«Es hiess…. sie sei ein gefallenes Mädchen… Von gefallenen Männern hörte man bei uns nie. Männer konnten wahrscheinlich nicht fallen.» Emmy Hennings
Hat sich wirklich so viel verändert? Wenn zwei dasselbe tun, ist es wirklich dasselbe im Auge der Gesellschaft? Sind nicht noch immer die Frauen die Beäugten in einer von Männern definierten und von vielen (auch Frauen) weiter verteidigten Welt? Und immer wieder schauen wir weg, weil das Hinschauen die Forderung stellte, aufzubegehren. Und wir fragen uns: Was bedeutet das für uns? So hier und heute? Es ist einfacher, gegen die heute definierten Täter der Vergangenheit zu richten und sich gegen sie zu stellen. Im Hier und Jetzt gehen wir oft den Weg der Norm, den der Anpassung, weil wir denken, keine Wahl zu haben. Die Wahl haben wir wohl, nur gefallen uns die Konsequenzen oft nicht. Und dann sagen wir, dass wir nicht konnten, aber schon gewollt hätten.
Kann man es verübeln? Muss man es? Ist es feige? Oder einfach lebenspraktisch? Das sind alles Wertungen, die von aussen draufgestülpt werden. Ich glaube, der erste Schritt wäre das Eingeständnis: Ich hätte gekonnt, hatte aber zu viele persönliche Gründe, die mich hinderten. Wenn diese Ehrlichkeit schon mal da wäre, wäre ein zweiter Schritt viel einfacher: Sich anders zu entscheiden, weil ja ganz viele sich eingestehen würden, dass sie eine Wahl hätten. Und ehrlich würden. Und damit vielleicht auch gemeinsam einstehen würden, so dass die Konsequenzen teilweise wegfielen.
«Die Würde des Menschen liegt in seiner Wahl» Max Frisch.»
Man meint es ja immer nur gut. Man verschweigt was, weil man denkt, der andere könnte damit nicht umgehen. Man handelt hinter seinem Rücken und fühlt sich gut, weil man das Richtige tut. Aus der eigenen Sicht und für den anderen. Man merkt oft nicht, welche Überheblichkeit in dem «gut meinen» steckt, zu sehr ist man vom eigenen Urteil, von der eigenen Einschätzung überzeugt. Und genau darin liegt sie, die Überheblichkeit. Man nimmt damit dem anderen die Wahl, selbst zu entscheiden, wie er mit etwas umgehen will und kann, da er gar nicht weiss, dass er eine hatte. Er wusste nichts. Von allem. Er wurde übergangen, aussenvorgelassen. Man traute ihm nicht zu, selbst einen Weg zu finden. Man traute ihm zu wenig zu, hielt ihn damit klein. So klein, wie er vielleicht gar nicht wäre, würde man ihn einbeziehen.
Wie oft habe ich schon selbst erlebt, dass ich in Situationen kam, von denen ich vorher dachte, sie nicht bewältigen zu können. Und dann traf etwas ein, ich war mittendrin und ich musste. Und es ging. Emmy Hennings sagte so schön:
«Es geht ja immer, wenn auch manchmal schief.»
Auch das darf sein. Würdevoll einen Irrweg zu beschreiten ist immer noch besser, als entwürdigt zu sein. Das ist auch ein Aufruf an einen selbst: Nicht das Ruder aus der Hand geben. Irrwege heissen nicht, dass man gescheitert ist. Ein Fehler ist kein Niedergang. Das Leben hat Höhen und Tiefen. Und wir bewältigen sie. Nicht dass wir sie uns wünschen. Aber: Wie bewältigen sie. Wenn man uns lässt.
«Alles in der Welt geht in Wellenlinien. Jede Landstrasse und so weiter. Wehe dem, der überall ein Lineal anlegt.» Wilhelm Raabe
Das Zitat las ich kürzlich und fühlte mich merkwürdig ertappt. In den letzten Wochen habe ich auf mein Leben zurückgeblickt, habe all die Stationen gesehen, die ich durchlaufen habe. Der Weg glich nicht einem einmal losgeschlagenen Tennisball, der zielgerichtet auf der anderen Seite zu Boden kam, sondern eher einer Billardkugel, die über die Bande gespielt ihren Weg in einer nur für ein Mathematikgenie nachvollziehbaren Bahn genommen hat. Ich habe in den diversesten Berufen gearbeitet, habe mich mit Fotografie, Zeichnen und Yoga ausprobiert. Und ich habe geschrieben. Immer. Und immer über wieder andere Dinge. An allen war ich mit Leidenschaft, in alle habe ich mich hineingegraben und alle habe ich durchdrungen. Und dann bin ich wieder weitergegangen.
Wie oft hatte ich mir gewünscht, es wäre alles gradliniger. Ich bewunderte, nein, beneidete Menschen, die so dieses eine Interesse haben, diesen einen Weg, den sie gradlinig verfolgen. Ich habe es immer wieder versucht, immer wieder gedacht: Jetzt… und dann wuchs die Erkenntnis: Nein, doch nicht…
Und hier sitze ich nun und die Mäanderwege sind durchaus kleiner geworden – von einer geraden Linie ist noch immer nicht zu sprechen. Und so langsam reift die Erkenntnis: Vielleicht bin ich schlicht so – ein Schmetterling, der viele Blumen mag. Und vielleicht ist das sogar ein Geschenk und kein Makel. Was ich gelernt habe: Ich muss mich gar nicht entscheiden, es hat alles Platz, denn das Leben ist gross. Nicht alles zu jeder Zeit, aber alles dann, wenn es passt, weil es mir in dem Moment entspricht.
Weihnachten – das Fest der Liebe, der Besinnung, der Mitmenschlichkeit. Diese wichtigen Werte des Miteinanders werden hier in eine herzerwärmende Geschichte gepackt:
«Kennst du den Ort, an dem die Bäche am klarsten und die Tannen am höchsten sind? Wundersam still ist es dort.»
