Patricia Grob – Nachgefragt

(Bild: Claudia Brandenberger)

Patricia Grob wurde 1978 in der Schweiz geboren und wuchs im Zürcher Oberland auf. Nach einer kaufmännischen Ausbildung entdeckte sie ihre Liebe zum Schreiben und ging dieser in einem Nebenjob für eine Tageszeitung nach. Patricia ist immer auf der Suche nach guten Geschichten, Petrichor oder der 25. Stunde in ihrem Schreiballtag. Von Patricia Grob bei Piper erschienen: «Ein Duo für alle Felle» und «Lobster, Mord und Meeresrauschen».

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

 Das ist schnell erzählt. Ich bin Familienfrau, arbeite und schreibe. Alles in Teilzeit und manchmal auch gleichzeitig.

Wo nahm dein Schreiben seinen Anfang? Oder anders: Wieso schreibst du?

Das hat schon mit Schulbeginn angefangen. Ich glaube das war in der zweiten Klasse, als uns die Lehrerin „Die kleine Hexe“ vorgelesen hat. Das hatte mich sehr gepackt, ich bin nach Hause und habe mir mit Pappkartons und Tesastreifen ein Büchlein zusammengebastelt. Wie schwer konnte es schließlich schon sein, ein Buch zu schreiben?

Heute ist es für mich ein Hobby und ein Ausgleich, mit dem ich den Ernst des Lebens etwas weicher zeichnen kann.

Woher holst du die Ideen für dein Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wann ist es eine Idee und wie wird eine Geschichte draus?

So pauschal lässt sich das nicht sagen. Wie in „Ein Duo für alle Felle“ war es eine einzelne Begebenheit, die mich zu der Geschichte geführt hat. Ich muss die Figur, deren Stärken und auch Nöte plastisch vor mir sehen. Wenn dann noch ein sagenhafter Konflikt in mir reift und ein Motiv erkennbar ist, ist das bereits die halbe Miete.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Wenn ich munter drauflos schreiben würde, käme ich nie mehr irgendwo an. Wie in der obigen Antwort beschrieben, entsteht mit der Grundidee der Pitch, den ich dann um das komplette „Gerüst“ erweitere. Mir kommen meist viele Ideen, was besonders an den Figuren sein soll. Im wahren Leben haben wir ja auch nicht nur eine Lieblingsbeschäftigung oder Neigung; für die Geschichte ist es dann aber nicht dienlich, wenn eine strickende Kommissarin abends noch tanzen geht, nachdem sie ihre Familie bekocht und nebenbei die kaputte Lüftung im Bad repariert hat. Und gewisse Hobbys sind ja auch nebensächlich (abgesehen von Mord). Da muss man immer schauen, was funktioniert und was nicht.

Wenn man an Schriftsteller denkt und auch Interviews von früher liest, schreiben viele die ersten Entwürfe von Hand, oft sogar mit dem immergleichen Schreibmaterial (Legal Pad und Bleistift oder ein bestimmter Füller). Wie sieht das bei dir aus? Stift oder Tasten?

Es kommt darauf an. Grundsätzlich bleiben mir Sätze besser im Gedächtnis, wenn ich sie von Hand notiere. Trotz all der Digitalisierung ist die Hand-Hirn-Verbindung nicht zu unterschätzen. Gerade bei einer bevorstehenden Deadline käme ich aber mit dem Stift nirgends hin. Wenn mir also nachts ein genialer Satz einfällt, liegt dafür neben meinem Bett ein Stift und Block bereit (und eine Stirnlampe). Dasselbe gilt für kurze Zugreisen oder ähnliches (ohne Stirnlampe). Das Manuskript selbst tippe ich am Laptop.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören dich andere Menschen nicht?

Es sind mehrheitlich Gerätschaften, die mich stören. Mein Handy foutiert sich nicht um mein imaginäres „Bitte nicht stören“-Schild an der Bürotür, sofern ich es nicht lautlos schalte, natürlich. Und das ist mit Familie nicht immer ratsam.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftstellerin, was bereitet dir Mühe?

Das Schöne ist, derart in einer Geschichte zu versinken, dass man nach drei oder mehr Stunden auf die Uhr blickt und erschrocken denkt, es seien doch höchstens zehn Minuten vergangen. Mühe habe ich mit der eigenen wenig vorhandenen Geduld. Die Nebentätigkeit eines Autors ist Warten.

Du schreibst mehrheitlich Krimis, auch in deren lustigen Prägung als Regionalkrimi. Wieso dieses Genre?

Effektiv begonnen hat alles 2018 mit der Idee zu einem Thriller, an welchem ich drei Jahre geschrieben habe. Übrigens liegt er jetzt immer noch in der Schublade (also falls das jetzt ein Verlag liest … 😉). Und dann kam Corona, und eines morgens, mitten zwischen Homeschooling-Wahnsinn und Vormittagsmüdigkeit, klingelte es an der Haustür. Mein erster Gedanke war: das kann ja jetzt auch nur noch der Postbote sein. Und plötzlich war da das Bedürfnis, etwas Lustiges aus dieser Zeit hervorzubringen. Die Idee zum Buch „Ein Duo für alle Felle“ (dem ich sinnigerweise den Arbeitstitel „Wenn der Postbote gar nicht klingelt“ verpasste) war geboren. Eigentlich sollte das mein „die Corona-Zeit sinnvoll nutzen-Buch“ werden, nur für mich (und die Schublade). Dass dann Piper Digital (seit 2024 between pages by Piper) ausgerechnet eine Talentausschreibung mit dem Motto „Abenteuer zu Hause oder vor der Haustür“ laufen hatte, war das i-Tüpfelchen und ich war mit meiner Einsendung, von der ich mir gar nichts erhoffte, einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Regionalkrimis zu schreiben war ein Versuch, aber kein Irrtum 😊.

Regionalkrimis boomen. Stand Rita Falk am Anfang noch fast allein, gibt es sie an allen Orten und von verschiedenen AutorInnen. Was macht in deinen Augen den Erfolg dieser Sparte aus? Und: Fürchtest du nicht, der Markt ist irgendwann übersättigt?

Ich glaube im Vordergrund dieses Genres steht die Leichtigkeit beim Lesen. Man kann gut abschalten und in heitere Situationen abtauchen, in der die Welt nicht mehr so bitterernst genommen wird. Primär geht es nicht unbedingt um das Lösen des Kriminalfalles, sondern das Wie und die Protagonisten, die zwar liebenswert, aber auch mit Ecken und Kanten sein sollen. Gerade in der heutigen Zeit, und das merke ich auch an mir selbst, braucht es diesen literarischen Schalter, den man kippen kann, um das Gedöns der Welt außen vor zu lassen. Dafür eignen sich humorvolle Regionalkrimis ausgezeichnet. Ob jetzt eine baldige Sättigung des Marktes ansteht, vermag ich nicht vorauszusagen, doch gibt es auch bei den Regionalkrimis Nuancen, die bedient werden und gutes Anrecht auf Leserschaft haben.

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Braucht es diesen Spagat denn? Schlussendlich unterhält die Literatur so oder so, auch die hohe. Die Unterhaltungsliteratur vielleicht nicht direkt auf dieselbe prägende Art und Weise, aber als Leser:in habe ich je nach Genre auch eine ganz andere Erwartungshaltung. Ich denke nicht, dass das einen Einfluss auf meine Art zu schreiben hat, da ich ja auf ein gewisses Genre festgelegt bin und es eigenartig wäre, in einem Regionalkrimi davon abzuweichen.

Dein neuer Roman spielt an der Küste Dänemarks. Was bewegt eine Zürcher Oberländerin dazu, ihre Geschichte im Norden anzulegen, hört man doch immer, man solle über das schreiben was man kennt) was bekannte Schriftsteller natürlich immer wieder erfolgreich ignorierten)?

