Eine Geschichte: Mädchenkram (XIX)

Fotografiert im Autobau in Romanshorn

Lieber Papa

Kürzlich las ich, dass immer mehr Kinder und Jugendliche ihr Geschlecht ändern wollen, weil sie sich im falschen geboren fühlen. Ich weiss nicht, ob es das gleiche Gefühl ist, das ich auch hatte. Ich wäre lieber ein Junge gewesen. Erinnerst du dich? Du warst alles andere als erfreut darüber. Ich kann meinen Wunsch noch heute verstehen. Damals erschien mir das Leben der Jings spannender. Lebendiger. Die durften mehr. Wild sein. Laut sein. Mit Rennautos spielen. Auf Bäume klettern. Alles, wovon es hiess:

«Du bist doch kein Junge, benimm dich mal, wie es sich für ein Mädchen gehört.»

Aber ich wollte auch laut sein, toben, raufen, klettern. Und ich tat es. Keine Hose war mehr ganz, weil sie alle bei einer Partie über Stacheldraht oder auf die Bäume ihre Blessuren abbekommen haben. Mama musste überall diese Flickflecken draufbügeln.

Am liebsten spielte ich auf dem Spielplatz vor unserem Haus mit einem Jungen. Er hiess Beat. Leider war er nur mein Freund, wenn wir allein waren. Sobald andere Jungs auftauchten, verlor ich diesen Stellenwert. Dann war ich nur noch geduldet. Das tat weh. Ich wäre gerne einer von ihnen gewesen. So ganz. Immerhin durfte ich mitspielen.  Ich strengte mich an, verausgabte mich wohl mehr als die anderen, um nicht «das Mädchen» zu sein. Ich zeigte nie, wenn mir etwas zu wild war oder ich mich verletzt hatte und es schmerzte. Bloss nicht zimperlich tun, sonst würden sie mich verachten.

Du liessest mich gewähren. Es gab keine Strafen, nur Ermahnungen, die aber eher halbherzig. Darüber war ich froh, denn ich weiss nicht, was ich sonst gemacht hätte. Grenzen gab es aber: Einmal wünschte ich mir zu Weihnachten eine Autorennbahn. Das sei was für Jungs. Sagtest du. Ich kriegte sie nicht. Was ich stattdessen bekam, weiss ich nicht mehr. Wäre es die Rennbahn gewesen, wüsste ich es. Noch heute schaue ich diese Rennbahnen sehnsüchtig an. Zu gerne hätte ich mal die Autos um die Kurven rasen lassen.

Es gab noch einen anderen Bereich, in denen es doof war, ein Mädchen zu sein: In der Schule musste ich mich mit Nadeln und Fäden rumschlagen, während die Jungs mit Hammer und Säge werkelten. Was habe ich mich gelangweilt. Die Folge war, dass ich die ganzen Stunden nonstop schwatzte im Unterricht. Die Lehrerin war wenig erfreut. Sie ermahnte mich immer wieder, ich solle still sein. Das habe ich nie verstanden. Beim Stricken spricht es sich prima. Zudem: Wenn ich am Werkraum vorbeikam, hörte ich da immer ein wildes Durcheinander von Reden, Lachen und Schaffen, während bei uns nur klappernde Nadeln erwünscht waren. Nun, ich redete trotz Ermahnungen weiter. Ich flog deswegen so manches Mal vor die Tür (wie auch in anderen Schulstunden). Die Handarbeitslehrerin mochte mich eigentlich. Da hatte ich Glück. Gegen Ende des Semesters forderte sie mich immer auf, doch wenigstens nur zu flüstern. Dann könnte sie mir zumindest ein «Gut» im Betragen ins Zeugnis schreiben. Einmal wurde es dann doch «Ungenügend». Ich erinnere mich, wie du dich aufgeregt hast. Für dich war das schlimmer als eine schlechte Note es hätte sein können. Da habe ich mich geschämt. Ich hatte dich enttäuscht.

Fast noch schlimmer als das Häkeln und Stricken selbst waren die Ergebnisse – vor allem im Vergleich mit denen des Werkunterrichts. Während wir Topflappen, Tierchen und ähnliches hatten, fuhren die Jungs mit Drachen und Schiffen auf.  Du warst toll. Ich durfte beim Lehrer die Pläne holen und dann sassen wir zusammen hin und bauten alles nach. Ich habe es geliebt. Klar hätte ich gerne selbst gebaut, aber du sägtest und hämmertest mehrheitlich, ich lieferte das Material. Es sollte schliesslich exakt werden. Das war dir wichtig. Dass die Dinge richtig waren. Kein Pfusch. Nicht windschief. Immerhin lernte ich da, wie man mit Werkzeug umgeht. Und was wofür ist. Ich schaute dir zu und sog es auf.

Als ich viel später auszog, hast du mir einen Werkzeugkoffer mit auf den Weg ins Erwachsenenleben gegeben. Da war alles drin, was ich deiner Meinung nach für ein Leben allein in der grossen weiten Welt brauchte. Ich habe sie all die Jahre in Ehren gehalten, es gibt sie noch heute. Und immer, wenn ich sie anschaue, denke ich an dich und bin dankbar, dass ich immer selbst Hand anlegen konnte, wenn Not am Mann war.

Das ist mir wichtig. Dinge selbst machen zu können. Selbstständig zu sein, nicht angewiesen oder abhängig von der Hilfe anderer. Du hast immer gesagt:

«Mach die Dinge selbst, dann weisst du, dass sie richtig gemacht sind.»

Oder auch:

«Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner.»

Diese beiden Sätze haben mich mein Leben lang begleitet. Und sie haben sich oft bewahrheitet. Vielleicht habe ich mir auch ab und zu das Leben schwer gemacht, weil ich immer dachte, alles allein schaffen zu müssen. Aber immerhin habe ich es geschafft. Meistens. Und manchmal kam plötzlich von irgendwo Hilfe, wenn gar nichts mehr ging. Vielleicht hätte ich doch mehr darauf vertrauen können oder sollen.

(«Alles aus Liebe», XIX)

Philosophisches: Vom Anfangen

„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen,“ Heraklit

Ich tauche ein in die alten Weisheiten des Taos. Es ist nicht das erste Mal und doch ist es neu. Weil ich nicht die bin, die ich war, als ich es beim letzten Mal las. Wie viel ist seit da passiert. Wie viel Neues habe ich erlebt, gelernt, gesehen. All das nehme ich mit auf meine Reise in die Philosophie des Taos, es wirkt mit beim Aufnehmen der Gedanken. 

Das ist es wohl auch, was Rilke meint mit seinen wachsenden Ringen. Alles wird immer grösser, weil wir selbst wachsen durch all das, was wir tun und erleben. Ich mag Rilkes Bild, das Gedicht ist eines meiner liebsten, wenn nicht das liebste. 

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, 
die sich über die Dinge ziehen. 
Ich werde den letzten wohl nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.“

Ich mag auch den Gedanken des Weitergehens. NIe aufhören. Selbst wenn etwas gross scheint, zu gross. Es versuchen. Den Mut haben. Im Tao heisst es dazu:

„Das ist der Moment, einzusteigen,
alle günstigen Zeichen sind vorhanden.“

Dann mal los. Ich wünsche euch einen schönen Tag!

Werkstattgespräche – Oliver Thalmann

Oliver Thalmann (1975) wuchs in Hergiswil am Napf im Kanton Luzern auf. Das Studium der Wirtschaftswissenschaften führte ihn nach St. Gallen, danach tobte er sich in Projekten im In- und Ausland aus. Das war noch nicht genug, daneben schrieb er eine Dissertation und bildete sich weiter. Nach weiteren innovativen und arbeitsintensiven Projekten kam die Kehrtwende: Der erste Roman entstand (»Mord im Hotel Savoy«) und landete gleich in den Top-Ten der offiziellen Schweizer Taschenbuch-Bestsellerliste. Weitere folgten, alle mit Ranglistenerfolg.

Oliver Thalmann lebt mit seiner Frau und seinen Kindern im Kanton Zürich.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Nächstes Jahr werde ich fünfzig Jahre alt. Ich bin unverhofft durch ein Schlüsselereignis Schriftsteller geworden und habe drei Kriminalromane geschrieben. Zuvor war ich als Unternehmer im Bereich der erneuerbaren Energien tätig, was auch spannend war, aber viel Reisetätigkeit mit sich brachte, auf die ich heute gerne verzichte. Ich bin glücklich verheiratet und habe zwei Töchter.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Rückblickend betrachtete, habe ich immer gerne geschrieben. Alles nur nicht Romane. Sportberichterstattungen in den Lokalzeitungen, Maturarbeit, Diplomarbeit und dann auch die Doktorarbeit haben mir keine Mühe abverlangt. Schriftsteller bin ich dann durch ein kleines, unscheinbares Ereignis geworden. Ich hörte in einem Restaurant einen Streit einer amerikanischen Familie und stellte mir vor, was geschähe, wenn eine Person vergiftet würde. Zurück im Zimmer nahm ich den Laptop hervor, begann eine Geschichte zu schreiben, die in „Mord im Hotel Savoy“ ihren Abschluss fand.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich wage zu behaupten, dass ich einen Schreibprozess habe. Bei mir beginnt er mit einem Problem aus dem Alltag, das mich beschäftigt und nicht mehr loslässt. Danach schreibe ich mir Fragen dazu auf – ohne Einschränkungen – einfach alles, was mir in den Sinn kommt. Mein Gehirn führt mich so zum Thema des Romans, und dieses dient dann als Leitplanke für meine Geschichte. Ich schreibe anschließend eine Zusammenfassung, versuche also Anfang, Mitte und Ende der Geschichte vorherzusagen. Aber wenn ich ehrlich bin, verändert sich die Geschichte während dem Schreiben noch einige Male. Und ich denke, das ist auch gut so. Denn das Leben verläuft größtenteils planlos, und so sollte auch ein guter Roman daherkommen.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich schreibe direkt am Computer. Das hat zwei Gründe. Erstens gefällt mir meine Handschrift nicht. Ich finde es schöner, wenn ich den Text auf dem Bildschirm sehe. Er erscheint mir dann so, als ob er bereits in einem Buch abgedruckt wäre. Das sieht professionell aus und wirkt motivierend auf mich. Zweitens bin ich viel schneller, als wenn ich auf Papier oder Tablet von Hand schreiben würde, da ich dem Zehnfingersystem auf der Tastatur mächtig bin.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit oder stören dich andere Menschen nicht?

Am besten schreibe ich allein und einsam in der Dunkelkammer zu Hause, meist mit Musik.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Ich schreibe meine Texte am Vormittag respektive frühen Nachmittag zu Hause, da ich zu diesen Stunden am kreativsten bin. Bevor ich nicht tausend Wörter geschrieben habe, höre ich nicht auf.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Das schönste für mich ist das Schreiben der Texte selbst. Wenn ich am Computer sitze, die Geschichte entwerfe, weiterentwickle und dann wieder verändere, weil eine neue Idee mich in Euphorie versetzt hat. Weniger schön ist die fünfte Überarbeitung, wenn man am Feinschliff der Geschichte ist. In dieser Phase hat der kreative Anteil sein absolutes Minimum erreicht.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Nein, ich schalte nicht ab, das will und brauche ich auch nicht. Denn häufig kommen mir Einfälle, Ideen und Lösungen zu Problemstellen in der Geschichte nicht während den Bürozeiten, sondern in der Freizeit oder in der Nacht. Deshalb trage ich immer etwas zu Schreiben auf mir und notiere die Gedanken sofort.

In einem Interview bezeichnetest du Schreiben als dein Hobby. Es ist ein zeitaufwändiges. Was reizt dich an diesem doch eher einsamen Hobby? Was unterscheidet das Schreiben von einem Beruf?

