Ein Verlag stellt sich vor: rüffer & rub

Anne Rueffer, Verlegerin
Anne Rüffer

Wozu braucht man in Zeiten des Internets und des Selfpublishing noch Verlage? Wie sehen die Verlage selber ihre Zukunft? Denkzeiten fragt nach. 

Anne Rüffer vom Verlag rüffer&rub hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wie ist ihr Verlag entstanden? Was ist ihr Schwerpunkt?

Bei rüffer&rub publizieren wir seit über 10 Jahren ausschliesslich Sachbücher zu Fragen, die eine Antwort verdienen. Daneben finden Sie im 2008 gegründeten Römerhof Verlag Biographien von interessanten Menschen.

Wieso wurden Sie Verleger, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Als Journalistin habe ich mich vorwiegend Themen gewidmet, die im weitesten Sinne mit sozialen Fragen und gesellschaftlichen Zusammenhängen verknüpft sind und bei denen die wichtigste Überlegung lautete: Was ist die Qualität des nächsten Schritts? Mit der Zeit hatte ich jeweils derart viel Material recherchiert, dass es irgendwann hiess: Wieso machst du daraus nicht ein Buch? Der nächste Schritt folgte rasch: Da es viele relevante Themen gibt und ausgezeichnete Autoren, die fundiert recherchieren und kompetent den Inhalt darlegen können, zudem noch einen Stil beherrschen, den man literarisch nennen kann, brauchte es nur noch ein Gefäss, das alles zusammenhält. Dass es am Ende zwei Verlage werden würden, hat sich logisch ergeben: Im Jahr 2008 fiel mir auf, dass zwar nahezu jeder Verlag Biographien im Programm hat, aber dass sich niemand ausschliesslich darum bemüht, die Lebensgeschichten von Menschen zu publizieren, die eine aussergewöhnliche Leistung vollbracht haben.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Salto rückwärts – das ist nicht meine Sache, ich halte nichts vom Spekulieren über eine mögliche Vergangenheit.

Was fasziniert Sie an Büchern? Woher stammt die Liebe dazu?

Bücher sind wie beste Freunde: Wir wachsen mit ihnen auf, wir werden mit ihnen alt, mit manchen ziehen wir um, andere gehen verloren und/oder vergessen. Als Kind konnte ich mich in Büchern verstecken, mich von ihnen trösten lassen und vor allem ließen sie mich in Welten eintauchen, die mir sonst verschlossen geblieben wären.

Gibt es Bücher, Schriftsteller, die Sie persönlich geprägt haben, die Ihnen wichtig sind?

Das wechselt mit zunehmendem Alter und den persönlichen Umständen: Ganz früher Karl May (mit meiner Kinderbande habe ich seine Romane auf dem platten Land nachgespielt …), in der Phase, in der man seine Wurzeln sucht und sich verorten will, die Bücher von Elie Wiesel und die Existentialisten, im nächsten Lebens-Abschnitt und auf dem Weg zum eigenen Verlag vor allem Sozialreportagen wortgewaltiger Journalisten sowie die Bücher von Joan Didion. Und immer wieder Perlen aus der Literatur, die ich ohne »Anweisung von oben«, was man angeblich alles gelesen haben muss, durch Hinschauen, darin blättern und sich gefangen nehmen lassen, entdeckt habe.

Wie darf man sich den Alltag eines Verlages, eines Verlegers vorstellen?

Kommen Sie doch einfach mal einen Tag zu uns und schauen Sie uns über die Schulter.

Wie haben sich Ihr Verlag und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Durch die technischen Fortschritte sind viele Dinge einfacher geworden, doch das Wesentliche bleibt: Relevante Inhalte von kompetenten Autoren mit den richtigen Personen an das Publikum zu bringen.

Die Zeiten des Internets und damit die Möglichkeiten des Selfpublishing wirbeln die Bücherwelt auf. Was kann oder muss im Verlagswesen in Ihren Augen allgemein geschehen, damit nicht alles untergeht?

