DSCF0036Heute führte die Wanderung in meine Heimat, verbrachte ich doch die schönste Zeit meiner Kindheit im wunderbaren Berner Oberland, genauer im Diemtigtal – mit Ausflügen ins Simmental. Seit ich denken kann, habe ich einen Kraftberg, einen Berg, der mir was bedeutet, an den ich Erinnerungen habe, der mir Mut macht, wenn ich ihn sehe, den ich lange vom Wohnzimmerfenster her sah und den ich als Kind jährlich mindestens einmal bestieg.

DSCF0041DSCF0043Um 10 Uhr landeten wir am Bahnhof Erlenbach und liefen zur Talstation der Stockhornbahn hoch. Nicht mehr ganz früh dran, waren wir nicht alleine. Aus Zeitgründen fuhren wir mit der Seilbahn bis zur Mittelstation. Sehr willkommen war die Gepäckannahme der Bahn, so dass wir nicht mit Rollkoffer den Berg hinauf kraxeln mussten. Da der Gepäckraum nicht wirklich bewacht (eigentlich gar nicht) war, blieb der Kitzel, ob wir unten angekommen unser Gepäck wiederfinden würden. Die Fahrt hinauf war wunderbar und eng – wie wohl immer an schönen Tagen. Bald schon sah ich auf der gegenüberliegenden Hangseite das Diemtigbergli, in dem ich einen Grossteil meiner Kindheit verbracht habe, wo ich Ski fahren lernte und einfach zu Hause war. Die Seilbahn landete im Chrindi, der Mittelstation. Aus dem Gebäude getreten eröffnete sich schon der Blick auf den Hinterstockensee – wunderbar zum Fischen und einfach malerisch gelegen. Vor uns steil empor das Stockhorn – des Berges zweiter Teil. Wir marschierten los, leider war der eine Weg noch geschlossen wegen Schnee, so dass wir den Touristenweg wählen mussten. Schnell war ein rhythmischer Tritt gefunden und so ging der Aufstieg flott, er floss förmlich. Heute waren die Gedanken frei, einer Meditation gleich flogen sie dahin, ohne irgendwo anzustehen, einfach im Fluss.

Mit jedem Schritt erweiterte sich auch hier das Panorama. Kindheitserinnerungen kamen auf, wie oft war ich diesen Weg gegangen, teilweise vom Diemtigbergli runter, Stockhorn rauf, runter, wieder zum Bergli rauf. Eine Kindheitsepisode kam mir in den Sinn. Ich war schon den ganzen Hang vom Bergli runtergelaufen, nun wieder auf halbem Weg bis zur Mittelstation rauf, da zog über unserm Kopf die Seilbahn durch, Kinder winkten runter. Empört sagte ich zu meinem Vater: „Wenn ich mal Kinder habe, frage ich die, ob sie fahren oder laufen wollen.“ Mein Vater, der nun nicht wirklich ein Unmensch war ( alles andere) sagte bei der Ankunft an der Mittelstation zu mir: „Schau, hier können wir noch bis zum Gipfel fahren. Magst du?“ Trotzig sagte das Kind (also ich): „Nun bin ich bis dahin gelaufen, nun lauf ich auch noch den Rest.“ Sagte es und lief hoch, wieder runter und die andere Seite wieder hoch. Der Trotz, gemischt mit Ehrgeiz, geht mir wohl heute noch nach.

DSCF0060Nach kurzer Zeit schon war es leider mit der Stille der Berge vorbei. War ich bislang sehr happy, einen Wandergenossen gefunden zu haben, der genauso wie ich schweigend Berge hoch läuft, trafen wir alle paar Meter auf Turnschuhtouristen, die den Berg mit der Bahn hochgefahren waren und nun eifrig plappernd runterliefen. Das trübte das Bergerlebnis ein wenig, hatte ich es doch aus der Zeit vor 30 Jahren (Zahl bitte sofort wieder vergessen) ruhiger in Erinnerung. Nichts desto trotz entschädigte  das Panorama von Meter zu Meter. Eiger, Mönch und Jungfrau, Blüemlisalp, Finsterarhorn – alle zeigten sie sich immer mehr. Erlenbach weit unten im Tal wurde zur Spielzeugeisenbahnlandschaft.

DSCF0063Vorbei an der Oberstockenalp, welche übrigens im Sommer wunderbare Wanderbauernplatten mit leckerem Käse und Hobelfleisch serviert, die kühlenden Getränke nicht zu vergessen, ging der Weg weiter bis zum Gipfel, welcher um die Mittagszeit an einem Sonntag natürlich gut bevölkert war.

 

 

DSCF0076Schnell ein Gipfelfoto geschossen, den Blick in die Weite über Thun bis nach Bern (dieses Mal im Dunst, sonst gut sichtbar) genossen, machten wir uns an den Abstieg, um ein ruhiges Plätzchen für die Mittagspause zu finden. Wir fanden es am Vorderstockensee, wo nicht alle Turnschuhtouristen hinkamen. Von da führte unser Weg über sehr steile Bergwanderwege zuerst nochmals hinauf, dann hinunter, die Knie begannen zu schlottern, aber die Ruhe war herrlich.

