Warum sind uns unsere Kinder nicht wichtig?

«Im Menschenleben ist es wie auf der Reise. Die ersten Schritte bestimmen den ganzen Weg. Arthur Schopenhauer

Warum sind uns unsere Kinder nicht wichtig? Es gibt Sätze, die man nicht schreiben möchte, weil sie zu hart klingen. Und doch stehen sie plötzlich im Raum und ja, ein Vorwurf schwingt mit. Gemeint sind nicht einzelne Kinder oder gar das eigene, welches man morgens weckt, dem man Schulbrote schmiert und Fieber misst, es tröstet und vor allem: liebt. Die Frage zielt auf Kinder in einem grundsätzlichen Sinn. Es gibt viele wohlklingende Parolen wie zum Beispiel, dass Kinder unsere Zukunft seien und ihr Wohl an erster Stelle stehe. Nur: Stimmt das wirklich?

Gerade wenn es um Kinder geht, zeigt sich deutlich, ob eine Gesellschaft wirklich meint, was sie über Zukunft, Gerechtigkeit und Würde sagt. Die neue UNICEF-Studie zum Wohlbefinden von Kindern in wohlhabenden Ländern wirkt wie ein Spiegel, in den man nicht gerne schaut. Die Zahlen sind generell erschreckend, doch wenn man diese vor dem Hintergrund der sozialen Unterschiede betrachtet, verschärft sich das Bild deutlich: Bei Jugendlichen aus benachteiligten Familien erreichen nur 46 Prozent grundlegende Kompetenzen, bei Jugendlichen aus privilegierten Familien sind es 90 Prozent.

Das ist eine gesellschaftliche Selbstbeschreibung. Kinder wachsen in derselben Gesellschaft auf, leben aber doch in verschiedenen Welten. Der Ort, an dem ein Kind geboren wird, die Wohnung, in der es schläft, die Sprache, die zu Hause gesprochen wird, der Bildungsabschluss der Eltern, die Sicherheit des Einkommens entscheiden darüber, ob dieses Kind lesen, rechnen, verstehen, vertrauen, hoffen kann? Damit ist Armut nicht nur Mangel an Geld, sie ist Mangel an Weltzugang. Sie ist eine Einschränkung dessen, was ein Kind von dieser und auch sich selbst erwarten darf.

Hannah Arendt hat den schönen Begriff der Natalität geprägt. Jeder Mensch, der geboren wird, bringt die Möglichkeit eines Neubeginns in die Welt. Mit jedem Kind beginnt etwas, das vorher nicht da war. Eine Gesellschaft, die Kinder vernachlässigt, vernachlässigt deshalb nicht nur eine Altersgruppe, sie vernachlässigt ihre eigene Möglichkeit, neu anzufangen. Sie behandelt Zukunft als etwas, das sich von selbst ergeben wird, während sie gleichzeitig die Bedingungen zerstört, unter denen Zukunft überhaupt entstehen kann.

Vielleicht liegt genau hier das Verstörende. Wir reden unablässig von Zukunft, von Innovationskraft, von Wettbewerbsfähigkeit, von Fachkräftemangel und Standortvorteilen. Wenn es aber konkret wird, wenn Zukunft nicht als abstrakter Begriff, sondern in Form von Kindern und ihren Möglichkeiten vor uns stehen, wenn wir es mit Kindern zu tun haben, Hunger und Angst haben, die ihren Bewegungsdrang und ihre Neugier ausleben, die lernen und erkunden, die sich entfalten wollen, dann wird Zukunft plötzlich zu teuer. Das ist der Skandal Noch grösser wird der Skandal, dass wir eigentlich schon wüssten, was zu tun wäre, es aber dennoch nicht tun. Wir müssen sparen und auf dem Rücken der Kinder lässt sich das wohl besonders gut umsetzen.

