Zu Daniel Schreiber: Liebe! Ein Aufruf

Liebe als Zumutung

Es gibt Wörter, die wirken verbraucht, bevor man sie überhaupt ausspricht. Liebe ist eines davon. Zu oft ist sie zum privaten Gefühl verengt worden, zum romantischen Versprechen, zur therapeutischen Formel, zur weichgezeichneten Gegenwelt einer harten Realität. Wer heute von Liebe spricht, riskiert deshalb schnell den Verdacht der Naivität. Und wer von Liebe im politischen Raum spricht, noch mehr. Daniel Schreiber geht dieses Risiko bewusst ein. Sein neues Buch Liebe! Ein Aufruf ist kein Ratgeber zur Herzensbildung, kein Trostbuch für empfindsame Zeiten, sondern der Versuch, einen Begriff zurückzugewinnen, der aus dem politischen Vokabular fast verschwunden ist: Liebe als Gemeinsinn, als Fürsorge, als solidarische Weltzuwendung.

Schreiber setzt bei einer Erfahrung an, die vielen vertraut sein dürfte: der politischen Lähmung. Die Gegenwart erscheint überfüllt mit Krisen, Überforderungen, Zumutungen. Man liest Nachrichten und spürt nicht zuerst den Impuls zu handeln, sondern den Wunsch, sich abzuwenden. Die Welt wird zu laut, zu hart, zu roh. Genau von dieser Ohnmacht spricht Schreiber. Er verbindet diese Gegenwart mit Erinnerungen an die sogenannten Baseballschlägerjahre im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern, in denen rechtsextreme Gewalt für ihn persönlich eine reale Bedrohung war. In einem Interview beschreibt er diese Erfahrung als ein Wissen, als schwuler Mann bestimmte Orte nicht betreten zu können, ohne gefährdet zu sein.

Damit beginnt das Buch an einer wichtigen Stelle: nicht bei einer abstrakten Theorie, sondern bei einer Wunde. Das ist seine Stärke. Schreiber weiss, wovon er spricht, wenn er von Angst, Rückzug und politischer Erschöpfung schreibt. Er schreibt nicht von oben herab über die Schwäche anderer, sondern aus der eigenen Erschütterung heraus. Gerade dadurch wird seine Frage ernst: Was setzt man einer Kultur der Härte entgegen, wenn man selbst müde geworden ist? Was bleibt, wenn Empörung nicht mehr trägt, wenn Analyse allein nicht genügt, wenn Kritik zwar recht hat, aber keine gemeinsame Welt mehr baut?

Schreibers Antwort lautet: Liebe. Aber er meint damit ausdrücklich nicht romantische Zuneigung, nicht private Sympathie und auch nicht die moralische Verpflichtung, alle Menschen mögen zu müssen. Gemeint ist eine politische Haltung, die Gemeinsinn, Fürsorge, Solidarität und Verantwortung für kommende Generationen umfasst, Werte, die seit der Antike der Liebeskonzeption zugeordnet werden. Bei diesem Liebesbegriff geht es um die Rückbesinnung auf eine politische Kraft, die keine Übereinstimmung der Meinungen verlangt, sondern eine grundlegende Menschlichkeit im Umgang miteinander bedeutet.

Das ist ein kluger Zug, denn das Problem der Gegenwart ist nicht nur, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sind, das war in Demokratien nie anders und ist auch nicht ihr Schaden. Das Problem beginnt dort, wo aus Gegnern Feinde werden, wo das Politische nicht mehr als gemeinsamer Raum des Streitens verstanden wird, sondern als Kampf um Vernichtung, Demütigung, Ausschluss. Schreiber verweist hier auf Hannah Arendt, deren Denken im Hintergrund des Buches eine zentrale Rolle spielt. Arendt war skeptisch gegenüber der Liebe als politischem Prinzip, weil Liebe das Licht der Öffentlichkeit scheut und leicht in Ausschliesslichkeit kippt. Aber sie wusste zugleich, dass Politik ohne Weltliebe, ohne Amor Mundi, nicht bestehen kann. Wer die Welt nicht liebt, wird sie nicht erhalten wollen. Wer sie nicht als gemeinsame Welt erfährt, wird sie entweder beherrschen oder verlassen.

Liebe meint also nicht Verschmelzung, sondern Beziehung. Nicht Harmonie, sondern die Bereitschaft, die Welt mit anderen zu teilen. Das ist ein anspruchsvoller Gedanke, weil er der gegenwärtigen politischen Affektlage widerspricht. Vieles in unserer Öffentlichkeit ist auf Trennung angelegt: auf Lager, Identitäten, Erregungen, Abgrenzungen. Die digitale Gegenwart belohnt nicht das Verstehen, sondern die Zuspitzung. Härte wirkt entschlossener als Zuwendung. Misstrauen wirkt intelligenter als Vertrauen. Kälte gibt sich als Realismus aus. In einer solchen Lage ist es tatsächlich radikal, von Liebe zu sprechen, nicht, weil Liebe weich wäre, sondern weil sie die Logik der Verachtung unterbricht.