Mich hat eine zweitägige, je fast acht Stunden dauernde Autofahrt in einem bis unters Dach gepackten Opel und mit Kleinkind nach Grenaa (Dänemark) auf die Idee gebracht. Land und Leute haben mich inspiriert; auch wenn ich mir diese Autofahrt nie wieder antäte. Dass man über das schreiben soll, was man kennt, unterschreibe ich sofort.

Du zeichnest sehr originelle und witzige Figuren – haben diese reale Paten oder sind sie frei erfunden?

Dankeschön 😊. In ihren Merkmalen und Handlungen sind sie frei erfunden. Ich kann aber nicht abstreiten, dass mein Vater Postbote war, wie mein Protagonist Paul in „Ein Duo für alle Felle“. Dennoch hat er nie Kätzchen von Bäumen gerettet und zu entsorgende Kaffeekapseln gab es damals auch noch nicht 😉. Zudem war eine meiner Tanten eine fröhliche, geradlinige und vife Persönlichkeit, die ich immer ein bisschen in der Figur von Tante Tilli in „Lobster Mord und Meeresrauschen – Tante Tilli ermittelt“ gesehen habe. Gewisse Konstitutionen sind deswegen möglicherweise ein wenig „geborgt“. Es muss jetzt aber niemand Angst haben, dass er oder sie demnächst in einem neuen Krimi landet.

Wie viel steckt von dir in deinen Büchern?

Es lässt sich kaum verhindern, dass persönliche Meinungen und Prägungen auf die Buchfiguren übergehen. Ansonsten wäre authentisches Schreiben wohl kaum möglich. Trotzdem verpasse ich meinen Figuren nicht bewusst irgendwelche meiner Charakterzüge, das wäre der Figurenentwicklung wohl kaum dienlich. Und obwohl meine Bücher humorvoll sind, empfinde ich mich ja eher als unlustig.

In Amerika sind Kurse in kreativem Schreiben schon lange populär, in unseren Breitengraden scheint immer noch die Idee vom Genie vorzuherrschen und das Lernen des Handwerks wird eher stiefmütterlich behandelt. Ist Schreiben lernbar? Und wenn ja, wieso scheint das fast verpönt bei uns?

Da sprichst du ein interessantes Thema an. Denn in unseren Breitengraden sind diese Schreibkurse teilweise schlicht unerschwinglich. Meiner Meinung nach bedarf es schon einer gewissen Grundbegabung, die man mitbringen muss. Danach kommt viel über die Erfahrung mit „learning by doing“ zusammen. Es kommt auch immer auf das persönliche Ziel an. Schreibt man für sich im stillen Kämmerlein, weil es einen glücklich macht, oder soll der literarische Wurf irgendwann publiziert werden? Wobei Letzteres mit einer entspannten Erwartungshaltung verfolgt werden sollte.

Was rätst du einem (jungen) Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Schreiben. Schreiben. Schreiben. Und Geduld aufbringen. Nicht nur für andere, sondern vor allem für sich selbst. Gerade wenn es mal „nicht so läuft“. Wohldosierte Hartnäckigkeit und Demut vor der Meinung anderer schaden ebenfalls nicht. Und ganz wichtig ist es, keine hohen Erwartungen zu haben. Ein Plot kann noch so genial und durchdacht sein – wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist, nützt einem das nichts. Ein offenes Auge und gesunder Menschenverstand bewahren einen zusätzlich vor den hochtrabenden „Pseudo“-Verlagen, die einem (unerfahrenen) Autoren nur das Geld aus der Tasche ziehen wollen.

Danke, liebe Patricia, für deine Einblicke in deinen Schreiballtag!

Bücher von Patricia Grob:

«Lobster, Tod und Meeresrauschen – Tante Tilli ermittelt»


«Tilli blieben jetzt genau 30 Tage Zeit, um sich aus Alexanders Greifarmen zu winden, ihre Spuren zu verwischen und auf Nimmerwiedersehen unterzutauchen. Und je eher ihr das gelang, umso besser. Deshalb musste sie diese verbleibende Zeitspanne unbedingt um 29 Tage unterbieten.»

Als ihr geldgieriger Neffe ihr eröffnet, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank habe und deswegen in einer Seniorenresidenz untergebracht werden soll, gibt es für Tilli nur eines: Sie muss hier weg. Eigentlich war Las Vegas vorgesehen, doch landen tut sie in Dänemar, genauer an der dänischen Küste in Grenaa. Ein Weiterflug ist erst in zwei Tagen anberaumt. Als dann auch noch die Leiche ihres Exmanns angespült wird, sieht sie jedoch die Gelegenheit, diese 48 Stunden sinnvoll zu nutzen und auf eigene Faust zu ermitteln. Für eine ehemalige Politesse sollte das ein Kinderspiel sein.

Eine witzige Geschichte mit authentischen und eigenwilligen Charakteren, die sich in einem Zug weglesen lässt.

„Ein Duo für alle Felle“


Als Paul endlich Rentner ist, freut er sich auf eine ruhige Zeit und langes Ausschlafen am Morgen. Alles, was ihm vorher vergönnt war. Diese Rechnung hat er ohne seine Enkel gemacht, die ihm einen Hund schenken, obwohl er mit diesen Fellbündeln nichts am Hut hat. Mässig begeistert von diesem neuen Mitbewohner ist der nächste Schrecken nicht weit: Drei Mitbewohner im Seniorenheim seiner Lebenspartnerin sterben überraschend und kurz darauf verschwindet diese selbst. Da muss etwas Übles dahinterstecken, dessen ist sich Paul sicher. Getarnt als Postbote macht er sich auf die Suche nach seiner Freundin. Dass ihm dabei mancherlei widerfährt, bleibt nicht aus…

Zum Weltfrauentag – Gedanken und Bücher

Ich würde gerne behaupten und auch sehen, dass es keinen Weltfrauentag braucht, weil jeder Tag für alle da ist, doch leider ist dem an den meisten Tagen nicht so. Darum sind solche Tage wichtig, sie sollen wieder ins Bewusstsein rufen, was viel zu einfach vergessen gehen kann.

In seinem Buch „Die Würde ist antastbar“ behandelt Ferdinand von Schirach in einem Essay die Frage der Gleichstellung der Frau. Er zeigt fragwürdige Haltungen in der Politik zu diesem Thema auf (kurze Hoffnungsschimmer durch einzelne Personen werden mehrheitlich zunichte gemacht durch die oft erfolgreichen Versuche, diese zu verunglimpfen) und listet Zahlen aus Vorständen und Führungspositionen. Und man sitzt da und fragt sich, wie es möglich ist, dass der Frauenanteil in Vorständen grosser Firmen nur 3% beträgt, in Führungspositionen ist der Satz etwas höher, aber bei weitem nicht annähernd ausgeglichen. Nur mangelnder Einsatz und fehlende Bereitschaft kann nicht der Grund dafür sein.

Als Aristoteles seine Idee einer guten Gesellschaft formulierte, sprach er von gleichen Rechten für alle. Damals war klar, dass „alle“ nur freie Männer einer gewissen Klasse meinte. Sklaven, Arbeiter und Frauen waren ausgeschlossen aus diesem „alle“. Wenn man seine Schriften heute liest, denkt man, diese Bewertung sei antiquiert, doch die tatsächlichen Zahlen sprechen eine andere Sprache – immer noch. Die Aussage von Mary Shear:

„Feminismus ist die radikale Auffassung, dass Frauen Menschen sind.“

ist also nicht obsolet, sondern offensichtlich noch nicht in allen Köpfen in ihrer ganzen Tragweite angekommen. Zwar erkennt man Frauen durchaus als Menschen im Sinne des Menschseins, aber eben nicht im Sinne eines teilhabenden, gleichwertigen Menschen. Frauen sind eher „die Anderen“, die auch noch da sind, wenn die Welt verteilt ist unter denen, die eben „die Einen“ sind. Aus dieser Haltung leitet Simone de Beauvoir den Titel ihres Hauptwerkes ab („Das andere Geschlecht“) und das Buch ist aktuell wie eh und je und auch heute noch Pflichtlektüre sein sollte.

