Demokratie lernt man nicht – man übt sie

Demokratie gilt gemeinhin als jene politische Ordnung, die dem Menschen am ehesten entspricht: Sie ermöglicht Freiheit, fordert Verantwortung ein und eröffnet Räume, in denen Menschen als Handelnde wirksam werden können. In ihr ist der Mensch nicht Objekt von Herrschaft, sondern Subjekt gemeinsamen Gestaltens. Und doch zeigt sich – historisch wie gegenwärtig –, dass Demokratie keineswegs ein natürlicher Zustand ist, der sich von selbst einstellt, sobald äußere Zwänge fallen. Im Gegenteil: Sie ist eine anspruchsvolle Praxis. Eine Zumutung.

Diese Zumutung liegt darin, dass Demokratie mehr verlangt als bloße Zustimmung zu einem Prinzip. Der Mensch ist ein Wesen mit Bedürfnissen und sozialen Prägungen. Ihnen folgt er instinktiv. Nicht selten resultieren daraus auch Anpassung und Gehorsam, weil dies von Kind an konditioniert ist. Eine Demokratie aber verlangt Urteilskraft, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, die Bereitschaft, Differenz auszuhalten, und nicht zuletzt die Disziplin, eigene Interessen im Lichte eines Gemeinwohls zu reflektieren. All dies ist dem Menschen nicht nur nicht einfach gegeben, es widerspricht oft dem spontanen Verhalten. Die Forderungen der Demokratie, Selbstständigkeit im Denken und Mitverantwortung im Handeln, sind Fähigkeiten, die erlernt werden müssen.

Augenscheinlich wird das bei Gesellschaften nach Transitions to democracy, dem Übergang von autoritären zu demokratischen Systemen. Wo Menschen über lange Zeit daran gewöhnt waren, dass Entscheidungen für sie getroffen wurden, entsteht mit der neu gewonnenen Freiheit nicht selten eine Überforderung. Die Erwartung, sich selbst ein Urteil bilden zu müssen, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv einzubringen, trifft auf mangelnde Erfahrung. Freiheit wird dann nicht als Möglichkeit, sondern als Last erfahren, ein Phänomen, das bereits Erich Fromm in seiner Analyse der „Furcht vor der Freiheit“ beschrieben hat. In dieser Situation erscheint die Rückkehr zu klaren Hierarchien und autoritativer Führung für viele verlockend.

Dieser Befund betrifft nicht nur junge Demokratien. Auch etablierte demokratische Gesellschaften sind keineswegs immun gegen Gefühle der Überforderung und der Sehnsucht nach einfacher Klarheit (auch durch Führung). Der entscheidende Unterschied liegt oft nur darin, dass die mangelnde demokratische Praxis weniger bewusst oder sichtbar ist. Man verlässt sich darauf, dass Institutionen funktionieren, dass Verfahren greifen und „das System“ trägt. Demokratie wird zur Selbstverständlichkeit erklärt, als Selbstläufer gedacht und gerade dadurch verlernt.

Demokratisches Handeln entsteht dort, wo Menschen sich als wirksam erleben, wo sie Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen sie tragen. Demokratisches Handeln bedeutet immer auch, Konflikte auszutragen, ohne dass eine übergeordnete Instanz diese sofort auflöst. Es gibt keine einfachen Lösungen, sondern nur bessere oder schlechtere Gründe. In diesem Sinne ist Demokratie weniger ein System als eine Praxisform, eine Weise, in der Welt zu sein und mit anderen zu handeln. Das entspricht auch der Definition Hannah Arendts, für die Politik wesentlich im gemeinsamen Handeln und Sprechen unter Gleichen besteht.

In Anbetracht dessen, dass Menschen mit dem Eintreten in die gesetzliche Mündigkeit auch in der Pflicht stehen, demokratisch zu agieren, liegt es auf der Hand, dass der Lernprozess schon im Kindesalter anfangen müsste. Da wäre das Bildungswesen gefragt.

Schule versteht sich bis heute überwiegend als Ort der Wissensvermittlung, nicht als Raum politischer Praxis. Demokratie erscheint im Lehrplan maximal neben anderen Fächern als Gegenstand, als etwas, das definiert, erklärt und bei einer Prüfung abgefragt werden kann. Dadurch ist ausser vielleicht einer guten Note nichts gewonnen, denn es bleibt beim theoretischen Wissen. Was fehlt, ist die Erfahrung von Demokratie als gelebter Form des Zusammenhandelns. Dabei wäre gerade die Schule ein Ort, an dem diese Fähigkeiten praktisch erprobt werden können.

Folgt man Aristoteles, sollte Bildung das Ziel haben, Schüler zu vernünftigen und tugendhaften (im ethischen, politischen und im Sinne der lebensnotwendigen und dem Zusammenleben dienlichen Fähigkeiten) wachsen zu lassen. Es sollte also nicht nur darum gehen, Wissen zu vermitteln, sondern Haltung und Charakter auszubilden. Davon sind wir weit entfernt. Wer über Jahre hinweg in einem System lernt, das auf Instruktion, Kontrolle und Bewertung durch Autorität basiert, internalisiert genau diese Logik: Es gibt eine richtige Antwort, die von oben kommt; es gilt, Erwartungen zu erfüllen, eigenes Denken ist sekundär gegenüber Anpassung an diese. Ein solcher Erfahrungsraum steht im Widerspruch zu dem, was Demokratie verlangt. Wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, muss Schule anders gedacht werden.

Ein demokratisches Bildungssystem würde nicht primär auf Frontalunterricht setzen, sondern Kindern zutrauen, selbstorganisiert zu lernen. Lernen beschränkte sich so nicht auf die Rezeption vorgegebener Inhalte, sondern wäre ein Prozess des Erkundens, Fragens und Aushandelns. Die Lehrperson wäre nicht primär Wissensvermittlerin, sondern Begleiterin eines Prozesses, in dem Schülerinnen und Schüler eigenständig Themen erschließen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.

Das bedeutet nicht Beliebigkeit. Im Gegenteil: Selbstorganisiertes Lernen stellt hohe Anforderungen: Es verlangt Struktur, Reflexion und die Fähigkeit, sich selbst zu führen. Dabei sind die Kinder nicht allein, sondern werden begleitet, wo und wie sie es brauchen. Wer so gelernt hat, sich Wissen anzueignen, Positionen zu begründen und mit anderen Lösungen zu entwickeln, wird das auch später als Bürgerin oder Bürger tun. Genau diese Fähigkeiten sind es, die in einer Demokratie zentral sind.

Unterricht so gedacht eröffnet Erfahrungsräume, in denen zentrale demokratische Kompetenzen eingeübt werden:
– das Formulieren und Begründen eigener Positionen,
– das Zuhören und Verstehen anderer Perspektiven,
– das Aushandeln gemeinsamer Lösungen,
– das Tragen von Verantwortung für Entscheidungen.