DSCF0084Anfangs noch ein wenig grummlig, weil meine Kindheitserinnerung nicht mehr ganz so idyllisch war, wie gedacht, weil ich an einer noch nicht ganz abgeheilten Verletzung litt, der Zeitdruck spürbar wurde, ich musste nach Hause, und Selbstzweifel dem Ganzen die Krone aufsetzten, kehrte schon bald ein wohliges Gefühl zurück: Der Weg war gut ausgeschildert, menschenleer, die Gedanken und der Schritt flossen wieder dahin und die Welt war in Ordnung. Nach 5 Stunden und 45 Minuten Wanderzeit kamen wir bei der Talstation an, wo wir unser noch vorhandenes Gepäck aufgriffen, zum Bahnhof pilgerten und die Heimreise antraten. Im Kopf schon beim Fahren das Lied im Kopf „Ich han Heimweh nach de Berge…..“. Einmal Bergkind, immer Bergkind. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei meinem wunderbaren Wanderbegleiter, der sich als Einzelbergwanderer in dieses Tourigewimmel stürzte für mich und mich aus meinen zeitweilig trüben Gedanken riss. Es war wunderbar.

 

Fazit:

Von unten hoch und wieder runter ist das Stockhorn eine Herausforderung für die Ausdauer, da es mitunter sehr steil ist, was beim Weg hinunter (vor allem ab dem Chrindi) in die Knie geht. Wer andere Leute beim Wandern liebt, kann getrost hinaufsteigen, wer die Stille der Berge sucht, sollte den „üblichen“ Weg meiden und andere Routen wählen oder aber unter der Woche hinaufsteigen, wenn es deutlich ruhiger ist. Der Ausblick vom Gipfel ist wundervoll, den kann ich jedem nur ans Herz legen.

 

 

DSCF0003DSCF0017Der Weg startete in Gstaad, zuerst noch harmlos am Bach entlang, durch ein lauschiges Wäldchen, später dann an Bauernhöfen und Chalets vorbei. Bald wurden die Häuser weniger, die Wiesen grüner, vor uns lag der steile Hang. Forschen Schrittes stiegen wir auf, bis wir merkten, dass der verfolgte Weg nicht dem auf der Karte verzeichneten Weg entsprach, worauf wir beschlossen, das Bord gerade hinauf zu kraxeln. Schnell hatte ich meinen Rhythmus gefunden und damit floss der Aufstieg wie von selber.


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Die Gedanken folgten ihm, ich sinnierte über die Zeit. Fragte mich, ob alles seine Zeit habe im Leben (und auch sonst), ob Zeit wirklich Rat bringt oder man ihn sich selber beschaffen muss. Zeit ist grundsätzlich gegeben, wir haben sie und sie fliesst gemächlich dahin. Ab und an wollen wir sie anhalten, dann wieder beschleunigen, wir klagen über Dinge, die unsere Zeit stehlen und verschwenden sie an anderen Ecken und Enden. Haben zu wenig davon und doch dauert manches zu lange, weil zu viel Zeit bis zum Ersehnten liegt. Wenn wir keine Zeit haben – wer hat sie dann? Wenn wir uns Zeit lassen – fliesst sie dann langsamer? Wenn die Zeit vergeht – wo geht sie hin?

DSCF0021 Und mit diesen Gedanken im Kopf stieg ich Meter für Meter den Berg hinauf, nicht ohne immer wieder den Blick in die Ferne schweifen zu lassen und die wunderbare Aussicht zu geniessen. Irgendwann landeten wir bei der stillgelegten Bergstation des Lifts, das Bergrestaurant war geschlossen und wir hatten die Terrasse für uns. Ich genoss ein Sonnenbad auf einer Holzbank, welches wohl für meinen doch sehr ausgeprägt roten Kopf verantwortlich gewesen sein dürfte. Das Panorama vom Wasserngrat ist bombastisch. Gstaad, Saanen – alle liegen sie ganz klein unten im Tal, mitten in stolz sich erhebenden Bergen, die noch mit Schnee bedeckt sind. Es klingt kitschig zu sagen, dass die Weite des Blicks Herz und Geist sich weiten lässt, aber genau so fühlte es sich an.

DSCF0031 Wir packten unsere sieben Sachen und stiegen weiter hoch. Es folgten Schneefelder und mörderisch rutschige und steile Hänge. Wegweiser waren nicht zu finden, die lagen wohl unter Schneedecken, das einzige, was zu lesen war, war eine Absturz- und Todesnachricht eines an dieser Stelle Verunglückten. Wir beschlossen, dies nicht zu wagen, kehrten um und wanderten wieder ins Tal runter. Der Abstieg führte zuerst wieder über die mit Krokussen übersäten Wiesen, später stiessen wir dann auf den Weg, welchem wir zurück nach Gstaad folgten.

Im Bernerhof (übrigens als Wanderhotel sehr zu empfehlen, stellt es doch am Morgen Reiseproviant für hungrige Wanderer zur Verfügung, ist zentral beim Bahnhof gelegen und überzeugt durch sehr nettes und zuvorkommendes Personal, einladende Zimmer und vieles mehr) in Gstaad gelandet, genossen wir, in die Lounge gelümmelt, eine eiskalte Erfrischung und liessen den wunderbaren Tag nochmals Revue passieren.

 

Fazit:
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Eine wunderbare Wanderung, nicht wirklich schwierig, von Gstaad bis zur Bergstation und zurück in 3,5 Stunden gut machbar – flinke Wanderer schaffen es wohl schneller. Das Bergpanorama ist eine Wucht, die Gegend wunderbar. Absolut empfehlenswert.