Nora Roberts: Spur der Finsternis

Inhalt

«Ihre Träume und Ziele waren unkompliziert und überschaubar… Eines Tages würde sie nicht nur ein eigenes Haus, sondern auch eine eigene Bar besitzen.»

Morgan hat einen Plan, wie sie ihr Leben gestalten will, und sie ist auf gutem Weg. Nach zwei Studien sucht sie einen Ort, an dem sie sich niederlassen kann. Dort kauft sie ein kleines Haus, eine Mitbewohnerin ist schnell gefunden, die noch dazu zu ihrer besten Freundin wird. Zwei Jobs sollen dazu dienen, möglichst schnell genug zu sparen, um den Traum einer eigenen Bar zu verwirklichen. Als auch noch Luke in ihr Leben tritt, scheint ihr Leben perfekt, bis ihre Freundin in ihrem Haus ermordet wird. Als das FBI vor der Tür steht und ihr mitteilt, dass Luke ein Identitätsräuber ist, der ihr in der Zwischenzeit alles genommen hat, was sie sich aufgebaut hat, liegt ihr Leben in Trümmern. Noch schlimmer: Eigentlich wollte er sie umbringen, nicht ihre Freundin Nina. Und er hat noch nie eine Mission nicht zum Abschluss gebracht.

Morgan lässt alles hinter sich. Sie zieht nach Vermont zu ihrer Mutter und ihrer Grossmutter, und fängt erfolgreich ein neues Leben an. Alles scheint wieder auf gutem Weg, bis die Beamten des FBI vor ihrer Tür stehen: Es hat ein neues Opfer gegeben und am Tatort findet sich ein Zeichen dafür, dass Morgan noch nicht in Sicherheit ist. Der Mörder will sein Werk vollenden.

Gedanken zum Buch
Nora Roberts schafft es, den Leser mit den sehr authentischen, sympathischen Figuren in den Roman zu ziehen und festzuhalten. Morgan wirkt von Anfang an wie eine Vertraute, deren Weg man weiter begleiten will. Man nimmt als Leser Teil an ihrer Trauer, an ihrem Selbstmitleid, aber auch an ihrem Neuanfang. Ein Buch, das neben einer spannenden Geschichte auch zeigt, dass man es selbst in der Hand hat, ob man nach einem schweren Schicksalsschlag in der Opferrolle verbleibt oder aber wieder aufsteht und weitermacht.

Neben authentischen und lebendigen Figuren gelingt es Nora Roberts, die Schauplätze des Geschehens plastisch zu beschreiben und den Spannungsbogen immer gespannt zu halten. Die verschiedenen Charaktere, deren Beziehungen untereinander und eine Liebesgeschichte runden den Roman ab, welcher in einer flüssigen Sprache geschrieben ist. Für den ungeduldigen Leser sind die langen Passagen des normalen Lebens zwischen den Szenen, welche die Geschichte wirklich vorwärtsbringen, wohl etwas episch, für den Leser, der gerne in Geschichten mit lebt, zeichnen sie eine bunte und einladende Welt, in die man eintauchen kann.

Fazit
Eine spannende Geschichte mit authentischen Figuren und plastischen Schauplätzen in einer flüssig lesbaren Sprache. Die passende Lektüre für einen kalten Wintertag auf dem Sofa mit einer Tasse Tee und einer warmen Decke.

Autorin und Übersetzerin
Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von 500 Millionen Exemplaren überschritten. Mehr als 200 Titel waren New-York-Times-Bestseller, und ihre Bücher erobern auch in Deutschland immer wieder die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Christiane Burkhardt lebt und arbeitet in München. Sie übersetzt aus dem Italienischen, Niederländischen und Englischen und hat neben den Werken von Paolo Cognetti u. a. Romane von Fabio Geda, Domenico Starnone, Wytske Versteeg und Pieter Webeling ins Deutsche gebracht. Darüber hinaus unterrichtet sie literarisches Übersetzen.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag (15. November 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 528 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453274303
  • Originaltitel ‏ : ‎ Identity

Hilary Mantel: Sprechen lernen

Inhalt

«All diese Erzählungen sind aus Fragen über meine frühen Jahre entstanden, wobei ich nicht sagen kann, dass ich durch das Übertragen meines Lebens ins Fiktionale Rätsel gelöst hätte – aber zumindest habe ich einzelne Teile hin und her geschoben.»

In sieben Kurzgeschichten tauchen wir ein in das Leben der Arbeiterklasse im England in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Es ist die Welt, in der auch Hilary Mantel aufwuchs.

Es ist nicht immer leicht, über die eigene Kindheit zu schreiben, vor allem dann nicht, wenn diese kompliziert und voller Widersprüche ist. Hilary Mantel hat in sieben Kurzgeschichten versucht, die Welt ihrer Kindheit auferstehen zu lassen. In einer Mischung aus Erlebtem, Erinnertem, Gefühltem und Fiktionalem hat sie mit ihrer eindrücklichen Sprache und mit dem ihr eigenen Witz, der dazu dient, die Tragik noch klarer offenzulegen, die Stimmung ihres Aufwachsens einzufangen versucht. Es ist ihr auf eine eindrückliche Weise gelungen.

Gedanken zum Buch

«Ich möchte diese Geschichten nicht autobiografisch, sondern autoskopisch nennen. Aus einer entfernten, erhöhten Perspektive blickt mein schreibendes Ich auf einen auf seine bloße Hülle reduzierten Körper, der darauf wartet, mit Sätzen gefüllt zu werden. Seine Umrisse nähern sich meinen an, aber es gibt einen verhandelbaren Halbschatten.»

Hilary Mantel betont, dass es sich bei den vorliegenden Kurzgeschichten nicht um autobiografische Texte handelt. Die Frage stellt sich, wieso ihr diese Einordnung wichtig ist, scheinen die Texte doch an ihre Autobiografie «Von Geist und Geistern» anzuschliessen, diese zu ergänzen.

„Es war ein kaputter, steriler Ort ohne Bäume, wie ein Durchgangslager, mit der gleichen hoffnungslosen Dauerhaftigkeit, die solche Lager anzunehmen pflegen.“

Sie schildert das Geschehen aus der Perspektive von Kinderaugen auf die Erwachsenen, es ist zugleich der Blick zurück als Erwachsene auf das eigene Kindsein. Es gelingt Hilary Mantel, die Atmosphäre der Welt ihres Aufwachsens plastisch werden zu lassen, fast fühlt man sich beim Lesen mittendrin.

Schonungslos, scharfsichtig und ohne Sentimentalität zeichnet Hilary Mantel das Bild einer Gesellschaft, sie zeigt, wie die Leben der Erwachsenen, die der Kinder prägen und formen. Sie tut das in einer unglaublichen Sprachgewalt, die messerscharf und in passgenauen Bildern arbeitet. Sie zeigt auf, wie ein aufwachsender Mensch sich verändert, um sich vor dem, was um ihn passiert, zu schützen. Sie zeigt auf, wie im Nachhinein Erinnerungen verblassen und erst wieder scharf werden, wenn man sie bewusst hinterfragt.

Leider blieben die einzelnen Protagonisten der Geschichten seltsam blass, quasi auf Distanz. Das könnte dem Umstand geschuldet sein, dass sie doch nur als Stellvertreter für die eigentlich Erlebende dienten und ihnen dadurch zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde beim Schreiben. Dies aber nur eine Spekulation und Anmerkung am Rande.

Fazit
Eine sprachgewaltige Autoskopie, die ein Porträt einer Zeit und einer sozialen Schicht aufzeigt.