Diese Kompetenzen entstehen nicht durch Belehrung, sondern durch Praxis.

Die Absage an den Frontalunterricht ist daher keine didaktische Mode, sondern eine politische Notwendigkeit. Ein Bildungssystem, das auf einseitige Wissensvermittlung setzt, produziert tendenziell Menschen, die auf Anleitung warten. Ein Bildungssystem hingegen, das auf Selbsttätigkeit und Mitgestaltung setzt, fördert Menschen, die sich als Teil eines gemeinsamen politischen Raums verstehen.

Demokratie beginnt nicht an der Wahlurne. Sie beginnt im Klassenzimmer. Wenn wir wollen, dass Menschen die Zumutung der Freiheit annehmen, dass sie bereit sind, Verantwortung zu tragen, Unsicherheit auszuhalten und sich aktiv in das Gemeinwesen einzubringen, dann müssen wir ihnen frühzeitig die Möglichkeit geben, genau dies praktisch zu üben, immer im Wissen: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist eine kulturelle Leistung und muss wie jede solche gelernt und gepflegt werden. Die Schule ist dafür nicht nur ein möglicher Ort, sie ist der entscheidende.

Ungarn nach Orbán: Hoffnung ist kein Zustand, sondern eine Aufgabe

Die Abwahl von Viktor Orbán markiert einen politischen Einschnitt, der in Europa lange für kaum möglich gehalten wurde. Über Jahre hinweg hatte sich in Ungarn ein System verfestigt, das durch schrittweise Aushöhlung rechtsstaatlicher Strukturen auszeichnete. Wahlen fanden statt – doch ihre Bedingungen waren zunehmend verzerrt. Dass es nun dennoch zu einem Machtwechsel gekommen ist, verweist auf eine Grenze politischer Steuerung: Selbst konsolidierte Machtapparate sind nicht unangreifbar, wenn gesellschaftliche Zustimmung erodiert.

Diese Wahl ist zunächst ein politisches Signal. Sie zeigt, dass auch in sogenannten „illiberalen Demokratien“ die demokratische Substanz nicht vollständig zerstört ist. Es gibt einen Punkt, an dem sich gesellschaftliche Unzufriedenheit trotz institutioneller Hürden, medialer Dominanz und strategischer Eingriffe in das Wahlsystem artikuliert. In diesem Sinne ist die Abwahl Orbáns weniger ein Wunder als ein Ausdruck politischer Sättigung: Ein grosser Teil der Bevölkerung hat entschieden, dass die bestehende Ordnung ihre Legitimität verloren hat.

Aus diesem Signal vorschnell eine demokratische Erneuerung abzuleiten, gliche einer Illusion. Politische Systeme verschwinden nicht mit einer Wahl, noch immer existieren ihre. vorgeprägten Bereiche wie Institutionen, Personalstrukturen und informelle Netzwerke. In Ungarn bedeutet das konkret: Schlüsselpositionen in Verwaltung, Justiz, Medien und staatsnahen Stiftungen sind weiterhin mit Akteuren besetzt, die dem alten Machtgefüge verpflichtet sind. Diese Kontinuität wirkt wie ein strukturelles Trägheitsmoment, sie kann Reformen verlangsamen, umdeuten oder blockieren.

Gerade darin liegt die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre. Demokratischer Wandel ist kein punktuelles Ereignis, sondern ein prozessuales Geschehen. Wahlen eröffnen Möglichkeiten, sie garantieren keine Ergebnisse. Die neue Regierung wird sich nicht nur politisch, sondern auch institutionell bewähren müssen: durch den Wiederaufbau unabhängiger Kontrollinstanzen, durch die Stärkung der Gewaltenteilung sowie durch die Sicherung medialer Pluralität.

Dabei geht es um mehr als um technische Reformen. Es geht um die Rekonstruktion dessen, was man als demokratische Praxis bezeichnen kann: die Fähigkeit einer Gesellschaft, Konflikte öffentlich auszutragen, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und politische Entscheidungen als gemeinsames Projekt zu begreifen. Demokratie ist in diesem Sinne keine stabile Ordnung, sondern eine fortlaufende Tätigkeit, ein „Gestalten“, das von Regierung und Bevölkerung gleichermaßen getragen werden muss.

Gerade hier liegt eine oft unterschätzte Schwierigkeit. Nach Jahren der politischen Polarisierung und der gezielten Schwächung öffentlicher Diskurse ist das Vertrauen in Institutionen und Verfahren häufig beschädigt. Eine neue Regierung kann dieses Vertrauen nicht verordnen. Sie kann lediglich Bedingungen schaffen, unter denen es sich langsam wieder bilden kann. Transparenz, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, die eigene Macht tatsächlich zu begrenzen, sind dafür zentrale Voraussetzungen.

Gleichzeitig ist auch die Bevölkerung gefordert. Wer eine zu autoritäre Ordnung abwählt, entscheidet sich nicht automatisch für eine lebendige Demokratie. Diese entsteht erst dort, wo Bürgerinnen und Bürger sich als politisch wirksam begreifen und die Bereitschaft zeigen, sich einzubringen. Die Erwartung, dass „die da oben“ nun alles richten, wäre nichts anderes als die Fortsetzung jener Passivität, die illiberale Systeme begünstigt.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich die gegenwärtige Situation Ungarns. Die Abwahl Orbáns eröffnet einen Möglichkeitsraum – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Hoffnung ist berechtigt, solange sie nicht mit Erwartung verwechselt wird. Denn Demokratie entsteht nicht aus einem Akt der Entscheidung, sondern aus der dauerhaften Bereitschaft, diese Entscheidung immer wieder einzulösen.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung dieses Moments: nicht in der Gewissheit eines besseren Zustands, sondern in der Wiedergewinnung einer offenen Zukunft. Eine Zukunft, die gestaltet werden kann, aber gestaltet werden muss.

Die neue Form der Unfreiheit

Technologie, Manipulation und die Erosion des Politischen

«Der Imperativ der Transparenz lässt Informationen frei zirkulieren. Wirklich frei sind nicht die Menschen, sondern die Informationen… Die Menschen sind in Informationen gefangen. Sie legen sich selbst Fesseln an, indem sie kommunizieren und Informationen produzieren.» Byung Chul Han

Totalitäre Regime sind historisch durch ein klares Merkmal gekennzeichnet: Sie entziehen dem Menschen systematisch seine Freiheit. Meinungsäußerung, Presse, Wissenschaft und Bildung werden kontrolliert, Abweichung sanktioniert, Konformität erzwungen. Die Macht operiert offen durch Zwang und Gewalt. Wer sich nicht fügt, wird unterdrückt, weil: unsichtbar gemacht.