Hobby ist es nicht mehr. In der Zwischenzeit ist es zu meinem Beruf geworden. In den meisten anderen Beruf geht es im Vergleich zum Autorenschaffen sehr strukturiert und prozessorientiert zu, und man hat andere Mitarbeiter, die einen unterstützen. Beim Schreiben ist man, bis auf die Lektorin, die einem am Schluss als Sparringpartner dient, auf sich allein gestellt.

Deine Krimis spielen in Zürich und auch mehrheitlich in einem Umfeld, in dem du dich wohl selbst bewegst. Kannst du da aus dem Vollen schöpfen oder brauchtest du doch noch Recherche?

Das Recherchieren gefällt mir, es regt meine Gedanken an. Es ist mein Doping als Schriftsteller. Ich gehe zu den Schauplätzen und laufe sie ab, um ein Gefühl für die Atmosphäre zu bekommen, die ich dann in den Text einfließen lasse. Ich führe gerne Interviews mit Polizisten, Forensiker, Gerichtsmediziner, Fachspezialisten, Mitarbeitern. Oft erhalte ich Informationen oder Details, die auch die beste Suchmaschine der Welt nicht findet.

Dein neuster Krimi spielt in der Kunstszene. Welchen Bezug hast du persönlich zu Kunst und dem dazugehörigen Markt?

Ich liebe durch Ausstellungen zu flanieren, obwohl ich kein Kunstexperte bin. Oft kommen mir viele Ideen für meine Buchprojekte in einem Museum. Komischerweise weisen diese Gedanken oft keinen (mir bekannten) Zusammenhang mit der Exposition auf.

Donna Leon liess ihre Romane nie ins Italienische übersetzen, andere Autoren schreiben unter Pseudonym. Hast du keine Angst, jemandem auf die Füsse zu treten?

Nein, die Figuren meiner Romane sind frei erfunden, und ich mache keine Politik. Natürlich kommt es vor, dass LeserInnen etwas reininterpretieren und mir etwas unterstellen, aber das gehört dazu. Jede Person darf sich ihre eigenen Gedanken und Vorstellungen machen. Das ist gerade das Schöne am Lesen.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in einzelnen Figuren drin?

Schreiben ist eine Kunst, wo der Autor seine Fantasie, seine Gedanken, seine Gefühle, seine Stimmung, aber auch seine eigenen Erfahrungen in einem Buch niederschreibt. Die Autobiografie hat einen Anteil, aber denn würde ich nicht überbewerten.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Ein Buch muss spannend sein, einen bewegen und die eigene Vorstellungskraft anregen. Man muss sich die Figuren im Roman vorstellen können, als ob man als Zuschauer oder Akteur direkt Vorort beteiligt wäre. Wenn ich eine Geschichte schreibe, muss sie mir als Leser gefallen. Zum Glück haben meine Bücher bisher auch Anklang beim Publikum gefunden, sonst hätten wir ein Problem…

Wenn du fünf Bücher deines Lebens (vielleicht auch zu verschiedenen Zeiten desselben) nennen könntest, welche wären das?

  1. To kill a mockingbird von Harper Lee
  2. The nightingale von Kristin Hannah
  3. Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert von Joël Dicker
  4. The islands of missing trees von Elif Shafak
  5. Strangers on a Train von Patricia Highsmith

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

So viel wie möglich schreiben, und nicht auf die bösen Geister hören, die sagen: „Du bist nicht gut genug.“

Eine Geschichte: Mittagessen (XVIII)

Lieber Papa

Wenn du zu Hause warst, hiess das: Familienzeit. Ich hatte zu Hause zu sein, wir machen Dinge gemeinsam. Einerseits waren da die Ausflüge am Wochenende. Die, für die ich dankbar sein musste, da ihr sie ja nur für mich machtet. Damit ich am Montag etwas zu erzählen hätte in der Schule. Dass sich niemand für diese ständigen Wanderungen interessierte, wolltest du nicht hören. Dass ich sie nicht machen wollte, auch nicht. Die anderen wären neidisch. Sagtest du. Und von mir warst du enttäuscht.

Auch eine wichtige gemeinsame Sache war das Essen. Bei anderen Familien ist das ungesittet. Sagtest du manchmal. Die kochen nicht mal richtig. Sagtest du. Keine Ordnung haben die. Wir hatten eine. Ich höre heute oft, das gemeinsame Essen sei wichtig. Da könne man sich austauschen. Ich kann mich nicht erinnern, dass bei uns geredet oder gar gelacht wurde. Wenn wir assen, liefen im Radio die Nachrichten. Die wolltest du hören.

«Pscht!»

Sagtest du, wenn ich etwas erzählen wollte. Du wolltest wissen, was in der Welt vor sich ging. Dazu last du auch täglich die Zeitung. Von vorne bis hinten. Schautest die Tagesschau, auf allen möglichen Sendern. Meine Rolle dabei? Nicht auffallen. Nicht hör- oder sichtbar werden. Das war am besten. Dann passte ich am besten ins Bild.   

Ich weiss gar nicht mehr, was ich dabei fühlte. Allein? Nicht wahrgenommen? Nicht interessant genug? Vermutlich schon. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Sicher lernte ich so, dass das, was ich erzähle, keiner hören will. Dass das, was ich zu sagen habe, nicht interessant ist. Schweigen wurde meine Welt. Ich liebte es, allein in meinem Zimmer zu sein. Da war keiner, der mich nicht hören wollte. Da waren meine Welten, in die ich eintauchen konnte: Bücher. Und Musik. Viel Musik.

Während ich das alles schreibe, merke ich die tiefe Trauer in mir. War sie damals schon da? Wohl schon. Und doch weinte ich nicht. Und vergass alles. Nach und nach. Bis heute. Und nun schreibe ich es auf. Und frage mich immer wieder: Wozu eigentlich? Ist doch nicht mehr wichtig. Wieso interessiert es mich plötzlich? Wieso will ich dir all das schreiben? Ich weiss es nicht. Was erwarte ich? Deine Antwort war immer

«Wir hatten es doch immer schön.»

Das wird nun nicht mehr ändern.

Ich erinnere mich noch an etwas bei diesen gemeinsamen Essen.

«Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.»

Ich weiss, das kennen viele. Und doch. Es war schrecklich. Ihr habt mir aufgetragen und eingeschenkt. Egal, ob ich das Essen oder Trinken mochte, egal ob ich Hunger hatte oder nicht. Alles musste weg. Reste waren keine Option. Wenn ich nicht zu Zeiten fertig wurde, standet ihr auf und gingt. Ich sass da. Allein. Mit dem vollen Teller. Das Essen wurde kalt. Und noch schlimmer. Am schlimmsten waren Lebern und Polenta. Da war immer dieser Brechreiz, wenn ich es essen musste. Und wenn die Lebern kalt wurden, bildete sich diese Haut auf der Sauce. Und die Polenta wurde oben krustig. Ich hasste diesen Schuhkarton mit dem fiesen, bitteren Geschmack. Und dieses Kitzeln am Gaumen von diesem körnig-breiigen Maispudding. Aber es half nichts. Der Teller musste leer sein.

Es wurde 13 Uhr, 14 Uhr, 15 Uhr. Ich sass da, den noch praktisch vollen Teller vor mir. Du warst wortlos im Wohnzimmer verschwunden. Mama zeigte sich auch nicht mehr. Und da kam mir die Idee: die Blumentöpfe. Sie standen rund um den Esstisch. Sie hingen von den Wänden. Standen auf Simsen und auf dem Boden. Ich begann, Lebern und Mais in den Töpfen zu vergraben. Irgendwann war der Teller leer. Ich trug ihn in die Küche. Mama nahm ihn wortlos entgegen und ich ging in mein Zimmer. Ich schämte mich so. Ich habe es nie erzählt.

(«Alles aus Liebe», XVIII)

Eine Geschichte: Vom Träumen (XVII)

Lieber Papa

Lieber Papa

Kürzlich war ich an einem Fest. So viele Menschen. So viel Lachen, Reden, Feiern. So waren unsere Feste nie. Es gab kaum welche ausser dem alljährlichen Geburtstag von Grossmutter. Da kamen alle zusammen. Sonst waren da nur wir drei. Sonst keiner. Niemand gehörte zur Familie. Zu unserer. Manchmal dachte ich sogar, nicht mal ich gehöre dazu. Weil ich anders war. Nicht wie ihr. Nicht wie ihr mich wolltet. Das sagtest du mir oft.

«Du bist anders.»

Und

«So will dich keiner. Wir sind deine Eltern, wir müssen bleiben. Die anderen können gehen.»

Anfangs dachte ich, ich sei nur das falsche Kind für euch.. Vielleicht war ich vertauscht worden. Das war unwahrscheinlich. Vielleicht habt ihr mich adoptiert. Einige Male durchwühlte ich in heimlichen Momenten alle Ordner. Suchte nach Beweisen. Las mich durch Unterlagen und Dokumente. Aber ich nichts. Vielleicht war ich nicht das falsche Kind für euch, vielleicht war ich grundsätzlich falsch. Nicht in Ordnung.

Als ich an diesem Fest mit zwei wunderbaren Menschen ins Gespräch kam, stellte ich mir plötzlich vor, sie könnten mich adoptieren. Der Gedanke löste ein kleines Glücksgefühl aus. Ich dachte kurz, ich könnte mir meine eigene Familie suchen. Ganz naiv. Und voller Freude. Schon kurz danach hörte ich eine innere Stimme. Sie sprach von Flausen. Davon, dass ich nicht solche Hirngespinste haben solle. Ich sei nun gross. Müsse alleine klarkommen. Und doch war da diese leise Sehnsucht. Nach einer Familie. Meiner Familie. Eine, die lacht. Die mich aufnimmt. In der ich mich wohl fühle. Dazugehörend.

Uns drei gibt es schon so lange nicht mehr. Schon als ich 16 war, drohtest du, ich könne gehen, wenn ich mich nicht an deine Regeln halte. Du und Mama, das sei der wichtige Kern. Wenn ich den störe, sei ich nicht mehr erwünscht. Das sagtest du und ich spürte eine Klinge, die tief stach. Mit 22 endete das Kapitel Familie endgültig. Ich zog aus. Noch heute höre ich deine Worte, sachlich, rational, klar:

„Nun trennen sich unsere Wege. Wir gehen unseren. du deinen.“

Das Messer von früher drehte sich. Das tat verdammt weh. Diese explizite Trennung.
Wenn ich heute zurückblicke, hätte es eine Befreiung sein können. Dazu kam es nicht. Ich habe dich innerlich mitgenommen. Als Stimme. Doch da war auch dieses Loch. Der tiefe Wunsch nach einer Familie für mich, nach Menschen, die mich verstehen, Menschen, bei denen ich zuhause und gewollt bin. Menschen, bei denen ich nicht falsch, nicht ungenügend, nicht abnormal und eine Enttäuschung wäre. Das war ein Traum. Meiner. Und wird es wohl bleiben.

Und ich schimpfe mit mir. Ich bin zu gross für solche Träume. Für solche Sehnsüchte. „Werd’ endlich erwachsen!“, höre ich deine Stimme in mir. „Werd’ endlich normal.“ Und dann sagst du noch:

«Du bist eigentlich intelligent, aber menschlich, in Lebensdingen, so dumm.»

Und immer ist es deine Stimme. Und sie spricht in mir. Und ich glaube ihr. Und fühle mich klein. Und falsch. Und doch: Die Träume bleiben. Und ich bin froh, sie zu haben. Sie sind wie leuchtende Sterne am dunklen Himmel. Und manchmal denke ich, irgendwann kann ich vielleicht den einen oder anderen ergreifen.

Vielleicht ist es besser, wenn du diesen Brief nie liest. Aber schreiben musste ich ihn, bevor ich mit unserer Geschichte weitermachen kann.