Beispiel Deutschland

UNICEF formuliert den Zusammenhang nüchtern: In Ländern mit hoher Ungleichheit und Kinderarmut wachsen viele Kinder unter Bedingungen auf, die körperliche und mentale Gesundheit, schulische Kompetenzen und Zukunftschancen beeinträchtigen. Deutschland ist kein armes Land. Es ist auch kein Land ohne Institutionen. Es gibt Expertisen und Forschung in dem Bereich, es existieren Programme, Stiftungen und pädagogische Konzepte. Gerade deshalb ist das schlechte Abschneiden so beschämend. Es zeigt nicht in erster Linie ein Ressourcenproblem. Es zeigt ein Prioritätenproblem. Wir investieren in Strukturen, Maschinen, Märkte, Technologien, Sicherheitssysteme, Infrastrukturen, Rettungspakete, nicht aber in unsere Zukunft. Kinder erscheinen allzu oft als Kostenstelle. Betreuung kostet. Bildung kostet. Schulsozialarbeit kostet. Psychologische Versorgung kostet. Armutsbekämpfung kostet. Frühförderung kostet. Gesunde Ernährung kostet. Gute Räume kosten. Zeit kostet.

Der Fehler bei dieser Rechnung zeigt sich schon in der Sprache. Was als Kosten gelistet ist, ist in Wahrheit die elementarste Form gesellschaftlicher Selbstsorge. Christian Schneider von UNICEF Deutschland bringt es auf den Punkt: Wer heute nicht in Teilhabe, Bildung und gesundheitliche Versorgung der jüngsten Generation investiere, schadet nicht nur den Kindern, sondern zahlt morgen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Preis. Aber vielleicht reicht selbst dieses Argument noch nicht, bleibt es doch gefährlich nah an einer Nützlichkeitslogik: Wir sollen in Kinder investieren, weil sie später produktive Erwachsene, Steuerzahlende, Fachkräfte, Demokratinnen, Konsumenten, Pflegende, Innovatoren werden. Das ist nicht falsch, aber es ist zu wenig. Kinder sind nicht wichtig, weil sie die Zukunft „bringen“. Sie sind wichtig, weil sie jetzt leben.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber politisch nicht. Politisch werden Kinder oft als werdende Erwachsene behandelt, nicht als gegenwärtige Menschen. Ihr Wert liegt dann in dem, was aus ihnen werden könnte, sie werden zu Projektionsflächen für Aufstieg, Integration, nationale Leistungsfähigkeit, demografische Stabilität. Ein Kind ist nicht erst Mensch im Futur. Es hat jetzt Hunger oder Freude, jetzt Angst oder Mut, jetzt Lust auf Welt oder schon die Erfahrung, in ihr keinen Platz zu haben. Hier berührt die UNICEF-Studie eine tiefere moralische Frage. Eine Gesellschaft zeigt ihren Charakter nicht daran, wie bewegend sie über Kinder spricht, sondern daran, welche Welt sie ihnen tatsächlich bereitet. Sie zeigt ihn an Schulhöfen, in Bibliotheken und Quartieren, beim Angebot an Mittagstischen, Kita-Plätzen, Kinderarztpraxen und dem Zugang dazu, bei Jugendtreffs, Lehrpersonen, die nicht ausbrennen, und auch bei Eltern, die nicht ständig am Rand der Erschöpfung leben.

Die Zahlen über Bildungsungleichheit erzählen darum nicht nur von Leistung, sie erzählen von Anerkennung. Axel Honneth hat Anerkennung als Grundbedingung gelingender Identitätsbildung beschrieben: Menschen werden zu sich selbst, indem sie erfahren, dass sie zählen, dass ihre Bedürfnisse gesehen werden, dass ihre Fähigkeiten Antwort finden. Kinder, denen früh vermittelt wird, dass ihre Schule schlechter ausgestattet ist, ihre Sprache weniger gilt, ihre Eltern weniger durchsetzungsfähig sind, ihr Viertel weniger Aufmerksamkeit bekommt, lernen nicht nur schlechter in der Schule, sie lernen vor allem auch etwas über ihren Platz in der Welt. Sie lernen: Für uns reicht es nicht.

Das ist vielleicht die grausamste Auswirkung von Ungleichheit: Nicht nur sind die Chancen objektiv ungleich verteilt, diese Ungleichheit sickert subjektiv in das Selbstbild ein. Pierre Bourdieu hat gezeigt, wie soziale Herkunft nicht äusserlich bleibt, sondern sich in Haltungen, Erwartungen, Körper, Sprache, Geschmack, Selbstvertrauen einschreibt. Ungleichheit reproduziert sich nicht allein durch Geld, sondern durch das, was ein Kind für möglich hält, bevor es überhaupt gefragt wurde, was es möchte.

