Selim Özdogan: Kopfstand im Karmataxi

 

„…die Sehnsucht nach Sinn wiegt möglicherweise in jedem Alter jenseits der Kindheit gleich schwer und man sieht die Dinge klarer, wenn man noch nicht zu vielen irrigen Annahmen aufgesessen ist.“  

Was ist der Sinn des Lebens und wo findet man ihn? Was ist Erleuchtung und welcher Weg führt dahin? Das hier vorgestellte Buch schildert die fast schon verzweifelte Suche nach Erleuchtung, nach Erkenntnis, nach Durchblick und nach Sinn des Lebens. Der Weg führt über Drogen, Hochschulvorlesungen, Alkohol, exzessives Gewichtheben und Zen hin zu Yoga. Allerdings endet er da nicht, sondern er scheint erst anzufangen, indem nun das ganze Erleuchtung versprechende System durchleuchtet und mit dem Verstand zerpflückt wird.

Nachdem das ruhige Sitzen in der Zenmeditation nicht die gewünschten Ergebnisse geliefert hat, stellt Yoga einen nächsten Versuch dar, dem Lebenssin auf die Spur zu kommen. Obwohl ein erster Versuch vor Jahren gescheitert ist, gibt Özgür Yolcu Yoga eine zweite Chance. Er fühlt sich nicht glücklich, obwohl er sich ein Leben geschaffen hat, wie er es sich wünscht, frei, unabhängig, selbstbestimmt. Er hadert mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten, versinkt in Selbstzweifeln. Er sehnt sich nach Glück, einem sich zuverlässig einstellenden Wohlgefühl. Nach einigen Yogastunden fühlt er es zum ersten Mal. Etwas verändert sich, er fühlt sich gut – und das Gefühl hält an. Özgür belässt es nicht bei den Asanas, sondern vertieft sich in die Philosophie des Yogas, welche er mit viel Ironie, Skepsis und Verstandesakrobatik angeht. Die regelmässigen Yogastunden zeigen erste Fortschritte, so dass er die Dosis nach und nach steigert. Nebenher widmet er sich den Yamas und Niyamas, fragt sich, welchen Sinn Pranayama macht, wenn man das Leben gar nicht verlängern will, sinniert darüber, weswegen er keinen Guru findet und was Grenzen sind. Während Özgür auf der körperlichen Ebene vom Yoga überzeugt ist, zweifelt er noch immer an der geistigen, weil er da keine Veränderung spürt. Trotzdem geht er weiter auf dem Weg, hinterfragt sich und die Welt und seinen eigenen Weg in dieser Welt.

 

Fazit:

Ein Buch, das flüssig geschrieben und leicht lesbar einen Yogaweg aufzeigt, der sich von den sonst üblichen Lobeshymnen der Schauspielerautobiographien abhebt. Mit viel Selbstironie, Authentizität und kritischem Verstand stellt Selim Özdogan das östliche System in Frage, ohne es zu verurteilen, aber auch ohne es unreflektiert zu verherrlichen.

 

Selim Özdogan: Kopfstand im Karma-Taxi. Bekenntnisse eines Pranajunkies. Edition Spuren,  Winterthur 2012. (Rezension erschienen im Schweizer Yoga Magazin)

Rainer Dresden: Beim ersten OM wird alles anders

„Über Männer, die im Lotossitz laut atmen und Om singen, habe ich noch nicht einmal gelächelt; ein derartiges Verhalten erschien mir völlig artfremd.“, schreibt Rainer Dresden in seinem witzig-ironischen Buch über seinen Weg vom Yoga-Ignoranten hin zum begeisterten Yoga-Anhänger. Yoga sei Frauensache, davon ist er spätestens in den 70er-Jahren überzeugt, nachdem er die Bücher und Sendungen der damals populären Yoga-Pionierin Kareen Zebroff gesehen hat. Er begrüsst gar die abflachende Yogabegeisterung und die aufkommende Aerobicwelle in den 80er-Jahren. Nicht dass er da hätte mitmachen wollen, aber das Zuschauen empfindet er durch die andere Art der Trikots und Frisuren attraktiver.

Zu früh gefreut, möchte man sagen, Yoga kam wieder auf und er entkommt ihm nicht mehr. Eine zu unbedacht geäusserte Bemerkung darüber, dass er den Yogakopfstand beherrsche bringt ihn in seine erste Yogastunde, welche nicht die letzte sein soll. In seinem ersten Übermut bucht er gar sogleich einen Yogaurlaub in Griechenland, welcher ihn vor die Aufgabe stellt, eine eigene Yogamatte zu besorgen. Fortan sieht man ihn mit rosa Matte unter dem Arm durch München laufen.

Schon bald ist Yoga nicht mehr aus seinem Leben wegzudenken. Mehr noch: Rainer Dresden kommt zum Schluss, dass er eigentlich schon immer Yogi war, auch wenn er sich dessen nicht bewusst war. Dass er sich auch nach einem Jahr Yoga-Unterricht weigert, gemeinsam beim OM mitzusingen, tut dem keinen Abbruch, denn Yoga heisst auch, seine Grenzen zu akzeptieren und nichts zu erzwingen.

Beim ersten OM wird alles anders handelt von der „Kunst, Yoga zu lernen und doch Mann zu bleiben“. Obwohl Yoga in Indien ursprünglich von Männern praktiziert wurde, sind es heute vorwiegend Frauen, die sich in den örtlichen Yogastudios tummeln. Das Bild, dass Yoga eine Frauensache sei, hält sich hartnäckig in den Köpfen der männlichen Spezies, wie es auch in Rainer Dresdens Kopf war. In seinem Buch beschreibt er, wie er auf den Yogaweg kam und was er auf diesem erlebte. Dabei behält er einen nüchternen Blick, zeigt auf, dass nicht überall, wo Yoga drauf steht, auch Yoga drin ist und die wirtschaftlich orientierten Versuche, Yoga mit allen Themen des sonstigen Lebens zu kombinieren, nicht immer glücklich sind.

Das Buch glänzt durch anschauliche Beschreibungen und witzige Anekdoten. Der Leser begleitet Rainer Dresden zu seinen Yogastunden, schwitzt mit ihm, ertappt sich ab und an, lesend eine Haltung nachzumachen, fiebert der ersten Nackt-Yogastunde entgegen und erkennt sich sicherlich an vielen Stellen wieder. Mit viel Humor und überhaupt nicht dogmatisch werden auch Themen wie Vegetarismus und andere yogischen Prinzipien angeschnitten. Ein Lesegenuss, welcher hoffentlich den einen oder anderen Mann dazu bringt, zur Matte zu greifen und sich in den Handstand zu schwingen.

Fazit:

Kurzweiliger Lesespass, der einen kleinen Überblick darüber gibt, was Yoga ist und versucht, mit einigen Klischees aufzuräumen.

Rainer Dresden: Beim ersten OM wird alles anders, Südwest, München 2010. (Rezension erschienen im Schweizer Yoga Magazin)