Vom Aushalten der Spannung, ohne hart zu werden
Es gibt Tage, an denen ich den Eindruck habe, die Welt sei dünnhäutiger geworden. Nicht nur die Welt im grossen Sinn, nicht nur die politische Öffentlichkeit, nicht nur die sozialen Medien, sondern auch die Gespräche im Kleinen. Ein Satz genügt, und etwas kippt. Eine Nachfrage wird als Angriff gehört, ein Widerspruch wird zur Kränkung, eine Differenz wird nicht mehr als Teil des Gesprächs verstanden, sondern als Zeichen dafür, dass der andere auf der falschen Seite steht.
Vielleicht fällt mir das deshalb so auf, weil ich es nicht einfach von aussen beobachte. Ich kenne diese Dünnhäutigkeit auch an mir selbst. Ich kenne den Impuls, mich zurückzuziehen, wenn etwas zu viel wird. Ich kenne den Wunsch, mich abzugrenzen, um nicht dauernd berührt, irritiert, verletzt oder vereinnahmt zu werden. Und ich kenne zugleich das Unbehagen dabei. Denn wenn Schutz nur noch Abgrenzung bedeutet, wenn Sicherheit nur noch durch Distanz entsteht, wenn jedes Anderssein zur Zumutung wird, dann geht etwas verloren, das wir doch dringend brauchen: die Fähigkeit, in Beziehung zu bleiben.
Oft fällt in solchen Situationen das Wort «Resilienz» und oft sprechen wir davon, als ginge es dabei darum, innere Widerstandskraft und psychische Stabilität zu entwickeln, um solche Krisen überstehen zu können. So verstanden hat der Begriff etwas Tröstliches. Er verspricht, dass wir nicht einfach ausgeliefert sind. Dass Menschen sich erholen können. Dass Brüche nicht das letzte Wort haben müssen. Aber gerade deshalb ist der Begriff auch gefährdet. Zu leicht wird Resilienz zur privaten Anpassungsleistung an eine Welt, die selbst krank macht, stilisiert, stigmatisiert. Dann lautet die Botschaft: Werde stärker, damit du mehr aushältst. Optimiere deine Belastbarkeit, damit die Verhältnisse bleiben können, wie sie sind. Eine solche Resilienz ist weniger ein Heilmittel als vielmehr eine Beruhigungspille.
Wer nur den Einzelnen widerstandsfähiger machen will, ohne nach den Bedingungen seiner Erschöpfung zu fragen, verkennt das Problem. Menschen zerbrechen nicht nur an sich selbst. Sie zerbrechen an Arbeitsverhältnissen, an sozialer Unsicherheit, an Beschämung, an Ausschluss, an politischer Ohnmacht, an digitaler Überreizung, an einem Klima dauernder Bewertung. Eine Gesellschaft, die zuerst Menschen verwundet und ihnen danach Kurse in Resilienz empfiehlt ist zynisch.
Trotz all seinen Schwierigkeiten möchte ich den Begriff nicht aufgeben. Ich möchte ihn neu denken. Nicht als Technik der Selbstoptimierung, nicht als Training zur Härte, sondern als Fähigkeit, verwundbar zu bleiben, ohne zerstört zu werden. Resilienz wäre dann nicht Panzerung, sondern Beweglichkeit. Nicht Unempfindlichkeit, sondern Antwortfähigkeit. Nicht das Gegenteil von Verletzlichkeit, sondern eine Form, mit ihr zu leben.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Resilienz politisch wird.
Judith Butler hat eindringlich beschrieben, dass der Mensch kein abgeschlossenes, souveränes Wesen ist, sondern von Anfang an ausgesetzt: anderen Menschen, sozialen Ordnungen, Sprache, Anerkennung, Abhängigkeit. Wir kommen als Wesen in diese Welt, die gehalten werden müssen, bevor sie sich selbst halten können. Diese Verwundbarkeit verschwindet nicht, nur weil wir erwachsen werden. Sie verändert ihre Form. Wir bleiben angewiesen auf andere, auf Worte, auf Institutionen, auf gerechte Strukturen, auf geteilte Welten. Verletzlichkeit ist kein Defekt, sondern eine Bedingung des Menschseins. Was dabei wichtig ist, sind Formen, damit diese Verletzlichkeit nicht in Angst umschlägt. Sie braucht Beziehungen, die nicht sofort brechen. Sie braucht Räume, in denen Konflikte nicht vernichten. Sie braucht eine Kultur, in der Berührt-Werden und Gerührt-Sein nicht als Schwäche gelten. Hier beginnt Resilienz.