Autorin und Übersetzer
HILARY MANTEL, geboren 1952 in Glossop, gestorben 2022 in Exeter, England, war nach dem Jurastudium in London als Sozialarbeiterin tätig. Für ihre Romane ›Wölfe‹ (2010) und ›Falken‹ (2013) wurde sie jeweils mit dem Booker-Preis, dem wichtigsten britischen Literaturpreis, ausgezeichnet. Bei DuMont erschien außerdem u. a. die Autobiografie ›Von Geist und Geistern‹ (2015) und zuletzt der dritte Band der Tudor-Trilogie ›Spiegel und Licht‹ (2020).

WERNER LÖCHER-LAWRENCE geboren 1956, ist als literarischer Agent und Übersetzer tätig. Zu den von ihm übersetzten Autor*innen zählen u. a. John Boyne, Meg Wolitzer, Patricia Duncker, Hisham Matar, Nathan Englander, Nathan Hill und Hilary Mantel.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (15. August 2023)
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3832168162

Jürgen Banscherus: Ein Fall für Kwiatkowski. Die Kaugummiverschwörung

Als Kind las ich gerne Krimis. Ich verschlang fast sämtliche Reihen, die es damals gab: TKKG, Die drei ???, Geheimnis um… und Fünf Freunde. Vor allem die letzten beiden hatten es mir angetan. Da ich Krimis immer noch sehr mag, suchte ich nach einem neuen Lesevergnügen aus diesem Bereich und stiess auf einen sympathischen jungen Detektiv: Kwiatkowski

«Ich bin Kwiatkowski, der Privatdetektiv. Gerade habe ich beschlossen, aufzustehen. Ich werde eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank holen und mir das erste Kaugummi des Tages genehmigen.»

Ohne Milch und seine Lieblingskaugummis (eine andere Marke kommt nicht in die Tüte) geht gar nichts bei Kwiatkowski. Als diese plötzlich regelmässig aus dem nahegelegenen Kiosk gestohlen werden, kann er das nicht auf sich beruhen lassen: Er hat einen neuen Fall.
Dass dabei auch ein nettes Mädchen eine Rolle spielt, erhöht Kwiatkowskis Aufregung noch, als dann auch noch ein alter Feind ins Spiel kommt, ist die Spannung am Höhepunkt. Wie sich das bloss alles auflösen lässt? Aber keine Bange: Ein erprobter Detektiv wie Kwiatkowski wird den Fall knacken!

So manches Kind wird sich wohl nach dieser Lektüre wünschen, es hätte auch eine so entspannte Beziehung zu seiner Mutter, seinen Eltern. Nur schon die Vorstellung, dass das Aufräumen des Zimmers eine Ermessenssache ist und keine ernstgemeinte Aufforderung, welche Befolgung verlangt, wirkt verlockend. 

Eine kurzweilige und unterhaltsame Detektivgeschichte mit einem liebenswerten Helden. Jürgen Banscherus entwirft mit wenigen Worten eine gewiefte Spürnase, mit der sich der Leser auf der Suche nach den Dieben verbündet. Die wunderbaren Illustrationen von Ralf Butschkow runden das Lesevergnügen ab.

Autor und Illustrator
Jürgen Banscherus lebt im Ruhrgebiet und ist seit 1989 freier Schriftsteller. Inzwischen ist er einer der renommiertesten Autoren für Kinder- und Jugendliteratur. Seine Bücher erhielten zahlreiche Auszeichnungen und wurden bisher in 21 Sprachen übersetzt.www.juergen-banscherus.de

Ralf Butschkow studierte an der Hochschule der Künste in Berlin Visuelle Kommunikation. Dann arbeitete er ein paar Jahre in Werbeagenturen und ist heute als Kinderbuchillustrator für verschiedene Verlage tätig. Er lebt in Berlin.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Arena (16. Februar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 96 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3401607238
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 7 Jahren

Michael Wrede, Annabelle von Sperber: …und dann? Wie Kinderbücher Gestalt annehmen

Inhalt

«Kinderbücher sind oft grosse Sehnsuchtsobjekte. Sie leuchten positiv aus der Kindheit bis in die Gegenwart.»

Wer denkt nicht gern zurück an die ersten Bücher seines Lebens? Wie oft ist es doch eine Freude, diese wieder in den Händen zu haben, weil man sie dem eigenen Kind oder Enkel. Vorlesen kann? Eigentlich viel zu schade, so lange zu warten, sind diese Bücher doch kleine Lichtpunkte am Bücherhimmel, bestechend durch die kreativen Geschichten, die bunten Bilder, die Anregungen zum selbst Fantasieren.

«Was es bedeutet, ein Kinderbuch tatsächlich umzusetzen, wird aber oft unterschätzt. Was kinderleicht daherkommt, entspringt einem fundierten Wissen.»

Michael Wrede und Annabelle von Sperber geben in dem vorliegenden Buch Einblicke die Gestaltung von Kinderbüchern. Sie zeigen die verschiedenen Arten von Kinderbüchern und was diese ausmacht, gehen auf Zielgruppen und Vermarktung ein und widmen sich dem kreativen Prozess der Entstehung. Wie entsteht eine Idee und was macht sie zur Geschichte? Wie entwickle ich einen Charakter und wie seine Umwelt. Was brauche ich, um das Ganze umzusetzen und wie wird am Schluss ein Buch daraus. Von den ersten Kritzeleien im Notizbuch bis hin zum fertigen Buch, welches veröffentlicht werden kann, wird der Leser in die Entstehung von Kinderbüchern eingeführt. Im Vordergrund steht in diesem Buch die Illustration, der Text spielt nur am Rand eine Rolle.

Ein Buch nicht nur für Menschen, die selbst ein Kinderbuch realisieren wollen, sondern auch für all die, welche sich für die Prozesse hinter dem Buch interessieren. Zudem machen die aufwendige und liebevolle Gestaltung des Buchs sowie die wunderbaren Illustrationen dieses selbst zu einer Augenweide.

Autoren
Michael Wrede ist selbstständiger Illustrator für Kinder und Jugendbuch, meistens auch Autor seiner eigenen Werke, war nach vielen Jahren der Lehrtätigkeit, u.a. an der BKA-Hamburg, Design Akademie Berlin, 2011 Mitbegründer der Akademie für Illustration und Design in Berlin (AID-Berlin). Zusammen mit Annabelle von Sperber unterrichtet er Kinder- und Jugendbuch. Er ist Initiator des 2017 erstmalig ausgetragenen Kinderbuchwettbewerbs „Buntspecht“.

Annabelle von Sperber ist selbstständige Illustratorin. Ihre Bilder zeichnen sich durch warme Farben, einen feinen Humor und der Liebe zum Detail aus. Bekannt durch zahlreiche Spitzentitel und Serien im Kinder- und Jugendbuch, die in viele Länder verkauft wurden, machte sie sich mit ihren Kunst- und Architektur-Wimmelbüchern international einen Namen. Diese wurden im Prestel Verlag in München, London und New York publiziert. Sie lehrt Illustration zusammen mit Michael Wrede an der Akademie für Illustration und Design in Berlin (AID-Berlin) und ist für den Fachbereich Illustration an der Faber Castell Akademie zuständig.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Hermann Schmidt; 1. Edition (6. Mai 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3874399418

Marc Veerkamp & Jeska Verstegen: Bär ist nicht allein

Inhalt

Der Wald ist still, alle lauschen dem Klavierspiel des Bärs. Immer, wenn er aufhören will, rufen sie nach einer Zugabe, so schön ist sein Spiel. Der Bär ist müde. Er würde gerne irgendwo ausruhen, einfach still für sich sein. Doch wohin er auch geht, hört er hinter sich die lauten Forderungen: Mehr, mehr, Pianobär!» Irgendwann wird dem Bären alles zu viel. Er reisst sein Maul auf und brüllt, dass alle erschrecken. Dann sagt der Bär nichts mehr, er schliesst die Augen und wartet, bis er sich allein glaubt. Als er aufschaut, steht da ein Zebra. Ob man auch zu zweit allein sein kann?