Diese Stille wird jäh durchbrochen. Waldarbeiter tauchen mit ihren Sägen auf und fällen Tannen, die sie auf einen Laster packen. Sie merken nicht, dass sich auf einer ein kleiner Kauz versteckt hat. Dieser wagt sich vor lauter Angst nicht mehr, sich zu rühren. Nach einer langen Fahrt in die Stadt entdeckt der Forstarbeiter Mario den kleinen Waldkauz und nimmt sich seiner an, indem er ihn zu seiner Tochter Emilia nach Hause bringt. Diese kümmert sich liebevoll um das Käuzchen und päppelt den kleinen ausgehungerten und zerzausten Vogel wieder auf. Durch die gute Pflege und Fürsorge erholt sich der Kleine schnell und fühlt sich sichtlich wohl in seinem neuen Heim. Wenn nur das Heimweh nicht wäre. Emilio und Mario beschliessen schliesslich, ihren kleinen Mitbewohner wieder zurück in den Wald zu bringen, wo er wirklich zu Hause ist.
Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. 2020 wurde im Weihnachtsbaum, der vor dem Rockefeller Center in New York stand, eine verängstigte Eule gefunden und gerettet. Erhard Dietl und Andrea Stegmaier haben diese Geschichte nun in einem wunderbaren Buch aufgegriffen. Ein Buch, das Mut macht, das zeigt, wie viel Mitmenschlichkeit bewirken kann.
Im Anhang an die Geschichte finden sich Tipps, wie man sich selbst verhalten soll, wenn man ein Tier findet.
Fazit: Ein wunderbares und herzerwärmendes Bilderbuch, das nicht nur in der Weihnachtszeit begeistert.
Über den Autor und weitere Mitwirkende Erhard Dietl lebt als freier Schriftsteller und Illustrator in München. Zu seinen erfolgreichsten Figuren gehört die fröhliche Olchi-Familie aus Schmuddelfing.
Andrea Stegmaier lebt und arbeitet in Stuttgart. Am liebsten illustriert sie Kinderbücher. Neue Inspiration lauert für sie überall – beim Zusammensein mit ihrer Familie oder im eigenen Garten.
Angaben zum Buch:
Herausgeber : Oetinger; 1. Edition (11. September 2023)
«…Sie sind gewiss nicht ohne Gesellschaft bei Ihrem Wunsch, dass ‘man etwas gegen die Isolierung und Benachteiligung des Kriminalromans in den Buchbesprechungen tun könnte’.»*
Das schrieb Raymond Chandler im Januar 1944 an James Sandoe, seines Zeichens Kriminalromankritiker der New York Herald Tribune und Professor für Klassische Literatur und Bibliographie an der University of Colorado. Was die beiden umtrieb, hat sich bis heute nicht geändert: Der Kriminalroman wird von den Literaturkritikern mehrheitlich gemieden, wenn nicht gar verschmäht. Für sie – und sie sind damit nicht allein – gibt es verschiedene Arten von Schreiben: Das anspruchsvolle und das banale, das, woraus Literatur entsteht, und das, was blosse Unterhaltung und damit minderwertig ist.
„Wenn man da sagt, was dieser Mann schreibt, sei keine Literatur, könnte man ebensogut auch sagen, ein Buch, das einem Lust zum Lesen mache, könne nichts taugen. Wenn ein Buch, gleich welchen Genres, eine gewisse Intensität der künstlerischen Darstellung erreicht, wird es Literatur. Diese Intensität kann sich im Stil zeigen, in der Situation, in den Charakteren, im inneren Ton oder in der Idee, oder in einem halben Dutzend anderen (sic!) Dingen.“
Nun gibt es durchaus Krimis, die in der Tat seicht und belanglos sind, die daherkommen wie nach einem vorgegebenen Raster und in Rekordzeit geschrieben. Es gibt aber auch die literarisch und sprachlich wertvollen, die inhaltlich und stilistisch anspruchsvollen, die durchdachten, durchkomponierten, die durchaus den Begriff Literatur verdienen. Und: Nicht alles, was als Literatur daherkommt, ist auch ein Meisterwerk schreiberischer Genialität.
«Die Franzosen sind das einzige Volk, das ich kenne, für die Schreiben in erster Linie Schreiben ist.»*
Oft sieht es auch so aus, als ob das, was sich gut verkauft, von vornherein abgewertet ist, kann es doch nicht für den höheren Geschmack bestimmt sein, wenn so viele es gut finden. Dass diesem Ansinnen eine unglaubliche Arroganz innewohnt, ist offensichtlich: Nur der auserlesene Kreis der Verstehenden ist in der Lage, so wirkt es zumindest, den wahren Wert von Literatur zu verstehen. Nur das erlauchte Grüppchen der Intelligenten weiss die hohe Literatur zu schätzen. Sobald es jeder versteht, kann es – so die scheinbar logische Folge – nur banal sein.
Ich zitiere in solchen Fällen immer gerne den wunderbaren Philosophen Harry G. Frankfurt:
«Bullshit!»
(Nun entspricht natürlich auch dieser Ausdruck nicht dem elaborierten Code der Bestimmer und Leser der gewählten Literatur, aber damit kann ich durchaus leben, zumal ich mich immerhin auf einen Philosophieprofessor berufen kann.
*zitiert nach Raymond Chandler: Die simple Kunst des Mordens, Diogenes Verlag, Zürich 1975.
Heute hebe ich mein Glas auf die wunderbare Dichterin Else Lasker-Schüler. Sie würde heute 155 Jahre alt.
Es war ein bewegtes Leben, das sie führte, ein Leben auf der Flucht und auf der Suche, der nach Liebe, die sie nie wirklich fand, der nach einem Zuhause, welches ihr auch verwehrt blieb.
Eines meiner liebsten Gedichte von ihr ist das folgende:
Ein alter Tibetteppich Deine Seele, die die meine liebet Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet
Strahl in Strahl, verliebte Farben, Sterne, die sich himmellang umwarben.
Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit Maschentausendabertausendweit.
Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.