Wir haben also noch viel zu tun, um auch zu den Einen zu gehören. Denn: Es steht uns zu. Alles andere spräche uns unsere Würde als Mensch ab. Wobei der Konjunktiv falsch gesetzt erscheint…

Wenn es ums Lesen geht, zeigt sich ein ähnliches Bild. Viele Frauen wurden und werden vergessen, sie hatten früher zwar die grösseren Hürden, schreiben zu dürfen/können, aber auch heute noch zeigt sich in vielen Bereichen (Schule, Universität, Literaturbetrieb…) eine Ungleichbehandlung. (Sehr empfehlenswert dazu: Nicole Seifert, Frauenliteratur). Wenn ich zurückdenke, habe ich als Kind mehrheitlich Frauen gelesen (unbewusst), ab der Schule und auch im Literatur- wie Philosophiestudium kamen die kaum (schon das ist fast eine Übertreibung) mehr vor. Auch wenn ich nach wie vor sage, dass es nicht draufankommt, wer ein Buch geschrieben hat (rein vom Geschlecht her), merke ich, dass mich Literatur von Frauen oft mehr anspricht heutzutage (es gibt natürlich Ausnahmen, Autoren, die ich hochhalte und liebe). Heute möchte ich zehn Bücher von Frauen nennen, die ich für lesenswert halte, immer im Bewusstsein, dass dies eine persönliche Auswahl ist, die nicht mal über die Zeit gleich lauten würde:

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht (und alles andere von ihr)
Ein Buch darüber, wie Frauen in die zweite Reihe gestellt werden durch die Sicht auf sie als andere, während der Mann die Norm darstellt. Da diese Hierarchie rein sozial und nicht biologisch begründet ist, ist sie veränderbar. Es ist an uns, dies zu tun.

Hannah Arendt: Denken ohne Geländer
Das Buch vereint zentrale Texte aus Hannah Arendts Schaffen sowie Auszüge aus Briefen, die ihr Denken offenlegen – ein Denken, das wirklich ohne Geländer frei floss, das vor nichts Halt machte, sondern sich auch (und oft) unbequemen Dingen stellte.

Elizabeth Strout: Am Meer
Lucy Barton befindet sich im Lockdown mit ihrem Exmann, sie denkt über ihr Leben nach, über die Brüche und Umbrüche, ihre Beziehungen zu Männern und ihren Töchtern. Ein Buch zum Mitfühlen, Mitdenken, eine Anregung, das eigene Leben Revue passieren zu lassen.

Caroline Emcke: Weil es sagbar ist
Was lässt sich erzählen und wer kann es tun? Für wen erzählen wir und wem wollen wir erzählen? Für wen können wir sprechen und wieso sollen wir es tun? Carolin Emcke zeigt den Wert der geteilten Geschichten für das Leben und das Überleben, denkt über die Sprache als Verbindung zwischen den Menschen nach.

Vigdis Hjorth: Die Wahrheit über meine Mutter
Die Auseinandersetzung einer Frau mit ihrer Mutter, zu welcher der Kontakt abgebrochen wurde und die sich weigert, ihn wieder aufzunehmen. Gedanken dazu, wie Menschen werden, wie sie sind, was es bedeutet, Mutter oder Tochter zu sein, zu den eigenen Gefühlen, schmerzhaften Erfahrungen und Sehnsüchten.

Annie Ernaux: Erinnerungen eines Mädchens
Die Geschichte eines Mädchens und einer jungen Frau auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben, ihr Heranwachsen mit Wünschen, Träumen, Verletzungen und Scham. Der Blick von Heute auf das Gestern, der Versuch, sich selbst in der eigenen Vergangenheit zu finden und zu durchleuchten, schreibend, und dabei dieses Schreiben selbst immer wieder zu hinterfragen

Susan Sontag: Tagebücher 1964 – 1980
Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke – so beschreibt Susan Sontag ihr Schreiben selber. Die Tagebücher sind das Zeugnis einer intelligenten, nachdenklichen, oft vom Leben enttäuschten Frau.

Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein
Ein Buch darüber, wie wichtig es ist für eine Frau, ihr eigenes Zimmer, den Raum für sich zu haben.

Deborah Levy: Was das Leben kostet
Die Ehe ist zerbrochen, das alte Leben ist vorbei. Es gilt, ein neues aufzubauen, in einem neuen Zuhause und im neuen Leben anzukommen und sich da einzurichten. Deborah Levy erzählt aus dieser Zeit des Umbruchs, erzählt von den Gedanken, Gefühlen, Herausforderungen und immer wieder auch vom Schreiben.

Elisabeth Wellershaus: Wo die Fremde beginnt
Gedankenräume über erfahrenen Rassismus, Nachdenken über blinde Flecken bei sich und in der Gesellschaft, eine persönliche Lebensreise durch verschiedene Stationen der eigenen Biografie, pendelnd zwischen Spanien und Deutschland, zwischen verschiedenen Identitäten und Zuschreibungen. Ein persönliches, ein augenöffnendes Buch, ein Buch über systemische, strukturelle und individuelle Diskriminierung.

Gedankensplitter: Leben und Schreiben

Du fragst, warum mein Leben Schreiben ist?
Ob es mich unterhält?
Die Mühe lohnt?
Vor allem aber, macht es sich bezahlt?
Was wäre sonst der Grund? …
Ich schreib allein
Weil eine Stimme in mir ist, Die will nicht schweigen.
Sylvia Plath

Schon früh fand sie ihre Bestimmung und haderte doch ein Leben lang damit: Dem Schreiben. War es ihr einerseits das wichtigste, beklagte sie andererseits, dass sie dadurch ihre anderen Rollen im Leben nicht nach den eigenen Massstäben der Perfektion ausfüllen konnte. Dieser Zwiespalt zwischen Leben und Schreiben durchdringt auch ihr Werk, es ist so also das zentrale Thema ihres Schreibens und ihres Lebens.

Ich denke, jeder, der sein Leben dem Schreiben widmet, kennt diesen Drang, schreiben zu wollen. Und es gelingt mal besser, mal schlechter, ihm nachzukommen, ohne dabei zu viel zu vernachlässigen. Nur: Ohne zu schreiben fehlte so viel vom eigenen Sein und Sinn, dass dadurch die Kraft für den Rest auch abhanden kommt. Ein Konflikt, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

***

Buchtipp:
Simone Frieling: Sylvia Plath. Jeder sollte zwei Leben haben, erbersbach & simon 1922.

Ein gelungener Einstieg in das Leben und Schaffen einer grossartigen, melancholischen, tiefgründigen, vielschichtigen Schriftstellerin. Simone Frieling beschreibt mit vielen Tagebucheinträgen, Briefen und Zitaten Plaths Beziehung zu ihren Eltern, die komplizierte Beziehung zu ihrem Ehemann Ted Hughes wie auch ihre immer wiederkehrenden Zweifel und inneren Konflikte.

Lesemonat Februar 2024

Er ist der kürzeste Monat des Jahres, aber dieses Jahr schien es fast, als ob er beweisen wolle, dass viel reingeht. Die Agenda zum Bersten voll, die Termine überschlugen sich, manchmal überschnitten sie sich gar. Und dann war es plötzlich still. Für einen Augenblick hielt alles an, die Welt schien zum Stehen zu kommen, nur um dann in noch grösserer Frequenz zu laufen. Unglücksfälle bei Menschen, die einem wichtig sind, lassen plötzlich alles obsolet erscheinen, man ist zurückgeworfen auf die Verletzbarkeit des Lebens. Langsam gibt es zum Glück ein Aufatmen, zurück bleiben eine grosse Dankbarkeit und Demut.