Eine herzerwärmende Geschichte, die wunderschön illustriert ist. Mit Schwarz und Weiss und wenigen roten Akzenten erschafft Jeska Verstegen, eine zauberhafte Waldwelt voller Tiere und mittendrin unseren armen Helden, den Bären.  

Gedanken zum Buch: Vom Alleinsein
Erich Kästner schrieb einst in seinem Gedicht «Kleines Solo»

«Einsam bist du sehr alleine – und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.»

Viele Menschen scheuen sich davor, allein zu sein. Sie suchen die Gesellschaft, fast als wären sie auf der Flucht vor sich selbst. Wer allein ist, dem haftet etwas an: Die Frage «wieso». Landläufig geht man davon aus, dass es Gründe dafür geben muss, dass einer allein ist- Entweder will keiner mit ihm zusammen sein, oder aber er ist zu anspruchsvoll. Vielleicht auch beides. Das führt oft dazu, in unglücklichen Beziehungen zu verbleiben, da die Alternative als noch schlimmer angesehen wird. Und da sind sie dann: Zwei Menschen, die keine gemeinsame Ebene, keine gemeinsamen Träume und keine gemeinsame Sprache mehr haben. Sie fühlen sich unverstanden und einsam.

Das macht den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit deutlich: Während Alleinsein ein (von aussen) fassbarer Zustand ist, haben wir es bei der Einsamkeit mit einem Gefühl zu tun. Sie ist das, was tief drin aufkommt und sich über alles ausbreitet, wenn man sich in seinem Sein unverstanden und ungehört fühlt. Sie tritt auf, wenn man sich mit dem, was man ist und braucht, emotional allein fühlt.

In solchen Momenten zieht es einen förmlich weg von all denen, die einen miss- oder gering achten oder gar völlig übersehen. Die vielen Menschen, zu denen man nicht zu passen scheint, die einen mit den eigenen Bedürfnissen nicht wahrnehmen, helfen nicht gegen das Gefühl der Einsamkeit, im Gegenteil, sie verstärken es noch. Wie viel besser, so denkt man dann, wäre es, ganz allein zu sein. Zumindest wäre dann keiner da, welcher einen übersehen könnte. Aber: Wäre es nicht schöner, (einen) Menschen an seiner Seite zu haben, von dem man sich verstanden fühlt?

Text, Illustration und Übersetzung
Marc Veerkamp, 1971 in Alkmaar geboren, wusste schon als kleiner Junge, dass er Schriftsteller werden wollte. Er begann als Journalist und spezialisierte sich auf pädagogische Themen. Im Lauf seiner Karriere verlagerte er seinen Schwerpunkt auf die Belletristik. Heute arbeitet Marc Veerkamp hauptsächlich für Film, Fernsehen und Theater – und schreibt nebenher Bücher. Bär ist nicht allein ist das erste gemeinsame Bilderbuch mit der Illustratorin Jeska Verstegen. Während er die richtigen Worte fand, hat sie kongeniale Bilder dafür geschaffen.

Jeska Verstegen wurde 1972 in Delft geboren. Als sie klein war, liebte sie nichts mehr, als zu zeichnen, zu fantasieren und sich in ihrer eigenen Traumwelt zu verlieren. Verstegen machte eine Ausbildung zur Webzeichnerin und illustriert seit 1990 Kinderbücher. Neben ihrer zeichnerischen Arbeit schreibt sie auch.jeskaverstegen.nl | @jeska_verstegen

Rolf Erdorf, geboren 1956, studierte Romanistik, Germanistik und Niederländische Philologie und arbeitete im Anschluss einige Jahre als freier Journalist für den niederländischen Rundfunk. Seit 1989 ist er hauptberuflich niederländisch-deutscher Übersetzer mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur sowie Kunst- und Kulturgeschichte. Für seine Übersetzungen aus der niederländischen Kinder- und Jugendliteratur erhielt er mehrere Preise, darunter den renommierten niederländischen Martinus Nijhoff Prijs sowie den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Gustav-Heinemann-Friedenspreis.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber‏: ‎ Freies Geistesleben; 1. Edition (23. August 2023)
  • Sprache‏: ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe‏: ‎ 32 Seiten
  • ISBN-13‏: ‎ 978-3772528019
  • Lesealter‏: ‎ Ab 5 Jahren

Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter

Inhalt
Ronja, die Tochter des grossen Räuberhäuptlings Mattis, kann sich nichts Schöneres vorstellen, als im Wald herumzutoben. Sie kennt die Gefahren und stellt sich ihnen mutig entgegen. Eines Tages trifft sie auf Birk, den Sohn der gegnerischen Räuberbande. Das Verbot, einander sehen zu dürfen, wollen die beiden Räuberkinder nicht hinnehmen. Gemeinsam brechen sie in ein eigenes Leben auf. Damit stellen sie nicht nur ihr eigenes Leben auf den Kopf, sondern auch das der beiden Räuberbanden. Und: So ein Leben allein in der Wildnis ist gar nicht so einfach.

Gedanken zum Buch

„Ronja Räubertochter“ ist die wundervolle Geschichte über ein kleines Mädchen, das sich den Gefahren und dem Ernst des Lebens mit Mut und Zuversicht stellt. Es ist eine Geschichte über die Kraft der Liebe:

«Und obwohl keiner von beiden auch nur ein Wort verstehen konnte, sprachen sie miteinander. Über Dinge, die gesagt werden mussten, ehe es zu spät war. Darüber, wie gut es war, jemanden so zu lieben, dass man selbst das Schwerste nicht zu fürchten brauchte.»

Wie oft lebt man mit seinen Liebsten und verpasst, ihnen zu sagen, dass sie genau das sind? Selbst wenn man es voneinander weiss, stossen die Worte immer auf ein offenes Ohr und ein offenes Herz. Ronja und Birk realisieren ihr Versäumnis, als sie um ihr Leben kämpfen. Im letzten Moment können sie sich noch mitteilen, was sie einander bedeuten. Und wer weiss: Vielleicht hat genau das nochmals mehr Kraft gegeben, die Gefahr zu meistern.

Es ist aber auch eine Geschichte über Grossmut und Verzeihen:

«Weisst du, woran ich denke? Ich denke daran, wie leicht man alles ganz unnötig zerstören kann.»… «Und weisst du, woran ich denke? Ich denke daran, dass du mehr wert bist als tausend Messer.»

Wie bei allen Menschen kommt es auch bei Ronja und Birk zu Streit. Als zwei wilde und stolze Räuberkinder lassen sie sich ungern die Butter vom Brot nehmen und bestehen trotzig auf ihrem je eigenen Standpunkt. Zum Glück sehen sie bald ein, dass das blöd ist und nichts mehr zählt als der Mensch, der einem eigentlich das Wichtigste ist.

Und nicht zuletzt ist es eine Geschichte, die zeigt, dass Leid nur halb so schwer wiegt, wenn man es mit einem lieben Menschen teilen:

«Lange sassen sie dort und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer, und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.»

«Ronja Räubertochter» zeigt, was Familie, Zusammenhalt und Freundschaft bedeuten. Astrid Lindgren hat hier ein Buch geschrieben, das zu Herzen geht und einen mit einem warmen Gefühl zurücklässt. Ronja selbst lässt einen nicht so schnell los, der Gedanke an dieses wunderbare Mädchen zaubert immer wieder neu ein Lächeln aufs Gesicht.

