es mit Rilke, der meinte:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten wohl nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Wer aber bin ich also? Die gewohnte Beschreibung wäre wohl: Denkerin mit abgeschlossenem Philosophie- und Germanistikstudium, Promotion in Philosophie, Yoga- und Meditationslehrerin mit buddhistischer Ermächtigung, spirituelle Sinnsucherin und Lebens-Künstlerin mit Philosophischer Praxis.

Und nun: Es gibt viel zu tun – lesen wir los!

Tagesgedanken: Vom Anfangen

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Diese Zeilen Hesses gehören wohl zu seinen meistzitierten – und nie verlieren sie ihren Zauber. Vielleicht, weil sich in ihnen eine tiefe Wahrheit offenbart. Im Buddhismus hat das Anfangen eine grosse Bedeutung. Es geht nicht um die Meisterschaft, darum, etwas durch und durch verstanden und ergründet zu haben, sondern vielmehr darum, die Dinge jeden Tag mit neuem Geist, dem sogenannten Anfängergeist , neu zu sehen. 

Ist es nicht ein schöner Gedanke, der Schönheit dieser Welt, die sie durchaus bei allem Schrecken, der uns aus den Zeitungen entgegenschlägt, in sich trägt, täglich neu zu bestaunen und sich daran zu freuen?

Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Und manchmal ist nicht so genau klar, wo er genau hinführen wird. Man kennt eine ungefähre Richtung und trägt eine Sehnsucht in sich, von der man sich mitreissen lässt. Nicht jeder Schritt auf dem Weg wird leicht sein, manche Strecke entpuppt sich vielleicht auch als Sackgasse, so dass man umdrehen, neue Wege suchen muss. Und doch geht man Schritt für Schritt weiter auf dem Weg. Und wer weiss, vielleicht zeigt sich später auch der Sinn der vormals als solche empfundenen Sackgassen. Vielleicht waren sie nur Teil der wachsenden Ringe, die sich über die Dinge ziehen, wie Rilke es nennen würde. Oder aber mit Sartre, der befindet, dass der Umweg manchmal der direkteste Weg zum Ziel ist.

Doch vor dem Ziel kommt der Weg und der beginnt mit dem ersten Schritt. EIgentlich ist jeder Tag ein kleiner neuer Weg. Fangen wir an, mit offenem Geist, Hoffnung, Zuversicht und Neugier. Möge es ein schöner sein. 

Aus dem Atelier: Frohes neues Jahr!

„Ernst war das Jahr, das nun geendet,
ernst ist das Jahr, das nun beginnt.
Daß sich die Welt zum beß’ren wendet
sei, Mensch, zum Besseren gesinnt.
Bedenk: das Schicksal aller Welt
ist mit in deine Macht gestellt,
und auch das Kleinste in der Zeit
ist Bild und Keim der Ewigkeit.“
Friedrich von Logau

Nun ist es also soweit – das Jahr geht zu Ende. Es war ein gutes Jahr, ich bin sehr dankbar dafür. Kürzlich kam mir der Gedanke, dass 2026 noch besser zu werden scheint, da in diesem Jahr irgendwie alles an seinen Platz gefallen ist und sich alles stimmig und gut anfühlt. Ich freue mich drauf. 

Ich wünsche euch von Herzen einen guten Rutsch ins neue Jahr, möge es euch viel Schönes und Freudiges bringen. 

Aus dem Atelier: Freiheit

„Jeder freie Mensch ist kreativ. Da Kreativität einen Menschen ausmacht, folgt: nur, wer Künstler ist, ist Mensch. Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Joseph Beuys.

Der letzte Satz wird oft alleine zitiert und dann frei und ohne Kontext interpretiert. Er meinte wahrlich nicht, dass jeder Mensch, um Mensch zu sein, den Malpinsel schwingen müsste. Mit dem Gedanken, den Beuys hier im Sinn hatte, stand er nicht alleine, schon Schiller drückte sich sinngemäss aus, als er meinte: 

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Nimmt man dann noch Goethe dazu, der meinte:

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

ergibt sich daraus die Idee einer Gesellschaft, in welcher die Freiheit oberstes Gebot ist, die Freiheit nämlich, zu spielen, kreativ zu sein, keinen vorgetretenen Pfaden folgen zu müssen, sondern eigene finden zu können. 