Ich war bei all dem froh um meine kleinen Zeit- und Rückzugs-Oasen für mich, die ich mit Schreiben, Lesen und viel Nachdenken füllen konnte. Und doch ist all das irgendwie in blasser Erinnerung. Beim Anschauen meiner Leseliste erinnere ich mich wieder, all die Bücher gelesen zu haben, erinnere mich an die Eindrücke dabei und die Freude über gute Sätze, einnehmende Geschichten und mehr. Die Bücher führten mich wieder zu menschlichen Abgründen, zu persönlichen Lebenserfahrungen, es waren Reisen in die Vergangenheit und auch Einblicke in die Welt heute. Es waren Enttäuschungen dabei, aber auch und vor allem viele Highlights, allen voran

  • Suzie Miller: Prima Facie – die Erzählung einer jungen Frau, die Klassengrenzen überschreitet, Karriere macht, sich ein Leben aufbaut und dann vor der Entscheidung steht, ob sie für ihre Überzeugung einstehen und das Risiko eingehen soll, all das aufs Spiel zu setzen.
  • Monika Helfer: Die Jungfrau – Monika Helfer erzählt von ihrem Aufwachsen und denkt denkt dabei zurück an ihre Freundschaft mit Gloria.

Die komplette Liste:

Chandler, Raymond: Die simple Kunst des MordensIn Briefen, Essays, Notizen und mehr äussert sich Raymond Chandler über sich und sein Schreiben, er behandelt Themen wie die Filmwelt und das Verlagswesen wie auch das Handwerk des Schreibens und den Kriminalroman. Er zeigt sich dabei authentisch, ehrlich direkt und teilweise bitterböse, analytisch und auch kritisch.  Ein wunderbar unterhaltsames Buch, welches nicht nur einen Blick auf diverse Themen rund um das Schreiben eines Kriminalromans und alles, was damit in irgendeiner Form zusammenhängt wirft, sondern auch den Autoren Raymond Chandler erfahrbar macht in seinem Schreiben und Denken, mit all seinen Eigenarten. 5
Diporreta, Luca: Sankt Galler SpitzenEigentlich wollen Robert Keller (Leiter der Kripo St. Gallen) und Lea, seine Partnerin ein gemeinsames Wochenende im Wellnesshotel am Bodensee verbringen, doch eine Leiche macht diesem ein vorzeitiges Ende. Mia Schneider, Chefdesignerin der Textilfirma Vadiana, wird vergiftet aufgefunden und Robert Keller ist gefordert. Seine Ermittlungen führen ihn in die Kreise einer angesehenen Textildynastie. Das Opfer, erst überall beliebt, scheint sich einige Feinde gemacht zu haben, doch Robert Keller tappt im Dunkeln. Was hat er übersehen? Ein solider und unterhaltsamer Krimi nach bewährtem Muster.4
Meyer, Thomas: Hannah Arendt. Die BiografieDer Versuch, Hannah Arendts Leben und Werk nicht in Bezug auf die Aktualität heute, sondern aus ihrer Zeit heraus vorzustellen, wobei die 20 Jahre nach der Emigration nach Paris die prägendsten seien. Entstanden ist eine eher langatmige Wanderung durch das Leben und Schreiben einer herausragenden Philosophin, die keine offensichtlichen Ziele oder Absichten zu kennen scheint. Leider sehr unbefriedigend. 
Shalev, Zeruya: Nicht ich – abgebrochenWorum es wirklich geht, fand ich beim Lesen der ersten 27 Seiten nicht. Einige schöne Sprachbilder, eine abstruse Geschichte – ein Buch, in das ich schlicht nicht reinfand
von Schirach, Ferdinand, Alexander Kluge: Die Herzlichkeit der VernunftZwei kluge und klare Denker unterhalten sich über aktuelle Themen, berufen sich auf die grossen Philosophen Sokrates, Voltaire, Kleist und mehr. Sie sprechen über Schuld und Scham, über Freiheit und Verantwortung, über das Leben und die Politik. Wunderbar tiefgründig und zum Nachdenken anregend. 5
Helfer, Monika: Die JungfrauMonika Helfer erinnert sich an ihre Freundin Gloria, erinnert sich an eine Frau, mit der sie in ihrer Kindheit befreundet war und es auf eine Weise blieb trotz räumlicher Trennung später. Schreibend tastet sie sich an die eigenen Erinnerungen heran, versucht das Bild der Freundin lebendig werden zu lassen. Sie tut es in einer eigenwilligen, mal brutal klaren, dann wieder poetisch verschlungenen Sprache. 5
Miller, Suzie: Prima FacieTess kämpft sich mit Ehrgeiz und viel Arbeit durch die sozialen Schichten, kann mit einem Stipendium in Cambridge studieren und später in eine angesehene Kanzlei in London eintreten. Sie merkt, dass sie aus einer anderen Klasse stammt, es wird ihr überall bewusst. Sie versucht, sich anzupassen, die Verhaltensweisen anzueignen, die es braucht, um dazuzugehören, und sie schafft sich Respekt durch ihre Leistung und ihr Können. Alles läuft auf graden Schienen, bis ein einziger, verhängnisvoller Abend alles zunichte zu machen scheint und ihre ganze Welt aus den Fugen gerät. Was soll sie tun? Was steht auf dem Spiel? Ist sie bereit, den Preis für ihre Überzeugungen zu bezahlen? Ein wichtiger Roman, der aufrüttelt und den Blick auf die Fehler im System öffnet.5
Kehlmann, Daniel: LichtspielG.W.Pabst hat es geschafft. Er konnte Europa mit seiner Frau und seinem Sohn rechtzeitig verlassen und in den USA das tun, was er liebte: Filme machen. Der Erfolg hält nur kurz, zudem ist seine Mutter noch in Österreich und nicht bei bester Gesundheit. Mit seiner Familie reist er zurück, um die Mutter in ein Sanatorium zu bringen und dann – so gibt er vor – zurück in die USA zu gehen. Er bleibt, kommt in die Mühlen der Nazis, dreht fortan unter deren Augen. Der rote Pabst von einst plötzlich ein Nazizudiener? Sprachlich grossartig, anfangs wirklich einnehmend, dann Längen entwickelnd. 4
Andreas Gruber: Dinner in the Dark. Achtzehn Crime-StorysDie ersten Kurzgeschichten waren spannend, mitreissend, das Ende blieb bis am Ende offen und es gelang Gruber, kurz vor Schluss noch eine Wendung hinzubringen, die alles in einem neuen Licht zeigte. Dazu seine sprachlich schönen Wendungen und Bilder. Grossartig. Die Sprache blieb, die Spannung verschwand nachher. Langes und seichtes Geplätscher endete jeweils in einem nicht ganz erwarteten Ende, doch selbst das hatte kaum eine Anlehnung an eine Kriminalgeschichte. Schade. Ein fulminanter Start mit einem abrupten Ende schon früh im Buch. 3
Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten – abgebrochenAtemberaubend sollen sie sein, ein Stück Weltliteratur. Leider musste ich dieses dahinplätschernde Nicht-Geschehen nach kurzem abbrechen. Es nahm mir nicht den Atem, als Weltliteratur hätte ich es auch nicht bezeichnet. Schade. 
Bärbel Reetz: Emmy Ball-Hennings. Leben im VielleichtEigentlich eine tragische Geschichte: Eine Mädchen, eine junge Frau mit Tatendrang, Visionen, Träumen und Zielen, die den Mut hat, all diese zu verfolgen, die in die Welt aufbricht, sich alles erkämpfen muss und dabei unten durch geht, die tanzt, dichtet, liebt, sich verkauft, abstürzt, im Gefängnis landet, sich immer wieder aufrappelt. Sie beweist immer wieder, dass sie etwas kann, viele verehren sie – und doch reicht es nie zum Leben, knapp nur zum Überleben. Bärbel Reetz zeichnet das Leben und Schaffen der Emmy Hemmings nach, wobei sie zu viel Gewicht auf all die Figuren um sie herum und zu wenig auf Emmy selbst schaut. Dadurch ist eine sehr langatmige, oft verwirrende, zeitlich hin und her springende Biografie entstanden, welche den Menschen Emmy Hemmings nicht wirklich fassbar macht. 3.5

Suzie Miller: Prima Facie

Inhalt

«Ich kann nicht anders als mich zu fragen: Wie ist es möglich, dass ich hier bin? Niemand hatte je daran geglaubt, dass ich hier landen würde. Den ganzen Sommer über haben Erwachsene zu mir gesagt, wie viel ‘Glück’ ich hätte, ‘so eine Gelegenheit zu bekommen’, immer hoben sie mein Glück hervor, ohne anzuerkennen, wie hart ich dafür gearbeitet habe.»

