Heute las ich einen Artikel über Models, die sich die kleinen Zehen amputieren lassen, um besser in Stöckelschuhe zu passen. Kürzlich sah ich ein Finalbild eines Modelcontests und die Siegerin war Haut und Knochen. Die Mutter gab noch an, sie hätte ihrer Tochter geholfen, ein paar Pfunde zu verlieren im Hinblick auf diesen Wettbewerb. Dass das gute Kind schon vor der Abnahme nach gesundheitlichen Massstäben untergewichtig war, schien sie nicht zu kümmern. Alles für die Schönheit, alles für den Erfolg.

Die Modelwelt hat Schönheitsideale, die Gesundheitsaspekte ignoriert. Sie stellt Menschen aufs Podest, die sich diesem Diktat unterordnen auf Kosten ihrer Gesundheit, auf Kosten jeglicher Vernunft. Wozu? Für die paar Jahre Rampenlicht? Für das Geld, das lockt, wenn man wirklich on the top ist (drunter hat man nur die gesundheitlichen Risiken und hangelt sich von Casting zu Casting). Ist die Verheissung von Ruhm und Ehre so gross, dass der eigene Körper und dessen Wohlergehen nichts mehr zählt?

Man muss gar nicht so weit gehen. Schon im realen Leben (weit ab vom Scheinwerferlicht der Modelmärchenwelt) hat der Schönheitswahn Einzug gehalten. Frau muss schön sein. Sie muss gefallen. Sie will gefallen. Dafür ordnet sich alles unter, auch die eigene Gesundheit.

Schaut man auf Singlebörsen, sieht man Männer, kaum hübsch zu nennen, ein paar Kilos zu viel, ein paar Jahre über dem Zenit, die junge, schlanke, sexy Frauen suchen. Mit welchem Recht? Wieso denkt ein abgehalfterter Grufty, er könne sich gehen lassen, dürfe sich aber eine Frau an seiner Seite wünschen, die, um ihm zu gefallen, grossen Aufwand betreibt? Und wieso lässt sich Frau drauf ein? Sind wir nicht in einer emanzipierten Zeit, wo Frau gleiche Rechte hat wie Mann? Auf dem Papier schon, in den Köpfen nicht. In beider Geschlechter Köpfen nicht.

Kämpft Madame Feministin zwar auf allen Parketten der Genderdiskussion, geht sie danach heim, zieht den Lippenstift nach und pudert das Näschen, zwängt sich in Highheels (hoffentlich mit 5 Zehen pro Fuss) und stöckelt dann durch die Strassen, neben ihr der Mann in Jeanslook und Turnschuh. Er darf das, sie wäre damit out. Besteht sie auf Schlabberlook und Ökobluse, unterliegt sie neben all den anderen, die sich dem Diktat unterwerfen. Die stöckeln mit hohen Schuhen, roten Lippen und Kriegsbemalung (denn es herrscht Krieg in der Frauenwelt; jede sieht die andere als Rivalin im Kampf um den ach so begehrten Mann und dessen Aufmerksamkeit) daher, lächeln vornherum nett und spannen hintenrum den Mann aus. Die Schlampen, die, ruft die Unterlegene aus. Nun gut, jedes Spiel hat Verlierer.

Man könnte ketzerisch sein und sagen: Die (menschliche) Frau ist die Unterlegene im Evolutionsspiel. Plustert sich im Tierreich das Männchen auf, um dem Weibchen zu imponieren und es abzukriegen, hat sich im Menschendasein das Ganze gedreht. Frau muss sich verbiegen, um im Kampf der weiterzugebenden Gene zu obsiegen.

Ich erinnere mich an einen Einkaufsbummel mit meinem geliebten Vater. Das muss nun 24 Jahre her sein. Er schimpfte mit mir, weil alle  anderen Mädchen nette Jupes und Kleidchen trugen, ich ungeschminkt in Jeans daher kam. Ich solle mal was aus mir machen, meinte er. Ich erwiderte ihm, dass mich der, welcher mich möge, so nehmen müsse, wie ich sei.

Ich erinnere mich an ein Modelangebot in Jugendtagen. Mein Dad hätte meine Setcard arrangiert. Von seinem Umfeld im Winterthurer Landboten hatte er die Kontakte, auch zu Fotographen. Ich liebäugelte damit, war geschmeichelt. Sagte dann, dass ich es nicht mögen würde, auf mein Äusseres reduziert zu werden. Mein Inneres sei wichtiger.

Die Aussagen klingen cool. Sie klingen selbstbewusst. Das war und bin ich bei Weitem nicht. Ich zweifle oft. Sehe all die zurecht geschminkten Wesen in den Strassen. Wünschte mir ab und an, eines von Ihnen zu sein. Finde sie schön, mich blass. Sehe ihre Fotos auf Facebook und Twitter und lösche alle von mir, weil sie hässlich sind, wie ich finde. Doch ab und an schaue ich in den Spiegel und denke „so schlecht bist du auch nicht“.

Wo ist die Lösung? Ich habe keine Ahnung. Ich kann leider auf hohen Schuhen nicht gehen. Lippenstift mag ich nicht, fühlt sich so fremd an. Was ist schön? Wer legt den Masstab fest? Die Wirtschaft geht flöten, in den Zeitungen werden Ideale propagiert, die ungesund sind, jeder will der Schönste sein, am Meisten haben. Das Streben nach Erfolg und Ruhm ist die erste Priorität geworden. Dieses Streben lässt Werte wie Moral, Gesundheit, Natürlichkeit als Witz dastehen. Dass die Menschen daran kranken, nimmt man wahr, erörtert es in Boulevard-Medien und gesellschaftskritischen Aufsätzen, kämpft vor der Kamera für gleiche Rechte der Geschlechter, um sich hinter selbiger die Lippen nachzuziehen.

Bin ich böse? Vielleicht schon. Bin ich frustriert? Nicht grundsätzlich. Ich habe alle Zehen, darf in Turnschuhen gehen und zu Hause meine Schlabberhosen tragen. Ab und an beneide ich die überschminkten Schönheiten in Kosmetikabteilungen in Warenhäusern. Im morgendlichen Stress mit Schulkind bin ich froh, nicht den Aufwand betreiben zu müssen. Wo ist die Lösung? Ich bezweifle, dass es eine gibt. Die Welt nimmt ihren Gang. Man muss entscheiden, wo man sich einordnen will. Und dann damit leben.