In ihm zeigt sich so davon, was Else Lasker-Schüler ausmacht: Ihre Sensibilität, ihre Suche nach Wortverbindungen, die neue Bedeutungsebenen sichtbar machen und zu einem Bild werden, das die Sprache übersteigt. Zwei liebende Seelen, die miteinander verbunden sind. Schon das Bild des Tibetteppichs mit den Seelen als Fäden wäre grossartig, durch die Umstellung des Worts wurde aus dem Teppich ein ganzes Land, quasi eine neue Welt nur für die beiden Liebenden. Sie weitet diese Welt aus, indem die Fäden zu Strahlen werden, womit die Liebe das ganze Universum erfüllt.
Immer wieder schön, in ihre Bilder einzutauchen, sie auf sich wirken und in sich klingen zu lassen.
Ich liebe Fragen. Und meist habe ich mehr davon, als ich Antworten finden könnte, da sie sich zu vermehren scheinen. Fragen sind das Tor zur Welt, sie machen diese weiter, breiter, sie forschen da, wo vorher fertig war. Es gibt so viele großartige Antworten auf Fragen, wieso sind wir eigentlich so versessen auf die eine richtige? Wieso wollen wir die Dinge wissen, wie sie sind und und nicht die vielen Möglichkeiten erkunden, die sein könnten, und uns daran freuen?
Lila Prap stellt Fragen in den Raum. Und sie findet ganz viele Antworten. Es sind Antworten, die zum Lachen, zum Nachdenken, zum Weiterdenken anregen. Es sind Antworten, die auch richtig sind, nur halt nicht in dieser Welt. Doch wieso sollte es nur diese eine Welt geben? Wieso sie nicht einfach grösser denken, bunter denken, weiterdenken?
«Warum spritzen Wale mit Wasser? Zum Spass. Weil ihre Nase läuft, wenn sie erkältet sind. Um das Seegras zu giessen.»
Und ja, es gibt sie auch, die eine richtige Antwort, die, welche die Welt erklärt, wie sie heute ist. Und auch die ist schön und gut, denn oft gerät man ins Staunen und denkt, was es nicht alles gibt in dieser Welt. Und irgendwie ist es noch schöner, wenn man sieht, dass es noch mehr Welten gibt, die man sich selbst mit der eigenen Fantasie und kreativen Antworten schaffen kann.
Ein wunderbares Buch, um gemeinsam nach Antworten zu suchen, über die verschiedenen Vorschläge zu schmunzeln und ein paar Geheimnisse unserer Welt zu lüften.
Zur Autorin Lila Prap ist eine preisgekrönte Autorin und Illustratorin von Kinder- und Jugendbüchern. Sie kommt aus Slowenien, ihre Bücher sind jedoch weltbekannt und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Angaben zum Buch
Herausgeber : Midas Kinderbuch (28. März 2023)
«Der einsame Mensch ist eine Skulptur, herausmodelliert vom Pathos der Abwesenheit.» Roger Willemsen
Es sind unter anderem Sätze wie dieser, welche ihn ausmachten. Es ist seine Liebe zur Sprache, sein scharfer Blick auf das Leben und die Menschen, die es lebten. Es ist sein klarer Geist, welcher ihn diese Welt in Worte packen liessen, die Bilder lebendig werden liessen.
«Mit seiner Geburt tritt der Mensch in den Verfall ein. Lässt man diesen gewähren, stirbt man alt und faltig, lässt man sich liften, stirbt man alt und grotesk.» Roger Willemsen
Er nahm das Leben nicht einfach hin, liess die Dinge nicht einfach «gut sein», sondern er hielt den Finger drauf, zeigte auf die Missstände, auf die Schwierigkeiten, auf die Verirrungen, aber auch auf die Schönheiten, das zu Feiernde, das Wunderbare. Immer wieder sprach er deswegen auch über Literatur, über Bücher, über all die Schätze auf und zwischen den Seiten, die neue Welten eröffnen. Einige schuf er selbst. Darin nimmt er den Leser mit auf seine eigenen Reisen, auf welchen er die Welt durchdringen wollte, und lässt neue Horizonte entstehen.
«Der Rigorismus öffentlicher Moral – der Moral der Klatschkolumnisten, der Boulevard-Magazine und Leitartikel – bezieht sich auf diese exemplarische Übereinkunft, sein zu müssen, wie auch immer.» Roger Willemsen
Roger Willemsen mag vieles gewesen sein, nie so, wie man sein müsste. Er war ein eigenständiger Denker, einer, der sein Leben auf seine Weise lebte. Bis am Schluss. Heute vor acht Jahren ist Roger Willemsen gestorben. Er fehlt.
«Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.» Simone de Beauvoir
Simone de Beauvoirs Satz wurde oft zitiert – und sehr oft falsch. Dann lautete er wie folgt:
«Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.»
Es sind nur zwei Worte, doch sie implizieren viel. Man betont durch sie die soziale Komponente des Frauseins, der Rollenzuschreibung Frau. So gesehen kommt man zur Welt und wird dann in die Mangel der Gesellschaft genommen wird, welche einen zu dem formt, was man in dieser Gesellschaft als Frau versteht. Die Frau als solche ist damit ein Opfer, das Opfer der bestimmenden Kräfte einer Gesellschaft, welche ihr durch die soziale Prägung eine Rolle zuschreibt.
Der Satz ist nicht nur falsch zitiert, so formuliert widerspricht er auch dem Grundgedanken des Existenzialismus. Im Existenzialismus gibt es zwei wichtige Kerngedanken: Den der Freiheit und den der Verantwortung. Beide wären ausgesetzt, würde man Simone de Beauvoirs Satz so verstehen, wie die falsche Übersetzung oft verstanden wird. Die Frau als Opfer wäre weder frei noch trüge sie die Verantwortung für ihr sein. Dass Simone de Beauvoir das so nicht gemeint haben kann, liegt meines Erachtens auf der Hand. Was also meinte sie wirklich?