Das Buch gewinnt dort seine Kraft, wo Schreiber diese Unterbrechung konkret denkt. Es reicht nicht, gegen Hass zu sein. Man muss Formen finden, in denen Menschen wieder anders miteinander in Berührung kommen. Schreibers Aufruf mündet am Ende ins Kleine: radikale Freundlichkeit im Alltag, gemeinschaftliche Räume, organisierter Widerstand, der nicht perfekt sein muss. Wer alles richtig machen will, tut am Ende oft gar nichts. Schreiber hält dagegen: Es geht darum, es zu versuchen.

Daniel Schreibers Liebe! Ein Aufruf ist kein makelloses Buch. Manchmal wünscht man sich mehr begriffliche Strenge, mehr Unterscheidung zwischen Moral, Politik und Gefühl, mehr Analyse der materiellen Bedingungen von Lieblosigkeit. Aber vielleicht wäre dann auch etwas verloren: die Dringlichkeit, die Verletzlichkeit, der Ton eines Menschen, der nicht mehr nur recht haben will, sondern wieder handlungsfähig werden möchte. In einer Zeit, in der Härte als Stärke gilt und Menschenverachtung als Meinung getarnt wird, ist das nicht wenig.

Vielleicht liegt genau hier die produktive Spannung des Buches. Schreiber schreibt keinen politischen Theorieentwurf und keine soziologische Studie. Liebe! Ein Aufruf ist als schmaler Essay bewusst appellativ angelegt. Es will nicht abschliessend erklären, sondern bewegen. Es will einen Begriff wieder hörbar machen, der unter Zynismus, Angst und falscher Coolness begraben liegt. Darin erinnert Schreiber an Erich Fromm, der Liebe nicht als Gefühl verstand, das einem zustösst, sondern als Praxis, als Kunst, als Fähigkeit. Auch Martin Luther King klingt im Hintergrund mit: Liebe als Widerstand gegen Entmenschlichung, nicht als Einverständnis mit Unrecht.

Am überzeugendsten ist das Buch deshalb dort, wo Liebe nicht als Lösung erscheint, sondern als Anfang. Als eine Haltung, die der Ohnmacht widerspricht. Als eine Weise, nicht aus der Welt zu fallen. Als Entscheidung, die gemeinsame Welt nicht denen zu überlassen, die sie in Feinde und Besitzer, Zugehörige und Ausgeschlossene, Starke und Schwache aufteilen wollen. Liebe in diesem Sinn ist keine private Wärmezone. Sie ist eine Zumutung. Sie verlangt, dass ich mich berühren lasse, ohne mich überwältigen zu lassen. Dass ich widerspreche, ohne zu verachten. Dass ich Grenzen ziehe, ohne die Menschlichkeit preiszugeben. Dass ich handle, obwohl ich weiss, dass mein Handeln unvollkommen bleibt.

Dieses Buch erinnert daran, dass Demokratie nicht nur Verfahren braucht, sondern Haltungen. Nicht nur Institutionen, sondern Menschen, die bereit sind, eine gemeinsame Welt zu wollen. Liebe rettet die Welt nicht von selbst, aber ohne eine Form von Weltliebe, ohne Fürsorge, Gemeinsinn und tätige Mitmenschlichkeit wird keine demokratische Welt zu retten sein. Genau darin liegt die eigentliche Pointe dieses Aufrufs: Liebe ist nicht das Gegenteil von Politik, sie ist vielleicht eine ihrer vergessenen Voraussetzungen.

Daniel Schreiber: Allein

Inhalt

«Einsamkeit ist ein Gefühl, das jede und jeden von uns früher oder später einholen wird, egal, wie viele Freundschaften wir pflegen, egal, ob wir in einer Partnerschaft leben.»

Daniel Schreiber nähert sich dem Thema Alleinsein auf verschiedenen Wegen, er greift auf eigene Erfahrungen zurück und erzählt aus seinem Leben, er beruft sich auf philosophische und soziologische Ideen sowie auf psychologische Erklärungen.

«In mancher Hinsicht lässt sich, wenn man allein lebt, das ganze Leben als ein «uneindeutiger Verlust» beschreiben. Man trauert, auch ohne es zu merken, um eine Idee von Zweisamkeit, die überall in der Luft liegt, an die man selbst glaubt oder zumindest geglaubt hat.»

Entstanden ist so ein sehr persönliches Buch über ein aktuelles Thema, ein Buch mit der zentralen Frage, wie wir leben wollen und können.

Weitere Betrachtungen

«Denn an manchen Tagen glaubte ich zu ahnen, dass ich auch allein lebte, weil mir so etwas wie eine essentielle Zuversicht fehlte. Ich hatte ganz grundsätzlich nicht den Eindruck, dass vor mir eine gute, eine vielversprechende Zukunft lugt, eine Zukunft, die es sich zu teilen lohnt.»