Tess kämpft sich mit Ehrgeiz und viel Arbeit durch die sozialen Schichten, kann mit einem Stipendium in Cambridge studieren und später in eine angesehene Kanzlei in London eintreten. Sie merkt, dass sie aus einer anderen Klasse stammt, es wird ihr überall bewusst: «Weil man mir anmerkt, dass ich nicht hierher gehöre.»

Sie versucht, sich anzupassen, die Verhaltensweisen anzueignen, die es braucht, um dazuzugehören, und sie verschafft sich Respekt durch ihre Leistung und ihr Können. Alles läuft auf graden Schienen, bis ein einziger, verhängnisvoller Abend alles zunichtezumachen scheint und ihre ganze Welt aus den Fugen gerät. Was soll sie tun? Was steht auf dem Spiel? Ist sie bereit, den Preis für ihre Überzeugungen zu bezahlen?

Gedanken zum Buch

Es gibt Bücher, die gehen tief. Die bewegen, die erschüttern, die verstören. Sie dringen in dein Innerstes und wühlen es auf. Das ist mir mit diesem Buch so gegangen. Hatte ich am Anfang noch Mühe, reinzukommen, weil mir der Stil nicht entsprach – zu kalt, zu sachlich, zu erklärend, zu aufzeigend, zu wenig persönlich -, wurde ich nach und nach reingezogen, immer mehr, immer tiefer. Und ich merkte, dass genau dieser Stil am Anfang wichtig war. Er zeigte etwas, eine Haltung, eine Rolle, ein Konstrukt, das Risse bekam, das erschüttert wurde. Durch einen Abend. Durch ein Erlebnis. 

«Vielleicht sind Leute wie ich nur besonders empfänglich für diesen Ton, den Männer in Machtpositionen anschlagen, wenn sie an einem zweifeln. Es ist schwer zu erklären, wenn man die leichte Herabsetzung nicht selbst wahrnimmt.»

Suzie Miller hat einen Roman geschaffen, der die sozialen Unterschiede und die Klassenschranken in den Blick nimmt. Sie zeigt auf, wie verschieden die Lebenswirklichkeiten in unterschiedlichen Klassen aussehen, erzählt davon, welche Abgründe es zu überwinden gilt, will man sich in einer anderen Klasse als der der eigenen Herkunft bewegen. Es sind oft subtile Kleinigkeiten, und doch können sie ganze Lebenswege definieren.

«Prima facie- lat. Für dem Anschein nach, auf den ersten Blick.»

Das Buch gewährt Einblicke in das Rechtssystem und die diesem zugrunde liegenden Prinzipien und Strategien. Was für das Recht gilt, zieht sich aber oft auch durch das normale Leben. Recht und Leben wirken aufeinander, bedingen einander, beeinflussen sich gegenseitig. Wie oft urteilen wir danach, wie etwas auf den ersten Blick scheint? Wir gehen aus von den vorgefertigten Bildern in unserem Kopf, die meist ein Relikt einer jahrelangen Prägung durch ein System sind, in dem wir gross wurden und das uns in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wir nehmen diese Vor-Verurteilung nicht mehr wahr, wir glauben, die Welt zu sehen, wie sie ist, und sehen doch immer nur die Welt, wie wir sie sehen, weil wir sind, wie wir sind, wie wir geworden sind.

Dieses Buch ist ein Augenöffner. Es zeigt, wie wir uns in Systeme hineinziehen lassen und sie oft fraglos übernehmen, weil uns die passenden Argumente, die sie stützen, gleich mitgeliefert werden und überzeugen. Es heisst nicht, dass diese Systeme grundsätzlich falsch sind, dass sie nicht eine Möglichkeit sind, wie die Welt gesehen werden kann, aber sie sind eben genau das: Eine Möglichkeit und nicht die absolute Wahrheit und einzige Sicht.

Am Schluss dieses Buches sassen die Tränen locker. Es ist ein Buch, das sich setzen muss, das nachhallt. Eine grosse Leseempfehlung.

Fazit
Ein wichtiges Buch, ein Buch, das aufzeigt, wie viel vom Patriarchat in unseren Systemen steckt und wie wir uns dem immer wieder unterwerfen. Sehenden Auges. Es zeigt, was es heisst, Mut zu haben, hinzustehen, aufzubegehren. Und wie wichtig es ist. 

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Suzie Miller, geboren in Melbourne, hat Jahre lang als Strafverteidigerin gearbeitet, mit besonderem Augenmerk auf sexuellen Missbrauch. Ihr Stück, auf dem ihr Roman basiert, gewann alle großen Preise Australiens sowie den Olivier Award, die wichtigste Auszeichnung im britischen Theater. »Prima facie« ist ihr erster Roman.

Katharina Martl, geboren 1987, übersetzt aus dem Englischen und den festlandskandinavischen Sprachen. Sie lebt in München.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kjona Verlag; 1. Edition (29. Januar 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3910372214
  • Originaltitel ‏ : ‎ Prima facie



Daniel Kehlmann: Lichtspiel

Inhalt

G.W.Pabst hat es geschafft. Er konnte Europa mit seiner Frau und seinem Sohn rechtzeitig verlassen und in den USA das tun, was er liebte: Filme machen. Der Erfolg hält nur kurz, zudem ist seine Mutter noch in Österreich und nicht bei bester Gesundheit. Mit seiner Familie reist er zurück, um die Mutter in ein Sanatorium zu bringen und dann – so gibt er vor – zurück in die USA zu gehen. Er bleibt, kommt in die Mühlen der Nazis, dreht fortan unter deren Augen. Der rote Pabst von einst plötzlich ein Nazizudiener?

Gedanken zum Buch
Daniel Kehlmann wollte keine Biografie schreiben, er schrieb einen Roman, den er um die Figur des Georg Wilhelm Pabst herum konstruierte. Interessiert hat ihn dabei, was möglich gewesen wäre, was vielleicht wirklich so stattgefunden hat, vielleicht auch nicht. Er erschafft also keine neue Welt, sondern durchforstet eine reale Welt nach ihren Möglichkeiten, die nicht immer verwirklicht worden sind. Es ist dabei nicht interessant, was wirklich passiert ist, zählen tut nur, ob die Welt, die Kehlmann konstruiert hat, in sich stimmig ist. Das ist ihm gelungen. In einer wortgewandten Sprache, in sprechenden Bildern, mit lebendigen Figuren zeichnet uns Daniel Kehlmann die Zeit von damals nach und lässt uns erfahren, was es heisst, sich in Fallstricken zu verfangen, aus denen man nicht mehr kommt.

«Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, was man will. Wichtig ist, Kunst zu machen unter den Umständen, die man vorfindet.»

Redet Pabst sich die Dinge schön? Sucht er eine Rechtfertigung für all die kleinen Entscheide, die ihn schlussendlich dahin brachten, wo er heute ist? Den Gegner des Naziregimes, den roten Pabst hatte man in eine Rolle gezwängt, die er nie hatte haben wollen, die er nun aber gezwungen war, auszufüllen. Zwar machte er keine Propagandafilme, aber er diente diesem System. Hatte er eine Wahl? Jetzt noch? Wo hätte er noch anders abbiegen können und war stattdessen den Weg hinein ins Verderben gefahren? Ist es an uns, zu urteilen, zu verurteilen? Vom sicheren Sofa aus, so viele Jahre später? Noch vor einigen Jahren wäre die Antwort wohl noch anders gewesen als heute. Wir stehen wieder vor Brüchen und Umbrüchen, vor Bewegungen, Spaltungen und latenten Gefahren, die an vielen Orten schon Realität geworden waren. Was tun wir heute? Wie viel unterscheidet uns von seiner Haltung damals?

