Eine Geschichte: Tiefpunkt (XXXIV)

Lieber Papa

Irgendwann hatte ich es geschafft. Ich hatte das Gewicht erreicht, das ich erreichen wollte. War ich zufrieden? Ich weiss es nicht mehr. An einem Abend ging ich zu einer Klassenfete. Ich tanzte den ganzen Abend. Als ich am nächsten Morgen auf die Waage stieg, hatte ich ein Kilo weniger. Das war zwar keine Absicht gewesen, doch es fühlte sich gut an. Ich wollte das Gewicht so halten. Die Angst, wieder zuzunehmen, war gross. Deshalb ass ich noch weniger. Und nahm noch mehr ab. Und wieder fühlte es sich gut an. Ein neues Gewicht, das ich halten wollte und deswegen noch weniger ass. Die Komplimente, die ich für meine schlanke Figur bekam, stachelten mich an. Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, war grossartig. Ich fühlte mich so gut. Endlich war ich einmal gut genug. Die Spirale begann, zu drehen. Die Angst vor dem Zunehmen liess mich immer dünner werden. Zu den Komplimenten gesellten sich besorgte Stimmen. Ich brachte sie zum Schweigen.

Tief drin wusste ich, dass ich auf keinem guten Weg war. Nur: Ich konnte ihn nicht verlassen. Ein Teil von mir steuerte ins Unglück, der andere schaute hilflos zu. Da war etwas in mir, das sich wie ein Geschwür ausbreitete. Es nahm alles in Beschlag: Gefühle, Gedanken, Handlungen. Ich sass in einem Gefängnis. Niemand hatte einen Schlüssel. Keiner bewachte die Tür. Und doch gab es kein Entkommen.

Am Schluss bestand mein Ernährungsplan aus Gurke und Hagebuttentee. Dann strich ich die Gurke. Schliesslich reduzierte ich den Tee, weil sich der Bauch danach wölbte. Erinnerst du dich noch an den Sommer, als wir zu einem Alpfest gingen? Es waren 28 Grad und ich fror. Und ich war müde. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Mehr war da wohl auch nicht mehr.

Kurz darauf ging ich zu unserem Hausarzt und sagte zu ihm:

„Ich kann nicht mehr. Ich komm da nicht mehr raus. Helfen Sie mir. Ich will ins Krankenhaus.“

Er hat mich eingewiesen. Du hast mich hingefahren. Bliebst bei mir, bis sie dich wegschickten. Der Abschied hat uns beiden wehgetan. Weisst du noch? Ich sah es in deinem Blick. Und doch: Wir waren voller Hoffnung. Jetzt würde alles gut.

(„Alles aus Liebe“, XXXIV)

Gedankensplitter: Das Leben als Fest

«Ich weiss, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes, intensives Fest.» Paula Becker

Das schreibt Paula Becker mit gerade mal zwanzig Jahren. Ist es eine Ahnung auf ein wirklich kurzes Leben? Anzeichen dafür kann sie keine gehabt haben. Oder ist es eine Lebensphilosophie? Ähnlich wie Rilke, sie ist mit ihm befreundet, sagt:

«Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.»

Was machte Paulas Leben zu diesem Fest? Ich denke, es war ihr unbeirrtes Einstehen für sich und ihre Kunst. Es war ihre Leidenschaft und die Bereitschaft, alles in Kauf zu nehmen, wenn sie dieser nur Raum geben konnte.

«Ich sehe, dass meine Ziele sich mehr und mehr von den Euren entfernen werden, dass Ihr sie weniger und weniger billigen werdet. Und trotz alledem muss ich ihnen folgen… Ich strebe vorwärts, gerade so gut als ihr, aber in meinem Geist und in meiner Haut und nach meinem Dafürhalten.» Paula Becker

Sich freimachen vom Gefallen-Wollen. Das war wohl schon immer ein Thema, vor allem für Frauen, es ist es aber in der heutigen Zeit wohl noch mehr mit all den Sozialen Medien, in denen es auf Klicks ankommt, die darüber bestimmen, ob man akzeptiert und dazugehörend sei oder eben nicht. Vielleicht ist es da aber wie bei der Lebensdauer: Nicht die Zahl der Klicks zählt, sondern die Menschen dahinter und das Miteinander im Tun und gegenseitigen Sehen und gesehen Werden – gesehen werden als Mensch, der man ist.

Eine Geschichte: Zerstörung (XXXIV)

Lieber Papa

Erinnerst du dich an Käsli? So nanntest du ihn immer. Das war leider das einzige, was mich im Zusammenhang mit ihm zum Lachen brachte. Er war ein Sadist. Und mein Lehrer. Er schikanierte mich, wo er nur konnte. Er demütigte mich. Im Sport kam er auf seine Kosten, denn da bot ich eine perfekte Zielscheibe. Aber er fand auch andere Wege.

Wie oft kam ich weinend nach Hause. Verzweifelt. Wollte nicht mehr in die Schule. Wie oft bist du in die Schule, hast mit ihm gesprochen, weil du mir helfen wolltest. Es half nichts. Im Gegenteil. Es wurde immer schlimmer. Das Schlimmste war, dass er mich vor der Klasse blossstellte. Und alle lachten. Vor allem im Turnunterricht. Er stachelte sie an und sie machten in der Umkleide weiter. Hänselten mich. Ich sei ein Mehlsack.

„“Kein Wunder ist dein Bauch so dick, du bist ja auch ständig am Essen.“

Das sagte das dünnste Mädchen der Klasse. Sie war auch die sportlichste von allen. Wenn ich heue Fotos von damals anschaue, war ich alles andere als dick. Ich war nicht knochig, aber normal. Gross halt. Und mit den ersten Kurven. Gefühlt habe ich mich wie ein Schwabbelkloss nach solchen Aussagen. Und dieses Gefühl breitete sich in mir aus. Ich wollte dünn sein. Die Rundungen mussten weg. Ich schämte mich. Für meinen Körper. Für meine Unsportlichkeit. Für mich. Ich wollte das ändern. Leider wusste ich damals nicht, was ich heute weiss.

