Annie Ernaux (1. September 1940)

«Der Gedanke, ich könnte sterben, ohne über das Mädchen geschrieben zu haben…. lässt mir keine Ruhe. Eines Tages wird es niemanden mehr geben, der sich erinnert…. Kein anderes Schreibvorhaben erscheint mir so lebensnotwendig.»

Und so schrieb Annie Ernaux immer wieder über sich und ihren Lebensweg. Ich hebe mein Glas auf die Schriftstellerin, die heute 83 Jahre alt wird. Annie Ernaux, die in Frankreich schon lange bekannt war, die sich ihrem Leben entlang schrieb, ihren Weg vom Arbeiterkind zur studierten Lehrerin und Schriftstellerin immer wieder thematisierte, die von Didier Eribon zitiert, mit Bourdieu in einem Atemzug genannt wird wegen ähnlicher Themen, hat letztes Jahr den Literaturnobelpreis gewonnen und ist nun auch in den deutschen Sprachraum eingezogen. 

«Je weiter ich schreibe, umso mehr kommt mir die Einfachheit der Erzählung abhanden, die in meiner Erinnerung aufbewahrt ist.“

Die Zeit des Preises war wohl nicht zufällig, schiessen doch autofiktionale Erzählungen aktuell buchstäblich aus dem Boden. Zwar spielen die von Annie Ernaux in der Vergangenheit ihrer Kindheit und Jugend, in der Zeit ihres Lebens, ihres Erwachsenwerdens und -seins, doch haben sie an Aktualität nichts verloren. Noch immer pendeln Menschen zwischen Klassen, noch immer ist es schwer, sozial aufzusteigen, weil es oft nicht gelingt, und wenn doch, man irgendwie nie ganz ankommt und fortan zwischen den Welten lebt. 

All das und noch viel mehr findet sich Annie Ernaux’ Büchern, Bücher, die aus dem Leben heraus entstanden sind und die in das Leben der Leser hineinwirken. 

Gedankensplitter: Neuanfang

«Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und etwas Neues in Bewegung setzen.» (Hannah Arendt)

Wer kennt sie nicht, die Stimmen, die immer sagen: «Das war schon immer so, das haben wir immer so gemacht.» Sie implizieren, dass es nur so und nicht anders geht. Diese Sicht hat sicher ihre Berechtigung, denn wieso sollte man Dinge ändern, die funktionieren und in Umstände umstossen, in denen man sich eingerichtet hat? Die Bequemlichkeit ruft oft zum Bewahren, denn so muss man sich auf nichts Neues einstellen, man muss nichts Neues lernen. Zudem gaukelt das Bewahren eine Sicherheit vor, indem man darauf baut, dass das, was bislang gut ging, es auch weiter tun wird. Diese Sicherheit ziehen wir oft dem Neuen sogar vor, wenn das Alte gar nicht wirklich gut war, sondern eher so leidlich oder gar nicht gut. Immerhin wissen wir, wie der Hase läuft, alles andere wäre offen und damit gefährlich.

Und doch bleibt irgendwo leise die Stimme: Das kann doch nicht ewig so weiter gehen? Das muss doch auch anders gehen? Und vor allem: Ich möchte das anders haben! Und dann?

Alles, was ist, hat einmal begonnen. Es kam in diese Welt und bestand dann in ihr fort. Selbst die Dinge, die so wirken, als seien sie immer so gewesen, nahmen irgendwann ihren Anfang – die guten wie die schlechten. In dieser Erkenntnis liegt etwas Tröstliches und etwas Hoffnungsvolles. Es liegt eine Motivation drin, denn: Wenn alles irgendwann begann, kann auch etwas Neues beginnen. Und: Es könnte mit mir seinen Anfang nehmen. Ich könnte ein neues, leeres Blatt aufschlagen und eine neue Geschichte schreiben, eine, die mir entspricht, eine, die meine Vision weiterträgt.

Heute wäre ein guter Tag für einen solchen Neuanfang!

Gedankensplitter: Herkunft, die nicht vergeht

«Die lange verleugnete Wahrheit über das, was ich war, kam zu mir zurück und zwang mir ihr Gesetz auf.»

Wir kommen in diese Welt und sie schreibt sich in uns fest. Wir gehen unseren Weg, doch nehmen wir mit, was wir unterwegs auflesen. Jean Paul Sartre schrieb in seinem Stück Saint Genet:

«Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.»

Als Existenzialist vertrat er die Meinung, dass wir sein können, wer wir wollen, dass das Leben keinen Sinn hat ausser dem, den wir ihm zuschreiben durch unser Dasein. Und doch: Wir sind, wer wir sind, auch aufgrund dessen, woher wir kommen. Und diese Herkunft prägt unser Sein bis tief in unsere Gene, sie ist in unserer Haltung, unserer Sprache, unserem Denken eingeschrieben und wirkt sich da aus. Zwar können wir die Herkunft verlassen, doch los werden wir sie nie.

Als ich Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» las, kamen mir unter der Dusche spontan folgende Zeilen in den Sinn, so dass ich diese verliess, um sie sofort aufzuschreiben:

«Es gibt Bücher, die sind für dich geschrieben. Sie tragen Sätze in sich, die zu dir sprechen, weil sie gleichsam auch aus dir sprechen. Sie scheinen dazu geschrieben worden zu sein, dass du dich in ihnen erkennst und dir endlich erklären kannst, was du bislang nur gefühlt hast, aber nicht erfassen und einordnen konntest – oder dich nicht trautest, es zu tun.»