Sicher ist: Seine Kunst stand für Pabst zuoberst. Ihr ordnete er alles unter, für sie fällte er Entscheidungen, die im Nachhinein ungünstig waren, bis er an einem Punkt angelangt war, von dem aus es kein Zurück mehr gab. Aus dem sicheren Exil kam er zurück nach Deutschland, setzte seine Frau und seinen Sohn dieser Atmosphäre aus und brachte alle in Gefahr – wenn er nicht spurte.

«Sie verkennen die Lage. Ich diskutiere nicht. Wenn Sie nur die geringste Idee hätten, was ihnen blühen kann, würden Sie es nicht mal versuchen.»

Der Regisseur Pabst, der keine Widerworte duldet, der bestimmt, wann ein Film gut ist und der Szenen immer wieder neu drehen lässt, ist selbst ind er Position, dass ein Nein nicht mehr gilt.

Fazit
Ein grossartiger Roman um den bekannten Regisseur Georg Willhelm Pabst, erzählt in einer wunderbaren Sprache und allen Zutaten, die Literatur gross machen. Für Puristen vielleicht ein paar Längen zu viel, für Epiker ein Hochgenuss.

Zum Autor
Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Candide-Preis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. Sein Roman Die Vermessung der Welt war eines der erfolgreichsten deutschen Bücher der Nachkriegszeit, und auch sein Roman Tyll stand monatelang auf den Bestsellerlisten und gelangte auf die Shortlist des International Booker Prize. Daniel Kehlmann lebt in Berlin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Buchverlag; 3. Edition (10. Oktober 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 480 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3498003879
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3498003876

Raymond Chandler: Die simple Kunst des Mordens

Inhalt
In Briefen, Essays, Notizen und mehr äussert sich Raymond Chandler über sich und sein Schreiben, er behandelt Themen wie die Filmwelt und das Verlagswesen wie auch das Handwerk des Schreibens und den Kriminalroman. Er zeigt sich dabei authentisch, ehrlich direkt und teilweise bitterböse, analytisch und auch kritisch.

Ein wunderbar unterhaltsames Buch, welches nicht nur einen Blick auf diverse Themen rund um das Schreiben eines Kriminalromans und alles, was damit in irgendeiner Form zusammenhängt, wirft, sondern auch den Autoren Raymond Chandler erfahrbar macht in seinem Schreiben und Denken, mit all seinen Eigenarten.

Gedanken zum Buch

«Wenn man da sagt, was dieser Mann schreibt, sei keine Literatur, könnte man ebenso gut auch sagen, ein Buch, das Lust zum Lesen mache, könne nichts taugen.»

Was macht gute Literatur aus? Wie kommt es zur Unterscheidung zwischen hoher und niedriger Literatur? Raymond Chandler beklagt diese Einteilung, er findet sie überheblich und unzutreffend, da bei Büchern nicht das Genre, sondern die Art des Schreibens ausschlaggebend sein sollte, ob etwas gute Literatur sei oder aber nichts tauge. Dass gerade über Kriminalromane immer wieder geschnödet wird, verurteilt er aufs schärfste und mit teilweise klaren bis bitterbösen Aussagen.

«Alle Menschen flüchten vor irgend etwas, flüchten sich in das hinüber, was hinter der bedruckten Seite liegt; qualitativ mg das Träumen diskutabel sein, aber funktionell ist es ganz einfach eine Notwendigkeit geworden. Jeder Mensch muss von Zeit zu Zeit dem tödlichen Rhythmus seiner privaten Gedanken entfliehen. Das gehört unter denkenden Wesen zum Lebensprozess selber.»

Die Frage, die sich stellt, ist immer auch: Wieso lesen Menschen? Und: was muss Literatur. Bewirken, dass sie beim Leser ankommt? Die Tatsache, dass etwas gerne gelesen und oft verkauft werde, sei weder ein Qualitätskriterium noch dürfe es dazu herhalten, Literatur zu hierarchisieren. Literatur, so Chandler, ist ein Weg, vor der Alltagsrealität zu fliehen und für eine Weile Zuflucht in einer anderen Welt zu finden. Mit welchen Inhalten das gelingt, ist weniger wichtig für eine Einteilung in gute oder schlechte Literatur, als ob es literarisch und stilistisch gut umgesetzt ist.

«Ich will lediglich sagen, dass alles Lesen zum Vergnügen Flucht ist… Alle Literatur ist in diesem Sinne Unterhaltungsliteratur. Wollte man das bestreiten, so wäre man bloss ein intellektueller Snob und ein blutiger Anfänger in der Kunst des Lebens.»

Leider ist diese Hierarchie in hohe und niedrige (oder gar Schundliteratur) auch heute noch gang und gäbe. Dass Kriminalliteratur (oder auch Fantasy und andere Genres) sich gut verkaufen, wird nicht als Qualitätsmerkmal gesehen, sondern im Gegenteil als Argument gegen gute Qualität eingebracht. Was viele lesen, kann nicht gut sein. Diese Botschaft klingt durch und sie vermittelt genau, was Chandler weiter oben auch sagte: Den Snobismus des Aussprechenden. Indem er die breite Masse der Lesenden als eher seichte Gemüter einstuft, erhebt er sich darüber. Dies im Blick solle man vielleicht die eigenen Kriterien für gute oder schlechte Literatur nochmals überdenken.

Fazit

Ein unterhaltsames, informatives Buch über das Schreiben, Kriminalliteratur, Filmbranche und vieles mehr. Klare Worte mit tiefen Einblicken, einer messerscharfen Analyse sowie unbarmherziger Kritik, die bei all dem einen unverstellten Blick auf den Autor gewähren.

Zum Autor
Raymond Chandler, geboren 1888 in Chicago, wuchs in England auf. Er übte verschiedenste Berufe aus, bevor er ab 1932 ernsthaft zu schreiben begann. Chandler wurde nicht nur mit seinen Romanen um den Privatdetektiv Philip Marlowe zum Klassiker der Kriminalliteratur. Er verfasste auch berühmte Drehbücher für Billy Wilder und Alfred Hitchcock. Raymond Chandler starb 1959 in La Jolla, Kalifornien.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Diogenes Verlag; 14. Edition (24. Februar 2009)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Übersetzung : Hans Wollschläger
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257202090

Hugo Ball (22. Februar 1886 – 14. September 1927)

Einen Hansdampf in allen Gassen könnte man ihn nennen, einer, der seinen Weg ging, Neues ergründen und schaffen wollte. Er versuchte, liess fallen, versuchte neu, stellte auf die Beine und lief wieder davon.

Geboren wurde Hugo Ball am 22. Februar 1886 in ein bürgerliches Umfeld. Dem väterlichen Befehl folgend brach Hugo die Schule vor Abschluss des Gymnasiums ab und besuchte eine Lehre, die er dann aber wieder abbrach, das Gymnasium beendete und mit dem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie begann. Dieses brachte er bis zur geplanten Dissertation, als er befand, der Wissensbestrieb sei ihm erstorben. Er wollte ins Leben, wollte spielen, wollte auf die Bühne. In seinem Tagebuch vermerkte er:

“1910-1914 war alles für mich Theater: das Leben, die Menschen, die Liebe, die Moral. Das Theater bedeutete mir: die unfassbare Freiheit”

Und er schrieb. 1911 erschien sein erstes Buch «Die Nase des Michelangelo». Er beteiligte sich an Zeitschriften, plante weitere schriftstellerische Projekte, doch der Krieg machte diesen ein Ende. Theater wurden geschlossen, Ball wandte sich mehr dem Schreiben zu, veranstaltete literarische Abende und brach dann 1915 die Zelte in Deutschland ab, um in die Schweiz zu reisen. Mit ihm reiste Emmy Hennings, seine spätere Frau und Mitbegründerin des Cabaret Voltaire in Zürich.