Vor allem nicht ständig das Mantra des Untergangs herbei zu beten! Im Grunde zählt die Fähigkeit, eine Geschichte brillant zu erzählen und ein Thema kompetent auszuschöpfen; wer das auf welchem Weg macht, ist am Ende irrelevant. Um das Buch ist mir nicht bange.

Welchen Vorteil hat ein Autor, der ein Buch bei Ihnen herausbringt, statt es in Eigenregie zu publizieren?

Wir sind dann immerhin zu zweit (und mit meinem Team gleich 7), die ihr Herzblut und ihre Fähigkeiten einsetzen, um dem Buch zum Publikum zu verhelfen.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bücher aus, die Sie veröffentlichen?

Bei uns gilt die Regel: Packt uns das Thema, trauen wir dem Autor/der Autorin die Fähigkeiten (Kompetenz, Durchhaltewillen, Engagement über 8 to 5 hinaus) zu und können wir uns vorstellen, uns dafür lange, lange einzusetzen.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Nicht besonders viel, denn unsere Aufgabe als Verleger ist es, den Inhalt mit den Autoren so zu polieren, dass der Leser zufrieden ist. In welcher Form er den Inhalt haben will, ist eine rein technische Frage. Warum sollte ich das dem Leser vorenthalten?

In Deutschland wurden in letzter Zeit immer wieder kritische Stimmen laut, Verlage nutzen ihre Praktikanten und Volontäre aus, indem so billige Arbeitskräfte ausgenutzt würden. Was ist dran? Wie sieht das in der Schweiz aus?

Wenn man eine Vollkostenrechnung macht, dann ist es schier unmöglich, mit dem Erlös aus einem Buchverkauf zu »überleben«, man muss als unabhängiger Verleger/Verlegerin schon sehr enthusiastisch sein und bereit zur persönlichen materiellen Reduktion – eine Art »Überlebenskitt«. Andererseits fasziniert die Bücherwelt und bietet eine inhaltliche Erfüllung, die man nicht in vielen Branchen findet. Will man in dieser Welt seine berufliche Erfüllung finden, ist klar, dass man finanziell – im Vergleich zur Finanzbranche – auf einem anderen (Finanz-)Planet unterwegs ist. Letztlich ist es eine Frage, wer einen denn zwingt, ein Praktikum anzunehmen. Wir ermöglichen einen vertieften Einblick in ein Berufsumfeld und dazu die Chance herauszufinden, ob die Bücherwelt wirklich die ist, in der man arbeiten möchte und ob es sich lohnt, sich dafür anzustrengen. Dass man dafür auch noch einen (kleinen) Lohn bekommt, ist doch fair, oder etwa nicht?

Auch von Seiten der Autoren hört man Klagen von zu viel Druck, zu viel Einmischung und drohenden Abgabeterminen seitens der Verlage. Wie sieht das von Verlagsseite aus? Sind Autoren heutzutage sensibler? Die Zeiten einfach härter?

Wir erleben das anders, es ist mehr die Frage: Wie kann man gemeinsam dem Buch im harten Konkurrenzumfeld zum Durchbruch verhelfen. Dass die Anforderungen grundsätzlich intensiver sind, versteht sich angesichts der Tatsache, dass man in den Medien inzwischen auch zum »Casting« antritt und der Text allein oft nicht mehr reicht, um dort anzukommen. Das kann man beklagen, doch schmollen hilft nicht. Dranbleiben und sich nicht entmutigen lassen, und ein klein wenig hoffen, dass das Glück uns schon findet.

Welchen anderen Verlag / Verleger würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Daniel Puntas – der das grossartige Heft »Reportagen« verlegt und beweist, wie man mit einer tragfähigen Idee etwas Neues aufbauen kann.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

logor & r: Fakten und Zahlen:
Gründungsdatum: Juli 2000
Anzahl Mitarbeiter: 7
Jährliche Publikationen: 8 – 12
Adresse: Konkordiastrasse 20, 8032 Zürich
Telefonnummer: ++ 044/381 77 30
Mail: info@ruefferundrub.ch
www: ruefferundrub.ch

Matthias Engels – Ein Buchhändler erzählt

Matthias Engels
denkerfotoMatthias Engels wurde 1975 in Goch geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine Buchhändlerlehre und ist diesem Beruf seit da treu geblieben. Matthias Engels ist Autor von Romanen und Lyrik, zahlreiche Texte erschienen zudem in Anthologien und Zeitschriften, und er führt als Referent für Erwachsenenbildung Interessierte in die Inhalte der Literaturgeschichte ein.  Matthias Engels lebt mit seiner Familie in der westfälischen Pampa, wie er sich selber ausdrückt. Mehr über sein Tun findet sich unter http://dingfest.wordpress.com.