Resilienz bedeutet nicht, abgehärtet zu sein und die Verletzbarkeit dadurch auszuschalten. Wenn einem nichts mehr nahe geht, ist keine Stärke, sondern eine Verarmung. Wer unberührbar wird, wird nicht freier, sondern einsamer. Resilienz zeigt sich eher dort, wo ich etwas an mich heranlasse und dennoch nicht darin untergehe. Wo ich getroffen werde, aber nicht umfalle. Wo ich widersprechen kann, ohne zu zerstören. Wo ich mich schützen kann, ohne mich vollständig zu verschliessen. Das ist leicht gesagt und schwer gelebt.
Gerade im persönlichen Leben erfahre ich Resilienz weniger in den Momenten, in denen alles gelingt, als in jenen, in denen etwas nicht aufgeht: in Beziehungen, die kompliziert werden, in Erwartungen, die sich nicht erfüllen, in Momenten, in denen ein Lebensentwurf Risse bekommt. Sie ist spürbar in Erfahrungen von Verlust, Scheitern, Zurückweisung oder Unsicherheit. Mit ein bisschen Resilienz ist nicht alles gut. Es gibt Brüche, die sich nicht einfach reparieren lassen und ich misstraue der schnellen positiven Umdeutung solcher Erfahrungen. Nicht alles, was schmerzt, hat einen Sinn. Nicht alles, was uns trifft, macht uns stärker. Manchmal trifft es uns einfach. Resilienz bedeutet nicht, aus allem Gewinn zu schlagen oder jedes Unglück in Wachstum umzudeuten. Sie bedeutet eher, dass ein Mensch nicht vollständig mit seiner Verletzung identisch werden muss. Dass etwas in ihm antwortfähig bleibt. Dass der Riss zwar nicht verschwindet, aber nicht die ganze Gestalt bestimmt.
Ich mag die Sicht von Paul Ricoeur, welcher Identität nicht als starre Substanz, sondern als Erzählung, verstand. Das erinnert mich an Max Frischs Satz aus dem «Gantenbein»:
«Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.»
Wir bleiben nicht dadurch wir selbst, dass wir unverändert bleiben. Wir bleiben wir selbst, indem wir Brüche, Veränderungen, Verluste und Neubeginne in eine Geschichte aufnehmen, die wir nicht vollständig beherrschen zu können. Diese narrative Identität ist für mich ein wichtiger Gedanke, weil sie Resilienz nicht als Unversehrtheit denkt. Ein resilientes Selbst ist kein ungebrochenes Selbst, es ist ein Selbst, das sich mit Brüchen weitererzählen kann.
Daran lässt sich politisch anknüpfen, denn auch Gesellschaften erzählen sich Geschichten. Sie erzählen, wer sie sind, wer dazugehört, wer Macht hat oder bedroht wird, was verloren ging, was verteidigt werden muss. In Zeiten der Krise werden solche Erzählungen besonders mächtig. Populistische und autoritäre Bewegungen leben oft von Geschichten verletzter Gemeinschaften. Sie sprechen von Kränkung, Kontrollverlust, Entwertung, Überfremdung, Verrat. Darin stecken viele Gefühle, die man nicht vorschnell verachten sollte. Viele Menschen erleben diese tatsächlich und erleben sich dadurch in einer Ohnmacht. Viele erleben sozialen Abstieg, kulturelle Verunsicherung, fehlende Anerkennung. Das Problem beginnt nicht damit, dass Menschen verletzt werden oder sind, es beginnt dort, wo dieseVerletzungen in Feindseligkeit übersetzt wird.