Müsste ich ein Buch nennen, das mir wichtig ist, das mir am Herzen liegt, das ich nicht missen möchte, es wäre dieses.

***

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Suhrkamp Verlag, 2023.

Die autobiografische Erzählung von Didier Eribon, welcher zu seinen Wurzeln im Arbeitermilieu zurückkehrt, aus dem er für lange Zeit geflohen war – körperlich und geistig. Eribon verwebt autobiografische Erlebnisse mit politischen, soziologischen und psychologischen Erklärungen, er zeichnet das Bild einer Zeit und einer Gesellschaft, erläutert politische Gesinnungen und Gesinnungswechsel, legt eigene Gedanken und Verhaltensmuster offen. Ein kluges, ein tiefes, ein bewegendes, ein wichtiges Buch. Ein Herzensbuch.

Politisches: Ideologie als neues Opium 

«Was alle angeht, können nur alle lösen. Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich das zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.» (Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker)

Von allen Seiten hört man die Rufe: Wir leben in einer gespaltenen Gesellschaft, unsere Demokratie geht kaputt, wir richten sie zugrunde. Und ja, sie haben recht. Menschen driften mehr und mehr auseinander, die haltgebenden Strukturen von früher (Religion, Vereine, Gemeinde, etc.) verlieren an Wert und Achtung und die Menschen damit an Orientierung. Freischwebend in einem Meer von „alles ist möglich, bloß sich auf nichts festlegen“ driften wir umher und suchen unseren Platz. Wir schließen uns Gruppen an, inhalieren deren Meinungsprogramm und richten uns damit in Blasen ein, die aus Gleich-Meinenden bestehen. Von denen draußen, von den anderen wollen wir nichts hören und nichts sehen – geschweige denn, mit ihnen in Kontakt kommen.

Ideologien schießen wie Pilze aus den Böden, nisten sich in Menschen ein und veranlassen diese, sie zu verteidigen. Mit allen Mitteln, denn alle erheben für sich den universalen Anspruch, die einzig richtige zu sein. Gut und böse, richtig und falsch sind fein säuberlich getrennt in weiß und schwarz, die Graustufen sind eliminiert, ein Sowohl-Als-Auch ist ausgeschlossen. Ideologien sind die Religion unserer Zeit, wir schlagen uns dafür die Köpfe ein.

Und dann stehen wir da und sehen betroffen die Welt, die all das nicht mehr trägt und in welcher wir uns nicht wohl fühlen. Weil sie unmenschlich geworden ist, weil sie dem Einzelnen keinen eigenen Platz mehr zugesteht, wenn dieser sich nicht den Werten und Normen einer Deutungshoheit unterwirft. Und jeder versucht, für sich die richtige Gruppe zu finden, mit der er gegen die anderen wenigstens siegt. Wenigstens Sieger sein, wenn man sich schon nicht zuhause fühlt.  

Wann werden wir endlich einsehen, dass es nur zusammen geht? Wann merken wir, dass nicht jede Gruppe gegen die andere kämpfen, sondern alle miteinander für eine gemeinsame Welt einstehen müssten? Vermutlich nie.

Das klingt alles zu pessimistisch? Übertrieben? Mag sein, doch ich bin überzeugt: Wenn es übertrieben scheint heute, so ist es das nicht mehr lange. Wenn wir nicht einlenken. Und umdenken.

Gedankensplitter: Unverzeihlich?

Ich habe in der letzten Zeit zweimal einen Beitrag über einen Menschen geschrieben, den ich durch einen Vortrag zum Gedenken an den Holocaust für mich neu entdeckt hatte. Wie immer, wenn das passiert, fange ich an nachzuforschen, wer das ist, wie sein Lebensweg war, was er geschrieben hat – und mehrheitlich endet es mit Buchbestellungen und dem Eintauchen in jegliche Form von Beiträgen. Natürlich blieb mir in dem Zusammenhang nicht verborgen, dass dieser Mensch in der Vergangenheit in einen Skandal verwickelt war, der menschlich-moralisch bedenklich war und im Zuge dessen er sich selbst aus der Öffentlichkeit nahm – um nun, doch viele Jahre später, wieder in ebendieser zu erscheinen und zu tun, was er eben kann: Moderieren, diskutieren, schreiben.

Die Reaktionen auf meine zwei Beiträge hätten unterschiedlicher nicht sein können. Von Freude über die Bücher und Gedanken über Neugier, sich selbst damit zu beschäftigen bis hin zur kategorischen Ablehnung war alles dabei. Und: Bei der Ablehnung ging es nicht nur um den betreffenden, dessen Vergehen man als dermassen unvertretbar ansah, dass er besser nie mehr in der Öffentlichkeit hätte erscheinen dürfen. Auf Ewigkeit verdammt in die Schamesecke quasi, wo er sein Sündenbrot (am besten zu spärlich, um satt zu werden) hätte essen dürfen. Man warf mich gleich mit in den Topf, fand «bedenklich» (sic!), dass ich mich einem solchen Menschen (also um ehrlich zu sein mehr seinem Tun) zuwandte.