Folgt man dem Existenzialismus, haben wir folgende Ausgangslage: Der Mensch wird in eine Welt geworfen, die er sich nicht selbst ausgesucht hat. Diese Welt bestimmt seinen Rahmen, sie bietet ihm die dieser Welt inhärenten Möglichkeiten. Es ist nun am Menschen, diese Möglichkeiten zu nutzen und sich das Leben zu gestalten, das er sich für sich selbst wünscht. Dadurch, dass es diesen Rahmen gibt, wird nie alles für jeden möglich sein. Doch bei dem, was möglich ist, hat er die Wahl. Er hat die Freiheit, sich zu entscheiden – er muss es sogar. Nun kann man einwenden, dass niemand ganz frei ist und wir alle von verschiedenen Prägungen gesteuert werden, die uns unbewusst handeln lassen. Das ist sicherlich richtig, doch ist es durchaus möglich, diesen Prägungen auf die Schliche zu kommen und sie zu umgehen. Nicht dass das leicht wäre in jedem Fall, aber doch möglich.
Dies im Hinterkopf nochmals auf das Zitat geschaut, bietet sich nun folgende Interpretation: Man wird nicht zur Frau geboren, sondern man wird es – weil man sich selbst für diesen Weg entscheidet. Die Frau ist nicht das Opfer der Gesellschaft, sondern sie selbst wählt, in das von dieser gezeichnete Frauenbild zu passen – oder eben nicht. Nun ist es durchaus so, dass dieses Frauenbild problematisch sein kann. Zudem wird es sich auch nicht einfach verändern, nur weil sich eine Frau entscheidet, sich dem Bild zu widersetzen und eigene Wege für sich zu finden. Die Gesellschaft (was immer einzelne Menschen sind im individuellen Fall) ist in der Lage, Steine in den Weg zu legen, Druckmittel bereitzuhalten, das Leben zu erschweren, folgt der Mensch nicht der ihm zugesprochenen Vorbestimmung. Will man daran etwas verändern, kann das nur gelingen, wenn der Mensch einsieht, dass er die Wahl hat, dass er nicht einfach Opfer ist, sondern ein selbstbestimmtes Wesen mit der Verantwortung dafür, was er ist und tut. Und: keiner kann eine Veränderung des Systems allein bewirken.
Um die Gesellschaft zu verändern, braucht es viele. Es braucht das Bewusstsein, dass Muster und Rollenzuschreibungen nur verändert werden können, wenn sich die davon Betroffenen zusammentun und dafür einstehen, dass jeder ein Recht auf Selbstverwirklichung hat – in dem Sinne, sein zu dürfen, wer er ist. Mit den Worten Simone de Beauvoirs:
«Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.» Simone de Beauvoir
Als Kind wollte ich Detektiv werden. Ich wollte für Recht und Ordnung sorgen, wollte Gerechtigkeit siegen lassen. Und: Ich wollte es nicht irgendwann, sondern gleich.
Ich erklärte also mein Kinderzimmer zu meinem Büro und begann, es entsprechend zu gestalten. Ich malte ein Schild mit der Aufschrift: «Detektei Dan Tanner». Ich muss den Namen aus einem der Krimis abgeleitet haben, den ich gerade schaute, auf alle Fälle war klar, dass es ein Mann sein musste. Da ich damals Jungs eh cooler fand als Mädchen, kam mir das gelegen – oder war vielleicht auch darum gewollt.
Auf alle Fälle hing nun also dieses Schild an der Tür mit dem Vermerk: «Klopfen vor dem Eintreten». Was mir sowieso immer wichtig war, konnte ich so explizit einfordern und damit an den Mann, die Frau, die potenziellen Klienten bringen. Mit dem Schild war es noch nicht getan. Als nächstes kam mein Pult dran. Zuerst musste ich es verschieben, damit das Ganze auch einen professionellen Anschein macht: Stirnseite zur Tür, so dass ich die Eintretenden gleich im Blick hatte. So sassen sie auch immer in den Filmen und die mussten es ja wissen. Danach musste es entsprechend eingerichtet werden: Karteikasten, Notizblock, säuberlich aufgereihte Stifte. Ich besorgte mir einen Detektivkoffer mit Fingerabdruckpulver, Lupe und einigem mehr und ordnete auch das schön auf dem Tisch an. Ich entwarf auch ein Tischschild, auf dem nochmals mein Name mit Funktion standen. Sah das alles toll und professionell aus, ich war stolz!
Leider kam ich ob all dieser zeitaufwendigen Vorbereitungen nie dazu, einen Fall zu lösen. Den Verbrechern wäre ein Stein vom Herzen gefallen, hätten sie es gewusst.
Gerade erst sind wir ins neue Jahr gestartet und schon ist der erste Monat Geschichte. Ich bin unter spanischer Sonne ins neue Jahr genutzt, habe den Jahreswechsel dazu genutzt, Altes abzuschliessen und zu sehen, was ich mir vom Neuen erhoffe. Ich habe mir überlegt, was ich vom neuen Jahr will und mich darauf festgelegt – um am Schluss des Monats zu merken, dass das so nicht passt. Das meinte wohl Wilhelm Raabe mit seinem Ausspruch:
«Alles in der Welt geht in Wellenlinien. Jede Landstrasse und so weiter. Wehe dem, der überall ein Lineal anlegt.»
Ich habe viel gelesen, nachgedacht, geschrieben, ich habe dabei neue Erkenntnisse gewonnen und eigentlich bekannte wieder hervorgeholt. Bei all dem habe ich viel über mich gelernt:
Ich lasse mich ungern beschränken, mache es aber manchmal selbst, nur um zu merken, dass ich es nicht mal dann mag. Ich habe zu viele unterschiedliche Interessen, um mich auf etwas festzulegen. Vielleicht meinte Simone de Beauvoir ihren Satz genau so: «Ich möchte vom Leben alles.»
Ich darf mir ruhig mehr zutrauen.