Das ist nicht neu, es ist vielfach erforscht, leider ohne wirklich sichtbare Umsetzung. Trotzdem stellt uns die gegenwärtige Situation vor eine noch subtilere, schwerer zu fassende Herausforderung. Die klassische Form der Unterdrückung scheint in vielen westlichen Demokratien überwunden. An ihre Stelle tritt jedoch ein Mechanismus, der weniger durch Verbot als durch Lenkung funktioniert. Es ist weniger Gewalt, als viel mehr Gestaltung von Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Entscheidung.

Diese Entwicklung lässt sich als eine Transformation von Macht beschreiben: von der repressiven zur strukturellen, von der sichtbaren zur unsichtbaren. Während totalitäre Systeme den Menschen zwingen, sich systemkonform zu verhalten, erzeugen digitale Technologien zunehmend Bedingungen, unter denen Menschen freiwillig in einer Weise handeln, die fremden Interessen dient, ohne sich dessen bewusst zu sein. Hier liegt die eigentliche Brisanz.

Von der Herrschaft durch Zwang zur Herrschaft durch Steuerung

Die klassischen Analysen totalitärer Systeme, etwa bei Hannah Arendt, betonen die Bedeutung von Ideologie und Terror. Ideologie liefert die scheinbar geschlossene Welterklärung, Terror sorgt für deren Durchsetzung. Beide zusammen erzeugen eine Realität, in der alternatives Denken nahezu unmöglich wird.

Die digitale Gegenwart benötigt keinen Terror mehr, um Wirkung zu entfalten. Ihre Stärke liegt in der Gestaltung von Möglichkeitsräumen. Algorithmen bestimmen, was sichtbar wird und was nicht, welche Themen dominieren und welche verschwinden, welche Emotionen verstärkt und welche gedämpft werden. Dadurch entsteht eine Form von „sanfter Lenkung“, die nicht als solche erkannt wird.

Der entscheidende Unterschied, welcher zugleich zum Verhängnis wird:
Der Mensch glaubt, frei zu entscheiden, nur dass die Bedingungen seiner Entscheidung bereits vorstrukturiert sind.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit als Machtinstrument

Früher war schnell klar: Es geht um den Profit (fast möchte man sagen, zum Glück nur darum).  Es mag noch so scheinen, doch ist der Profit nicht mehr als Ziel, heute geht es um Herrschaft. Die ökonomischen Interessen mögen immer noch bedient werden, doch sind Profitmaximierung, Marktanteile, Wachstum nur noch nette Beigabe. Große Technologieunternehmen verfügen nicht nur über Kapital, sondern über Daten, Infrastruktur und damit über Einfluss auf Wahrnehmung selbst. Diese Macht ist qualitativ neu, weil mit ihr ganz neue Wirkweisen einhergehen:

  • Sie wirkt präventiv, nicht repressiv
  • Sie formt Präferenzen, statt sie nur zu bedienen
  • Sie operiert individualisiert, nicht massenhaft uniform

Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt diese Entwicklung als Übergang von der Disziplinargesellschaft zur „Psychopolitik“. Das Verhalten der Menschen wird nicht mehr durch äußere Zwänge und Verbote, sondern durch innere Steuerung und Optimierung, bestimmt. Dadurch wird er zum „freiwilligen“ Akteur innerhalb eines Systems, das seine Handlungen antizipiert und lenkt.

Die Unsichtbarkeit der Manipulation

«Überwachung schleicht sich in Form von Convenience in den Alltag ein.» Byung Chul Han

Die eigentliche Gefahr liegt nicht allein in der Existenz dieser Mechanismen, sondern in ihrer Unsichtbarkeit. Ein totalitäres Regime kann erkannt werden (auch wenn es oft durch Ignoranz und Gedankenlosigkeit ausgeblendet wird), denn Zensur ist sichtbar, Gewalt erfahrbar und Unterdrückung benennbar. Digitale Manipulation hingegen entzieht sich der Wahrnehmung: Informationen erscheinen als „neutral“, sind aber selektiert, Meinungen wirken individuell, sind aber verstärkt oder abgeschwächt. Unsere Urteile und Entscheidungen, die wir auf deren Grundlage machen, fühlen sich autonom an, sind aber beeinflusst

Dadurch entsteht eine paradoxe Situation: Wir wähnen uns frei, obwohl die Steuerung immer stärker in unsere Gedanken und Entscheidungsfindungen eingreift.

Politische Konsequenzen: Die Gefährdung von Demokratie und Rechtsstaat

Demokratie beruht auf der Annahme mündiger Bürgerinnen und Bürger, die sich eine eigene Meinung bilden, unterschiedliche Perspektiven abwägen und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen. Der Rechtsstaat setzt voraus, dass diese Entscheidungen nicht manipulativ verzerrt sind. Wird jedoch die Grundlage der Meinungsbildung selbst beeinflusst, gerät dieses Fundament ins Wanken. Konkrete Folgen sind bereits sichtbar: Durch die algorithmische Verstärkung extremer Positionen kommt es immer mehr zu Polarisierungen. Zudem führen die isolierten Informationsräume zu einer immer grösseren Fragmentierung der Öffentlichkeit. Wie die jüngere Vergangenheit zeigt, geht der Einfluss aber noch weiter, indem sogar Wahlen und andere politische Prozesse gezielt manipuliert werden.

Die Gefahr besteht nicht nur in einzelnen Eingriffen, sondern in einer strukturellen Verschiebung: Politik wird nicht mehr primär im öffentlichen Raum ausgehandelt, sondern in unsichtbaren digitalen Architekturen vorgeprägt.

Die Rückgewinnung des Politischen

Die zentrale Frage lautet daher:

Wie kann unter diesen Bedingungen Freiheit erhalten werden?

Hier greifen technische Regulierungen, so nötig und wichtig sie sind, weniger als eine kulturelle und geistige Haltung. Es braucht eine Wiedergewinnung dessen, was man mit Immanuel Kant als „Selbstdenken“ bezeichnen könnte: die Fähigkeit, sich nicht bloß leiten zu lassen, sondern sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das setzt aber voraus, dass wir zuerst ein Bewusstsein für die Mechanismen digitaler Steuerung entwickeln und scheinbar neutralen Informationsquellen mit einer kritischen begegnen. Zudem ist die aktive Teilnahme am öffentlichen Diskurs jenseits algorithmischer Filter zentral für unabhängige politische Meinungsbildung. Diese fordert einiges, vor allem aber die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten, denn eigenes Denken bedeutet immer auch, ohne Garantie zu urteilen.