Ich fand eine Verbündete und gemeinsam begannen wir, Diäten auszuprobieren. Die erste war, dass man ab 16 Uhr nichts mehr essen darf. Bis dahin kauten wir uns durch alles, was uns schmeckte: Salzstangen, Chips, Brot, Nüsse, Käse, Kekse und wohl so einiges mehr. Punkt 16 Uhr räumten wir zusammen. Euch erzählte ich wohl, ich hätte schon bei Celine gegessen. Ich weiss nicht mehr, wie ihr darauf reagiert habt. So oder so: Der Erfolg dieser Diät blieb aus. Es kamen weitere mit demselben Erfolg.

Blieb nur eines: Ich musste mein Essen reduzieren. Auswärts ass ich nichts mehr, euch erzählte ich, ich hätte schon gegessen. Hatten wir Auseinandersetzungen deswegen? Wie kam ich damit durch? Ich habe es vergessen. Dann wurde ich Vegetarierin. Ausgerechnet ich, die Fleisch immer so geliebt hat. Dadurch konnte ich einen grossen Teil des Essens weglassen. Ein geschickter Kniff, wie ich fand. Was habt ihr gedacht? Ich weiss, dass du es nicht verstanden hast. Du machtest immer wieder entsprechende Bemerkungen. In Humor verpackt. Der Kern war wohl ernst. Dachtet ihr, es sei eine frühpubertäre Flause, die sich wieder gibt?

Erste Erfolge stellten sich ein. Ich kam meinem kurvenlosen Ideal näher, erreichte es aber nicht. Der Blick in den Spiegel zeigte deutlich: Ich musste mehr tun. Fast schien mir, ich sei dicker geworden, obwohl die Waage weniger anzeigte. Merkwürdig, aber: Spiegel lügen nicht.

Ich ass noch weniger. Ich machte Listen mit verbotenem (sehr lange Listen) und erlaubtem (immer kürzer werdende Listen) Essen. Ich war gut. Ich war diszipliniert. Nur manchmal schielte ich sehnsüchtig auf all die verschmähten Dinge. Dann sah ich die Lösung: Im Fernsehen kam ein Film über ein Mädchen, das ass, was es wollte, ohne zuzunehmen. Was für ein Wunder. Immer nach dem Essen kotzte sie sich die Seele aus dem Leib und joggte dann fast bis zum Umfallen. Rennen war Sport, also nicht meins. Ich versuchte es mit dem Kotzen. Bis dahin war Erbrechen mein grösster Horror gewesen, da ich es aus der Kindheit kannte von all den Magen-Darm-Geschichten, für die ich anfällig gewesen war. Das nun freiwillig auszulösen? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber: Was tut man nicht alles. Ich gab mir Mühe. Und kriegte es nicht hin.

Das viele Essen war logischerweise kein Problem, die Probleme fingen danach an: Nun müsste ich den Finger in den Hals stecken. Ich stellte mir vor, wie dann diese saure Sauce über meine Hände plätscherte. Das war zu eklig. Das war unmöglich. Aber dieses ganze Essen musste raus. Was machte ich denn nun? Ich fühlte mich wie ein Klumpen. Fett. Ich war wütend. Ich hätte alles um mich kurz und klein schlagen, alles kaputt machen können. Mich am liebsten mit. In mir wurde eine Stimme immer lauter:

„Nicht mal das kriegst du hin. Nicht mal zu den einfachsten Dingen bist du fähig.“

Diese innere Vernichtung dauerte lange an. Irgendwann hast du mich weinend gefunden. Du hast mich getröstet, auch wenn du nicht verstanden hast, worum es geht. Wie hättest du das auch können? Ich verstand es doch selbst nicht. Ich hatte den Zugang zu mir verloren. Da war nur Leere. Und Trauer. Und Wut. Ich habe dir in dieser Zeit wohl oft weh getan. Das tut mir heute leid. Du hast dir Sorgen gemacht. Das weiss ich. Du fühltest dich hilflos. Auch das weiss ich. Wusste es schon damals. Und kam doch nicht aus meiner Haut. Ich war in etwas geraten, das grösser war als ich.

(„Alles aus Liebe“, XXXIV)

Maike Weisspflug: Hannah Arendt


100 Seiten

«Amor Mundi: Handelt von der Welt, die sich als Zeit-Raum bildet, sobald Menschen im Plural sind.» Hannah Arendt

Hannah Arendt, bekannt als streitbare, energische und eigenständige Denkerin, die ohne Rücksicht und manchmal sehr schonungslos, als arrogant erscheinend ihre Meinung kundtut – man könnte denken, hier spricht eine Einzelgängerin, doch weit gefehlt. Einer der obersten Werte in ihrem Denken und Handeln (was unter dem Strich das gleiche ist) ist die Vielfalt, die Pluralität. IN ihr sieht Hannah Arendt den Motivator unseres Tuns, durch sie kann unsere Welt als eine gemeinsame erst entstehen.

«Arendts wichtigste Botschaft dabei: Zusammen-Handeln macht Spass, es stiftet Sinn, auch wenn die Lage aussichtslos erscheint.» Maike Weisspflug

Dies ist sicher eine wichtige Botschaft für die heutige Zeit, in welcher sich wieder immer kleinere Gruppen positionieren und gegen andere abgrenzen, statt gemeinsam Kräfte zu nutzen und so mehr zu erreichen.

«Der Handelnde bleibt immer in Bezug zu anderen Handelnden und von ihnen abhängig; souverän gerade ist er nie.» Maike Weisspflug

Wir scheinen vergessen zu haben, dass diese Welt immer eine geteilte ist und die verschiedenen Einzelinteressen zwar wichtig und gut sein mögen, wir sie aber allein und nur auf uns gestellt mit uns im Blick nicht umsetzen können.

«Und eine gemeinsame Welt kann, so Arendt, nur zwischen Personen entstehen, die um ihre Unterschiedlichkeit wissen – als geteilte Welt, in die viele Welten passen.» Maike Weisspflug

Die Welt, in die wir durch unsere Geburt treten, ist so, wie sie die vor uns gestaltet haben. Als Neuanfang in dieser Welt – so sieht Arendt jeden neuen Menschen – ist es an uns, unseren Faden in das Gewebe der Welt zu schlagen.