Ich muss nicht perfekt sein, ich bin gut so, wie ich bin. (das wird wohl ein lebenslanger Lernprozess)
Es war ein guter Monat, Spanien hat mir gutgetan und der Abschied fiel schwer. Mittlerweile bin ich wieder in der Schweiz angekommen, auch innerlich, und geniesse es, hier in eine andere Welt einzutauchen mit mehr Kultur, was ich auch sehr geniesse. Leider ist das Leben nicht nur bunt und hell, auch traurige Vorfälle bleiben nicht aus. Mit einem solchen endete dieser Monat, das wird noch eine Weile nachhallen. Was bleibt, ist die Dankbarkeit für das Gute in meinem Leben, und Hoffnung und auch Zuversicht, dass es ein gutes Jahr werden wird. Ich werde es auf meine Weise beschreiten.
Meine Bücher
Ich habe mich mit Mord und Totschlag durch den Monat bewegt, bin menschlichen Abgründen auf die Spur gekommen und dabei durch die verschiedensten Orte der Welt gekommen. Meine Highlights:
Nele Neuhaus: Eine unbeliebte Frau
Kristen Perrin: Das Mörderarchiv
David Baldacci: Long Shadows
Nicola Upson: Mit dem Schnee kommen der Tod
Josephine Tey: Der letzte Zug nach Schottland
Hier die vollständige Liste:
Kristen Perrin: Das Mörderarchiv
Als junges Mädchen hört Frances von einer Wahrsagerin, dass sie einmal ermordet werden wird. Sie glaubt dieser Weissagung und ist auf der Hut, umso mehr, als ihre Freundin Emilie plötzlich verschwindet. Hatte das ihr gegolten? Als sie viele Jahre später wirklich ermordet wird, vermacht sie ihr grosses Vermögen zu einem Teil ihrer Nichte oder dem Neffen ihres verstorbenen Mannes – je nachdem, wer von ihnen den Mord aufklärt. Annie macht sich sofort auf die Suche, gerade die richtige Aufgabe für eine angehende Krimi-Schriftstellerin. Hinweise erhofft sie sich aus dem Tagebuch ihrer Tante, wodurch sie auch mehr über Emilies Verschwinden damals kommt. Die Suche nach dem Mörder bringt sie selbst auch in Gefahr.
5
Elizabeth George: Mein ist die Rache
Was als romantisches Verlobungswochenende geplant war, wird du einer mörderischen Angelegenheit. Zuerst stirbt ein Journalist, der sich als Frauenheld einige Feinde gemacht hat, danach gibt es einen weiteren Toten, der Verdacht wandert vom einen zum anderen. Mittendrin noch eine Frau zwischen zwei Männern. grossartiger Spannungsbogen, stimmige und authentische Figuren, eine mitreissende Geschichte.
5
Elizabeth George: Meisterklasse
Das Folgebuch zu „Wort für Wort“. Elizabeth George offenbart ihren persönlichen Schreibprozess von der Idee über die Recherche hin. zu ersten Entwürfen und deren Überarbeitung bis zum fertigen Buch. Sie macht mit Beispielen die Theorie anschaulich und bietet mit Übungen die Gelegenheit, das Gelesene auszuprobieren.
5
Nele Neuhaus: Eine unbeliebte Frau
Ein Oberstaatsanwalt bringt sich mit einer Ladung Schrott um, eine junge Frau stürzt sich von einem Turm. Schnell stellt sich heraus, dass sie keinen Selbstmord begangen hat, sondern umgebracht wurde. Die Suche nach dem möglichen Täter bringt eine Menge Feinde ans Licht, niemand scheint die Frau wirklich gemocht zu haben. Bodenstein und Kirchhoff müssen ihren ersten gemeinsamen Fall lösen und verlaufen sich dabei mehrfach, während sie Einsicht in immer tiefere Verstrickungen und Verbrechen gewinnen. Grossartiger Plot, stimmige Figuren, gut umgesetzt.
5
Ruth Ware: Zero days – abgebrochen
Die Sprache hat mich nicht gepackt, im Gegenteil. Ich war nach kurzem so genervt, dass ich abbrach.
Sebastian Fitzek: Mimik
Die Mimikresonanzexpertin Hannah Herbst wird von einem gefährlichen Killer aus dem Gefängnis entführt. Er behauptet, sie habe ihre Familie brutal ermordet, es existiert sogar ein Video mit dem Geständnis. Nur: Sie kann sich an nichts erinnern und schwankt zwischen der Angst, es könnte stimmen, und der Überzeugung, dass alles ein Irrtum sein müsste. Das ganze Buch hängt an der zentralen Frage, viele Seiten erscheinen nur als Aufschieben der Antwort, ohne zur Spannung beizutragen. Dann häufen sich die Leichen, alles wird immer verworrener. Das Buch hat viele Schwächen und lässt doch nicht los. Leider ist die Auflösung dann doch sehr weit hergeholt und es bleibt ein leises Bedauern zurück.
3
C.J.Box: Blue Heaven
Annie und William, zwei Kinder, sehen, wie vier Männer einen fünften umbringen. Als die Männer bemerken, dass sie beobachtet werden, wollen sie die Zeugen aus dem Weg schaffen, doch es gelingt Annie und William, zu entkommen. Nur: Wo sollen sie hin? Und wem können sie trauen?
4
Nicola Upson: Mit dem Schnee kommt der Tod
Detective Chief Inspectro Archie Penrose wird von der Burgherrin auf die Insel St. Michael’s Mount eingeladen, um da an der Weihnachtsfeier, auf welcher für Flüchtlinge gesammelt werden soll teilzunehmen. Er bringt als Begleitung Josephine Tey und deren Freundin Martha Fox mit und ist zuständig für das Wohlergehen des Spezialgasts, Marlene Dietrich. Dass just an diesen Weihnachten auf der sonst so friedlichen Insel gleich zwei Morde geschehen, bringt alle durcheinander. Der Täterkreis ist beschränkt, da die Insel von der Aussenwelt abgeschlossen ist, nur: Wer war es, und: War das erst der Anfang?
5
Günter Keil: Der Mörder im Kopf
Interviews mit Meistern der Spannungsliteratur, Autoren von Krimis und Thrillern über ihr Lieblings-Wc-Papier, politische Meinungen, Schreibprozesse, persönliche Interessen und mehr. Spannend, informativ, menschlich.