Dann wird aus Schmerz Hass und aus Angst Abwertung. Aus einer Unsicherheit heraus entsteht der Wunsch nach Abschottung, denn man erhofft sich durch die Abgrenzung Schutz und das wirkt zunächst verführerisch. Grenzen geben Klarheit. Sie ordnen die Welt. Hier sind wir, dort sind die anderen. Hier ist das Eigene, dort das Fremde. Hier ist Sicherheit, dort Bedrohung. Aber eine Gesellschaft, die sich nur noch über Abgrenzung stabilisiert, wird nicht resilient, sie wird hart. Härte ist nicht dasselbe wie Stärke. Härte schützt, indem sie abschliesst. Resilienz schützt, indem sie verwandelt. Härte will nicht mehr berührt werden. Resilienz bleibt berührbar, ohne sich auszuliefern. Härte braucht Feinde, um sich selbst zu spüren. Resilienz kann Differenz aushalten, ohne sie sofort zu vernichten.
Für die Demokratie ist diese Unterscheidung zentral. Hannah Arendt hat Politik als Raum der Pluralität verstanden. Menschen treten miteinander in Erscheinung, sprechen, handeln, beginnen etwas. Politik entsteht nicht dort, wo alle gleich sind, sondern dort, wo Verschiedene eine gemeinsame Welt teilen. Diese gemeinsame Welt ist nie selbstverständlich, sie muss immer wieder hergestellt werden, im Sprechen, im Streiten, im Handeln, im Aushalten dessen, dass andere anders sehen, wo sie anders urteilen und anders hoffen.
Demokratie verlangt deshalb mehr als Meinungsfreiheit. Sie verlangt Konfliktfähigkeit. Sie verlangt die Fähigkeit, Widerspruch nicht sofort als Vernichtung zu erleben. Sie verlangt, dass wir andere nicht nur ertragen, solange sie uns bestätigen. Sie verlangt, dass wir uns bewusst sind, dass wir in einem Raum leben, der uns nicht vollständig gehört.
Das ist schwierig, war es vielleicht schon immer, nur dass es heute besonders schwierig erscheint, weil unsere öffentlichen Räume selbst nervös geworden sind. Digitale Kommunikation beschleunigt Affekte, Empörung wird belohnt, Differenz zugespitzt und Verletzung öffentlich ausgestellt, bevor sie verstanden werden kann. Wir sehen unendlich viel voneinander und begegnen uns doch oft kaum. Die digitale Öffentlichkeit erzeugt eine eigentümliche Nähe ohne Halt. Alles berührt uns, aber wenig trägt uns.
In einer solchen Öffentlichkeit wird Resilienz zu einer demokratischen Grundkompetenz. Sie bedeutet nicht, unempfindlich zu werden gegenüber Hass, Gewalt oder Lüge, sondern nicht jede Provokation sofort in den eigenen Körper hineinzulassen. Zwischen Reiz und Reaktion braucht es einen Raum. In diesem Raum entscheidet sich, ob wir nur reagieren oder antwortfähig bleiben im Sinne einer Resonanz. Hartmut Rosa beschreibt diese als eine Weltbeziehung, in der wir uns berühren lassen und zugleich antworten. Resonanz beruht weder auf Kontrolle noch in der Verschmelzung, sie setzt voraus, dass die Welt unverfügbar bleibt. Gerade deshalb ist sie lebendig. Vielleicht lässt sich Resilienz als jene Kraft verstehen, die Resonanz unter schwierigen Bedingungen ermöglicht. Sie verhindert, dass Berührung sofort Überflutung wird. Sie erlaubt Antwort, wo sonst nur Abwehr wäre.
All das passiert nicht auf der Ebene des rein rationalen Denkens, sondern es betrifft die der Gefühle. Martha Nussbaum hat gezeigt, dass Gefühle nicht einfach irrationale Störungen sind. Sie enthalten Urteile darüber, was uns wichtig ist. Angst zeigt, dass wir etwas bedroht sehen. Wut zeigt, dass wir eine Verletzung wahrnehmen. Scham zeigt, dass unser Selbstbild berührt ist. Mitgefühl zeigt, dass uns das Leid anderer angeht. Gefühle sind also nicht das Gegenteil von Vernunft, sondern Teil unserer Weise, die Welt als bedeutsam zu erfahren. Dass diese Gefühle nicht nur persönlich wirken, sondern auch politische Auswirkungen haben, liegt auf der Hand.