Und da sitze ich dann und frage mich: Hat nicht jeder Mensch eine zweite Chance verdient? Spricht man nicht sogar bei Schwerverbrechern von Rehabilitation und einer zweiten Chance, sollen sie doch wieder Teil der Gesellschaft werden, aus der man niemanden ausstossen darf? Haben wir nicht im Grundgesetz das Menschenrecht von der unantastbaren Würde? Oder hört die da auf, wo uns ein Mensch in Ungnade gefallen ist?

Ich finde es legitim, wenn man für sich entscheidet, dass man bestimmten Menschen im eigenen Leben keinen Platz einräumt, denn man hat nur das und sollte es sich möglichst passend einrichten. Ich merke aber, dass ich Mühe habe, wenn man andere Menschen abwertet, ausgrenzt, verurteilt, marginalisiert, diskriminiert, nur weil sie den eigenen Massstäben nicht entsprechen. Konsequenterweise müsste man dann aufhören über Ethik und Moral nachzudenken, da man den Wert des Menschen nicht mehr universal betrachtet, sondern nur noch an Bedingungen geknüpft, die eigenen Massstäben entsprechen.

Eine Frage, die sich in dem Zusammenhang aber auch stellt, ist die alte Frage nach Werk und Urheber: Wenn der Urheber sich eines Unrechts schuldig gemacht hat, fällt damit sein Werk auch in Ungnade und ist in der Folge zu ignorieren? Würde uns da nicht sehr viel entgehen? All die Bilder von Caravaggio (ein Mörder), Picasso (Frauenheld), die Gedanken von Kant (Rassist und Frauenverachter), Voltaire (ebenso), Heidegger (Nazisympathisant), etc.?

Wie seht ihr das?

Gedankensplitter: Ehrfurcht vor sich selbst

«Das Unrechte, das man getan hat, ist die Last auf den Schultern, etwas, das man trägt, weil man es sich aufgeladen hat.» Hannah Arendt, Denktagebuch

Hannah Arendt spricht hier im Sinne Sokrates’, welcher sagte, dass es besser sei, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. In einer Zeit wie heute, in der das Individuum zuoberst steht, in der das eigene Wohl vor dem der anderen gesichert sein will (was aber durchaus auch im Menschen angelegt ist), klingt das auf den ersten Blick widersinnig. Wie meint sie das?

Wenn ich Unrecht tue, bin ich mir dessen bewusst. In mir gibt es diese Stimme, die sagt, dass das, was ich tue, nicht richtig ist. Man kann sie Gewissen nennen, man kann sie aber auch Stimme der Vernunft sehen, wie Kant es sah, welcher die Vernunft als universalen inneren Massstab über richtig und falsch erachtete. Wenn ich also Unrecht tue, so wird das in mir zu einem Gefühl der Unstimmigkeit führen, weil ich grundsätzlich das Richtige tun will. Dieses Gefühl werde ich mitnehmen, auch wenn das Unrecht schon längst getan ist. Von diesem Gefühl kann ich mich nicht einfach lösen, weil ich mit mir zusammenleben muss. Also wirkt es in mir fort. Unrecht zu vermeiden ist also nicht nur Dienst am anderen, sondern vor allem auch an sich selbst. Ich kann mit mir nur in Frieden leben, wenn ich so handle, dass ich mit mir im Reinen bin. Man könnte sagen, richtiges Handeln geht auch zurück auf eine, wie Schiller sich ausdrückte, «rettende Ehrfurcht vor sich selbst».

Politisches: Demokratie muss gelernt und gelebt werden

«Je mehr wir miteinander streiten, desto weniger müssen wir uns empören.» Jörg Sommer

Wir sitzen zuhause vor unseren Bildschirmen, klicken uns durch die sozialen Medien, applaudieren bei denen, deren Meinung wir vertreten, blockieren die, welche uns nicht genehm sind. Idioten sind das, mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Wir klagen auf den Staat, der uns Freiheiten streicht, uns ausnimmt, nichts tut für uns, vor allem nicht das, was wir wollen. Wir fühlen uns nicht gesehen und gehört und denken, dass «die da oben» sowieso machen, was sie wollen. Am Sonntag schlafen wir gerne aus, zu Wahlen oder Abstimmungen gehen wir bevorzugt nicht, was zählt schon unsere Stimme. Und wenn dann das Ergebnis nicht in unserem Sinne ist, fühlen wir uns bestätigt.

«Nur die Demokratie kann uns frei machen, weil wir nur in der Demokratie Urheber der Mächte sind, die uns regieren.» Wendy Brown

Wir sind vom Bürger zum Konsumenten geworden, streben nach mehr Geld, Freiheit und Wunscherfüllung, wir sehen den Staat in der Pflicht, zu liefern, ohne dass wir etwas dafür tun. Dass dies nicht der Sinn von Demokratie ist, liegt auf der Hand, dass diese so nicht funktioniert, ist nicht fraglich. Solange wir nicht wissen, dass wir nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben, solange wir unsere Aufgabe der Selbstbestimmung und der Teilhabe an politischen Entscheiden nicht ernst nehmen, so lange sind wir Mittäter bei der Zerstörung unserer Demokratie und damit des Staatssystems, das von allen zur Verfügung stehenden doch das sinnvollste wäre.