Fazit: Die leise Verschiebung der Freiheit

Wir stehen nicht am Beginn eines neuen Totalitarismus im klassischen Sinne. Die Formen der Macht haben sich verändert. Gerade darin liegt ihre Gefährlichkeit. Zwar ist es wichtig und lehrreich, die Ursachen und Mechanismen anhand früherer Beispiele zu studieren, aber wir müssen neue Bewältigungsstrategien für die heutigen Gefahren und Angriffe auf die Demokratie und damit unsere Freiheit finden. Diese ist nicht mehr durch offenen Zwang bedroht, sondern durch eine schleichende Aushöhlung. Wir stehen nicht mehr an Verboten an, sondern werden gelenkt. Wir unterstehen keiner sichtbaren Herrschaft mehr, sondern bewegen uns in unsichtbaren Strukturen. Die Herausforderung unserer Zeit besteht darin, diese Verschiebung zu erkennen, bevor sie unumkehrbar wird.

Freiheit geht selten plötzlich verloren. Sie verschwindet, Schritt für Schritt. Immer dann, wo Menschen aufhören, selbst zu denken.

Macht ohne Kontrolle – Zur Transformation geopolitischer Ordnung

Der gegenwärtige Waffenstillstand zwischen den Vereinigten Staaten und Iran lässt sich nur unzureichend als temporäre Deeskalation beschreiben. Er verweist vielmehr auf eine strukturelle Transformation von Macht.

Im klassischen Verständnis internationaler Politik – Macht als Fähigkeit, das Verhalten anderer zu bestimmen – zeigt sich eine bemerkenswerte Verschiebung. Trotz militärischer Überlegenheit gelingt es den Vereinigten Staaten nicht mehr, die Dynamik des Konflikts zu kontrollieren. Iran hingegen operiert erfolgreich unterhalb der Schwelle klassischer Dominanz, nämlich durch die gezielte Erzeugung von Unsicherheit. Diese Verschiebung lässt sich als Übergang von kontrollbasierter zu kontingenzbasierter Macht begreifen.

Kontrolle bedeutete historisch die Stabilisierung von Ordnungen: sichere Handelswege, garantierte Ressourcenflüsse, berechenbare Rahmenbedingungen. Genau darin lag – und liegt – ein zentraler Pfeiler amerikanischer Hegemonie. Doch in hochvernetzten Systemen verändert sich die Logik. Es ist nicht mehr notwendig, Systeme zu beherrschen, es genügt, ihre Verwundbarkeit sichtbar zu machen. Die Straße von Hormus ist hierfür paradigmatisch. Ihre tatsächliche Blockade ist nicht erforderlich. Die Möglichkeit ihrer Störung erzeugt bereits systemische Effekte: Preisbewegungen, politische Anpassungen, strategische Neuorientierungen. Dies löst erstens Unsicherheit aus und diese wird zweitens selbst zu einer Form von Steuerung.

Nach Hannah Arendt entsteht Macht nicht primär aus Gewalt, sondern aus der Fähigkeit, Wirklichkeit gemeinsam zu strukturieren. Wo jedoch die gemeinsame Welt brüchig wird, weil Erwartbarkeit durch Kontingenz ersetzt wird, verschiebt sich auch die Form der Macht. Sie wird indirekter, diffuser, dadurch aber nicht weniger wirksam.

Das deckt sich auch mit der Sicht Richard Sennetts, welcher aufzeigte, dass moderne Ordnungen zunehmend von Instabilität und offener Struktur geprägt sind. In solchen Konstellationen entsteht Einfluss nicht mehr durch starre Kontrolle, sondern durch die Fähigkeit, mit Ungewissheit zu operieren, oder sie gezielt zu erzeugen.

Für die Vereinigten Staaten ergibt sich daraus ein doppelter Verlust: nicht nur steht der Glaube an ihre Fähigkeit auf dem Spiel, auch der ihre Verlässlichkeit ist am Wanken. Die Garantie stabiler Ordnungen, welche zentral ist für ihre Rolle im internationalen System, wird fragil. Und mit dieser Fragilität beginnt ein Prozess gradueller Entkopplung: Verbündete wenden sich ab, reduzieren Abhängigkeiten, verschieben Loyalitäten.

Diese Dynamik entspricht dem, was Byung-Chul Han als Struktur moderner Gesellschaften beschreibt: Vereinzelung, Fragmentierung und der Verlust stabiler Bezugsrahmen. Übertragen auf die Geopolitik bedeutet das: Ordnung zerfällt nicht abrupt, sondern löst sich schrittweise auf in eine Vielzahl taktischer Anpassungen.

Machtverlust erscheint hier nicht als Bruch, sondern als Drift.

Zusätzlich verschärft die angewandte Eskalationsrhetorik das Problem. Drohungen gegenüber ziviler Infrastruktur erhöhen nicht die Steuerungsfähigkeit, sondern unterminieren die normative Grundlage von Führung. Vertrauen – und damit Einfluss – lässt sich nicht erzwingen. Auch hier gilt eine Einsicht, die sich aus der politischen Theorie des 20. Jahrhunderts speist: Gewalt kann Macht zerstören, aber sie kann sie nicht ersetzen.

Die innenpolitischen Folgen solcher Konstellationen sind historisch bekannt. Strategische Erfolglosigkeit erzeugt keine unmittelbare Krise, sondern eine anhaltende Erosion politischer Autorität. Außenpolitische Unbestimmtheit übersetzt sich in innenpolitische Fragilität. Der Waffenstillstand suspendiert diese Dynamik nicht. Er legt sie offen.

Was sichtbar wird, ist eine veränderte Struktur geopolitischer Ordnung: eine Ordnung, in der nicht mehr die Fähigkeit zur Kontrolle entscheidend ist, sondern die Fähigkeit, Kontingenz zu erzeugen. In einer solchen Ordnung wird jede Eskalation riskanter, weil ihre Folgen nicht mehr kontrollierbar sind. Der Raum politischen Handelns verengt sich paradoxerweise gerade dort, wo mehr Mittel zur Verfügung stehen.

Der Waffenstillstand ist daher kein Ende.
Er ist ein Symptom. Und möglicherweise der Beginn einer Konfliktform, deren wesentliches Merkmal gerade darin besteht, dass sie sich der klassischen Kontrolle entzieht.

Denkzeiten- Verantwortung für die Welt

„Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“
Hannah Arendt

Philosophie, verstanden als ernsthafte Praxis des Denkens, ist nicht die Akkumulation von Wissen, sondern ein Vollzug: das fortwährende Bemühen, die Dinge zu verstehen, ihnen auf den Grund zu gehen, ihre Voraussetzungen zu prüfen. In diesem Sinne ist Philosophie weniger ein Substantiv als ein Verb. Sie existiert nur als Praxis des Fragens, Hinterfragens und Begründens. Der Antrieb ist immer die Wahrheit, im Wissen, dass sie nie endgültig erfasst sein wird, aber als Orientierung und Ziel des Denkens fungiert.