Eine resiliente politische Kultur würde Gefühle ernst nehmen, ohne ihnen blind zu folgen. Sie würde fragen: Was spricht aus dieser Wut? Welche Angst sucht nach Sprache? Welche Kränkung wird politisch mobilisiert? Wo wird ein reales Leiden sichtbar, und wo wird es in Hass verwandelt? Wo verteidigen Menschen Würde, und wo verteidigen sie Besitzansprüche, Privilegien oder Phantombesitz? Resilienz politisch gesehen heisst, affizierbar bleiben, ohne manipulierbar zu werden. Sich erschüttern lassen, ohne jede Erschütterung sofort als Wahrheit zu behandeln. Gefühle nicht zu verachten, aber sie auch nicht regieren zu lassen.
Resilienz ist dabei nie grenzenlos und sie bedeutet nicht, alles kann sein, ich muss nur den richtigen Umgang damit finden. Resilienz braucht Grenzen. Ein Mensch ohne Grenzen wird überflutet. Eine Gesellschaft ohne Grenzen verliert Verbindlichkeit. Auch Demokratien müssen Grenzen setzen: gegenüber Gewalt, Entmenschlichung, autoritären Fantasien, Rassismus, Misogynie, systematischer Verachtung. Eine offene Gesellschaft darf nicht naiv sein gegenüber Kräften, die ihre Offenheit zerstören wollen. Grenzen können Unterschiedliches bedeuten. Eine gute Grenze ermöglicht Beziehung. Eine schlechte Grenze ersetzt Beziehung durch Ausschluss. Eine gute Grenze sagt: So kann Begegnung gelingen, ohne dass jemand zerstört wird. Eine schlechte Grenze sagt: Du darfst nicht vorkommen. Politische Resilienz besteht darin, diese Unterscheidung zu treffen. Sie verteidigt die offene Gesellschaft, ohne selbst in die Lust an der Schliessung zu geraten.
Diese Grenzen entstehen durch gemeinsames Sprechen, Handeln, Aushandeln. Sie erfordern Kompromissbereitschaft und die Fähigkeit, mit Konflikten umgehen zu können, denn ohne diese wird es kaum gehen. Nach Chantal Mouffe gehören Konflikte zur Demokratie. Entscheidend ist, wie wird damit umgehen. Ob aus Gegnern Feinde werden oder aber eine Streitkultur entwickelt werden kann. Demokratische Politik muss Räume schaffen, in denen man einander widerspricht, ohne einander die Zugehörigkeit zur gemeinsamen Welt abzusprechen. Das ist keine Harmonie, das ist eine zivilisierte Form des Konflikts.
Vielleicht liegt darin eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gegenwart: Konflikte nicht zu verdrängen, sondern sie tragfähig zu machen. Wir müssen nicht weniger streiten, sondern anders: weniger vernichtend, weniger identitär, weniger süchtig nach Sieg und mehr an der Sache orientiert, an der gemeinsamen Welt, an der Frage, wie wir nach dem Streit weiter miteinander leben können. Das gerät häufig aus dem Blickfeld: Wir müssen auch nach dem Streit noch zusammenleben. Wer nur noch gewinnen will, denkt nicht mehr an das Danach. Demokratie hat aber immer ein Danach. Man streitet, verliert, gewinnt, verhandelt, beginnt neu. Eine demokratische Gesellschaft braucht deshalb Menschen und Institutionen, die Niederlagen aushalten können, ohne das ganze Spiel zu zerstören. Auch das ist Resilienz. Doch wie entsteht sie?
Ich glaube, sie entsteht nicht durch Appelle allein. Man kann Menschen nicht einfach zur Resilienz auffordern. Resilienz wächst aus Erfahrungen. Aus der Erfahrung, dass ein Konflikt nicht das Ende einer Beziehung sein muss. Aus der Erfahrung, dass ein Fehler nicht die ganze Person vernichtet. Aus der Erfahrung, dass man widersprechen darf und dennoch dazugehört. Aus der Erfahrung, dass Grenzen respektiert werden. Aus der Erfahrung, dass Verletzungen ausgesprochen werden können, ohne sofort Gewalt auszulösen. Darum beginnt das Entwickeln von Resilienz früh: in Familien, in Schulen, in Freundschaften, in Arbeitszusammenhängen. Kinder lernen nicht nur Inhalte, sie lernen Weltverhältnisse. Sie lernen, ob Fragen willkommen sind, ob Widerspruch gefährlich ist, ob Leistung Liebe ersetzt, ob Scheitern beschämt und ob Unterschiede ausgehalten werden. Eine Schule, die nur Anpassung, Vergleich und Verwertbarkeit einübt, bildet keine resilienten Menschen oder Bürgerinnen und Bürger. Sie bildet Menschen, die funktionieren sollen und die sich bei Nichtfunktionieren für defekt halten.