Ich geh’ dann mal spielen. Habt einen schönen Tag!

Aus dem Atelier: Selbstzweifel überwinden

Immer wieder stelle ich fest, wie leicht ich in die Falle des Leistungsdrucks, des Mich-beweisen-Müssens tappe. Während es mir leicht viel, mich als Literaturwissenschaftlerin (habe ich studiert und mit Papier bestätigt), Philosophin (ebenso) oder Yogalehrerin (auch da mehrere Ausbildungen mit Diplomen und Stempeln von einschlägigen Stellen) zu bezeichnen, fällt es mir in der Kunst schwer. Ich habe keinen Brief und Sigel, dass ich das „kann“ (ausser einige Zertifkate von Kursen an Kunst- und Illustrationsschulen). Kam jemand und meinte, ich könne nicht schreiben, keine Literatur verstehen oder logisch denken, konnte ich belegen, dass ich das sehr wohl kann. Bei den Bildern ist es anders. Einige finden es zu banal, was ich mache, zu gefällig, anderen ist es nicht gefällig genug. Einige fänden es schlichter schöner, andere farbiger. Und in mir kommt immer gleich die Frage auf: Was, wenn sie recht haben?

Tief im Innern weiss ich, dass diese Frage unsinnig ist, da Kunst ein Ausdruck sein soll davon, wie ich die Welt sehe (vielleicht auch sehen möchte?). Genauso tief drinnen steckt aber der Stachel, der ständig piekst. Wie schön wäre es doch, wenn man einen Kalenderspruch nehmen und ihn glauben und leben könnte:

„Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.“

Hier müsste ein Punkt kommen, doch meistens kommt ein Komma, gefolgt von einem „aber“…

Nun denn: Zum Glück sind nicht alle Tage so zerfressen und gespalten, oft ist es schlicht nur Schaffensfreude und Erkundung der Möglichkeiten. Leider liegt darüber an den zerfressenen Tagen ein Schleier und man sieht den Weg zurück schwer. Manchmal hilft es dann, sich bewusst zu fragen: Wann habe ich in meinem Tun am meisten Freude? Und egal, was es ist, wie sinnlos es einem vorkommt: Genau das sollte man dann tun. Und mit der Freude lüftet sich der Schleier. 

Wo habt ihr eure Selbstzweifel? Oder bin ich die einzige damit?

Habt einen schönen Tag!

Aus dem Atelier: Blumengruss für Mascha Kaléko

„Jage deine Ängste fort

Und die Angst vor den Ängsten.

Für die paar Jahre

Wird wohl alles noch reichen.

Das Brot im Kasten

Und der Anzug im Schrank.



Sage nicht mein.

Es ist dir alles geliehen.

Lebe auf Zeit und sieh,

Wie wenig du brauchst.

Richte dich ein. 

Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:

Was kommen muss, kommt.

Geh dem Leid nicht entgegen.

Und ist es da,

Sieh ihm still ins Gesicht.

Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.

Und hüte besorgt dein Geheimnis.

Auch der Bruder verrät,

Geht es um dich oder ihn.

Den eignen Schatten nimm

Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.

Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.

Flicke heiter den Zaun

Und auch die Glocke am Tor.

Die Wunde in dir halte wach

Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug

Und halte dich an Wunder.

Sie sind lang schon verzeichnet

Im großen Plan.

Jage die Ängste fort

Und die Angst vor den Ängsten.“
Mascha Kaléko

Heute würde Mascha Kaléko 118 Jahre alt. Ich hebe mein Glas auf diese wunderbare Dichterin, deren Gedichte sich durch eine Mischung aus Melancholie, Tiefgang, spitzer Zunge und Witz auszeichnen. Ich kann ihre Lektüre nur ans Herz legen.

Ausgewählte Werke
Das lyrische Stenogrammheft (1933)
Kleines Lesebuch für Grosse (1935)
Verse für Zeitgenossen (1945)
Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere (1961)
Verse in Dur und Moll (1967)
Das himmelgraue Poesiealbum der Mascha Kaléko (1968)
Feine Pflänzchen (Posthum, 1976)
In meinen Träumen läutet es Sturm (Posthum, 1977)

Aus dem Atelier: Ich-Sein

„Jeder sieht, was du scheinst. Nur wenige fühlen, wie du bist.“ Niccolò Machiavelli

Bin ich, wer ich zu sein scheine? Bin ich, wer ich sein will? Will ich sein, wer ich bin, oder will ich doch eher sein, wie ich denke, sein zu müssen? Will ich um des Scheins Willen sein oder aus mir heraus?