Daniel Schreiber erzählt aus seinem Leben, er erzählt aus seinem Alleinsein unter Paaren, aus der Zurückgeworfenheit auf sich selber vor allem auch in der Coronazeit, in welcher Kontakte nach aussen weniger wurden und alle im eigenen Familienverband eingeschlossen waren. In solchen Zeiten fällt das eigene Alleinsein doppelt ins Gewicht. Kann man sich sonst noch mit vielen Freunden und Unternehmungen aus der einsamen Wohnung in eine gefühlte und auch gelebte Gemeinschaft begeben – flüchten? – bleibt das plötzlich aus.

«Zwischen all den Geschichten, die wir uns erzählen, um zu leben, und zwischen all den Versuchen, diese Geschichten abzulegen, gibt es Momente der Stille. Es sind genau diese Momente, in denen sich das Leben neu schreibt.»

Daniel Schreiber zeigt weiter, wie wir uns oft selber erzählen, was wir glauben wollen, unsere persönliche Geschichte vom guten und gewünschten Leben. Bis etwas kommt und die Geschichte ad absurdum führt. Vielleicht will man in Tat und Wahrheit gar nicht allein sein, aber es geht nicht anders? Weil keiner sich findet, der passt? Weil man Angst hat?

Wir lesen in diesem Buch auch von vielen persönlichen Erlebnissen, Abgründen, Möglichkeiten des Umgangs mit dem Alleinsein. Die Offenheit, wie hier Persönliches schonungslos offen dargelegt wird, ohne Selbstmitleid aber doch mit einer guten Portion Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge, gibt dem Leser das gute Gefühl, nicht allein zu sein in seinem ab und zu gefühlten und vielleicht auch erlittenen Alleinsein.

Persönlicher Bezug
Alleinsein und Einsamkeit sind Themen, die mich immer wieder beschäftigten im Leben. Als Einzelkind in einer sehr kleinen Familie ist man schon von klein auf gewöhnt, ab und an allein zu sein, als eher introvertierter Mensch mit einem grossen Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug, lebt man das Alleinsein auch später weiter.

Ich bin gerne allein, war auch lange Zeiten in meinem Leben allein. Ich denke, ich kann es gut und brauche es mitunter. Ich merke aber durchaus, dass es einfacher ist, allein zu sein, wenn man weiss, dass Menschen da sind. Das Alleinsein im Wissen, dass keiner da ist, den man anrufen könnte, der an einen denkt, der einem zugewandt ist, muss ein grausames sein. Und selbst wenn man ein Umfeld hat, gibt es mitunter Momente, wo das Alleinsein über einen hereinbricht, einen förmlich erdrückt.

Oft schämte ich mich wohl dafür, wollte mir auch nach aussen keine Blösse geben. Wenn man unter dem eigenen Alleinsein leidet und dies kommuniziert, zeigt man auch, dass man es gerne anders hätte und wohl schlicht nicht schaffte. Das nagt am Selbstbewusstsein. Zwar kann man sich selten selber belügen, aber wenigstens nach aussen möchte man das Bild aufrechterhalten, das eigene Leben so zu leben, wie man es leben möchte. Und gerade durch diesen Stolz, dieses Aufrechterhalten einer Illusion nach aussen drängt man sich wohl selber noch mehr ins Alleinsein zurück.

Ich habe mich manchmal beim Lesen des Buches gefragt, ob Daniel Schreiber nicht ein zu negatives Bild des Alleinseins zeichnet. Oder ob das nur seine Sicht ist, es auch ein positiveres Bild davon gäbe. Und wie es wirklich für mich ist, was an meinem Bild des Alleinseins Idealisierung und Wunsch, was Realität ist. Darüber werde ich sicher weiter nachdenken.

Es gibt ein Lied von einem deutschen Liedermacher:

«Du sagst du bist frei und bist dabei alleine…»

Der Sänger fordert dazu auf, ihm die Angst zu geben, er sei da und halte. Vermutlich ist das trotz allem für viele ein Grundbedürfnis, eine Grundsehnsucht: Gehalten werden.

Fazit
Ein sehr persönliches, tiefgründiges Buch über das Alleinsein,  über die Geschichten, die wir uns dazu erzählen, aber auch ein Buch über Freundschaft und Verbundenheit. Sehr empfehlenswert.

Autor
Daniel Schreiber, 1977 geboren, ist Autor der Susan-Sontag-Biografie Geist und Glamour (2007) sowie der hochgelobten und vielgelesenen Essays Nüchtern (2014) und Zuhause (2017). Er lebt in Berlin. Auf Instagram: @thedanielschreiber

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ Hanser Berlin; 4. Edition (27. September 2021)
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3446267923

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