(«Alles aus Liebe», XVII)

Eine Geschichte: Regeln XVI

Lieber Papa

Erinnerungen sind geschmeidig. Sie lassen sich formen. Manchmal ist auch nicht klar, ob ich etwas wirklich selbst erlebt oder nur gehört habe. Wenn etwas immer wieder erzählt wird, fühlt es sich plötzlich so an, als wäre es erlebt. Dann glaube ich, ins eigene Erinnern zu greifen, wenn ich daran denke, während ich in Tat und Wahrheit nur die Erinnerung von jemand anderem nacherzähle. Auch das ist ein Erinnern, quasi eines der zweiten Ordnung. Ein Erinnern an eine Erinnerung, die selbst auch wieder ein un-fassbares Produkt ist.

An eines erinnere ich mich aber gut: Bei uns gab es immer klare Regeln. Du stelltest sie auf, ich hatte sie zu befolgen. So hattest du alles unter Kontrolle. Vor allem mich.

Wir hatten diesen Spielplatz vor dem Haus. Das Haus lag inmitten anderer Häuser mit eigenen Spielplätzen. Sie alle waren verbunden durch ein Netz von Gehwegen. Keine Autos, keine Gefahren. Wir Kinder zirkulierten zwischen den Spielplätzen, weil auf allen wieder andere Geräte waren und andere Kinder spielten.

So wäre es schön gewesen, aber: Das Wir stimmt nicht. Nur die anderen Kinder zirkulierten, ich durfte nicht weg von dem Spielplatz vor unserem Haus, weil du die anderen nicht sehen konntest von unserem Balkon aus. Wenn also alle anderen weiterzogen, musste ich allein zurückbleiben. Anfangs fragten sie noch, ob ich mitkomme. Sie hörten bald auf damit. Ich gehörte nicht mehr dazu, stand am Rand. «Die kommt eh nie mit.» Sagten sie. Während die anderen immer mehr zusammenwuchsen durch ihre Touren von Platz zu Platz, fiel ich hinaus durch mein Dableiben.

Ich war auch immer die Erste, die heimmusste. «Kinder gehören zu gewissen Zeiten nach Hause.» Sagtest du. «Die anderen haben keine Ordnung.» Dein Ton dabei war eindeutig. Abschätzig. So geht das nicht. Das klang laut mit. Begehrte ich auf, hörte ich, wie undankbar ich sei.

«Ich meine es nur gut.»

Sagtest du.

«Es ist zu deinem Besten.»

Sagtest du. Regeln und Ordnung seien wichtig. Ich glaubte immer, wir seien die einzigen, die diese Regeln und die Ordnung kannten. Ich hätte sie lieber nicht gekannt. Aber das durfte ich nicht sagen. Wie ich nur so sein könne. Fragtest du dann und blicktest mich mit diesen traurigen und enttäuschten Augen an. Und schwiegst. Drehtest dich um und liefst weg. Von mir. Ich war allein.

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.»

Der Spruch wird Lenin zugeschrieben. Ich frage mich manchmal, woher dein Kontrollbedürfnis kam. War es ausschliesslich die Sorge um mich? Oder vielleicht mehr eine Angst von dir? Kürzlich las ich sinngemäss:

«So lange ich die Kontrolle über mein Leben habe, habe ich keine Angst, den Halt zu verlieren.»

Ich weiss nicht mehr, wer es sagte, aber ich kann den Gedanken verstehen. Die Angst, dass alles aus den Fugen gerät, kein Stein auf dem anderen bleibt. Die Angst, etwas zu verlieren, das wichtig ist. Die Angst vor dem Unvorhergesehenen, dem Drohenden, das passieren könnte. War dir die Kontrolle darum so wichtig? War sie dein Versuch, mit den Gefahren des Lebens umzugehen? Konntest du so deine Angst vor einem Unglück im Zaum halten? Weil du schon einmal alles verloren hattest – deinen Lebensmut inklusive? Das erfuhr ich allerdings erst viel später, als Kind wusste ich nichts davon. Ich konnte das alles nicht einordnen. Ich machte mir auch keine solchen Gedanken. Ich kannte nur die Regeln und wusste, dass es nicht gut kommt, wenn ich sie nicht befolge. Ich stellte sie ab und zu noch in Frage, aber es gab kein Entkommen. Du warst unnachgiebig.

Ich fand all das oft unfair. Sah all die Freiheiten der anderen und meine engen Grenzen. Spürte all die Gebote und Verbote und dass sie mich von den anderen trennten. Ich habe dir nie eine böse Absicht unterstellt. Glaube ich. Ich tue es vor allem heute nicht. Aber es machte mich traurig. Macht es noch heute, merke ich, während ich das schreibe. Denn ich war ausgeschlossen dadurch. Und allein. Nur dich, dich hatte ich noch, wenn ich die Regeln befolgte. So warst du alles.  

(«Alles aus Liebe», XVI)

Werkstattgespräche – Ina Haller

Ina Haller wurde in Wuppertal geboren. Nach der Schule studierte sie Geologie und arbeitete danach in einem Schweizer Versicherungsunternehmen. Sie lebt mit ihrer Familie im Kanton Aargau (in der Schweiz). Seit der Geburt ihrer drei Kinder ist sie »Vollzeit-Familienmanagerin« und Autorin. Zu ihrem Repertoire gehören Kriminalromane sowie Kurz- und Kindergeschichten.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Viel Spektakuläres gibt es da nichts zu erzählen. Ich wurde in Nordrhein-Westfalen geboren und bin dort zusammen mit meinem älteren Bruder aufgewachsen und zur Schule gegangen. Nach dem Abitur lernte ich meinen heutigen Mann bei einem Sprachaufenthalt kennen und zog nach dem Geologiestudium zu ihm in die Schweiz.

Heute lebe ich mit meiner Familie im Aargau.

Ich reise gerne und ich bin ein Bewegungsmensch – Joggen, Wandern, Velofahren gehören für mich zum Alltag. Ich muss jeden Tag raus, auch wenn es nur ein Spaziergang ist. Besonders liebe ich es in der Natur zu sein. Dort finde ich Ruhe und meine kriminellen Ideen, vor allem, wenn ich beim Schreiben einmal steckengeblieben bin

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Eigentlich habe ich nie gerne geschrieben. Meine Deutschlehrerin fand das, was ich zu Papier brachte, nicht besonders gut. Entsprechend sahen meine Noten aus 😊. Das war nicht gerade die Motivation, mit dem Schreiben zu beginnen …

Nach der Geburt unserer zweiten Tochter las zufällig ich in der Zeitung vom „Novemberschreiben“. Da habe ich einfach mal mitgemacht und merkte schnell, dass das Schreiben ein wunderbarer Ausgleich zum turbulenten Familienalltag mit kleinen Kindern ist, der emotional und körperlich anstrengend ist. Doch der Kopf kommt dabei zu kurz. Beim Schreiben war plötzlich der Kopf gefordert und das hat gutgetan. Als die Kinder grösser wurden, bin ich dabei geblieben.

Es heisst, Ideen liegen auf der Strasse, doch nicht jeder sieht dasselbe, interessiert sich für dasselbe. Wo findest du generell deine Ideen?

Das kann ich gar nicht so genau beantworten. Häufig ist die Idee plötzlich da.

Hilfreich beim Finden von Ideen ist es, mit offenen Augen und Ohren durch die Gegend zu laufen. Viel braucht es nicht, damit die Gedankenmaschinerie in meinem Kopf anspringt.

Eine weitere wunderbare Fundgrube ist meine Familie. Die Themen am Familientisch sind nicht unbedingt etwas für schwache Nerven. Z.B. der Auslöser der Idee zu Aargauer Grauen war meine Tochter. Wir waren Skifahren und machten gerade Mittagspause. Sie sagte, sie habe etwas Grässliches im Internet gesehen und zeigte mir das Bild einer Spinne. Und schon steckten wir in der Entwicklung eines Plots …

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich bin überhaupt nicht organisiert, sondern total chaotisch.

Der Schluss meiner Geschichte bildet stets den Ausgangspunkt: Das Motiv, die Tatwaffe, der Täter oder die Täterin. Von dort aus entwickle ich die Handlungen. Aber, wie gesagt, nicht geordnet, sondern ich schreibe drauf los. Generell ist das Schreiben für mich wie das Lesen eines Buches, das aber noch nicht existiert und daher aufgeschrieben werden muss. Oft passiert es mir, dass meine Protagonisten mir sagen, wo es lang geht, und ich erlebe dabei viele Überraschungen.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich schreibe direkt am Computer. Entweder im Büro oder bei schönem Wetter mit meinem Laptop auf der Terrasse. Wenn mir etwas einfällt und ich nicht gerade am Computer sitze, wird der Gedanke auf einem Notizzettel notiert.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Ich glaube, du würdest dem zustimmen?

Keine Ahnung. Bisher werde ich nur durch meine Familie gestört. Meine Töchter haben ein besonderes Talent, genau dann zu mir zu kommen, sobald ich mich hingesetzt habe. Aber Auswirkungen auf mein Schreiben hat das nicht.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Mit einer Familie muss ich mir Schreibzeiten einrichten. Besonders, als die Kinder klein waren. Da hatte ich „meine Zeit“, während sie Mittagsschlaf gemacht haben. Diese Zeit ist heute geblieben.

Meine Schreiborte sind mein Büro oder mit dem Laptop auf der Terrasse. In einem Café, wie andere das machen, könnte ich nicht schreiben. Ich hätte das Gefühl, es würde mir immer jemand über die Schulter schauen und das ist etwas, das ich gar nicht mag.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Schreiben ist für mich ein Hobby (leben kann ich davon nicht). Und was bereitet mehr Freude, als das zu tun, was einem Spaß macht? Aber ich mache nicht alles gleich gern, wie zum Beispiel das sprachliche Überarbeiten, das zwar notwendig aber mühselig ist.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Abschalten kann ich am besten beim Sport oder wenn ich in der Natur bin. Das heißt aber nicht, dass meine Gedanken dann nicht hin und wieder zu meinen Protagonisten driften. Das finde ich aber nicht belastend – sie gehören ja zu mir.

Doch Ferien vom Schreiben habe ich auch. Hin und wieder muss der Kopf geleert werden, damit Neues Platz hat – zum Beispiel bei einer mehrtägigen Wanderung in diesem Sommer.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in den einzelnen Figuren?

Ich denke, das passiert automatisch und unabsichtlich, dass in den Figuren und im Roman etwas von mir steckt. Sicher fließen Erfahrungen von mir ein und Dinge, die ich selbst erlebt habe. Sei es kleine Szenen aus dem Alltag oder „größere“ Erfahrungen. Bei Rüebliland sind zum Beispiel die Szenen in Indien Eindrücke und Erfahrungen, die ich auf unserer Reise erlebt habe.

Deine Krimis spielen in der Region, in der du selbst lebst. Wieso hast du dich dafür entschieden und nicht die Chance gepackt, schreibend neue Gegenden zu erkunden?

Bei der Aargauer Reihe ist es so, da ich hier wohne. Aber bei der Reihe mit Samantha ist es anders. Ich kannte das Baselbiet nicht und lerne zusammen mit Samantha schreibend diesen Kanton kennen.

Für mich ist es wichtig, dass die Leserin/der Leser die Gegend in meinen Büchern „spüren“ kann. Es reichen schon Kleinigkeiten wie das Rauschen des Verkehrs auf einer Straße oder der Duft einer Bergwiese, um die Geschichte lebendig werden zu lassen. Das kann Google Maps nicht vermitteln und daher muss ich an den Ort gehen. Da ist es natürlich praktisch, wenn der Handlungsort vor der Haustür liegt.

Wenn ich die Gelegenheit habe, weiter weg zu reisen, lasse ich diese Eindrücke in meine Bücher einfließen (z.B. wie in Rüebliland oder Samanthas neuen Fall, der im Frühling 2025 erscheint).

Wie findest du die Namen deiner Figuren? Mir fiel auf, dass die Protagonisten alle italienischen Ursprung hatten (ausser Jamila), die anderen Figuren hiesigen. Gibt es dafür einen Grund?

Das ist Zufall. Wobei Andrina eine Bündner Großmutter hat und Enrico aus Süditalien stammt.

