Drohendes Unheil im Paradies

Marcus Goldman, Protagonist und Erzähler, ist Schriftsteller. Er kauft sich ein Haus in Florida, um in Ruhe seinen nächsten Roman zu schreiben. Es soll der Roman seiner Familie werden.

„Samstag kommen die Baltimores, Sonntag die Montclairs.“ Was angfangs jedoch nur eine liebevolle Zuschreibung war, um uns leichter auseinanderhalten zu können, wurde im Laufe der Jahre zu einer Art Gütesiegel, das eine tiefe Spaltung im eigenen Clan ausdrückte.

Die drei Goldman-Cousins sind ein unzertrennbares Gespann. Hillel und Woody wohnen mit ihrer Familie in Baltimore, Marcus mit seiner in Montclair. wobei er sich dafür schämt, denn bei den Baltimores ist alles grösser, schöner und besser. Aus diesem Grund ist er auch so oft er kann in Baltimore, um mit seinem Onkel Saul, den er sehr bewundert, und Tante Anita, die wunderschön ist, vor allem aber mit seinen Cousins zusammen zu sein. Nichts kann das Trio auseinanderbringen, nicht einmal, dass sie sich in dieselbe Frau verlieben. Das denkt man zumindest, bis es zur Katastrophe kommt. Danach ist nichts mehr, wie es mal gewesen ist.

Joël Dickers Roman Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert war ein Riesenerfolg, die Erwartungen an den neuen Roman waren entsprechend hoch. Gelingt Dicker erneut ein Pageturner? Schafft er es wieder, den Leser zu fesseln und nicht mehr loszulassen? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Die Geschichte der Baltimores erzählt die Geschichte einer Familie in Amerika. Von der ersten Seite an weiss man, dass mit der Familie etwas schreckliches passieren wird, aber man hat keine Ahnung was. Ausser ein paar Andeutungen auf die kommende Katastrophe erzählt Dicker unterhaltsam von drei Jungen, ihren Gefühlen, ihrem Werdegang. Es gelingt ihm dabei, gekonnt zwischen den Zeiten zu wechseln, die Gegenwart des Schreibens mit der erinnerten Vergangenheit zu durchmischen und dadurch die Spannung immer grösser werden zu lassen.

Dicker überzeugt einmal mehr mit Erzählkunst auf ganz hohem Niveau: Plastische Figuren, stimmiger Plot, perfekt eingesetzter Spannungsaufbau. Müsste man dem Buch etwas Negatives anlasten, wäre es, dass die doch immerhin 509 Seiten viel zu schnell gelesen sind.

Fazit:
Eines der besten Bücher seit langem. Plot, Sprache, Charaktere – Erzählkunst auf höchstem Niveau. Packend, unterhaltend, wunderbar. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Joël Dicker
Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Der studierte Jurist hat bislang zwei Romane geschrieben: Les Derniers Jours de nos Pères und La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert). Für Letzteren bekam er den Grand Prix du Roman der Académie Française zugesprochen sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Das bei einem winzigen Verlag erschienene Buch wurde in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 und mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
DickerBaltimoresGebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Piper Verlag (2. Mai 2016)
Übersetzung: Andrea Alvermann, Brigitte Grosse
ISBN-Nr.: 978-3492057646
Preis: EUR 24 / CHF 27.90

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Ohne Liebe ist alles nichts

Halten Sie die Liebe in Ehren, Marcus. Machen Sie sie zu Ihrer schönsten Errungenschaft, zu Ihrem einzigen Ziel. Nach den Menschen kommen andere Menschen. Nach den Büchern kommen andere Bücher. Nach dem Ruhm kommt anderer Ruhm. Nach dem Geld kommt anderes Geld. Aber nach der Liebe, Marcus, nach der Liebe bleibt nur das Salz der Tränen.

Eines Abends verschwindet Nola Kellergan spurlos. Ganz Aurora ist in Aufruhr, ganz Aurora beteiligt sich bei der Suche, aber Nola bleibt verschwunden. Nach einer ersten lähmenden Zeit der Angst, in der Familien ihre Kinder zuhause einschliessen, findet das Städtchen langsam wieder zur Normalität zurück, bis 30 Jahre später Nolas Leiche gefunden wird. Sie liegt im Garten des Mannes, der 30 Jahre vorher mit Nola just am Tag ihres Verschwindens weggehen wollte, um seine Liebe zu dem 15-jährigen Mädchen leben zu können: Harry Quebert, berühmter Schriftsteller, Professor und bislang hochangesehene Persönlichkeit.