5
Sebastian Fitzek: Der Heimweg
Klara will sich umbringen, denn sie hält das Leben mit ihrem gewalttätigen Ehemann nicht mehr aus. Aus verstehen baut sich bei ihrem Versuch ein Anruf zum Begleittelefon auf, dessen Nummer sie schon lange gespeichert hat. Jules bringt sie dazu, mit ihr zu reden, kann sie langsam von ihrem Vorhaben abbringen. Doch da ist noch die tödliche Gefahr, die auf sie lauert, weil ein Psychopath ihr angekündigt hat, sie umzubringen, wenn sie ihren Mann nicht verlässt. Auch ein Todesdatum hat er ihr genannt: Heute… Ein Katz- und Mausspiel, in welchem man bald nicht mehr weiss, wem man nun wirklich trauen kann, was Wahrheit, was Einbildung und was einer psychischen Krankheit entsprungen ist. Ein typischer Fitzek.
5
Simon Beckett: Versteckt. Dunkle Geschichten
Drei Kurzgeschichten, die in menschliche Abgründe leuchten. Etwas vorhersehbar, aber durchaus unterhaltsam.
3
David Baldacci: Long Shadows
Eine Richterin aus Florida und ihr Bodyguard werden ermordet im Haus der Richterin. Ein neuer Fall für Amos Decker und seine neue Partnerin Francesca White. Decker, der keine Veränderungen mag, sieht sich mit zu vielen davon konfrontiert. Zudem erweist sich der Fall als komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Nicht nur sterben immer noch mehr Menschen, es gibt auch unterschiedliche Mordmethoden sowie eine Spur, die weit zurück in die Vergangenheit reicht. Und nichts will zusammenpassen.
5
Hubertus Borck: Die Strafe
Franke Erdmann und Alpay Eloglu werden zu einem Brand gerufen. Es ist nicht der erste, doch langsam beschleicht sie die Ahnung, dass diese Brände keine Einzelfälle waren, sondern zusammenhängen. Die Frage ist nur: Wie und was will der Täter erreichen? Zudem: Wer steht noch auf seiner Liste? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, ob sie den Mörder finden, bevor er sein nächstes Opfer anzündet. Anfangs eher schleppend und langatmig, mit wenig fassbaren Figuren, siegt die Neugier doch, die Antwort auf die offenen Fragen zu finden. Die Themen Sozialkritik und Klimabewusstsein wurden teils gut, teils etwas moralisierend verpackt.
3.5
Josephine Tey: Der letzte Zug nach Schottland
Als Inspektor Grant mit dem Zug nach Schottland fährt, um sich eine Auszeit zu nehmen, findet man im Abteil neben seinem eine Leiche. Nicht sein Business, Grant freut sich auf seine Zeit mit Fischen und Freunden. Doch da ist noch diese Zeitung, die er aus Versehen eingesteckt hatte, und die offensichtlich dem Toten gehört hatte. Auf ihr steht ein hingekritzeltes Gedicht. Was bedeutet es und wer war dieser Mann? Die Angelegenheit lässt Grant nicht los und schon bald steckt er mitten in Ermittlungen. Sehr literarische und poetische Sprache, bildhafte Beschreibungen und humorvolle Dialoge und Zwischenbemerkungen.
H.S.Palladino: Die den Schnee fürchten – abgebrochen
Eine Profilerin, die durch ein Fehlurteil ihre Stelle verloren hat und nun mit Drogenkranken und Wutgesteuerten arbeitet, hat Albträume und wird Zeugin eines Selbstmords, bei dem bald nicht mehr sicher ist, ob es wirklich einer war. Die Figuren bleiben blass, die Geschichte entwickelt sich nicht, sondern tritt an Ort, ich komme in keinen Lesefluss rein.
In unseren Breitengraden wachsen wir mit klaren Ordnungen auf. Es gibt für alles eine passende Schublade, die mit den entsprechenden wertenden Zuschreibungen versehen ist: Gut, schlecht, wertvoll, mangelhaft, erstrebenswert, etc. Diese Kriterien machen auch vor der Kunst nicht Halt. Auf der einen Seite gibt es die Unterhaltungsliteratur, die Unterhaltungsmusik, auf der anderen die hohe Literatur, die anspruchsvolle Musik. Je nachdem, welcher Sorte du dich verschreibst, steigen oder sinken dein Wert und Ansehen. Als Literaturwissenschaftlerin und Philosophin, die sich über viele Jahre mit den anspruchsvollen Büchern dieser Welt beschäftigt hat, wiegt das umso schwerer. Das sah ich einmal, als ich es wagte, nach Monaten mit Buchtipps aus der anspruchsvollen Literatur und Philosophie, einen Monat (in diesen Welten so gesehen) eher seichte Kost zu lesen. Die Bemerkungen blieben nicht aus. Ob mir der Verstand mit dem Niveau meiner Bücher in den Keller gerutscht sei, war noch eine der netteren. Irgendwie traf mich das damals, obwohl ich mir immer sagte, dass solche Bemerkungen sich eher selbst entlarven, als dass sie mich abwerten. Bei solchen Dingen zählt die Ratio leider oft wenig, die Gefühle überwiegen.
Nur: Was ist die Konsequenz? Nur noch hohe Literatur lesen, mich nur noch mit Kant und Konsorten beschäftigen statt mit eher populären Schreibern? Wozu? Um denen die Argumente zu nehmen? Natürlich sind die erstgenannten Bücher und ihre Autoren wunderbar und wichtig und tiefgründig und vieles mehr, doch ja, ich mag auch anderes. Sogar sehr. Ich liebe Krimis und Thriller und das, seit ich ein Kind bin. Es geht nichts über einen spannenden Fall in Buch- oder Filmform. Das Lesevergnügen, das Gepackt- und nicht mehr losgelassen Werden: Grossartig. Und ja, ich liebe Krimis auch, weil sie eine Möglichkeit sind, viele Themen auf eine spielerische Weise anzupacken, sie nebenher ins Bewusstsein zu rufen. Soziale Ungerechtigkeiten, menschliche Abgründe, Beziehungsschwierigkeiten, politische Machenschaften – nirgends sonst taucht man auf so unbeschwerte Weise hinein, kommt ihnen lesend so nah.