Wenn nur 46 Prozent der Kinder aus armen Verhältnissen grundlegende Kompetenzen in Bildungsbereichen erreichen, dann ist das kein individuelles Versagen, sondern die pädagogische Form der Verstärkung sozialer Vererbung. Und wenn gleichzeitig 90 Prozent der privilegierten Kinder diese Kompetenzen erreichen, dann kann niemand ernsthaft behaupten, das Problem liege einfach in mangelndem Willen, mangelnder Begabung oder mangelnder Anstrengung. Es liegt in den Bedingungen.

An diesem Punkt wird die Frage politisch: Warum akzeptieren wir eine Ordnung, in der Kinder so früh sortiert werden? Vielleicht, weil Kinder keine Macht haben. Sie wählen nicht. Sie streiken selten. Sie schreiben keine Leitartikel. Sie finanzieren keine Parteien. Sie haben keine Lobby, die ihrer tatsächlichen Bedeutung entspricht. Ihre Abhängigkeit macht sie moralisch zentral, aber politisch schwach. Und dort, wo eine Gesellschaft primär auf Durchsetzungskraft, Sichtbarkeit und ökonomische Verwertbarkeit reagiert, geraten Kinder leicht an den Rand.

Das Kranken der Demokratie fängt bei den Kindern an

Gerade hier zeigt sich auch das Kranken der Demokratie gut und: es ist ein selbstprovoziertes, das auf dem Rücken der schwächsten Glieder ausgetragen wird. Demokratie ist mehr als ein Wahlverfahren, sie ist eine Lebensform, die darauf angewiesen ist, dass Menschen sprechen, urteilen, zuhören, widersprechen, vertrauen, sich als wirksam erleben. All das fällt nicht vom Himmel. Es wird gelernt. Oder es wird verlernt, bevor es überhaupt entstehen konnte. Eine Demokratie, die ihre Kinder vernachlässigt, untergräbt sich selbst. Sie produziert Menschen, die früh erfahren, dass Teilhabe ein Versprechen für andere ist. Sie produziert Kränkung, Rückzug, Misstrauen, Beschämung und wundert sich später über gesellschaftliche Spaltung, über Wut, über die Anfälligkeit für autoritäre Versprechen, über den Verlust gemeinsamer Wirklichkeit.

Man kann diese Linie nicht einfach mechanisch ziehen. Nicht jedes arme Kind wird politisch entfremdet, nicht jede schlechte Schule zerstört ein Leben, nicht jedes privilegierte Kind wird frei. Kinder sind keine Produkte ihrer Bedingungen. Aber Bedingungen sind auch nicht harmlos. Sie bilden den Horizont, in dem Freiheit überhaupt erst Gestalt gewinnen kann. Kinder müssen nicht stärker werden, damit sie schlechte Verhältnisse besser aushalten. Verhältnisse müssen gerechter werden, damit Kinder nicht dauernd beweisen müssen, wie viel sie aushalten können. Wenn Kinder in Armut, Überforderung, Bildungsbenachteiligung oder psychischer Belastung aufwachsen, dann ist es zynisch, ihnen vor allem Anpassungsfähigkeit abzuverlangen. Eine Gesellschaft, die Kinder ernst nimmt, fragt nicht zuerst: Wie machen wir sie robuster? Sie fragt: Warum setzen wir sie Belastungen aus, die vermeidbar wären?

Fähigkeiten und Teilhabe fördern

Was also wäre gerecht? Wie können wir die Welt zu einem Ort machen, an dem Kinder sich gesehen, gehört und ernstgenommen fühlen? Martha Nussbaum hat als Gerechtigkeitsmodell den Fähigkeitsansatz entworfen (in enger Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen), wonach Gerechtigkeit nicht fragt, was Menschen formal dürfen oder haben sollen, sondern was sie tatsächlich zu tun und zu sein in der Lage sind. Übertragen auf Kinder heisst das: Es reicht nicht, ihnen Rechte zuzuschreiben, sie brauchen reale Möglichkeiten, diese Rechte zu leben. Ein Recht auf Bildung ist wenig wert, wenn die Schule nicht trägt. Ein Recht auf Teilhabe bleibt leer, wenn Armut jede Einladung beschämt. Ein Recht auf Gesundheit klingt hohl, wenn Versorgung vom Wohnort, vom Einkommen oder von elterlicher Durchsetzungskraft abhängt.