«Der Mensch ist vielmehr das, was er aus sich macht. Und zwar im Rahmen seiner Möglichkeiten und Grenzen, die Arendt die ‚menschliche Bedingtheit‘ nennt.» Maike Weisspflug

Dabei ist es wichtig, einzusehen, dass wir mit dem arbeiten müssen, was wir haben. Nicht jeder besitzt jede Fähigkeit oder Möglichkeit. Das mag ungerecht erscheinen, doch lässt es sich leider nicht in allen Belangen ändern. Besser ist, die vorhandene Energie in das zu stecken, was sich ändern lässt, um das best mögliche herauszuholen aus dem, was ist.

«Geschichten erschliessen Bedeutung, ohne etwas zu eng zu definieren.» Maike Weisspflug

Hannah Arendt ist nicht nur eine tiefgründige und analytische Denkerin, sie ist eine begeisterte Geschichtenerzählerin. Ihre Bücher sind gespickt mit Literaturbezügen und auch selbst greift gerne zur Geschichte statt trockener Theorie.

Maike Weisspflug hat sich dieser Denkerin auf 100 Seiten angenommen. Ein denkbar kleiner Ramen für ein so immenses Werk, zu dem schon 1000e von Seiten geschrieben worden sind. Aber genau in dieser Kürze liegt auch der Wert dieses Büchleins. Es geht der Frage nach, wie Hannah Arendt heute noch gelesen werden kann? Wie passen ihre Theorien und Ideen in die heutige Zeit?

«Arendt kann ich solchen Momenten wie eine gute Freundin sein, die mir hilft, wieder in einen anderen Denkmodus zu kommen.» Maike Weisspflug

Maike Weisspflug geht diesen Fragen anhand von Arendts wichtigsten Werken und Gedanken nach und versucht so, Arendts Relevanz auch in Bezug auf heutige Probleme aufzuzeigen. Dass in der Kürze keine wirkliche Tiefe erreicht werden kann, liegt auf der Hand, allerdings bietet das Buch Inspirationen und Ansporn zur eigenen Lektüre. Schön wären genauere Stellenangaben zu einzelnen Zitaten gewesen, aber das wäre auf Kosten von Lesbarkeit und Platz gegangen, so dass sich das Fehlen verschmerzen lässt. Ein gelungener Versuch und gut abgerundet durch weiterführende Literatur.

Über Kunst: Matisse hat heute nicht Geburtstag

«Kreativität braucht Mut.» Henri Matisse

Heute Morgen stand ich vor meinem Bücherregal mit den Kunstbänden und überlegte, welches Buch ich offen hinlegen soll. Ich mag das, Immer, wenn ich vorbeigehe, schaue ich hin, freue mich. Manchmal entstehen ein paar Gedanken, manchmal bleibe ich stehe, blättere, lese hier und da kleine Häppchen, und gehe weiter. Die Entscheidung fiel heute schnell: Matisse sollte es werden. Einerseits mag ich diesen Künstler sehr, so dass er oft meinen Tag begleitet, andererseits hatte ich irgendwie Lust auf seine Bilder. 

Der Morgen schritt voran, ich eher schleppend mit, da ich mit einer starken Erkältung und Schlaflosigkeit kämpfe, da las ich in den Weiten des Netzes: Henri Matisse hätte heute Geburtstag. Und ich dachte, welch ein Zufall, dass ich ausgerechnet heute sein Buch herausholte. Dann wollte ich mir seine Biografie wieder etwas ins Gedächtnis holen – und siehe da: Er hätte gar nicht Geburtstag. Es zahlt sich doch aus, Dinge nochmals nachzuschlagen, die man so liest. 

So oder so freue ich mich an seinen blauen Bildern und wünsche euch einen schönen Tag – ob mit oder ohne Geburtstag.

Eine Geschichte: Es recht machen (XXXII)

Lieber Papa

Ich liebte Bücher. Erinnerst du dich? Ganze Nachmittage konnte ich auf dem Bett liegend mit einem Buch in der Hand verbringen. Ich liebte es, einzutauchen. In Geschichten. In andere Welten. Und vermutlich liebte ich auch, aus meiner flüchten zu können. Du fandest, ich müsse mehr raus. Ich könne mich nicht nur zu Hause einschliessen und lesen. Das sei nicht gut für mich. Also ging ich raus.

Ich fand etwas, das mir Spass machte: Das Eisfeld. Anfangs noch sehr zögerlich auf den Kufen, lernte ich sehr schnell immer schnellere Kurven zu drehen. Die Mädchenschlittschuhe mussten bald Hockeystiefeln weichen. Wir spielten fangen. Ich war schnell. Und gut. Eigentlich merkwürdig. Ich die Sportspfeife.

Aus den Boxen dröhnte Musik. Immer die gleichen Lieder. Ich liebe sie noch heute. Sie bringen mir ein Stück Glück zurück. Ich schwebte übers Eis, fühlte mich frei. Unbeschwert. In meinem Element. Alles andere war weit weg. Ich fand schnell Anschluss. So ungewohnt. So schön. Da war dieser eine Junge. Er war schon älter. Er war der Schnellste und Beste auf dem Eisfeld. Und: Er mochte mich. Mich…

Tagsüber fuhr ich mit dem Rad zum Eisfeld. Ich sehe den Weg noch vor mir. Nach einer kurzen Strecke auf der Strasse führte er über Felder, an Schreibergärten vorbei, durch kleine Quartiersträsschen. Ich bin ihn so oft gefahren. Immer voller Vorfreude. Ich fühlte mich lebendig. Ich gehörte dazu. Das war so neu. Angekommen sprang ich vom Rad, packte meine Sachen, rannte hinein. Ich konnte es kaum erwarten.

Ab und zu durfte ich auch abends aufs Feld, allerdings nicht mehr mit dem Rad. Du fandst das zu gefährlich. Du hast mich mit dem Auto gebracht und später wieder geholt. Ich erinnere mich nicht mehr an diese Fahrten. Nur daran, dass es manchmal eine Predigt gab. Darüber, dass ich zu viel rausgehe. Zu wenig an die Zukunft denke. Zu wenig für die Schule täte. Vielleicht mehr lesen sollte.