Nun stellt man sich den Philosophen gerne als Eremit im stillen Kämmerchen vor, in welchem er seine Gedanken wälzt. Das ist sicher eine Seite der Wahrheit. Da die Praxis des Denkens aber sprachlich fundiert ist, reicht das Drehen im eigenen Sprach- und Denkraum nie auf Dauer aus, bliebe es nämlich genau das: Ein Kreisen um das Ewiggleiche. Denken braucht Austausch, Philosophie braucht den anderen, um mit ihm in einen Dialog treten zu können. Philosophie braucht Widerspruch, Reibung, andere Perspektiven, sie braucht Differenz. Nur so kann sie sich zu dem entfalten, was in ihre angelegt ist. Nur so kann die Wahrheit zumindest erahnt und näher gefasst werden, als man das allein je könnte. Erst in der Konfrontation mit anderen Perspektiven gewinnt Denken an Präzision, Reichweite und Tragfähigkeit. Im Idealfall steht am Ende ein Konsens. Was sicher gelingt, ist ein Fortschreiten des Verstehens, das isoliert nicht zu erreichen wäre.

Philosophieren so vestanden ist auf Kommunikation angewiesen, welche als soziale Praxis eines Raums bedarf, in dem sie sich entfalten kann. Dieser Raum muss Pluralität nicht nur zulassen, sondern voraussetzen als Koexistenz unterschiedlicher Perspektiven, Interessen und Erfahrungen. Dieser Raum muss es ermöglichen, Positionen zu artikulieren, selber gehört zu werdenund auch andere hören zu können in der Bereitschaft, das auch zu tun. Eine Grundvoraussetzung dazu ist Vertrauen, sowohl Vertrauen in die Gesprächspartner und deren Willen zur Verständigung als auch in die Praxis selbst. Ein solcher Raum ist nicht einfach gegeben, er wird durch die Praxis der Beteiligten immer wieder neu gestaltet.

Gerade diese Räume sind fragil geworden. Der öffentliche Raum hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert, nicht primär durch formale Einschränkungen, sondern durch Verschiebungen im Umgangston und in impliziten Erwartungen. Kritik wird rasch als Angriff wahrgenommen, Differenz personalisiert, Positionen werden nicht mehr argumentativ geprüft, sondern sozial codiert. Es entsteht ein Klima subtiler, aber wirksamer Sanktionierung, das unter dem Anspruch wachsender Toleranz paradoxerweise die Grenzen des Sagbaren verengt. Man antizipiert Reaktionen, internalisiert Erwartungen und passt sich an.

Was als Rücksicht oder Selbstschutz beginnt, resultiert oft in Selbstzensur: Argumente werden zurückgehalten, Einwände nicht geäußert, Positionen abgeschwächt. Nicht, weil sie unbegründet wären, sondern weil ihre Artikulation soziale Kosten verursacht: Missverständnis, Zuschreibung, potenzieller Ausschluss. Der Wunsch nach Zugehörigkeit wirkt dabei als regulative Kraft, die den Rahmen des Sagbaren verschiebt. Mit dieser Verschiebung verändert sich nicht nur das Sprechen, sondern auch das Denken.

Darum nochmals: Denken ist keine rein innerliche Tätigkeit. Denken bedarf der Artikulation, der Responsivität, der Prüfung im Gegenüber. Ohne diese Rückkopplung verliert es an Schärfe und Differenziertheit. Der Rückzug aus der Öffentlichkeit ist daher kein neutraler Akt, sondern ein epistemischer Verlust. Wer nicht mehr spricht, denkt anders: vorsichtiger, weniger präzise, weniger weit.

Die Dynamik sozialer Medien hat diesen Prozess verstärkt. Ursprünglich als Räume des Austauschs konzipiert, folgen sie zunehmend einer Logik der Aufmerksamkeit, die Zuspitzung, Polarisierung und Affekt begünstigt. Differenzierung, Argumentation und Sachlichkeit geraten ins Hintertreffen. Es entstehen kommunikative Milieus, die zur Abschließung neigen, in denen Bestätigung Vorrang vor Prüfung erhält. Für viele wirkt dieser Raum damit dysfunktional: nicht mehr tragfähig für ernsthafte Auseinandersetzung, sondern ermüdend, bis hin zum vollständigen Rückzug.

Dieser Rückzug vollzieht sich selten abrupt. Er geschieht schrittweise durch reduzierte Beteiligung, durch das Zurückhalten von Einwänden, durch den Verzicht auf Artikulation. Mit der Zeit geht nicht nur die Verbindung zu anderen verloren, sondern auch zur Sache selbst. Gedanken, die keinen Ausdruck finden, verlieren an Evidenz; sie erscheinen erst kontingent, schließlich entbehrlich. Der Weltbezug wird schwächer, und mit ihm das Selbstverhältnis.

„Öffentlichkeit lässt sich am ehesten als ein Netzwerk für die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen, also von Meinungen beschreiben.“
Jürgen Habermas

Öffentlichkeit ist damit nicht bloßer Hintergrund, sondern konstitutive Bedingung eines geteilten Wirklichkeitsbezugs. Sie entsteht dort, wo Perspektiven eingebracht, aufeinander bezogen und geprüft werden. Wo diese Praxis erodiert, bleibt Gesellschaft als Struktur bestehen, doch die gemeinsame Welt verliert an Dichte. Pluralität wird nicht mehr gelebt, sondern vermieden.

Vor diesem Hintergrund ist der Rückzug ins Private keine harmlose Option. Das individuelle Verstummen hat politische Implikationen. Demokratie ist nicht allein ein institutionelles Arrangement, sondern eine Praxis: Sie lebt von der aktiven Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger, von ihrer Bereitschaft zu urteilen, zu argumentieren und zu widersprechen. Wo diese Praxis ausbleibt, bleibt die Form bestehen, während der Gehalt erodiert.

Das verbreitete Argument, man könne ohnehin nichts bewirken, verkennt die Struktur politischen Handelns. Dieses ist nicht primär instrumentell zu verstehen. Es zielt nicht ausschließlich auf unmittelbare Wirkung, sondern auf Sichtbarkeit, Orientierung und die Offenhaltung des gemeinsamen Raums. Es eröffnet neue Perspektiven, macht Differenzen sichtbar und schafft die Voraussetzungen von Verständigung. Wer schweigt, entzieht sich nicht nur dieser Praxis, sondern überlässt sie anderen.