Fazit
Ein wunderbares, warmherziges und zum Nachdenken und Mitfühlen anregendes Buch für kleine und grosse Leser.

Text, Illustration und Übersetzung
Astrid Lindgren (1907 – 2002) hat so unvergessliche Figuren wie Pippi Langstrumpf oder Michel aus Lönneberga geschaffen. Sie wurde u.a. mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Anna-Liese Kornitzky (*1909; †2000) war eine deutsche Übersetzerin schwedisch- und englischsprachiger Literatur. Sie wurde vor allem durch ihre Übersetzungen von 20 Astrid-Lindgren-Büchern bekannt.

Peter Bergting, geboren 1970, ist Autor und Illustrator. Er ist Mitglied der Schwedischen Kinderbuchakademie und lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in der Nähe von Stockholm.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber‏: ‎ Oetinger; 1. Edition (11. September 2023)
  • Sprache‏: ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe‏: ‎ 240 Seiten
  • ISBN-13‏: ‎ 978-3751204460
  • Lesealter‏: ‎ 9–11 Jahre

Lesemonat November

Was für ein trüber Monat das war. Konnte ich das Grau in Grau der Welt anfangs noch leichtnehmen, schlug es mir mehr und mehr auf die Seele. Ich merke, wie es mich runterzieht, ich immer mehr kämpfen muss, um etwas Leichtigkeit im Alltag zu spüren. Dinge gehen mir näher, belasten mich mehr. Ich dachte, dieses Jahr verschont er mich, der Winterblues, doch er zeigt sich unerbittlich.

Ich habe diesen Monat eine Weile wenig gelesen, mit vielen Büchern (wie mit dem Winter) gekämpft. Dann kam wieder mehr Lesefreude auf, ich hoffe, ich kann sie in den Dezember mitnehmen. Das Genre wird sich mehrheitlich ändern, ich habe mich wieder Krimis zugewandt und tauche immer mal wieder mit Freude in Kinderbücher ein. Ich freue mich, wenn ihr mich auch auf dieser Lesereise weiterbegleitet. Nun aber erst mal zu meinen Novemberbüchern:

Ich bin mit Homeira Qaderi nach Afghanistan gereist und blieb erschüttert zurück nach dieser Lektüre, die mir die Augen öffnete über Zustände, die ich zwar geahnt, aber nie in dem Ausmass gekannt habe. Ich bin mit Lizzie Doron in die Welt von Rivi eingetaucht, habe Paul Austers Baumgartner beim Weiterleben nach dem Tod seiner Frau beigewohnt. Ich las, wie man auch nach einer schwierigen Kindheit die Möglichkeit hat, sein Leben in die Hand zu nehmen (Levithan/Niven) und schwelgte mit Ronja im Leseglück (was für eine wunder-wunder-wundervolle Geschichte). Mit Kwiatowski fing ich den Kaugummidieb und fuhr mit dem Zug nach Malma, um eine Familiengeschichte zu ergründen. Mit Milo habe ich das Zimmer aufgeräumt und daneben gelesen, wie man solche wunderbaren Bücher macht.

Hier die vollständige Liste:

Natalie Goldberg: Schreiben in Cafés. Kreatives SchreibtrainingEin Buch für alle, die schreiben wollen. Es geht mehr darum, ins Schreiben zu kommen, als eine technische Anleitung. Es ist ein motivierendes, persönliches, inspirierendes Buch mit vielen kleinen Tipps, die dazu führen, loszuschreiben, denn: Das wichtigste, um schreiben zu lernen, ist schreiben. – Eine Relektüre. Das erste Mal hat es mich mehr überzeugt, nun fand ich vieles zu esoterisch und «geplaudert». Trotzdem lesenswert.4
Homeira Qaderi: Dich zu verlieren oder michHomeira wächst in Herat, Afghanistan auf. Als Mädchen in einem rückständigen, konservativen, Frauen diskriminierenden Patriarchat lernt sie schnell, dass sie als Mädchen keine Rechte hat, dass sie als Mädchen nicht zählt. Als die Taliban ihr auch noch das Liebste nehmen, die Bücher und die Möglichkeit, zur Schule zu gehen, zeigt sich endgültig ihr Kampfgeist. Sie will sich diesem System nicht unterordnen. Dieser Widerstand führt zu einigen gefährlichen Situationen für sie und ihre Familie. Schlussendlich kann sie sich nicht mehr widersetzen, das Leben der ganzen Familie steht auf dem Spiel. Homeira wird verheiratet. Kurz scheint doch alles einen guten Lauf zu nehmen, doch dann wird alles noch schlimmer.4
Terézia Mora: Muna – abgebrochenDie Geschichte klang vielversprechend, eigentlich war der Anfang auch interessant, aber die endlosen Beschreibungen von Abschmink-, Massage- und anderen Programmen, zusammen mit anderen eher langweiligen Ausführungen haben mich gleich verloren. 
Jesse Falzoi: Creative Writing. Texte und Bücher schreiben16 Lektionen hin zum Schreiben eines Textes oder gar eines Buches. Es geht über die Entwicklung eines Plots über die des Protagonisten bis hin zum stimmigen Aufbau, alles mit Übungen zur praktischen Umsetzung sowie Ideen, wie man ins Schreiben kommt. 4
Lizzie Doron: Nur nicht zu den LöwenRivis Haus, in dem sie ihr Leben lang wohnte, wird abgerissen, sie muss raus. Sie fängt an zu schreiben. Sie schreibt Briefe an Menschen, die ihr Unrecht taten, schreibt über ihre Erinnerungen, ihre Herkunft, ihr Leiden, ihre Einsamkeit. Und sie kämpft. Gegen den Abbruch, dagegen, Opfer zu sein. Und immer liegt über allem die Möglichkeit, dass alles viel schöner war, als sie sich erinnert, und vielleicht kommt es auch schöner, als sie befürchtet.
Nach anfänglichem Kampf und Fast-Abbruch nahm das Buch Fahrt auf und zog mich in seinen Bann. 
4
Paul Auster: BaumgartnerFast zehn Jahre ist es her, dass Baumgartners Frau Anna gestorben ist. Zehn Jahre, in denen er scheinbar wie früher weiterlebte, und doch war nichts mehr wie früher. Baumgartner stürzt sich in die Arbeit, in immer neue Buchprojekte. Er liest alte Dokumente von Anna, erinnert sich an sie, ihre gemeinsame Geschichte, an das Leben, als es noch seines war. Eines Tages träumt er von Anna. Fast scheint ihm, der Traum wäre Wirklichkeit. Nach diesem Traum ist alles anders. Nun fühlt er sich frei, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. 4
David Levithan, Jennifer Niven: Nimm mich mit dir, wenn du gehstBea und Ezra wachsen bei ihrer Mutter und dem gewalttätigen Stiefvater Darren auf. Gewalt und Abwertungen sind an der Tagesordnung. Eines Tages ist Bea verschwunden. Keiner weiss wohin. Bis sie via Mail mit Ezra Kontakt aufnimmt. Im Mailaustausch kommen mehr und mehr die Schrecken des Aufwachsens zur Sprache, das Schreiben dient dem Erinnern, der Erkenntnis, dem Herausfinden, wer Bea und Ezra sind und was sie vom Leben erwarten (können und wollen). Und über allem steht immer die Frage: Wie geht es nun weiter? Wohin führt der Weg in Freiheit?4
Astrid Lindgren: Ronja RäubertochterRonja, die Tochter des grossen Räuberhäuptlings Mattis, kann sich nichts schöneres vorstellen, als im Wald herumzutoben. Sie kennt die Gefahren und stellt sich ihnen mutig entgegen. Eines Tages trifft sie auf Birk, den Sohn der gegenerischen Räuberbande. Das Verbot, einander sehen zu dürfen, wollen die beiden Räuberkinder nicht hinnehmen. Gemeinsam brechen sie in ein eigenes Leben auf. Damit stellen sie nicht nur ihr eigenes Leben auf den Kopf, sondern auch das der beiden Räuberbanden. Und: So ein Leben allein in der Wildnis ist gar nicht so einfach. 5
Kathleen Glasgow: How to make friends with the dark – abgebrochenTiger wächst bei ihrer Mutter auf. Obwohl die finanziellen Verhältnisse prekär sind, kommen sie immer klar, sie sind ein eingeschworenes Team. Als Tiger in einer Schublade versteckt Mahnungen findet, wird sie unsicher. Zudem ärgert sie sich immer mehr über deren Kontrollwahn, bis es zu einem Streit kommt. Und dann ist die Mutter tot. Tiger fühlt sich allein in dieser Welt.
Die Sprache zog mich nicht ins Buch, zudem ist es zu episch, zu langatmig, und müsste verdichtet werden. 
Michael Wrede, Annabelle von Sperber: …und dann? Wie Kinderbücher Gestalt annehmenWie entsteht eigentlich ein Kinderbuch? Welche Arten gibt es, was zeichnet sie aus? Wie sieht der Schreib- und Gestaltungsprozess aus und wie wird aus einer Geschichte schlussendlich ein Buch? Diese und weitere Fragen werden in diesem wunderschön gestalteten Buch behandelt. 5
Jürgen Banscherus: Ein Fall für Kwiatkowski. Die KaugummiverschwörungOhne Milch und seine Lieblingskaugummis geht gar nichts bei Kwiatkoski. Als diese plötzlich regelmässig aus dem nahegelegenen Kiosk gestohlen werden, kann er das nicht auf sich beruhen lassen: Er hat einen neuen Fall.
Kurzweilig, witzig und liebenswert.
5
Alex Schulman: Endstation Malma (r)Ein Mädchen fährt mit seinem Papa im Zug nach Malma. Ebenso tut es ein Ehepaar, welches Glück nur noch im Präteritum kennt, und eine junge Frau, die Antworten auf ihre Fragen sucht. *Endstation Malma», das sind drei Geschichten, die sich wie drei Stränge zu einem Zopf verbinden. Dreimal fahren wir als Leser mit den Protagonisten nach Malma, dreimal werden Zeugen von Beziehungen, ihren Tiefen und Abgründen und ihren Dynamiken. Wir nehmen Teil am Leben einzelner Menschen und machen uns mit ihnen auf die Suche nach den Antworten auf ihre brennenden Lebens-Fragen.4
Ole & Paul: UnfairMilo muss sein Zimmer aufräumen und er findet das unfair. Er steigert sich förmlich in dieses Gefühl hinein. Ein Spielzeugritter will ihn mit Tadel und guten Argumenten belehren und zur Vernunft bringen. Damit kommt er bei Milo nicht weit. Da mischt sich das Schlaf-Schaf ein. Es zeigt Milo, dass jeder einen anderen Blick auf die Welt hat und jeder seine eigenen Schwierigkeiten mit sich trägt. Es ist manchmal gar nicht einfach, zu sagen, was fair und was unfair ist. Und gibt es schlussendlich nicht etwas, das über allem steht und viel wichtiger ist?4