Marcus Goldman ist Schriftsteller, erfolgreicher Schriftsteller mit nur einem Buch. Es will ihm nicht gelingen, ein zweites zu schreiben, obwohl ihm sein Verleger Strafe androht, wenn nicht bald eines erscheint. Die Schreibkrankheit hat Marcus im Griff. Eines Tages der Anruf von Harry. In seinem Garten wurde die Leiche von Nola Kellergan gefunden. Nola Kellergang war die Liebe in Harrys Lebens, nie hatte er nachher wieder geliebt. Sein ganzes Leben hatte er nur auf Nola gewartet. Nun war sie tot.

In meinem Leben gab es nur Harry und seltsamerweise stellte ich mir überhaupt nicht die Frage, ob er schuldig war oder nicht: Die Antwort hätte ohnehin nichts geändert. Das war ein komisches Gefühl. Ich glaube, ich hätte ihn lieber gehasst und ihm mit der ganzen Nation ins Gesicht gespuckt, das wäre einfacher gewesen. Stattdessen sagte ich mir nur: Er ist ein Mensch, und Menschen haben ihre Dämonen. Jeder von uns. Die Frage ist nur, wie viel man diesen Dämonen durchgehen lässt.

Marcus macht sich in Zusammenarbeit mit einem Polizisten auf die Suche nach dem wahren Mörder. Harry ist schnell entlastet, aber wer hat die kleine Nola Kellergan sonst umgebracht? Die Nachforschungen bringen nach und nach neue Details und Verstrickungen aus dem Jahr 1975 ans Tageslicht, die beiden Ermittler stossen auf immer mehr Unklarheiten und vor allem immer neue Verdächtige.

Joël Dicker lässt seinen Roman auf drei Zeitebenen spielen: Im Jahr 1975, als Nola Kellergan verschwand, in den Jahren 1998 – 2002, Marcus Goldmans Ausbildungsjahren, und im Jahr 2008, dem Jahr des Leichenfundes und der Ermittlungen. Trotz der drei Ebenen ist dem Leser immer klar, in welcher Zeit er sich befindet, und er spürt, wie sich langsam das Fadennetz zwischen den Zeiten verdichtet. Der Leser nimmt durch die unmittelbare Ich-Erzählung von Marcus Goldman an den Ermittlungen teil und will den Fall selber auflösen. Er leidet mit, er sucht mit, er zieht seine Schlüsse.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist eine packende Geschichte, die viel mehr als ein Krimi ist. Es ist die Geschichte über die Liebe, eine Geschichte übers Schreiben, eine Geschichte über die Wahrheit, die nicht immer ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. In einer gut lesbaren Sprache, mit plastischen Figuren und realistischen Schauplätzen zeichnet Dicker eine GescBildschirmfoto 2015-01-18 um 09.10.15hichte, die den Leser einsaugt und nicht mehr loslassen will. Je weiter das Buch fortschreitet, desto stärker wird aber der Zwiespalt: Einerseits will man nicht aufhören zu lesen, andererseits wird das Buch viel zu schnell fertig sein, wenn man keine Pause macht. Die Welt des Harry Quebert wieder zu verlassen ist ein Abschied, der eine Lücke hinterlässt.

Fazit:
Eines der besten Bücher seit langem. Plot, Sprache, Charaktere – Erzählkunst auf höchstem Niveau. Packend, unterhaltend, wunderbar. Absolut empfehlenswert.

 

Zum Autor
Joël Dicker
Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Der studierte Jurist hat bislang zwei Romane geschrieben: Les Derniers Jours de nos Pères und La Vérité sur l’Affaire Harry Quebert. Für Letzteren bekam er den Grand Prix du Roman der Académie Française zugesprochen sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Das bei einem winzigen Verlag erschienene Buch wurde in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 und mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt.

Angaben zum Buch:
DickerWahrheitGebundene Ausgabe: 736 Seiten
Verlag: Piper Verlag (13. August 2013)
Übersetzung: Carina von Enzenberg
ISBN-Nr.: 978-3492056007
Preis: EUR 22.99 / CHF 20.90

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