Erinnerst du dich an den einen Abend? Ich fragte dich, ob du mich fährst. Du sagtest ja. Doch dann fingst du an. Fandst, ich verschwende mein Leben. An die falschen Leute. Dieser Junge zum Beispiel. Der tauge nichts. Er erinnere dich an die besten Tänzer früher. Mehr Schein als Sein. Die hätten später im Leben nichts erreicht. Du sprachst von falschen Vorbildern und unnützen Freunden, davon, wie man sein Leben vergibt, wenn man die falschen Prioritäten setzt. Und noch viel mehr. Während du so sprachst, zogen wir uns an. Und dann war mir die Lust vergangen

„Du kannst die Jacke wieder ausziehen. Ich möchte nicht mehr gehen.“

Sagte ich.

„Wir haben gesagt, wir gehen, nun gehen wir.“

Sagtest du.

„Aber ich habe keine Lust mehr nach all dem.“

Wir sind gefahren. Und schwiegen. Als wäre alles gesagt.

Während ich das schreibe, kommt mir das Abba-Lied „When all is said and done“ in den Sinn.

(„Alles aus Liebe“, XXXII)

Eine Geschichte: Geheimnisse (XXXI)

Lieber Papa

Ach Papa, wer warst du wirklich? Manchmal denke ich, ich habe dich gar nicht richtig gekannt. Habe ich nicht gut genug hingeschaut? Oder wolltest du dich nicht zeigen? Wieso? Was hast du versteckt? Was war nur Schauspiel? Was echt?

Ich wusste als Kind nichts von deiner Vergangenheit. In späteren Jahren hast du ab und zu etwas erzählt, meist Oberflächliches. Lustiges. Nie Tiefes. Oder Persönliches.

Gotti hat mir ein paar Bruchstücke erzählt. Als deine ältere Schwester kannte sie dich länger. Aber auch sie wusste nur, was man von aussen sah. Ich weiss nicht mehr, wie wir dazukamen. So erfuhr ich von einem düsteren Kapitel aus deinem Leben. Dinge, die du nicht lachend weggesteckt hast. Du hast nie davon gesprochen. Wieso? Hast du dich geschämt? Ging es mich in deinen Augen nichts an? Hast du es verdrängt?

Was sie erzählte und was ich erlebte, passte nicht zusammen. Es liess sich nicht in Einklang bringen. Als ob hinter deiner heutigen Maske ein vergangenes (echtes?) Gesicht verborgen wäre. Verbogen für alle anderen. Auch für mich. So hast du alle auf Distanz gehalten. Auch mich. Das fühlt sich nicht schön an. Ein Teil deiner Maske war das Schweigen. Etwas, das du in deiner Familie gelernt hast.

„Darüber spricht man nicht.“

Was nicht gesagt wurde, existierte nicht. Präsentiert wurde nur die glatte Oberfläche. Die, welche man auf Hochglanz poliert hatte. Was störte, wurde unter den Teppich gekehrt. Stillschweigend. Einvernehmlich. So sollte es sein. Die Teppiche waren geräumig. Ganze Menschen hatten unter ihnen Platz. Zum Beispiel Grossvati. Vom verehrten Familienoberhaupt zur Persona non grata. Von heute auf morgen.

„Wir sprechen nicht mehr über Grossvati.“

Hiess es.

„Was ist passiert?“

„Das tut nichts zur Sache.“

Die Botschaft war klar. Das Thema war durch. Was folgte, war Schweigen. Zu dem Zeitpunkt war er schon viele Jahre tot. Es war ein Sockelsturz post mortem. Er starb quasi zum zweiten Mal. Ich verstand nicht, wie man einen Menschen erst lieben und loben und dann fallen lassen konnte. Ich habe auf all meine Fragen nie eine Antwort bekommen. Es gab ein paar Andeutungen. Ich weiss nicht mehr von wem. Frauengeschichten, Schulden. Alles unzusammenhängend und vage. Ich hatte ihn gerngehabt. Es war, als ob ich das nicht mehr dürfte. Was mir bleibt, ist die Erinnerung. Ich erinnere mich an die Besuche bei ihm. Er sass in seinem Sessel. Schon schlecht auf den Füssen. Ich war noch klein. Ich krabbelte vor ihn, zog ihm seine Finken aus. Ganz schnell. Er schaute runter, als ob er mich vorher nicht gesehen hätte. Und dann lachte er. Er lachte so sehr, dass sein ganzer Körper wackelte. Und da war viel, das wackeln konnte. Ich habe es geliebt. Mehr Erinnerungen an ihn habe ich nicht.

Wer war Grossvati, bevor er Grossvati wurde? Ich weiss es nicht. Es hiess mal, er hätte gerne Geschichte studiert. Das Geld fehlte, also machte er eine Lehre. Als Metzger. Weil man da immer zu essen hätte. Das glaubte er. Der Beruf machte ihm keine Freude. Später wurde er Schlachtermeister am Schlachthof Zürich. Und er litt mit den Tieren mit. Ging jedes Wochenende hin und fütterte und tränkte sie, war bei ihnen. Dann war er Wirt. Hätte die Braunen aus dem Lokal geworfen. Trotz Drohungen. Das habt ihr stolz erzählt, als er noch ein Held für euch war. Auch das zählte nicht mehr.

Wie war er für dich als Vater? Wie war deine Beziehung zu ihm? Ich weiss nur, dass er dich mal mit dem Gürtel verprügelte und du dir dann geschworen hast, dein Kind nie zu schlagen. Das hast du gehalten. Und noch eine Geschichte hast du lachend erzählt. Vom Krieg. Als das Essen knapp war. Eines Tages hättet ihr Kaninchenbraten auf dem Tisch gehabt. Euch gefreut. Bis deine Schwester nach der Katze fragte. Und Schweigen zurückkam. Grossvati hatte die Katze geschlachtet, um euch etwas auf den Tisch zu bringen. Keiner hätte einen Bissen gegessen. Er sei wütend geworden. Ich vermute, auch traurig. War es nicht gut gemeint gewesen? Während ich das schreibe, frage ich mich, wann die Geschichte für dich lustig wurde. Das waren die Geschichten, die du erzählt hast. Es waren wenige. Wie ging es dir mit all dem? Das hast du nie erzählt. Auch später nicht. Wenn ich dich fragte, wie es dir geht, kam zurück:

„Es geht mir gut.“

Du zogst diese Worte morgens an wie eine Uniform und trugst sie durch den Tag. Du warst ein Meister der Tarnung. Du lehrtest auch mich, nie zu zeigen, dass es mir schlecht geht. „Von Menschen, denen es nicht gut geht, wendet man sich ab“, sagtest du. Ich war leider nie so gut in meiner Tarnung wie du. Gute Miene zum bösen Spiel? Lag mir nie. Selbst wenn ich mich bemühte und versuchte, so zu tun, als sei alles gut: Man sah mir das Gegenteil an. Wie oft hast du mich dafür gerügt.