Wecke den Esel in dir!

Da sitzt du nun und schaust den mit grossen Augen an, der dir das sagte. Du bist betroffen, betrübt, willst dich erklären, rechtfertigen, verteidigen. Es bringt alles nichts. Wieso nicht einfach antworten:

«Stimmt. Ich mag Esel.»

Schlussendlich sind wir nicht auf der Welt, um so zu sein, wie der andere uns gerne haben möchte. Zudem lebt es sich ganz wunderbar mit all den persönlichen Eigenheiten und Merkwürdigkeiten. Es wird uns nur zu oft weisgemacht, wir dürften diese nicht haben, sondern müssten uns anpassen, müssten irgendeiner Norm entsprechen. Und wir glauben es schlicht zu oft. Wieso eigentlich?

„Sei der Esel, der du schon immer sein wolltest.“

So oder so ähnlich könnte das neue Lebensmotto lauten.

Habt einen schönen Tag! 💕

Ole & Paul: Unfair

«Uuun-fair!!!!» schallt es durchs Kinderzimmer. «Mama darf ins Kino! Papa darf fernsehen! Ella schläft! Nur ich soll aufräumen – das ist sowas von unfair!!!!»

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, das sagt: «Alle anderen haben es viel besser als ich, nur ich muss…» oder «…nur ich darf nicht.»

So geht es Milo, der sein Zimmer aufräumen muss und denkt, dass die anderen seiner Familie es besser haben. Er steigert sich förmlich in dieses Gefühl hinein: die Wut steigt, das Leben erscheint ihm unfair. Ein Spielzeugritter will ihn mit Tadel und guten Argumenten belehren und zur Vernunft bringen. Damit kommt er bei Milo nicht weit. Da mischt sich das Schlaf-Schaf ein. Es zeigt Milo, dass jeder einen anderen Blick auf die Welt hat und jeder seine eigenen Schwierigkeiten mit sich trägt. Es ist manchmal gar nicht einfach, zu sagen, was fair und was unfair ist. Und gibt es schlussendlich nicht etwas, das über allem steht und viel wichtiger ist?

Ein wunderbares Buch darüber, dass es wichtig ist, verschiedene Standpunkte einzunehmen. Die Geschichte von Milo erinnert uns, dass wir immer nur einen Teil sehen und das oft nicht reicht, um wirklich ein Urteil zu bilden. Wenn Milo sein Zimmer aufräumen muss, bedeutet das auch, dass er eines hat und dass in diesem Zimmer viele Spielsachen liegen. Wäre das nicht eher ein Grund, dankbar zu sein als wütend?

Dieses wunderbare Buch entführt den Betrachter – egal, ob gross oder klein – mit einer warmherzigen Geschichte und fröhlichen, bunten Illustrationen an einen Ort, an dem wir alle schon mal waren: Den des Vorurteils. Es zeigt, ohne belehrend zu wirken, dass die Dinge ganz anders sein können, als wir vorschnell denken. Es zeigt, wie wichtig es ist, unseren Standpunkt zu verlassen und das Leben auch von einer anderen Seite zu betrachten. Nicht zuletzt ist es ein Hinweis darauf, dass über allem immer etwas stehen sollte, das grösser ist: die Liebe. Mit ihrer Hilfe lassen sich viele Situationen besser bewältigen.

Fazit
Eine liebenswürdige, kindgerechte, zum Nachdenken anregende Geschichte mit wunderbar bunten Illustrationen für kleine und grosse Menschen. Das Buch eignet sich sowohl zum Vorlesen als auch als Erst-Lesebuch.

Wer hat’s gemacht?
Ole Puls, Executive Creative Director der Düsseldorfer Agentur komm.passion, schreibt täglich Storylines für große Marken. Manchmal kleine Geschichten für seinen sechsjährigen Sohn. Und beides mit der gleichen Freude an besonderen Erzählperspektiven.