Matthias Engels hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zum Berufsbild des Buchhändlers in der heutigen Zeit und die damit einhergehenden Herausforderungen zu beantworten. Er zeichnet mit seinen ausführlichen Antworten ein realistisches Bild der heutigen Buchhandelslandschaft, schält die schwierigen Punkte heraus und zeigt gangbare Wege  für die Zukunft auf.

 

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Ich arbeite in Teilzeit in einer großen Universitätsbuchhandlung mit Vollsortiment. Das Geschäft befindet sich in zentraler Lage in Münster/Westfalen und bietet auf 5 Etagen zahlreiche Fachabteilungen.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

schardtporträt2Ehrlich gesagt ist die Entscheidung im Ausschlußverfahren zustande gekommen. Nach dem Abi und dem Zivildienst habe ich mir überlegt, welche Jobs ich mir NICHT für die nächsten 40 Jahre vorstellen konnte. Bei den Dingen, die mich interessierten, Kunst und Literatur, fielen mir wenig „vernünftige“ Jobs ein, die ein Auskommen versprachen. Ich las gern, Literatur faszinierte mich und insgeheim war auch der Wunsch nach dem eigenen Schreiben da-so kam ich auf den Buchhändler. Sicher ist es Heinrich Böll, Hermann Hesse und Wolfgang Borchert ähnlich gegangen, die ja alle zunächst eine Buchhandels-Lehre begonnen hatten. „Der Junge liest gern- steck` ihn in einen Buchladen.“
Ich lernte den Beruf nach einem anfänglichen Schock schon in meiner Ausbildung lieben. Zuerst sah ich mich als Kafka-Liebhaber vor Kleintier-Ratgebern und Landkarten, die ich verkaufen musste. Als ich mein erstes Schaufenster dekorieren durfte, wählte ich dafür ausschließlich Titel von Suhrkamp und Insel aus, die wir z.T. nur mit einem einzigen Exemplar vorrätig hatten. Die Chefin lächelte und ich merkte bald, dass der Buchhandel so nicht funktioniert. Wirklich schmackhaft wurde mein Beruf durch den Kontakt mit Menschen und die Auseinandersetzung mit dem Sortiment. Ich habe meine Ausbildung und die ersten Berufsjahre in einer kleinen Buchhandlung verbracht, in der ich bald vom Einkauf über das Bestellwesen bis zum Verkauf alles allein gemacht habe. Danach tingelte ich durch verschiedene Antiquariate und bin nun seit der Geburt meiner Kinder vor über 10 Jahren in Teilzeit bei einer großen  Kette beschäftigt, in der ich massgeblich für den Verkauf zuständig bin. Ich kenne also verschiedene Ausprägungen des Buchhandels.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Schwer zu sagen. Mit dem heutigen Wissen um die Schwierigkeiten, in denen der Beruf heute steckt, vielleicht eher nicht. Dennoch halte ich den Buchhändler, wenn er vernünftig ausgebildet ist und für den Beruf brennt, immer noch für den akademischsten aller unakademischen Berufe. In meinen Augen wird er heute zu Unrecht als beinahe überflüssige Bestellmaschine angesehen. Ich habe mittlerweile die für mich perfekte MIschung gefunden: Ich schreibe und veröffentliche selbst Bücher, lese immer noch manisch und kann meine Kenntnisse an einigen Tagen in der Woche durch Beratung und Verkauf an andere Leser weitergeben. Für mich persönlich ist der buchhändlerische Alltag immer noch spannend: der Zugang zu neuer Literatur, neuen Büchern, die unbegrenzte Informations- und Recherchemöglichkeit. Auch die Veränderungen in der Branche empfinde ich als Herausforderung. Was schwierig ist, ist der neu entstandene Druck und das deutlich herabgesetzte Ansehen meines Berufs.