„Trag dein Herz nicht immer auf der Zunge!“

Hast du gesagt.

„So will niemand mit dir zusammen sein!“

Hast du gesagt. Ich habe es geglaubt. Ich glaube dir bis heute. Will es einer doch, hat er nur noch nicht gemerkt, wie ich bin. Spätestens dann ist er weg. Deine Sätze, deine Überzeugungen, deine Lehren, sie begleiten mich durchs Leben.

Wie bist du eigentlich zu dem Schluss gekommen? Dass man Menschen nicht mag, die nicht immer fröhlich sind? Mochtest du sie nicht? Weil sie dich an deine düsteren Stunden erinnerten? Oder interessierte dich schlicht nicht, wie es anderen ging? Weil du an der Oberfläche bleiben wolltest? Fürchtetest du das Aufdecken deiner eigenen Tiefen? Was hat dich in deinem Leben so sehr verletzt, dass du die Entdeckung befürchtetest?

Und so trugst du eine Maske. Schafftest Distanz. Ich hatte Ahnungen, was dahinter versteckt sein könnte. Sicher war ich nie. Ich kam sprichwörtlich nicht an dich heran. So hieltst du alle auf Abstand. Wovor hattest du Angst? Dass Nähe dich verletzbar gemacht hätte? Vor neuen Wunden? Sogar bei mir? Ich habe dich geliebt. Und wäre dir gerne nah gewesen. Ich hätte deine Nähe gebraucht. Und kam nicht zu dir durch. Auch jetzt hast du dich mir wieder entzogen. Darum bleiben mir nur diese Briefe.

(„Alles aus Liebe“, XXXI)

Ingeborg Gleichauf: Hannah Arendt und Karl Jaspers


Geschichte einer einzigartigen Freundschaft

«…als ich jung war, waren Sie der einzige Mensch, der mich erzogen hat. Als ich Sie nach dem Krieg als erwachsener Mensch wiederfand und eine Freundschaft zwischen uns entstand, haben Sie mir die Garantie für die Kontinuität meines Lebens gegeben. Und heute ist es so, dass ich an das Haus in Basel wie an die Heimat denke.»

Das schreibt Hannah Arendt in einem Brief an Karl Jaspers. Sie, die in so vielen Bereichen ihres Lebens Brüche und Verluste erlebte, fand in der Freundschaft zu ihrem früheren Professor, Doktorvater und später Freund und Vertrauten einen Menschen, der ihr ein Stück Lebensverbundenheit und Rückhalt bot, ein Gefühl von Dauer und Beständigkeit.

Er war ihr Mentor, ihr Professor, sie schreibt von Erziehen, doch die Verbindung der beiden, die enge Freundschaft über viele Jahrzehnte, war eine auf Augenhöhe. So schreibt er denn in seiner philosophischen Autobiografie:

«Mit ihr konnte ich noch einmal wieder auf die Weise diskutieren, die ich mein Leben lang begehrte… in der vollkommenen Rückhaltlosigkeit, die keine Hintergedanken zulässt – in dem Übermut, sich vergaloppieren zu dürfen, da es korrigiert wird und selber etwas anzeigt, das sich lohnt, in der Spannung vielleicht tief gegründeter Differenzen, die doch umgriffen sind von einem Vertrauen, das auch sie offenbar zu werden erlaubt, ohne dass die Neigung gemindert würde…»

Ingeborg Gleichauf hat sich dieser Beziehung angenommen. Anhand von verschiedenen Themen erzählt sie von der Freundschaft in Briefen und Gesprächen zwischen Hannah Arendt und Karl Jaspers, weist auf Gemeinsamkeiten und Gegensätzlichkeiten hin, belegt diese mit Passagen aus dem Werk der beiden. Die Autorin erweist sich dabei als durchaus belesen und kompetent, doch die beiden Menschen, um die es geht, bleiben seltsam blutleer.

Die einzelnen Kapitel sind wie Perlen auf einer Kette aneinandergefügt ohne Verbindung. So erfährt man mehr über einzelne Ansichten als die Menschen dahinter und deren Beziehung zueinander. Das ist durchaus interessant, in der Kürze aber nicht umfassend und leider am erwarteten Thema etwas vorbei.

Trotzdem ist ein aufschlussreichendes, anregendes Buch entstanden, das Lust macht, in die Werke der beiden Protagonisten einzutauchen, mit ihnen ins Gespräch zu treten, wie Gleichauf es immer wieder propagiert, leider aber zu wenig tut.

Eine Geschichte: Gemeinsame Momente (XXX)

Lieber Papa

Als ich dir vom Sporttag erzählte, bei dem all das, was ich nicht kann, so zentral war, kam mir auch das Singen wieder in den Sinn. Der Vorfall mit der Mitschülerin, die meinte, mit meiner Stimme könne man nicht singen. Und wie mir das das Singen nachher verleidet hat.

Da dachte ich an dich. Als ich noch kleiner war, hast du manchmal für mich gesungen. Nicht ernst. Es war ein kleiner Spass zwischen uns. Kein In-den-Schlaf-Singen, eher eine Parodie. Wie habe ich es geliebt. Oft war es „Uncle Satchmo’s Lullaby“ von Louis Armstrong. Du hast beide Stimmen gesungen. Zuerst hoch und piepsig:

«Ich sag gute Nacht…»

und dann tief und brummig:

«And I say good night…»

“Die Sonne geht schlafen, der Tag ist vorbei…”

«When Uncle Satchmo sings his lullaby…”

Danach konnte ich mich vor Lachen kaum mehr halten. Du hast nämlich auch den Part der Trompete gesungen. Es war wunderbar. Und ich merke, wie sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht eingenistet hat, während ich das schreibe. Ich würde es gerne nochmals erleben.