Paul Trakies ist als freiberuflicher Illustrator für die Werbe- und Architekturbranche tätig, hat sich aber irgendwann eingebildet auch Kinderbücher zu illustrieren. Er lebt mit seiner Familie in Freising bei München.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Herder; 1. Edition (30. Januar 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 32 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3451716782
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 4 Jahren

Alex Schulman: Endstation Malma

Inhalt

«Diese legendäre Zugfahrt! Erzähl noch mal, wie das war! Sie haben die Geschichte so oft wiederholt, voreinander wie auch vor anderen. Einmal hat sie gesagt, sie wisse allmählich selbst nicht mehr, was daran stimme und was nicht, Oskar dagegen erinnert sich an alles.»

Ein Mädchen fährt mit seinem Papa im Zug nach Malma. Ebenso tut es ein Ehepaar, welches Glück nur noch im Präteritum kennt, und eine junge Frau, die Antworten auf ihre Fragen sucht. *Endstation Malma», das sind drei Geschichten, die sich wie drei Stränge zu einem Zopf verbinden. Dreimal fahren wir als Leser mit den Protagonisten nach Malma, dreimal werden Zeugen von Beziehungen, ihren Tiefen und Abgründen und ihren Dynamiken. Wir nehmen Teil am Leben einzelner Menschen und machen uns mit ihnen auf die Suche nach den Antworten auf ihre brennenden Lebens-Fragen.

Gedanken zum Buch

«Harriet sucht nach Anzeichen von Verärgerung in seinem Blick oder in seinen Bewegungen. Heute achtet sie besonders darauf, denn dass sie diese Reise unternehmen, liegt an ihr, sie fühlt sich deshalb in ihrer Schuld. Nur ihretwegen steht Papa jetzt dort, sie trägt die Verantwortung dafür…»

Nach der Trennung der Eltern bleibt Harriet bei ihrem Vater, ihre Schwester geht mit ihrer Mutter fort. Harriet weiss, dass ihr Vater auch lieber ihre Schwester bei sich gehabt hätte, sie hörte es bei einem Streit der Eltern. Harriet hat Mitleid mit ihrem Vater, weil er sich mit ihr abfinden musste, und sie versucht fortan, ihm alles recht zu machen. Sie fühlt sich verantwortlich für seinen Schmerz, seine Probleme, und auch dafür, wenn die Welt für ihn nicht rund läuft.

«Da haben wir sie, in all ihrer Pracht, die grossartige Geschichte, wie sie sich kennenlernten. Immer haben sie sie als etwas durch und durch Romantisches erzählt. Doch jetzt, angesichts der Ereignisse am Abend zuvor, fällt Oskar plötzlich auf, dass ihre Geschichte genauso begonnen, wie sie geendet hat: mit einer Lüge.»

Max Frisch sagte einst, wir erzählen uns Geschichten, die wir dann für unser Leben halten. So geht es auch unserem Paar in dieser Erzählung. Sie lebten ein (gemeinsames) Leben und haben verschiedene Versionen von Geschichten. In glücklichen Zeiten waren es romantische, jetzt, im Angesicht der Krise, sind es ernüchternde. Die Frage ist schlussendlich: Welches ist  die richtige Geschichte? Gibt es überhaupt diese eine richtige Geschichte oder erzählen wir Geschichten je nach Stimmungslage und Situation anders? Sind vielleicht alle Versionen richtig, weil sich ein Leben nur durch einen Kontext erfahren lässt, welcher der Geschichte und dem Leben eine Form und einen Sinn gibt? Was passiert, wenn wir uns unsere Geschichten bewusst anders erzählen, als sie sich aktuell richtig anfühlen?

«Sie dachte wieder an ihre Mutter. Seit Jahren hatte sie keinen Gedanken an sie verschwindet. An dem Tag, an dem sie vor zwanzig Jahren aus ihrem Leben getreten war, hatte sie beschlossen, sie auszuradieren… Doch jetzt erschien sie ihr plötzlich in neuen Erinnerungsbildern, die ihr keine Ruhe liessen.»

Wir neigen oft dazu, unliebsame Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu streichen. Wir verdrängen das Schmerzhafte, lassen nur dem Schönen Platz, um das Schwere aus der Vergangenheit nicht in die Gegenwart tragen zu müssen. Meist gelingt das nur vordergründig. Tief drin wirkt die Vergangenheit weiter, sie setzt sich fest, treibt ihr Unwesen im Unbewussten und bricht irgendwann wieder hervor. Nicht selten dann mit einer Gewalt, die vieles durcheinander wirbelt.

«Nur ein einziges Mal im Leben geschieht es, dass man einen Blick auf sich selbst erhascht. Und dies, und nur dies, wird entweder zum glücklichsten oder zum schrecklichsten Moment des eigenen Lebens.»

Drei Lebensgeschichten, eine Zugfahrt. Dass die drei Erzählstränge zusammenhängen, ist von Anfang an offensichtlich. Das tut der Spannung keinen Abbruch, da jede Geschichte viele offene Fragen mit sich bringt: Was haben die Protagonisten erlebt, wie wurden sie, wer sie sind, und wie hat die eine Geschichte die andere geprägt. Im Zentrum steht immer die Grundfrage, wie Verhaltensweisen, Muster und Eigenschaften in Familien weitervererbt werden. Für die Antworten dieser Fragen gilt: Einsteigen, Platz nehmen, lesen.

Das Buch scheint in seinem Erzählfluss das Thema aufzugreifen. Wie eine Dampflokomotive fährt die Geschichte schnaubend, etwas zäh an, nimmt dann mehr und mehr Fahrt auf, um schlussendlich mit Volldampf aufs Ende zuzusteuern.

Fazit

Ein tiefgründiger, vielschichtiger Roman darüber, wie Familien und Beziehungen prägen. Bewegend, warmherzig, zum Nachdenken anregend.

Bücher zum Vorlesen – für Kleine und Grosse

Ich liebe Kinderbücher. Ich liebe die Illustrationen und die bildhaften, kreativen, verdichteten Texte, die zum Weiterdenken anregen. Auf wenigen Seiten entwickeln sich neue Welten, in die man eintauchen kann. Es sind Welten voller Phantasie und Schönheit. Es sind bunte Welten, die ab und zu dem Grau der Welt um uns ein Gegengewicht geben. Schön ist an diesen Büchern auch, dass man sie vorlesen kann (oder noch besser: vorgelesen bekommt).

Ich erinnere mich nicht an viele Momente, in denen mir vorgelesen wurde (drum lernte ich wohl sehr früh, selbst zu lesen). Ab und zu aber, wenn ich krank war als Kind, passierte es. Meine Muter las aus Grimms Märchen vor und ich wollte immer wieder die gleiche Geschichte hören: „Der eiserne Heinrich“. Der Schluss hatte es mir angetan: „Heinrich, ich glaub, der Wagen bricht“. Doch es war der Wagen nicht, es waren die Ketten um das Herz des treuen Dieners, der nun froh war, seinen Herrn wieder zu haben. Keine Geschichte beschreibt in meinen Augen Liebe, Treue und Freundschaft schöner als dieses Märchen.

Weil es so viele wunderbare Märchen- und Geschichtwelten gibt, möchte ich mich hier ab und zu auch diesen widmen. Ich bin überzeugt, dass Kinderbücher für Kinder wichtig und wertvoll sind. Und ich bin überzeugt, dass sie es auch für uns Erwachsenen sind. Heute hier von mir vier Bücher zum Vor- oder selbst Lesen:

Anka Schwelgin: Ich habe einen Traum, sagte die kleine Waldmaus (Oetinger Verlag)
Eine kleine Maus will mit Eicheln neue Bäume pflanzen. Da solche grossen Projekte allein schwer sind, sucht sie Helfer. Gemeinsam geht vieles besser.