Zudem mag ich den Gedanken der Gerechtigkeit, der immer irgendwie mitschwingt. Ich mag es, wenn am Schluss das/der Gute siegt. Ich mag es, wenn Verbrechen aufgeklärt werden, wenn Unrecht ans Licht kommt und geradegerückt wird. Am meisten mag ich es, wenn dies nicht auf zu seichte Weise passiert, sondern verstrickt und verschachtelt ist. Ich mag die verschiedenen Figuren, mag es, mitzuraten, mir den Kopf zu zerbrechen. Ich mag es, involviert zu sein, emotional und rational. Und ja, ich mag die menschlichen Sonderbarkeiten, die Abgründe, die dunklen Seiten – sie alle haben in Krimis und Thrillern eine Plattform.
Was ich nicht mag? Schubladisierungen, Hierarchien, Bewertungen, die zu Abwertungen führen. Schon gar nicht beim Lesen. In meinen Augen gibt es nur zwei Kriterien für Bücher: Es gefällt oder es gefällt nicht. Das erste soll man lesen, das andere lassen. Ausschlaggebend ist nicht, was man liest, sondern dass man liest, finde ich. Denn: Lesen heisst den eigenen Horizont erweitern. Es heisst, in fremde Welten eintauchen und andere Lebensmöglichkeiten kennenlernen. Es bedeutet, miterleben und mitfühlen zu können, ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit Spass.
Schon ist ein Monat um vom neuen Jahr. Ich habe ihn genutzt, um mich zu sortieren, hinzuschauen, was ich wirklich will, wie es weitergehen soll. Ich habe in den letzten Wochen und Monaten des vergangenen Jahres gemerkt, dass ich mich oft getrieben fühlte, dass ich dachte, liefern zu müssen, dass ich dabei, es liegt wohl in der Natur des Menschen, auch gefallen wollte. Zwar habe ich mich nie verstellt, habe immer «mein Ding» gemacht, und doch merkte ich, dass Freude und Leidenschaft etwas zu schwächeln begannen, zumal sich meine Leseinteressen in der letzten Zeit merklich verschoben haben.
Ich könnte es mit Goethe sagen:
“Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor; Heiße Magister, heiße Doktor gar Und ziehe schon an die zehen Jahr Herauf, herab und quer und krumm Meine Schüler an der Nase herum- Und sehe, daß wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen.
Nun bin ich sicher nicht gescheiter als die anderen, zumal ich nicht festlegen möchte, was «gescheit» überhaupt heissen soll, ist es doch, so denke ich, immer an Massstäbe geknüpft, die von Menschen gemacht werden, welche sich als massgeblich für unsere Gesellschaft erachten. Ob das immer gescheit ist, wage ich zu bezweifeln. Aber ich schweife ab.
Ich habe von Kind an viel gelesen, damals hauptsächlich Krimis, aber auch anderes. Landläufig aber wohl eher das, was man in unseren Breitengraden etwas abschätzig die seichte Literatur nennt. Die Schullektüren waren selten mein Geschmack, was aber durchaus auch daran gelegen haben kann, dass sie unter Zwang zu lesen waren – was mir das Lesen eher verleidete. Trotzdem blieb die Liebe zu Büchern bestehen, das Studium der Literaturwissenschaft und auch der Philosophie waren folgerichtig – und von einer grossen Leidenschaft erfüllt. Ich habe die sogenannte Hochliteratur mehrheitlich gern gelesen, habe viel daraus gezogen. Aber: Nach dem Studium hatte ich erstmal genug. Ich war irgendwie gesättigt. Ich verlegte mich auf das Lesen von Krimis. Nein, ich frass sie regelrecht.
Ich habe nie zu denen gehört, die Literatur (und auch andere Kunst) in Hierarchien einbaut. Ich merkte aber, dass dies oft getan wird. Und ja, vielleicht hat mich das auch ab und zu beeinflusst. Nach einer langen Pause mit Krimis, ich habe sie immer noch gerne geschaut, aber nicht mehr gelesen, habe ich nun beschlossen, dass ich diese Leidenschaft nicht mehr länger brachliegen lassen möchte. Und: Ich habe auch wieder begonnen, literarisch zu schreiben, Kindergeschichten, Kurzgeschichten und ein grösseres Projekt schwebt mir auch vor. All das möchte ich in diesen Blog einbringen.
Das heisst nicht, dass alles andere nicht mehr da ist, mich interessieren immer noch viele Themen, Philosophie ist mir wichtig und ein grosser Teil von mir, aber die Schwerpunkte haben sich etwas verlagert. Ich freue mich über jeden, der mich auch weiter begleitet, verstehe aber, wenn es für den einen oder anderen nicht mehr passt.
So oder so möchte ich mich bedanken. Ich habe hier viele treue Leser, erhalte im Blog und auch auf anderen Kanälen immer wieder schöne und berührende Rückmeldungen. Das bedeutet mir viel, der Austausch bedeutet mir viel, und das Wissen, dass das Internet nicht nur eine grosse, anonyme Masse ist, sondern auch ein Ort für menschliche Begegnungen.
Was könnt ihr erwarten:
Buchtipps
Anekdoten
Kurzgeschichten
Gedankensplitter
Inspirationen, die ich teilen möchte
Sprich: Ein kunterbuntes Sammelsurium von Texten über die Welt und das, was mich in ihr bewegt.
Eigentlich wollte ich nur mein Regal umräumen, da fiel mir dieses Buch in die Hände. Das Vorhaben war vergessen, weil ich den grossen Fehler gemacht habe, das Buch aufzuschlagen und irgendwo loszulesen. Da hatte mich Margaret Atwood an der Angel und liess mich nicht mehr los.