Wenn ich Louis Armstrong höre oder ein Bild von ihm sehe, denke ich an dich. Und an Uncle Satchmo. Und an diese wunderben Momente, die nur uns beiden gehörten. Es ist schön, diese Erinnerung zu haben.

Ich möchte hier nicht mehr weiterschreiben. Das soll so stehen bleiben. Weil es so schön ist. Für mich. Erinnerst du dich auch?

(«Alles aus Liebe», XXX)

Alois Prinz: Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt.


Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt

«Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen. […] Der Neuanfang steht stets im Widerspruch zu statistisch erfassbaren Wahrscheinlichkeiten, er ist immer das unendlich Unwahrscheinliche; er mutet uns daher, wo wir ihm in lebendiger Erfahrung begegnen […], immer wie ein Wunder an.»

Viele Philosophen sehen das Leben als Weg zum Tod. Philosophieren, so ein bekannter Ausspruch, heisst, sterben lernen. Hannah Arendt legt den Schwerpunkt nicht auf die Mortalität, sondern auf die «Natalität». Die Geburt ist für sie der Moment, in dem etwas Neues in die Welt kommt. Sie ist ein Anfang, der mit jedem neuen Menschenwesen gemacht wird. Dieser Blick aufs Menschsein zeigt sich auch in ihrer Definition von Gesellschaft, die sich immer nur als pluralistische sehen kann. Ein jeder Mensch hat darin in seinem So-Sein seinen Platz. Die Welt existiert nur als Geschaffene, sie ist das Dazwischen, das, was die verschiedenen Menschen zwischen sich durch Kommunikation errichten.

Wir schaffen uns unsere Welt, indem wir mit anderen in einen Dialog eintreten. Der Diskurs, die Auseinandersetzung mit anderen war es denn auch, was Hannah Arendt immer am Herzen lag. Und sie war unerbittlich. Sie sagte selbst einmal, sie sei eine Axt. Sie mied keine Auseinandersetzung, dachte «ohne Geländer» und redete niemandem nach dem Mund. Ihre unabhängige Denkart war ihr heilig.

«Immer noch scheint es mir unglaubhaft, dass ich beides habe kriegen können, die ‚grosse Liebe‘ und die Identität mit der eigenen Person. Und habe doch das eine erst, seit ich auch das andere habe. Weiss nun endlich auch, was Glück eigentlich ist.»

Es war eine grosse Liebe und eine ebensolche Verbundenheit zwischen Heinrich Blücher und Hannah Arendt. Er war der erste, mit dem sie ihre Gedanken diskutierte, die sie in ihren einsamen Denkmomenten mit sich selbst ausgemacht hatte.

«Lieber Liebster, das einzig Gute ist, dass ich schön klar weiss, wie ich zu dir gehöre.»

Er war es, der ihr immer Halt war, von ihm getrennt zu sein, war nie einfach, so dass sie die getrennten Zeiten mit vielen Briefen füllten, die hin und her flogen. Wie sie einmal ohne ihn leben solle, wisse sie nicht. Das sagte Hannah Arendt und musste es doch lernen, als Heinrich an einem Herzinfarkt starb.

Hannah Arendt stürzt sich wieder in die Arbeit, obwohl ihr die Ärzte mehrfach zum Ruhigertreten raten. Am 4. Dezember 1975 stirbt sie an einem Herzinfarkt. Hans Jonas fand diese Worte zum Abschied:ß

«Du hast die Treue gehalten, du warst immer da. Wir sind ärmer ohne dich. Die Welt ist kälter geworden ohne deine Wärme. Du hast uns zu früh verlassen. Wir werden versuchen, dir die Treue zu halten.»

Fazit zum Buch von Alois Prinz:
Ein kompetenter, gut lesbarer Einblick in das Leben und Schaffen einer der grössten Philosophinnen des letzten Jahrhunderts. Alois Prinz gelingt es, Leben und Werk in die Zeitumstände einzubetten und die Geschichte dieser Denkerin auf gut lesbare und doch kompetente Weise zu erzählen.

Bücherwelten: Barbara Bleisch – Mitte des Lebens

Kennt ihr das? Ihr wollt ein Buch so sehr mögen, weil ihr den Autor, die Autorin mögt, doch es wird schwierig?

So ging es mir mit diesem Buch. Die Mitte des Lebens. Da stecke ich gerade. Ich wäre die prädestinierte Zielgruppe. Doch es erreichte mich nicht. Barbara Bleisch nimmt sich der Mitte des Lebens an, einem Thema, das aktuell zu boomen scheint neben dem Alter danach. Ist sie Fülle oder nahendes Ende? Krise oder Aufbruch zu Neuem?

Entstanden ist ein teilweise persönliches Buch mit philosophischem Anspruch. Es ist ein Buch, das viele zitiert. Es werden mögliche Erklärungen für Befindlichkeiten geliefert, Sichtwechsel propagiert, Dankbarkeit und Genügsamkeit empfohlen. Es gibt für dieses Buch sicher ein Publikum, es ist gut lesbar geschrieben, man merkt, die Autorin ist belesen, kompetent, persönlich betroffen. Nur leider: Es war schlicht nicht für mich. Ich fand nichts Neues darin. Es war mir zu wenig lebenspraktisch und ebenso zu wenig philosophisch. Vielleicht war der Anspruch, beides abdecken zu wollen, hoch gegriffen. Was mich schmerzt: Ich wollte es so gerne mögen. Vielleicht, weil ich kurz vorher ein Interview mit ihr gehört habe und das so toll fand. Im Interview fand ich mich wieder. Im Buch leider nicht.

Habt ihr das Buch schon gelesen? Wie ging es euch damit?

Eine Geschichte: Danke sagen (XXIX)

Lieber Papa

Sport war generell ein Horror für mich, ich mochte nichts daran. Am schlimmsten waren aber die Sporttage. Vor so vielen Leuten musste ich zeigen, was ich alles nicht kann. Du bist immer gekommen, wenn du es einrichten konntest.