Für die Namen meiner Figuren schnappe ich entweder einen Namen auf oder ich surfe durch Telefonbücher oder auf Webseiten für Babynamen.

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Mir gefällt diese Unterteilung gar nicht, besonders, wenn es abwertend gemeint ist. Mehr als einmal wurde mir gesagt, Krimis sind keine Literatur. Aber das stimmt überhaupt nicht. Literatur ist für mich alles, was mit dem Verfassen von Texten zu tun hat, also egal, ob es ein Gedicht, ein Krimi oder ein Liebesroman ist. In jedem Text steckt Herzblut und jeder Text unterhält auf seine eigene Art.

Auf mein Schreiben hat diese Unterteilung keinen Einfluss. Ich schreibe das, was mir gefällt und was mir Spaß macht.

Was treibt dich immer wieder an, noch ein Buch zu schreiben? Oder anders gefragt: Wäre ein Leben ohne zu schreiben denkbar für dich?

Ein Leben ohne Schreiben … Ganz ehrlich kann ich es mir im Moment nicht vorstellen. Schreiben ist ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Es ist für mich ein Ausgleich und ich kann in eine andere Welt eintauchen.

Allerdings weiß ich nicht, was in fünf oder zehn Jahren ist. Doch solange ich Ideen und weiterhin Freude daran habe, werde ich auf jeden Fall weiterschreiben.

Du bewegst dich in unterschiedlichen Genres, schreibst Krimis, Kurzgeschichten, Kindergeschichten. Wieso diese Vielfalt? Wäre es nicht einfacher, bei einem, das „funktioniert“, zu bleiben?

Einfacher wäre es vielleicht schon, aber auch langweiliger. Auch beim Schreiben braucht es hin und wieder eine Abwechslung und Herausforderung, wobei mein Hauptfokus die Krimis sind.

Gibt es einen Unterschied in deinem Schreibprozess in den unterschiedlichen Genres?

Eigentlich nicht. Ich habe eine Idee, fange einfach an und schreibe die Geschichte. Danach muss jeder Text den Überarbeitungsprozess durchlaufen. Dabei ist es egal, ob es ein Krimi oder eine Kurzgeschichte ist.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Allgemein schaue ich zuerst auf den Klappentext. Wenn dieser mich vom Thema und der Geschichte her anspricht, hat das Buch eine Chance, gelesen zu werden.

Ich muss die Protagonisten spüren und in sie hineinschlüpfen können. Der Anfang sollte nicht langatmig gehalten sein und die Sprache muss für mich passen. Wenn es mich nach zwanzig / dreißig Seiten nicht in den Bann gezogen hat, hat das Buch keine Chance mehr bei mir.

Zum Beispiel schätze ich es gar nicht, wenn das Erzählen in den verschiedenen Perspektiven nicht sauber umgesetzt ist, es viele inhaltliche Wiederholungen, zu viele Längen mit Nebensächlichkeiten, Adjektive oder Füllwörter hat.

Das sind alles Dinge, auf die ich beim eigenen Schreiben ebenfalls achte, wobei es mir bei anderen eher auffällt, wenn etwas nicht stimmig ist, als bei mir selbst. Daher bin ich meiner Lektorin und ihrem scharfen Auge dankbar, wenn sie gnadenlos ihren Rotstift schwenkt.

Wenn du fünf Bücher nennen müsstest, die in deinem Leben eine Bedeutung haben oder die du anderen empfehlen möchtest, welche wären es?

Puh, das ist schwierig. Allgemein hat jedes Buch für mich eine Bedeutung.

Von meinen eigenen Büchern gibt drei, die eine starke persönliche Bedeutung für mich haben: Rüebliland, Aargauer Grauen und Samanthas 7. Fall, der 2025 erscheint, dessen Titel ich aber hier noch nicht sagen darf.

Ansonsten fallen mir spontan die Krimis von Romy Fölck und Kathy Reichs ein. Mir gefallen ihre Erzählstile und die Leichtigkeit, mit denen sie geschrieben sind.

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

  • Zuerst: Lesen, lesen, lesen.
  • Recherchieren (sowohl den Ort als auch Fachliches)
  • Und dann: anfangen.
  • Sich nicht verunsichern lassen, nie aufgeben, sich nicht selbst im Weg stehen, Zweifeln keine Chance geben, hartnäckig sein und an sich glauben.
  • (Konstruktive) Kritik zulassen und offen für Ratschläge sein, sich aber auch dickes Fell zulegen und nicht herunterziehen lassen.
  • Nicht verbissen werden, sondern Freude am Schreiben haben und behalten.
  • Ein offenes Ohr für seine Protagonisten haben und zulassen, was sie dir zuflüstern, auch wenn die Wendung der Geschichte womöglich für den Moment nicht passend scheint.
  • Es nicht von Anfang an perfekt machen zu wollen, sondern einfach schreiben. Das Überarbeiten (was sehr wichtig ist) kommt später, muss aber dann gewissenhaft erledigt werden.
  • Kontakt zu anderen Schreibenden haben. Nur im Austausch bekommst du Tipps und Hilfe.

Herzlichen Dank, liebe Ina, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen und uns so ein paar Einblicke in deinen Schreiballtag gewährt hast.

Eine Geschichte: Vom Erinnern (XV)

Lieber Papa

Es gab immer wieder Phasen, in denen ich versuchte, Erinnerungen aufzuspüren. Und immer stiess ich auf diese Leere. Vielleicht ab und zu ein Häppchen, aber da war nie eine ganze Geschichte. Habe ich nichts erlebt? Oder ist mein Gedächtnis so schlecht? Habe ich alles verdrängt? Wieso hätte ich das tun sollen?

Das scheint nun anders zu sein. Es ist, als ob ein Ventil aufgegangen ist und die Erinnerungen plötzlich fliessen. Ich fange jede ein und schreibe sie nieder. Für dich. Weil ich merke, dass da in mir etwas ist, das raus muss. Ich merke, dass unsere Geschichte nicht abgeschlossen ist und zu viel Schweigen die Vergangenheit prägte.

Ich merke, wie ich in eine Euphorie gerate bei diesem Schreiben. Ein rasender Fluss von Episoden, die ans Licht drängen. Und plötzlich. Fertig. Er hört er auf. Ich warte. Ich suche. Ich strenge mich an. Nichts. Und mit dem versandeten Fluss ist auch die Lebendigkeit, die durch die Erinnerungen in mein Heute getragen wurde, weg. Als wäre das Erinnern eine Energiequelle gewesen, die nun versiegt ist.

Manchmal weiss ich gar nicht mehr, wieso ich zu schreiben begann. Es war ein Impuls. Aus dem Nichts. Ich habe keine Ahnung, woher die Lebendigkeit kam. Die Themen waren nicht sehr aufbauend. Vielleicht lag das weniger an den Erinnerungen, sondern daran, dass ich endlich schrieb. Endlich tat ich das, was ich immer hatte tun wollen. Ich tat es auf eine Weise, die ich selbst ernst nehmen konnte.

Und nun ist wieder alles still. Wo ist dieser Fluss hin? Ist er abgezweigt und ich habe das verpasst? Bin ich in die falsche Richtung geschwommen? In eine Sackgasse? Wo kann ich wieder anknüpfen? Wie weiterschwimmen?

Vielleicht habe ich meinen Schreibfluss selbst zum Stehen gebracht. Mit all meinen wiederkehrenden Zweifeln. Du willst das alles doch gar nicht hören, sagte ich mir. Wolltest du nie. Wen interessiert, was ich sage, denke, schreibe? Wer soll es lesen? Soll es überhaupt jemand lesen? Was bringt das? Wer bin ich, meine Geschichte so wichtig zu finden, dass sie erzählt werden muss?

„Nimm dich nicht so wichtig!“

Sagtest du mir oft.

„Du bist nichts. Niemand. Keiner interessiert sich für dich.“

Sagtest du.  

„Am Ende taugt doch alles nichts.“

Das sage ich mir. Immer wieder.

„Es ist nicht gut genug. Weil ich nicht gut genug bin.“

Sage ich mir.

Und genau das ist die Ursache. Für so viel. Das treibt mich immer wieder um. Vermutlich ist das der Grund. Dieser eine Glaubenssatz. Ich bin nicht genug. Darum fing ich an zu schreiben.

Und nun kommt die Angst: Sie werden mich auslachen. Sie werden mich in der Luft zerreissen. Sie werden hinter vorgehaltener Hand über mich herziehen. Mich lächerlich finden. Sie werden denken, ich sei nicht normal. Ich solle mich anpassen. Sein wie die anderen. So wie du es tatst. Sie werden nicht verstehen, was ich tue. Sie werden fragen, wieso ich schreibe. Das sei kein Beruf. Sie werden denken, wieso ich nicht einfach Schreiner, Coiffeuse, Ärztin, Juristin, Verkäuferin bin – normal halt.

Solche Jobs hatte ich. Ich erinnere mich gut. Ich war zum Beispiel in einer Bank. Ich entwarf Datenbanken und betreute sie. Das hatte ich mir selbst beigebracht. Ich war gut. Ich verdiente gut. Es war nicht meine Welt. Du hast mich nicht verstanden. Bleib da, hast du gesagt. Sei nicht so zimperlich, hast du gesagt. Ich konnte nicht dableiben. Und enttäuschte dich schon wieder. Ein Teil von mir hätte sich gewünscht, es wäre anders. Nur um dir zu gefallen. Ich musste dir doch gefallen, denn: Wen hatte ich ausser dir? Niemanden. Das sagtest du mir oft:

„Ausser mir hast du keinen.“

Ich habe dir geglaubt. Ich glaube es teilweise heute noch.

Ich muss weiterschreiben. Vorerst. Auch wenn ich nicht weiss, ob das alles stimmt, woran ich mich zu erinnern glaube. Ich las kürzlich bei Irvin D. Yalom, dass er überzeugt sei, dass die Qualität der Realität sich immer wieder ändere, dass sie fragil sei. Er schrieb in seinen Memoiren:

«Erinnerungen, zweifellos auch die hier vorgelegten, sind viel fiktiver, als wir meinen möchten.»

Vermutlich ist da viel Wahres dran.

Leseerlebnisse – Michaela Kastel: Verirrt

«Schmerz. Es gibt unterschiedliche Arten davon. Manchmal tut es weh, obwohl überhaupt nichts verletzt ist. Der Schock und die Scham reichen dann aus, um den letzten Widerstand in dir zu brechen. Um dich niederzuringen, ganz tief nach unten, bis du Dreck unter den Füssen anderer bist. Und dann gibt es den richtigen Schmerz. Schmerz, der dich Farben sehen lässt, meistens Rot. Ich weiss nicht, welcher Schmerz schlimmer ist. Welcher dich mehr zerstört, jedes Mal aufs Neue.»

Von ihrem Mann geprügelt flüchtet Felizitas mit ihrer Tochter zu ihrer Mutter. 12 Jahre haben sie sich nicht gesehen, noch immer sind die Monster präsent, die sie damals von zu Hause weggehen und nie mehr wiederkehren liessen. Nun ist es die einzige Zuflucht. Und noch immer sind da diese offenen Fragen, die Ängste, die Gefahren -und die grosse Frage: Wird ihr Mann sie finden? Und: Wem kann sie trauen? Wer sind die wirklichen Monster?

„Das Problem ist, du willst es nicht glauben. Du erfindest Erklärungen, wo es keine mehr geben kann. Du redest dir ein, dass es nur ein blöder Scherz war. Dass er sich im Ton vergriffen hat, passiert doch jedem mal. Alles bist du bereit zu tun, um dich selbst vor der Wahrheit zu bewahren. Um zu retten, was längst verloren ist. So schwach und erbärmlich bist du, wenn du dich in der Gewalt eines anderen befindest.“

Häusliche Gewalt ist leider keine Fantasie, sie passiert in unserer Realität immer wieder. 250’000 Menschen sind 2023 Opfer von häuslicher Gewalt geworden. Oft passiert sie im Geheimen, im Versteckten. Meist sind Frauen und auch Kinder die Betroffenen. Und sie schweigen. Aus Angst, noch mehr davon erleiden zu müssen. Aus Angst, dass ihnen niemand glaubt. Weil sie die Gewalt kennen, alles andere neu wäre und dadurch Angst macht. Und teilweise glauben sie auch, die Gewalt zu verdienen, weil sie sind, wie sie sind. Weil ihnen das regelrecht eingeprügelt wird von denen, die die Gewalt ausüben.