«Das Leben ist so reich, wenn man arm ist.»

Die Schweiz war nicht nur Paradies, wie anfänglich gedacht. Denunziation und sogar Gefängnis warteten. Aber es war auch Zeit des Auf- und Umbruchs. Die Zeiten waren schwierig, das Geld knapp, die Engagements trugen kaum, Hennings Prostitution füllte die Haushaltskasse, bis die beiden sich entschlossen, selbst ein literarisches Kabarett zu gründen. Zuerst ohne festes Ensemble bildete sich bald eine Gruppe, die zu den grossen Namen des Dadaismus wurden: Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Tristan Tzara. «Dada» als Begriff ist im Programmheft 1916 das erste Mal dokumentiert.

Das Ganze wuchs Ball schon bald wieder über den Kopf und er zog sich zurück, schrieb vermehrt für die Zeitung und Bücher, darunter 1919 «Zur Kritik der deutschen Intelligenz», in welchem er die Kriegsschuld Deutschlands thematisierte. Die finanzielle Lage wurde drückend, Ball heiratete Hennings und wollte mit deren Tochter zurück nach Deutschland, wo sie sich aber nicht mehr zurechtfanden und wieder in die Schweiz zurückkehrten, wo Ball weiter Bücher schrieb. 1920 kam es zu einer folgenreichen Begegnung mit Hermann Hesse, eine Freundschaft bis ans Lebensende entstand. Hugo Balls Gesundheit bröckelt, eine Krebsdiagnose und Operationen zeigen das nahe Ende auf, das am 14. September 1927 im Tessin, wo die kleine Familie die letzten Jahre lebte, eintritt.

Gedankensplitter: Durch Vernunft in die Freiheit

«Das menschliche Unvermögen in Mässigung und Beschränkung der Affekte nenne ich Unfreiheit. Denn der den Affekten unterworfene Mensch ist nicht in seiner eigenen Gewalt, sondern in der des Schicksals, unter dessen Herrschaft er sich dermassen befindet, dass er oft, obschon er das Bessere sieht, dennoch dem Schlechteren nachzufolgen gezwungen wird.» Baruch de Spinoza

Aus dem Bauch heraus handeln. Es wird oft als ursprünglich, als authentisch, als intuitiv bewertet und hochgehalten. Mittlerweile ist bekannt, dass das unüberlegte, unreflektierte aus dem Bauch hinaus Handeln in keiner Weise einfach frei ist, sondern nur die eigenen Prägungen reflektiert. Hinzu kommt, dass dieses «aus dem Bauch heraus» oft auch schlicht einem Affekt folgt, dass hochkommende Impulse ungefiltert in Aktion übergehen. Das kann mitunter nicht nur zu unerwünschten Ergebnissen führen, es erweist sich manchmal auch als schlichtweg dumm, wie man mit einer Mässigung der Affekte und einer Hinzunahme des Denkens leicht eingesehen hätte. Nicht umsonst wohl halten viele Philosophie das Denken hoch, nennen gar die Vernunft eine Macht, auf die wir nicht unfreiwillig verzichten sollen.

Baruch de Spinoza sieht in den Affekten einen Weg in die Unfreiheit. Indem wir uns ihnen hingeben, geben wir das Steuer aus der Hand. Wir verzichten auf das wichtige Mittel, das uns selbst zum Herrn unseres Lebens macht: Die Vernunft.

«Ich werde also hier von der Macht der Vernunft handeln, indem ich zeige, was die Vernunft an sich über die Affekte vermag, und sodann was Freiheit des Geistes oder Glückseligkeit ist, woraus wir ersehen können, wieviel mächtiger der Weise ist als der Ungebildete.» Baruch de Spinoza

***

Am 21. Februar vor 347 Jahren ist Baruch de Spinoza (24.11.1632 – 21.2.1677) gestorben. Ich hebe mein Glas auf einen Denker, dessen Bücher uns auch heute noch viel zu sagen haben.

Gedankensplitter: Die eigene Haltung ergründen

«Es hiess…. sie sei ein gefallenes Mädchen… Von gefallenen Männern hörte man bei uns nie. Männer konnten wahrscheinlich nicht fallen.» Emmy Hennings

Hat sich wirklich so viel verändert? Wenn zwei dasselbe tun, ist es wirklich dasselbe im Auge der Gesellschaft? Sind nicht noch immer die Frauen die Beäugten in einer von Männern definierten und von vielen (auch Frauen) weiter verteidigten Welt? Und immer wieder schauen wir weg, weil das Hinschauen die Forderung stellte, aufzubegehren. Und wir fragen uns: Was bedeutet das für uns? So hier und heute? Es ist einfacher, gegen die heute definierten Täter der Vergangenheit zu richten und sich gegen sie zu stellen. Im Hier und Jetzt gehen wir oft den Weg der Norm, den der Anpassung, weil wir denken, keine Wahl zu haben. Die Wahl haben wir wohl, nur gefallen uns die Konsequenzen oft nicht. Und dann sagen wir, dass wir nicht konnten, aber schon gewollt hätten. 

Kann man es verübeln? Muss man es? Ist es feige? Oder einfach lebenspraktisch? Das sind alles Wertungen, die von aussen draufgestülpt werden. Ich glaube, der erste Schritt wäre das Eingeständnis: Ich hätte gekonnt, hatte aber zu viele persönliche Gründe, die mich hinderten. Wenn diese Ehrlichkeit schon mal da wäre, wäre ein zweiter Schritt viel einfacher: Sich anders zu entscheiden, weil ja ganz viele sich eingestehen würden, dass sie eine Wahl hätten. Und ehrlich würden. Und damit vielleicht auch gemeinsam einstehen würden, so dass die Konsequenzen teilweise wegfielen. 

Eine Utopie? Ein Weg?

Gedankensplitter: Die Würde der eigenen Wahl

«Die Würde des Menschen liegt in seiner Wahl» Max Frisch.»

Man meint es ja immer nur gut. Man verschweigt was, weil man denkt, der andere könnte damit nicht umgehen. Man handelt hinter seinem Rücken und fühlt sich gut, weil man das Richtige tut. Aus der eigenen Sicht und für den anderen. Man merkt oft nicht, welche Überheblichkeit in dem «gut meinen» steckt, zu sehr ist man vom eigenen Urteil, von der eigenen Einschätzung überzeugt. Und genau darin liegt sie, die Überheblichkeit. Man nimmt damit dem anderen die Wahl, selbst zu entscheiden, wie er mit etwas umgehen will und kann, da er gar nicht weiss, dass er eine hatte. Er wusste nichts. Von allem. Er wurde übergangen, aussenvorgelassen. Man traute ihm nicht zu, selbst einen Weg zu finden. Man traute ihm zu wenig zu, hielt ihn damit klein. So klein, wie er vielleicht gar nicht wäre, würde man ihn einbeziehen.

Wie oft habe ich schon selbst erlebt, dass ich in Situationen kam, von denen ich vorher dachte, sie nicht bewältigen zu können. Und dann traf etwas ein, ich war mittendrin und ich musste. Und es ging. Emmy Hennings sagte so schön:

«Es geht ja immer, wenn auch manchmal schief.»

Auch das darf sein. Würdevoll einen Irrweg zu beschreiten ist immer noch besser, als entwürdigt zu sein. Das ist auch ein Aufruf an einen selbst: Nicht das Ruder aus der Hand geben. Irrwege heissen nicht, dass man gescheitert ist. Ein Fehler ist kein Niedergang. Das Leben hat Höhen und Tiefen. Und wir bewältigen sie. Nicht dass wir sie uns wünschen. Aber: Wie bewältigen sie. Wenn man uns lässt.