«Demokratie […] ist eine Form kollektiver Selbstbestimmung, die alle Bürgerinnen und Bürger als gleiche und freie anerkennt. Mit anderen Worten: Demokratie basiert und realisiert Freiheit, Gleichheit und kollektive Selbstbestimmung. Sie ist also Prozess und Ergebnis.» Julian Nida-Rümelin


Was also tun? Wir müssen nicht mal schnell die Welt retten, aber wir sollten damit anfangen, die Demokratie zu retten, indem wir uns wieder als Bürger im Sinne von Citoyen verstehen. Das heisst, wir müssen wieder lernen, aktiv das Gemeinwesen mitzugestalten als Gleiche unter Gleichen und in Anerkennung der Verschiedenheit eines jeden. Oder wie Jean-Jacques Rousseau sich ausdrückte:

„Der Citoyen ist ein höchst politisches Wesen, das nicht sein individuelles Interesse, sondern das gemeinsame Interesse ausdrückt. Dieses gemeinsame Interesse beschränkt sich nicht auf die Summe der einzelnen Willensäußerungen, sondern geht über sie hinaus.“

Nun kommt man nicht einfach als Demokrat zur Welt, Demokratie will gelernt werden und das von klein an. Nur wenn erfährt, was es heisst, als Einzelner Teil eines Ganzen zu sein, mitzubestimmen und mitzugestalten, wird diese Fähigkeiten genügend einüben, um sie dann auch im Hinblick auf das politische Geschehen einzusetzen, so dass wir als pluralistische Gesellschaft unseren Staat und das Zusammenleben darin aktiv gestalten.

Wir müssen demokratische Schulen schaffen, Schulen, die Kindern gerecht werden, in denen sie aktiv beteiligt werden und bei der Umsetzung erfahren, was es heisst, Entscheidungen zu treffen, und die Konsequenzen zu tragen. Sie müssen lernen, Teil eines Ganzen zu sein und als je einzelner in seiner Einzigartigkeit anerkannt sein. Wir müssen Schulen schaffen, die wirklich bilden, nämlich Menschen bilden, die in der Welt, in die sie hineinwachsen, bestehen können, und die sich in dieser als Selbstwirksam erfahren.

Buchtipp:

Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet
Wie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.

Zum Autor und Mitwirkenden
Julian Nida-Rümelin lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München im berufsbegleitenden Masterstudiengang Philosophie – Politik – Wirtschaft, als Honorarprofessor an der Humboldt Universität Berlin und als Gastprofessor an ausländischen Hochschulen. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Europäischen Akademie der Wissenschaften, und Direktor am Bayerischen Institut für digitale Transformation. Er ist Vorstand der Parmenides Foundation. Julian Nida-Rümelin publiziert regelmäßig Zeitungsartikel, Bücher und wissenschaftliche Aufsätze und hält Vorträge in Unternehmen und Verbänden.

Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Sein Buch „Ein Jahr zum Vergessen – Wie wir die drohende Bildungskatastrophe nach Corona verhindern können“ versteht sich als pädagogischer Weckruf, der nicht nur die Folgen der Corona-Pandemie in den Blick nimmt, sondern grundsätzlich für eine Weiterentwicklung des Schulsystems entlang humanistischer Grundsätze und empirischer Forschungsergebnisse plädiert.

Angaben zum Buch:
Nida-Rümelin, Julian/ Zierer, Klaus: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet, Hirzel Verlag, Stuttgart 2023.

Charles Bukowski (16. August 1920 – 9. März 1994)

„Die Zahl unserer Abende ist begrenzt, und mit jedem verplemperten Abend versündigt man sich grausam am natürlichen Lauf des einzigen Lebens, das man hat.»


Er hat sie wahrlich nicht verplempert, die Abende. Er hat sein Leben in den vollsten Zügen gelebt,  hat nicht mit Exzessen und Eskapaden gespart. Seine Geschichten handeln von den düsteren Seiten des Lebens, er haute sie zwischen Alkohol und Zigarren in die Tasten, während aus den Boxen klassische Musik klang.

«Wir hingen alle nur rum und warteten auf den Tod und vertrieben uns die Zeit mit Kleinkram.»

Er war ganz unten, schrieb sich alles von der Seele, trank, um zu vergessen, schrieb von all dem. Er war im Leben und in seinem Werk nie der Liebling aller, er polarisierte. Und er scherte sich nicht drum. Heute würde Charles Bukowski 103 Jahre alt. Ich hebe mein Glas (in dem Fall vielleicht mehr als eins) auf ihn.  

Gedankenströme: Grüne Bücher

Im Wohnzimmer stand ein Bücherregal, das die ganze Wand einnahm. Bücher standen aber wenige drin. Ein paar Fotoalben, einige Bände Readers Digest, ein paar ausgewählte Romane und Kurzgeschichten von meinem Vater aus jungen Jahren, ein vielbändiges Lexikon, das mein Vater konsultierte beim Lösen seiner Kreuzworträtsel, und: die grünen Bücher. Sie hiessen bei uns nie anders, auch wenn sie einen Namen gehabt hätten: Kulturgeschichte der Menschheit. 32 Bände geballte Geschichte. Gelesen hat sie nie jemand. Mein Vater sagte immer, er lese sie, wenn er pensioniert sei. Aber er war nur ein passionierter Zeitungsleser. Er las alle Zeitungen, die er in die Finger kriegte, von vorne nach hinten durch.