«Zweifel überfallen dich schneller, als dir lieb ist, wenn das Wetter dich zwingt, innezuhalten und dich mit deinem Vorhaben auseinanderzusetzen.»

Michaela Kastel hat das Thema der häuslichen Gewalt aufgegriffen. Ihre Protagonistin erlebt sie und fasst den Mut, ihren Mann und Peiniger zu verlassen. Trotz der Angst. Sie nimmt ihre Tochter in einer Nacht mit und flieht zu ihrer Mutter. Leider ist nun nicht alles gut. Neben der Angst, gefunden zu werden, muss sich Felizitas auch den Monstern ihrer Vergangenheit stellen. Es sind die Monster, mit denen ihre Mutter sie die Kindheit hindurch verunsichert hat. Die Monster, die nun erneut ihr Leben zu überschatten drohen.

„Ich will nicht länger in diesem Vergessen leben. Ich will mich wieder erinnern. An diejenige, die ich einmal war. Die niemals Teil dieses Wahnsinns geworden wäre, hätte die Liebe nicht alles kaputt gemacht.“

«Verirrt» ist ein spannender, rasanter Thriller, der in die menschlichen Abgründe blickt. Themen wie Vertrauen, Angst, Gewalt und Prägungen der Kindheit werden aufgegriffen, führen als Fäden durch die Geschichte und werden am Schluss aufgelöst. Eine grosse Leseempfehlung.

(Michaela Kastel: Verirrt, Wilhelm Heyne Verlag, München 2024.)

Werkstattgespräche – T. M. Logan

T.M. Logan wurde in Berkshire als Sohn eines englischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Er war Wissenschaftsreporter bei der Daily Mail und arbeitete anschließend in der Hochschulkommunikation. Seit 2017 lebt T.M. Logan vom Schreiben – und das sehr erfolgreich: Mit seinen Thrillern hat er ein ums andere Mal Bestseller geschrieben und in England bereits ein Millionenpublikum begeistert. Auf Deutsch von ihm erschienen sind u.a. «Trust me», «The Parents», «The Catch», «Holiday». Seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt, darunter Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch und Koreanisch. Der Autor lebt mit seiner Familie in Nottinghamshire.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Ich bin 53 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Kindern (eine Tochter, 24, und einen Sohn, 21). Acht Jahre lang war ich Journalist und habe danach im Kommunikationsteam einer Universität gearbeitet, bis 2017 mein erster Roman veröffentlicht wurde – seitdem habe ich jedes Jahr ein Buch geschrieben und nun acht Bücher in Großbritannien veröffentlicht. Ich lebe in Nottingham, in der Nähe von dem Ort, an dem meine Frau Sally aufgewachsen ist.

Du bist als Sohn eines englischen Vaters und einer deutschen Mutter aufgewachsen. Hat dich dies in einer Weise beeinflusst? Durch unterschiedliche Kulturen oder Sprachen?

Meine Mutter Vera wurde in Leipzig geboren und ist in Köln aufgewachsen, bevor sie 1963 nach England zog, um meinen Vater zu heiraten. In meiner Kindheit habe ich oft mit meiner Familie Deutschland besucht, um Verwandte und Freunde zu sehen. Dadurch fühle ich mich sehr europäisch. Dass ich als Kind zu Hause Deutsch hörte, half mir zu erkennen, dass es viele verschiedene Arten gibt, eine Geschichte zu erzählen, und das neben den Erzähltraditionen, mit denen ich in Großbritannien aufgewachsen bin, viele andere Erzähltraditionen existieren.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für dein Schreiben?

Ich schreibe, weil ich es liebe! Schreiben war schon immer etwas, das ich tun wollte, seit meiner Teenagerzeit. Schreiben hat mich in die Welt des Journalismus gezogen. In meinen Dreißigern wurde mir klar, dass das Schreiben eines Buches ein weiteres Maß an Engagement erfordern würde. Ich war entschlossen herauszufinden, ob ich es schaffen könnte. Ich setzte mir das Ziel, jeden Tag 45 Minuten bis eine Stunde zu schreiben, vielleicht kamen dabei jeweils nur 300-400 Wörter heraus. Ich wollte sehen, ob ich das durchziehen könnte, bis ich ein vollständiges Buch habe.

Es heisst, Ideen liegen auf der Strasse, doch nicht jeder sieht dasselbe, interessiert sich für dasselbe. Wo findest du generell deine Ideen?

Oft finde ich die erste Inspiration im Alltag. Zum Beispiel kam die Idee für The Parents einfach von einer der Nächte, in denen ich darauf wartete, dass mein Sohn von einem Abend mit seinen Freunden nach Hause kam. Es war nach Mitternacht, und ich lag im Bett und fragte mich, wo er war und wann er zurückkommen würde – dann begann ich zu überlegen, was ich tun würde, wenn er in Schwierigkeiten oder in ein Verbrechen verwickelt worden wäre. Holiday wurde durch die jährliche Reise meiner Frau mit drei ihrer besten Freundinnen inspiriert. Die Inspiration für The Catch kam ursprünglich durch den Freund meiner Tochter, sie war damals noch ein Teenager.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst, ein Konvolut an Notizen oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich plane gerne einen Teil der Geschichte und habe eine gute Übersicht, bevor ich anfange. Ich verbringe 4-6 Wochen damit, den Plan, den Hauptbogen der Geschichte, einige der wichtigen Ereignisse und Wendepunkte auf dem Weg auszuarbeiten. Beim Schreiben beginnen dann die Charaktere oft, sich zu behaupten, und verändern dadurch Aspekte der Geschichte auf eine Weise, die ich ursprünglich nicht geplant hatte.

Wie sieht es mit dem Schreibmaterial aus? Schreibst du den ersten Entwurf von Hand oder hast du gleich in die Tasten? Wenn von Hand, muss es dieser eine Füller sein oder das immer gleiche Papier?

Ich plane zuerst auf Papier, mit Bleistift in einem Notizbuch. Aber dann wechsle ich zum Computer, um die Geschichte selbst zu schreiben – ich benutze ein Programm namens Scrivener, das hilft, die gesamte Form der Geschichte zu sehen. Ich konvertiere es in Word, bevor ich es an meinen Lektor schicke, und gehe dann alle Bearbeitungen in Word durch.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Ich glaube, du würdest dem zustimmen?

Es kann schwierig sein, Zeit zum Schreiben zu finden. Das war besonders der Fall, als ich in einem Vollzeitjob arbeitete und meine Kinder noch kleiner waren: Es gab fast immer Unterbrechungen im Laufe des Tages. Ich habe einfach versucht, jeden Tag mindestens 45 Minuten zum Schreiben zu finden – manchmal spät am Abend oder früh morgens, bevor meine Kinder aufwachten, wenn es weniger Ablenkungen gab.

Thomas Mann hatte einen strengen Tagesablauf, in dem alles seine zugewiesene Zeit hatte. Wann und wo schreibst du? Bist du auch so organisiert oder denkst du eher wie Nietzsche, dass aus dem Chaos tanzende Sterne (oder Bücher) geboren werden?

Ich versuche, an Wochentagen von 8 Uhr morgens bis zum Mittag zu schreiben, und nutze den Nachmittag für administrative Aufgaben, E-Mails, soziale Medien, meine Website usw. Auch zum Lesen! Aber generell arbeitet mein kreatives Gehirn besser am Morgen, also versuche ich, diese Zeit dem Schreiben zu widmen. Ich weiß, dass diese vier Schreibstunden am Morgen der wichtigste Teil meines Arbeitstages sind – alles andere ist zweitrangig.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftsteller, was bereitet dir Mühe?

Etwas aus dem Nichts zu erschaffen, ist das größte Vergnügen und Privileg des Schreibens. Menschen und Geschichten zum Leben zu erwecken, ist mein Lieblingsteil des Prozesses. Allerdings kann das Bearbeiten manchmal eine Herausforderung sein, aber es ist ein notwendiger und wichtiger Teil des Prozesses – auch wenn es sich anfühlt, als würde man die Geschichte auseinandernehmen und Stück für Stück wieder zusammenfügen.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend? Wie schaltest du ab?

Ich habe normalerweise an den Wochenenden frei und mache Urlaub mit meiner Frau und manchmal mit Freunden. Zum Abschalten lese ich, ob Belletristik oder Sachbücher, höre Podcasts und Hörbücher, schaue eine Serie im Fernsehen (ich genieße gerade Ted Lasso und Slow Horses) oder spiele Tennis.

Du hast als Wissenschaftsreporter gearbeitet, bevor du zum Schreiben von Büchern übergingst. Wieso hast du dich für Thriller entschieden?

Ich schreibe das, was ich selbst gerne lese, und deshalb habe ich mich für Thriller entschieden. Es ist mein Lieblingsgenre und das schon seit meinen Zwanzigern.

Es gibt die Einteilung zwischen hoher Literatur und Unterhaltungsliteratur (was oft einen abschätzigen Unterton in sich trägt). Was hältst du von dieser Unterteilung und hat sie einen Einfluss auf dich und dein Schreiben?

Wir haben eine ähnliche Trennung im Vereinigten Königreich! Aber es stört mich nicht allzu sehr. Es gibt hier eine gewisse Arroganz gegenüber Unterhaltungsliteratur oder Massenmarkt-Büchern, aber ich ignoriere das meistens. Vielfalt ist eine gute Sache und ich mag es, dass es Bücher für jeden Geschmack und jede Vorliebe gibt – meine Romane sind nur ein Teil davon.

In deinem Buch „The Parents“ schreibst du über das wohl Schlimmste, was Eltern passieren kann: Ihr Kind verschwindet. Dabei belässt du es aber nicht, sondern das Kind taucht wieder auf, steht nun aber unter Verdacht, eine grausame Tat begangen zu haben. Wie bist du auf dieses Thema gekommen? Was fasziniert dich daran?

Mich interessieren immer die Grauzonen, die zwischen richtig und falsch, zwischen weiss und schwarz liegen. Weiss und Schwarz sind nicht so interessant, es gibt keine Nuancen, keinen Zweifel. Aber wenn man sich irgendwo dazwischen befindet, ist das aus meiner Sicht als Leser und Schriftsteller viel faszinierender. Wir alle lieben unsere Kinder, aber wie weit würden wir gehen, um sie zu schützen, wenn sie etwas Schreckliches getan haben oder wir den Verdacht haben, dass sie es getan haben?

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiografisch. Nun ist jeder Mensch ein Kind seiner Zeit und seines Umfelds, wie viel von dir steckt in deinen Romanen, in den einzelnen Figuren?

Es gibt in vielen meiner Charaktere Teile von mir. Sicherlich in den Protagonisten der Geschichten. Ich greife auch auf meine eigenen Kinder und deren Erfahrungen zurück, manchmal auf die Eigenschaften meiner Frau und anderer Menschen, die ich kenne.

Was treibt dich immer wieder an, noch ein Buch zu schreiben? Oder anders gefragt: Wäre ein Leben ohne zu schreiben denkbar für dich?

Ich liebe es, neue Geschichten zu erschaffen, und ich sehe nicht, dass ich so bald damit aufhören werde. Ich werde immer das Bedürfnis haben, etwas zu schreiben, was auch immer es ist. Ich denke, es wird immer einen Teil von mir geben, der eine neue Geschichte erschaffen will, der die Charaktere treffen und herausfinden möchte, wie alles endet.