Was fasziniert Sie an Büchern? Woher stammt die Liebe dazu?

Meine Liebe zu Büchern begann, rückblickend, eigentlich schon als Kind. Ich las nicht nur, ich bastelte eigene Bücher, Nachschlagewerke über Dinge, die mich damals interessierten. In Kladden klebte ich Bilder und schrieb dazu; mit etwa 15 kam ich darüber und über das Tagebuch-Schreiben zu kleinen Gedichten, die selbst illustrierte, heftete oder band.

Das Buch -und damit meinte ich die Einheit von Inhalt und Form- ist als Medium perfekt für den Transport unterschiedlichster Informationen. Es wurde schon so oft totgesagt und lebt noch immer, weil es kaum ein vergleichbar vielseitiges Medium gibt. Es kann die gesamte Bandbreite an Leserwünschen erfüllen -von der Unterhaltung bis zur Vermittlung von komplexem Wissen. Es ist mit seinen Bildern, Karten, Skizzen und den unendlichen Möglichkeiten des Satzes unglaublich variabel und war schon interaktiv, bevor es den Begriff überhaupt gab: Durch Unterstreichungen, handschriftliche Einträge und eingeklebte Zettel nimmt der Leser am Text teil und greift in ihn ein. Aus der Massenware Buch wird somit ein individuelles Objekt. Ein Buch kann so klein sein, dass es in der Tasche, eng am Körper, fast wie ein Teil davon transportiert werden kann und es kann so groß sein, dass es eigene Möbelstücke erfordert. Ein und derselbe Text kann in einer kleinen Form genauso funktionieren wie als riesige Ausgabe mit Bildern. Bücher können, wenn die Einheit von Form und Inhalt stimmt, zu einer Art Fetisch werden; einem Objekt, das unheimlich viel mehr in sich trägt als Buchstaben auf Papier.

 Gibt es Bücher, Schriftsteller, die Sie persönlich geprägt haben, die Ihnen wichtig sind?

Das sind unglaublich viele und unterschiedliche. Mein Revier als Buchhhändler ist wohl am ehesten die gehobene Unterhaltung. Ich schätze Bücher, die handwerklich gut gemacht und flüssig zu lesen sind, deren Ambition dennoch höher liegt als nur zu unterhalten. Natürlich schätze ich einige moderne Klassiker und privat auch eine Art Geheim-Kanon, der im Handel praktisch nicht auftaucht. Was für mich gar nicht geht, sind Bücher ohne irgendeine Art von Humor.

 

Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Seit dem Auftauchen des Online-Handels wird das Sterben des Buchhandels prognostiziert. Trotzdem lebt er noch, denn mit diesem lediglich anderen Vertriebsweg ließ sich leben. Mit der Verbreitung des Internets in  weiteren Bevölkerungsgruppen als den sowieso schon Technik-Affinen kam aber eine andere Problematik dazu. Der Buchhändler ist nicht mehr alleiniger Hüter der Kataloge und die Bandbreite der Bezugsquellen UND Anbieter von Literatur nahm zu. Früher kam das Buch vom Verlag, der Buchhändler bestellte es dort oder über den Zwischenhändler -weder zu dem einen noch dem anderen hatte der Endkunde wirklich Zugriff. Heute kommt das Buch vielleicht von BOD oder einem kleineren Anbieter dieser Art, von einem Selfpublisher oder oder oder. Für den Käufer ist es ein Leichtes, sich im Internet das gewünschte Buch zu bestellen. Dank dem Internet ist es für jedermann möglich, in seinem Bereich zum Experten zu werden. Der Markt hat darauf reagiert und ist in den letzten Jahren mit einem Feuerwerk neuer Genres explodiert. Ein Buchhändler kann aber, bei aller Liebe, nicht Experte sein für sämtliche Schweden-Krimis, homoerotische Fantasy, Chick-Lit UND lesbische Vampirromane. Oft wird aber genau das vom Kunden erwartet. Während der Kunde selber in der Regel ein oder zwei Interessengebiete hat, über die er im Netz recherchiert, soll der Buchhändler in ALLEN fit sein, denn jeder Kunde hält seinen Geschmack (und das ist durchaus verständlich) für massgeblich und ist enttäuscht, wenn der Buchhändler SEIN Buch nicht kennt.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Unsere Buchhandlung hat als große Kette natürlich schon lange einen Online-Vertrieb, der mit seinen Lieferzeiten, Konditionen etc. Amazon in nichts nachsteht. Wir weisen darauf hin und bieten den kostenlosen Versand nach Hause an. Viel wichtiger ist aber in unserem Konzept die Beratung. Anders als andere Ketten setzen wir auf eine recht hohe personelle Besetzung, die fast ausschließlich aus gelernten Buchhändlern besteht. Weiterhin spezialisieren wir Verkäufer uns auf verschiedene Genres, um gewährleisten zu können, dass in aller Regel für jeden Kunden ein kompetenter Verkäufer anwesend ist. Da wir am gleichen Ort eine weitere Filiale mit etwas anderem Konzept haben, ist es in unserem Fall so, dass die Kunden die Wahl haben, ob sie eine gute Beschilderung zum Selbst-Finden der Ware oder eine persönliche Auskunft und eventuelle Beratung haben möchten. Bei aller selbstverständlichen Anpassung unseres Konzeptes an die neuen Gegebenheiten sind wir also im besten Sinne auch „old-school“ und setzen auf die ehemals geschätzten Qualitäten des Buchhandels: Kompetenz, Beratung und Betreuung.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Er muss, ganz vereinfacht gesprochen, den Spagat schaffen, sich einerseitsmit dem Verkauf von Bestsellern zu finanzieren, andererseits aber dennoch Qualität zu bieten. Das gilt übrigens auch für die Verlage. Der Leser, der eben nicht die Massenware möchte, darf nicht das Gefühl bekommen, er sei in einer Buchhandlung fehl am Platz oder unerwünscht. Das Prinzip der Mischkalkulation muss m.E. wieder ernster genommen werden. In unserem Laden bieten wir natürlich Dan Brown und Dora Heldt auf prominenten Plätzen an, führen aber auch Manesse-Bücher, ein großes Lyrik-Regal und Titel  von kleinen und Nischen-Verlagen. Des Weiteren muss der Buchhändler sich wieder das Vertrauen der Leser erarbeiten, wieder zum kompetenten Ratgeber werden, der mehr beherrscht als Algorithmen. Das heißt konkret: er muss auch abseits des Mainstreams bewegen und den Mut haben, diese Titel auch anzubieten, wenn sie in Frage kommen. Nur Bestseller kann auch Amazon empfehlen. Heute muss der Buchhändler weit über den Tellerrand des Vlbs hinausschauen und die vielfältigeren Recherchemöglichkeiten des Internets nutzen. Ein “Das gibt es aber nicht.“ sollte nur nach Ausschöpfen aller möglichen Quellen fallen. Kennt der Kunde Autor und Titel nicht, weiß aber, dass der Autor am Samstag in der Talkshow XY aufgetreten ist, muss der Händler auf der Seite des jeweiligen Senders nachsehen, wer es gewesen sein könnte. Qualitität im Programm und in der Beratung sind gefragt.

 Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Für den durchschnittlichen Kunden, der einen konkreten Buchwunsch hat, macht es vielleicht keinen Unterschied. Bei uns nennt er Autor und Titel und in aller Regel kann ich ihm das Buch persönlich in die Hand drücken und ihm einen schönen Tag wünschen. Meine Kolleginnen an der Kasse packen es ihm dann gerne als Geschenk ein und schenken ihm ein Lesezeichen oder ähnliches. Allerdings muss er dafür das Haus verlassen und – wenn er einen speziellen Lesegeschmack hat, ist es eher unwahrscheinlich, dass wir das Buch vorrätig haben. Ein solcher Kunde neigt wahrscheinlich direkt zur einfachen Variante des Online-Kaufens. Für den Kunden allerdings, der noch nicht so genau weiß, was er will, bietet unser Konzept einen mächtigen Vorteil, wie ich finde. Oft erlebe ich, dass Kunden nur eine vage Vorstellung haben, was sie gerne lesen würden, aber keine Ahnung, was dem entsprechen könnte. Sie haben vielleicht einen Lieblingsautor, aber alle dessen Bücher bereits gelesen. Die Algorithmen Amazons können da evtl. noch Bücher anzeigen, die von anderen Lesern dieses Autors gekauft wurden. Aber wenn unter diesen sehr unterschiedliche Querbeet-Leser waren, ist das wenig aussagekräftig. Wir können ihm durchaus sagen, wer dem Stil seines Lieblingsautors nahekommt oder wer ähnliche Themen behandelt. Für die allermeisten Titel, so möchte ich behaupten, kenne ich eine gute Ergänzung. Ob sie jetzt ähnlich oder eben komplett anders und daher interessant ist, sei mal dahingestellt. Viele Leser sind froh, wenn sie auf neue Autoren aufmerksam gemacht werden, die sie sonst nicht so schnell entdeckt hätten. Allerdings erfordert dies ein Aufeinander-Einlassen von Buchhändler und Kunde, das m.E. nicht mehr selbstverständlich ist.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Ein Stück weit gilt hier meine Antwort auf die Frage Nr. 4. Das E-book ist eine Darreichungsform des Textes. Es ist schnell verfügbar, leicht transportabel und hat somit durchaus seine Vorteile. Das gedruckte Buch geht m.E. weit darüber hinaus. Aber auch hier gilt: mit schlecht gemachten, billigen Büchern voller Druckfehler sticht man das ebook nicht aus. Billiger Druck auf billigem Papier und mit billigem Kleber aus China geleimte Bücher rechtfertigen nicht den Nimbus, den das Buch als Objekt einmal hatte. Für mich ist das Lesen eines E-books in etwa so, als schaue ich einen großen Kinofilm auf dem Laptop -ich kenne natürlich hinterher den Film, aber das Erlebnis ist ein anderes.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Generell versuchen wir alle Bücher, für die Nachfrage besteht, anzubieten. Wenn der Titel eines Selfpublishers für uns interessant sein sollte und er ist auf einem zumutbaren Weg zu besorgen-warum nicht? Allerdings würden wir keinem Titel hinterherjagen, der nirgendwo gelistet oder nur zu für den Laden unzumutbaren Konditionen zu beziehen ist. Ein gewisses Einhalten der Regeln muss gegeben bleiben. Die Fronten in diesem Konflikt haben sich ja sehr verändert. Früher galt der Verlag als Qualitätssicherung und wer keinen fand, konnte folglich nicht gut genug sein. Heute wiederum gilt es schon fast als Qualitätsmerkmal, NICHT in einem Verlag zu erscheinen. Die neuesten Plagiatsfälle rücken diese Euphorie schon wieder etwas gerade. Hier müssen sich die Verlage ein wenig an die Nase fassen und sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Es wird zu viel, zu schnell und zu günstig produziert. Lektorate etc. werden ausgelagert und eine umfassende Qualitätssicherung scheint oft nicht mehr gegeben zu sein. Die Profile der Verlage müssen wieder schärfer werden und ratsam wäre es eventuell, einfach mengenmäßig weniger und weniger austauschbare Bücher zu produzieren.

