Oft geben wir den anderen und ihren Gedanken über uns mehr Gewicht als unserem eigenen Glauben an uns.

Ich bin, wie ich bin. Wer das nicht hinnehmen will, soll es lassen und gehen. Ein starker und selbstbewusster Vorsatz. So gemeint, sicherlich, doch in der Umsetzung hapert es oft. Tief drin will man doch gefallen. Tief drin meldet sich das Kind in uns mit der Angst, alleine da zu stehen, wenn die anderen schlecht über einen denken. Man fürchtet, verlacht, verspottet, ausgestossen zu werden.

Früher hat man aus diesen Ängsten hinaus versucht, sich anzupassen. Man verhielt sich, wie man dachte, die anderen erwarten es von einem, man sagte oft, was gehört werden wollte. Man wurde oft auch so erzogen, wenn nicht explizit, so doch implizit. Irgendwann durchschaut man dieses Verhalten, sieht, dass man dabei selber oft auf der Strecke bleibt und die damit erhofften Vorteile nicht erzielt werden. Zumindest nicht zu einem Preis, den man zahlen will. Der Preis ist das eigene Selbst.

Man trifft den folgenschweren Entschluss: So nicht mehr. Ab heute bin ich ich. Und bleibe ich. Und gehe den Weg, den ICH gehen will. Nicht rücksichtslos, nicht über Leichen, aber auch nicht über mich selbst hinweg. Und man glaubt daran und will es auch, weil man die Mängel des zu sehr angepassten Wegs erkannt und für unpassend befunden hat. Eigentlich ist nun alles gut.

Eigentlich. Tief drin sitzt noch die Stimme, die ab und an ermahnt, dass man vielleicht doch nicht ganz so könnte, wie man gerade wollte. Da sitzt die Stimme, die bei einer Kritik einer anderen Person nicht erst hinterfragt, ob sie wirklich recht hat mit dem, was sie sagt und noch wichtiger, ob uns der Punkt überhaupt kümmert. Wir hören die Kritik, fühlen uns angegriffen und oft auch klein. Wir geben dieser Kritik eine Macht und eine Kraft, die uns bei genauerem Hinsehen selber stutzig macht. Umso stutziger, wenn die Kritik offensichtlich ins Leere greift, Unwahrheiten trifft oder schlicht daneben liegt. Irgendetwas nagt an uns. Was ist es?

Oft sind es die Muster von früher, die wir im Verstand zwar als überholt bewertet haben, die aber tief drin noch nachwirken. Wir wollen gefallen. Wir fürchten, alleine zu stehen. Fürchten, die Kritik der einen Person könnte auf andere übergreifen oder an die portiert werden und von da auf uns zurück fallen. Ohne dass diese die (fehlende) Wahrheit dahinter kennen. Oder vielleicht fühlen wir uns einfach auch nur ungerecht behandelt, ungerecht gesehen. Und das nagt. Trotz aller Vorsätze und allen Besserwissens.

Sich für die Sicht von aussen zu verschliessen wäre sicher kein guter Weg. Wahrheiten zeigen sich immer im Austausch, auch die Wahrheit über sich selber. Ein altes Sprichwort sagt: Vier Augen sehen mehr als zwei. Wie bei den meisten ist auch daran etwas dran. Oft verstricken wir uns in unseren eigenen Gedanken, sehen quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Die Sicht von aussen kann helfen, wieder den Wald zu sehen, nebst all den Bäumen, die uns vorher verwirrten. Dabei ist aber nie sicher, ob sie wirklich auch den Wald im Blick hat, in dem wir stehen und ob der Wald zu dem Zeitpunkt überhaupt zählt und nicht doch nur ein Baum. Das können wir nur selber herausfinden, indem wir in uns hinein hören und ehrlich zu uns selber sind:

Wer bin ich?

Wie bin ich?

Hat der andere recht mit dem, was er sagt, auch wenn es schmerzt oder ist es eine Fehleinschätzung?

Wie will ich sein?

Kann ich das?

Was fehlt?

Hilft mir die Sicht des anderen, so zu werden?

Wenn uns die erst verletzende Sicht des anderen zu diesen Fragen leitet, haben wir für uns selber schon etwas gewonnen: Ein Blick ganz nach innen und ein Stück Bewusstsein für den Menschen, der wir sind. Und aus diesen Erkenntnissen formt sich ein Selbstbewusstsein, das von innen heraus zu sich zu stehen lehrt.

Wer sich nun am Ende glaubt und den Märchenschluss des „und so lebte sie fröhlich und glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ erhofft, der wird leider enttäuscht. Das ist erst der Anfang. Die Zeiten ändern sich, man selber ändert sich. Die Fragen bleiben immer aktuell. Das Selbstbewusstsein bleibt nur bestehen, wenn man mit sich selber in Beziehung bleibt, ab und an mal wieder nachfragt, achtsam hinschaut. Und wenn nötig von Neuem an sich arbeitet.