Was muss ein Buch haben, damit es dich beim Lesen begeistert und wieso? Legst du Wert auf das Thema, die Sprache oder die Geschichte? Ist das beim eigenen Schreiben gleich?

Wenn ich lese, können es verschiedene Dinge sein – ein Charakter, der auf den Seiten zum Leben erwacht, ein großartiger Aufhänger, eine unerwartete Wendung, fesselnde Dialoge oder einfach eine schnelllebige Geschichte, mit der ich mich auf irgendeine Weise identifizieren kann. Ich mag es, all diese Elemente in meinen eigenen Romanen zu haben.

Wenn du fünf Bücher nennen müsstest, die in deinem Leben eine Bedeutung haben oder die du anderen empfehlen möchtest, welche wären es?

  • A Simple Plan von Scott Smith
  • Tell No-One von Harlan Coben
  • The Silence of the Lambs von Thomas Harris
  • On Writing von Stephen King
  • Into the Woods von John Yorke

Was rätst du einem Menschen, der ernsthaft ein Buch schreiben möchte?

Lies viel und nimm so viel wie möglich auch aus anderen Medien auf. Sei ein Schwamm, der alles aufsaugt. Schreibe das Buch, das du selbst gerne lesen würdest. Versuche, dir jeden Tag ein bisschen Zeit dafür freizuhalten, denn Schreiben ist wie Laufen, eine Sprache zu lernen oder jede andere neue Fähigkeit zu erwerben: Du wirst durch regelmäßiges Üben besser. Leider gibt es wirklich keine Abkürzungen!

Herzlichen Dank Tim, dass du dir die Zeit für diese wunderbaren Antworten genommen hast!

Eine Geschichte: Prägung (XIV)

Lieber Papa

Vor kurzem war ich mit Freunden an einer Degustation. Es gab ein kleines Apéro-Plättchen mit einem Glas Rotwein und einem Glas Weisswein für jeden. Plötzlich kam die Idee auf, wir könnten die Gläser kreisen lassen, damit alle von allen Weinen probieren können.

«Das geht nicht.»

Sagte in mir eine Stimme. Laut. Ermahnend. Zur Tat drängend. Sag es. Sag «nein». Schnell. Bevor es zu spät ist.

«Ich kann das nicht.»

 Eigentlich wäre es eine leichte Sache: Trinken, weitergeben, trinken, weitergeben. Ein Mehrgenuss quasi. Aber in mir stand alles auf Abwehr.

«Macht ihr nur, mir reicht meine Wahl», hörte ich mich sagen. Ich blickte in erstaunte Augen. «Nein, mach auch mit, das ist lustig», kam es zurück. «Das ist eklig. Ich kann nicht aus dem gleichen Glas wie du – wie ihr – trinken!» Ich dachte es nur. Ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Ich fühlte mich dumm. Anders. Und mein Hirn fuhr Karussell.

Wie oft hast du mir das eingebläut. Jeder hat sein Glas. Jeder hat sein Besteck. Teilen geht nicht. Das ist eklig. Und du erzähltest dazu immer die Geschichte aus deinen Kindertagen. Gottesdienst. Abendmahl. Der Zinnbecher mit dem Wein ging durch die Reihen. Und der Wein sei immer dünner, die Menge Flüssigkeit immer mehr geworden. Es klang gruselig. Du erzähltest von dem Speichel, der als Rücklauf ins Glas floss, wie er es immer tue. Den trinke man mit, wenn man das Glas teile. Das waren deine Worte. Sie schüttelten mich noch heute. In mir wurden Fluchtgedanken laut, bloss: Es gab wohl kein Entkommen.

Du hattest sehr strenge Hygiene-Ansprüche. Alles musste denen folgen, denn sonst kriegtest du diese Bläschen auf der Lippe. Man konnte ihnen beim Wachsen zusehen. Du musstest nicht mal betroffen sein, es reichte schon, wenn du etwas sahst, das du eklig fandest. Es wucherte. Ich erinnere mich noch gut, als in einem Restaurant ein Messer zu Boden fiel, das Servierpersonal dieses aufhob und wieder in die Besteckschublade räumte. Zack. Eine Blase.

Ich habe mich als Kind oft gefragt, ob du die Blase auch kriegen würdest, wenn du vom Verstoss nichts mitgekriegt hättest. Wenn ich zum Beispiel aus deinem Glas trinken würde, bevor ich es dir gäbe, oder deine Gabel auf den Boden und dann wieder auf den Tisch legte. Ich habe nie gewagt, es auszuprobieren. Respekt? Angst? Vor dem Entdecken oder davor, dass du meinetwegen leiden müsstest, wenn du trotzdem reagieren würdest? Ich weiss es nicht. Ich nahm deine Regeln an und folgte ihnen.

Wieso hast du dich nicht gewehrt. Das fragte mich jemand, als ich ihm etwas aus der Kindheit erzählte. «Du hast alles nur erduldet, hast still gelitten. Dich aber so auch der Verantwortung entzogen, indem du das alles mit dir machen liessest», sagte er noch dazu. Es fühlte sich wie ein Angriff an. Ich hörte raus, dass ich mich hätte wehren müssen, dass ich etwas hätte tun sollen. Und können. Ja, ich habe mir die Frage oft gestellt: Wieso habe ich mich nicht gewehrt? Wieso nahm ich deine Regeln, deine Aussagen für bare Münze und habe sie nicht hinterfragt oder gar dagegen aufbegehrt? Oder habe ich?

Ich meine mich zu erinnern, dass ich anfangs noch versuchte, zu argumentieren, dich umzustimmen. Du sagtest, nur ich sei so, alle andern seien normal. Ich versuchte, dir zu sagen, dass ich nur sein wolle, wie das heute normal sei, dein Normal sei aus einer anderen Zeit. Ich kam damit nie durch. Du hast alles, was ich sagte, mit einer wütenden Handbewegung weggewischt und warst danach noch überzeugter, dass ich ein störrisches Kind, eine Enttäuschung sei. Und dann schwiegst du. Mich an. Ich existierte nicht mehr. Das tat weh. Wusstest du das? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das nicht merktest. So kalt warst du nicht. Auch wenn du in dem Moment so wirktest. Ich möchte es nicht glauben.

Mich erstaunt immer wieder, wie lange solche Dinge nachwirken. Ich war 45 Jahre alt, war bei einer Degustation, und studierte, wie ich deine Regeln einhalten kann. Nein, es war eher der Ekel über den Rücklauf, den ich vermeiden wollte. Um Regeln ging es nicht mehr. Ich sah den Wein, den Spuckeschaum, spürte das Kribbeln auf der Haut und hörte das laute Nein in meinem Kopf. Und dann trank ich.

Und: ich überlebte. Es war gar nicht so schlimm. Irgendwie war es eine Befreiung. Seit da geht es. Nicht mit allen, nicht mit grosser Freude, aber immerhin. Es geht. Eine kleine Rückeroberung eines freieren Lebens. Das fängt oft mit kleinen Dingen an. Das merke ich immer wieder.

(«Alles aus Liebe», XIV)

Eine Geschichte: Musik machen (XIII)

Lieber Papa

Erinnerst du dich an meine ersten Schritte in der Musik? Blockflöte war’s. Im Kindergarten, ich war wohl etwa 5. Ich erinnere mich nicht mehr an das Spielen selbst, ich erinnere mich nur noch an die goldenen und silbernen Sternchen, die wir ins Heft kriegten, wenn wir gut übten. Die Schlechtesten kriegten nichts, dann kam ein kleiner silberner Stern, ein grosser silberner, ein kleiner goldener und für die besten Spieler ein grosser goldener. Ich wollte diese Sterne, nur darum ging es mir. Das denke ich zumindest heute. Mit der Blockflöte hatte ich Glück. Ich musste nicht üben und konnte trotzdem alles spielen. Irgendwie lag mir das Instrument. Talent hätte ich, sagte die Lehrerin. Daran erinnere ich mich. Hast du mich je spielen gehört? Ich erinnere mich nicht daran.

Ich habe nicht lange Blockflöte gespielt. Weisst du noch? In der Stadt war Gewerbeausstellung, als ich sechs war. Wir gingen hin. Ich liebte es, überall die Prospekte einzusammeln. Was ich damit machen wolle, fragtest du. Ich wusste es nicht. Aber sie waren so schön bunt. Und dann hörte ich die Musik. Da war dieser Mann, der aus einem einzigen Instrument unendlich viele Melodien, Rhythmen und Stimmen herausholen konnte. Er klang allein wie eine ganze Band. Ich war begeistert. Das war wie ein Wunder, das wollte ich auch. Schon da zeigte sie sich: Meine Faszination für Musik. Woher kam sie? Wir hörten kaum welche. Sie sollte noch viel grösser werden und tiefer gehen. Dazu später. So oder so: Ich durfte Orgel lernen. Ich erinnere mich noch an das Gefühl, als die Orgel bei uns einzog. Es war gross.

Ich liebte es, an all den Knöpfen und Hebeln rumzudrücken, liebte es, die Orgel selbst spielen zu lassen. Nur eines liebte ich nicht: Das Üben. Einmal pro Woche musste ich zum Unterricht. Der Lehrer war nett. Und sehr nachsichtig. Mama nicht. Sie stellte den Timer, dass ich auch täglich genügend übe. Keine Minute weniger. Es gab keine Unterbrüche oder Pausen, es gab nichts als mich und die Orgel. Ich hätte Talent. Sagte der Lehrer. Später erfuhr ich, dass Mama auch mal ein Instrument lernen sollte. Akkordeon. Sie sei unmusikalisch gewesen. Sagte sie. Sie hörte bald wieder auf. Sollte ich das nun für sie nachholen? Oder für dich die Musik wieder ins Haus holen, nachdem deine Jazzplatten nicht mehr gespielt wurden? Was liess sie verstummen? Ich weiss es nicht. Was ich weiss: Dieses Üben mit der Stechuhr vermieste mir alle Freude. Da nützte mir auch das Talent nicht. Immerhin gingen mir die Lieder gut von der Hand, ich schaffte sie mehrheitlich ab Blatt. Wenn es dann gut klang, war ich immer ein bisschen stolz.

Fürs Gymnasium musste man ein Instrument wählen, Orgel war nicht zugelassen. Ich wechselte zum Klavier. Ihr wolltet das so. Das sei nah dran. Ich hätte lieber Saxofon gespielt. Da hattet ihr kein Musikgehör. Nun gut. So schwer kann das nicht sein. Dachte ich mir. Immerhin Tasten. Wie die Orgel. Sogar nur ein Manual. Also einfacher. Und weniger Pedale. Noch einfacher. Dachte ich mir. Nur: Das Klavier lag mir nicht. Mir lag die Musik nicht, die ich da spielen sollte. Es klang alles so fremd. Es sprach mich nicht an, mir fehlten die packenden Rhythmen, die eingängigen Melodien. Klassik. Das hatte ich vorher noch nie gehört. Ich hatte keinen Zugang. Und mir fehlten die weiteren Pedale, mir fehlte das zweite Manual. Mir fehlte meine Musik. Die, welche ich verstand.

Zu Hause musste ich üben. Täglich eine halbe Stunde. Es war eine Qual. Ich kürzte ab. Erinnerst du dich an Bettina, die über uns wohnte? Sie spielte auch Klavier.

„Hör nur, Bettina übt jeden Tag 30 Minuten. So macht es richtig. Nicht wie du. Nimm dir ein Beispiel!“

Ich habe es versucht, das mit dem Beispiel. Es gelang nicht lange. Es machte keine Freude. Dir hätte ich besser gefallen, wäre ich wie Bettina gewesen. Ich spürte immer einen leisen Stich, wenn ich sie üben hörte. Ich fragte mich, wieso ich nicht sein kann wie sie. Dann wäre ich gut genug. So war ich es nicht.