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Das ist eine komplexe Frage und ich bin mir überhaupt nicht sicher, wer der eigentlich richtige Ansprechpartner wäre. Die einfache Wahrheit: Wer schlechte Arbeit macht, sollte Pleite gehen- greift hier meines Erachtens nicht. Die Größenverhältnisse und finanziellen Mittel innerhalb der Branche sind sehr unterschiedlich. Ein Stück weit fehlt die Aufklärung. Warum ist die Buchpreisbindung in Deutschland wichtig? Wie läuft das überhaupt mit dem Buchhandel und warum sind einige Titel schwierig zu bekommen und andere nur über Amazon? Viele Kunden denken heute noch, dass ich nur zu faul zum holen, bin, wenn ich sage, das Buch könne morgen da sein. Von allen Seiten: den Händlern selbst, den Verlagen, dem Börsenverein wäre ein Schritt hin zu, Kunden ratsam. Amazon und andere Anbieter kopieren zu wollen ist keine Lösung. In nicht allzu ferner Vergangenheit staunte ich bei der Pleite des Schlecker-Konzerns darüber, wie sehr sich Öffentlichkeit und Politik für die sog. Schlecker-Frauen engagierte. Bei einer insolventen Buchhandlung, der die Kunden zum Online-Anbieter weggelaufen sind, sagt man: „Pech gehabt-Trend verschlafen!“ Obwohl momentan eine leichte Dosis Amazon-Bashing Mode ist, gibt es zu viele Kunden, die sich im Laden ausführlich beraten lassen, um dann freudestrahlend zu danken und zu sagen: „Ich bestelle es gleich im Internet!“ Letztlich ist wohl eine Sensibilisierung des Kunden von Nöten, von welcher Seite auch immer.

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

Mach es, es ist ein interessanter Job, der dir die Möglichkeit bietet, dir Wissen zu verschaffen und es weiterzugeben und der sich enorm entwickeln wird. Die nächsten Jahrzehnte werden Veränderungen bringen, an denen man teilnehmen und lernen kann. Such dir ein Spezialgebiet, auf dem du wirklich gut bist, engagiere dich. Erwarte aber keinen sicheren Job, in dem du 8 Stunden absitzen kannst. Lass dich auf Menschen ein und sei Dienstleister. Die ehemals hier und da vorgefundene Haltung, alleiniger Besitzer einer Art Geheimwissen zu sein, ist nicht mehr angemessen!

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Ich möchte generell von Schwarzweißmalerei abraten. Es gibt, bei Verlage, Selfpublishern, Buchhandlungen und Buchhändlern immer gute und weniger gute. Nicht alles, was in einem Verlag erscheint, ist gut und nicht jeder Selfpublisher verzapft nur Schrott. Andersherum ist auch nicht zwingend jedes selbstverlegte Buch der große Wurf, wie es mittlerweile beinahe dargestellt wird, einfach nur, weil es KEIN Verlag haben wollte. Man kann von der Kleinstadtbuchhandlung nicht das Sortiment einer Uni-Buchhandlung erwarten, wenn man ein hoch spezialisierter Leser ist- wenn man aber eher Mainstream liest, gibt es eigentlich keinen Grund, seine Vorort-Buchhandlung, die vielleicht nur einmal um die Ecke liegt, zugunsten Amazons zu verlassen.

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Ronsdorfer Bücherstube, Wuppertal

logoDie Ronsdorfer Bücherstube ist eine kleine, gemütliche Buchhandlung im Südosten Wuppertals. Im Sortiment findet man Bücher für Groß und Klein, Sachliteratur zu vielen Themen, Kochbücher und Reiseführer, aber auch Hörbücher, DVDs sowie Lizenzen für den Download von E-Books. Auf der Homepage der Buchhandlung findet der interessierte Leser monatliche Buchtipps, aber auch vor Ort ist man mit allen Fragen und Wünschen gut aufgehoben. Mehrmals im Jahr öffnet die Bücherstube ihre Türen für verschiedene Veranstaltungen, seien es Lesungen oder Rezitate .
 Das Team der Ronsdorfer Bücherstube besteht aus Susanna Erb, Christian Oelemann, Sabine Täger, Manuela Romund und Michael Gebauer. Christian Oelemann hat mir ein paar Fragen zu seiner Buchhandlung sowie zur Stellung von Buchhandlungen in der heutigen Zeit beantwortet. Kurz und prägnant nimmt er Stellung zur aktuellen Situation.

COChristian Oelemann, wuchs als Sohn eines Buchhändlers und einer Violistin in Wuppertal auf und bewegte sich selber schon früh zwischen Literatur und Musik. Er ist Autor von Büchern für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, engagiert sich in Schreibprojekten mit Schulklassen und arbeitet als Buchhändler.

 

Wie würden Sie Ihre Buchhandlung beschreiben?

Eine typische kleine Vorstadtbuchhandlung mit allgemeinem Sortiment und einem Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendliteratur.