Kinderpolitik ist deshalb keine Sozialromantik. Sie ist Gerechtigkeitspolitik im elementarsten Sinn. Jedes Kind soll in dieser Welt zuhause sein, es soll das Gefühl haben, hier sein und sich entfalten zu dürfen. Es soll von Anfang an merken, dass dies auch seine Welt ist, die es mitgestalten und auf die es antworten kann. Eine gelingende Weltbeziehung beginnt nicht erst im Erwachsenenalter. Sie beginnt dort, wo ein Kind erfährt, dass seine Stimme eine Antwort bekommt. Dass Lernen nicht Beschämung und Fehler nicht Ausschluss bedeuten. Dass Armut nicht Schicksal sein muss. Dass Erwachsene nicht nur verwalten, sondern tragen. Dass Institutionen nicht kalt sind, sondern verlässlich. Dass Welt nicht nur etwas ist, dem man ausgeliefert ist, sondern etwas, an dem man teilhaben kann.

Vielleicht müsste man genau so über Bildung sprechen: nicht nur als Kompetenzproduktion, sondern als Einführung in Welt. Schule wäre dann nicht primär ein Ort, an dem nach Kriterien ein- und ausgeschlossen wird, sondern einer, an dem Kinder erfahren, dass Welt grösser ist als Herkunft. Dass ein Satz, eine Zahl, ein Lied, ein Experiment, eine Geschichte, ein Gespräch Türen öffnen können. Dass man nicht auf das festgelegt bleibt, was einem zufällig gegeben wurde.

Wer Kinder nur als Sache der Familie betrachtet, macht Herkunft zur Schicksalsmacht. Wer Kinder nur als Sache des Staates betrachtet, gefährdet ihre Freiheit. Eine demokratische Gesellschaft muss beides vermeiden. Sie muss Familien stärken, ohne Kinder in ihnen verschwinden zu lassen. Sie muss öffentliche Verantwortung übernehmen, ohne Eltern zu entmündigen. Sie muss anerkennen: Jedes Kind kommt in eine konkrete Familie, aber auch in eine gemeinsame Welt. Und diese gemeinsame Welt ist unsere Verantwortung.

Darum führt die UNICEF-Studie zurück zu der unbequemen Anfangsfrage. Warum sind uns unsere Kinder nicht wichtig? Vielleicht lautet die ehrlichste Antwort: Weil sie uns nicht laut genug zwingen. Weil ihre Zukunft zu weit entfernt scheint. Weil ihre Gegenwart zu wenig zählt. Weil Armut sich verstecken lässt. Weil Bildungsungleichheit statistisch klingt, obwohl sie biografisch brennt. Weil wir gelernt haben, Ausgaben für Kinder als Kosten zu verbuchen, während wir die Folgekosten ihrer Vernachlässigung verdrängen. Weil wir Wohlstand mit Besitz verwechseln und nicht mit der Fähigkeit, allen Kindern einen Anfang zu ermöglichen.

Eine Gesellschaft, die Kinder vernachlässigt, verrät nicht nur Kinder. Sie verrät ihr eigenes Versprechen. Denn wenn Kinder nicht zählen, zählt Zukunft nicht. Wenn Herkunft stärker ist als Möglichkeit, zählt Gerechtigkeit nicht. Wenn Bildung vom Elternhaus abhängt, zählt Leistung nicht. Wenn Teilhabe ein Privileg bleibt, zählt Demokratie nicht.

Vielleicht beginnt politische Erneuerung genau dort: nicht mit dem nächsten grossen Zukunftsversprechen, sondern mit der Weigerung, Kinder länger zu vertrösten. Kinder sind nicht die Zukunft, weil sie irgendwann Erwachsene werden. Sie sind die Zukunft, weil an ihnen sichtbar wird, ob wir überhaupt noch fähig sind, eine gemeinsame Welt zu bauen.

Simone Scherger, Ruth Abramowski, Irene Dingeldey, Anna Hokema, Andrea Schäfer (Hg.): Geschlechterungleichheiten in Arbeit, Wohlfahrtsstaat und Familie

«Tatsächlich verringern sich jedoch die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in vielen Bereichen nur langsam… Mit diesen Ungleichheiten sind jeweils unterschiedliche soziale Risiken und günstige oder ungünstige Lebenslagen, mithin meist Benachteiligungen von Frauen verknüpft.»