Bettinas Klavier wurde nach einem halben Jahr abgeholt. Ich spielte bis zur Matur weiter. Zwar bedauerte meine Klavierlehrerin – ich sehe sie noch vage vor mir, weiss aber ihren Namen nicht mehr – immer, dass ich mein Talent verschwende, aber sie nahm es mir nicht übel. Sie setzte sich mit mir hin und wir spielten vierhändig ab Blatt. Ich liebte es. Zwar lernte ich nie virtuos Klavierspielen, aber ich hatte in den Momenten Freude an dem, was ich tat – was wir taten.

Die Sehnsucht nach einem Saxofon oder einer Gitarre kam immer wieder auf. Leider konnte ich da nie Stunden nehmen. Ob ich mehr geübt hätte? Manchmal finde ich es schade, dass ich kein Instrument spielen kann. Was ich nicht bereue, sind all die anders genutzten Stunden, wenn ich nicht geübt habe. Und: Meine Liebe zur Musik kann ich zum Glück anders ausleben, mit all denen, die geübt haben und nun für mich spielen. Vielleicht muss man gar nicht alles selbst können. Und es ist trotzdem gut genug.

(„Alles aus Liebe“, XIII)

Leseerlebnisse – Benedict Wells: Die Geschichten in uns

Vom Schreiben und vom Leben

«Denn Erzählen, ob mündlich oder schriftlich, holt uns vielmehr erst in die Welt. Es macht uns greifbar und gibt uns die Möglichkeit, das Erlebte zu teilen.»

Nicht nur der Untertitel erinnert an Stephen Kings Buch «Das Leben und das Schreiben», das ganze Buch tut es. Trotzdem ist es nicht einfach eine Kopie. Benedict Wells schreibt offen wie nie über sein Aufwachsen, über seinen Weg hin zum Schriftsteller, der er heute ist. Er schreibt von seinen Plänen, von der Umsetzung, schreibt davon, wie ein Roman entsteht bei ihm und woran er anfangs scheiterte. Ein ehrliches, ein tiefgründiges, ein persönliches Buch.

«Ich habe Geschichten erfunden, weil ich meine eigene lange nicht erzählen konnte.»

Wenn die eigene Geschichte keine leichte ist, fällt es oft schwer, genauer hinzuschauen. Es braucht eine Distanz, die den Schmerz mildert, der zu befürchten ist, wenn man noch in das Vergangene hineinsticht. Und das muss man, will man davon erzählen. Benedict Wells hat Zeit gebraucht, seine eigene Geschichte zu erzählen. Er hat sie hinter sich gelassen und doch immer wieder an ihr entlang geschrieben, indem die Themen seiner Bücher immer um die Themen kreisten, die auch ihn über all die Jahre seines Aufwachsens geprägt haben.

«Wenn ich keine Worte für meine tieferen Gefühle habe, empfinde ich sie überhaupt? Weiss ich dann wirklich, wer ich bin, oder bleibe ich mir am Ende ein Schatten?»

Dass das so ist, hat er nicht selbst gemerkt. Erst als ihn Leser und Freunde darauf hinwiesen, dass in allen seinen Büchern die Einsamkeit ein zentrales Thema war, fiel es auch ihm auf. Irgendwann beschloss er, nun eine Weile keinen Roman mehr zu schreiben. Das war der Moment, an dem er sich für seine eigene Geschichte öffnete. Die Zeit war wohl reif dafür. Entstanden ist dieses wunderbare Buch, in welchem er einen wirklich offenen Blick gewährt auf seine Kindheit, auf sein Aufwachsen, auf seine Hintergründe, die ihn zu dem Schriftsteller werden liessen, der er ist.

«Ich habe Schreiben gelernt, um Gefühlen nicht mehr ausgeliefert zu sein, sondern sie ins Bewusstsein zu holen und mit Menschen zu teilen, die mir wichtig sind.»

Neben dem Blick auf sein Leben gewährt er auch einen auf sein Schaffen. Er schreibt über seinen Prozess von der Idee hin zum fertigen Buch, schreibt von seinen Schwierigkeiten, Niederlagen, von seinem Scheitern und auch vom Erfolg. Entstanden ist ein wunderbar tiefes, ehrliches und authentisches Buch.

«Und so haben wir alle unsere charakterlichen Defizite und Stärken, die sich auf unseren Arbeitsprozess auswirken. Es bringt nichts, sich zu vergleichen und von Hand zu schreiben, nur weil die Lieblingsautorin das macht.»

Wer hofft, mit diesem Buch nun den ultimativen Ratgeber für das Schreiben eines eigenen Buches zu haben, den wird das Buch enttäuschen. Zwar legt es den Schreibprozess von Wells offen, zeigt seinen Werkzeugkasten, zeigt, wie er arbeitet und was auf dem Weg vom ersten Gedanken hin zum fertigen Buch alles zum Einsatz kommt, doch ist es eben genau das: Der Schreibprozess von Benedict Wells. Es gibt wohl so viele Möglichkeiten, ein Buch zu schreiben, wie es Schriftsteller gibt. Jeder muss für sich herausfinden, was am besten passt.

«Es gibt keine todsicheren Tipps für das Schreiben, nur Übung und das Sammeln von Erfahrung.»

(Benedict Wells: Die Geschichten in uns. Vom Leben und vom Schreiben, Diogenes Verlag 2024.)

Lesemonat August  

«Und es war Sommer…» So heisst es in einem Lied und so war es auch. Es war heiss, es war sonnig, es war schön. Alles lud zum Geniessen ein und das habe ich getan. Daneben war ich aber auch fleissig, habe viel gelesen und vor allem geschrieben. Neben meiner Geschichte «Alles aus Liebe», die Stück für Stück auf «denkzeiten» erscheint, entsteht in meinem Kopf ein neues Buch und ich durfte einige Interviews realisieren. Das sind immer die guten Zeiten, die, in denen ich tätig bin. Manchmal muss ich mir dieses Tätigsein regelrecht erkämpfen, verfüge ich doch über eine sehr ausgeprägte Fähigkeit, nämlich die zur Prokrastination. Geholfen hat, dass ich die Arbeitszeiten fix in die Agenda eingetragen habe. Damit wurden sie quasi für mich verbindlich. Manchmal muss man sich selbst überlisten.

Meine Lektüre bewegte sich diesen Monat mehrheitlich im Krimi- und Thriller-Bereich. Und ich habe es geliebt. Ich fing mit sicheren Werten an (Nele Neuhaus, deren Reihe ich komplett lesen möchte), genoss ein wenig Krimi-Theorie, liess es abgründiger werden mit Fitzek, Faber und Bentow, um mich dann dem Verbrechen in heimischen Gefilden zuzuwenden (Zürich und Aarau). Mit Romy Fölck habe ich eine neue Liebe entdeckt, die mich in den September begleiten wird, und von Benedict Wells wurde ich berührt durch sein offenes, ehrliches, tiefgründiges Buch über sein Leben und Schreiben.

Wie war euer August? Was habt ihr gelesen? Und: Prokrastiniert ihr auch oder erledigt ihr die Dinge sofort?

Hier meine vollständige Leseliste

Nele Neuhaus: Tiefe WundenVergangenheit, die nie vergeht. Als der Holocaust-Überlebende Goldberg ermordet wird, machen Pia und Oliver eine mysteriöse Entdeckung: Eine Tätowierung am Arm des Opfers deutet darauf hin, dass dieses Angehöriger der SS gewesen war im Krieg. Bald kommt es zu zwei weiteren Morden aus dem Umfeld Goldbergs. Wie hängen diese zusammen und was ist das Ziel des Täters? Um die Antwort zu finden, müssen die Ermittler in die Vergangenheit eintauchen. 5
Nele Neuhaus: Die Lebenden und die TotenAls eine alte Frau ohne Feinde auf offenem Feld erschossen wird, stehen Pia und Oliver vor einem Rätsel, das noch grösser wird, als eine Frau durchs Küchenfenster auf dieselbe Weise umkommt. Zwischen den beiden gibt es keine Verbindung, doch sie sind nicht die letzten, es folgen weitere Tote, ein Zusammenhang wird sichtbar und die Suche nach dem Täter entpuppt sich als Suche nach der Nadel im Heuhaufen – weil sie sich zu sehr an das Offensichtliche halten. Werden sie weitere Morde verhindern und den Täter rechtzeitig schnappen können?5
D.P.Lyle: CSI-Forensik für DummiesEIn Überblick über die verschiedenen Gebiete und Aufgaben der Forensik, wie und wo sie eingesetzt werden, was sie beinhalten, wie sie zur Aufklärung einer Tat beitragen. Informativ, kompetent und gut lesbar geschrieben. Auch gut als Nachschlagewerk verwendbar.4
Sebastian Fitzek: AmoklaufIn einem Radiosender kommt es zu einer brutalen Geiselnahme. Ira Samin, selbst am Rande ihrer Kräfte und nach dem Suizid ihrer Tochter am Ende ihres Lebenswillens, muss als Psychologin verhandeln. Was niemand weiss: Ihre Tochter ist in der Gewalt des Amokläufers. Seine Forderung ist so klar wie schwer zu befolgen: Er will seine tote Verlobte sehen, ansonsten stirbt eine Geisel nach der anderen. Bald ist klar: Hinter all dem steckt eine Verschwörung,  es muss einen Maulwurf geben bei der Polizei – doch wer ist es und kann Ira das Leben ihrer Tochter und der anderen Geiseln retten?5
Henri Faber: AusweglosDrei Frauen hat er umgebracht, der Ringfingermörder, sie haben ihn nicht gefasst. Für Elias Blom und Mats Jäger war das das Ende ihrer Karriere, der eine wurde ins Einbruchsdezernat strafversetzt, der andere schied aus dem Dienst und stürzte ab. Nun gibt es wieder ein Opfer, alles scheint wie damals, nur gibt es nun auch einen Zeugen: Noah, erfolgloser Schriftsteller und Nachbar des Opfers, kam dem Mörder in die Quere und musste es selbst blutig büssen. Bald gibt es erste Zweifel: Ist Noah nicht nur Zeuge, sondern doch Täter? Welche Rolle spielt seine Frau dabei? Als wäre der Fall nicht schwierig genug, muss sich Blom auch noch mit dem ihm feindlich gesinnten Ermittlungsteam auseinandersetzen. 5
Sigrid Nunez: Die Verletzlichen – abgebrochenLose aneinandergereihte Erinnerungen an die Kindheit und wohl noch weiter, ich bin nicht über die jungen Jahre weggekommen, da mich das Buch nicht in seinen Bann ziehen konnte. Nirgends ein Halt, nirgends ein Zusammenhang, nirgends etwas, was mich irgendwie angesprochen hätte – oder zu wenig davon. 
Irvin D. Yalom: Wie man wird, was man ist – abgebrochenDer Autor erzählt sein Leben, erzählt von seiner Kindheit, seinem Studium, seiner Frau und wohl alles, was danach noch kommt. Er tut das sehr detailgetreu und persönlich, wie es sich gehört für eine solche Autobiografie. Irgendwann kommt in mir das Gefühl auf, dass ich nicht einem fremden Leben so genau beiwohnen möchte, ich hätte mir wohl ein paar Erkenntnisse mehr gewünscht, nicht nur das Aufzählen von Ereignissen. Wer sich für Yalom interessiert, wer gerne fremde Leben miterlebt, dem kann ich das Buch sehr empfehlen. 
Max Bentow: Der FedermannSie sind alle jung, blond und schön. Er schneidet ihnen die Haare ab, zerfleischt ihren Körper mit Messern, hinterlässt als Markenzeichen einen ausgeweideten Vogel ohne Federn. Der Berliner Kommissar Nils Trojan muss diesen verrückten Serientäter finden, bevor noch eine Frau sterben muss. Dass seine eigene Tochter in das Beuteschema passt, erhöht den Druck, zudem war da diese Warnung, dass auch Trojan selbst das alles nicht überleben wird. Blutig, temporeich und von der ersten bis zur letzten Seite packend.5
Oliver Thalmann: Mord im LandesmuseumFabio Montis Schwiegervater, der renommierte Anwalt Christian Huber, bittet ihn um Hilfe: Monti soll den Besitzer eines Bildes ausfindig machen, das er unbedingt erwerben will. Kurz darauf verschwindet just dieses Bild aus einer Ausstellung im Landesmuseum, wenig später wird dessen Besitzerin umgebracht. Wie hängen der Raum und der Mord zusammen? Als auch noch der Kurator der Ausstellung verschwindet und ein Erpresserbrief auftaucht, tappen die Ermittler vollends im Dunkeln: Welches Motiv steckt hinter all dem und wer hat ein Interesse? Monti ahnt noch nicht, dass die Aufklärung dieses Falls auch für ihn gefährlich werden kann.  5
Karen Sander: Der Sturm. Vernichtet – abgebrochen15 Jahre nach ihrer Ermordung tauchen zwei bis dahin verschollene Leichen auf, eine Kollegin wird vermisst, eine Buchhändlerin hat Albträume, Ermittlungen laufen kreuz und quer. In kurzen Kapiteln tauchen immer wieder neue Namen auf, ein roter Faden ist schwer zu finden. Vielleicht wäre es besser, wenn man die Reihe von Anfang an gelesen hätte und nicht erst mit diesem Band begonnen, aber ich kam nicht rein und war bald raus. 
Ina Haller: Aargauer GrauenEin Mitarbeiter ais Enricos Pharma-Unternehmen wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Bald stellt sich sein Tod als Mord durch eine Spinnenbiss heraus. Als kurz darauf Medikamente aus der Firma verschwinden, beschliessen Enrico und Andrina, die Sache selbst zu verfolgen, womit sie jemandem gewaltig auf die Füsse stehen und selbst in Gefahr geraten. Zudem stehen sie bei der Polizei plötzlich im Verdacht, selbst etwas mit allem zu tun zu haben. 5
Elisabeth Hermann: Zeugin der Toten – abgebrochenWir starten in einem Kinderheim, Drohungen des DDR-Regimes liegen in der Luft. Wir fahren fort in der Wohnung einer Toten, Judith ist als sogenannte Cleanerin zuständig, diese zu säubern. Danach finden wir uns in einem Fernsehstudio, brisante Akten sollen eine Bombe platzen lassen, weiter geht es bei Agententechtelmechteln und dann war ich raus. Keine Chance, in eine Geschichte hineinzukommen, keine Figur, mit der ich mich nur am Rande hätte identifizieren können, hätte ich vom Klappentext nicht gewusst, worum es gehen soll, hätte ich auf Seite 79 noch keinen Plan gehabt – nicht mein Ding. 
Romy Fölck: TotenwegAls ihr Vater zusammengeschlagen wird, fährt Frida nach vielen Jahren zurück auf den Hof in die Elbmark, um zu helfen. Dort trifft sie auf Haverkorn, der vor knapp 20 Jahren im Mord an ihrer Freundin ermittelt hat. Der Mörder wurde nie gefunden, die Tat hat das Dorf und seine Bewohner verändert. Hängen der Anschlag auf Fridas Vater und der frühere Mord zusammen? Frida will wissen, was passiert ist, doch dazu muss sie auch selbst Geheimnisse lüften, die sie seit bald 20 Jahren mit sich herumträgt. 5
Benedict Wells: Die Geschichten in unsNicht nur der Untertitel erinnert an Stephen Kings Buch «Das Leben und das Schreiben», das ganze Buch tut es. Trotzdem ist es nicht einfach eine Kopie. Benedict Wells schreibt offen wie nie über sein Aufwachsen, über seinen Weg hin zum Schriftsteller, der er heute ist. Er schreibt von seinen Plänen, von der Umsetzung, schreibt davon, wie ein Roman entsteht bei ihm und woran er anfangs scheiterte. Ein ehrliches, ein tiefgründiges, ein persönliches Buch. 5
Michaela Kastel: VerirrtVon ihrem Mann geprügelt flüchtet Felizitas mit ihrer Tochter zu ihrer Mutter. 12 Jahre haben sie sich nicht gesehen, noch immer sind die Monster präsent, die sie damals von zu Hause weggehen und nie mehr wiederkehren liessen. Nun ist es die einzige Zuflucht. Und noch immer sind da diese offenen Fragen, die Ängste, die Gefahren -und die grosse Frage: Wird ihr Mann sie finden? Und: Wem kann sie trauen? Wer sind die wirklichen Monster?5
Romy Fölck: BluthausAus dem Nichts taucht Fridas Freundin Jo auf dem Hof ihrer Eltern auf und verschwindet gleich wieder. Als in der Nähe eine Frau brutal umgebracht wird, fällt der Verdacht auf Jo. Dass sich diese kurz darauf das Leben nimmt, erhärtet diesen. Doch was hat das Ganze mit einem Mord von vor 20 Jahren zu tun? Frida setzt alles daran, den Fall aufzuklären, auch wenn sie zeitweilig an Jos Unschuld zweifelt. Dabei bringt sie sich mehr und mehr selbst in Gefahr. 5