Als ich auszog, wollte ich die Bücher mitnehmen. Das ging natürlich nicht bei den Leseabsichten meines Vaters. Wenn ich später, meine Eltern besuchte, machte ich immer meine Witze, nun nähme ich sie gleich mit, zumal sie noch immer ungelesen dastanden. Das Spiel spielten wir 20 Jahre lang, bis zum Tod meines Vaters. Die Bücher blieben dann bei meiner Mutter – sie passten so gut ins Regal.

Gestern sind sie bei mir eingezogen, weil meine Mutter umzieht. Und nun stehen sie da und mit ihnen die ganzen Erinnerungen. Sie sind noch immer ungelesen und werden es wohl bleiben. Die Buchumschläge haben ein wenig gelitten durch die Zeit, die Seiten kleben teilweise noch aneinander. Ich sagte mal:

„Bücherregale sind wie Fotoalben, sie beinhalten Reiseerinnerungen in andere Welten.“

Daran erinnern mich diese Bücher. Nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen der Geschichten, an die ich mich durch sie erinnere.

Gedankensplitter: Neugier auf den anderen

«Der Sinn für Ungerechtigkeit, die Schwierigkeiten, die Opfer der Ungerechtigkeit zu identifizieren, und die vielen Weisen, in denen jeder lernt, mit den eigenen Ungerechtigkeiten und denen anderer zu leben, werden ebenso leicht übergangen wie die Beziehung privater Ungerechtigkeit zu öffentlicher Ordnung.» Judith Shklar

Wir sehen einen Menschen und schon ist es da: Das Bild in uns, wie er ist. Ein spontaner Impuls, eine quasi natürliche Eingebung, die durchaus ihre Berechtigung hat, hilft sie doch, Dinge schneller einzuordnen und damit eine gefühlt gesicherte Basis herzustellen. Das Problem ist, dass diese Eingebungen nicht aus dem Nichts kommt, sondern sozial, historisch und kulturell gewachsen ist. Vorurteile vererben sich förmlich weiter, so dass sie auch dann noch in den Köpfen im Versteckten ihr Unwesen treiben, wenn man rational neue Erkenntnisse gewonnen hätte. Auch wenn wir heute wissen, dass Frauen nicht dümmer sind, dass sie durchaus ohne gesundheitliche Gefährdung höhere Schulen besuchen können (ein Argument, mit dem es ihnen früher verwehrt war), dass sie gleich viel leisten können in bestimmten Berufen, und gleich viel wissen können wie die Männer, zeigt sich im sozialen, wirtschaftlichen und auch politischen Bereich oft ein anderes Bild.

Zum Beispiel: Argumente von Frauen (hier könnte auch Behinderte, POC, LGBTQIA, etc. stehen) werden weniger gehört, werden weniger ernst genommen. Das führt zu einer epistemischen Ungerechtigkeit, wie Miranda Fricker sich ausdrückt. Man verwehrt ihnen das Vertrauen in ihre Aussagen einzig aufgrund eines Vorurteils. Dadurch können sie sich nicht im gleichen Masse einbringen wie Männer das können, sie werden an ihrer aktiven Teilhabe gehindert.

Das Bild in den Köpfen ist gemacht, die Reaktion folgt. Das hat aber noch weitere (negative) Konsequenzen: Die so gering Geschätzten werden nicht gehört. Sie werden in ihrem Sein als Wissende, Fähige nicht tatsächlich wahrgenommen, sondern abgewertet. Das führt oft dazu, dass sich dieses mangelnde Vertrauen auch verinnerlicht, sich diese Menschen selbst weniger zutrauen – und noch schlimmer: Sie bilden Fähigkeiten erst gar nicht aus oder verlieren sie sogar.

Menschen haben eine tiefe Sehnsucht danach, gehört, gesehen, wahrgenommen zu werden. Tut man das nicht, nimmt man ihnen einen Teil ihrer Würde, man marginalisiert sie. Dem können wir nur beikommen, wenn wir (individuell und in Systemen) ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass in uns Vorurteile am Wirken sind, und aktiv versuchen, gegenzusteuern. Wir müssen lernen, mit Neugier auf andere Menschen zuzugehen, mit der Absicht, wirklich hören zu wollen, was sie sagen. Wir müssen unsere Vorurteile ablegen und offen zuhören, hinsehen. Das heisst nicht, dass wir allen blind vertrauen müssen, aber die Prüfung der Aussagen darf nicht aufgrund von vorgefassten Vorurteilen, sondern aufgrund sachlicher Kriterien geschehen.

***

Ein Buch zu diesem Thema:
Miranda Fricker: Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens, C. H. Beck Verlag, 2023.