Bestimmt sich mein Sein durch mein Tun oder tue ich, was ich tue, weil ich bin, wer ich bin?

Fragen, die man sich an einem Dienstag Morgen so stellen kann. Oder auch sonst. Vielleicht doch auch besser nicht? Was wäre, wenn ich eine Antwort fände? Was würde ich damit anfangen? Was würde sich ändern? Was müsste ich ändern? Und wenn sich nichts änderte und ich dies ebenfalls nicht täte, wozu dann die Frage?

Fragen sind sich selbst befruchtende Wesen. Bevor sich eine Antwort zeigt, sind schon 100 neue da.

Habt einen schönen Tag!

Atelier: Selbsterkenntnis

Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes Erkennen. Denn er mißt nach eignem Maß Sich bald zu klein und leider oft zu groß. Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur Das Leben lehret jeden was er sei.
Johann Wolfgang von Goethe

Wer bin ich, wenn ich alleine bin? Kann ich mir auf die Schliche kommen? Goethe meint, man brauche den anderen, um es zu tun. Auch Martin Buber schlägt in die Kerbe, wenn er sagt, dass das Ich eines Du bedürfe, um sich entwickeln zu können. Viele andere gingen den gegenteiligen Weg. Sie zogen sich in einsame Wälder oder in die Berge zurück oder sie gingen auf Wanderung. Auch in der Meditation geht man den Weg nach innen. Man lässt nach und nach alles im Aussen los, um die innerste Essenz zu fühlen, das, was bleibt, wenn der Rest weg ist.

Was ist denn nun der richtige Weg? Ich halte es da wie auch sonst gerne im Leben: Das Eine tun, das andere nicht lassen. Ich denke, nur in einer gesunden Mischung von Miteinander und alleinigem Reflektieren findet man schlussendlich wirklich das, was man dann als Ich erkennt. In welchem Verhältnis das stattfindet, wie die Einkehr aussieht, unterscheidet sich wohl von Mensch zu Mensch. Bei mir ist es sicher das kreative Tun, das mich immer wieder mehr zu mir bringt, das mir die Augen öffnet, mich sprichwörtlich sehend macht. Wie ist es bei dir?

Habt einen schönen Tag!

Aus dem Atelier: Quo vadis?

„Manchmal muss man Wege erst gehen, um zu sehen, dass sie nicht passen.“

Ich probiere gerne Neues aus, bin anfangs meist auch Feuer und Flamme und denke schnell: Das ist es, das mache ich nun weiter. Mit der Flut des Geschafften nimmt oft das Mass an Enthusiasmus ab, bis ich an einem Punkt bin, an dem ich merke: Nein, das ist es doch nicht. Und oft kehre ich dann zu Bewährtem zurück und merke, dass ich von meinem Ausflug in neue Gefilde etwas mitgebracht habe, das sich nun auf eine gute Weise eingebracht hat.

Vermutlich ist es das, was Rilke meint, wenn er vom Leben in wachsenden Ringen spricht. Wir gehen ständig weiter, nehmen Dinge weg, andere bleiben zurück. Und so durchschreiten wir Ring für Ring unser Leben. Oft sehen wir das als Weiterentwicklung. So, als ob wir im Aussen etwas aufgenommen und verinnerlicht haben. Max Frisch sah es andersrum. Er sagte, wir entwickeln uns nicht, sondern entfalten uns. Nach dem Bild ist alles in uns angelegt, wir müssen es nur entdecken und zur Entfaltung bringen. Vielleicht ist dann das, was bleibt von den Ausflügen, das, was in meinem Innern eine Resonanz findet, weil es da schon im Verborgenen angelegt war.

Und wenn ich solche Dinge schreibe und darüber nachdenke, was wer gesagt und gedacht hat, kommt mir manchmal der Gedanke: Ist das überhaupt wichtig? Entfalten, entwickeln? Vielleicht kommt es nur darauf an, den Weg zu gehen und darauf zu achten, was wir auf ihm entdecken und wie es sich für uns anfühlt. Weniger denken. Tun.

Habt einen schönen Tag!