„Dein Vater ist ja alt.“

Und

„Mir wäre es peinlich, wenn mein Vater an den Sporttag käme. Vor allem, wenn er sich so aufführte wie deiner.“

Als ich das von einer Klassenkameradin hörte, war es mir auch plötzlich peinlich.  Es stimmte schon, die anderen Väter waren viel jünger als du. Zudem: Was sollte man bei mir anfeuern? Von Bejubeln wollen wir gar nicht reden. Es war bekannt, dass ich eine Sportniete war. Der Lehrer wurde nicht müde, mir das immer wieder zu sagen. Am liebsten für einen Lacher bei meinen Mitschülern. Die Disziplin war dabei egal. Ich konnte nichts. Es fehlte mir an allem: Kraft, Schnelligkeit und Motivation. Ich hing wie ein Mehlsack an der Kletterstange, machte an Reck und Barren in etwa dieselbe Figur. Der geworfene Speer kam unweit meiner Füsse wieder runter und ich, wenn ich hochsprang, kriegte dieselben kaum vom Boden. Ein gefundenes Fressen für Herrn Käser, meinen Mittelstufenlehrer.

„Ach schaut, das Lama kommt auch noch ans Ziel.“

Das waren seine Worte am Ziel des 100-Meter-Laufs. Er mochte mich nicht. Ich hatte ihn mal im Deutsch korrigiert. Das zahlte er mir nun doppelt und dreifach heim.

Du wusstest, wie schlimm die Sporttage für mich waren. Du wusstest, dass ich mich schämte. Dass ich litt, weil ich all das, was ich nicht konnte, präsentieren musste und gemessen wurde – an anderen und mit Noten. Du wolltest mir beistehen. Nach der Aussage meiner Mitschülerin bat ich dich immer, nicht mehr zu kommen. Den Spott darüber noch obendrauf, das war zu viel.

„Die anderen sind nur neidisch, weil ihre Eltern nicht kommen.“

Das sagtest du und ich konnte es nicht glauben.

Und dann standest du da. Und feuertest mich beim Schnelllauf an, machtest mir Mut beim Hochsprung, jubeltest, wenn ich den Ball weiter warf als letztes Mal. Es war mir so peinlich. Das zog noch mehr Aufmerksamkeit auf mich, wo ich doch am liebsten im Boden versunken wäre. Und doch war da auch noch etwas anderes. Ich fühlte mich nicht ganz allein. Du warst da. Für mich.

Wenn ich nun zurückdenke, denke ich: Ich habe mich viel zu wichtig genommen. Als ob sich die ganze Welt für meine fehlenden Sportfähigkeiten interessieren würde. Die anderen waren sicher mehr mit sich als mit mir beschäftigt gewesen. Ein paar kritische Aussagen konnten mich verunsichern und alles drum herum negativ erscheinen lassen. Ich entdecke den Zug noch heute manchmal an mir.

Habe ich dir damals je gesagt, dass ich insgeheim froh war, dass du bei mir warst? Dass du sogar die kleinsten Erfolge als solche sahst und feiertest? Interessant. Da, wo ich nichts konnte, hattest du auch keine Erwartung. Da war kein Druck, ich habe dich nie enttäuscht. Im Gegenteil: Du hast mich getröstet, wenn es nicht gut gelaufen war. Hast mich aufgebaut, wenn ich niedergeschlagen nach Hause trottete. Nahmst mich bei der Hand und versuchtest, meine Welt wieder in Ordnung zu bringen.

Wenn ich das so schreibe, kommen mir die Tränen. Ich schäme mich für die späte Einsicht. Ich würde dir gerne sagen, dass ich es heute besser weiss. Dass ich dankbar bin für dein Dasein damals. Ich möchte dir sagen, dass es mir tief drin etwas bedeutet hat, ich es nur nicht zeigen konnte. Vielleicht habe ich es damals selbst nicht gespürt, weil alles andere so laut war und die leise Dankbarkeit zudeckte. Ich hoffe, du wusstest es trotzdem. Irgendwie.

(„Alles aus Liebe“, XXIX)

Gedankensplitter: Heimat in der Liebe

«Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.»

Diese Worte schrieb einst Mascha Kaleko, nachdem sie im Leben immer wieder merken musste, dass es Heimat für sie in der Welt nicht zu geben schien. Vertrieben von den Nazis war sie nachfolgend immer auf der Suche nach einem Ort, der dem Gefühl, eine Heimat zu haben, nahekam. Gefunden hat sie es nicht an einem Ort, sondern bei ihrem Mann.

Hannah Arendt ging das gleich. Nach der nicht lebbaren Liebe zu Heidegger heiratete sie, doch die Ehe stand unter keinen guten Stern. Sie sagte selbst einst, sie könnte nicht leben ausserhalb der Liebe, doch immer fürchtete sie auch, sich in dieser selbst verlieren zu müssen. Als sie Heinrich Blücher 1936 kennenlernte, war sie endlich angekommen – in der Heimat und bei sich:

«Immer noch scheint es mir unglaubhaft, dass ich beides habe kriegen können, die grosse Liebe und die Identität mit der eigenen Person. Weiss aber nun endlich auch, was Glück eigentlich ist.» Hannah Arendt

Ihre 34 Jahre dauernde Beziehung war im Grunde ein grosses, intensives Gespräch. Im Miteinander des Sprechens erschufen sie ihre gemeinsame Welt.

«Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten. eine Welt. Die ist dann die Heimat.» Hannah Arendt

Zusammen sprechen heisst gemeinsame Welten schaffen. Das sollten wir vielleicht bedenken, wenn wir wieder dabei sind, uns abzugrenzen, zu sagen: «Mit denen sprechen wir nicht.» Welten entstehen immer zwischen Menschen. Keiner erschafft sie für sich allein.

Habt einen schönen Tag!

Jagoda Marinić: Sanfte Radikalität

«Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu schaffen.»

Das sagte Hermann Hesse und weist damit darauf hin, wie sehr wir uns mit unserem Grenzdenken selbst beschränken. Wie oft schauen wir auf die Welt und denken: „Es ist unmöglich, da etwas zu verändern.“ Oder wir sehen Missstände in der Gesellschaft und geben schon auf, bevor wir Lösungen gesucht haben, weil wir denken, dass die Strukturen nicht zu verändern sind. Wir vergessen dabei, dass diese Strukturen nicht durch eine Naturgewalt entstanden sind, sondern von Menschen gemacht wurden. Und was der Mensch macht, kann der Mensch auch verändern. Dies war auch die Ausgangslage von Jagoda Marinić. Sie wollte nicht nur in der Theorie verharren, sondern etwas auf die Beine stellen. Praktisch. Für Menschen. Ein interkulturellen Zentrums in Heidelberg.