Schweigen ist nicht neutral. Es ist Zustimmung durch Unterlassung. Die Konsequenz daraus ist nicht, dass jede Äußerung laut oder konfrontativ sein müsste. Im Gegenteil: Was fehlt, ist weniger Lautstärke als mehr Urteilskraft, nämlich die Fähigkeit zu unterscheiden, zu begründen, abzuwägen und gegebenenfalls zu revidieren. Es bedarf einer Sprache, die klärt, statt zu eskalieren, und einer Haltung, die Kritik ermöglicht, ohne den anderen zu negieren.

Dies setzt Mut voraus. Es braucht die Bereitschaft, die eigene Verletzlichkeit nicht zum Maßstab des Sagbaren werden zu lassen. Der Wunsch nach Zugehörigkeit ist legitim, darf jedoch nicht die Grenzen des Denkens und Sprechens bestimmen. Wer ausschließlich das äußert, was akzeptiert wird, verliert die Fähigkeit zur eigenständigen Urteilsbildung und damit einen wesentlichen Aspekt seiner Freiheit.

„Politik […] ist etwas, was für menschliches Leben eine unabweisbare Notwendigkeit ist, und zwar sowohl für das Leben des Einzelnen wie das der Gesellschaft.“
Hannah Arendt

Die Rückkehr zur Kommunikation als ernsthafte, auf Verständigung gerichtete Praxis ist daher keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Es gilt, den Raum offenzuhalten, in dem gemeinsame Welt überhaupt erst entstehen kann – im Gespräch, im Text, im Widerspruch.

Eine Gesellschaft, in der viele schweigen, ist nicht friedlich. Sie ist leer.

Denkzeiten: Empathie als politische Tugend

«Politik handelt vom Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen.» Hannah Arendt

Die Gegenwart ist geprägt von einer eigentümlichen Zuspitzung. Gesellschaftliche Auseinandersetzungen verlaufen zunehmend entlang verhärteter Fronten, Differenzen werden nicht mehr als Ausdruck pluraler Perspektiven verstanden, sondern als Gegensätze, die einander ausschließen. Wo früher Streit als produktiver Bestandteil des Politischen gelten konnte, dominiert heute nicht selten die Logik der Abgrenzung: Man positioniert sich, grenzt sich ab, weist zurück. Aus Dissens wird Distanz, aus Distanz nicht selten Ablehnung. Und manchmal ist das noch nicht mal das Ende, es geht weiter bis hin zu Formen offenen Hasses.

Diese Entwicklung ist kein bloßes Oberflächenphänomen. Sie verweist auf eine tiefliegende Erosion jener Bedingungen, die ein Zusammenleben in Verschiedenheit ermöglichen. Denn das Politische lebt davon, dass Menschen trotz unterschiedlicher Überzeugungen, Erfahrungen und Interessen in einer gemeinsamen Welt stehen. Wird diese gemeinsame Welt fragil, zerfällt auch die Grundlage, auf der Konflikte überhaupt noch ausgetragen werden können.

Ein zentraler Faktor in diesem Zusammenhang ist das Schwinden öffentlicher Räume. Gemeint sind damit nicht nur physische Orte, sondern soziale und politische Konstellationen, in denen Menschen einander begegnen können, ohne bereits durch Zugehörigkeiten, Milieus oder digitale Filter voneinander getrennt zu sein. Solche Räume ermöglichen es, andere nicht nur als Träger von Positionen wahrzunehmen, sondern als Personen, die aus konkreten Lebenszusammenhängen heraus sprechen und handeln.

Hannah Arendt hat diesen Raum als Erscheinungsraum beschrieben: als Ort, an dem Menschen sowohl in ihrer Gleichheit als Handelnde, als auch in ihrer Verschiedenheit als Einzelne sichtbar werden. Öffentlichkeit ist in diesem Sinne keine bloße Bühne für vorgefertigte Meinungen, sondern ein Erfahrungsraum, in dem sich zeigt, dass andere die Welt anders sehen. Wo Begegnung jedoch ausbleibt, werden Differenzen nicht mehr erfahren, sondern lediglich behauptet. Die Perspektive des anderen wird nicht mehr nachvollzogen, sondern vorab bewertet. Urteile entstehen, ohne dass zuvor ein ernsthafter Versuch des Verstehens unternommen worden wäre. In dieser Verkürzung liegt eine wesentliche Quelle jener Verhärtungen, die das politische Klima vielerorts prägen.

An dieser Stelle gewinnt die Fähigkeit der Empathie ihre zentrale Bedeutung. Empathie ist mehr als Mitgefühl, sie ist mehr als zu sagen: «Ich fühle mich dir» oder noch mehr: «Ich fühle dich», wie es irgendwann modern wurde. Empathie bezeichnet die Fähigkeit, sich in die Perspektive eines anderen zu versetzen und zu erfassen, wie sich die Welt aus dessen Sicht darstellt. Sie ist damit keine bloß emotionale Disposition, sondern eine Form der Perspektivenarbeit, die es erlaubt, die eigene Sichtweise zu relativieren und andere in die eigene Urteilsbildung einzubeziehen.

Bereits Immanuel Kant hat diese Bewegung als „erweiterte Denkungsart“ beschrieben: die Fähigkeit, an der Stelle jedes anderen zu denken. Für Kant ist das eine Bedingung der Urteilskraft, ohne bleibt das Urteil partikular und verfehlt den Anspruch auf Allgemeinheit. Auch bei Hannah Arendt findet sich diese Einsicht wieder, wenn sie betont, dass Urteilen nur im Horizont einer pluralen Welt möglich ist, in der unterschiedliche Perspektiven präsent sind.

Empathie erfüllt in diesem Zusammenhang eine doppelte Funktion: Zum einen wirkt sie der Tendenz entgegen, andere vorschnell entlang der eigenen Maßstäbe zu bewerten. Sie eröffnet die Möglichkeit, Differenz als Ausdruck unterschiedlicher Erfahrungszusammenhänge zu begreifen. Zum anderen trägt sie dazu bei, die gemeinsame Welt überhaupt aufrechtzuerhalten. Denn diese Welt entsteht nicht aus Übereinstimmung, sondern aus der Fähigkeit, Verschiedenheit zu vermitteln, ohne sie aufzuheben.

Allerdings ist Empathie keine rein individuelle Leistung. Sie ist auf Bedingungen angewiesen, die sie ermöglichen. Ohne öffentliche Räume, in denen Menschen einander begegnen, bleibt Empathie abstrakt oder reduziert sich auf wohlwollende Vorstellungen ohne reale Grundlage. Erst die konkrete Erfahrung des Anderen – seine Stimme, seine Präsenz, seine Andersheit – schafft den Anlass und die Notwendigkeit, die eigene Perspektive zu überschreiten.

Das bedeutet nicht, dass Empathie Konflikte auflöst oder immer zu Konsens führt, im Gegenteil: Eine lebendige politische Ordnung wird immer von Spannungen durchzogen sein. Empathie zielt nicht auf Harmonie, sondern auf ein Verstehen, das dem Urteil vorausgeht. Sie sorgt dafür, dass Differenzen nicht unmittelbar in Feindschaft umschlagen, sondern als Teil einer gemeinsamen Welt bearbeitet werden können.