Eine Geschichte: Wirklichkeit (XII)

Lieber Papa

„Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben.“ Max Frisch

Ich schreibe dir Briefe, einen nach dem anderen. Ich stelle Fragen, die schon so lange drehen. Ich kriegte nie Antwort. Ich habe versucht, sie selbst zu finden. Ich fand welche, nur um sie wieder zu verwerfen. Habe ich irgendwann zu hoffen aufgehört, dass sie irgendwo sind? Du wolltest sie mir nie geben. Manchmal frage ich mich: Konntest du nicht? Wo fängt Wollen an, wo hört Können auf? Oder ist es umgekehrt? Ich habe mir keine Antwort von dir erhofft auf all diese Briefe. Wie hätte ich es können? Leider sind diese Antworten nie zu meinen inneren Stimmen geworden wie all die tadelnden und zweifelnden. Und doch hoffe ich weiter. Irgendwie. Und wühle in der Kiste der Vergangenheit. Erinnere mich. Und es kommen neue Fragen auf.

Was ist wirklich passiert? Sind diese Erinnerungen richtig? Ist es so passiert? Und was war drum rum? Wie kam es dazu? Was war noch da? Ich sehe immer nur Bruchteile. Nie das Ganze. Und ich frage mich, ob ich nicht vielmehr mein Leben erfinde, wenn ich es erzähle. Ich will wahrhaftig sein. Ich bemühe mich. Ich will nichts beschönigen, nichts verbergen. Meist sind es die heiklen Punkte, die man lieber verschweigt. Da, wo es weh tut, weicht man aus. Flieht. Vor den eigenen Gefühlen. Aus Angst. Die Schmerzen nicht tragen zu können. Nicht noch einmal.

Wenn ich von mir erzählen will, muss ich mich diesen Punkten stellen. Das tut weh. Das verunsichert. Das macht Angst. Tue ich es nicht, bleibt die Geschichte blutleer. Sie wird mir nichts erzählen. Ich werde nichts verstehen. Ich bleibe, wo ich bin. Da, wo ich nicht sein will. Nur darum suche ich. Die zu bequemen Versionen meines Lebens sind die Zeit nicht wert, sie zu schreiben. Und jeder Baum, der für das benötigte Papier fiele, wäre umsonst gestorben. Zusammen mit meinen Antworten.

Manchmal frage ich mich, ob ich meine Geschichte zu düster zeige. War nicht eigentlich alles gut?

„Wir hatten es immer schön.“

Das sagtest du manchmal im Rückblick. Du wolltest, dass es schön gewesen ist. Das war der Antrieb für dein Tun. Immer. Das glaube ich. Davon gehe ich aus. Du hast mich geliebt. Du wolltest mein Bestes. Dafür hast du alles getan. Dafür hast du alles gegeben. Auch viel auf. Du hast einen Preis gezahlt. Ich weiss es. War er zu hoch? Musste sich das auszahlen?

„Mein Kind soll es mal besser haben als ich.“

Das hast du dir gesagt – als Kind schon.  So erzähltest du mal. Denkt man so als Kind? Oder hast auch du dir das zusammengereimt? Um das Heute zu stützen? Ihm eine Geschichte zu geben? Es musste gelingen. Sonst wäre der ganze Einsatz zu hoch gewesen. Das durfte nicht sein.

All deine Rollen, waren sie gespielt? Ehemann, witziger Unterhalter, zuverlässiger Familienmensch, Hüter der Ordnung. Bist du glücklich gewesen?

Ich weiss so wenig von dir. Wie warst du als Kind? Was hast du gedacht, gefühlt? Was liebtest du, wovor hattest du Angst? Was ich wiess, erfuhr ich meistens von anderen, hintenrum. Und es passte irgendwie nicht zu dem, was ich von dir erlebte.

Du warst schon einmal verheiratet. Vor Mami war da eine andere Frau. Sie hat dich enttäuscht. Verletzt. Verwundet. Du wolltest dich umbringen. Im letzten Moment wurdest du gerettet. Du, der immer sagt, man solle nicht zurückschauen. Nichts hat Gewicht, alles ist vorbei. Als du den Kopf in den Backofen stecktest, galt das nicht mehr. Für dich. Mir wolltest du es dann wieder weismachen. Und du lebtest es vor, indem du alles aus der Vergangenheit verschwiegst. Ich habe ein paar Dinge doch erfahren.   

„Das ist vorbei.“

Sagtest du.

„Das interessiert keinen mehr.“

Sagtest du und ignoriertest, dass es mich interessierte.

Man sollte nicht über Vergangenes nachdenken, darüber brüten. Du hast es offensichtlich getan. Du musst gelitten haben. Denkst du wirklich nie zurück? An den Tag, an dem du kein Morgen mehr wolltest? Von all dem hast du nie erzählt. Und von vielem anderen auch nicht. Was ich von dir weiss ist, dass du gerne an die Kunstschule gegangen wärst. Das Geld reichte nicht. Darum machtest du eine Lehre, gingst in die Werbung, was dir gefiel. Doch dann kam die Familie. Ich. Du wechseltest zur Zeitung. Mehr Geld. Mehr Freiheit. Du warst gut. Hast Tag für Tag das Blatt gesetzt. Wenn sie nicht weiterkamen, riefen sie dich. Darauf warst du stolz. Das hast du noch lange erzählt. Die Erfolge sollten dein Bild prägen.

Als ich noch klein war, hast du noch gezeichnet. Gedichtet. Bilder gestaltet. Ich erinnere mich. Sie waren gut. Sie hingen bei uns. Irgendwann hast du sie abgehängt. Ich erinnere mich, dass wir nach Bern fuhren. Ich war noch klein. Wir gingen in eine Picasso-Ausstellung. Du zeigtest mir alles. Du führtest mich in den Saal mit den Skizzen. Du erklärtest mir, wie Picasso vorging beim Zeichnen. Beim Malen. Es war so gross. Wir und Picasso. Das wiederholte sich nie mehr. Du liebtest alten Jazz. Manchmal sangst du mit. Für mich. Ich habe es geliebt. Irgendwann hast du ihn nicht mehr gehört.

Wo ging das alles hin? Wieso starb es? Starbst du ein Stück mit? Irgendwann fingst du an, mir zu erzählen, dass Künstler nicht lebensfähig seien. So wie ich, wenn ich nicht endlich normal würde. Ich sei ein weltfremder Idealist, sagtest du. Wie die Künstler. Ob ich mal so enden wolle, fragtest du mich. Und du erzähltest mir Geschichten. Von Existenzen am Rand, vom Leben in der Armut, vom Wohnen in der Gosse. Da, wo keiner etwas mit mir zu tun haben will.

Ich wollte nicht Künstlerin werden, Innenarchitektin war mein Traum. Ich erinnere mich gut, wie du reagiert hast. An die Vehemenz deines Widerstandes. Die Abwertung. Die negativen Beispiele, die schlagenden Argument. Mir gingen meine aus.

Und da ist immer wieder diese eine Frage: Warst du glücklich? Und die nächste: Hast du mir das Unglücklichsein vererbt?

(„Alles aus Liebe“, XII)