Ein grosser Motivator war die Hoffnung: Denken, dass es möglich ist. Es gab viele Steine auf dem Weg, sie stiess auf kritische Stimmen, Ablehnung und Beleidigungen. Statt mit Wut und Hass zu reagieren entschied sie sich für eine Haltung, die zwar durchaus radikal die Ziele verfolgt, dies aber auf eine gemässigte, leise Weise. Sie suchte den Dialog, hielt durch, war beharrlich. Und es gelang. Von all dem handelt ihr neues Buch «Sanfte Radikalität».

«Sanfte Radikalität, das ist für mich die Entscheidung, eine Idee oder ein Projekt wirklich in die Welt zu bringen, statt Radikalität nur dafür zu nutzen, jene anzuprangern, die anders denken.»

Jagoda Marinić ist der Überzeugung, dass

«Zustände, die sich verändern sollen, nicht besser werden können, wenn die Menschen, die sie verbessern wollen, auf dem Weg dorthin ihre Werte und ja, ihre Sanftmut verlieren.»

In vielen jüngeren Schriften wird Wut gelobt als Motivator, etwas zu bewegen, gegen Missstände aufzubegehren. Dabei passiert es oft, dass sich Fronten mehr und mehr verhärten, weil die, welche mit Wut angegangen werden, nicht einfach anhören, was die Wütenden zu sagen haben, sondern ihre Schutzschilder, die meist aus Gegenschlägen bestehen, hochzuhalten. Auf beiden Seiten wüten dann die Emotionen, die Wut ist das Öl ins Feuer des destruktiven Konflikts, sie verunmöglicht einen sachlichen und konstruktiven Dialog und damit auch die Möglichkeit eines Wandels. Aus dieser Einsicht heraus ging Jagoda Marinić einen anderen Weg:

«Ich brauchte meine Klarsicht, um meine Fähigkeiten zusammenzuhalten, um das, was ich als Möglichkeitsraum sah, zu betreten und meine Kritik an Missständen in etwas Konstruktiveres zu verwandeln.»

Die Welt mag heute wie ein oftmals düsterer Ort erscheinen, in dem viel Unrecht und Leid herrschen. Statt mit Blick darauf zu verzweifeln und Schuldige zu suchen, dürfen wir die Hoffnung nicht verlieren, dass wir die Dinge nicht so lassen müssen, dass wir sie verändern können. Das schaffen wir nur in einem Miteinander. Es gilt also, sich zu verbinden statt immer neue Fronten zu schaffen oder bestehende zu verhärten.

«Wer Wandel will, muss jene finden und gewinnen, die für eine Sache zu begeistern sind, statt auf Radikales mit derselben Art von Radikalität zu antworten.»

Dabei ist jeder aufgefordert.

«Der Einzelne kann immer auch Verantwortung übernehmen, statt anderen nur vorzuwerfen, dass sie die Dinge nicht so tun, wie man es selbst richtig fände.»

Eine Geschichte: Vom Erinnern (XXVIII)

Lieber Papa

Ich bin müde vom Schreiben, vom Erinnern. Vom Schreiben über das, was war. Ich frage mich, wieso ich es tue. Und dann erinnere ich mich an die Energie, die dieses Erinnern und das darüber Schreiben ausgelöst hat. Immer wieder. Als ich damit anfing, war es, als wäre ein Ventil aufgegangen und alles sprudelte aus mir heraus. Und nun steht da dieses grosse «Wozu»? Die Frage nach dem Sinn und dem Zweck eines solchen Unterfangens breitet sich in meinem Kopf aus und nimmt mir die Energie, lässt das Sprudeln versiegen.

Angefangen hat alles damit, dass ich verstehen wollte. Ich wollte verstehen, wer ich bin, wer ich geworden bin und wieso. Woher kommen all die Stimmen und Gefühle in mir? Worauf gründen all die Abwertungen und Selbstbezichtigungen, die ich mir immer wieder an den Kopf werfe?

Anfangs fühlte es sich wie eine Befreiung an, alles aufzuschreiben. Doch dann kam eine Schwere, eine Trauer. Wo habe ich hineingestochen? Welches Wespennest habe getroffen? Zerstöre ich gerade etwas, weil ich durch die Sprache zu viel ans Licht hole? Wäre es ungesagt nicht an einem sicheren Ort verstaut, unsichtbar, quasi ungeschehen und nicht vorhanden? Nur: Das stimmte offensichtlich nicht. Es war ja da. Und trieb mich um. Da war etwas in mir, das mein Tun, mein Sein prägte. Es tat dies teilweise auf eine Weise, die mir immer wieder selbst das Leben schwer machte. Und ich konnte es nicht benennen. Es wütete aus dem Verborgenen heraus und hatte eine Kraft, der ich mich oft nicht widersetzen konnte. Ohne zu wissen, woher diese kam.

Unsere vermeintlich heile Familie hatte ihre Schattenseiten. In unserem Haus gab es einen dunkeln Keller und viele Teppiche, unter die zu viel geschoben worden war. Dinge, über die man nicht sprach. Alles, was nicht genehm war, kam dahin. Ganze Familienmitglieder fanden ihren Platz dort. Das war nicht nur bei uns dreien so. Das war in der ganzen erweiterten Familie so. Und irgendwann wurde auch ich darunter gekehrt. Weil ich nicht mehr ins Bild passte.

So weit bin ich noch gar nicht in meinem Erinnern. Und doch drängt es immer wieder herein. Ich weiss, dass ich dahin kommen werde, wenn ich weiterschreibe. Ich überlege, ob ich es auslasse. Drum herum schreibe. Weil es nicht schön ist. Weil es schmerzt. Weil ich mich schäme. Auch vor mir. Weil ich es verbergen möchte. Weil ich mich nicht vor allen schämen möchte. Doch dann ist es nicht mehr meine Geschichte.  

Schreiben braucht Mut. Es holt ans Licht, macht sichtbar. Ich werde diesen Mut aufbringen. Später.

(«Alles aus Liebe», XXVIII)