In einer Zeit, in der Polarisierung zur dominanten Form politischer Auseinandersetzung zu werden droht, ist diese Fähigkeit von grundlegender Bedeutung. Wo das Verstehen vor dem Urteilen verschwindet, verliert das Politische seinen Raum. Empathie eröffnet die Möglichkeit, diesen Raum zu erhalten nicht, indem sie Unterschiede einebnet, sondern indem sie sie verstehbar macht.

Das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft verlangt daher mehr als Regeln und Institutionen. Es verlangt eine Praxis der Perspektivenübernahme, die den anderen nicht vorschnell festlegt, sondern ihn zunächst als Träger einer eigenen, sinnhaften Weltsicht anerkennt. Empathie ist der erste Schritt in diese Richtung und vielleicht die entscheidende Voraussetzung dafür, dass aus Gegnerschaft nicht Feindschaft wird.

Alexander Kluge 1932 – 2026

Und wieder eine Nachricht, die mich erschüttert hat, als ich sie sah. Und wieder ein Verlust für die Welt, eine Stimme, die fehlen wird. Nomen est omen – ein Spruch wie für ihn gemacht.

Mit Alexander Kluge ist eine der eigensinnigsten und produktivsten Stimmen der deutschen Nachkriegsintellektualität verstummt. Kluge war nie nur Filmemacher, nie nur Schriftsteller, nie nur Theoretiker, er war ein Grenzgänger zwischen den Formen, ein unermüdlicher Arbeiter an der Verbindung von Erfahrung, Geschichte und Erzählung.

Als Mitbegründer des Neuen Deutschen Films stellte er sich früh gegen die Konventionen eines erstarrten Kinos und suchte nach einer anderen, offeneren Form des Erzählens. Seine Filme wie seine Texte verweigerten sich der glatten Dramaturgie. Sie montierten Fragmente, Stimmen, Perspektiven, immer im Versuch, Wirklichkeit nicht zu vereinfachen, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar zu machen.

Zugleich war Kluge ein Denker der Öffentlichkeit. In Zusammenarbeit mit Oskar Negt und als Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas entwickelte er die Idee einer „Gegenöffentlichkeit“, welche Raum schafft für Erfahrungen, die im dominanten Diskurs keinen Platz finden. Sein Werk war getragen von der Überzeugung, dass Erzählen eine Form des Widerstands ist gegen das Vergessen, gegen die Verflachung und gegen die sprachlose Anpassung.

Alexander Kluge hinterlässt kein geschlossenes System, sondern ein offenes Werk: ein Archiv von Geschichten, Gedanken und Möglichkeiten. Sein Schreiben und Filmen war immer ein Beginnen – im besten arendtschen Sinne. Mit seinem Tod endet dieses Beginnen nicht, es bleibt als Aufforderung bestehen.

Denkzeiten: Vom Anfangen

«Da Menschen… in eine immer schon bestehende Menschenwelt geboren werden, geht das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten allem einzelnen Handeln und Sprechen voraus, sodass sowohl die Enthüllung des Neuankömmlings durch das Sprechen wie der Neuanfang, den das Handeln setzt, wie Fäden sind, die in ein bereits vorgewebtes Muster geschlagen werden und das Gewebe so verändern, wie sie ihrerseits alle Lebensfäden, mit denen sie innerhalb des Gewebes in Berührung kommen, auf einmalige Weise affiziert.»

Heute denke ich mit Hannah Arendt übers Anfangen nach. Im Buddhismus ist der Anfängergeist die Haltung, mit der wir durch die Welt gehen sollen. Nicht schon alles wissen, sondern die Dinge in ihrem wirklichen Sein neu sehen. Hesse schrieb dem Angfang einen Zauber zu und Aristoteles befand, dass mit dem Anfang schon die Hälfte gemacht sei.

Für Hannah Arendt steht jeder Mensch für einen Anfang. Sein In-die-Welt-Kommen fügt dieser einen neuen Faden im Beziehungsgewebe hinzu, ohne den dieses nie wäre, was es sein kann durch ihn. Es ist nun an uns, diesen Anfang ernst zu nehmen und uns ins Gewebe einzubringen. Ein Gewebe ist nur so stark, wenn die einzelnen Fäden halten und zusammenhalten. Dieses Bewusstsein scheint aktuell zu fehlen. Doch – und das ist das Schöne am Anfangen: Es ist jederzeit möglich. Nicht nur im Grossen, auch im Kleinen. Nicht jeder kann gleich die ganze Welt retten, aber er kann mit seinen Möglichkeiten in seinem Leben und seiner Welt einen Anfang setzen hin zu dem Leben und der Welt, die er sich wünscht.

Tagesgedanken: Die Verantwortung der Freiheit

„Die wirtschaftliche und politische Szene ist komplizierter und umfangreicher geworden, als sie früher war, der einzelne ist daher weniger in der Lage, die Dinge zu durchschauen. Auch die Bedrohung, der er sich ausgesetzt sieht, hat zugenommen… Das Gefühl der Ohnmacht wird beim einzelnen auch noch durch das Gespenst eines drohenden Krieges verstärkt.“

Das schrieb Erich Fromm 1941 in seiner Schrift „Die Furcht vor der Freiheit“. Es ist erschreckend, wie aktuell diese Gedanken sind. Seine Analysen des modernen Menschen gelten heute noch wie damals. Viele flüchten sich in Ideologien und unterwerfen sich Autoritäten, um die Verantwortung der Freiheit nicht tragen zu müssen.

Tagesgedanken: Wo bleibt das Mitgefühl?

Ich lese aktuell das grossartige Buch von Markus Gabriel, Ethische Intelligenz… Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Er schreibt realistisch, gar nicht pessimistisch, eher hoffnungsvoll und zu richtigem Verhalten motivierend. Und doch ist in mir immer die Frage: Will ich das alles? Kann das klappen? Ich meine: Der Mensch müsste hier was tun.

Ich las über die Rückholungsflüge von Reisenden in Dubai, Katar und anderen. Ich sehe Intervies mit Menschen, die das Bombardement erlebt haben, von Ort zu Ort fuhren, um irgendwie aus der Gefahrenzone zu kommen. Zu teils horrenden Preisen, die die Fluggesellschaften fordern konnten – sie sitzen am längeren Hebel.