Miranda Fricker ist der Überzeugung, dass wir uns zu sehr auf die Gerechtigkeit ausrichten und damit vergessen, die tatsächlichen Ungerechtigkeiten genau zu beleuchten, die es zu beheben gilt. Oft denkt man bei Gerechtigkeit (und Ungerechtigkeit) an die Verteilung von Gütern, aber es gibt auch andere Formen. Bei Ungerechtigkeit, so Fricker, dürfe man nicht nur materielle Kriterien gelten lassen, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Menschen sei ungerecht verteilt, weil soziale Vorurteile zu einer Marginalisierung bestimmter Gruppen und der Zugehörigen (Frauen, Arme, POC, etc.) führen. Nur indem wir uns dessen bewusst werden, und je einzeln und auch in Institutionen und Systemen die eigenen Vorurteile erkennen und diese für die Beurteilung von Zeugnissen ausschalten, können wir identitätsstiftende Machtsysteme ausschalten. Alles in allem nichts Neues, doch es wird in eine hochkomplexe Sprache verpackt und (zu) ausführlich mit Argumenten und Verweisen abgestützt. Das macht das Lesen mitunter etwas beschwerlich.

Politisches: Alles Menschen

Als ich kürzlich die Nachrichten der verschiedenen Portale las, stiess ich bei einem ganz weit unten, nach all den Prominews, nach Informationen zu sich paarenden Seekühen und der Mitteilung, dass Barbie und Ken durch den Film zu beliebten Kindernamen geworden sind, auf die Nachricht (mit ganz kleinem Bild und sehr wenig Text), dass ein Boot mit Migranten „verunglückt“ sei, 40 Menschen würden noch vermisst.

Diese Nachricht macht mich aus verschiedenen Gründen wütend:

Erstens ist die Platzierung in der Zeitung mehr als deplatziert, sie ist menschenverachtend und zeigt einmal mehr, welchen Wert Migranten in unseren Breitengraden haben. Der Umstand, dass sich diese Nachricht in keiner anderen Zeitung, die ich durchsuchte, finden liess, erst in den Radionachrichten hörte ich mehr dazu.

Zweitens ist es kein Unglück, wenn ein Boot kentert, auf dem sich 40+ Menschen befinden, weil sie aus dem Land, das ihre Heimat war, fliehen mussten. Das ist eine von Menschen gemachte Katastrophe. Das kann nur darum passieren, weil Menschen, die in grösster Not sind, die alles hinter sich lassen müssen, weil da, wo sie sind, kein Leben mehr möglich ist, und sie kaum Möglichkeiten haben, das zu ändern. Diese Not wird von einigen wenigen ausgenutzt, indem Unsummen für eine Flucht erhoben werden, die immerhin einen Ausweg erhoffen lässt, auch wenn er mehr als gefährlich ist. Viele Familien legen dann alles, was sie auftreiben können, zusammen, damit wenigstens einer rauskommt.

Ist dieser Eine dann mit vielen anderen (mehrheitlich zu vielen für die Transportmittel, die den Weg in eine bessere Welt versprechen) unterwegs stossen sie an Grenzen – an Landesgrenzen und an Grenzen der Menschlichkeit. Keiner will sie haben. Schaut man auf die jüngsten Verträge, die im Rahmen des Asylwesens geschlossen wurden, sprechen sie eine deutlich menschenverachtende Sprache. Hört man, dass auch die Schweiz Tunesien viel Geld bezahlt, dass sie dafür sorgen, dass die Migranten nie in die Schweiz kommen, bläst das ins gleiche Horn. Dies vor allem auch deswegen, weil der aktuelle tunesische Präsident Kais Saied mit rechtem Gedankengut die Bevölkerung gegen die Migranten aufhetzt, indem er von «organisiertem Bevölkerungsaustausch» spricht und andere Verschwörungstheorien bemüht, so dass es vermehrt zu rassistisch motivierten Übergriffen kommt. Auch werden Migranten in Tunesien in die Wüste verschleppt, wo sie elend sterben. Wir unterstützen ein solches menschenunwürdiges, menschenverachtendes System mit unserem Geld, damit wir uns um nichts kümmern müssen und unsere Hände in Unschuld (zu) waschen (vorgeben) können.

Nennt man nun ein gekentertes Boot ein Unglück, verklärt man all diese Hintergründe. Dann bewirkt man, dass der Empfänger der Nachricht vielleicht einen betroffenen Seufzer von sich gibt, und sich dann wieder den Nachrichten über Barbie, Ken und Seekühe zuwendet. Man bewirkt, dass man wegschauen kann, dass man nicht genauer hinschauen muss, dass man die Hintergründe ausblenden kann und damit die Schuld, die das eigene Land mit seiner Politik auf sich lädt, ignorieren kann. Dann werden weiter Menschen in zu kleinen Booten «verunglücken», während wir in der warmen Stube vor dem Fernseher sitzen.