Erich Kästner: Die Schildbürger (Atrium Verlag)
Es gibt Dinge, die gibt es nicht, denkt man. Falsch gedacht! In Schilda ist vieles möglich, da entstehen Häuser ohne Fenster und Krebse kommen vor Gericht. Doch was auch passiert, die Schildbürger wissen sich zu helfen und machen nicht selten aus der Not eine Tugend.

Christian Morgenstern für Grosse und Kleine. Gedichte (dtv)
Ein Seufzer fährt Schlittschuh, Maulwürfe küssen sich, ein Huhn steht in der Bahnhofshalle. Dies und viel mehr bringt Christian Morgenstern in humorvollen Versen zu Papier, die Zeichnungen dazu von Reinhard Michl sind schlicht wundervoll.

Charles Dickens: Eine Weihnachtsgeschichte, neu erzählt von Bettina Obrecht (Penguin Randomhouse)
Der Weihnachtsklassiker neu erzählt. Die Geschichte eines Geizhalses, der sein Herz findet und sein Leben ändert. Immer wieder herzerwärmend.

Welches Buch wurde euch als Kind vorgelesen?

David Levithan, Jennifer Niven: Nimm mich mit dir, wenn du gehst

Inhalt

«Vielleicht hatte ich einfach genug davon, immer alle zu enttäuschen. Hatte die Nase voll davon, dass jeder von mir zu erwarten schien, ich würde eines Tages genau das tun, was ich jetzt getan habe – einfach verschwinden. »

Bea und Ezra wachsen bei ihrer Mutter und dem gewalttätigen Stiefvater Darren auf. Gewalt und Abwertungen sind an der Tagesordnung. Eines Tages ist Bea verschwunden. Keiner weiss wohin. Bis sie via Mail mit Ezra Kontakt aufnimmt. Im Mailaustausch kommen mehr und mehr die Schrecken des Aufwachsens zur Sprache, das Schreiben dient dem Erinnern, der Erkenntnis, dem Herausfinden, wer Bea und Ezra sind und was sie vom Leben erwarten (können und wollen). Und über allem steht immer die Frage: Wie geht es nun weiter? Wohin führt der Weg in Freiheit?

Gedanken zum Buch

««Ist bei euch zu Hause irgendetwas vorgefallen? Gibt es Probleme?»

Da verliess mich meine Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit. Ich konnte ja schlecht antworten: Bei uns zu Hause gibt es immer Probleme. Das wäre ja wie eine Einladung gewesen, bei mir noch weiter nachzuhaken. Und dann hätte ich noch mehr Probleme bekommen.»

Kinder, die zu Hause Gewalt erleben oder in prekären Verhältnissen aufwachsen, schämen sich oft dafür. Die Täter müssen ihnen oft nicht mal einbläuen, nach aussen den Schein zu wahren, die Scham und oft auch Schuldgefühle, selbst der Grund für diese Zustände zu sein, hindern sie am Reden. Und dann ist da noch die Angst: Angst, es könnte noch schlimmer werden, wenn jemand von all dem erfährt. Angst, dass die Gewalt sich potenziert und sich noch mehr auf ihnen entlädt. Diese Angst kann nur weniger werden, wenn sie lernen, zu vertrauen. Wenn sie merken, dass es Menschen gibt, die nichts Böses wollen, die da sind, die gut sind. Dabei ist Gewalt nie nie nur äusserlich, sie dringt tief in die Kinderseele ein und richtet da viel Unheil an. 

«Im Hinterkopf habe ich immer diesen fetten, nagenden Zweifel, der mir zuruft: Das schaffst du nicht. Du wirst scheitern. Du wirst immer bei allem scheitern, egal, was du tust, denn so ist es mit dir, das bist du, du bist eine Versagerin, eine Loserin, ein Nichts.»

Wenn ein Kind oft und lange hört, was es alles falsch macht, dass es zu nichts taugt, dass es nichts wert ist, brennt sich das ein. Die realen Stimmen mögen aus dem Leben verschwunden sein, doch sie wirken tief drin weiter. Sie setzen sich in Glaubenssätzen fest, die immer wieder auftauchen, die sagen: «Du bist nicht genug, du schaffst das nicht.“

«Wenn du daran gewohnt bist, dass alle Menschen mies mit dir umgehen, fällt es dir schwer, damit klarzukommen, wenn jemand einfach nur nett zu dir ist. Deine instinktive Reaktion ist dann, alles kaputtzumachen. Davonzurennen.»

Vertrauen bildet sich in der Kindheit. Das Aufwachsen in einem liebevollen Umfeld hilft dabei, einerseits Selbstvertrauen aufzubauen, andererseits auch auf andere Menschen zu vertrauen. Fehlt beides, steht man oft auf unsicherem Boden. Man zweifelt an sich und der Welt, kann kaum glauben, dass jemand einen liebt, dass jemand bei einem bleibt. Der möglichen Enttäuschung kommt man gerne zuvor, indem man selbst aus Beziehungen und Situationen flieht, bevor man gehen muss, weil der andere einen wegstösst.

Mit all dem hat vor allem Bea zu kämpfen, aber auch Ezra ist betroffen. Wir begleiten die beiden Jugendlichen auf ihrem Weg in ein eigenes Leben, das frei ist von all der Gewalt und seelischen Grausamkeit ihres Aufwachsens. Wir begleiten zwei junge Menschen dabei, herauszufinden, dass es möglich ist, auszubrechen und das eigene Leben in die Hand zu nehmen.  

Fazit
Ein packendes Buch zu einem wichtigen (und schwerwiegenden) Thema, das gerade bei Betroffenen viel auslösen kann. Darum: Eine Triggerwarnung ans Ende des Buchs zu stellen, ist etwa gleich sinnvoll wie ein Regenschirm, der einen zu Hause erwartet nach einem Spaziergang im strömenden Regen. Aber auch ein Buch, das Mut macht, das Hoffnung gibt, weil es Wege aufzeigt, weil es zeigt, dass viel möglich ist. Trotzdem.

(Jugendbuch, ab 14 Jahren)

Paul Auster: Baumgartner

Inhalt

«Sie fehlt mir, das ist alles. Sie war die Einzige auf der Welt, die ich jemals geliebt habe, und jetzt muss ich herausfinden, wie ich ohne sie weiterleben kann.»

Fast zehn Jahre ist es her, dass Baumgartners Frau Anna gestorben ist. Zehn Jahre, in denen er scheinbar wie früher weiterlebte, und doch nichts wie früher war. Baumgartner hält nur den Schein aufrecht, er stürzt sich in die Arbeit, in immer neue Buchprojekte. Anna war Dichterin und Übersetzerin. Eines Tages geht er in ihr Arbeitszimmer, das bis heute aussieht, wie sie es verliess. Er findet ihre Manuskripte, liest sie. Er erinnert sich an Anna, an ihre gemeinsame Geschichte, an das Leben, als es noch seines war. Das Leben gibt es nicht mehr, ein neues stellt sich nicht ein. Bis er eines Tages von Anna träumt. Nach diesem Traum ist alles anders. Nun fühlt er sich frei, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. Wohin es ihn wohl führen wird?

Gedanken zum Buch

«…Zeit ist jetzt das Wesentliche, und wie soll er wissen, wie viel ihm noch bleibt. Nicht nur, wie viele Jahre, bis er ins Gras beisst, sondern wichtiger, wie viele Jahre tätigen, produktiven Lebens, bevor sein Geist oder sein Körper oder beide ihn im Stich lassen und er zu einem schmerzgepeinigten, verblödeten Trottel wird, der nicht mehr lesen und schreiben kann, der vergisst, was vor vier Sekunden jemand zu ihm gesagt hat, und schlicht keinen mehr hochkriegt, ein Horror, an den er gar nicht denken will.»