Wieso wurden Sie Buchhändler, wie sah Ihr Weg dahin aus?

Mir wurde der Beruf in die Wiege gelegt, denn sowohl Vater als auch Mutter waren Buchhändler.

Würden Sie den Weg wieder gehen?

Unter veränderten Umständen ja.

 Wie haben sich Ihre Buchhandlung und ihr Beruf verändert in den letzten Jahren?

Es wird zunehmend auf Billigkeit Wert gelegt. Die Idee des festen Ladenpreises wird seit Jahren durch Schnellverramschungen hintertrieben.

Onlinevertriebe wie Amazon.de, books.ch und andere sind bequem und gewinnen immer mehr Kunden. Wie spürbar ist das in Ihrer Buchhandlung? Was tun Sie, um Schritt halten zu können?

Sehr spürbar. Ich versuche, den Kunden alles das zu bieten, was die Onlinegiganten auch bieten.

Was kann oder muss der Buchhandel in Ihren Augen allgemein tun, um zu überleben?

Er muss sich seines eigenen Wertes wieder bewusst werden.

Welchen Vorteil hat ein Kunde, der ein Buch bei Ihnen kauft, statt es übers Netz zu bestellen?

Er kann sich beraten lassen (ich rate oft auch von Büchern ab!) und er darf das Buch bei Nichtgefallen problemlos zurückgeben.

Was halten Sie von der Kontroverse Buch – E-Book?

Nichts, weil es im Grunde keine ist. Die Frage lautet eher, ob man sich mit beiden Handlungsgütern auskennt und sie beide anbietet.

Wie stehen Sie der Auseinandersetzung Verlage – Selfpublisher gegenüber? Hat ein Selfpublisher Chancen, bei Ihnen ausgestellt zu werden?

Nicht die Spur. Die Verlage vergessen zunehmend ihren gesellschaftspolitischen Auftrag!

Wenn Sie je einen Wunsch frei hätten von Verlagen, Autoren, Lesern und von der Politik, wie sähen die aus?

Mehr Nachhaltigkeit! Weniger Zeitgeistsurfen! Trifft auf alle Gruppen zu!

Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Buchhändler werden möchte?

„Lass es bleiben!“

Gibt es noch etwas, das noch nicht zur Sprache kam, das Sie wichtig finden?

Ja! Die geradezu unwürdige Behandlung von angestellten Buchhändlern seitens dubioser Geschäftsführungen.

Welche andere Buchhandlung würden Sie empfehlen für ein nächstes Porträt hier?

Buchhandlung Jürgensen in Wuppertal-Vohwinkel

Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview!

Schule

Eckdaten:
Ronsdorfer Bücherstube
Staasstrasse 11
42369 Wuppertal
Tel: +49 (0)202 246 16 03
E-Mail: info@buchkultur.de
Web: http://www.buchkultur.de

Öffnungszeiten:
MONTAGS BIS FREITAGS
09:00 – 18:30 Uhr
SAMSTAGS
09:00 – 13:00 Uhr

Vorhang auf für den Buchhandel

Ich freue mich, bald mit einer neuen Reihe hier auf Denkzeiten zu beginnen. Denkzeiten gibt kleinen (und auch grösseren) Buchhandlungen und den Menschen, die ihr Herzblut in diese stecken, eine Plattform. Sie stellen sich vor und plaudern aus dem Nähkästchen des buchhändlerischen Alltags.

Ich bin gespannt, was im Zeitalter von elektronischen Medien und Internetbestellungen über grosse Plattformen die Läden und deren Betreiber bewegt, wie sie sich positionieren, was sie an- und umtreibt.

Den Anfang wird Matthyas Jenny von der Bachletten Buchhandlung in Basel machen, danach folgen regelmässig weitere. Wer eine Buchhandlung kennt, die unbedingt ein Porträt kriegen sollte, darf die gerne melden. Ebenso dürfen sich auch Buchhandlungen und Buchhändler selber melden, die von ihrem Alltag berichten wollen, die auch den Präsenzbuchhandel vor Ort im Netz präsentieren wollen.

Ich freue mich drauf!