Und dann lese ich die Kommentare. Und zweifle. An den Menschen und vor allem an der Mitmenschlichkeit. Ja, ich wäre auch nie in diese Länder gereist, da es absehbar war, dass was passiert. Was wurde ich belächelt. Wie vor dem Krieg in der Ukraine, als ich sagte, es sei eine Frage der Zeit, dass Putin angreift. Spott und Häme kamen über mich. Ich sei überängstlich, sehe zu schwarz. Nein, ich studiere die politische Lage, tue das mit dem Hintergrund eines Studiums in politischer Philosophie, dessen Schwerpunkt immer totalitäre Systeme war. Aber nicht mal darum geht es mir.

Ich lese kommentare, dass es den Menschen eh zu gut gegangen sei, könnten sie sich solche Ferien leisten, lese, dass sich die Schnäppchenjäger nun nicht aufregen sollen, kämen sie an die Kasse. Als ob es einem Menschen recht geschehe, so etwas erleben zu müssen. Als ob es ein Verbrechen sei, sich einen Urlaub zu gönnen. Wer weiss, was dahinter steckt? Ein Traum, ein Wunsch, eine Auszeit von einem schwierigen Leben, was auch immer. Es ist egal. Schlicht egal. Da erlebten Menschen den Albtraum, den man eigentlich niemandem wünschen dürfte und es gibt Menschen, die finden: Sälber schuld.

Ist das so? Nochmals: Ich wäre nie dahin geflogen. Andere taten es. Und es ging bislang gut, worüber ich (aus Gründen) sehr froh bin. Für viele Menschen ging es nun nicht mehr gut. Ich würde mir ein wenig Mitgefühl wünschen. Das wäre die Welt, in der ich gerne leben würde. Eine Welt, in welcher man nicht nach Gelegenheiten sucht, die eigene moralische Überlegenheit wie eine Pradatasche durch die Welt zu tragen, sondern das eigene Herz mitfühlen lässt am Leid anderer.

Und hier schliesst sich der Kreis zu Markus Gabriel. Seine Hoffnung ist, dass wir die KI, welche unser Verhalten spiegelt und daraus eigene Reaktionen ableitet, die sie dann mittlerweile auch schon selbständig wieder einspeisen kann, durch unser ethisches Verhalten selbst „ausbilden“, sprich, sie durch unsere gezeigten und gelebten Werte zu einem ethischen Multiplikator werden lassen. Wenn ich in die Welt schaue, scheitert diese Hoffnung am Menschen. Und das macht mir etwas Sorge.

Tagesgedanken: Dialoge statt Fronten

„Es gibt vielleicht jetzt kein besser geglaubtes Vorurteil als dies: dass man wisse, was eigentlich das Moralische ausmache.“  Friedrich Nietzsche*

Ich lese immer wieder über die steigenden Benzinpreise wegen des Krieges im Nahen Osten. Und dann sitze ich so hier und frage mich, ob das wirklich das grösste Problem an all dem ist? Und ich frage mich weiter, was in Köpfen vorgeht, die das als Argument gegen den Krieg einbringen.

Aber fragen tue ich mich ja sowieso. Wie oft lese ich einen Satz, der einen Krieg klar analysieren und in gut und böse einteilen will. Wie schön wäre es, wenn das Leben so einfach wäre? Hier die Guten, da die Bösen. Aber das scheint die Weltsicht vieler Menschen zu sein. Und sie schreien sie laut in die Welt hinaus und merken nicht, dass sie damit neue Fronten schaffen. Dann haben wir nicht nur Krieg vor Ort, sondern auch in den Köpfen. Die schlagen wir uns gegenseitig ein bei anderer Einordnung.

Wie schön wäre es, wenn wir wieder lernen würden, hinzuschauen, hinzufühlen, zuzuhören, abzuwägen. Wenn wir wieder lernen würden, Dialoge zu führen statt Kriege mit Argumenten, nur dazu gedacht, den anderen zu schlagen, ihn mundtot zu machen, sich zu überhöhen. Weil man ja weiss. Und das absolut und unumstösslich.

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*Friedrich Nietzsche, Morgenröte 132

Roger Willemsen (1955 – 2016)

Heute vor 10 Jahre starb Roger Willemsen. Ich hebe mein Glas auf einen Menschen, der wie kein anderer über Bücher und Musik, über die Welt und das Leben sprach und schrieb. Er hat getan was Goethe einst sagte: 

«Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll.»

Er legte seine Leidenschaft für die Musik in die Zeilen und dazwischen, so dass sie auf mich übersprang, mich förmlich überflutete und ausfüllte. Ebenso mit der Literatur. Wie oft wollte ich, hörte ich ihm zu, aufspringen und das Buch suchen, das er mit so viel Begeisterung beschrieb, nein mehr: lebendig werden liess. Er redete schnell und dabei immer klar und intelligent. Es schien, er hätte so viel Begeisterung in sich, dass er fürchtete, die Zeit werde nicht reichen, sie vollumfänglich mitzuteilen. Und ja, die Zeit war zu knapp. Viel zu knapp. Er war eine Bereicherung in so vielem. Seine Stimme, seine Klarheit, seine Begeisterung, seine Leidenschaft, sein Denken, seine Differenziertheit – er fehlt.

Tagesgedanken: Über mich

„Das Geheimnis der Kunst liegt darin, dass man nicht sucht, sondern findet.“ Pablo Picasso

Was Picasso sagt, ist vielleicht nicht nur das Geheimnis der Kunst, sondern das des Lebens überhaupt. Sind wir nicht alle Suchende und Fragende? Auf mich trifft das sicher zu.

Kant formulierte mal die Grundfragen der Philosophie:

Was kann ich wissen? (Metaphysik/Erkenntnistheorie), Was soll ich tun? (Moral/Ethik), Was darf ich hoffen? (Religion) und Was ist der Mensch? (Anthropologie)

Sie trieben mich seit ich denken kann, an. Und ja, da ist noch die fünfte Frage, die mich seit Kindesbeinen beschäftigt und der ich mal mit Ablehnung, mal mit Sehnsucht, mal mit Hoffnung, und immer wieder mit neuen Gefühlen begegne:

Was kann ich glauben? (Spiritualität)

All diese Fragen stecken in meinem Leitspruch

Ich bin die Summe meiner Teile – und ein bisschen mehr.

Und um all das soll es hier gehen. Immer im Wissen, dass alles nur Versuche und Annäherungen sind. Ich empfände es als vermessen, zu denken, ich würde die abschliessende Anwort finden. Da halte ich es mit Rilke, der meinte:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten wohl nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Wer aber bin ich also? Die gewohnte Beschreibung wäre wohl: Denkerin mit abgeschlossenem Philosophie- und Germanistikstudium, Promotion in Philosophie, Yoga- und Meditationslehrerin mit buddhistischer Ermächtigung, spirituelle Sinnsucherin und Lebens-Künstlerin mit Philosophischer Praxis.

Und nun: Es gibt viel zu tun – lesen wir los!