Der Kampf gegen Ungleichheit, die immer einher geht mit Ungerechtigkeit, ist nicht neu. Über die Jahre konnten viele Fortschritte erreicht werden, die Gesetzeslage hat sich mehr und mehr in Richtung Gleichheit verändert und auch im Selbstverständnis vieler Menschen kam es zu einer Entwicklung hin zu einer gleichberechtigteren Sicht auf die Unterschiedlichkeiten der Menschen. Leider sind wir weit davon entfernt, am Ziel zu sein, im Gegenteil, alles Erreichte ist immer in Gefahr, durch Rückschritte zunichte gemacht zu werden (wir sehen es aktuell bei Diskussionen rund um die Abtreibung). Der Kampf um Gleichberechtigung ist ein fortlaufender Prozess gegen Beharrungstendenzen und Rückfälle, die Fortschritte aber zeigen sich nur langsam.

«Sie werden durch das Zusammenspiel verschiedener institutioneller, etwa sozialpolitischer und rechtlicher Strukturen[…], organisatorischer Einflüsse (etwa an Arbeitsplätzen) und normative Leitbilder direkt oder indirekt geprägt, die auch in sich widersprüchliche Arrangements bilden können.»

Ungleichheit und Diskriminierung aufgrund solcher ist nie ein nur individuelles Problem, sondern eines, das in Strukturen stattfindet. Indem es eine Sicht von normal und anders gibt, werden Machtverhältnisse definiert, die fortan das Zusammenleben bestimmen. Dies gilt es, bewusst in den Blick zu nehmen und nach neuen Wegen für ein gleichberechtigtes Miteinander zu suchen, ist auch heute noch wichtig (selbst wenn einige Stimme gerne das Gegenteil behaupten, wohl mehrheitlich aus der Motivation heraus, die eigenen Privilegien zu schützen).

Die im vorliegenden Buch zusammengetragenen Aufsätze diskutieren die geschlechtsbezogenen Ungleichheiten im Hinblick auf Arbeitsverhältnisse, Wohlfahrtsstaat und Familie. Ziel ist es, durch die Analyse geschlechterbezogener Einstellungen und Verhaltensmuster ein Bewusstsein für die gemachten Fortschritte wie auch die noch offenen Problemfelder und Rückschritte zu schaffen, aufgrund dessen dann Wege für neue Veränderungsprozesse eröffnet werden können.

Die Qualität der Aufsätze ist durchzogen, von sehr fundierten, informativen, weiterführenden über interessante bis hin zu wissenschaftlich fragwürdigen (nicht repräsentative Proben, zu offensichtliche Ergebnisse, etc.) ist alles dabei. Trotzdem ist das Buch sehr empfehlenswert, behandelt es doch ein Thema, das wichtig ist und vor dem wir unsere Augen nicht verschliessen dürfen.

Über die Herausgeberinnen und Autorinnen
Simone Scherger, Prof. Dr., Soziologin und Leiterin der Arbeitsgruppe »Lebenslauforientierte Sozialpolitik« am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen.
Ruth Abramowski, Dr., Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe »Arbeit, Wohlfahrtsstaat und Gender« von Prof. Dr. Karin Gottschall am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen.
Irene Dingeldey, Prof. Dr., Sozialwissenschaftlerin und Direktorin des Instituts Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen.
Anna Hokema, Ph.D., Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) der Universität Duisburg-Essen und der Universität Bremen.
Andrea Schäfer, Magistra, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Sonderforschungsbereich 1342 »Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik« an der Universität Bremen

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Campus Verlag; 1. Edition (13. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 484 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3593514413

Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit

Inhalt

«Ungleichheit ist zunächst und vor allem eine soziale, historische und politische Konstruktion.»

Wir leben in einer Welt voller Ungleichheiten. Die Schere zwischen reich und arm klafft weit auseinander, Menschen mit vielen Rechten und Macht stehen anderen gegenüber. Wie ist es dazu gekommen? Ist es ein Problem? Müssen wir es lösen? Können wir es lösen?