Demokratische Bildung müsste deshalb Räume schaffen, in denen Selbstwirksamkeit, Konfliktfähigkeit und Perspektivenwechsel geübt werden. Nicht als schönes Zusatzprogramm, sondern als Kern politischer Bildung. Wer erlebt, dass die eigene Stimme zählt, entwickelt eher Vertrauen in Öffentlichkeit. Wer erlebt, dass Konflikte bearbeitet werden können, muss sie später weniger fürchten. Wer erlebt, dass Zugehörigkeit nicht an Gleichförmigkeit gebunden ist, wird weniger anfällig für autoritäre Versprechen.
Auch Institutionen können resilient oder fragil sein. Resiliente Institutionen sind nicht jene, die nie erschüttert werden. Es sind jene, die Kritik aufnehmen können, ohne sofort zu kollabieren. Die Fehler korrigieren können, ohne ihre Legitimität vollständig zu verlieren. Die transparent genug sind, um Vertrauen zu ermöglichen, und stabil genug, um nicht jeder Stimmung nachzugeben. Wo Institutionen jede Kritik abwehren, werden sie hart. Wo sie jeder Erregung nachgeben, werden sie schwach. Resilienz liegt in der Fähigkeit zur lernenden Stabilität.
Resilienz muss immer doppelt gedacht werden: als Fähigkeit des Einzelnen und als Aufgabe der gemeinsamen Welt. Der Einzelne kann lernen, mit Verletzlichkeit, Angst und Konflikt anders umzugehen. Aber die Gesellschaft muss Bedingungen schaffen, unter denen Menschen nicht dauernd überfordert, beschämt und ausgeschlossen werden. Resilienz ist keine Entschuldigung für schlechte Verhältnisse. Sie ist die Fähigkeit, in beschädigten Verhältnissen handlungsfähig zu bleiben und zugleich an ihrer Veränderung zu arbeiten.
Resilienz ist dann keine Härte gegen die Welt. Sie ist Treue zur Welt, obwohl sie schwierig ist. Sie ist die Fähigkeit, nicht aufzuhören, an Beziehung zu glauben, nur weil Beziehung verletzlich macht. Und vielleicht ist genau das heute eine der politischsten Formen von Hoffnung.
Vielleicht ist die Welt zu schnell geworden. Medien liefern schneller, Soziale Medien reagieren unmittelbar und erwarten das auch von uns. Vielleicht müssten wir Langsamkeit wieder als politische Tugend verstehen. Langsamkeit bedeutet nicht Untätigkeit. Sie bedeutet, dem Denken Zeit zu geben, bevor es sich in Reaktion erschöpft. Sie bedeutet, nicht jeden Impuls sofort zur Haltung zu erklären. Sie bedeutet, Komplexität nicht als Zumutung abzuwerten. Eine resiliente Kultur braucht solche Unterbrechungen. Sie braucht Atem. Sie braucht Formen der Distanz, die nicht Abbruch bedeuten, sondern Klärung ermöglichen.
Auch persönlich kenne ich das: Wenn ich sofort reagiere, spreche oft nicht ich, sondern meine Verletzung. Wenn ich einen Moment warte, kann aus derselben Verletzung Sprache werden. Vielleicht ist dieser kleine Zwischenraum unscheinbar, aber er ist persönlich und politisch von grosser Bedeutung. Gesellschaft besteht auch aus Millionen solcher Zwischenräume. Aus Momenten, in denen Menschen nicht zurückschlagen. Nicht nachtreten. Nicht beschämen. Nicht sofort das Schlimmste unterstellen. Sondern fragen, warten, unterscheiden, antworten.
Das klingt bescheiden. Aber vielleicht beginnt jede demokratische Kultur genau dort.