„Nicht der Mensch bewohnt diesen Planeten, sondern Menschen. Die Mehrzahl ist das Gesetz der Erde.“ (Hannah Arendt)

Wenn es diese Menschen doch schaffen, auf ihren beschwerlichen Wegen in ein sogenannt sicheres Land zu kommen, ist ihre Odyssee bei weitem nicht zu Ende, dann fängt sie oft erst an: Man will sie nicht haben. Man prüft oft über lange Monate, Jahre, ob diese Menschen (immer Flüchtlinge genannt und damit als Kategorie und nicht mehr als einzelne Menschen mit Schicksalen, Trauer, Leid, Hoffnungen und Wünschen wahrgenommen) überhaupt das Recht haben, hier zu sein (und es mutet fast so an, als hofft man, Gründe dagegen zu finden). Wer ein solches Verfahren nicht mit positivem Ausgang übersteht, ist nicht legal, der muss gehen. Legalität als Entscheidung über das weitere (Über-?)Leben eines Menschen. Vergessen wird dabei folgendes:

„Legalität ist eine Frage der Macht, nicht der Gerechtigkeit.“ (Jose Antonio Vargas)

Ich bin mir durchaus bewusst, dass Migration eine Herausforderung darstellt für alle Beteiligten, auch für die aufnehmenden Länder. Ich bin mir bewusst, dass Lösungen nicht einfach zu finden sind und dass sie auch Umdenken und wohl Abstriche bedeuten würden. Doch sollten wir mit dem Umdenken beginnen, damit nicht noch mehr Menschen einfach ertrinken, nur weil sie sich erhoffen, was eigentlich allen Menschen zusteht aufgrund ihres Menschseins (und in den Menschenrechten verankert):  Ein würdevolles Leben.

Gedankensplitter: «Ich bin so frei»

Ein höflicher Satz. Ein Satz des Anstands, oft begleitet mit einer entsprechenden Geste. So hat sich das eingeprägt, das ist unsere kulturelle und damit unhinterfragte Sicht. Schaut man aber genauer hin, holt man die Wendung aus ihrer gewohnten und damit unreflektierten Bedeutung heraus, zeigt sich ein anderes Bild. Verwendet wird diese Wendung mehrheitlich dann, wenn man einen eigentlichen Grenzüberschritt höflich verpacken will. Man würde es nicht sagen, wenn man nicht tief drin wüsste, dass das, was man zu tun vorhat, eine Grenze überschreitet, nämlich die des anderen: Man tritt ihm zu nah. Man begrenzt dessen Freiheit indem man sich explizit die eigene gewährt. Damit ist diese Wendung in Tat und Wahrheit eigentlich eine höfliche Entschuldigung, die aber nicht nach einer passierten Handlung nachgereicht wird und damit eine Einsicht des eigenen Fehlverhaltens impliziert, sondern eine vorweggenommene Rechtfertigung für ein noch auszuführendes Tun.

Würde man stattdessen fragen: «Darf ich?» und (ganz wichtig) die Antwort abwarten, um sie dann auch wirklich als Richtschnur für das eigene Handeln zu nehmen, sähe die Sache ganz anders aus. Dann hätten wir zwei Menschen auf Augenhöhe, von denen einer etwas will, bei dem er an die Grenzen eines anderen stösst. Der andere hat dann die Möglichkeit, seine eigenen Bedürfnisse oder Abneigungen zu formulieren, in denen er gesehen und respektiert würde. Ansonsten werden diese ignoriert und übergangen.

Ist das alles reine Sprachklauberei, eine weitere Form eines woken oder identitären Sprachverhunzungsprogramms, wie sie heute oft angeklagt werden? Nein, es ist die Aufforderung, hinzuschauen, was wir wirklich tun und sagen, die Worte auf ihren tatsächlichen Inhalt und die damit verbundenen Implikationen zu prüfen. Es ist die Aufforderung, Abwertungen und Machtverhältnisse im alltäglichen Sprachgebraucht zu sehen und zu überwinden, da diese die Strukturen unserer Welt schaffen. Sprache schafft Wirklichkeit oder wie Ludwig Wittgenstein sagte:

«Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»

Die Art und Weise, wie ich spreche, offenbart viel von meinem Weltbild. Oft agieren wir unbewusst aus diesem heraus, weil wir schon die Sprache unbewusst verwenden. Wenn wir mit einem «Ich denke, also bin ich» durch die Welt gehen, unsere Gedanken als die richtigen sehen und diese den anderen überstülpen wollen, bleiben wir in unserer eigenen kleinen Welt gefangen und sehen die Weite hinterm Horizont nicht. Es entstehen Fronten von lauter Ichs, die die Welt erklären können, nur verstehen sie sich leider gegenseitig nicht, so dass jeder in seiner eigenen Welt vereinzelt lebt.

Wir müssen hin zu einem «Wir denken, also sind wir» kommen, im Wissen, dass der gemeinsame Blick auf eine Sache diese erst wirklich sichtbar macht – nämlich von verschiedenen Seiten. Indem wir unser Denken durch eine zugewandte und respektvolle Sprache mit dem Denken anderer zusammenbringen, schaffen wir eine gemeinsame Welt, in der jeder seinen Platz findet, weil durch das gegenseitige Verständnis und die Erweiterung des eigenen Blicks ein Miteinander möglich wird. So finden wir eine gemeinsame Sprache und schaffen damit eine gemeinsame Welt. Dann ist diese Welt grösser, da die Grenzen meiner Sprache nicht mehr die Grenze meiner Welt ist, sondern sie sich ausweitet hin zu den Grenzen unserer Sprache, die eine gemeinsame Welt begründen.