Thomas Pickety zeichnet das historische Bild über die Entstehung der Ungleichheiten in unserer Gesellschaft und verweist darauf, dass diese nicht als Naturgewalt über uns kamen, sondern mehrheitlich von uns Menschen selbst konstruiert wurde durch unser Naturell und die Art und Weise unseres Zusammenlebens in Gesellschaften und Staaten. Er bleibt dabei nicht bei der Beschreibung stehen, sondern hat auch einen Lösungsansatz zur Hand, von dem er aber selbst sagt, dass ein solcher nie für immer in Stein gemeisselt ist, sondern einen andauernden Prozess darstellt.

«Der Sozialstaat und die Steuerprogression sind wirkungsvolle Instrumente einer Transformation des Kapitalismus.»

Gedanken zum Buch

«Menschliche Gesellschaften erfinden unablässig Regeln und Institutionen, um sich zu organisieren, um Reichtum und Macht zu verteilen. Aber stets treffen sie dabei politische und reversible Entscheidungen.»

Was vom Menschen gemacht ist, kann der Mensch auch ändern. Der Satz klingt einfach, man könnte hinterherschieben, dass er es nur wollen müsse. Das Hauptproblem dabei ist aber wohl, dass es «den Menschen» nicht gibt, nur «die Menschen», und die wollen selten alle dasselbe. Es wollen die umso weniger eine Änderung, die von der aktuellen Situation profitieren, und mehrheitlich sind die auch in Positionen, dies zu bestimmen.

«So leicht es ist, den inegalitären oder repressiven Charakter bestehender Institutionen und Regierungen anzuprangern, so schwierig ist es, sich auf alternative Institutionen zu verständigen, die wirklich mehr soziale, wirtschaftliche und politische Gleichheit schaffen und zugleich individuelle Rechte und das Recht jeder und jedes Einzelnen auf Andersartigkeit zu respektieren.»

Zentral für eine Änderung der vorhandenen Ungleichheiten in unserer Gesellschaft ist einerseits der klare Blick auf dieselben, das Aufdecken der Missstände. Andererseits bedarf es eines Dialogs, um mögliche Lösungsansätze gegeneinander abzuwägen und eine möglichst grosse Einigung auf die geeignetsten Massnahmen zu gewinnen.

«Dazu braucht es eine ehrgeizige, konsequente und überprüfbare Antidiskriminierungspolitik, ohne darum die Identitäten, die stets vielfältig und vielschichtig sind, zu verhärten.»

Was sich auf dem Papier leicht schreibt, stellt sich in Tat und Wahrheit schwierig an, sind es doch festgefahrene, da über Jahrzehnte, Jahrhunderte gar, gewachsene Strukturen, an denen wir rütteln wollen. Wir müssen wegkommen von einer Politik, welche die bevorteilt, die sowieso schon viel haben, auf Kosten derer, die am anderen Ende der Messlatte sitzen. Wir müssen hinkommen zu einer Form des Zusammenlebens, die Menschen als Menschen sieht, ohne sie nach äusseren Kriterien zu unterscheiden und zu diskriminieren. Wir müssen hinkommen zu einem System, das sozialer ist und auf eine Umverteilung setzt, die es allen ermöglicht, ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Thomas Piketty gelingt in diesem für ihn verhältnismässig schmalen Buch eine konzise historische Analyse der gewachsenen Ungleichheiten in unseren Gesellschaften, und liefert einen gezielten Lösungsansatz, den er zur Diskussion stellt. Es ist zu wünschen, dass dieser aufgegriffen wird und zur Umsetzung gelangt. Ich bin überzeugt, dass sich viele andere Probleme auch lösen würden, wären gravierende Ungleichheiten nicht mehr ausschlaggebend, wenn es darum geht, ein würdiges Leben zu führen.

Fazit
Tiefgründig, kompetent, analytisch und konkret – ein gut lesbares, zum Nachdenken anregendes Buch über die Ungleichheiten dieser Welt und wie wir sie beheben können.

Zum Autor
Thomas Piketty lehrt an der École d’Économie de Paris und an der renommierten École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris. Bei C.H.Beck sind von ihm erschienen „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ (2020), „Ökonomie der Ungleichheit“ (2020), „Kapital und Ideologie“ (2020), „Der Sozialismus der Zukunft“ (2021) und zuletzt „Rassismus messen, Diskriminierung bekämpfen“ (2022).

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 2. Edition (29. September 2022)
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 264 Seiten
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Übersetzung‏ : ‎ Stefan Lorenzer
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406790980