«Brennende Fragen – Warum dieser Titel? Vielleicht weil die Fragen, mit denen wir im 21. Jahrhundert konfrontiert sind, mehr als dringlich sind.»
«Brennende Fragen», Fragen und Themen, die umtreiben in dieser Zeit, in diesem 21. Jahrhundert. Margaret Atwood hat darüber geschrieben. Sie schrieb über soziale Ungerechtigkeit, über Gleichberechtigung und Revolution. Sie schrieb über Ungleichverteilung von Reichtum, über Probleme der Demokratie und übers Schreiben – das der anderen und das eigene. Sie beleuchtet diese ganze Welt mit ihrem klaren, scharfsinnigen Blick, vergisst dabei nie, eine kleine Prise Humor einzustreuen.
«Man braucht alle drei Teile: Talent, harte Arbeit und Leidenschaft. Hat man nur zwei davon, bringt man es nicht sehr weit.» Margaret Atwood
Sie hat offensichtlich alles davon. Habt ihr schon ein Buch von ihr gelesen? Welches ist euer Liebling?
Neue Regel fürs Bücherregalumräumen: Bücher bleiben geschlossen! Ich befürchte aber, es kommt damit gleicht heraus mit diesem Vorsatz wie mit den meisten, die fürs neue Jahr aufgestellt werden.
Habt einen schönen Tag!
Angaben zum Buch:
Der Klappentext «Brennende Fragen – Warum dieser Titel? Vielleicht weil die Fragen, mit denen wir im 21. Jahrhundert konfrontiert sind, mehr als dringlich sind. Natürlich denkt man das in jedem Zeitalter über die jeweiligen Krisen, aber diese Ära erscheint definitiv ein anderes Kaliber zu sein. Da ist erstens unser Planet. Verbrennt die Welt sich buchstäblich selbst? Haben wir sie in Brand gesteckt? Können wir die Feuer löschen?
Wie steht es mit der eklatanten Ungleichverteilung von Reichtum? Wann werden die 99 Prozent Arme die Nase voll haben und – bildlich gesprochen – die Bastille in Flammen aufgehen lassen?
Dann die Demokratie. Schwebt sie in Gefahr? Was meinen wir überhaupt mit Demokratie? Hat es sie denn je gegeben, im Sinne von Gleichberechtigung aller Bürger? Meinen wir es ernst mit aller? Wie viel darf frei geäußert werden und von wem und zu welchem Thema? Die Revolution durch die sozialen Medien hat Onlinegruppierungen von Menschen, die je nachdem, ob man sie mag oder nicht, als ›Bewegungen‹ oder ›Mob‹ bezeichnet werden, bisher ungekannte Macht verliehen. Ist das gut, ist es schlecht oder nur eine neue Spielart der Meute, die etwas umtreibt?
Dies sind einige der brennenden Fragen, die man mir im Verlauf der vergangenen beiden Jahrzehnte gestellt hat und die ich mir selbst stelle. Hier nun ein paar Versuche dazu? Denn das ist ein Essay ja seiner Bedeutung nach: ein Versuch. Ein Bestreben.»
Die Autorin und die Übersetzende Margaret Atwood, geboren 1939, ist unbestritten eine der wichtigsten Autorinnen Nordamerikas. Ihre national wie international vielfach ausgezeichneten Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. »Der Report der Magd«, das Kultbuch einer ganzen Generation, wurde preisgekrönt als Serie verfilmt. 2017 erhielt sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und für ihren Roman »Die Zeuginnen« wurde sie 2019 bereits zum zweiten Mal mit dem Booker-Preis für den besten englischsprachigen Roman ausgezeichnet. Atwood lebt in Toronto.
Martina Tichy studierte Germanistik und Amerikanistik und ist seit vielen Jahren als Übersetzerin aus dem Englischen tätig, u. a. von Amitav Ghosh, F. Scott Fitzgerald und Paul Murray.
Facts and Figures
Herausgeber : Berlin Verlag; 1. Edition (12. Oktober 2023)
*Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.» Epiktet
«Was macht das mit dir?» Es gibt kaum einen Satz, der mich immer, wenn ich ihn höre, dermassen nervt. Er impliziert, dass ich das arme kleine Opfer meines Lebens bin und dieses Leben kommt und etwas mit mir macht. Ich muss es still erdulden, habe keine Wahl. Nein! Es ist mein Leben, ich habe eine Wahl.
«Von allem, was existiert, hat Gott einen Teil in unsere Verfügungsgewalt gegeben, den anderen Teil nicht. In unserer Macht steht das Schönste und Wichtigste: der Gebrauch unserer Eindrücke und Vorstellungen.»
Das Leben mag sein, wie es will, ich habe nicht alles in meiner Hand. Leider. Zum Glück vielleicht auch, denn die Konsequenzen, wenn jeder alles in der Hand hätte, wären irgendwie gruselig. Was ich in der Hand habe, ist, was ich daraus mache. Nicht das Leben macht etwas mit mir, ich mache etwas mit meinem Leben. Der erste Schritt dabei ist, dass ich das, was im Leben passiert, interpretiere und bewerte. Aus dieser Interpretation und Bewertung speisen sich dann meine Gefühle, meine Haltung. Finde ich es gut, sehe ich mich als glücklichen Menschen, finde ich es schlecht, als Pechvogel. Aus dieser Einordnung leitet sich meine Stimmung ab. Ist sie gut, empfinde ich die Welt als hell, andernfalls versinke ich in der gefühlten Düsterheit der Welt.
«Nicht wie die Dinge wirklich sind, sondern wie sie in unserer Einstellung und Vorstellung sind, macht uns zufrieden oder unzufrieden.»
So gedacht kann das Leben also nichts mit mir machen. Ich habe die Wahl. Das wird nicht dazu führen, dass es plötzlich nur noch bunte Konfetti vom Himmel regnet und alles ein riesiges Fest wird, aber nur schon das Gefühl, nicht der Spielball sondern der Steuermann meines Lebens zu sein, hilft, mich doch besser zu fühlen. Und wer weiss, vielleicht hat Rilke ja recht, wenn er sagt:
«Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.»