Gedankensplitter: Ehrlich leben

«Tue, was sich in deinem Herzen richtig anfühlt, kritisiert wirst du so oder so.» Eleanor Roosevelt

Und plötzlich merkte ich: Ich habe genug, ich mag nicht mehr. Was mal Freude war, verkam zur Pflicht, was mal Leidenschaft war, wurde zur Aufgabe. Und dann dachte ich, ich kann das nicht einfach ändern, schliesslich gehört das zu mir und ich werde damit identifiziert. Und als ich mal aufhörte, kamen gleich die Stimmen:

«Du hast doch immer…», «War das gelogen?», «Du kannst doch nicht…»

Sie kamen von aussen und verlagerten sich ins Innen. Da wühlten sie weiter, vor allem mich auf. Getrieben von widerstrebenden Gedanken sass ich da, fragte mich, ob ich weiter tun müsste, was ich schon immer tat. Mit ach so rationalen Argumenten kam ich zum Ergebnis, dass man sich ja immer ändere, dass das ja wohl legitim sei, dass… und ich kam mir vor mir selbst vor wie ein leerer Phrasendrescher.

Und irgendwann sagte ich zu mir: «Es reicht!»

Und ich hatte die Antworten auf die Einwände: Ja, ich habe immer und das gerne. Es war also nie gelogen. Gelogen wäre, wenn ich nun weitermachen würde, wie bisher, denn dann würde ich eine alte Leidenschaft vorspielen, die erloschen ist. Und doch: Ich kann. Drum tue ich es.

Hannah Arendt sagte, dass mit jedem Menschen etwas Neues in die Welt kommt, dass jede Geburt ein neuer Anfang sei. Wir haben in unserem Leben viele mögliche Geburtsmomente, wir können neu anfangen und Neues schaffen. Das ist ein Geschenk und wir sollten es annehmen.

Michel Friedman: Fremd

Ein Buch, das für sich selbst spricht.

«Ich bin so viele.
Nicht nur ein Ich.
Ich bin auch nicht Wir.
Das Wir kostet zu viel.
Kostet zu viel Ich.
Das Wir saugt das Ich auf.»

Ein stilles Buch. Ein tiefes Buch. Ein Buch, das uns alle was angeht. Ein Buch, das betrifft – emotional und als Anstoss, nachzudenken, zu hinterfragen, auch sich. Ein Buch, das auffordert, hinzuschauen, mitzufühlen, Mensch zu sein – zu werden oft auch.

«Ihr seid
nichts
Niemand.»

Ein Buch, das auf Vorurteile, Abwertungen, Unmenschlichkeit hinweist.

«Ankommen,
irgendwo,
irgendwann,
zu Hause sein.
Heimat haben.»

Ein Buch, das gelesen werden sollte. Langsam, nie schnell. Mit Pausen. Zum Atmen. Zum Denken. Zum Fühlen.

«Lebenslang
ein Fremder.
In diese Welt geworfen,
als Fremder.»

Danke für dieses Buch!

«Jeder Mensch ist ein einzigartiges Ich.
Wer ist dieser Andere?»

Politisches: Wir müssen reden!

Kürzlich sprach ich mit einem Freund über das Thema «Klassismus», weil ich gerade ein Buch darüber lese. Als ich von den Erkenntnissen erzählte, die ich bislang hatte, kam sofort: «Das ist ja alles bekannt, was nun?» Und ich merkte, wie mich das verletzte. Ich merkte, wie mit einer solchen Aussage eine Thematik schon fast abgehakt ist, die zwar in den offensichtlichen Teilen wirklich bekannt ist, in den subtilen strukturellen Prägungen aber als normal läuft und tagtäglich praktiziert wird, ohne Thema zu sein. Und wenn etwas nicht Thema ist, immer wieder, fehlt die Sprache der Benennung, vor allem bei den Betroffenen. 

Betroffene erleben dann, wie Zeitungen über die «faulen Arbeitslosen» berichten, wie in den Medien Stereotypen direkt «vom Brennpunkt» plakatiert werden, wie in Schulen die einen schon früh aussortiert werden, weil in ihnen kein Potential gesehen wird und man keine unnötige Liebesmüh verschwenden will. Dass die Eltern der anderen in einem solchen System sich vehement gegen Gesamtschulen aussprechen (alle Volksentscheide in D sprechen die Sprache), liegt auf der Hand, sehen sie doch in den so gesehen Schwachen eine Bremse für ihre ach so aussichtsreichen Kinder. Erhebungen in den verschiedenen Bereichen (Politik, Schule, Journalismus, etc.) zeichnen ein deutliches Bild: Herkunft entscheidet. Die Betroffenen aus sozial schwachen Familien, Migranten – sie alle sind untervertreten und von vielem (auch Wissen um Aufstiegschancen, Möglichkeiten, nützlichen Verbindungen…) ausgeschlossen. 

Nein, es ist nicht alles bekannt. Und vor allem nicht allen. Klassismus ist ein Thema, das wir dringend auf der Agenda haben müssen. Menschen werden diskriminiert und ihrer Chancen und Möglichkeiten beraubt, ihre wirklichen Fähigkeiten zu entdecken und zu verwirklichen. Also reden wir darüber! Immer wieder. Und ja: Suchen wir nach Lösungen und setzen sie um. Utopien brauchen wir, ein Schwanken zwischen Realität und Wunsch, dem die Machbarkeit doch eingeschrieben ist.

Buchempfehlung:

Francis Seek, Brigitte Theißl (Hg.) Solidarisch gegen Klassismus. Organisieren, intervenieren, umverteilen, Unrast Verlag, Münster 2023.