Professor Seymor T. Baumgartner, so heisst unser Held, ist Pragmatiker. Er geht durchs Leben und sucht nach Lösungen für alles, was ansteht. Wir begleiten den Phänomenologen durch seinen Alltag, folgen ihm bei seinen Erinnerungen durch seine Kindheit, sein Aufwachsen, seine Beziehung mit Anna, und sind schliesslich Zeugen seines Umgangs mit deren Tod. Er ist älter geworden. Er vergisst Dinge, Missgeschicke passieren. All dem begegnet er mit Selbstironie. Er nimmt sich selbst nicht zu ernst. Damit kommt er mit allem gut zurande, nur mit einem nicht: Dem Verlust von Anna.

«Er denkt an Mütter und Väter, die um ihre toten Kinder trauern…, und wie sehr ihr Leid den Folgeerscheinungen einer Amputation gleicht, gehörte doch das fehlende Bein oder der fehlende Arm einmal zu einem lebenden Körper, wie der fehlende Mensch einmal zu einem anderen lebenden Menschen gehörte…»

Nachdem er schon viele philosophische Bücher geschrieben hat, befasst er sich aktuell mit Kierkegaard. Das ist wohl kein Zufall, handelt doch eines von dessen berühmtesten Werken von Krankheit und Tod. Baumgartner versucht, den Verlust seiner geliebten Frau wissenschaftlich zu erfassen, er zieht den Vergleich mit einer Amputation und dem Phantomschmerz, den der Betroffene sein Leben lang fühlt. Das Gefühl, dass ihm eine Hälfte (und wohl im wahrsten Sinne des Wortes die bessere) wegfiel und ihn unvollständig zurückliess, lässt nicht nach.

Knapp zehn Jahre nach Annas Tod träumt er einen Traum, in dem Anna lebt und zu ihm spricht. Obwohl er weiss, dass dies alles nicht Realität ist, hat es auf ihn eine Wirkung: Er ist frei für ein Weiterleben. Musste er sich zuerst all den Erinnerungen stellen, um an den Punkt zu kommen? Brauchen gewisse Dinge einfach ihre Zeit, die für jeden Menschen anders sind?

Fazit
Grossartige Literatur von einem wahren Meister seines Fachs. Das Buch ist still und leise, nie pathetisch, ohne Kitsch und Sentimentalität. Obwohl das Thema traurig ist, Baumgartner eigentlich ein Leidender, besticht das Buch durch eine Leichtigkeit, eine Hoffnung, die zwischen den Zeilen mitschwingt, dass das Leben doch gelebt werden will und soll und es auch wird. Wie nur soll so ein Buch enden? Auch das ist Paul Auster wunderbar gelungen. Ich ziehe meinen Hut!

Hinter dem Horizont…

«Hinter dem Horizont geht’s weiter…»

«Oh schön, Udo Jürgens. Den mochte ich immer.»

«Das ist Udo Lindenberg. Ich singe doch kein Lied von so einem Oma-Lieder-Sänger wie Udo Jürgens. Das hier ist anspruchsvolle Musik.»

«Weisst du eigentlich, dass du manchmal ganz schön kleinkariert bist mit deinem Schubladendenken?»

«Das ist nicht kleinkariert, das ist differenziert. Man kann nicht alles in einen Topf werfen. Musik ist nicht gleich Musik, sondern sie wird in Sparten unterteilt. Gehaltvolle Musik für Leute mit Stil – wie mich, oder eben Schnulzetten für die einfachen Gemüter.»

«Du hast doch keine Ahnung! Da muss ich für Udo Jürgens eintreten: Der singt keine Schnulzetten. Und selbst wenn: Ich mag Schnulzetten.»

«Ach ja, du bist auch ein einfaches Gemüt. Die mögen Anspruchsloses.»

«Apropos einfaches Gemüt: Du magst mich. Das sagt wohl alles.»

«Wir haben doch mehr gemeinsam, als wir dachten.»

«Dass du auch immer das letzte Wort haben musst.»

***

Christine hat mal wieder eine Schreibeinladung verschickt, ich bin ihr gefolgt. Die Geschichte ist das Resultat. Die Regeln:

Drei Begriffe in maximal 300 Wörtern, die Wortspende kommt dieses Mal von Myriade und ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée.

Hoizont
kleinkariert
eintreten.

Lizzie Doron: Nur nicht zu den Löwen

Inhalt

«Ich wollte, dass man versteht, dieser Ort ist nicht nur ein Zuhause, es ist eigentlich ein Museum, oder wenn Sie so wollen, eine Gedenkstätte für alles, was mir im Leben passiert ist. Und noch passieren wird.»

Rivis Haus, in dem sie ihr Leben lang wohnte, wird abgerissen. Sie verliert ihr Zuhause, sie muss raus. Rivi fängt an zu schreiben. Sie schreibt Briefe an Menschen, die ihr Unrecht taten, schreibt über ihre Erinnerungen, ihre Herkunft, ihr Leiden, ihre Einsamkeit. Und sie kämpft. Gegen den Abbruch, dagegen, Opfer zu sein. Doch bei all dem Leiden liegt die Möglichkeit, dass alles viel schöner war, als sie sich erinnert. Und wer weiss, vielleicht wird die Zukunft auch schöner, als sie im Moment befürchtet. 


Gedanken zum Buch

«Ich war ein Mädchen, das die meiste Zeit schwieg, doch tatsächlich wollte ich mein ganzes Leben lang reden, wollte nichts lieber als das. Und jetzt kommt der Tag, und ich rede, oder schreibe vielmehr.»

Rivi hat lange das gemacht, was andere für sie bestimmt haben. Sie liess sich – auf eine manchmal fast erzürnend naive Weise – umherschieben, an der Nase herumführen und hinhalten. Sie spielte das Spiel der Männer mit, die mit ihr ein leichtes hatten. Nun ist der Moment, das zu ändern. Die Aussicht, dass ihr Zuhause abgerissen werden soll, dass sie fremden Bestimmungen weichen muss, weckt ihre Widerstandskräfte, lässt sie endlich ihre Stimme entdecken. Sie will kämpfen. Und sie will aufräumen mit ihrer Vergangenheit und den Menschen, die diese geprägt haben.

«Grosser Gott, wusstest du, dass die Vergangenheit niemals etwas ist, das aus und vorbei ist?»

Auch wenn vergangene Zeiten und was in ihnen geschehen ist, vorbei sind, greifen sie in die Gegenwart hinein. Sie hinterlassen ihre Spuren, prägen das Denken, Fühlen und Handeln. Durch Verdrängen wird man die Vergangenheit nie los, man muss sich ihr stellen. Das will Rivi tun. Sie tut es auf ihre Weise, indem sie Briefe schreibt und den Menschen aus ihrer Vergangenheit ihre Sicht darlegt.

«Diese Idee des Schreibens hat Besitz von mir ergriffen, mein Kopf rast vorwärts, oder besser, rückwärts, und du kennst mich, meine Obsessionen und ich schwenken keine weisse Fahne, ehe die Aufgabe nicht bewältigt ist.»

Einmal angefangen, kann sie nicht mehr aufhören. Immer weitere Gedanken gehen ihr durch den Kopf, immer mehr will sie zu Papier bringen und an die entsprechenden Menschen schicken. Fast scheint es, als ob ein Ventil aufgegangen ist und sich nun alles ergiesst, was vorher angestaut war.

Fazit

Ein Buch in Briefen, Fragmente von Lebenserinnerungen werden zusammengetragen und adressiert. Nach anfänglichem Kampf und Fast-Abbruch nahm das Buch Fahrt auf und zog mich in seinen Bann.