Gedankensplitter: Wege und Umwege

«Alles in der Welt geht in Wellenlinien. Jede Landstrasse und so weiter. Wehe dem, der überall ein Lineal anlegt.» Wilhelm Raabe

Das Zitat las ich kürzlich und fühlte mich merkwürdig ertappt. In den letzten Wochen habe ich auf mein Leben zurückgeblickt, habe all die Stationen gesehen, die ich durchlaufen habe. Der Weg glich nicht einem einmal losgeschlagenen Tennisball, der zielgerichtet auf der anderen Seite zu Boden kam, sondern eher einer Billardkugel, die über die Bande gespielt ihren Weg in einer nur für ein Mathematikgenie nachvollziehbaren Bahn genommen hat. Ich habe in den diversesten Berufen gearbeitet, habe mich mit Fotografie, Zeichnen und Yoga ausprobiert. Und ich habe geschrieben. Immer. Und immer über wieder andere Dinge. An allen war ich mit Leidenschaft, in alle habe ich mich hineingegraben und alle habe ich durchdrungen. Und dann bin ich wieder weitergegangen.

Wie oft hatte ich mir gewünscht, es wäre alles gradliniger. Ich bewunderte, nein, beneidete Menschen, die so dieses eine Interesse haben, diesen einen Weg, den sie gradlinig verfolgen. Ich habe es immer wieder versucht, immer wieder gedacht: Jetzt… und dann wuchs die Erkenntnis: Nein, doch nicht…

Und hier sitze ich nun und die Mäanderwege sind durchaus kleiner geworden – von einer geraden Linie ist noch immer nicht zu sprechen. Und so langsam reift die Erkenntnis: Vielleicht bin ich schlicht so – ein Schmetterling, der viele Blumen mag. Und vielleicht ist das sogar ein Geschenk und kein Makel. Was ich gelernt habe: Ich muss mich gar nicht entscheiden, es hat alles Platz, denn das Leben ist gross. Nicht alles zu jeder Zeit, aber alles dann, wenn es passt, weil es mir in dem Moment entspricht.

Habt einen schönen Tag!

Erhard Dietl, Andrea Stegmaier: Warum Weihnachtswunder manchmal ganz klein sind

Weihnachten – das Fest der Liebe, der Besinnung, der Mitmenschlichkeit. Diese wichtigen Werte des Miteinanders werden hier in eine herzerwärmende Geschichte gepackt:

«Kennst du den Ort, an dem die Bäche am klarsten und die Tannen am höchsten sind?
Wundersam still ist es dort.»

Diese Stille wird jäh durchbrochen. Waldarbeiter tauchen mit ihren Sägen auf und fällen Tannen, die sie auf einen Laster packen. Sie merken nicht, dass sich auf einer ein kleiner Kauz versteckt hat. Dieser wagt sich vor lauter Angst nicht mehr, sich zu rühren. Nach einer langen Fahrt in die Stadt entdeckt der Forstarbeiter Mario den kleinen Waldkauz und nimmt sich seiner an, indem er ihn zu seiner Tochter Emilia nach Hause bringt. Diese kümmert sich liebevoll um das Käuzchen und päppelt den kleinen ausgehungerten und zerzausten Vogel wieder auf. Durch die gute Pflege und Fürsorge erholt sich der Kleine schnell und fühlt sich sichtlich wohl in seinem neuen Heim. Wenn nur das Heimweh nicht wäre. Emilio und Mario beschliessen schliesslich, ihren kleinen Mitbewohner wieder zurück in den Wald zu bringen, wo er wirklich zu Hause ist.

Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. 2020 wurde im Weihnachtsbaum, der vor dem Rockefeller Center in New York stand, eine verängstigte Eule gefunden und gerettet. Erhard Dietl und Andrea Stegmaier haben diese Geschichte nun in einem wunderbaren Buch aufgegriffen. Ein Buch, das Mut macht, das zeigt, wie viel Mitmenschlichkeit bewirken kann.

Im Anhang an die Geschichte finden sich Tipps, wie man sich selbst verhalten soll, wenn man ein Tier findet.

Fazit:
Ein wunderbares und herzerwärmendes Bilderbuch, das nicht nur in der Weihnachtszeit begeistert.

Über den Autor und weitere Mitwirkende
Erhard Dietl lebt als freier Schriftsteller und Illustrator in München. Zu seinen erfolgreichsten Figuren gehört die fröhliche Olchi-Familie aus Schmuddelfing.

Andrea Stegmaier lebt und arbeitet in Stuttgart. Am liebsten illustriert sie Kinderbücher. Neue Inspiration lauert für sie überall – beim Zusammensein mit ihrer Familie oder im eigenen Garten.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ Oetinger; 1. Edition (11. September 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 32 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3751202299
  • Lesealter ‏ : ‎ 4–6 Jahre

Vernachlässigung von Kriminalromanen

«…Sie sind gewiss nicht ohne Gesellschaft bei Ihrem Wunsch, dass ‘man etwas gegen die Isolierung und Benachteiligung des Kriminalromans in den Buchbesprechungen tun könnte’.»*

Das schrieb Raymond Chandler im Januar 1944 an James Sandoe, seines Zeichens Kriminalromankritiker der New York Herald Tribune und Professor für Klassische Literatur und Bibliographie an der University of Colorado. Was die beiden umtrieb, hat sich bis heute nicht geändert: Der Kriminalroman wird von den Literaturkritikern mehrheitlich gemieden, wenn nicht gar verschmäht. Für sie – und sie sind damit nicht allein – gibt es verschiedene Arten von Schreiben: Das anspruchsvolle und das banale, das, woraus Literatur entsteht, und das, was blosse Unterhaltung und damit minderwertig ist.

„Wenn man da sagt, was dieser Mann schreibt, sei keine Literatur, könnte man ebensogut auch sagen, ein Buch, das einem Lust zum Lesen mache, könne nichts taugen.
Wenn ein Buch, gleich welchen Genres, eine gewisse Intensität der künstlerischen Darstellung erreicht, wird es Literatur. Diese Intensität kann sich im Stil zeigen, in der Situation, in den Charakteren, im inneren Ton oder in der Idee, oder in einem halben Dutzend anderen (sic!) Dingen.“

Nun gibt es durchaus Krimis, die in der Tat seicht und belanglos sind, die daherkommen wie nach einem vorgegebenen Raster und in Rekordzeit geschrieben. Es gibt aber auch die literarisch und sprachlich wertvollen, die inhaltlich und stilistisch anspruchsvollen, die durchdachten, durchkomponierten, die durchaus den Begriff Literatur verdienen. Und: Nicht alles, was als Literatur daherkommt, ist auch ein Meisterwerk schreiberischer Genialität.

«Die Franzosen sind das einzige Volk, das ich kenne, für die Schreiben in erster Linie Schreiben ist.»*

Oft sieht es auch so aus, als ob das, was sich gut verkauft, von vornherein abgewertet ist, kann es doch nicht für den höheren Geschmack bestimmt sein, wenn so viele es gut finden. Dass diesem Ansinnen eine unglaubliche Arroganz innewohnt, ist offensichtlich: Nur der auserlesene Kreis der Verstehenden ist in der Lage, so wirkt es zumindest, den wahren Wert von Literatur zu verstehen. Nur das erlauchte Grüppchen der Intelligenten weiss die hohe Literatur zu schätzen. Sobald es jeder versteht, kann es – so die scheinbar logische Folge – nur banal sein.

Ich zitiere in solchen Fällen immer gerne den wunderbaren Philosophen Harry G. Frankfurt:

«Bullshit!»

(Nun entspricht natürlich auch dieser Ausdruck nicht dem elaborierten Code der Bestimmer und Leser der gewählten Literatur, aber damit kann ich durchaus leben, zumal ich mich immerhin auf einen Philosophieprofessor berufen kann.

*zitiert nach Raymond Chandler: Die simple Kunst des Mordens, Diogenes Verlag, Zürich 1975.